Gefangene der Angst
Hochzeitsvorbereitung
Die Taufe des kleinen Christian drohte zum Desaster zu werden, als zwischen Christine und Erik wieder ein Streit um seine Maske entbrannte. Erik wollte jetzt unbedingt der Taufpate sein, aber er hatte panische Angst, beim Taufbecken zu stehen, mit dem Baby im Arm und dabei keine Maske tragen zu dürfen. Er traute es sich nicht zu, vor vielen Leuten zu stehen, er machte sich dabei auch Sorgen, was mit dem Baby wäre, wenn er die Nerven verlieren würde. Außerdem sei eine Taufe nicht der geeignete Rahmen, ihn der besseren Gesellschaft vorzuführen, bei allem Verständnis für Christines Wunsch, sich zu rehabilitieren - was gerade bei der besseren Gesellschaft nötig war. Christine hatte überhaupt nicht vor gehabt, die Taufe in ein Spektakel zu verwandeln, aber sie hätte schon gern viele Gäste eingeladen. Schließlich einigte man sich auf eine kleine Feier im engsten Familienkreis, im Gegenzug versprach Erik, bei dem nächsten Ball, der im Chateau stattfinden würde, einen Auftritt vorzubereiten als Magier, der auch dem Hofe des Schah von Persien würdig wäre. Raoul fand es ungehörig, Erik überhaupt seine Meinung in der Sache äußern zu lassen, aber schließlich stimmte er zu, dass eine kleine Feier im Familienkreis sehr viel angemessener war als eine große Feier mit vielen Leuten, die er großteils kaum kannte. Raoul ging es immer mehr auf die Nerven, dass er immer Rücksicht auf Erik nehmen musste. Erik hatte sich einfach bei ihm eingenistet und dachte nicht daran, wieder zu gehen und erwartete ständig, dass man auf ihn Rücksicht nahm, anstatt dass er still und dankbar war, dass er überhaupt geduldet wurde.
Aber da drohte schon die nächste Diskussion, nämlich die mit dem Priester, der, nach allem, was er inzwischen wusste, die Frage stellte, ob Erik überhaupt gläubig war, denn sonst käme er als Taufpate sowieso nicht in Frage. Erik wollte nun wissen, wie er das denn nun wieder beweisen sollte. "Es reicht, wenn Sie es mir sagen", erklärte Vater Johannes. "Und wenn ich lüge?" fragte Erik, für den das Konzept, dass ihm ein Fremder vertrauen würde, fremd war. "Das ist nicht mein Problem, das müssten Sie sich mit ihrem Gewissen ausmachen", gab der Priester pragmatisch zur Antwort. Erik warf einen Blick auf Christine, die Christian im Arm hielt und Raoul, der Marie im Arm hielt. Dann sah er zu dem Priester, der ihm gegenüber saß. Dann wieder zu den Kindern. Es war offensichtlich, dass ihm die Antwort nicht leicht fiel. Schließlich erklärte er, dass er zwar durchaus Christ sei, aber ständig extreme Zweifel habe. Der Priester freute sich über diese ehrliche Antwort und meinte, dass Zweifel ja völlig normal seien.
Die Messe war klein und kurz. Erik hatte darauf bestanden, diesmal das "Salve o Regina" selbst zu singen, einmal etwas, wo sich alle einig waren. Alle, außer Marie, die ein anderes Lied hören wollte. "Nein, Son lo spirito hat in einer Kirche nichts verloren!" widersprach Erik, "Ich sing es dir nachher vor." Christine lachte unwillkürlich, als sie dies hörte. Sie kannte Erik als alles andere als frommen Menschen, aber irgendwo hatte auch er seine Grenzen. Marie konnte das natürlich nicht wissen, sie war ein Kleinkind und verstand den Inhalt der Arie gar nicht, ebensowenig verstand sie die Taufe. Sie spielte begeistert mit den Knöpfen am Sakko ihres Vaters, bis sie einen abgerissen hatte und dann kaute sie an dem Hut ihres Vaters.
Unmittelbar nach der Taufe sprach Babette mit Christine. Christine wusste inzwischen, dass Babette sowohl Erik als auch dem Vicomte eine Ohrfeige gegeben hatte und fand das eher amüsant als ärgerlich. Babette bat sie um Entschuldigung, schließlich durfte eine Köchin ja nicht einen Vicomte ohrfeigen, aber nach einigen Erklärungen verziehen ihr der Vicomte und die Vicomtesse. "Da haben sich ja die zwei Richtigen gefunden", sagte Raoul zu seiner Frau, "Erik muss sich regelmäßig wegen irgendwelcher Sachen bei mir entschuldigen und Babette bei dir. Langweilig wird das sicher nicht."
Wenige Tage später kam Babette an den Frühstückstisch, wo der Vicomte, die Vicomtesse und das Ehepaar Martin sowie Erik saßen. "Entschuldigen Sie bitte, Madame, ich muss Sie wegen der heutigen Menüfolge fragen - ich hatte Linseneintopf und als Nachtisch Kirschkuchen geplant", sagte die Köchin mit Unschuldsmiene. Erik wurde kreidebleich, sofern das bei ihm möglich war, und ließ alles fallen, was er gerade in den Händen gehabt hatte. Er schlug beide Hände vors Gesicht und sackte in seinem Stuhl zusammen. "Was ist denn, Erik?", wandte sich Babette scheinbar unschuldig an ihn, "Ach ja, du magst ja keinen Kirschkuchen." Erik sah aus, als ob ihm gleich schlecht werden würde und sowohl Raoul als auch Christine konnten nicht anders als zu kichern. Das versprach besser als jede Komödie zu werden.
"Wer hat mich verraten?" fragte Erik. "Das tut hier gar nichts zur Sache!" platzte Babette heraus, "Viel wichtiger ist doch, dass du MICH heiraten willst, oder? Wie hast du mich genannt? Bequemes Arrangement mit Linseneintopf? Gewöhnlich aber sättigend?" "Das war doch so nicht gemeint..." versuchte Erik sich aus der Sache herauszuwinden. "Wie denn sonst?" fragte Babette. "Bitte mach mir hier keine Szene", bat Erik. "Das ist kein Argument!" widersprach Babette. "Lass uns das unter uns klären", bat Erik, dem die Sache entsetzlich peinlich war.
"Wieso denn? Wenn du mich vor ihnen als faden Linseneintopf bezeichnest, kannst du das auch vor ihnen richtig stellen!" forderte Babette. Erik warf einen flehenden Blick in Richtung Raoul und Christine, in der Hoffnung, dass einer der beiden ihm helfen und Babette in die Schranken weisen würde. Die sahen aber interessiert zu, gerade so, als erwarteten sie die Premiere einer neuen Komödie. "Fad habe ich nicht gesagt", widersprach Erik, "Ich habe gesagt, ich mag Linseneintopf mit Speck..." Weiter kam er nicht, weil Babette ihm eine Ohrfeige verpasste. "Lass es, du machst es nur noch schlimmer", warnte Raoul in plötzlicher Solidarität unter Männern. "Mit Chili, ich meinte, mit Chili..." versuchte Erik sich wieder herauszuwinden. "Ich geb dir gleich was mit Chili!" schrie Babette ihn an. Jetzt war es Erik zu viel, er packte sie am Handgelenk und zerrte sie aus dem Zimmer, schlug die Tür zu, um im Nebenzimmer den Streit weiter auszutragen. Was er jedoch in seiner Wut nicht bedacht hatte war, dass sowohl er als auch Babette kräftige Stimmen hatten und die beiden Paare im Frühstückszimmer mucksmäuschenstill zuhörten.
"Musst du mich vor allen bloßstellen?" schrie Erik Babette an. "Nicht mehr als du mich!" schrie sie zurück, "Oder glaubst du, es ist angenehm für mich, wenn ich erfahren muss, dass ich für dich nur ein fader Linseneintopf bin, ein bequemes Arrangement?" "Babette, ich... ich wollte doch nicht, dass du es erfährst...", versuchte Erik einen neuen Anlauf, der aber ganz offensichtlich in die verkehrte Richtung ging, denn Babette kam erst richtig in Wut: "Natürlich nicht, du brauchst mich ja nur, damit ich es dir bequem mache! Und versuch erst gar nicht, dich darauf auszureden, dass du ja die richtige Entscheidung getroffen hättest - wenn du mal wirklich was richtig hättest machen wollen, hättest du deine Entscheidung getroffen und geschwiegen und ganz einfach still und leise richtig GEHANDELT. Aber nein, das ist zu viel verlangt. Dir muss man ja applaudieren, wenn du mal ausnahmsweise keine Dummheiten machst und wenn du mal was richtig machst, dann machst du nicht nur eine Szene daraus sondern gleich eine ganze Oper! Wahrscheinlich willst du, dass sich die Leute täglich bei dir bedanken, weil du ihnen nicht im Schlaf die Kehle durchgeschnitten hast!" "Das geht jetzt eindeutig zu weit!" schrie Erik zurück, "Was glaubst du eigentlich, was ich mir alles bieten lasse? Jeder andere hätte dir schon sämtliche Zähne ausgeschlagen! Du blamierst mich!"
"ICH blamiere DICH? Du bist doch hier derjenige, der sich täglich aufführt wie eine überspannte Primadonna!" schrie Babette und Christine konnte ihr Lachen nicht mehr zurückhalten. Babette hatte Erik gerade mit einer überspannten Primadonna bezeichnet und Christine musste unwillkürlich an die Pariser Oper denken.
"Pah, das nimmst du sofort zurück!" forderte Erik, "Du hast überhaupt kein Recht mir irgendetwas zu sagen, du Schlampe!" Irgendetwas knallte und ging zu Bruch. Raoul beschloss, nachher das Inventar zu prüfen. "Ich denk nicht dran!" gab Babette zurück, "Und den Linseneintopf löffelst du mir aus, mein Lieber, daran erstickst du noch!" "Ach ja?" "Ja genau! Oder was würdest du dazu sagen, wenn ich jetzt da reingehe und mir das saftige Lendensteak von Dr. Martin oder das Sahneschnittchen von Vicomte vornehme?"
Dr. Martin lief rot an und erntete einen äußerst skeptischen Blick von seiner Frau. "Sahneschnittchen?" ärgerte sich der Vicomte.
"Das wagst du nicht!" donnerte Erik, seine Stimme war nun vermutlich im ganzen Chateau zu hören. "Willst du darauf wetten? Du... du... Spiegelei du!" "Wie kommst du auf Spiegelei?" fragte Erik verblüfft. "Auf der einen Seite angebrannt und auf der anderen halbroh und schlabbrig", gab Babette zurück. Irgendetwas knallte, dann ein Geräusch von umgeworfenen Möbeln, ein Schrei von Babette. "Das kann nur die Kommode gewesen sein", stellte Raoul fest, "mit den Obstschalen drauf. Sollen wir nicht eingreifen?"
"Du schamlose, impertinente Furie!" donnerte Eriks Stimme, "Du bist echt das peinlichste Weibsstück, wenn du glaubst, dass ich..." Es folgten einige Sätze, die im Zimmer leider nicht zu verstehen waren. Dann hörten sie wieder Eriks Stimme: "Na warte, du schamlose Hexe, das wirst du bereuen!" "Ich geb dir Chili, dass du daran erstickst!" konterte Babette und Raoul atmete auf, dass sie noch lebte. Dann hörten sie noch eine Türe knallen und danach war es still.
Raoul und Dr. Martin gingen nachsehen. Im Nebenzimmer und am Gang war niemand mehr. Die Kommode war umgestoßen und die Obstschalen heruntergefallen, als ob jemand - wahrscheinlich Babette - dagegen gestoßen worden wäre. Aber von den beiden war nichts zu sehen. Raoul und Dr. Martin kehrten an den Frühstückstisch zurück. "Was meinen Sie, können wir heute mit einem pünktlichen Mittagessen rechnen?" fragte Dr. Martin und bekam dafür sofort einen Tritt gegen das Schienbein von seiner Frau.
Zum Mittagessen tauchte Erik gut gelaunt auf, als wäre überhaupt nichts passiert. "Wir haben uns auf einen Termin geeinigt", berichtete er vergnügt, "Nächste Woche lerne ich ihre Kinder kennen und wir bestellen das Aufgebot und dann wird geheiratet, so schnell wie möglich." Christine starrte ihn an. "Nach der Szene heute hätte ich gedacht, dass es endgültig aus ist zwischen euch", sagte sie verwirrt. "Aber nicht doch", widersprach Erik, dessen Laune immer besser wurde, "Das war doch nur ein klitzekleines Mißverständnis unter Verlobten." "Ein Mißverständnis unter Verlobten?" der Vicomte musste lachen, "Was macht ihr dann, wenn ihr einen Ehekrach habt?"
Babette hatte tatsächlich zum Mittagessen Steak und als Beilage Linseneintopf mit einem Spiegelei auf jeder Portion vorbereitet, als Nachtisch Sahneschnitten und Kirschkuchen. Zu Christines Erstaunen war es auf einmal Erik, der einen gesunden Appetit an den Tag legte, fast so, als wollte er Babette irgendetwas damit beweisen. "Ich glaube, den Linseneintopf kannst du jetzt öfter haben", bemerkte sie mit einem vergnügten Lächeln. "Nichts dagegen einzuwenden", gab Erik zurück, "Und ich weiß auch bereits, dass du es ihr verraten hast, wie hast du zu ihr gesagt, du willst nicht, dass die unglücklich wird?" Christine wurde rot. "Es tut mir leid, Erik, aber ich musste es ihr sagen. Ich kann doch nicht zulassen, dass du die gute Frau belügst und benutzt." Erik setzte seine Unschuldsmiene auf. "Aber wann habe ich je jemand ausgenutzt?" fragte er. Christine seufzte und Raoul verdrehte die Augen.
Eine Woche danach kam ein Polizist zu Raoul und meldete, dass Kinder beim Baden in dem kleinen See im Wald eine Leiche gefunden hatten. Die Leiche hing an irgendetwas unter Wasser fest, man müsse sie aber bergen, denn es handelte sich wahrscheinlich um eine im Dorf vermisste Dienstmagd. Als Eigentümer des kleinen Sees, der zum Wald gehörte, musste Raoul mitkommen, denn vielleicht müsste man den Wasserspiegel senken, der nach einem starken Gewitter sehr hoch war. Er nahm Erik mit, denn er wusste inzwischen, dass Erik beim Bau der Oper die Idee mit dem unterirdischen See gehabt hatte. Also kannte sich Erik damit aus, wie man Wasser ableitet.
Am See waren bereits mehrere Leute, der Vater des vermissten Mädchens, zwei Knaben, die beim Baden die Leiche gesehen hatten, einige Schaulustige und mehrere Polizisten. Erik ritt um den kleinen See, während Raoul mit den Polizisten sprach. Dann hielt Erik sein Pferd neben den Polizisten und stieg ab, wobei er sich bemühte, mit dem Rücken zu den Schaulustigen und vor allem dem Vater des Mädchens zu bleiben, seinen breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen. "Wir können das Wasser nicht ableiten", sagte er, "Es gibt kein Schleusensystem, wir müssten erst eines errichten und Dampfpumpen bekommen wir hier auch nicht in den Wald." "Wir können die Leiche auch nicht da unten lassen", warf Raoul ein. "Dann sehe ich mir das an", sagte Erik. "Da unten hängt eine Leiche an irgendwas fest und Sie wollen hinuntertauchen?" fragte einer der Polizisten entsetzt. Anscheinend war niemand auch nur auf diese an sich simple Idee gekommen. "Wie soll ich das denn sonst machen?" fragte Erik, "Bitte schaffen Sie mir die Leute da weg. Wenn nur noch Polizisten da sind, fange ich an."
Die Polizisten sagten den Leuten, dass sie etwas weiter weg auf einer kleinen Lichtung warten müssten. Raoul wandte sich an Erik: "Warum sollen die Leute nicht zusehen?" "Weil ich nicht will, dass man mich neben einer Leiche sieht, der Anblick ist einfach zu makaber, für den Vater des vermissten Mädchens wäre das unerträglich", antwortete Erik, dann legte er seinen Hut und das Jackett ab, zog Reitstiefel und Strümpfe aus und ging zu dem kleinen hölzernen Steg. Er setzte sich hin und glitt aus dem Sitzen beinahe lautlos ins Wasser, dann tauchte er. Raoul hielt unwillkürlich den Atem an. Als er ausatmete, weil er nicht mehr konnte, tauchte Eriks Kopf wieder auf. "Sie hängt an einem Seil, das ist an irgendetwas schwerem fest. Ich kann nicht hin, da sind zu viele Pflanzen und Schlamm. Sie ist in etwa vier Meter Tiefe. Ich glaube, wenn ich das Seil durchschneide, kann ich sie herausholen", berichtete er und einer der Polizisten, der anscheinend den höchsten Rang hatte, wollte wissen, ob man die Tote nicht an einem Seil hochziehen könnte. "Ich habe keine Ahnung an was sie hängt. Es ist schneller, wenn ich das Seil durchschneide." "Dann versuchen Sie das", entschied der Polizist und schickte gleichzeitig einen seiner Hilfspolizisten, um Dr. Martin zu holen, damit ein Arzt die Totenbeschau machen könnte.
Erik tauchte wieder ab. Die Arbeit erwies sich als schwierig, da ihm das Kleid der Leiche und die Wasserpflanzen im Weg waren, außerdem musste er die Luft anhalten, das hieß für ihn, Luft holen, tauchen, am Seil herumschneiden, wieder auftauchen, Luft holen, wieder hinunter, so lange, bis es einen Ruck gab und das Seil an einer Stelle auseinander war. Die Leiche trieb ganz von alleine langsam an die Oberfläche.
Für die Polizisten und Raoul bot sich ein fürchterlicher Anblick. Zuerst sahen sie, dass sich im grünlichen Wasser etwas helles bewegte, dann tauchte direkt daneben Eriks entstelltes Gesicht auf, Erik schnappte nach Luft und schwamm zum Steg, um sich daran festzuhalten, bis er wieder normal atmen konnte. Währenddessen glitt die Tote langsam an die Oberfläche, mit dem Rücken nach oben, Arme, Beine und Kopf hingen nach unten ins Wasser. Erik schnappte die Leiche am Stoff des Kleides und bugsierte sie zu dem kleinen Steg, wo zwei Polizisten sie herauszogen. Die beiden Polizisten waren regelrecht grün im Gesicht und starrten Erik an. Es war, als würde der Tod höchstpersönlich die Leiche abliefern. Erik zog sich aus dem Wasser und ging zu der Leiche hin. Erik neben der Wasserleiche - ein fürchterlicher Anblick, denn blutleer und weiß, mit Wasserpflanzen im Haar und im Kleid, sah die Wasserleiche immer noch besser aus als Erik, der sie kurz ansah, sich dann abwandte, seine Sachen nahm und sich in den Wald zurückzog, um nicht mehr gesehen zu werden. Da sein Pferd aber noch da war, würde er wohl in der Nähe bleiben.
Nun musste der Vater des Mädchens kommen, um sie zu identifizieren. Seine erste Reaktion war: "Nein, das ist sie nicht. Das ist nicht meine Tochter." Erst als Dr. Martin eintraf, die Leiche genauer ansah und ein aus bunter Wolle geknüpftes Armband an ihrem Handgelenk fand, erkannte der Vater das Mädchen. Die Polizisten führten den weinenden Mann fort. "Vermutlich Selbstmord", meinte der höchstrangige Polizist, "Sie wird sich einen Stein an den Bauch gebunden haben und dann in den See gesprungen sein." Dr. Martin stimmte zu, dass er keine Verletzungen finden konnte und keine Fesselungsspuren außer dem Seil um den Bauch und das war auf der Vorderseite verknotet. "Todesursache: Selbstmord durch Ertrinken", sagte er.
Erst als die Polizisten und die Schaulustigen fort waren, kam Erik aus seinem Versteck im Gebüsch hervor. Er war durchnässt und zitterte vor Kälte. "Armes Mädchen", sagte er. Eine Weile ritten Raoul und Erik schweigend nebeneinander. Dann sagte Erik düster: "Sie wird kein richtiges Begräbnis bekommen, nicht wahr? Ein Grab außerhalb des Friedhofs, kein Requiem." "Es ist traurig", bestätigte Raoul. "Aber ich könnte mein Requiem für sie singen, wenn der Vater es erlaubt", fuhr Erik fort und Raoul war nicht sicher, ob er angesprochen war oder Erik ein Selbstgespräch führte. "Ich würde das gern tun. Könntest du mit dem Vater und dem Priester sprechen? Ich könnte es nicht ertragen, wenn er mir ins Gesicht sehen müsste."
Raoul erzählte Christine am Abend von dem Vorfall. Christine war sofort begeistert von der Idee, dass Erik sein Requiem singen würde, sie fand, dass die Familie des toten Mädchens nun dringend Trost brauchten. Also fuhren sie schon am nächsten Tag mit einer leichten Kutsche in das Dorf, um mit der trauernden Familie zu sprechen. Christine hatte darauf bestanden, der Familie zu helfen, zumindest einen kleinen Geldbetrag mitzubringen, nicht zu viel, um sie nicht zu beschämen, aber doch so viel, dass zumindest die Kosten des Begräbnisses gedeckt waren. Der Vater bedankte sich bei Raoul, dass er zumindest sein Kind begraben konnte. Für ihn war das der einzige Trost, dass sein Kind nicht auf dem Grund des Sees im Wald verrotten musste. "Es gibt jemand, der ein Requiem für sie singen würde", sagte Raoul vorsichtig. "Das können wir uns leider nicht leisten", widersprach der Vater. "Nein, das kostet Sie gar nichts", sagte Christine, "Der Mann, der Ihre Tochter aus dem Wasser geholt hat, er... er möchte das Requiem singen." "Der?" fragte der Mann erstaunt, "Der aussieht wie etwas, das man zu begraben vergessen hat?" Anscheinend wusste er ganz genau, wer Erik war und wie er aussah. Natürlich, nachdem Erik sich zeigen musste, hatten ihn alle gesehen. "Ja, wenn Sie es erlauben", sagte Christine, die wieder Mitleid mit Erik hatte, der diesmal wirklich nur helfen wollte. Die Familie besprach sich untereinander und schließlich übernahm der älteste Sohn das Reden: "Ja, wenn das Requiem unmittelbar nach der Beerdigung in der Kirche stattfindet."
Also mussten sie mit dem Priester sprechen. Der zeigte sich eher aufgeschlossen und bedauerte sehr, dass er das Begräbnis nicht machen konnte, aber er musste sich an die Vorschriften halten. Er stimmte aber zu, dass in der Kirche ein Requiem gesungen wurde, unabhängig von irgendeinem Begräbnis und wenn die Eltern der unglücklichen Verstorbenen zufälligerweise das Begräbnis am selben Tag abhalten sollten, dann würde er deswegen die Aufführung des Requiem nicht verschieben. Mit dieser Information kamen Raoul und Christine ins Chateau.
Sie fanden heraus, dass Erik sich nicht an die Regelung, ihre Kinder nur unter Aufsicht zu sehen, hielt sondern im Moment mit beiden im Garten war und Marie beibrachte, wie man gezielt auf Blumen spuckt. Er lag auf dem Bauch, Marie neben ihm, und spuckte auf eine Blume, die er sich als Ziel ausgesucht hatte. Marie spuckte irgendwohin. Ihr Kleidchen war voll mit Speichel und Saft aus ihrem Fläschchen. Anscheinend lief das Spiel schon seit einiger Zeit. Dann lachte sie und klatschte. Der kleine Christian lag in seinem Körbchen daneben und sah fasziniert zu.
"Erik!" rief Raoul wütend, "Wie war das mit den Besuchen?" Erik sprang auf und sah schuldbewusst zu Boden. "Entschuldige bitte, ich... ich wollte ja gar nicht, aber Yvonne war zufällig mit ihnen im Garten und ich war auch zufällig im Garten... Wenn Marie auf mich zuläuft, kann ich doch nicht weglaufen, das würde sie nicht verstehen", verteidigte er sich. "Und wo ist Yvonne jetzt?" fragte Christine. "Auch Kindermädchen müssen sich mal frischmachen", erklärte Erik, "Und da hab ich halt... auf die zwei aufgepasst." "Aufgepasst? Du bringst Marie bei zu spucken!" schimpfte Christine empört, "Marie ist eine Vicomtesse!" Erik sah verlegen zu Marie. Marie lief zu ihrer Mutter und sagte: "Mama böse? Mama nicht böse?" Dann begann sie zu weinen. Christine nahm ihre Tochter auf den Arm und tröstete sie, dass sie ja nicht auf sie böse wäre. Raoul zischte Erik zu: "Das ist genau der Grund, warum du sie nicht ohne Aufsicht sehen darfst! Du hast nichts als Unsinn im Kopf und den bringst du MEINEN Kindern nicht bei! Hast du mich verstanden?" Erik sah schuldbewusst zu Boden und nickte. Im Moment sah er aus wie ein kleiner Junge, der vom Lehrer zurechtgewiesen wird. "Ich bitte um Verzeihung", murmelte Erik verlegen, "Es ist so, ich... als ich Yvonne mit den Kindern im Garten gesehen habe, bin ich zu ihnen gegangen, ich... nachdem ich das tote Mädchen aus dem Wasser gezogen habe, musste ich Marie und Christian sehen. Ich musste sie lebendig und glücklich sehen. Dann... Marie findet Blumenpflücken und Sträußchen daraus flechten langweilig aber Zielspucken findet sie lustig." Jetzt platzte Christine der Kragen: "Erik, wie alt bist du eigentlich? Zwei? Drei? Du kannst doch nicht einem Kleinkind die Entscheidung überlassen, was es tun will. Also zumindest so viel Vernunft hätte ich dir zugetraut!" In dem Moment kam Yvonne zurück und übernahm wieder die Kinder.
"Was ist mit dem Requiem?" fragte Erik, um das Thema zu wechseln. Raoul berichtete von den beiden Gesprächen und schlug vor, dass Erik selbst in der Kirche mit dem Priester reden sollte. Erik nickte wortlos. Für Christine war der Themenwechsel zu rasch gegangen, sie hatte noch etwas zu sagen: "Erik, du wirst nie wieder, hörst du, nie wieder, meinen Kindern Flausen in den Kopf setzen. Du wirst nie wieder ohne Aufsicht mit ihnen zusammen sein, hast du das verstanden? Wenn ich dich nur einmal erwische, dann werfen wir dich raus!" "Aber..." begann Erik. "Nichts aber!" sagte Raoul streng, "Du hast dich nach uns zu richten. Wenn du das nicht tust, nimm deine Sachen und verschwinde auf Nimmerwiedersehen." Erik schluckte und versuchte, nicht in Tränen auszubrechen. "Ich... ich werde mich bemühen", versprach er, "Aber wenn ich wirklich zufällig mit ihnen zusammentreffe - ich kann ja nicht vor den Kindern weglaufen, das verstehen sie nicht." "Dann begrüßt du sie kurz und gehst wieder. Du bleibst nicht eine Minute mit ihnen allein, versprichst du mir das?" beharrte Christine. Erik nickte. Dann fragte er zaghaft, wie er das wieder gut machen könnte. "Ich lass mir was einfallen", brummte Raoul.
Tatsächlich ritt Erik ein paar Tage später ins Dorf, um den Priester zu sprechen. Diesmal war es leichter für ihn, da er spät abends unterwegs war, zu einer Zeit, wo die meisten schon zu Hause waren. Der Priester war über den späten Besucher nicht erfreut, bat ihn aber in sein Besprechungszimmer im Pfarrhaus, das neben der Kirche stand. "Was kann ich für dich tun, mein Sohn?" begann der Priester in salbungsvollem Ton. Erik schmunzelte, er fand es lustig, von dem etwas jüngeren Mann als "Sohn" bezeichnet zu werden. "Mehrere Dinge. Einerseits geht es um meine Hochzeit mit Babette, andererseits um das Requiem, das ich gern singen würde, und dann natürlich würde ich auch gern den Vater meiner Tochter kennen lernen." Der Priester starrte Erik mit offenem Mund an, dann sagte er: "Sie hat es dir gesagt, nicht wahr? Hat sie auch gesagt, dass ich damals die Gelübde noch gar nicht abgelegt hatte?" "Das ist völlig irrelevant", gab Erik zurück, "Ich werde Babette heiraten und ihre Kinder anerkennen, egal von wem sie sind."
Nun, da die Fronten aus Eriks Sicht geklärt waren, war er bereit, sich auf ein ernsthaftes Gespräch mit dem Priester einzulassen. "Gut, beginnen wir mit dem Requiem", begann Vater Johannes, "Würdest du mir einen Teil davon vorsingen? Nur, damit ich mir ein Bild machen kann?" "Natürlich, gern."
Gemeinsam gingen sie in die Kirche. Erik zog den Blasebalg auf, dann meinte er: "Das reicht leider nicht einmal für eine Sequenz, ich werde also zwischendurch immer wieder abbrechen müssen um das Windwerk wieder aufzuziehen. Außerdem muss ich die Pfeifen noch stimmen, aber das ist die Arbeit für ein oder zwei Tage." "Du kannst die Orgel stimmen? Das ist wunderbar. Ich... ich spiele selbst gern und mir ist schon aufgefallen, dass etwas nicht stimmt, aber stimmen kann ich die Orgel nicht." "Du spielst selbst?" fragte Erik erstaunt. Er hatte nicht damit gerechnet, einen Priester zu finden, der selbst Orgel spielen konnte. "O ja", sagte Vater Johannes sehnsüchtig, "Leider gibt es hier wenige Menschen, die etwas von Musik verstehen."
"Ich habe mal einen Apparat gebaut, der den Blasebalg aufzieht, das hat über ein kleines Wasserrad und eine Pleuelstange funktioniert. Aber das geht hier leider nicht und eine Dampfmaschine wäre zu laut. Vielleicht geht irgendetwas mit Elektrizität, aber hier in der Gegend gibt es keine. Ich weiß auch nicht..." seufzte Erik, "Aber vielleicht könntest du das Gebläse bedienen?" "Gern"
Der Priester war mehr als erstaunt, als Erik das "Dies irae" sang. Es klang anders als alle Requiemkompositionen, die er je gehört hatte, aber es klang beinahe... passender. Dies irae bedeutet Tag des Zorns und genau das drückte dieses Requiem aus. Als Erik geendet hatte, war Vater Johannes schweißgebadet von der Anstrengung, den Blasebalg aufzuziehen. "Das war... großartig", sagte Vater Johannes, "Das ist einfach großartig. Ich kann es nicht erwarten, das ganze Requiem zu hören! Du singst das großartig und mit einer Inbrunst, so etwas habe ich noch nie gehört."
"Könnte ich vielleicht ein Glas Wasser haben?" bat Erik. Also gingen beide zurück zum Pfarrhaus. "Wegen der Hochzeit..." begann der Priester "Babette war schon wegen der Brautbeichte bei mir, du solltest auch beichten, bevor du das Sakrament empfängst." Erik verzog das Gesicht: "Muss das unbedingt sein?" "Ja, muss es, es gehört dazu", beharrte der Priester. "Gut, bringen wir es gleich hinter uns", entschied Erik, "Aber ich muss dich warnen, ich habe keine Ahnung, wie so eine Beichte abläuft." "Hast du noch nie gebeichtet?" "Schon, aber das ist so lang her, ich kann mich kaum noch erinnern."
Da Erik nicht wieder über den Kirchenplatz gehen wollte, entschieden sie, dass die Beichte auch im Sprechzimmer der Pfarrkanzlei stattfinden konnte. Erik weigerte sich, alle seine Sünden einzeln aufzuzählen, weil er sich gar nicht an alle erinnern konnte und der Priester schlug vor, er würde einfach die Gebote aufzählen und Erik sollte sagen, ob er dagegen verstoßen hätte oder nicht. So würde es für ihn leichter und wenn er das Bedürfnis hätte, eine detaillierte Beichte abzulegen, könnte er das ja jederzeit nachholen.
Der Priester begann: "1. Gebot?" "Was war das doch gleich?" fragte Erik zurück. "Götzenverehrung." "Nein, das habe ich nicht getan."
"2. Gebot, den Namen Gottes missbrauchen", diesmal sagte der Priester gleich dazu, worum es ging, denn er nahm an, dass Erik keine Ahnung hatte. Erik überlegte. "Naja... kommt drauf an... eher nein." "Was heißt eher nein?" "Dass ich zumindest nicht in böser Absicht irgendwas gesagt habe. Aber ich habe ja keine Ahnung, ob mir nicht mal was rausgerutscht ist, was ich eigentlich nicht sagen darf", gab Erik zu. Er hatte sein Leben lang eigentlich gar nie darüber nachgedacht.
"3. Gebot, den Feiertag heiligen?" Erik lachte leise. "Frag mich lieber, wann ich ausnahmsweise mal einen Feiertag geheiligt habe, ist leichter zu beantworten." "Das ist nicht witzig, das ist eine sehr ernste Sache", tadelte Vater Johannes. Erik nahm das hin, auch wenn er selbst keineswegs den nötigen Ernst empfand.
"4. Gebot, Vater und Mutter zu ehren?" "Ich habe sie gehasst", antwortete Erik, "Sie haben mich gehasst und ich sie. Ich kann niemand ehren, der nur Grauen empfindet, wenn er mich sieht. Auch wenn es meine Eltern waren. Ich habe meinen Eltern verziehen, weil ich weiß, was sie wegen mir gelitten haben, aber... nein, geehrt habe ich sie nie." Nun stand der Priester vor einer Gewissensfrage: Konnte er Erik deswegen verurteilen? Konnte man von einem Kind, das von seinen Eltern gehasst wird, tatsächlich verlangen, dass es diesen Ehrerbietung erbringt?
"5. Gebot: Niemand töten?" Erik sah aus, als hätte er gerade eine Ohrfeige bekommen. "Autsch. Das ist ein wunder Punkt bei mir. Leider habe ich Menschen getötet. Manchmal in Notwehr, manchmal aus... anderen Gründen. Manchmal einfach nur zum Spaß, zur Belustigung für mich und andere." Vater Johannes starrte Erik an. So eine Beichte hatte er noch nie gehört. Er hatte zwar schon Mördern die Beichte abgenommen, aber nie so etwas furchtbares gehört, vor allem nicht in einem beinahe belustigten Tonfall. "Wie viele?" fragte er. Zum Entsetzen des Priesters lachte Erik leise. "Das wüsste ich selbst gern. Ich habe keine Ahnung. Mehr als hundert sicher, aber hoffentlich weniger als... ich will jetzt nicht lügen... Ich habe keine Ahnung. Ich habe Apparate gebaut, die von ganz allein töten können, die halten auch nicht ewig aber wie viele Menschen darin gestorben sind, nachdem ich das Land schon lang verlassen hatte... ich weiß es wirklich nicht. Tut mir leid."
"Bereust du diese Morde?" fragte Vater Johannes und versuchte das Zittern in seiner Stimme unter Kontrolle zu bringen. "Nicht alle", gab Erik zu, "Aber die meisten."
Vater Johannes musste eine Pause einlegen, um sich wieder zu fassen. Vor ihm saß der schlimmste Mörder, den er je gesehen hatte, der aussah wie ein Monster und mit der Stimme eines Engels eine unvorstellbare Anzahl an Morden gestand. Das war zu viel für einen einfachen Landpfarrer.
Nach der kurzen Pause nahm Vater Johannes wieder Platz am Tisch Erik gegenüber und fragte weiter: "6. Gebot, Ehebruch?" Erik sah beinahe zufrieden drein, als er antwortete: "Nein, niemals. Endlich mal etwas, was ich nie getan habe."
"7. Gebot, Stehlen?" "O ja", sagte Erik und wirkte dabei eher selbstzufrieden als reuig, "Massenhaft, ständig und mit großer Begeisterung." Vater Johannes wurde es zu viel: "Das ist eine ernsthafte Sünde, das darfst du nicht auf die leichte Schulter nehmen! Also, wie oft, wie viel?" Erik zuckte hilflos mit den Schultern. "Keine Ahnung. Ich habe leider die schlechte Angewohnheit, mir vieles zu nehmen, was mir gefällt. Aber ich habe wirklich keine Ahnung, wieviel die Sachen wert waren oder sind. Allein in der Oper habe ich für fünf Jahre 20.000 Franc pro Monat bekommen." Die Augen des Priesters wurden immer größer. "Das ist mehr als doppelt so viel wie ein Angestellter im Jahr verdient - und das im Monat!" Erik zuckte die Schultern und grinste verlegen. "Wofür gibt man so viel Geld aus?" fragte der Priester verblüfft. "Luxus und Bestechungsgelder", antwortete Erik ruhig. "Aber das bereust du wenigstens?" fragte der Priester. "Ganz ehrlich? Nein, bereue ich nicht", gab Erik zu, "Was ich bereue ist, dass ich dem Vicomte, der doch sehr großzügig zu mir war, Zigaretten, Wein und Cognac gestohlen habe, außerdem eine Feder, Papier und Tinte sowie ein paar Bleistifte. Das tut mir wirklich leid." "Du bereust den Diebstahl eines Bleistiftes, aber 20.000 Franc nicht?" fragte Vater Johannes erstaunt. Irgendwie hatte er das Gefühl, diesem Erik keinesfalls eine Absolution erteilen zu dürfen, da er nicht einmal bereute. Erik nickte.
"8. Gebot, Verleumdung?" Erik überlegte. "Also... ja, schon. Leider." "Heißt dieses LEIDER, dass du das bereust?" "Ja, das tut mir leid."
"9. Gebot und 10. Gebot - Begehren, was einem anderen gehört?" "Ununterbrochen, ständig. Ich beneide ständig irgendjemand um irgendetwas. Leider führt das manchmal zu... unschönen Dingen... Und nein, hier kann ich meistens nicht mal Reue empfinden."
"Dir ist schon klar, dass du ohne Reue keine Absolution bekommen kannst?" fragte Vater Johannes. "Selbstverständlich, aber hätte ich lügen sollen und sagen, ich bereue etwas, was ich gar nicht bereue?" Vater Johannes seufzte. "Das ist leider allgemein üblich. Viele heucheln Reue, wo keine ist. Aber ich habe noch nie jemand mit so schweren und so vielen Sünden gehört. Ich... wenn ich dich zur Buße Rosenkränze beten lasse, bist du für die nächsten zehn Jahre beschäftigt. Vielleicht... also gut, wir machen das so, ich erteile dir die Absolution hinsichtlich jener Sünden, die du bereust und wegen der anderen kommst du wieder, wenn du dein Unrecht eingesehen hast." Diese pragmatische Lösung gefiel Erik.
"Ich verstehe, warum du Babette damals gefallen hast", sagte er plötzlich und der Priester war sprachlos. Damit hatte er nun wieder gar nicht gerechnet. Da saß dieser Mann vor ihm, der wirklich einiges auf dem Kerbholz hatte, dabei nicht einmal Reue bekennen konnte, und drehte den Spieß um und machte ihm ein schlechtes Gewissen. "Formalität erledigt?" fragte Erik. "Du nimmst das überhaupt nicht ernst", schrie Vater Johannes ihn an, "Das ist eine ernste Angelegenheit, glaub ja nicht, dass du dir daraus einen Spaß machen kannst! Mir könnte es ja völlig egal sein, aber du setzt da dein Seelenheil aufs Spiel. Verstehst du überhaupt, was das bedeutet? Ist dir eigentlich klar, dass du Verbrechen begangen hast und dich dafür verantworten musst, vielleicht nicht vor einem irdischen Gericht, aber vor dem himmlischen?" Erik war sofort wieder ernst. "Tut mir leid, manchmal reagiere ich völlig unangemessen. Ich weiß, dass ich ein Scheusal bin, so verdorben, dass ich es nicht einmal schaffe, meine Verbrechen tatsächlich alle zu bereuen. Die meisten bereue ich ja, aber bei vielen kann ich das nicht und ich werde nicht eine weitere Sünde dazusetzen und Reue heucheln wo ich keine empfinden kann. Ich kann nicht einmal versprechen, in Zukunft keine Verbrechen mehr zu begehen, dieses Versprechen habe ich schon einmal gegeben und nicht eingehalten. Wenn du damit nicht umgehen kannst, dann sag es mir, weil ich dann einen anderen Priester suchen muss."
Vater Johannes überlegte eine Weile, dann sagte er: "Gut, dann nehme ich dich als meine persönliche Prüfung an. Ich werde dir die Absolution erteilen, zumindest hinsichtlich der Verbrechen, die du wirklich bereust. Als Buße... als Buße komponierst du eine Messe." Eriks Gesicht hellte sich auf, er strahlte regelrecht: "Darf ich die Orgel benutzen?" "Wenn du sie vorher stimmst, ja." "In Ordnung, bis wann soll die Messe fertig sein? Ich habe schon ein Requiem und eine Hochzeitsmesse komponiert, was soll es werden? Weihnachten? Karfreitag? Ostern? Pfingsten? Taufe? Ein Oratorium? Muss ich vor der Hochzeit fertig sein oder kann es auch später werden?" "Fang mal mit dem Stimmen der Orgel an. Gleich morgen. Dann sehen wir weiter."
"O ja, mit dem allergrößten Vergnügen!" stimmte Erik sichtlich erfreut zu. Endlich einmal wieder eine sinnvolle Aufgabe, der er sich widmen konnte. "Dann bestelle ich an den kommenden drei Sonntagen das Aufgebot und in vier Wochen können Babette und du heiraten. Und bis dahin erwarte ich, dass du zumindest in dich gehst und dir nochmal ganz genau überlegst, was du jetzt bereust und was nicht." Der Priester schüttelte den Kopf. Wie sollte er damit umgehen? Da war ein Mann, der entsetzliche Verbrechen gestanden hatte und zugab, nicht einmal alle zu bereuen und trotzdem in der Lage war, ein Requiem zu komponieren und zu singen, dass man glauben konnte, ein Engel hätte es ihm eingegeben. Ein Mann, der sich wegen jahrelanger Erpressung um exorbitante Summen keine Gedanken machte aber den Diebstahl eines Bleistifts bereute. Ein Mann, der über hundert Mal Blut vergossen hatte und den Eltern einer Selbstmörderin Trost spenden wollte. Ein schwieriger Fall, aber zumindest kein vollkommen hoffnungsloser.
Es war ein heißer Freitag, als die Beerdigung der unglücklichen Selbstmöderin stattfand. Die allgemeine Neugier hatte gesiegt und zu dieser Beerdigung kamen mehr Trauergäste als zu den letzten Beerdigungen zusammen. Sogar Vater Johannes ging zu der Beerdigung, er behauptete zwar, nur zufällig Blumen am Friedhof arrangieren zu wollen, aber bei der Gelegenheit könne er ja ein Gebet für die arme Seele sprechen, das sei nicht verboten. Sogar der Vicomte und seine Frau erschienen bei der Beerdigung, auch, um der trauernden Familie zu kondolieren.
Dann öffnete Vater Johannes die Kirchentüre und bat die Leute herein, um eine neue Requiemkomposition zu hören. Erik war bereits oben auf der Empore bei der Orgel und gab den vier Kalkanten, das sind die Männer, die das Windwerk bedienen mussten, Instruktionen. Als in der Kirche gespannte Ruhe eintrat, griff er in die Tasten und begann mit dem Vorspiel. Das gesamte Requiem ohne Noten oder Text völlig auswendig zu spielen, war für Erik kein Problem, er hatte es schon so oft gesungen und gespielt, er konnte es auswendig. Das Requiem war sehr viel kürzer als beispielsweise Mozarts Requiem, es hatte eine Dauer von etwa zwanzig Minuten. Als er geendet hatte, herrschte atemlose Stille in der Kirche. Die Menschen konnten nicht begreifen, was sie da eben gehört hatten. Ein Requiem, gesungen von einer Engelsstimme, das beim "Dies irae" einen Engel mit flammendem Schwert vor ihren Augen heraufbeschwor, das sie sich ducken ließ vor Angst vor dem Zorn und der Strafe, die völlige Verzweiflung und Reue des Sünders über seine Verbrechen, bis hin zu dem sanften Ausklang des "Requiem aeternam", das so wunderbar tröstend war, als ob die Seele soeben aus den Flammen der Hölle gerettet und in den Himmel gekommen war, unendlich dankbar für die Rettung.
Schließlich verießen die Menschen nacheinander die Kirche. Erik blieb versteckt auf der Empore. Er saß zusammengesunken auf der Organistenbank und versuchte, sich wieder zu beruhigen. Das Requiem hatte ihm physisch und vor allem psychisch alles abverlangt und nun war er schweißgebadet und erschöpft, ihm war übel und schwindelig. Er befürchtete, wenn er nun aufstehen würde, würde er die Treppe hinunterfallen.
"Erik?" hörte er Babettes Stimme, dann fühlte er ihre Hand auf seiner Schulter. Erik schüttelte den Kopf und versuchte, den Schwindel zu vertreiben, dann sah er Babette an und lächelte müde. Babette hatte einen Korb in der Hand, darin eine Flasche mit Wasser, die sie nun Erik reichte. Erik nahm die Flasche und trank gierig. Das lauwarme Wasser half gegen den Schwindel und die Erschöpfung zumindest so weit, dass er sich zutraute, die Treppe hinunterzugehen. "Der Vicomte wartet unten mit der Kutsche", sagte Babette sanft. Sie hatte immer noch ihre Hand auf Eriks Schulter, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Erik nickte. "Danke", sagte er leise, "Sind die Leute weg?" "Das weiß ich nicht, aber du musst es versuchen", antwortete Babette. "Ich kann nicht. Ich bin so müde, ich fürchte, dass ich bald zusammenbrechen werde. Ich habe Angst, dass sie mich zerreißen, wenn ich vor ihnen zusammenbreche." Babette grinste und schlug die Decke von ihrem Korb zurück, in dem sie auch ihre große Bratpfanne und ein Tranchiermesser hatte. "Da müssen sie erst an mir vorbei", versprach sie entschlossen.
Erik ging vorsichtig die Treppe hinunter, hielt sich am Geländer fest, da vor seinen Augen die Stufen zu schwanken schienen und er teilweise doppelt sah. Dann nahm er Babettes Hand und trat aus der Kirche. Dort standen alle, das ganze Dorf, die ganze Beerdigungsgesellschaft. Die Kutsche wartete in wenigen Metern Entfernung, aber näher konnte die Kutsche nicht an die Kirche heran. Diese Meter musste er durch die Menschenmenge gehen. Mit der rechten Hand hielt er Babettes Hand, mit der linken griff er in seine Tasche nach seinem Lasso, obwohl er wusste, dass er in dieser Situation absolut keine Chance hatte.
In dem Moment trat eine gebeugte alte Frau mit einem schwarzen Kopftuch auf Erik zu. Sie sah zu ihm auf und sagte leise: "Danke, dass Sie für mein armes Mädchen das Requiem gesungen haben." Der Frau versagte die Stimme und sie brach in Tränen aus. Erik brachte nur ein Nicken zustande. Dann ging er vorsichtig zu der Kutsche, wobei er strikt darauf achtete, sich geschmeidig und ruhig zu bewegen. Keine Flucht, keine ruckartigen Bewegungen, nichts, was eine Menschenmenge beunruhigen und in einen gewalttätigen Mob verwandeln konnte. Raoul öffnete für ihn die Kutschentür, Erik und Babette stiegen ein und die Kutsche fuhr los. Erik schloss die Augen und ließ sich in seinem Sitz zurückfallen, lehnte den Kopf zurück und plötzlich hörte er nichts mehr, sah nichts mehr und nahm nur noch wage das Schwanken der Kutsche wahr. Er kam erst wieder in seinem Bett zu sich und das Erste, was er sah, war Babette, die neben ihm saß und ihm ein Glas Wasser reichte.
Nicht lange danach bat Babette den Vicomte um einen freien Tag, sie wollte ihren Kindern ihren Mann vorstellen. Raoul hatte nichts dagegen einzuwenden. Ihn verwunderte nur Eriks plötzliche Begeisterung für die Kirche - Erik verschwand nach dem Frühstück, meist samt Pferd und Hunden, und kam erst spät abends zurück, meist mit Staub und Spinnweben bedeckt, als wäre er irgendwo herumgekrochen. Tagsüber war ständig etwas von der Orgel zu hören und das war eindeutig Erik. Die Hunde lungerten derweil im Pfarrgarten herum. Andererseits war es wirklich angenehm, nicht ununterbrochen Angst haben zu müssen, was Erik jetzt wieder für Unsinn einfallen würde.
Babette hatte an einem wunderschönen Montag Nachmittag im Frühherbst das Treffen mit ihren Kindern angesetzt. Sie trafen sich im Wirtshaus, denn das wurde vom Mann ihrer ältesten Tochter geführt und Montag war Ruhetag. So hatten sie ausreichend Platz und waren unter sich.
Erik war mehr als aufgeregt, die Leute kennen zu lernen, die demnächst als seine Kinder gelten sollten. Als er in die Gaststube eintrat, saßen die fünf bereits an einem Tisch, zwei Stühle waren noch frei. Erik drehte um und wollte wieder gehen, aber Babette erwischte ihn am Arm und hielt ihn fest. "Du bleibst mir schön hier, mein Lieber!" sagte sie in einem Tonfall, der keine Widerworte duldete. Dann schob sie ihn zu dem Tisch und sagte: "Setz dich!" Und sofort setzten sich die drei Hunde. Erik verzog das Gesicht zu einem verlegenen Grinsen, das aussah, als würde er die Zähne fletschen, aber er setzte sich.
"Also, dann stelle ich vor", begann Babette, "Das ist mein Ältester, Alain. Sein Vater war Schmied und er ist Hofschmied im Gestüt, ist verheiratet und hat eine Tochter." Alain war ein gedrungener, enorm muskulöser Mann mit dunklen Haaren und dunklen Augen. "Das ist Cecile, meine Älteste, sie hat den Wirt geheiratet und sie haben zwei Söhne." Cecile sah ihrer Mutter ähnlich, sie war auch sehr rundlich. "Das ist Leonie, sie ist die Tochter von Vater Johannes und mit einem Stallburschen verheiratet, bekommt demnächst ein Kind und arbeitet als Näherin im Chateau." Leonie war schlank, groß und rothaarig. "Das ist Heloise, meine jüngste. Sie arbeitet als Wäscherin und Näherin im Chateau." Heloise war klein und rundlich, mit braunen Haaren und grünen Augen. "Und mein Jüngster: Hector. Er ist Hilfsgärtner im Chateau." Hector war klein und dunkelhäutig, mit pechschwarzen Haaren und Augen. "Lass mich raten - sein Vater war ein durchreisender Zigeuner?" fragte Erik und Babette nickte.
Nach der Vorstellungsrunde herrschte eisiges Schweigen, bis die Wirtin aufstand und einen Krug mit mit Wasser verdünntem Wein und tönerne Becher auf den Tisch stellte. Erik war froh um das Wasser, denn der Wein war fast nicht zu trinken, so sauer war dieser. Außer zu einem Salat würde dieser Wein wohl zu gar nichts passen.
Erik sah auf die Uhr. Zehn Minuten hatten sie geschweigen. Wenn jetzt nicht irgendjemand etwas sagte, würden sie wohl nie weiterkommen. In dem Moment sagte Babette: "Gutes Gespräch, Kinder. Jetzt redet doch nicht alle durcheinander." Erik musste grinsen und Heloise sah verzweifelt auf ihren Becher, um nur ja nicht ihn ansehen zu müssen. Cecile hingegen starrte Erik geradezu herausfordernd an.
"Ich weiß, dass es schwer für Sie ist, mich als Vater zu akzeptieren", begann Erik, der sich dabei albern vorkam. Jetzt sollte er von heute auf morgen die Rolle eines Familienvaters annehmen, obwohl er überhaupt keine Ahnung davon hatte. "Sie brauchen auch keine Angst um Ihre Mutter zu haben, ich bin nicht so schlimm wie ich aussehe." Erik musste lächeln, als er das sagte, denn ihm war nur allzu bewusst, dass das gelogen war. Alain antwortete: "Aber nein, das ist es nicht. Wir fragen uns nur, ob Sie wissen, worauf Sie sich da einlassen."
Erik verschluckte sich am Wein und musste husten. "Was?" fragte er völlig verblüfft und starrte Alain an. "Unsere Mutter hat Sie als feinsinnigen Künstler beschrieben, als gebildeten, kultivierten Ehrenmann, wir haben das Requiem gehört, da fragen wir uns doch, ob Sie wissen, worauf Sie sich einlassen?" antwortete Alain. Erik vergaß den Mund zu schließen und versuchte, das soeben Gehörte irgendwie in einen sinnvollen Gedanken zu ordnen. Es gelang ihm nicht, denn es ergab überhaupt keinen Sinn. "Ihr spielt mir einen Streich", sagte er, "und ich finde das nicht witzig."
Alain fuhr fort: "Aber nein. Nach allem, was unsere Mutter von Ihnen erzählt hat, sind Sie ein großartiger Mann, der hässlichste Mann auf Gottes Erdboden aber mit einem großen Herz und brilliantem Verstand." Erik sah Babette misstrauisch an. Er war sich sicher, dass das nur ein Scherz sein konnte. Babette wusste mehr über ihn als jeder andere, denn Babette hatte mehr als einmal erlebt, wie er schwach geworden war, sich weinend und zitternd an sie geklammert hatte wie ein kleines Kind, aus lauter Angst vor sich selbst, aus Verzweiflung, wenn er wieder gegen den Drang, Gewalt gegen Menschen anzuwenden, mühsam ankämpfen musste. Sie wusste, wie sein Leben war und was er getan hatte. Oder hatte sie etwa ihre Kinder angelogen? Aber warum sollte sie das tun?
"Sie wissen nicht, was aus unseren leiblichen Vätern geworden ist, nicht wahr?" fragte Cecile. Erik schüttelte den Kopf und fragte sich, wie diese Farce weitergehen würde. Irgendwann musste doch einer in Lachen ausbrechen und gestehen, dass alles nur ein Scherz war. "Mein Vater war Schmied", begann Alain. "Der, den Babette mit der Bratpfanne niedergeschlagen hat?" fragte Erik neugierig. "Ganz genau der. Aber wissen Sie auch, dass er danach nicht mehr richtig im Kopf war? Er hat gestottert und konnte sich kaum noch etwas merken." Erik sah Babette anerkennend an. Das musste ein ziemlich kräftiger Schlag gewesen sein.
Cecile erzählte als nächste: "Mein Vater war ein Wilderer. Irgendwann verschwand er spurlos, aber die Gerüchte verstummen nicht, Gerüchte, die mit einem Tranchiermesser zu tun haben." Erik sah Babette an, die ihn völlig unschuldig ansah und achselzuckend meinte: "Ich habe ihm beim Zerlegen des Wildbrets geholfen. Irgendwann war er dann weg, wurde nie gefunden." Langsam fragte sich Erik, ob der Scherz nicht zu dick aufgetragen war, das ganze war zu skurril.
Leonie hatte nicht viel zu erzählen, ihr Vater war der Priester, der nach der Affaire mit Babette de Gelübde abgelegt hatte. "Er hatte wohl endgültig genug von Frauen", sagte Babette grinsend.
Heloise erzählte: "Mein Vater war Wüstling, der nicht viel ausgelassen hat. Sitzt seit Jahrzehnten im Zuchthaus und hat keine Chance mehr auf Entlassung."
"Es zeichnet sich irgendwie eine gewisse Vorliebe ab, meine Liebe", sagte Erik schmunzelnd, "Du suchst dir immer den Falschen aus." "O nein, ich hatte nie vor, einen von den Idioten zu heiraten. Dich wollte ich ja auch nicht heiraten, aber ich habe meine Meinung geändert", antwortete Babette und zwinkerte vergnügt, "Welche Frau kann schon von sich behaupten, ein Phantom gezähmt zu haben?"
Hector wusste über seinen Vater nur, dass er zu einer vorbeiziehenden Zigeunergruppe gehört und Geige gespielt hatte.
"Also, jetzt, wo Sie das wissen, wollen Sie wirklich unsere Mutter heiraten?" fragte Cecile. Erik lachte nur: "Das war ein origineller Versuch, es mir auszureden. Wirklich, ihr seid sehr kreativ, aber... ich glaube kein einziges Wort. Ihr wollt doch nur nicht, dass ich eure Mutter heirate." "Ja, weil wir uns Sorgen um Sie machen!" gab Leonie zurück. Erik lachte einfach nur. Das konnte jetzt aber wirklich nur noch ein Scherz sein, noch dazu ein derart dick aufgetragener, dass es nur noch lächerlich war.
"Erik, das ist kein Scherz", sagte Babette, "Was sie über ihre Väter gesagt haben, stimmt. Ich wollte, dass du das vor der Hochzeit weißt. Jetzt kannst du noch nein sagen." "Moment, langsam, damit ich auch folgen kann: du meinst das ernst? Du... du hast deinen Kindern nur Gutes über mich erzählt und jetzt glauben sie, dass ich der Gute und du die Böse bist?" Erik konnte es einfach nicht glauben. Babette blieb ernst: "Ich will, dass das funktioniert. Und meine Kinder sind meine Kinder und bleiben meine Kinder, wenn du mich nimmst, kriegst du sie mit dazu. Das gilt auch umgekehrt - das ist bald eurer Vater und ihr reißt euch zusammen und seid nett zu ihm!" "Ja, Mutter", sagten die fünf im Chor.
Erik massierte seine Schläfen und versuchte, irgendwie zu verstehen, was da gerade passiert war. Es gelang ihm überhaupt nicht, er bekam nur Kopfschmerzen. Dann hörte er, wie Leonie zu Heloise flüsterte: "Das wird eine Herausforderung für uns. Wie schaffen wir es, dass er bei der Hochzeit nicht aussieht als wäre er gerade aus dem Friedhof ausgerissen?" Heloise schielte in Eriks Richtung und meinte: "Kein schwarz. Alles, nur kein schwarz. Vielleicht blau? Oder tannengrün?"
Alain stand auf und klopfte Erik auf die Schulter. Erik wurde unwillkürlich nach vorn gedrückt, Alain war enorm stark. "Also dann, alles Gute, Vater. Ich muss nach hause, meine Frau wartet mit dem Abendessen."
"Noch bist du nicht mein Vater und ich hoffe wirklich, dass ihr zwei noch zur Vernunft kommt und die Hochzeit absagt", sagte Hector, stand auf und ging ebenfalls. Zurück blieb Erik mit den vier Frauen. Leonie und Heloise waren bereits eifrig dabei, die Kleidung für ihn und Babette festzulegen. "Das Hochzeitsessen koche ich", sagte Cecilie, "Ich bin die Wirtin und würde es übel nehmen, wenn ihr woanders feiert." Erik wusste nicht, wie er reagieren sollte und so schwieg er einfach.
Babette packte ihn an der Hand, verabschiedete sich von ihren Töchtern, die mit großer Begeisterung über Stoffe und Menü diskutierten. Dann gingen sie, die Hunde dicht hinter ihnen.
"Das war jetzt mehr als skurril", bemerkte Erik, "Ich frage mich gerade, ob das wirklich eine gute Idee ist... Nicht, weil ich dich nicht liebe sondern weil ich... weil ich einfach nicht weiß, ob ich das durchstehe. Du hast gute Kinder, aber... sie werden mich hassen." "Unsinn, sie werden dich lieben", widersprach Babette, "und wenn nicht, prügel ich sie windelweich." Erik musste lachen. Er konnte sich gut vorstellen, dass Babette ihre Kinder ziemlich gut im Griff hatte.
"Gut, dann findet die Hochzeit statt", beschloss Erik.
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Ich hab noch einige lose Handlungsstränge zu verknüpfen und das werde ich auch, ich lass nämlich nicht gern eine unfertige Geschichte stehen. ;-)
