Als Nick erwachte, spürte er sofort, daß etwas ganz und gar nicht stimmte. Und das lag sicher nicht nur daran, daß sein ganzer Körper zu schmerzen schien, besonders sein Nacken, da sein Kopf auf seine Brust gesunken war und er wohl eine ganze Weile in dieser doch unnatürlichen Haltung gesessen hatte.
Als er sich nun zu bewegen begann wurde ihm schnell klar, daß er gefesselt und wohl auch an dem Stuhl, auf dem er saß, festgebunden worden war. Er konnte sich kaum bewegen. Vorsichtig tastete er mit den Fingern in der Hoffnung, er werde irgendeine Möglichkeit finden, sich aus den Fesseln zu befreien.
Okay, offensichtlich war er mit Klebeband gefesselt worden. Zumindest keine Handschellen, eine winzige Erleichterung. Das konnte bedeuten, daß seine Angreifer seine eigenen Handschellen, die er in einer kleinen Tasche am Gürtel trug, entweder nich bemerkt oder nicht wirklich interessiert hatten. Das Klebeband war so eng um seine Handgelenke gewunden, daß seine Finger prickelten, da sie nicht richtig durchblutet wurden. Seinen Knöcheln und Knien ging es offensichtlich nicht viel anders, fühlte er sich doch eher wie eine Fliege im Spinnennetz im Moment.
Der Alptraum eines jeden Polizisten, ging ihm auf. Umso erstaunter war er, daß er relativ ruhig blieb. Er wußte nicht wie oft er sich eine solche Szene ausgemalt hatte. Üblicherweise endete sie in seiner Vorstellung mit einer Panikattacke seinerseits, da er kaum etwas mehr haßte, als in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein.
Nick blickte sich um und fand sich in einem Raum voller Kisten und Kasten wieder, die übereinander gestapelt waren, teils bis zur Decke. Besagte Decke war kaum mehr als ein Stahlgerüst mit der, für Lagerhallen üblichen, eher mangelhaften Dämmung und Bedachung.
Wenn er es schätzen müßte, würde er auf den Hafen tippen. Irgendwo bei den Docks gab es solche Lagerhäuser …
Nick wurde auf eine Bewegung aufmerksam und wandte den Kopf. Irrte er sich oder hatte er gerade einen blonden Haarschopf zwischen den Kisten zu seiner Linken verschwinden sehen? Er reckte den Hals, versuchte seine Sitzposition etwas zu verändern, was ihm die Wunde in seiner Seite wiederum mit einem stechenden Schmerz dankte.
Er stöhnte unterdrückt auf und konzentrierte sich auf seinen Atem. Da man ihn auch geknebelt hatte war es wichtig, seinen Atem immer unter Kontrolle zu halten, damit er genug Sauerstoff bekam.
Da! Wieder der blonde Haarschopf zwischen den Kisten, deutlich näher dieses Mal.
Nick tat sein bestes, um so ungefährlich wie möglich auszusehen, fragte sich dabei aber, wie er in der jetzigen Lage wohl gefährlich aussehen könnte.
Und wieder tauchte der blonde Haarschopf auf, dieses Mal gefolgt von einem Gesicht mit großen, blauen Augen und der Gestalt eines Kindes.
Madeleine Marsden!
Nick nickte dem Mädchen zu.
Wie er war sie gefesselt, allerdings nur ihre Hände, vor ihrem Körper. Sie schien unverletzt, soweit er das sagen konnte. Die goldblonden Locken wallten bis zu ihren Knien hinunter und waren ein wenig ungepflegt.
„Bist du ein Grimm?" fragte Madeleine leise.
Nicks Augen lachten und er nickte.
Langsam trat sie noch einen Schritt näher. „Willst du mir den Kopf abschlagen?" fuhr sie fort.
Nick schüttelte den Kopf und nickte der Kleinen dann zu, daß sie sich nähern sollte. Er reckte sich so gut wie möglich zu ihr hin und bedeutete ihr, das Klebeband über seinem Mund festzuhalten, dann riß er den Kopf so schnell wie möglich zurück und konnte einen Fluch nicht unterdrücken.
Und Juliette tat das ihren Beinen regelmäßig an? Sie mußte ja vollkommen verrückt sein!
Nick bewegte die Kiefer, dann die Lippen, während der brennende Schmerz der herausgerissenen Bartstoppeln allmählich nachließ.
„Ich bin Nick", stellte er sich vor. „Du mußt Madeleine sein, richtig?"
„Madeleine Marsden", stellte sie sich vor und machte einen Knicks.
Nick lächelte, sah sich dann wieder um.
Für ein Lagerhaus im Winter war es hier entschieden zu warm, mußte er zugeben. Das bedeutete, hier gab es irgendwo eine Klimaanlange, die auch heizen konnte.
„Die haben mir verboten, mit dir zu reden, Nick", sagte Madeleine schüchtern. „Und ich darf dich nicht losmachen."
Nick wandte ihr wieder den Kopf zu. Der Einstich an seinem Hals schmerzte immer noch etwas. „Ach wirklich? Und warum darfst mich nicht losmachen?" fragte er.
Madeleine zuckte mit den Schultern. „Weil du gefährlich bist, haben sie gesagt", antwortete sie.
Das wiederum hielt Nick im Moment für reichlich übertrieben. Selbst wenn man ihn nicht gefesselt hätte konnte er nur schwer laufen, von Kämpfen einmal gar nicht zu reden!
„Diese Männer", wandte er sich an Madeleine, „sind das alles Reaper?"
„Nein", war alles, was das Mädchen ihm sagte.
Okay, eine Sorge weniger. Auch wenn Nick bezweifelte, es im Moment auch nur mit einem Reaper aufnehmen zu können. Aber je weniger Sensen die Luft durchschneiden würden, desto besser.
„Weißt du, wo meine Mummy ist?" fragte das Mädchen leise.
Nick sah sie wieder an und nickte. „Es geht ihr gut, bestimmt", antwortete er. „Die französische Polizei wird sie befreien, vielleicht ist sie sogar schon frei."
„Und … und Onkel Justin?" Madeleines Augen waren wie riesige, tränengefüllte Seen.
Nick seufzte und biß sich auf die Lippen. Für ihn war es damals das beste gewesen, die Wahrheit sofort zu erfahren. Aber er wußte nicht, wie Madeleine die Wahrheit aufnehmen würde.
Er schüttelte den Kopf. „Tut mir wirklich leid", wisperte er dabei.
„Hast du ihn getötet?" bohrte Madeleine weiter.
Nick lachte, verzog dann aber gleich wieder das Gesicht. „Nein, habe ich nicht", antwortete er. „Die Männer, die dich mitgenommen haben aus der Jagdhütte, die haben ihn getötet."
Madeleine sah ihn groß an. „Ich mag die nicht", gestand sie ihm dann zu wissen.
„Ich schätze, ich mag sie auch nicht", zwinkerte Nick ihr zu. „Bist du schon seit gestern hier?"
Madeleine nickte stumm.
Da sie weder hungrig wirkte noch irgendwelche Verletzungen zu sehen waren, im Gegenteil, ihre Kleidung war relativ sauber für diesen Ort, kümmerte sich wohl jemand um sie. Und das bedeutete …
Als hätte er mit seinen Gedanken die Entführer herbeigerufen hörte er eine Tür, die sich quietschend öffnete und wieder schloß.
Madeleine drehte sich verschreckt um und trat hinter ihn, sich eng an ihn drängend.
„Schon gut", wisperte Nick ihr beruhigend zu. „Wir kommen hier schon raus."
Schritte wurden lauter. Zwei Personen, die er identifizieren konnte, vielleicht, da konnte der Hall täuschen, eine dritte.
Madeleine versteckte sich hinter ihm.
Wow! Von einem potentiellen Mörder zu ihrem, wenn auch selbst hilflosen Beschützer in Rekordzeit. Nick meinte, Hanks spöttische Stimme irgendeinen ironischen Kommentar sagen zu hören und mußte schmunzeln.
Dann aber, als er die Fremden um einen Stapel Kisten kommen sah, wurde er ernst. „Madeleine, versteck dich", befahl er dem Mädchen.
Die gehorchte und verschwand zwischen den Kisten auf der anderen Seite.
Das keiner der Drei Anstalten machte ihr zu folgen oder sie aufzuhalten, sagte Nick genug. Und plötzlich wurde sein Mund trocken und sein Herz hämmerte gegen seine Rippen.
Der dritte Mann, der jetzt am Ende des Kistenstapels stehenblieb … Nick konzentrierte sich auf ihn und erkannte in ihm den Angreifer, den Monroe verletzt hatte. Die beiden anderen aber, die weiter auf ihn zuhielten … Die Bewegungen des einen schienen ihm vage bekannt, doch er konnte sie nicht richtig einordnen. Den anderen hatte er noch nie in seinem Leben gesehen.
„Wie Sie es wünschten, Euer Hoheit", sagte der vage bekannte und beim Klang der Stimme wurde Nick klar, mit wem er es zu tun hatte:
„Francois Leraux!" stieß er hervor.
Der Falschgesicht grinste auf ihn nieder. „Detective Burkhardt", nickte er ihm zu.
„Ich hoffe, Ihnen ist klar, was Sie hier tun. Nicht genug daß sie mich haben entführen lassen, es wird Sie beide auch noch eine Anklage wegen Kindesentführung erwarten", wandte er sich an beide.
Der ihm vollkommen Fremde, ein älterer Mann mit bereits weißem Haar, sah mit einer gehobenen Braue zu ihm hinunter. „Interessant. Anstatt sein Leben retten zu wollen droht er uns noch. Ein mutiger Grimm!" Der Fremde griff nach seinem Kinn und riß seinen Kopf in den Nacken, um ihn besser betrachten zu können.
„Eindeutig die kesslersche Wangen- und Augenpartie. Beeindruckend ausdrucksstark", merkte er an, als würde er einen Hund begutachten. „Die Kinnpartie definitiv Burkhardt. Ein ausgezeichnetes Exemplar."
Nicks Kopf wurde noch einmal hin- und hergedreht, ehe der Fremde ihn wieder losließ.
Er fühlte sich allein durch die Berührung des Fremden besudelt und sandte einen haßerfüllten Blick zu ihm hoch.
„Wie gesagt, mutig!" Der Fremde wandte sich an Marsden, alias Leraux: „Ich bin wirklich überrascht, wie schnell Sie gehandelt haben. Ich hätte mich vermutlich eher an Sie wenden sollen, Francois." Er reichte dem Falschgesicht die Hand.
Nick konzentrierte sich auf den Fremden, strengte sich an, das zu tun, was immer es auch war, was Wesen üblicherweise zwang, sich ihm zu offenbaren. Dieses Mal aber … klappte es ebensowenig wie bei Furlong.
„Strengen Sie sich nicht an", wandte der Fremde sich an ihn mit einem gönnerhaften Lächeln. „Sie sollten besser so schnell wie möglich erkennen, daß es Wesen gibt, die weit über Ihnen stehen. Wird Ihnen zukünftig einiges ersparen, glauben Sie mir."
„Ich bin nicht käuflich!" entgegnete Nick entschlossen.
„Alles ist käuflich, nur die Summe muß stimmen", entgegnete der Fremde. „Aber ein interessanter Standpunkt, das muß ich zugeben. Wenn Sie wüßten, was es mich gekostet hat, Sie endlich hierher holen zu lassen!"
„Dann fürchte ich, ich werde Sie enttäuschen müssen. Was auch immer Sie sich da ausgedacht haben, es findet ganz sicher ohne mich statt."
Der Fremde beugte sich über ihn. Kurz flackerte das Wesen in seinem Inneren durch seine Augen und ließ Nick unwillkürlich zurückzucken – was ihm seine Seite wiederum mit einem neuen Schmerz dankte.
„Das wird es ganz sicher nicht, Grimm Burkhardt. Von jetzt an findet nichts mehr nach Ihrem Gutdünken statt, um genau zu sein. Sie werden tun, was immer ich von Ihnen verlange. Wenn ich sage, Sie sollen aufhören zu atmen, werden Sie das tun. Verstanden?"
Nick wappnete sich und funkelte den Mann an. „Ganz sicher nicht!"
„Verzeihen Sie diese Unhöflichkeit, Euer Hoheit", mischte sich Leroux ein. „Er ist noch wild."
Der Fremde hob die Hand und schüttelte den Kopf. „Ich mag Temperament. Es zeugt von Mut, eine gute Eigenschaft für einen Grimm", entgegente er. Mit einer Hand strich er Nicks Haar aus der Stirn und musterte den jungen Grimm noch einmal aufmerksam. „Er wird sich gut machen, davon bin ich überzeugt. Vielleicht wrid es eines Tages zu meiner persönlichen Wache reichen, wir werden sehen." Seine Hand wanderte über Nicks Gesicht, streifte seinen Hals, glitt seine Brust hinunter und streifte die Jacke zur Seite, die der Grimm noch immer trug.
„Lektion Nummer 1, keine Widerworte", sagte der Fremde mit ruhiger Stimme und suchte Nicks Augenkontakt.
Der schluckte trocken und fühlte, wie das Hemd, das er trug, hochgezogen wurde. Dann ein deutliches Ratschen, als der Fremde das Pflaster, mit dem die Naht geschützt wurde, abriß. Und dann …
An Nicks Kehle riß ein Brüllen, als der Fremde einen Finger in die Wunde in seiner Seite bohrte und die Naht aufriß.
Hank fühlte sich einfach nur schuldig. Er hätte zumindest solange warten müssen, bis sein Partner sein Zuhause betreten hatte, Nick vielleicht sogar die Stufen hinaufhelfen. Er war sicher, das hier wäre nicht passiert.
Juliette hielt sich erstaunlich gut dafür, was sie gerade durchmachen mußte. Ihr so-gut-wie Verlobter quasi vor der Haustür entführt ohne eine Spur zu hinterlassen.
Hank wurde es übel. Er schlug selbst den Kaffee aus, den Wu besorgt hatte und nun unter den Kollegen verteilte. Dafür verließ er sofort den markierten Bereich, wo eben Nicks Waffe und Stock gefunden worden waren und jetzt die Spurensicherung ihr bestes gab, als er den Wagen des Captains vorfahren sah.
„Ich kann es nicht glauben, Nick ist offensichtlich entführt worden", begrüßte Hank seinen Vorgesetzten, kaum daß dieser die Wagentür geöffnet hatte.
Renard sah zu ihm hoch, tiefe Besorgnis in sein Gesicht geschrieben. „Wie konnte das passieren?" fragte er.
Die Beifahrertür des GMCs wurde zugeschlagen. Hank bemerkte erst jetzt, daß auch Furlong mitgekommen war und ballte unwillkürlich die Fäuste.
„Lassen Sie sie machen, Hank", wandte Renard sich sofort beschwichtigend an ihn, als er die Anspannung seines Detectives sah. „Entführungen sind Natalies Spezialgebiet. Sie … sagen wir, Nick ist nicht der einzige, der Dinge wahrnimmt, mit denen wir Normalsterblichen uns schwertun. Lassen Sie Natalie helfen, okay?"
Hank zögerte, nickte dann aber. „Ich trau ihr trotzdem nicht. Sie kam doch mit diesem Menschenhandel-Ding an. Vielleicht steckt sie sogar dahinter!"
„Verdächtigen Sie auch mich?" erkundigte Renard sich ruhig, während Furlong unter dem Absperrband hindurchschlüpfte. „Ich war nämlich seit gestern abend mit Agent Furlong zusammen." Ein kleines amüsiertes Glitzern trat in seine Augenwinkel, als Hank das Blut ins Gesicht stieg.
„Natürlich nicht, Captain!" entfuhr es ihm.
Renard nickte und ging an Hanks Seite zurück zur Auffahrt. „Dann geben Sie mir ein Update. Was genau ist passiert?"
„Wissen wir nicht", antwortete Hank. „ich habe Nick gestern selbst hergefahren, also angekommen ist er. Das letzte Mal, daß ich ihn sah, stand er auf dem Bürgersteig." Er nickte zu einer Stelle innerhalb der Absperrung hinüber. „Miss Silverton rief mich nach Mitternacht an. Sie hatte den ganzen Abend versucht, Nick zu erreichen, doch es sprang nur die Mailbox an."
„Ist das Handy also nicht gefunden worden?" erkundigte Renard sich.
Hank schüttelte den Kopf. „Bisher ist es sogar noch eingeschaltet. Dann können wir es tracken. Ich habe bereits jemanden drangesetzt."
Renard nickte nachdenklich und sah hinüber zu Furlong, die sich neben die ersten Treppenstufen zum Haus gehockt hatte. „Sonst noch etwas?"
„Einigen Nachbarn ist gestern ein unbekannter Van aufgefallen, der immer wieder diesen Block abfuhr", meldete sich Wu zu Wort, der dem Captain einen Becher Kaffee reichte.
Renard nickte nachdenklich, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Furlong. Die hatte sich weit über den gefrorenen Boden neben der Treppe gebeugt.
Hank beobachtete das irritiert. Wenn diese Frau eine Katze wäre, hätte er ihr Verhalten als Flämen bezeichnet, dieser merkwürdige Zustand, in dem Katzen in der Lage waren, Gerüche zu schmecken. Ähnlich verhielt sie sich, hatte erst das Gesicht über die Erde gehalten, starrte jetzt blicklos in den Himmel, die Lippen leicht geöffnet, während deutliche Schluckbewegungen an ihrem Hals sichtbar waren.
„Was macht die da?" entfuhr es ihm.
Renard hob eine Braue. „Vermutlich hat sie etwas entdeckt."
Furlong richtete sich wieder auf und drehte sich um. Ihr Gesicht war ernst, als sie zu ihnen hinübersah und leise nickte. Dann wies sie auf eine bestimmte Stelle auf dem Boden und befahl einem Forensiker etwas, was sie nicht verstehen konnten.
Hank wurde jetzt bewußt, daß Juliette nun schon eine ganze Weile in der Tür ihres Hauses lehnte und das Treiben um sie herum mit leeren Augen verfolgte. „Oh Mann!" seufzte er.
„Brauchen die Spurensicherer noch lange?" erkundigte Renard sich.
Hank schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Wir dürften so gut wie fertig sein."
Renard wandte sich dem Haus zu und ging mit weitausholenden Schritten durch den gefrorenen Vorgarten die kleine Steigung bis zum Haus hinauf.
Hank folgte seinem Vorgesetzten und machte im Vorübergehen eine Geste, daß die Forensiker sich ein wenig beeilen sollten.
„Miss Silverton", hörte er da auch schon den Captain sagen und schloß schnell auf.
Renard hielt Juliettes Hand. Die rothaarige Frau sah zu ihm hoch, noch immer mit diesem leeren Blick, als sei sie überhaupt nicht da.
Einmal mehr ging es Hank auf, wie sehr die beiden sich liebten. Er war sicher, Nick würde den Verstand verlieren, wenn etwas ähnliches Juliette passieren würde. Und sie schien jetzt schlicht außerstande, irgendetwas zu unternehmen als sich in ihren Schmerz zu stürzen.
„Wir werden ihn wiederfinden, das verspreche ich Ihnen", schwor Renard ihr. „Wir passen auf unsere Leute auf, Miss Silverton. Nick wird bald wieder bei Ihnen sein."
„Das ist jetzt das dritte Mal", flüsterte Juliette und schüttelte den Kopf. „Das dritte Mal in vier Monaten!"
„Ich weiß, und gerade das tut mir unendlich leid", gestand Renard ihr zu wissen. „Lassen Sie uns reingehen und in Ruhe darüber sprechen, Juliette. Ich darf Sie doch Juliette nennen?"
Sie nickte wie betäubt und ließ sich von ihm ins Haus führen. Als Renard die Schwelle überschritten hatte, warf er einen Blick über die Schulter auf Hank.
„Sammeln Sie alles wieder ein, sobald die Spurensicherung fertig ist", der Befehl war bestenfalls gewispert, aber Hank verstand und nickte.
