14. Kapitel

Astoria hatte sich Dracos Zeugnisse angesehen, die nun vor ihnen auf dem Küchentisch lagen.

„Also, du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du holst deine Abschlussprüfung nach oder du versuchst es erst einmal so."

Sie hob den Kopf und sah Draco fragend an. „Wie viel von dem, was du gelernt hast, traust du dir noch zu?" Dracos Blick wanderte über die Zeugnisse. Noten und Bemerkungen, die ihm nichts mehr sagten. Dann sah er Astoria zweifelnd an. „Keine Ahnung!"

Mit einem Seufzer ließ er sich gegen die Stuhllehne fallen. Er schloss die Augen und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Er hatte gestern nicht viel geschlafen und fühlte sich zermürbt.

„Ich besorge dir Tests, dann können wir deinen Stand einschätzen." Sie klang so verdammt optimistisch. „Und dann?" er lugte zwischen seinen Fingern hindurch. Sie sah nicht halb so optimistisch aus, wie sie sich anhörte.

„Dann schauen wir, was noch fehlt und holen das nach. Und parallel dazu überlegst du dir, was du gerne beruflich machen möchtest."

Beruflich? Er war sich nicht sicher, ob er morgen früh aufstehen wollte, geschweige denn, was er in ein paar Jahren beruflich machen wollte. Wen interessierte es auch, was er wollte? Es kam ja wohl eher darauf an, ob sie jemanden fanden, der ihn überhaupt ausbilden wollte.

„Wie finde ich jemanden, der mich ausbildet oder einstellt oder was auch immer zu einer beruflichen Laufbahn gehört?" Klang er immer so verbittert? Das war heute ein ganz miserabler Tag.

„Lass' uns erst überlegen, was du machen möchtest – dann machen wir uns Gedanken, wie du dahin kommst." Sie sah stirnrunzelnd auf die Papiere. „Was hast du denn in der Schule gerne gemacht?"

Es lag ihm schon auf der Zunge 'Andere herumkommandiert' zu sagen, dann überlegte er es sich aber anders. Er hatte ihr versprochen, sich Mühe zu geben. „Keine Ahnung. Vielleicht Zaubertränke?" obwohl das weniger am Fach als an der Bevorzugung durch den Lehrer gelegen hatte. Und natürlich daran, dass Potter der Prellbock für Snape gewesen war.

Astoria verzog das Gesicht. „Ich mochte weder Snape noch Slughorn. Snape war gemein und Slughorn ein Schleimer!" Er sah sie kurz an. „Snape war mein Patenonkel." Erschrocken weiteten sich ihre Augen. Das blau war wirklich unglaublich.

„Das tut mir leid!"

Draco musste lachen. „Was? Dass er mein Patenonkel war? Ja, wahrscheinlich kann einem das leidtun!" Sie lachte erleichtert und schubste ihn spielerisch am Oberarm. „Du weist, was ich meine!"

Das Gefühl, das ihre Hand auf seinem Arm hinterließ, irritierte ihn. Dann drängte er es zur Seite. „Nein, ehrlich! Ich habe nie ein Geschenk von ihm bekommen – weder zum Geburtstag, noch zu Weihnachten!"

Sie grinste. „Lag wahrscheinlich daran, dass er Kinder nicht leiden konnte. Egal, ob er der Patenonkel war oder nicht!" Ihr Blick glitt in die Ferne. „Wie sind denn deine Eltern überhaupt dazu gekommen, den alten Griesgram zu deinem Patenonkel zu machen?" Ihre Stirn legte sich in kritische Runzeln. „Stell' dir vor, er hätte sich um dich kümmern müssen, weil deinen Eltern etwas passiert ist! Wie schrecklich!"

Draco überlegte, ob Snape schlechter hätte sein können, als sein eigener Vater. Dann erwiderte er ernst. „Er hat sich um mich gekümmert. Er hat meine Aufgabe erledigt, als ich es nicht konnte. Und er hat mich vor Voldemort so gut es ging geschützt. Das war schon mehr als mein eigener Vater getan hatte."

Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen erschrocken an.

Er beobachtete mit ausdrucksloser Miene, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten und sie ihre Lippen aufeinander presste. Wie jemand, der in einer offenen Wunde stocherte, um zu sehen, wie weh es tat, begann er nun zu sprechen.

„Dumbledore hatte mir angeboten, auf seine Seite zu wechseln. Ich dachte damals, er sei ein alter Trottel. Niemand würde Voldemort stürzen können. Niemand! Voldemort war grausam, böse ... er hatte nicht einmal Spaß an der Gewalt, so wie Tantchen Bella. Es war Mittel zum Zweck für ihn. So, wie man sich die Haare kämmt oder die Zähne putzt. So hat er Gewalt eingesetzt. Er wollte eine Antwort? Folter würde sie ihm schon bringen. Er wollte Gehorsam? Wenn man nach dem Tod bettelt, würde man auch alles andere tun. Und Dumbledore, der alte verrückte Mann, meinte im Ernst, er könnte etwas gegen Voldemort ausrichten.

Jetzt, im Nachhinein, sieht das alles anders aus – aber damals? Trotzdem konnte ich den alten Mann nicht töten. Er hatte mir nie etwas getan. Er war immer gerecht gewesen. Er bot mir Hilfe in einer ausweglosen Situation an. Und dann passierte alles auf einmal. Snape kam und … Dumbledore fiel und wir rannten.

Wir rannten bis ans Tor von Hogwarts und ich wäre bis ans Ende der Welt gerannt, wenn das meine Panik ausgelöscht hätte. Ich apparierte mit Snape zu unserem Haus. Mein Vater wartete auf uns in der Eingangshalle.

Er war nervös und sah wohl schon an unseren Gesichtern, dass ich versagt hatte und Snape meine Arbeit erledigt hatte. Vater sah unzufrieden aus, aber ich konnte auch Panik in seinen Augen sehen. Snape hat voller Verachtung meinen Vater angezischt: 'Ruf' den Lord, Lucius!', hat er gesagt.

Mein Vater hat nur den Kopf geschüttelt. 'Ruf' ihn, oder ich mache es. Aber wenn ich ihn rufe, wird die Strafe für deinen missratenen Sohn höher ausfallen!' Mein Vater wurde ganz grünlich. Ich hatte das noch nie gesehen. Nicht nur bei ihm nicht, sondern noch nie. Man ließt das doch immer, aber gesehen habe ich das vorher noch nie.

Mein Vater hielt dann doch seinen Zauberstab an das Dunkle Mal.

Und dann kam er.

Er war erfreut, dass Vater ihn so schnell gerufen hatte. Natürlich hatte Tantchen schon Bericht erstattet und er wusste schon alles.

Er richtete seinen Zauberstab auf mich und danach kann ich mich nicht mehr an viel erinnern, außer an unglaubliche Schmerzen, die über Stunden anzuhalten schienen.

Ich wurde erst drei Tage später wieder wach. Ich hatte immer noch überall Schmerzen und nicht alle Knochen und Wunden waren geheilt."

Draco schien aus weiter Ferne zurückzukommen. „Meine Mutter hat mir erzählt, das Snape mein Leben gerettet hatte, indem er die Aufmerksamkeit Voldemorts auf sich gezogen hatte. Mit dem Ergebnis, dass er selber unter den Cruciatusfluch gestellt wurde. Allerdings nicht so lange, wie ich."

Er zuckte mit den Achseln. „Ich schätz, das macht die fehlenden Geschenke wieder wett!"

Erst jetzt sah er Astoria wieder in das Gesicht. Erstaunt folgte er mit den Augen den Weg einer glitzernden Träne Astorias Wange hinab, bis sie an ihrem Kinn in die Tiefe fiel. Er streckte die Hand aus und fing die nächste Träne mit seinem Finger auf. „Nicht weinen. Ich bin kein guter Mensch gewesen. Es lohnt sich nicht, um mich zu weinen!"

Erstaunlicherweise hatten seine Worte den umgekehrten Effekt. Statt aufzuhören, begann Astoria erst richtig zu weinen. Hilflos sah er auf die weinende Frau. „Astoria?"

Mit einem Schluchzen warf sie sich geradezu gegen seine Brust. Automatisch umfing er sie mit seinen Armen.

„Nicht. Bitte. Ich weiß doch nicht, was ich mit einer weinenden Frau machen soll!" Er spürte, wie sie in seinen Armen zuckte. Behutsam schob er sie ein wenig von sich ab und merkte, dass sie lachte und gleichzeitig weiter weinte.

Er zog sie wieder an sich und schüttelte den Kopf. „Und ich mache eine Therapie!" Wieder das Zucken. Die Kleine hatte definitiv nicht alle Tassen im Schrank! Aber er könnte hier eine Ewigkeit sitzen und sie im Arm halten.