Don't cry for me (Chap 14)
Der nächste Morgen war wirklich schön. Nicht nur, dass Remus praktisch an mir klebte (aber ich musste gestehen, dass auch ich ihn nicht aus den Augen ließ), nein auch Lily und James hingen aneinander wie die Kletten. Wobei sie Remus und mir immer noch böse Blicke zuwarfen, unsere kleine Aktion fanden sie wohl immer noch nicht besonders witzig. Spielverderber! Naja, jedenfalls saßen wir gerade händchenhaltend im Unterricht, was im Klartext bedeutete, dass ich nicht schreiben konnte, da ich ja Rechtshänderin war und auch Remus hatte so seine Probleme, da er nun sein Pergament nicht festhalten konnte. Das störte uns aber nicht sonderlich und so beschlossen wir, uns später Lilys Notizen auszuleihen. Die flirtete allerdings gerade ziemlich heftig mit James, also war sie vielleicht doch nicht die richtige Anlaufstelle. Ich hatte dann aber nicht weiter Zeit mir Gedanken zu machen, denn in dem Moment ging die Tür auf und Sev erschien im Rahmen. Er sah mich an und mir war sofort klar, was das bedeutete. Leise fing ich an meine Sachen zusammenzusuchen, was mir von Remus einen verwunderten Blick eintrug.
Sev sprach vorne leise mit Professor McGonagall, die nun heftig nickte und mich zu sich winkte. Ich nahm meine Tasche und ging nach vorne zu Sev. "Ist nicht so schlimm", murmelte er leise. Bevor ich ihm nach draußen folgte warf ich Remus noch einen hilfesuchenden Blick zu. Ich wusste nicht, ob er die Angst in meinem Blick bemerkte, ja, ich registrierte nicht einmal wirklich was um mich geschah. Alles schien sich wie in Zeitlupe zu bewegen. Sev nahm mir meine Tasche ab und schloss dann die Tür sanft hinter uns. Erst jetzt fiel mir der Geruch von Eiter auf und mir drehte sich fast der Magen um. "Komm", sagte er leise und ich folgte ihm still. "Sie wollen operieren und wissen nicht, ob es gut geht. Sie soll dich vorher noch einmal sehen." Mein Hals war wie zugeschnürt und ich konnte nicht atmen. Krampfhaft konzentrierte ich mich darauf, nicht zu weinen.
Ich spürte, wie Sev mich in einen Kamin bugsierte und wir ins St. Mungos flohten. Dann nahm er meine Hand und zog mich in den ersten Stock. Ich konnte immer noch nicht wirklich klar denken und dachte über diesen merkwürdigen Geruch nach. " Hör zu Jessie, das ist jetzt wichtig. Es kann sein, dass sie die Operation nicht überlebt, aber sie weiß das nicht. Also versuch dich so normal wie möglich zu verhalten." Ich nickte. Sevs Worte schienen so weit weg zu sein. Vorsichtig schob er mich in das Zimmer und der Geruch von Eiter wurde noch stärker. "Hallo Mum", sagte ich und lächelte leicht. Bloß nichts anmerken lassen, bloß nichts anmerken lassen. Dann saßen wir eine Weile schweigend da. Ich starrte auf das Fußende ihres Bettes und krallte die Fingernägel in meine Haut. Ich konzentrierte mich mit aller Macht auf den Schmerz und versuchte so die Tränen zu verdrängen. Denn wenn ich jetzt anfing zu weinen, dann wüsste Mum, dass etwas nicht stimmte.
"Wie läuft es so in der Schule?" Ich hob den Kopf und sah meine Mutter an, bereute es aber sofort, denn schon kamen die Tränen wieder hoch. Ich ertrug es einfach nicht, sie so schwach dort liegen zu sehen. "Gut", murmelte ich und bohrte meine Nägel tiefer in das Fleisch. Ich wollte hier raus, weg von diesem furchtbaren Ort, aber ich konnte nicht, ich musste stark bleiben, stark für meine Mum und ihr wenigstens die Illusion gönnen, dass alles in Ordnung war. Also blieb ich noch eine Weile still sitzen, bis ich es wirklich nicht mehr aushielt. Ich murmelte noch irgendeine Entschuldigung und stürzte dann zur Tür. Dort drehte ich mich noch einmal um und sah meine Mutter an. Ich zwang mich zu lächeln und sagte: "Tschüss, bis nachher." Aber ich wusste, dass es kein Nachher geben würde. Auf dem Flur zuckte mein Oberkörper unkontrolliert nach vorne, ich krümmte mich zusammen, während ich eine Hand auf meinen Mund presste um ja kein verräterisches Schluchzen von mir zu geben. In dem Moment nahm ich eine Bewegung hinter mir wahr und ich hoffte so sehr, dass es Sev sein würde, der gekommen war um mich zu trösten. Anstelle von Sev stand da allerdings ein Heiler, der nun auf mich einredete. Ich versuchte meinen Weinkrampf zu unterbrechen um ihn verstehen zu können, was aber mehr schlecht als recht klappte. "Die Chancen, dass Ihre Mutter diese Operation überlebt sind sehr gering. Und selbst wenn, dann wird sie nur noch ein paar Wochen haben und Sie werden sie vermutlich nicht mal mehr nach Hause holen können." Ich gab ein leises Jaulen von mir, ich wollte so etwas nicht hören und vor allem nicht glauben. Ich klammerte mich weiter an den Gedanken, dass schon alles gut werden würde, sicher würde ein Wunder geschehen. Und was für ein Heiler erzählte einer 17-Jährigen überhaupt, dass ihre Mutter bald sterben würde? Das tat man einfach nicht, das verbot schon der Anstand. Vor allem hatte ich doch nicht einmal gefragt!
Irgendwann musste Sev dann doch noch gekommen sein, ich saß mittlerweile auf dem Boden und bekam kaum noch Luft. Der Heiler stand hilflos neben mir und schien ein schlechtes Gewissen zu haben. Sev scheuchte ihn weg und zog mich dann hoch. "Hör zu, sie wollen gleich operieren und halten es für gut, wenn sie vorher noch einmal ihre Familie sieht. Versuche Albus und Aberforth zu erreichen, sie sollten eigentlich schon längst hier sein. Willst du noch mal rein?" Ich schüttelte den Kopf, das würde ich nicht aushalten. Sev nickte verstehend und ging dann zurück zu meiner Mum, während ich Eulen an die großen Brüder meiner Mutter, meine Onkel Albus und Aberforth schickte. Aber es kam einfach keine Antwort. Langsam wurde ich panisch, Mum sollte sie doch unbedingt noch einmal sehen.
Schließlich kam Sev wieder zu mir und erzählte mir, dass Mum nun wüsste, wie es um sie stand und dass sie die Operation nicht länger hinauszögern wollte. "Aber...aber...", stotterte ich. "Sie soll doch ihre Familie noch einmal sehen." Sev hob nur die Schultern. "Das ist jetzt nicht mehr zu ändern. Wenn wir noch weiter warten, verschlechtern sich ihre Chancen nur noch." Ich nickte schließlich und Sev verschwand wieder. Langsam staute sich eine unbändige Wut, ja ein richtiger Hass auf Onkel Albus und Aberforth in mir auf, der mir fast die Luft nahm. Sie sollten jetzt hier sein, war das denn so schwierig? Sie sollten jetzt für mich da sein und mich unterstützen! Das war wohl kaum zu viel verlangt. Ich hatte das Gefühl es nicht mehr auszuhalten und rannte nach draußen. Die kalte Luft brannte in meinen Lungen und Tränen schimmerten in meinen Augen. Schließlich wusste ich, was ich zu tun hatte.
Ich zog meinen Zauberstab, schloss die Augen und sagte laut und deutlich: "Accio Sirius Blacks Zweiwegspiegel!" Dann wartete ich, bis er nach etwa zehn Minuten dann endlich in meine Hand flog. Er sah verstaubt aus und kam offenbar geradewegs aus einem Kamin, aber das war mir egal. Schnell klappte ich den Spiegel auf und sagte: "James Potter!" Ich musste mich zweimal wiederholen, bis ich endlich James' Gesicht sah. "Jess? Was ist denn? Mensch, wir haben Unterricht!" "Gib mir bitte Remus!", meinte ich nur ohne auf seine Worte einzugehen. Er sah mich verwundert an, gehorchte dann aber und kurz darauf sah ich Remus' besorgtes Gesicht. "Warte, ich gehe kurz raus." Ich hörte, wie er irgendjemandem etwas von einem Notfall erzählte und das war es ja auch. "Was ist?", fragte er und in diesem Moment brach ich in Tränen aus. Ich konnte kaum atmen, geschweige denn sprechen. Nur stockend bat ich ihn, doch bitte zu mir zu kommen. "Wo bist du denn? Zu Hause?" Ich schüttelte den Kopf. "Im Mungos!", wimmerte ich und schluchzte nur noch mehr. Remus fragte nicht weiter nach, sondern versprach mir gleich da zu sein.
Etwa zwanzig Minuten später rannte er auf mich zu und schloss mich in die Arme. Mittlerweile hatte ich wieder aufgehört zu weinen und mein Gesichtsausdruck zeigte kein einziges Gefühl. Aber ich fühlte mich sowieso total leer, auch wenn ich wusste, dass ich jetzt eigentlich etwas empfinden musste, etwas zu fühlen hatte! Mittlerweile waren Albus und Aberforth da, aber ich hatte nichts gesagt. Und eigentlich gab es ja auch nichts zu sagen. Sie hatten Mum verpasst und wenn jemand das Recht hatte sauer zu sein, dann sie. Sev war bei ihnen und ich war ihm sehr dankbar dafür. Ich setzte mich mit Remus in die Cafeteria, er saß mir gegenüber und hielt meine Hände, diese Szene brannte sich in mein Gehirn ein und ich war mir sicher, diese Situation nie wieder vergessen zu können. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also murmelte ich das, was man in dieser Situation wohl von verwirrten Töchtern erwartete. Ich gab mir die Schuld, was Remus natürlich sofort bestritt. Ich wusste selbst nicht, warum ich das behauptete, ich glaubte es doch eigentlich selbst nicht. Vielleicht wollte ich nur diese unangenehme Stille überbrücken.
Schließlich erzählte ich Remus, wie es überhaupt zu dieser Situation gekommen war. "Als meine Mum mit mir schwanger war wurde sie von Greyback Fenrir angegriffen. Ich weiß nicht, ob du den Namen schon mal gehört hast..." "Ja, habe ich", sagte Remus und seine Stimme hatte dabei einen ungewöhnlich bitteren Unterton. "Naja, er hat meine Mum jedenfalls angegriffen und sie wohl mit seinen Krallen auch ordentlich verletzt. Sie hat stark geblutet und gewusst, dass er sie nun entweder töten oder beißen würde. Sie wollte schon aufgeben, aber dann hat sie an mich gedacht und der Gedanke, dass ich überleben sollte, hat ihr Kraft gegeben. Sie hat also angefangen ihn zu attackieren und er hat auch geblutet. Und dann ist wohl sein Blut in ihre Wunde geflossen. Dadurch wurde sie infiziert." Remus machte eine erschrockene Bewegung. "Ist sie...?"
Ich schüttelte den Kopf. "Man kann nur durch einen Biss zum Werwolf werden. Und da das nicht passiert ist dachten wir, dass alles okay war. Dann wurde mein Dad von Todessern getötet und meine Mum bekam Depressionen. Sie wurde ins Mungos verlegt und hat es seitdem nicht mehr verlassen." Remus öffnete den Mund, aber ich konnte mir schon denken, was er fragen wollte. "Ich wohne seitdem bei meinem besten Freund, also von dir abgesehen natürlich. Während der Zeit im Mungos haben sie festgestellt, dass die Organe meiner Mum langsam versagten, aber man konnte es sich nicht erklären. Mittlerweile gehen wir davon aus, dass es das Werwolfsblut ist, das diese Schäden anrichtet. Und jetzt müssen sie sie operieren. Angeblich soll sie es nicht schaffen, aber ich kann das nicht glauben. Ich weiß, dass es naiv klingt, aber irgendwie bin ich sicher, dass noch ein Wunder passieren wird, dass alles wieder gut wird."
Ernst sah mich mein Freund an. "Du willst es nicht wahrhaben, du lässt es nicht an dich heran." Seine Finger strichen vorsichtig über meine. "Du bist die ganze Zeit stark geblieben, du musstest das alles mit dir herumtragen. Ich glaube, ich kann nicht nachvollziehen, wie du dich jetzt fühlst. Wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann lass es mich wissen. Ich tue alles, was ich kann." Ich nickte und fühlte mich mit einem Mal so erschöpft. "Lass uns zurück nach Hogwarts flohen." "Bist du sicher?" Ja, das war ich. Ich wollte nicht hier sein und stundenlang warten, bis die Operation vorbei war. Ich wollte mich jetzt sinnlos mit Essen vollstopfen bis mir schlecht war und dabei fernsehen. Aber in Hogwarts gab es keine elektrischen Geräte. "Hör zu, ich fahre nach Hause." Remus nickte und fragte noch, ob er nicht mitkommen sollte, aber das wollte ich nicht. Ich wollte alleine sein, meine Ruhe haben, auch vor Remus. Ich bereute es, dass ich ihm Bescheid gesagt hatte, die Nähe war mir jetzt zu viel und er fing an, mich zu nerven. Ich wollte ihn einfach nur noch loswerden.
Schließlich sagten wir noch Onkel Albus Bescheid, dann flohte Remus zurück nach Hogwarts und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Nach Hause... Nun ja, es war jedenfalls der Platz, an dem ich in den letzten Jahren so viel Freude erlebt hatte, es war der Platz, an dem ich immer willkommen war und der Ort, an dem mir nichts passieren konnte. Ja, es war mein Zuhause. Eileen brachte mir ohne weitere Nachfragen jede Menge Süßigkeiten, während ich mein Nachthemd anzog, mir meine Bettdecke nahm und mich vor den Fernseher setzte. Dort blieb ich bis spät in die Nacht und verdrückte drei Tüten Weingummi. Selbst als mir übel wurde aß ich noch weiter, es war wie ein Zwang. Normalerweise wäre ich früher ins Bett gegangen, da am nächsten Tag ja Schule war, aber ich hatte nicht vor, den Unterricht zu besuchen. Warum auch? Es machte ja sowieso keinen Sinn, ich würde mich eh nicht konzentrieren können und ich hatte auch keine Kraft mehr. Wie ich es damals ins Bett geschafft habe ist mir heute noch schleierhaft.
