14.
„Lisa, das ist ein Kiosk und keine Bibliothek", maulte Jürgen. „Du bist die Mehrheitseignerin eines multinationalen Konzerns, man sollte meinen, du bist in der Lage, dir eine Zeitschrift zu leisten." Lisa deutete Jürgen mit der Hand an, zu schweigen und las unbeirrt weiter. „Sag mal, hast du die von der letzten Woche noch?" Jürgen trat hinter der Kasse hervor und sah sich die Zeitschrift an. „Die Bravo? Bist du jetzt unter die Tokio Hotel-Fans gegangen?", zog er sie auf. „Nein, ich forsche sozusagen." – „Darf man auch das Thema erfahren?" – „Nein", entgegnete Lisa trotzig. „Ist gut", meinte Jürgen und drehte sich weg. Als Lisa sich in Sicherheit wähnte und sich wieder ihrer Lektüre widmete, entriss Jürgen ihr in Windeseile die Zeitschrift. „Das erste Mal?", fragte er irritiert. „Wie jetzt, wird es ernst zwischen dir und Rokko?" Von Null auf jetzt wurde Lisa feuerrot. „Ja… nein… also, ich sammle noch Informationen." – „So, so, Informationen sammeln. Zu meiner Zeit hieß das noch anders", schmunzelte Jürgen. „Nun tu doch nicht so, als würde in diesen Kinderzeitschriften etwas stehen, was du nicht schon wüsstest. Ich meine, du weißt, dass ein Tampon kein Verhütungsmittel ist, oder?" Genervt schlug Lisa die Zeitschrift zu und knallte sie ins Regal. „Du bist nicht sehr hilfreich." – „Dieses Klatschblatt ist natürlich hilfreicher als ich, das verstehe ich." – „Nein, die ist nicht hilfreich. Ich meine… ich glaube, ich wäre gerne noch mal 14. Für diese Teenies scheint das alles so unkompliziert." Jürgen begann ausgelassen zu kichern. „Tut mir leid", japste er nach Luft. „Du bist zu ulkig, wenn du aus so einer Selbstverständlichkeit eine Wissenschaft machst. Wenn du 14 wärst, dann hätte Rokko Schwierigkeiten mit dem Gesetz." Ein lautes Seufzen hallte durch den Kiosk, als Lisa sich auf die Bank fallen ließ. „Ich glaube, ich brauche Schokolade", bat sie Jürgen, der ihr auch sofort etwas reichte. „So, und nun heulst du dich mal richtig bei mir aus, ja?"
„Es gibt einfach keine Gemeinsamkeiten", jammerte Lisa. „Na doch, das gute, alte Rein-raus-Spiel", konterte Jürgen. „Ja, aber davon gibt es hunderte Varianten", widersprach Lisa an ihrem Schokoriegel knabbernd. „Genau, wie bei deinen geliebten Süßigkeiten: Für jeden Geschmack etwas." – „Aber wie finde ich heraus, was Rokko schmeckt?" – „Indem du ihn fragst? Sag mal, Lisa, hast du überhaupt schon mit Rokko darüber gesprochen?" Wieder errötete Lisa. „Nein. Naja, wie auch? Er glaubt nämlich fälschlicherweise, ich hätte Erfahrung." – „Und wie kommt er darauf?", hakte Jürgen nach. „Ich habe es ihm gesagt… naja, ich habe an der falschen Stelle ‚ja' gesagt, verstehst du?" – „Nee, aber das ist bestimmt wieder eine von den Situationen, in die nur du dich hineinmanövrieren kannst." – „Und wie komme ich da raus?" – „Mit deiner wohl bestechendsten Eigenschaft: Deiner Ehrlichkeit. Sprich mit Rokko. Er ist ja schließlich kein Unmensch – er wird schon nicht über dich herfallen und hinterher das Bettlaken aus dem Fenster hängen." – „Jürgen!", entfuhr es Lisa entsetzt. „Es ist ja nur, weil…" Lisa senkte die Stimme. „Die Präsentation ist heute Abend und wir wollten hinterher mit Watson essen gehen, das Ganze ein bisschen Feiern… naja… oder betrauern, je nachdem wie es läuft… und ich werde wohl bei Rokko übernachten." – „Aha, daher weht der Wind", grinste Jürgen. „Weißt du, Lisa, ihr habt die letzten Wochen ununterbrochen für diese Präsentation gearbeitet – heute Abend denkt ihr beide nur an Schlafen und zwar nebeneinander und nicht miteinander." – „Sicher?" – „Nein. War nur eine Vermutung. Lisa, bei deiner Nervosität endet das Ganze in einer Katastrophe." – „Ich bin nicht nervös", widersprach Lisa heftig. „Oh doch, das bist du. Willst du hören, was ich darüber denke?" – „Nicht wirklich." – „Ich werde es dir trotzdem sagen: Du bist in der Lage, die Umsatzsteuervoranmeldung zu machen, die Steuererklärung, du wuppst Kerima, aber der Gedanke an Sex macht dir Angst? Glaub mir, das alles ist viel schwerer. Das mit dem Sex ist keine große Sache…" – „Und wieso ist es dann für alle so wichtig?", unterbrach Lisa ihren Freund. „Lass mich doch mal ausreden. Es ist keine große Sache im Sinne von ‚du kannst keine Liste mit Dingen erstellen, die dabei zu passieren haben und dann abhaken'. Auch du hast Instinkte und auf die musst du dich einfach verlassen." – „Aber ein bisschen Angst ist schon erlaubt, oder?" – „Hm, aber völlig unnötig. Ich meine, Rokko liebt dich und du liebst Rokko…" Jürgen stockte. „Du liebst ihn doch, oder?" Lisa begann sich sichtlich unwohl zu fühlen. „Er ist ein wirklich toller Mann – nett, rücksichtsvoll, lustig." – „Das beantwortet meine Frage nicht", stellte Jürgen fest. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir nicht geschmeichelt hat, wie er sich um mich bemüht hat. Ich meine, war schon mal jemand in mich verliebt?" – „Ähm… Lisa?" – „Lass mich ausreden. Ich weiß, was ich an Rokko habe – er ist großartig und ich kann David nur dankbar sein, dass er mich… naja in Rokkos Arme getrieben hat." – „Das beantwortet meine Frage immer noch nicht", insistierte Jürgen. Lisas Mund verzog sich zu einem verträumten Lächeln. „Ich… ich glaube schon, ja." – „Du glaubst? Und es ist nicht Mitleid – deinetwegen, weil David dich nicht wollte oder wegen Watson und seiner Krankheit?" – „Wo denkst du hin? Ja, das mit David war ein bittere Erfahrung, die vielleicht sein musste…" – „So wie die vielen Male, die er sich als Schwein entpuppt hat?" – „David ist kein Schwein, er hat sich verändert, aber ich habe jetzt Rokko. Und mit Watson hat das nichts zu tun. Also nicht so wie du denkst. Ich mag ihn, sehr sogar. Ich habe viel Spaß mit ihm und ich glaube, der Umgang mit ihm macht mich lockerer." – „Aber nicht locker genug, um die Schmuddelartikel aus der Teenie-Zeitschrift zu vergessen." Lisa bedachte Jürgen nur mit einem genervten Blick. „Wirklich helfen tust du mir mit diesem Gespräch nicht…" – „Ich habe dir gesagt, du sollst mit Rokko über deine Jungfräulichkeit sprechen." – „Jürgen!", mahnte Lisa ihren besten Freund wieder, zumal im gleichen Augenblick das Glockenspiel an der Tür erklang. „Lisa, da bist du ja." Die Stimme gehörte David. „Ich habe dich schon überall gesucht." – „Du kommst wie gerufen", meinte Jürgen grinsend. „Nachdem du Lisa in diese verzwickte Situation gebracht hast, könntest du ihr auch da raus helfen." - „Was für eine Situation?", wollte David mit fragendem Blick von Lisa wissen. „Nichts weiter", wehrte Lisa sofort ab. „Du hast mich gesucht und gefunden. Also, was willst du?" – „Ich wollte dir nur sagen, dass ich für heute Abend… also für nach der Präsentation einen Tisch für uns reserviert habe – im Wolfhardts, nur wir beide. Was sagst du?" Mit einem siegessicheren Lächeln sah David Lisa an, was diese stutzen ließ. „Ähm, so nett das auch ist, David, aber ich habe schon etwas vor. Rokko, Watson und ich, wir wollten… also…" – „Verstehe." Irgendwie wirkte David geknickt, aber nur Jürgen schien das wirklich zu merken. „Das hättest du dir doch denken können." In Jürgens Stimme schwang Vorwurf mit. „Die Zwei sind zusammen. Ist doch klar, dass sie da auch gemeinsam feiern." – „Richtig", fand David sein Selbstbewusstsein wieder. „Aber zu Kerima zurück darf ich dich begleiten, oder?" Lächelnd nahm Lisa das Angebot an.
„Es läuft gut mit Rokko?", wollte David auf dem kurzen Weg zu Kerima wissen. „Ja, sehr gut", antwortete Lisa. „Tut mir wirklich leid, dass ich dir absagen musste, aber mit der ganzen Planung für die Präsentation… wir hatten wenig Zeit füreinander und noch viel weniger Zeit für Watson", fuhr sie fort. „Das ist schon okay. Ich hätte wohl eher fragen sollen. Von welchem Problem hat Jürgen da vorhin eigentlich versprochen?" Lisas Gesicht verfärbte sich dunkelrot. „Ach, vergiss es. Es ist… ähm… nicht von Bedeutung – jedenfalls nicht für Jürgen oder für dich." David nickte verständnisvoll. „Wir sind doch trotz allem noch Freunde, oder? Wenn du reden willst, ich bin gerne für dich da."
„Als ich vorhin ging, war Hugo gerade dabei laut zu schreien", erzählte David, als er gemeinsam mit Lisa im Fahrstuhl stand. „Das hat Watson ihm gezeigt. Rokkos Sohn hat einen wirklich guten Einfluss auf Hugo. Aber es ist schon zu drollig zu sehen, wie unser sonst so piekfeiner Designer schreit, oder?", lachte Lisa und trat aus dem Fahrstuhl. Ebenso kichernd folgte David ihr und wäre fast mit ihr zusammengestoßen. „Woah", kommentierte er sein abruptes Stehenbleiben. „Hallo Herr Seidel", grüßte Rokko ihn, wobei er das mulmige Gefühl in seiner Magengrube, das ihm Davids und Lisas gemeinsames Auftreten, bei ihm auslöste, zu verdrängen versuchte. „Kowalski", meinte David nur knapp. „Alles klar für die Präsentation?" – „Ja", entgegnete Rokko. „Wir können sofort los", wandte er sich an Lisa. „Jetzt gleich?", fragte diese entsetzt. „Ja, aber mach dir keine Sorgen. Wir haben zwar die Skulpturensammlung nicht gekriegt, aber alles Andere ist bis ins kleinste Detail geplant und vorbereitet. Das wird schon klappen", ermutigte Rokko Lisa, indem er seine Hände auf ihre Schultern legte. „Okay, wenn du das sagst. Ich gehe mich nur schnell umziehen und dann können wir los."
Hugo lief auf den Laufsteg, um sich feiern zu lassen, während Lisa Rokko erleichtert um den Hals fiel. „Gott sei Dank, alles ist gut gegangen", flüsterte sie ihm glücklich zu. „Wie ich es dir versprochen habe", entgegnete Rokko selbstsicher. „Lisa, musst du deine Erleichterung so zeigen?", meckerte David aus der Reihe hinter dem Paar, das er die ganze Zeit mit Missmut beobachtet hatte. Wie sie Händchen gehalten hatten! Wie Rokko Lisa immer wieder über den Rücken gestreichelt hatte, um sie zu beruhigen! Wie gerne er das selbst getan hätte! Und jetzt noch eine Umarmung? Das war zuviel für David. „Was soll denn die Presse denken? Dass wir improvisiert haben und jetzt feiern müssen, dass nichts schief gegangen ist?" Verunsichert sah Lisa Rokko an. „Ich gebe es nur ungern zu, aber er hat Recht", meinte er bloß. „Heißt das, ich darf mich jetzt nicht einmal über die geglückte Präsentation freuen?", fragte Lisa zurück. „Doch schon, aber… naja… du bist süß, wenn du dich so freust, aber für die Presseleute ist das ein gefundenes Fressen. Versuch es ein bisschen diskreter", schlug Rokko vor.
„Danke, danke, vielen Dank", lachte Hugo nach der Modenschau in das lautstark applaudierende Publikum. Trotz des Chaos hinter den Kulissen hatten die Kleider es alle problemlos über den Catwalk geschafft. „Es gibt da ein paar Leute, denen ich gerne danken würde", fuhr Hugo fort. „Britta, meiner geliebten Frau, die viel zu früh von mir gehen musste", begann er gerührt. „Meinen lieben Mitbewohnern, aber ganz besonders Watson, der mir so viel über das Leben beigebracht hat. Deine Kopfwäschen sind noch immer die besten", wandte er sich grinsend an den Jungen, der neben seinem Vater im Publikum saß. Zufrieden drehte Watson sich zu Rokko um. „Hast du das gehört, Holmes?", freute er sich. „Ja. Ich bin stolz auf dich", entgegnete Rokko. „Ich möchte Lisa Plenske danken – es gibt da draußen wohl kaum eine Chefin, die soviel Geduld hat", fuhr Hugo fort. „Und meinem Freund David Seidel, der gerade im richtigen Moment wieder auf den Kahn aufgesprungen ist." Noch während Hugo sprach, griff David Lisas Hand. „Komm, sei nicht so bescheiden. Zeig dich der Presse", forderte er sie auf und zog sie mit sich auf den Laufsteg. Lisa konnte gerade noch so Rokkos ermutigenden Blick erhaschen. Ganz Profi lief David über den Laufsteg, gab dem einem oder anderem Model einen Kuss auf die Wange, schüttelte Hände und umarmte dann Hugo. Für ihre Verhältnisse selbstbewusst tat Lisa es ihm gleich. Am Ende des Laufstegs angekommen umarmte David Lisa. „Ähm", widersetzte Lisa sich seiner Annährung – David machte keine Anstalten, Lisa loszulassen. „Nennst du das ‚sich diskret freuen'?", wehrte sie ihn ab, als seine Lippen sich näherten. Erschrocken sowohl davon, dass er sich so wenig unter Kontrolle hatte und Lisa einfach küssen wollte als auch von der brüsken Abfuhr machte David einen Satz nach hinten. „Nein… ähm… also… Da muss wohl etwas mit mir durchgegangen sein. Tut mir leid." – „Das ist auch angebracht", flüsterte Lisa ihm ausgebracht zu. „Ich bin vergeben." – „Mach doch nicht so einen Aufstand um diese Küsschen-Händchenhalt-Beziehung", erwiderte David trotzig. Enttäuschung lag in Lisas Augen, als sie zu einer Antwort ansetzte. „Du… du… du bist es gar nicht wert, dass ich mir noch Gedanken über dich mache", platzte es ebenso trotzig aus ihr heraus. Abrupt drehte sie sich um und verließ nahezu fluchtartig den Laufsteg. Scheiße, scheiße, scheiße! Du hast es vermasselt, Seidel. Dabei warst du heute Nachmittag doch auf dem richtigen Weg. Ärgerlich betrachtete David, wie Lisa auf Rokko und Watson zuging. „Gehen wir jetzt?", wollte Watson von ihr wissen. „Ja. Hier gibt es nichts mehr zu tun. Die Präsentation ist vorbei und wir können feiern." Auf Watsons aufgedunsenem Gesicht machte sich ein Strahlen breit. „Au fein, dann habe ich euch endlich mal für mich." Wie eine kleine Familie sehen sie aus. Mutter, Vater, Kind und doch ist diese Konstellation falsch. Rokko an Lisas Seite – was hast du dir nur dabei gedacht, als du ihr gesagt hast, dass Rokko sie glücklich machen würde? So schnell er konnte, eilte David zu der aufbrechenden kleinen Familie. „Der Tisch im Wolfhardts ist immer noch reserviert. Wir könnten doch zu viert hingehen", schlug er freundlich vor. „Nee, das muss jetzt echt nicht sein, oder?", antwortete Watson sofort. „Watson!", ermahnte Rokko seinen Sohn. „Was denn? Du hast keinen Bock auf ihn, ich habe keinen Bock auf ihn und Lisa sieht auch nicht so aus, als würde sie großen Wert auf ihn legen. Wieso also unnötig Zeit mit höflichem ‚Danke, aber nein Danke'-Geplänkel verschwenden?" – „Watson hat Recht. David, wir würden lieber zu dritt feiern", ergriff Lisa das Wort. „Kommt, ich habe Hunger", fuhr sie fort. „Ich auch", verkündete Watson und griff nach Lisas Hand. „Ich würde sagen, wir probieren den Thailänder, den wir neulich entdeckt haben. Was denkst du?" – „Tja, Herr Seidel, ich würde sagen, die Entscheidung ist einstimmig. Feiern Sie schön", verabschiedete Rokko sich von Kerimas Geschäftsführer.
