14. Dezember
Erneut reichte Picard ihr den Arm und sobald Kathryn ihn ergriff wurden sie abermals durch einen Wirbel aus Zeit und Raum gezogen und Kathryn war – zu Hause. Erst in diesem Moment, als sie wieder in einem der vertrauten grauen Korridore stand und das leise Summen des Warpantriebs hörte, wurde Kathryn richtig klar, wie sehr die Voyager in den letzten sieben Jahren ihr Zuhause geworden war. Es war schön gewesen, ihr Elternhaus zu besuchen und ihre Familie wiederzusehen, aber als sie nun wieder zurück auf der Voyager war, wusste sie, hier gehörte sie hin. Die Voyager war ihr Platz, ihr Zuhause.
Picard sprach ihre Gedanken aus. „Willkommen Zuhause, Captain Janeway."
„Nun werden Sie mir also zeigen, wie meine Leute Weihnachten verbringen", stellte Kathryn fest. Ihre Gedanken wanderten zu den Familien zurück, die sie eben noch besucht hatten. Weder Tom noch Harry würden in absehbarer Zeit mit ihnen zusammen Weihnachten feiern können. Das war nicht fair.
Picard nickte. „Kommen Sie, Captain Janeway."
Picard führte Kathryn zur Krankenstation. Mühelos glitten beide durch die geschlossene Tür. Kathryn kannte die Krankenstation entweder leer oder mit zumindest einem Crewmitglied in kritischem medizinischem Zustand auf einem der Biobetten. Doch heute war es anders. In der Mitte der Krankenstation standen der Doktor, Seven of Nine und Harry Kim im Halbkreis Jeder von ihnen hatte ein Notenpult vor sich und Harry hielt seine Klarinette in der Hand. Jetzt gab der Doktor mit großer Geste den Takt vor.
"Joy to the World , the Lord is come!
Let earth receive her King;"
Klar und hell tönte Sevens Stimme durch die Krankenstation.
"Let every heart prepare Him room", übernahm der Doktor.
Dann verwoben sich seine und Sevens Stimme für die nächsten Verse.
"And Heaven and nature sing,
And Heaven and nature sing,
And Heaven, and Heaven, and nature sing."
In die letzten Töne hob Harry seine Klarinette und begann mit einem Zwischenspiel. Kathryn schluckte, das war wunderschön.
Der Doktor schien anderer Ansicht zu sein.
„Nein, nein, nein, Mr. Kim. Sie verlieren sich viel zu stark in den Koloraturen. Das Stück soll Zug haben, kommen Sie mir nicht mit romantischem Wischi-Waschi."
„Das ist kein Wischi-Waschi", verteidigte Harry sich. „Dieses Zwischenstück sollte genau so gespielt werden."
„Pah", machte der Doktor. „Nehmen Sie sich ein Beispiel an Seven of Nine. Sie verfügt nicht über Ihr jahrelanges musikalisches Training und ist trotzdem zu einer superben Leistung in der Lage."
„Mein Stimmen-Subprozessor befähigt mich zum fehlerfreien Singen komplexer Melodien", bemerkte Seven sachlich. „Ich halte es daher für unangemessen, direkte Vergleiche zwischen meinen und Fähnrich Kims musikalischen Fähigkeiten anzustellen. In der Tat fand ich Fähnrich Kims Interpretation durchaus angebracht für diesen Anlass."
„Fanden Sie?"
Kathryn sah dem Doktor deutlich an, dass er an Sevens Verstand zweifelte.
„In der Tat. Wenn ich richtig informiert bin, ist dieses Fest immer romantisch konnotiert, von daher ist Fähnrich Kims romantische Interpretation dieses Satzes dem Anlass angemessen."
„Danke Seven."
Kathryn sah, wie Harry ein wenig rot wurde. Augenscheinlich war ihr Fähnrich immer noch nicht über seine Zuneigung zu Seven hinweg.
Seven hob eine Augenbraue. „Da gibt es nichts zu danken. Wie der Doktor schon des Öfteren angemerkt hat, kann in der Musik die Perfektion manchmal auch in der Improvisation liegen."
Huch, war das ein Lächeln, dass da um Sevens Mundwinkel spielte? Kathryn war sich nicht sicher.
„Also gut, beginnen wir noch einmal von vorne", knurrte der Doktor. „Und bedenken Sie Mr. Kim, dass gerade dieses Stück neben aller Romantik auch ein wenig Pfeffer benötigt."
„Joy to the World, the Lord is come!
Let earth receive her King;"
Kathryn konnte schwören, dass Seven ihrem Part diesmal wesentlich mehr romantischen Schmelz gegeben hatte und wie sie dabei zu Harry Kim hinüber blinzelte…
"Let every heart prepare Him room,"
Der Doktor sang seinen Part jedenfalls wesentlich zackiger als eben.
"And Heaven and nature sing,
And Heaven and nature sing,
And Heaven, and Heaven, and nature sing."
Jetzt hatten sich beide wieder zusammengenommen und ihre Stimmen harmonierten wie gerade eben perfekt. Trotzdem musste Kathryn lachen.
„Meinen Sie, wir haben eben den Anfang von etwas gesehen?", fragte sie Picard, als die beiden die Krankenstation verließen.
