AN: So, jetzt kommt ein ganz niedliches, kleines Kapitelchen, das mir unheimlich viel Kopfzerbrechen bereitet hat, von dem ich aber glaube und hoffe, dass es auch trotzdem gefällt. :-D

Kapitel 14 – Nur ein Tanz

Obwohl Will und Lizzy gespannt auf Neuigkeiten waren, warteten sie die nächsten zwei Tage vergeblich, der Colonel meldete sich nicht. Dafür erreichte Lizzy eine ganz andere Nachricht. Jane schickte ihr am Mittwoch eine E-Mail und teilte ihr das Hochzeitsdatum mit. Sie saß am Abend wieder einmal mit Will zusammen und schaute ihre Mails am Laptop nach, während Will Fernseh guckte.

„Du solltest dir für das erste Wochenende im März nächsten Jahres nichts vornehmen", teilte sie ihm mit.

„Warum das denn?", fragte Will verwirrt und schaute sie an.

„Da heiraten Jane und Charles und, falls du es schon vergessen hast: Wir werden als Trauzeugen neben den beiden am Altar stehen."

„Ach ja… und ich dachte schon, du wolltest da unseren ersten Hochzeitstag feiern", witzelte er.

„Nichts gegen dich, aber ich hoffe, dass wir unseren ersten Hochzeitstag nicht feiern müssen. Bis dahin bin ich hier längst verrückt geworden."

„Kann ich mir vorstellen."

Die beiden schwiegen und beschäftigten sich jeweils mit ihren Sachen.

„Was kann man den beiden eigentlich zur Hochzeit schenken?", fragte Lizzy schließlich. „Eigentlich sollte man doch denken, dass die zwei alles haben, oder?"

„Das befürchte ich auch schon fast", antwortete Will. „Es wird definitiv schwer werden."

„Ist Charles eigentlich wirklich so reich, wie meine Mutter gesagt hat?"

„Das ist aber eine ganz schön impertinente Frage", neckte Will sie. „Und ich dachte, auf so etwas würdest du nicht achten."

„Jede Frau ist an einer gewissen finanziellen Sicherheit interessiert", sagte Lizzy und lachte.

„Dann hättest du aber zu mir sehr nett sein müssen." Will schlug jetzt in die gleiche Kerbe, solche ironischen Gespräche kamen zwischen den beiden häufiger vor. „Schließlich biete ich eine hohe finanzielle Sicherheit."

„Hey, man achtet ja nicht nur auf so etwas, hältst du mich denn allen Ernstes für so oberflächlich, dass ich nur auf Geld achte? Er sollte natürlich auch gut aussehen."

„Du stellst ja fast unmögliche Anforderungen."

„Natürlich, ich will mich ja selbst auch nicht unter Wert verkaufen", sagte Lizzy gespielt arrogant und warf spielerisch ihre Haare zurück.

„Wenn du meinst", sagte Will nur. „Aber um deine anfängliche Frage zu beantworten: Ja, er ist es. Jane hat schon einen ziemlich guten Fang gemacht, Charles gehörte bestimmt zu den begehrten Junggesellen."

„Du eigentlich auch?", fragte Lizzy.

„Natürlich, mir liegen die Frauen zu Füßen – ich erzählte es doch bereits."

„Du bist ein Macho."

„Bin ich gar nicht, ich bin nur ehrlich."

„Frauen würden sich nie so demütigen lassen, nur um sich einen reichen Mann zu angeln."

„Oh doch, das würden einige, glaub es mir. Ich kann dir Geschichten erzählen… Am schlimmsten ist Charles' Schwester Caroline." Will schüttelte sich. „Die meint, irgendein besonderes Anrecht auf mich zu haben, nur weil ich mit ihrem Bruder befreundet bin."

„Das muss echt schlimm sein, wenn einem die Frauen so nachlaufen", sagte Lizzy ironisch.

„Du musst dich darüber gar nicht lustig machen, das ist es manchmal echt."

„Du hast es schon schwer."

„Ja, das habe ich."

„Wenn die Frauen wüssten, dass du hier in Seattle eine falsche Ehefrau sitzen hast." Lizzy grinste.

„Die würden sich fragen, was du denn hast, dass du mich hast an dich binden können."

„Einen Arbeitsvertrag mit der CIA?"

„Jo, und deshalb können wir uns nach dem Ablauf dieser Mission auch wieder ganz problematisch scheiden lassen." Obwohl er das eigentlich gar nicht wollte.

„In der Tat, dann gebe ich dich wieder frei für die lechzende Damenwelt."

„Du bist zu großzügig."

Lizzy wandte sich wieder dem Laptop zu und schrieb ihre Antwort an Jane fertig.

„Muss man auf der Hochzeit eigentlich tanzen?", fragte Will.

„Natürlich, was ist das denn für eine Frage. Du musst mit der Braut tanzen und wahrscheinlich auch mit mir – und einigen anderen hoffnungsvollen Damen, Charles' Schwester wird wohl auch da sein."

„Och nee…"

„Wieso, kannst du es nicht?"

„Natürlich kann ich tanzen, ich bin doch ein britischer Gentleman, da lernt man so etwas. Ich tue es bloß nicht gerne."

„Wieso, hast du Angst, dass irgendwelche geldgeilen Frauen dich noch auf der Tanzfläche verführen wollen?"

„Haha, nein, ich mag es bloß einfach nicht."

„Wieso, Tanzen macht doch Spaß! Du hast wahrscheinlich die falschen Partnerinnen gehabt."

„Vielleicht."

Will hielt das Thema für erledigt, als Lizzy plötzlich aufstand, zur Anlage lief, eine Weile in den CDs rumkramte und dann eine in den CD-Player schob.

„Was hast du denn jetzt vor?", fragte Will neugierig.

Lizzy kam auf ihn zu. „Steh auf", sagte sie. „Ich werde mit dir tanzen."

„Wie bitte?"

„Du hast mich schon verstanden, du Tanzmuffel, wir zwei werden jetzt miteinander tanzen."

„Keine Chance."

„Ach, komm schon, jetzt hab dich nicht so. Mehr als dich blamieren und mir auf die Füße treten, kannst du doch nicht."

„Wie ich schon sagte, ich kann tanzen, ich will nur nicht." Er hatte Angst, ihr so nahe zu sein.

„Ich lasse nicht mit mir diskutieren, steh schon auf." Sie zog heftig an seinen Armen. „Und ich werde dich so lange nerven, bis du nachgibst. Komm schon, 007, oder ist das vielleicht eine unlösbare Mission für dich?", neckte sie ihn.

Schließlich gab Will nach. Er wusste irgendwie, dass sie doch keine Ruhe geben würde und außerdem hatte der Tanz mit ihr doch einen gewissen Reiz…

Als erstes kam ein schnelleres Stück, sodass ihr Körperkontakt nicht ganz so eng war, zudem musste Will, wie er merkte, sich zunächst auch noch ein bisschen auf die Schritte konzentrieren. Er war etwas aus der Übung, fand sich aber schnell wieder ein.

Lizzy lächelte ihn an. „Siehst du, es geht doch", sagte sie.

Der Umschwung kam, als das Lied endete und ein sehr viel Langsameres folgte. Unwillkürlich kamen sich die beiden näher, Will hielt Lizzy jetzt fest im Arm, sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelegt. Will wollte Lizzy gar nicht mehr loslassen. Er wünschte sich, dass das Lied nie enden möge.

Lizzy fragte sich, warum ihr Herz auf einmal so schnell schlug, es war doch nur ein Tanz… unter seinem Poloshirt konnte sie seine Muskeln spüren, sie merkte, dass er unheimlich gut roch… komisch, dass sie sich jetzt über so etwas Gedanken machte. Das war William Darcy, ihr Partner, vor etwas mehr als zwei Monaten hatten sie sich noch gehasst, und jetzt war er ein guter Freund, mehr nicht… Jetzt waren ihre Gefühle in Aufruhr geraten, sie erinnerte sich an die Szene im Flugzeug, als plötzlich sein Bild vor ihren Augen erschienen war… Er war definitiv ein toller Mann, nett, witzig, sie konnte sich seine Gesellschaft nicht mehr wegdenken. Sie war so gern mit ihm zusammen, wenn er sie anlächelte, dann wurde ihr ganz warm ums Herz, seine Grübchen waren soooo niedlich. Moment, sie hatte sich doch nicht etwa in ihn verliebt, oder?

In diesem Moment endete der zweite Song.

„Ich denke, zwei Lieder reichen, oder?", fragte Will heiser.

„Ja", sagte Lizzy leise und schaute auf.

Keiner der beiden machte Anstalten, den anderen loszulassen. Sie standen sich immer noch sehr nahe, er hatte eine Hand auf ihre Hüfte gelegt, sie ihre auf seinen Arm. Sie blickte ihm jetzt direkt in die Augen. Sie sind wirklich schokoladenbraun, dachte Lizzy und er hielt sie mit seinem intensiven Blick fest.

„Liz", sagte er leise und strich mit seinem Daumen sanft über ihre Wange, sein Atem ging nur noch stoßweise. Sie starrte ihn jetzt nur noch erwartungsvoll an, ihre Gesichter kamen sich immer näher…

Als sie sich küssten, fühlte es sich einfach nur richtig an, anders konnte es Lizzy, wenn sie es später hätte beschreiben sollen, nicht mehr sagen. Alles rund um sie herum war vergessen, alles was zählte, waren sie beide.

Es klingelte an der Tür. Die beiden schreckten auf und wurden zurück in die Wirklichkeit katapultiert. Schreckartig ließen sie einander los, als hätten sie sich verbrannt. Sie starrten sich an und wurden rot. Was hatten sie getan?? Will fuhr mit einer Hand durch sein Haar.

„Ahhhh", sagte er. „Ich gehe zur Tür" und ließ eine vollkommen verwirrte Lizzy im Wohnzimmer zurück.

Was war denn jetzt passiert?

Es war der Colonel.

„Guten Abend", sagte er, als er das Wohnzimmer betrat und sich ungefragt auf das Sofa setzte. „Nette Musik."

Er merkte sofort, dass mit Elizabeth und Will etwas nicht stimmte. „Störe ich etwa?", fragte er.

„Nein", beeilten sich die beiden zu sagen.

„Okay." Der Colonel beäugte sie kritisch, irgendetwas war anders… „Sicher?"

„Ja", antwortete Lizzy.

„Was gibt es denn?", fragte Will. Er klang irgendwie komisch und sah aus, als fühle er sich unwohl.

„Oh, ich bringe Neuigkeiten und einen weiteren Einsatzbefehl."

„Das ist schön", sagte Lizzy. Ihre Stimme klang ungewöhnlich hoch.

Wobei hatte er die beiden bloß unterbrochen?, fragte sich der Colonel. Sie waren definitiv befangen. Fühlten sie sich, als seien sie erwischt worden? Er merkte ihr Unbehagen sofort, sie mieden einander, irgendwie.

„Wohin geht's denn?", fragte Will. „Und wann müssen wir los?"

„Es geht in unsere Heimat, das liebe Großbritannien. Ich habe dort nach einigen Hinweisen eine Person ausmachen können, die uns mit noch mehr Informationen versorgen kann. Packt eure Sachen, wir fliegen morgen früh um 10."

„Gut, gibt es was besonderes, was wir wissen sollten?", fragte Elizabeth.

„Nein, alles weitere ergibt sich."

Dieses Mal entstand eine unangenehme Stille. Elizabeth starrte auf ihre Hände, Will auf den Couchtisch und der Colonel beobachtete die beiden aufmerksam. Gestritten hatten sie sich nicht, so glaubte er (richtig). Aber sie fühlten sich definitiv unwohl.

„Kann ich heute bei euch übernachten, in einem der freien Zimmer? Wir müssen ja ohnehin morgen gemeinsam los."

„Sehr gern", antworteten beide sofort. Warum hatte der Colonel bloß das Gefühl, dass die zwei auf keinen Fall miteinander alleine bleiben wollten?

„Ich werde nach oben gehen und dir ein Bett beziehen", sagte Lizzy und stand auf. „Brauchst du auch eine Zahnbürste?" Dann verließ sie hastig das Zimmer.

„Und, mit euch ist wirklich alles in Ordnung?", fragte der Colonel Will noch einmal.

„Ja", sagte Will dieses Mal etwas lauter.

„Gut, ich hatte da nur so ein Gefühl… und es ist meine Aufgabe zu fragen, wenn mir etwas auffällt."

„Das hast du ja jetzt oft genug. Es ist alles in Ordnung", sagte Will nur und verließ dann ebenfalls das Zimmer.

Man musste aber kein Geheimagent sein, um herauszufinden, dass hier irgendetwas definitiv nicht in Ordnung war.


Lizzy ging an diesem Morgen nicht joggen. Sie schaute nur eben in der Bäckerei vorbei, um Brot für das Frühstück zu besorgen, und um Charlotte mitzuteilen, dass „Ben und ich über ein verlängertes Wochenende wegfahren."

Das gleiche sagte sie zu Mrs. Phillips, die sie bat, die Zeitungen und die Post zu sammeln.

Das Frühstück verbrachten sie schweigend. Lizzy und Will brüteten noch über das nach, was am Abend vorgefallen war und der Colonel beobachtete sie aufmerksam. Was zum Teufel lief zwischen den beiden ab? Es waren doch wohl kaum jetzt starke Gefühle ins Spiel gekommen und zwar auf beiden Seiten, oder?? Will hatte gesagt, dass er sie verbergen und irgendwann vergessen würde und eigentlich traute er ihm zu, dass er dies schaffte. Schließlich war jener einer der vernünftigsten und rationalsten Menschen, die er kannte. Aber andererseits, wann hatte er Will mal so richtig verliebt gesehen?

Verdammt, dass er sich jetzt um so etwas Gedanken machen musste, das wäre ihm vor zwei Monaten noch nicht einmal im Entferntesten in den Sinn gekommen. Ihre Abneigung war so augenfällig gewesen. Dass daraus eine Freundschaft hatte entstehen können, das war ja schon ein Erfolg gewesen. Und dann seine Überraschung, als Will gesagt hatte, er hege tiefere Gefühle für Elizabeth… aber jetzt war es anscheinend komplizierter geworden.

Der Colonel merkte sehr wohl, wie beide gleichzeitig nach der Marmelade griffen und sich ihre Finger berührten. Sie zogen sie so schnell zurück, als hätten sie einen Stromschlag bekommen und blickten sich schuldbewusst in die Augen.

Okay, das war jetzt wirklich ein Grund zur Sorge…