A/N: Willkommen im Kapitol, meine Lieben! Ich entschuldige mich für die lange Funkstille, private Angelegenheiten haben mich aufgehalten. Dabei habe ich die Zeit aber genutzt und diese Geschichte endlich zu Ende geschrieben – die letzten Kapitel kommen jetzt also etwas zügiger. Wenn ihr das neue Kapitel lest und euch fragt, was es für ein Schwachsinn ist – bedenkt bitte, dass diese Geschichte in erster Linie eine Tragödie ist, und zwar Cloves Tragödie. Vielleicht hilft das etwas beim Verstehen. – Viel Freude beim Lesen!
XIV
Das Kapitol war alles, was sie sich vorgestellt hatte, und noch mehr.
Bunt und laut und voller Dinge, die keinen Nutzen zu haben schienen.
Nun, es war nicht nur der Schein, wie sie später feststellte, als sie vor einem großen, hellvioletten Gebilde stand. Mitten im Foyer, geformt nach nichts, was Clove jemals schon gesehen hätte, war es monströs und vollkommen dysfunktional.
Was nur war der Grund, einen solchen… einen solchen Gegenstand mitten im Raum abzustellen? Bei näherem Betrachten entdeckte sie eine kleine Plakette, auf der ein Name und eine Jahreszahl standen, nichts Weiteres. Nichts, was darauf schließen ließ, welchen Zweck, welchen Vorteil das große Objekt erfüllte.
In Cloves Leben hatte bisher alles einen Zweck, einen Vorteil erfüllt.
„Schickes Ding, was?", fragte Brutus, hinter ihr stehend und die Stimme von Sarkasmus triefend. „Vor zwei Jahren stand hier noch was anderes."
Clove drehte sich zu ihm um und war kurz versucht zu fragen, um was es sich handelte. Und warum nur man etwas herstellen, etwas besitzen würde, was so offensichtlich keine Funktion erfüllte. Doch sie besann sich eines Besseren; die Zeit des Lernens war für sie vorbei.
Jetzt war nur noch die Zeit, ihr Wissen anzuwenden.
Und das tat sie.
An Catos Seite betrat sie später am Tag den Raum des ersten Gruppentrainings, als der Minutenzeiger die volle Stunde verkündete.
Es dauerte zwei volle Minuten. Siebzehn ihrer Atemzüge. Sie hatte sie innerlich mitgezählt, während sie im Hintergrund stand, noch weit hinter den anderen. Einhundertundzwanzig Sekunden genügten Cato, um allen klarzumachen, wer in diesen Spielen die Allianz der Karrieretribute anführen würde. Wer der Favorit dieser Spiele sein würde.
Als der Minutenzeiger seine Runde zum ersten Mal vollendete, zog er sie beiseite und fragte sie nach ihrer Meinung zu den anderen Tributen. Gefährlich, schwach, trainiert; Waffenvorliebe; Vorteile für ihre Allianz. Nach einem durch Training und Kampf bestimmten Leben fielen ihr die Einschätzungen so leicht wie das Atmen.
Und als einer der Trainer ihren Namen rief, um sie zu einer neuen Gruppenübung aufzufordern, sorgte sie dafür, dass die Messer, die sie als einzige Antwort über ihre Schulter warf, die Form eines Menschen auf der Wand nachbildeten. Praktisch, dass die Augen der anderen auf sie gerichtet waren.
Es war doch so einfach, Angst hervorzurufen.
Zwei volle Runden des Minutenzeigers, nachdem sie die Halle betreten hatten, lachte Clove schon zusammen mit Cato und Glimmer über einen von Marvels abfälligen Kommentaren. Seine Überheblichkeit würde ihm das Leben kosten, aber bis dahin würde er ihrer Gruppe von Nutzen sein. Die Tribute aus Distrikt 1 waren in den Regel körperlich fit und gut an ihren Waffen trainiert – doch ihnen fehlte stets die sterile Kaltblütigkeit, mit der zukünftige Tribute in Distrikt 2 erzogen wurden.
Sterile Kaltblütigkeit, die Sieger formte.
Macht und Stärke, die Cato wie ein unsichtbarer Schatten umgaben, sorgten noch vor Ende der ersten Trainingseinheit für angstverzerrte Gesichter bei den schwachen Tributen. Sie selber nutzte etwas gezielten Spott, ein wenig zur Schau gestellte Arroganz und Häme, um die anderen einzuschüchtern.
Die Spiele hatten schließlich schon längst begonnen.
…
Nächte später erwachte sie, totenstill und mit rasendem Herzen.
Es waren Schatten, die sie holen kamen. Schatten, groß und formlos. Und nur einen Hauch, bevor sie sie erkennen konnte, wachte sie auf. Vor Jahren noch weinend, dann schreiend und irgendwann nicht einmal mehr das.
Angstschreie waren nach allem eine ultimative Schwäche; eine Schwäche, die sie sich nicht erlauben konnte.
Und so starrte sie minutenlang in die Finsternis des Raumes, darauf wartend, dass sich ihre Atmung und ihr Puls wieder beruhigten.
Ein Arm lag schwer um ihre Taille, hielt sie nah an einen harten Körper gepresst. Sie musste sich trotz des abrupten Aufwachens nicht für eine Sekunde fragen, wer dort hinter ihr schlief, und allein das sagte wohl schon alles, nicht wahr? Fast fühlte es sich an, als würde die Hitze, die er verströmte, in ihre Haut dringen, auch sie erwärmen, bis sich die letzte Kälte des Traumes zurück in die Dunkelheit zog.
„Wie spät ist es?" Catos Stimme war rau vom Schlaf.
Sie warf einen Blick auf die an der Tür leuchtende Anzeige. „Zwanzig vor fünf."
„Dann schlaf weiter", kam die heisere Antwort, während er sie noch etwas näher an sich zog.
Doch Clove schüttelte sanft den Kopf, seufzte und wandte sich dann aus seinen Armen, um aufzustehen. Schlaf würde sie jetzt sowieso nicht mehr finden.
Sie öffnete die Tür zu dem Bad, das ihre beiden Zimmer verband. Eine kurze Dusche, danach rein in die uniformen Trainingssachen, die alle Tribute trugen. Leicht und funktional, wie sie es von jeher gewohnt war – wenigstens etwas, was das Kapitol zu verstehen schien.
Das helle Licht im Aufenthaltsraum ließ sie nach dem gedimmten Lampenschein ihres Zimmers die Augen zusammenkneifen.
Brutus lehnte am großen Panoramafenster, das Telefon am Ohr, und sie fragte sich, ob er wohl jemals schlief. Bei ihrem Eintreten blickte er auf und hob lautlos eine Hand zur Begrüßung, bevor er sich wieder seinem Gespräch widmete. Clove hörte mit halbem Ohr zu, während sie sich ihr Frühstück zubereitete. Anweisungen und Regelungen, die Lyme als Koordinatorin der Trainingszentren in Distrikt 2 mit Brutus beratschlagte, ließen sie schnell abdriften.
In der Mediathek suchte sie nach den Finalaufnahmen der letzten Spiele und während diese über den Bildschirm liefen, löffelte sie ihr geschmacksloses, aber perfekt ausgewogenes Frühstück und lehnte sich auf der Couch zurück.
Brutus hatte längst aufgehört zu telefonieren, als die ersten Todesschreie durch den Raum hallten, doch blickte er nur weiterhin aus dem Fenster, dem sich langsam erhellenden Himmel entgegen.
Clove aß ungerührt weiter. Das Töten würde ihr nichts ausmachen – darüber war sie sich jetzt ziemlich sicher. Jetzt, wo sie wusste, was sie zu erwarten hatte. Und das blutige Spektakel im Fernseher schreckte sie schon lange nicht mehr ab; ihre Ausbildung war makellos gewesen. Sie hatte die Aufnahme, wie auch alle anderen existierenden Spieleaufzeichnungen, wieder und wieder und wieder gesehen und konnte noch im Schlaf sagen, was als nächstes geschehen würde. Welche Fehler gemacht wurden.
Es war daher auch die Langeweile, die ihren Blick abschweifen ließ, aus dem Zimmer in eine nie enden wollende Stadt. Die Sonne ging hinter einer durchlässigen Wolkendecke so langsam auf, dass es unmöglich war, die Grenze zwischen Nacht und Tag zu ziehen.
Grausame Schmerzensschreie zerrissen die sonst so monotone Geräuschkulisse; es war der Endkampf, in dem nur einer überleben konnte.
Am Ende schrien sie alle. Das war eine der unumstößlichen Lektionen, die Clove gelernt hatte. Und in den vergangenen Spielen war es besonders bestialisch zugegangen.
Durch eine Wolkenlücke schickte die Sonne ihre Strahlen durch das blitzende Fensterglas. Helles Licht traf ihr Gesicht, ließ sie blinzeln und lockte ihr ein Lächeln hervor, während auf dem Bildschirm das weibliche Tribut aus Distrikt 4 qualvoll verblutete.
Das männliche Tribut aus Distrikt 8 stand daneben, sein Lachen vermischte sich mit ihrem Wimmern.
Das Lachen erklang noch immer, als er schließlich zum Sieger proklamiert wurde.
Was folgte, war Stille.
Bis Brutus sich abrupt zu ihr herumdrehte und sie lange schweigend musterte, in seinen sonst so kalten Augen kaum verhohlene Emotionen.
„Du machst mich stolz, Clove."
Unauffällige Worte, die ein Beobachter in dieser Situation nicht bemerkenswert gefunden hätte. Doch hielten sie eine ganz andere Bedeutung.
Und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, sie zu verstehen.
…
Sie lief die Zimmerlänge auf und ab und spürte Catos Blick auf sich, der, auf dem farblosen grauen Teppich sitzend, den Rücken gegen die Wand gelehnt hatte.
Clove konnte am besten denken, wenn sie in Bewegung blieb.
„Thresh könnte gefährlich werden. Keine besonderen Fähigkeiten, dafür aber gute Voraussetzungen."
„Sehe ich auch so", stimmte Cato ihr zu. „Am einfachsten wäre es natürlich, wenn wir eine Landschaft mit möglichst viel Wasser bekämen. Mindestens die Hälfte von denen kann nicht schwimmen."
Sie schüttelte den Kopf. „Eher unwahrscheinlich." Natürlich war es unwahrscheinlich; statistisch gesehen lag die Wahrscheinlichkeit bei 6 %. Und da sie die Zahl kannte, kannte er sie mit Sicherheit auch. „Glimmer?"
Cato zuckte die Achseln. „Ganz solide, aber zu vernachlässigen. Zu überzeugt von ihrem Können, dabei ist sie mit dem Speer nur durchschnittlich und mit dem Schwert in der Hand der reine Witz."
Dass neben ihm praktisch jeder mit einem Schwert in der Hand schwach aussah, erwähnte sie nicht.
Er musste es eh wissen.
Was die Einschätzung von ihrem Konterpart aus Distrikt 1 anging, stimmte sie ihm jedenfalls zu. Anders hingegen– „Und Marvel?" Sie gab sich die Antwort gleich selbst, hatte schließlich auch Stunden um Stunden mit Beobachtungen verbracht. „Auf den sollten wir eher achten – scheint, als hätten die aus 1 endlich mal wieder jemand Vernünftigen gefunden." Sie hatte zumindest noch keine Schwachstelle an ihm entdecken können.
Allgemeines Geplänkel. Austausch von Informationen, die so offensichtlich waren, dass sie sie innerhalb der ersten zehn Minuten gesammelt hatten. Das war zu erwarten, ja – wurde erwartet. Doch sie wusste, dass jeder Schritt weiter die Unterzeichnung des eigenen Todesurteils bedeuten konnte. Denn vielleicht waren sie jetzt noch eine Einheit, doch einige Tage, einige Nächte, und sie würden einander bis zum Tode hetzen.
Und dennoch war dies nicht der einzigen Grund, weshalb seine nächsten Worte sie zum Stillstand brachten, in jeder Hinsicht.
„Marvel ist ohne Waffen hilflos wie ein Baby", begann er und trotz seiner Wortwahl sprach eine nüchterne Analyse aus seiner Erklärung, „und er tendiert dazu, seine Speere zu schnell zu verfeuern. Biete ihm ein sicheres Ziel, dann hast du ein gutes Zeitfenster, ihn ohne Deckung zu erwischen." Sie hatte sich umgedreht, starrte ihn an, doch er hatte seinen Blick auf den Boden gerichtet. „Glimmer ist körperlich schwach und nicht hellhörig genug; Anschleichen ist bei ihr ein Kinderspiel. Samuel ist flink, aber unsicher und ein schwacher Nahkämpfer – Thresh…" Er brach ab, schien zu überlegen. „Halt dich von ihm fern. Von Weitem dürftest du gute Chancen haben, oder nutz den Zeitpunkt, wenn die Kleine aus seinem Distrikt das Zeitliche segnet. Ich bin mir sicher, dass er nicht von ihrer Seite weichen wird", und seine Worte klangen abschätzig genug, um erkennen zu geben, was genau er von emotionaler Schwäche hielt.
Clove presst die Lippen zusammen. Sie hatte bisher nur die Hälfte dieser Schwächen ausmachen können – und mit ihrer Offenbarung einen unbezahlbaren Vorteil erhalten.
Und das war falsch. Sollte falsch sein. Verdammt.
„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, Cato."
Er gab nicht einmal vor, sie misszuverstehen und lachte trocken. „Ich glaube, die Zeit für gute Ideen ist vorbei. Und wo wir gerade dabei sind", fuhr er fort und stand auf, „schau dir mal die beiden aus Distrikt 12 genauer an. Bei ihr bin ich mir nicht sicher, aber er scheint zumindest fähiger als die anderen Verlierer-Distrikte zu sein."
Clove nickte und dachte an ihre Messer. Dachte an die Seen von Blut, die den Boden tränken würden.
Und die Gedanken über den Tod verließen den Raum trotz der Stille nicht, wie sie auch ihre ständigen Begleiter blieben.
Doch für diese Nacht würden sie keine Worte mehr darüber verlieren, als Cato hinter sie trat und sie an sich zog. Ihre Körper passten perfekt zusammen, dachte sie, als sie sich gegen ihn lehnte. Für eine lange Zeit schauten sie nur aus der breiten Fensterfront herunter auf die schlafende und ewigleuchtende Stadt. Clove lauschte seinem gleichmäßigen Herzschlag, kam selber dadurch zur Ruhe.
Sie wollte ihn fragen, so viel über ihn wissen, Wünsche und Ideen und Träume. Doch sie sprachen niemals über die Zeit nach den Spielen.
Sprachen nicht über die Zeit, die sie niemals zusammen erleben würden.
Und so schloss sie die Augen, ließ den Moment Ewigkeit werden.
