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Athenodora tauchte mit Felix als Eskorte bei mir auf, als draußen bereits die Sonne unterging.

„Ich habe eine Überraschung für dich, meine Liebe!", verkündete sie.

„Wirklich?" Ich rang mir ein Lächeln ab. Was war das nur für eine Besessenheit mit Überraschungen, die alle Volturi befallen hatte?

Athenodora schnappte sich meinen Arm, hakte sich bei mir unter und schleifte mich aus meinem Quartier. Wir verließen das Palais, doch anstatt in die Hauptburg schlug sie den Weg zum rechts gelegenen Gebäude ein, wo sie und Caius residierten.

„Ich habe mich durch die viele Zeit mit dir an Carlisle erinnert. Was für wundervolle Jahre es waren, die er uns Gesellschaft leistete! Also beschloss ich, dass wir den Glanz von damals ein wenig wiederaufleben lassen könnten!"

Was zur Hölle hat sie vor? ging es mir durch den Kopf.

Athenodora führte mich zu ihren Privatgemächern und weiter in einen Ankleideraum, in dem – stilecht und original aus der Mitte des 18. Jahrhunderts – Toilettentische, Kleiderpuppen und goldgerahmte Standspiegel versammelt waren.

Jane stand auf einem Podest und wurde von zwei anderen Vampirfrauen gerade in ein schwarzes, über und über mit Brüsseler Spitze und Onyxsplittern besticktes Schneidermeisterwerk eingeschnürt.

Ich blieb wie angewurzelt an der Türschwelle stehen.

Neben mir klatschte Athenodora begeistert in ihre Hände. „Ich gebe heute Abend einen Ball zu deinen Ehren, Renesmee! Was sagst du dazu?!" Ohne Punkt und Komma setzt sie hinzu: „Ich sehe schon, du bist sprachlos! Jane, Liebes, du siehst umwerfend aus!"

„Danke, Herrin.", flötete Jane. Der Blick, den sie mir mit ihren blutroten Augen zuwarf, besagte entweder, dass sie Korsette hasste, oder dass sie mir am Liebsten wehtun würde dafür, dass sie wegen mir gezwungen war, ein Korsett zu tragen.

Ich ließ Marcus' Brief sinken, als es an meiner Tür klopfte. Die Schicksalsstunde war gekommen.

Wenn ich von dem Ball gewusst hätte, hätte ich ihn Athenodora ausgeredet," schrieb er. „Es ist zu lange her, seit sie das letzte Mal jemanden verloren hat, als dass sie sich noch daran erinnert, was Trauer ist."

Gina stand vor der Tür und begleitete mich durch den Palast zu Athenodoras Ankleideraum.

Die Vampirkönigin stand nun selbst auf dem Podest und ließ letzte Änderungen am Saum ihres Kleides vornehmen. Ihre ausladenden Röcke waren aus rubinroter Seide gefertig und wurde am Saum von winzigen weißen Röschen und goldenen Stickereien geschmückt. Weiße Spitze zierte das Dekollete und die Ärmelaufschläge.

Athenodora stieg vom Podest herab und küsste mich auf beide Wangen. „Gianna wird dir beim Ankleiden helfen", bestimmte sie.

Ich hatte zwei Kleider zur Auswahl, als ich barfuß und in einem dünnen Untergewand aus Seide selbst auf dem Podest stand. Das erste Kleid war smaragdgrün und mit Obsidian und Goldbrokat bestickt, das zweite Kleid war taubenblau und mit Diamanten und Silberfäden verziert.

Ich wählte das erste, weil es mir besser zu meiner rotbraunen Haarfarbe passen zu schien.

Es stellte sich bald heraus, dass Gianna genauso wenig wie ich jemals ein Kleidungsstück dieser Machart aus der Nähe gesehen, geschweige denn, am eigenen Körper getragen hatte. Kein Wunder, da sie so jung wie ich war.

Ich verstand zwar, dass der Rock und die Ärmel irgendwie mit dem Korsett verschnürt werden sollten, hatte aber keine Ahnung, wie.

„Benötigst du Hilfe, Renesmee?", erkundigte sich Athenodora. Ihre eigene Dienerin frisierte sie mit hunderten rubinbesetzter Haarnadeln. „Jane, Liebes, wärst du so nett?"

Jane hob ihre Röcke und glitt vom Schminkspiegel, wo sie ihre Augen schwarz umrandet hatte, zu mir.

„Lass mich dir helfen, Renesmee." Jane lächelte zuckersüß über meine Schulter in den Spiegel und nahm die Bänder meines Korsetts in ihre Puppenfinger.

Wenige Minuten später wusste ich, dass sie nicht nur durch ihr Talent foltern konnte. Meinen Protest, dass ich im Unterschied zu allen anderen hier tatsächlich noch in dem Kleid atmen können sollte, hatte sie selbstverständlich ignoriert. Wäre ich mehr als nur zur Hälfte ein Mensch, sie hätte mir jede Rippe einzeln gebrochen. Da ich ein Halbvampir war, knackten meine Rippen lediglich, als Jane mich anwies, mich vor einem der Frisierspiegel niederzulassen.

Ich schickte ein stummes Dankgebet gen Himmel, dass Alice mich mit aufwändigen Frisuren gequält hatte, seit ich ein kleines Mädchen gewesen war, denn ansonsten hätte ich wohl das eine oder andere Mal aufgequiekt, als Jane meine Kopfhaut attackierte. Sie bürstete meine Haare so energisch, dass man hätte meinen können, sie wolle sie mir einzeln ausreißen. Was sie dann jedoch mit meinen einzelnen Strähnen anstellte, die sie mit einem Lockenstab in üppige Wellen legte, war sensationell. Die Locken fasste Jane mit wenigen Nadeln zu einem voluminösen Knoten zusammen, während sie die übrigen offenen Haare über meine linke Schulter nach vorne fallen ließ. Zuletzt steckte Jane zwei goldene Kämme, die mit hellblauen Blüten besetzt waren, von unten an der rechten Seite meines Hinterkopfes fest, und entfernte sich, ohne mich noch eines weiteren Blickes zu würdigen, zu ihrem eigenen Schminkspiegel zurück.

„Danke für deine Hilfe." sagte ich. Natürlich konnte Jane mich hören, doch sie ließ es sich nicht anmerken. Ich unterdrückte ein Seufzen und begann mein eigenes Makeup aufzulegen.

Es waren schon anderthalb Stunden in Athenodoras Ankleidezimmer vergangen, und kein einziges Mal hatte ich während dieser Zeit an Jake gedacht, fiel mir ein als ich goldenen Lidschatten auf mein linkes Oberlid auftrug. Meine Hand begann zu zittern und ich musste den dünnen Pinsel sinken lassen. Ich fühle mich schuldig, so schuldig als wäre mein schlechtes Gewissen ein eisiger Windstoß, dessen Kälte mir unter die Haut kroch. Jake war tot und ich hatte mich von Athenodora so weit bringen lassen, dass ich nicht mehr an ihn dachte. Carlisles Warnung drängte sich in meine Gedanken. War es Athenodoras Absicht, mich mit ihrem Ball und anderen Belustigungen an Volterra zu gewöhnen? Wollte sie mir so den Posten in der Wache schmackhaft machen?

Aro bot mir Macht an, Caius Reichtum und Kulturgüter, und Athenodora Vergnügungen? War das ihr Plan um mich anzuwerben?

Zusammen mit dem Lippenstift zauberte ich ein Lächeln auf mein Gesicht und dachte, ich wäre nun gewappnet für Athenodoras Ballnacht.

Athenodora schnappte sich meine Hand und hakte sich bei mir unter. Jane heftete sich an unsere Fersen, als Athenodora mich einen Korridor entlang führte. Am Ende des Ganges erwarteten uns Aro mit einer schwarzhaarigen Frau an seiner Seite, die wohl Sulpicia sein musste, dazu Caius und Alec.

Caius stellte den Counterpart zu seiner Gemahlin dar: Er trug ein weißes Hemd und eine gebauschte Spitzenkrawatte, darüber eine perlrubinrote Samtweste, sodann cremefarbene Kniebundhosen, weiße Strümpfe und schwarze Schuhe mit Absätzen. Sein blondes Haar wurde von einer schwarzen Samtschleife zusammengehalten.

Aro und Sulpicia waren in dunkles Silbergrau gekleidet, das wiederum mit schwarzer Stickerei und Diamantsplittern verziert war. Aro stellte mir seine Gefährtin auf Latein vor. Eine neue Schikane, ein neuer Test? Meine Antwort war ein gelogenes: „Nice to meet you."

Mir wurde bald klar, dass wir die volle Stunde abwarteten, um sozusagen feierlich in den Saal einzuziehen. Die hochrangigsten Gäste, und erst recht die erlauchten Gastgeber, erschienen nach uraltem Protokoll zuletzt auf der eigenen Party.

Marcus traf bei uns ein, als Athenodora schon langsam ungeduldig wurde. Er war gekleidet in einen preußisch-blauen Samtfrack, darunter eine smaragdgrüne Weste und ein weißes Hemd. Irgendwo zwischen Erstaunen und Amüsement bemerkte ich, dass ich ihn heute zum ersten Mal feste Schuhe tragen sah. Dann machte sich Verärgerung bemerktbar, als ich erkannte, dass Athenodora es arrangiert hatte, dass der dritte der Könige farblich zu mir passte.

Auf Athenodoras Kommando hin setzte sich Alec in Bewegung und öffnete die Flügeltüren des Saales, vor dem wir gewartet hatten. Im Saal begannen ein Vampir-Streichorchester und ein Cembalo zu spielen und Alec verkündete unsere Namen.

Die Könige bestiegen ihre Throne, und auch Sulpicia nahm auf einem Thronsessel Platz, der neben dem ihres Mannes platziert worden war.

Athenodora blieb bei mir und forderte mich selbst zum allerersten Tanz, einem Walzer, auf, um mit mir den Ball zu eröffnen.

„Heutzutage ist es ja akzeptabel, dass zwei Frauen miteinander tanzen, nicht wahr?", lachte sie, als seien wir beide seit Jahren beste Freundinnen.

Ich überstand den Tanz und obwohl ich mich danach am Liebsten den noch immer neugierigen Blicken aller Anwesenden entzogen hätte, ergab ich mich auch dieser Tortur. Athenodora winkte Felix und Demetri herbei, die nun mit ihr und mir tanzen sollten.

Ich bekam Felix ab, der mich in seinem blau-goldenen Anzug mit den Goldknöpfen an das Biest aus dem Disney-Film erinnerte. Ich zwang mich daran zu denken, wie oft ich Jake dazu gebracht hatte, den Film mit mir anzusehen. Wie ich als kleines Mädchen zu ihm gesagt hatte, dass wir beide eines Tages heiraten würden wie Belle und das Biest. Wie Jake gelächelt hatte. „Abwarten, Nessie, abwarten", hatte er gelächelt und mein Haar geküsst.

Felix's Lippen auf meinem Handrücken holten mich in die Gegenwart zurück. Er raunte in einem Tonfall, den er wohl für verführerisch hielt: „So schnell sehen wir uns also wieder, schöne Frau.", während seinen Arm um meine Taille legte.

Ich beugte mich zu ihm vor und flüsterte ihm während der ersten Tanzschritte ins Ohr: „Willst du herausfinden, wie schnell ich dir in die Eier treten kann?"

Felix schwieg für den Rest des Tanzes.

Demetri, der mit Athenonodra an uns vorbeiwirbelte, wurde von Caius abgelöst und tanzte nun mit Heidi.

Alec forderte mich ebenfalls auf. Er war kleiner als ich, aber größer als seine Schwester Jane.

„Hast du bereits bemerkt, dass eine jede Frau die Farbe ihres Partners trägt?", erkundigte er sich.

Als ob mir das entgangen wäre… Ich nickte und errötete vor Wut, als ich daran dachte, dass Athenodora mich Marcus zugeordnet hatte.

Wie mein Gehör mir verriet, war nun nicht mehr nur meine Kleidung, sondern auch mein Erröten die Zielscheibe der allgemeinen Tuschelei.

Mit Alecs Hilfe schaffte ich es, mir weitere Tanzanwärter vom Leib zu halten. Nach unserem Tanz geleitete er mich zu einem Tisch und setzte sich schweigend neben mich. Wenn Alec nicht gerade im Auftrag der Könige Aro und Caius unhöflich war, war seine Gesellschaft beinahe als erträglich zu bezeichnen. Entweder war er wirklich weniger gestört als seine Schwester, oder er war verdammt gut darin vorzutäuschen, er sei ein normaler junger Mann.

Athenodora tanzte mit Caius und diversen anderen Männern aus der Wache, während Aro nur mit Sulpicia an mir vorbeiwirbelte.

Marcus tanzte nicht und niemand versuchte, ihn aufzufordern.

Auf ein Zeichen von Athenodora hin verstummte die Musik. Nach einigen Worten darüber, dass sie mich in der Burg willkommen hieß und sich freue, dass ich die Einladung zu dem Ball zu meinen Ehren angenommen habe, lächelte sie und verkündete:„Kommen wir zum besonderen Teil des Abends."

Vor meinem inneren Auge sah ich bereits, wie meine schlimmsten Befürchtungen wahr wurden und sich Szenen wie zu Carlisles Zeiten hier in Volterra wiederholen würden. Jetzt würden gleich ahnungslose Menschen in den Saal hereingetrieben und das Büffet eröffnet werden. Bei dem Gedanken an das Blutbad, das Carlisle beschrieben hatte, drehte sich mir der Magen um.

Entgegen meiner Befürchtungen geschah nichts dergleichen. Die Vampir-Band spielte ein Menuett an.

Marcus erhob sich zum ersten Mal, seit er den Ballsaal betreten hatte, und blieb vor mir stehen. Er reichte mir seine Hand und nach einer halben Sekunde Schreckstarre begriff ich, dass er mich zum Tanz aufforderte. Ich stand mit zitternden Knien auf.

„Ich habe keine Ahnung, wie die Schritte gehen!" wisperte ich so leise ich konnte.

Ein sanftes Lächeln erschien in Marcus' Mundwinkeln. „Unter deinem langen Kleid wird das keiner bemerken. Lass dich einfach von mir führen."

Marcus geleitete mich neben Athenodora und Caius, wo wir für den Tanz Aufstellung nahmen. Marcus flüsterte mir die Schritte zu, während ich noch immer wackelige Knie hatte.

Ich lief weder in die falsche Richtung, noch rempelte ich jemanden an. Mit festem Griff dirigierte mich Marcus in die nächste Bewegung, wann immer wir uns berührten.

Anschließend erkundigte er sich: „War es so schlimm?"

„Nein, es war eigentlich ganz okay," stammelte ich. „Interessant. Ich habe noch nie so getanzt."

„Wollen wir uns setzen?" Als ich nickte, befahl Marcus, dass für mich einer der Stühle neben seinem Thron auf dem Podest aufgestellt wurde.

Athenodora reagierte darauf mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem kleinen Lächeln; Sulpicia warf mir einen sehr verächtlichen Blick zu, der unmissverständlich klar machte, dass sie mich für eine Hure hielt.

Marcus ließ von einem Vampirdiener Sekt für mich bringen. Auf dem Etikett der Flasche im Eiskühler erkannte ich das Weingut wieder, auf dessen Gelände wir gejagt hatten. Marcus schenkte in beide Kristallgläser ein, die sich auf dem Tablett befanden, und reichte ein Glas an mich weiter. Er prostete mir mit seinem Glas zu. „Auf deine Gesundheit, Renesmee."

Er wartete ab, bis ich einen kleinen Schluck getrunken hatte, danach stellte er seine eigene Sektflöte unberührt auf dem Tablett ab.

Die Augen aller beobachten uns. An eine private Unterhaltung war ohnehin nicht zu denken, also versuchte ich es gar nicht erst.

„Ich nehme an, im Gegensatz zu meiner Familie musstest du nie vortäuschen, dass du isst oder trinkst", sagt ich.

„Nein, niemals", entgegnete Marcus, und damit war unserem Empfinden nach beiderseits dem Zwang zum Smalltalk Genüge getan.

Aro führte Sulpicia an ihren Platz zurück, und ließ sich selbst kurz nieder, direkt neben mir, ehe er mich um den nächsten Tanz bat.

Mir war sofort klar, dass er meine Hand berühren wollte, aber so sehr ich mich auch anstrengte, mir kam keine Ausrede in den Sinn, den Tanz abzulehnen. Aro würde nur einen anderen Vorwand finden, mich anzufassen.

Auf dem kurzen Weg vom Podest hinab zur Tanzfläche wappnete ich mich, mein eigenes Talent zu verwenden.

Bereits in der Sekunde, als Aro meine Hand in seine nahm, begann er, Bilder aus meinem Kopf zu ziehen. Ich hielt dagegen so sehr ich konnte. Es waren meine Bilder, ich wollte sie bei mir behalten, statt sie zu zeigen.

Aro hatte kaum mehr gesehen als was ich am Morgen zum Frühstück gegessen hatte, als der Fluss der Bilder abriss.

Aros Verärgerung war überdeutlich, als erst seine Schritte stockten und wir dann ganz aufhörten zu tanzen. Um uns herum wirbelten noch immer die anderen Paare, jedoch starrten uns die meisten unverblümt an.

Angesäuert stellte Aro fest: „Also hast du einen Teil der Fähigkeit deiner Mutter geerbt, jedenfalls, was mich anbelangt."

Ich entzog ihm ruppig meine Hand. „Ich habe nur mein eigenes Talent benutzt, um deines zu unterbinden. Mir wurde beigebracht, dass ich mein Talent niemandem aufzwinge."

Mein letzter Satz brachte sogar die Musiker zum Verstummen. In dem eisigen Schweigen, das nun um Aro und mich herum herrschte, hätte man den Bodenkontakt einer herabsinkenden Feder hören können.

Blanker Zorn blitzte in Aros Augen. Ich war mir sicher, dass ich nun zu weit gegangen war.

Wenn Aro meinen Tod wollte, braucht er nur die Hand nach mir auszustrecken, um mir das Genick zu brechen.

Einen Lidschlag später war der furchtbare Moment auch schon wieder verstrichen.

Marcus trat rasch zu uns, während die anderen Gäste einen Kreis um Aro und mich bildeten. In der vordersten Reihe stand Jane rechts hinter Aro, ihren Blick auf mich geheftet; neben ihr Caius und Athenodora.

Marcus sah nicht mich an, sondern zuerst Aro, dann mit einer deutlichen Drohung in seinen vor Verärgerung dunkelroten Augen Jane. Nach einigen angespannten Sekunden, in denen bereits die ersten Tuscheleien gezischt wurden, bot Marcus mir seinen Arm ein. Mit ruhiger, autoritärer Stimme sprach er: „Renesmee und ich werden den Ball nun verlassen. Guten Abend allerseits."

Mit einer eleganten Neigung seines Kopfes in Richtung seiner Brüder und deren Frauen geleitete er mich hinaus.

Uns folgten geflüsterte Bemerkungen von Neugier bis zu Gehässigkeit: „Hört nur, wie ihr Herz schlägt!" – „Meinst du, sie schläft mit Marcus?"

Vom Ballsaal drang die Orchestermusik zu uns, als wir auf den Innenhof traten, und überdeckte die aufkommenden Gerüchte.

Marcus steuerte mich am Ellenbogen auf die Freitreppe des Palais zu, doch ich schüttelte den Kopf.

„Bitte, Marcus, lass uns an der frischen Luft bleiben", drängte ich. Ich brauchte Sauerstoff, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.

Er veränderte unsere Richtung, bis wir in den unbeleuchteten Teil des Gartens gelangten. Honigsüßer, schwerer Rosenduft hing noch von der Hitze des Tages zwischen den Stauden. Das Gras war schon von winzigen Tautropfen bedeckt.

Ich versuchte mich mit tiefen Atemzügen zu beruhigen, doch es gelang mir nicht, genügend von der kühlen Nachtluft in meine Lungen zu bekommen. Das verdammte Kleid war viel zu eng! Ich erreichte nur, dass meine Aufregung sich zu einem leichten Anflug von Panik steigerte.

Marcus blieb dicht bei mir stehen, gab aber meinen Arm frei, mit dem ich mich bei ihm eingehakt hatte. Erst jetzt bemerkte ich, wie weich meine Knie noch immer waren.

„Nessie?" Ich fühlte die Hand von Marcus auf meinem Rücken. „Kann ich dir irgendwie helfen?"

„Nein. Ich brauche nur ein wenig Luft", presste ich zwischen dem Luftholen hervor. Verdammtes Kleid! Verdammte Jane!

Die Position von Marcus' Hand auf meinem Rücken veränderte sich. Ich fühlte für etwa eine halbe Sekunde, wie er der Länge nach von oben nach unten Druck entlang meiner Wirbelsäule ausübte. Ich hörte, wie Stoff riss. Plötzlich konnte ich ungehindert atmen.

Marcus hatte mit dem Fingernagel die Schnürung des Korsetts aufgeschlitzt, dämmerte mir nach einigen Augenblicken.

„Besser?", erkundigte er sich besorgt.

Ich nickte.

Marcus entfernte sich einige Schritte von mir und setzte sich auf eine steinerne Bank. Er legte seine Hände flach auf seinen Oberschenkeln ab und starrte ins Gras, anstatt mich anzublicken.

Ich vergewisserte mich rasch, dass der Grund, warum Marcus mich nicht ansah, nicht etwa das nach unten verrutschte Mieder und meine entblößten Brüste waren. Das Unterkleid, das ich ganz vergessen hatte, lugte jetzt aus dem geöffneten Korsett, also sah ich nach wie vor einigermaßen vorzeigbar aus.

Ich hielt das Korsett dennoch vorsichtshalber fest, als ich mich neben Marcus niederließ. „Danke für deine Hilfe."

Marcus sah mich verlegen lächelnd an. „Nun, meine Hilfe war wohl etwas unkonventionell. Du bist nicht verärgert?"

„Nein. Ich glaube sowieso nicht, dass ich das Kleid je wieder tragen werde."