Kapitel 14
Es beginnt!
Ich hielt mich zurück und ging Harry und seinen Freunden soweit es ging aus dem Weg. Sie hatten auch ohne mich viel zu verarbeiten. Ich brauchte auch Zeit, um einen neuen Plan zu schmieden. Ich war in Hogwarts angekommen, aber wie soll es weitergehen? Was im Namen aller Magie sollte ich tun? Diese Frage klärte sich, als ich an einem sonnigen Samstagsmorgen den „Tagespropheten" in die Hände bekam.
Angriffe auf Muggel häufen sich – lautete die große Schlagzeile auf der ersten Seite. Darunter war ein Bild eines ausgebrannten Hauses vor dem sich eine Familie verzweifelt an einander drückte. Die Sprache des Artikels vermittelte das Gefühl, dass das geschehene zwar bedauerlich ist, aber nicht weiter alarmierend. Mit zitternden Händen legte ich die Zeitung weg. Es fängt an! Jetzt! Die Angriffe werden sich nicht nur „häufen", sie werden bald zur Normalität werden. Ich musste mit Harry reden! Musste ihn warnen! Aber was konnte er tun? Das Ministerium wird sich bis zum letzten Augenblick weigern etwas zu unternehmen. Teilweise aus Unfähigkeit, teilweise, weil es tief unterwandert wurde. Die Zauberwelt wird ebenfalls sehr lange brauchen, bis sie erkennt, wie weittragend und tiefgreifend die bekannte Welt sich verändert hat.
„… das Wochenende! Endlich können wir nach Hogsmeade!" Die Stimme einer Mitschülerin riss mich aus meinen Überlegungen und ich stellte fest, dass der Gemeinschaftsraum bereits voll war. Stimmt! Das Wochenende in Hogsmeade stand an. Zu meiner Zeit wird Hogsmeade eine richtige Stadt sein. Keine sonderlich große oder bedeutende. Es wird zu den hunderten von Städten in der ganzen Welt gehören, die kühn behaupten werden, dass sie die Stadt waren, neben der sich der berühmte Hogwarts befunden hat. Nun hier und jetzt war es übertrieben Hogsmeade als eine Stadt zu bezeichnen, es waren ein paar Straßen und eine heruntergekommene Bahnstation.
Ich wusste, dass Harry und seine Freunde dieses Mal ins Dorf gehen wollten. Vielleicht sollte ich ebenfalls gehen? Die Ausflugserlaubnis konnte ich auch selbst unterschreiben. Immerhin war ich „magisch gesehen" bereits erwachsen. Sollte jemand die Echtheit der Unterschrift prüfen, wird man feststellen, dass es von einem erwachsenen Zauberer stammt. Alles andere waren Kleinigkeiten.
Der Weg zum Dorf wurde zur Fuß zurückgelegt. Ich freute mich endlich frei bewegen zu können, ohne Wände und Mauern um mich herum zu haben. Ich ging absichtlich nicht mit Harry und den anderen zusammen, sondern schloss mich der Gruppe älterer Schüler an, die wie ich ebenfalls zum ersten Mal das Dorf besuchten. Einer der Jungs konnte es kaum abwarten in das Dorf zu gelangen.
„Endlich ein Ort, an dem die Zauberer unter sich sin", meinte er schwärmerisch. „Nicht dass ich etwas gegen Muggel habe, aber es ist schön sich einmal nicht verstecken und nicht verstellen zu müssen!"
„In Hogwarts musst du das auch nicht!", erwiderte eins der Mädchen.
„Ja, aber es ist Hogwarts! Aber sobald wir Hogwarts verlassen, müssen wir wieder so tun als gäbe es nichts außer der Muggelwelt."
Ich hörte dieser Diskussion nur Flüchtig zu, denn meine ganze Aufmerksamkeit nahm das Dorf ein, das vor uns auftauchte. Es war … winzig! Nicht mehr als ein paar Straßen. Vermutlich lebte es allein von den Hogwartsschülern, die hier ab und zu ihre Wochenenden verbrachten.
Im Dorf steuerte ich eine abgelegene Kneipe an. Erstens wurde sie vermutlich von weniger Schülern heimgesucht, zweitens, vermutete ich hier auf die Art von Kundschaft zu treffen, die sich nicht „in den Licht des Tages" traute. Ich habe die Kneipe nie erreicht. Ich fühlte plötzlich den vertrauten „Geschmack" der Todessermagie. Ich kannte diese unterschwelligen Schwingungen zu gut, auch wenn ich sie erst in Harrys Zeit wirklich wahrnahm. Ich schlüpfte in eine Seitengasse und aktivierte eilig meine Schutzzauber. Durch mein Sichtfeld schwirrten die dunkle Wolken apparierender Todesser. Einige Sekunden lang überlegte ich, ob ich es wagen konnte gegen die Männer dort draußen zu kämpfen. Immerhin sind sie in gewisser Weise Vorfahren von mir und meinen Freunden. Bei dem Gedanken daran, dass ich durch mein Handeln die Familie Garrow auslöschen könnte wurde mir übel. Mag sein, dass sie in ihrer Mehrheit verachtenswerter Abschaum waren, haben sie dennoch meine Bobby hervorgebracht. Dennoch…. Wer sterben muss, wird heute sterben! Entschieden warf ich den Mantel und den Umhang zur Seite. Die weite Kleidung würde mich nur stören und im Kampf wird die Kälte das letzte sein, was mir gefährlich werden würde.
„Vergib mir Bobby", flüsterte ich und trat auf die Straße, auf der bereits Chaos herrschte.
Die verängstigten Schüler liefen planlos durcheinander, warfen einander um und boten den angreifenden Todessern hervorragende Zielscheiben. Die Angreifer liefen in kleinen Gruppen durch die Straßen, gehüllt in schwarze Mäntel und silberne gesichtslose Masken. Sie schleuderten wahllos Flüche umher und stachelten einander an. Sie witzelten und lachten. Einer von ihnen warf mit Brandflüchen umher. Es zielte nicht einmal. Es war ihm gleich wo seine Geschosse landeten, an einer Hauswand oder auf einem Menschen. Vor mir wurde ein Mädchen von einem Feuerball im Rücken getroffen. Sie schrie und fiel zur Boden ich konnte sie noch rechtzeitig auf den Rücken drehen und das Feuer ersticken, bevor ich selbst beinah in die Schusslinie des Wahnsinnigen geriet. Ich zog das bewusstlose Mädchen in die Lücke, in der ich selbst vor einigen Sekunden stand. Sorgsam lehnte ich sie an die Hauswand und bedeckte sie mit meinem Umhang und Mantel. Geduckt lief ich hinaus und das Chaos des Kampfes verschluckte mich. Gekämpft wurde an allen Ecken und Enden. Es gab keine „sichere" Zone, denn die Todesser griffen in Wellen an und während die ersten schon an der Bahnstation waren, kamen die nächsten auf dem anderen Straßenende erst an. Ich trieb die verwirrten Kinder in den relativen Schutz der Häuser und versuchte nebenbei den herumfliegenden Flüchen auszuweichen.
„Arbeitet zusammen!", rief ich. „Schützt einander! Ich könnt nicht alle Flüche sehen!" Das half, die älteren Schüler versuchten die jüngeren in ihre Mitte zu holen. Ich half einer Gruppe dabei verängstigte Drittklässler in das Postamt zu schaffen.
„Bleibst du nicht hier?", fragte mich einer der Schüler.
„Nein, Ich muss meine Freunde finden", meinte ich hastig und schürzte mich wieder in den Kampf. Ich musste Harry finden! Ich musste sichergehen, dass er und seine Freunde unverletzt blieben. Dieser Angriff stand nicht in den Tagebüchern! Entweder war es nicht wichtig genug, um Erwähnung zu finden oder – was wahrscheinlicher war – die Geschichte hatte sich geändert.
Ich verließ das Postamt und bevor ich auf den ersten Todesser treffen konnte, wurde es richtig kompliziert – die ersten Auroren tauchten auf. Einer von ihnen griff mich an und ich entging nur mit knapper Not einem Lähmungsfluch.
„Ich bin einer der Guten, verdammt nochmal!", rief ich. Ein Zauberstab wurde auf meine Brust gerichtet und eher ich etwas unternehmen konnte wurde ich mit dem Wahrheitsfluch belegt. Wie sehr ich den Zauber hasste! Es war so, als würde jemand gewaltsam meinen Brustkorb öffnen und es auseinander reisen. Der glühende Schmerz des Fluches, war mir vertraut und es hatte nichts an Intensität verloren. Der Schmerz war alles. Es füllte mich bis zum letzten Winkel meines seins aus und ich wusste, dass es nur den einen einzigen Weg gibt dieser Qual zu entkommen – die Wahrheit sagen. Eher sie wahllos aus mir heraussprudeln konnte, stellte mir der Auror die rettende Frage.
„Wie ist dein Name?" Verdammt!
„Alexanders James", keuchte ich. Es war zwar nicht die ganze Wahrheit, aber es war auch keine Lüge. Der Schmerz ließ ein wenig nach. Nur ein wenig, aber es gab mir Kraft mich zu konzentrieren.
„Was machst du hier?"
„Schulausflug, Sir", presste ich heraus. „Ich bin ein Schüler aus Hogwarts!" Knappe Antworten. Antworten, die weitere Fragen womöglich überflüssig machen. Meine Zeit im Untergrund hat mir einiges gelehrt.
Der Auror musterte mich noch einen Augenblick und senkte dann den Stab. Ich sank keuchend und tränenüberströmt auf dem Boden. Es war nicht einmal gespielt.
„Es tut mir leid, Junge", meinte der Mann und half mir auf die Beine. Wir wussten nicht, auf wenn wir hier treffen. Kannst du uns etwas zu der Lage sagen?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie tauchten hier einfach auf. Ich weiß nicht, wie viele es sind."
„Wo sind deine Kleidung?"
„Ein Brandluch", log ich hingebungsvoll. „Ich konnte es gerade so abreißen!" Der Mann deutete auf eine Stelle irgendwo an meiner Schulter.
„Hast Glück gehabt", stellte er fest und ich schielte an die Stelle, auf die er zeigte. Ich konnte einen großen Brandfleck erkennen und gerötete Stelle dort, wo Feuer meine Haut berührte. Offensichtlich war ich dem Fluch viel näher, als ich dachte.
„Was machst du hier draußen?", fragte mich der Auror.
„Ich muss meine Freunde finden!" Der Mann schüttelte den Kopf.
„Nein! Halte dich zurück Junge! Wir werden deine Freunde schon finden! Schaff besser die Kleinen aus der Schusslinie!"
Unwillig folgte ich den Anweisungen und kümmerte mich um die Kinder. Zusammen mit einem weiteren Auror schaffte ich es eins der leerstehenden Häuser in eine mehr oder weniger gesicherte Zone zu verwandeln. Zu unserem Glück begnügten sich die Todesser mit dem verbreiten von Chaos und Zerstörung, anstatt auf die Jagd zu gehen und die Fliehenden zu verfolgen.
„Im Honigtopf gibt es einen Geheimgang", sagte mir den Auror und deutete auf ein markantes Gebäude vor uns. Sobald der Weg sicher ist, versuche die Kinder dorthin zu schaffen."
„Sie werden wohl kaum die Tür offen lassen", vermutete ich. „Wie kommen wir dort rein?"
Der Auror zeigte mir einen simplen Öffnungszauber.
„Ich habe die Schutzmauer am Honigtopf letztes Jahr selbst überprüft", erklärte er. „Der Zauber ist nicht schwer, aber es steht in keinem Buch. Man kann ihm nur von jemanden lernen, der es selbst schon mal ausgeführt hat."
„Es bedeutet nicht, dass Todesser…", begann ich der andere Mann schüttelte den Kopf.
„Nein, es bedeutet nicht, dass die Todesser den Zauber nicht ebenfalls in die Hände bekommen können, aber sobald ihr im Geheimgang seid, schützt euch die Magie von Hogwars."
Ich versprach ihm mich um die kleinen zu kümmern und der Mann ließ mich mit den Kindern allein. Sie waren still und druckten sich verängstigt an einander. In ihren Augen stand all der Schrecken, denn man wohl empfand, wenn die eigene vertraute Welt plötzlich zu einer tödlichen Falle wurde.
