Kapitel 14: Eine schrecklich nette Familie
Als der Hogwarts-Express am Gleis 9 ¾ einfuhr war Severus Snape in keiner berauschenden Stimmung. Er hatte sich in ein einsames Abteil am Ende des Zugs zurückgezogen, um von den anderen getrennt zu sein. Lucius hatte seit Tagen nur noch Narzissa im Kopf. Und er musste gestehen; die Beiden bereits beim rumknutschen gesehen zu haben, worauf er allerdings alles andere als Stolz war.
Soviel zum Thema: „Kein Sex"
Das Liebesleben seines Freundes ging ihn nichts an. Sollte er mit der Black herummachen, wenn es ihm Freude bereitete. Er mischte sich in so etwas nicht mehr ein, denn so machte er sich nur unbeliebt – unbeliebter als er ohnehin schon war – und bringen würde es im Endeffekt eh nichts. Zudem hätte er auch nicht gewollt, dass man sich in seine Beziehung einmischte.
Der Zug kam zum Stehen und Severus wurde aus seiner nachdenklichen Trance gerissen. Müde erhob er sich, nahm seinen Koffer von der Ablage und stieg aus dem Zug auf die nächtlichen, betriebsamen Bahnsteige des Bahnhofs Kings Cross. Überall waren Eltern zugegen, die ihre Kinder abholten. Als Severus zielstrebig über den Bahnsteig ging sah er Lucius, der sich gerade von Narzissa löste und zu seinen wartenden Eltern eilte. Dabei warf er ihm einen leicht verlegenen Blick zu.
Er beachtete ihn kaum. Wahrscheinlich hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er sich in letzter Zeit mehr für Narzissa interessierte als für ihn. Severus bemühte sich gar nicht erst darum Lucius' Gewissen zu erleichtern und im Grunde war er ja tatsächlich ein wenig wütend auf ihn.
Er spazierte schnell durch die Barriere und kam auf dem fast menschenleeren Bahnsteig der Muggel heraus. Severus Blick wanderte zu einem Mann auf einer Bank, ihm direkt gegenüber. Es war Tobias. Er trug einen dunklen Wintermantel. Sein Gesicht war merkwürdig blass, sein Haar ungepflegt. Zudem wirkte er sehr müde und abwesend. Und er war magerer geworden, was sich auch in seinem Gesicht wieder spiegelte.
Oh Mann, wenn ich nicht da bin, um auf ihn aufzupassen, dann lässt er sich wohl so richtig gehen, was?
Als er sich ihm nährte sah er auf.
„Sev …"
Severus schnitt seinem Vater mit einer raschen Geste das Wort ab, als weitere Schüler durch die Barriere kamen.
„Nicht hier.", sagte er kurz angebunden. „Wir kennen uns nicht und stehen nur zufällig nebeneinander."
Tobias nickte und erhob sich. Wortlos und leicht versetzt gehend verließen sie den Bahnhof. Draußen stiegen sie in den alten Ford. Severus verstaute seinen Koffer auf der Rückbank und setzte sich auf den Beifahrerplatz.
„Lass dich ansehen!", sagte Tobias, nachdem er auf dem Fahrersitz platz genommen hatte. Er umarmte seinen Sohn kräftig. Severus ließ die Begrüßungsprozedur über sich ergehen.
„Wie geht es dir? Du hast kaum geschrieben."
„Es geht. Ich hatte in der Schule ziemlich viel zutun.", sagte Severus. „Und du? Du siehst ziemlich mies aus."
Tobias startete den Motor und fuhr erst ein Stück bevor er antwortete.
„Ich habe meinen Job verloren."
„Was? Warum?", fragte Severus einwenig aufgewühlt. „Ist es wegen deinem Arbeitsunfall?" Er erinnerte sich an die Umstände; an den Rucksack voll Alkohol und Tabletten.
„Nein, nein, das hat nichts damit zutun.", sagte Tobias ruhig. „Der Betrieb hat vor zwei Monaten Insolvenz angemeldet. Bin seitdem auf der Suche nach einer neuen Arbeit. Hab da womöglich auch bald was Festes in der Nähe." Sein Vater log nicht. Severus bemerkte es sonst immer sofort, wenn er flunkerte. Tobias war ein gnadenlos schlechter Lügner.
„Schön zu hören. War bestimmt schwer, oder?"
„Teils teils.", meinte Tobias. „Der Arbeitsmarkt ist nicht mehr ganz so beschissen, aber genug davon. Wie stets bei dir in der Schule?"
Severus sah aus dem Fenster, hinein das schillernde Nachtleben Londons.
„Was meinst du genau?", fragte er ausweichend.
„Euer Schulleiter hat mir geschrieben …"
„Dumbledore hat dir geschrieben?", fragte Severus ungläubig.
„Ja, Dumbledore, genau so hieß er. Er meinte du würdest dich schon seit Wochen sehr merkwürdig und auffällig verhalten. Er sagte deine Ausbildung sei gefährdet, wenn du dich nicht in den Griff bekommst."
„Und das konntest du mir nicht in einem Brief schreiben?", grollte Severus. „Na ja, ist eh egal. Mir hat er ja schon seine Standpauke gehalten."
„Ich wollte erst, aber dann dachte ich mir, wenn du so drauf bist wie in den Ferien würdest du ja ohnehin nicht zurück schreiben.", meinte Tobias.
Wo er Recht hat, hat er Recht!
„Ich hatte eine schwierige Zeit, Dad."
„Emm, ist … ist die Lage schlimmer geworden?" Wenn sein Vater „Lage" sagte, dann meinte er, ob der Krieg schlimmer geworden sei. Tja, die Antwort darauf war leider eindeutig.
„Es wird schlimmer.", sagte Severus. „In der Umgebung der Schule gab es immer wieder Kämpfe."
Tobias wirkte plötzlich besorgt.
„Seid ihr in Gefahr?"
„Mehr oder weniger. Dumbledore ist der Kopf der Partisanen, aber solange er in Hogwarts ist und die Schule kontrolliert werden die keinen Angriff auf das Schloss wagen. Na ja, und sollte ich mich irren, dann renn ich wie der Teufel.", sagte Severus. „Aber das bereitet mir, ehrlich gesagt, weniger Sorgen."
„Was denn dann?", fragte Tobias.
„Mein Blutstatus, Dad, und deiner ebenfalls."
„Du glaubst diese Leute kommen zu uns?"
„Sie haben Mom ermordet. Und nach allem, was ich herausgefunden habe, brauchten sie nicht einmal einen Grund dafür.", sagte Severus ruhig. Er blickte immer noch aus dem Fenster. Die Erinnerungen an seine Mutter nahmen ihn weniger mit als noch vor etlichen Wochen, aber das änderte nichts an der tiefen Melancholie, die augenblicklich von ihm Besitz ergriff.
„Hast du ein Zimmer in der Stadt?", fragte er, um das Thema zu wechseln.
„Ja, wir sind gleich da.", antwortete Tobias.
„Gut, ich muss mich nämlich aufs Ohr hauen." Severus lehnte sich zurück. Der Tag war anstrengend gewesen und er wollte für's Erste einfach nur schlafen.
Der nächste Morgen brach rasch an. Während Severus aufstand, sich anzog und wusch wechselte er kaum Worte mit seinem Vater. Auch beim Frühstück – welches nur aus einer Tasse Kaffee und gebackenem Toast bestand – sprachen sie kaum miteinander.
Während der Fahrt von London nach Bristol sah Severus gedankenverloren aus dem Fenster. Schneeböen peitschten über die Autobahn und sorgten hin und wieder für kein Weiterkommen auf der Straße. Trucks standen auf dem Seitenstreifen und ihre Fahrer versuchten, mit Schaufeln bewaffnet, sich und ihre Gefährte aus dem Schneechaos zu befreien.
„Hätte nicht gedacht, dass es hier unten solches Wetter gibt.", sagte Severus.
„Ja, hat vor ein paar Tagen angefangen. Hab so was noch nie erlebt. In den Nachrichten kam nichts von Schnellfall …"
Severus hörte nicht mehr zu. Er lehnte sich etwas nach vorn und beobachtete den Himmel. Es gab keinen so plötzlichen Schneefall, nicht einmal, wenn die Meteorologen total daneben lagen. Die einzige Antwort darauf war außerhalb des Verständnisses der Muggel und nannte sich Dementoren.
Was hat das Regime wohl vor? Für solches Wetter wären ganze Heerscharen an Dementoren notwendig.
Vielleicht will Voldemort die Welt der Muggel ja mit einer neuen Taktik vernichten? Er lässt ewigen Winter hereinbrechen und wartet bis sich die Schlammblüter alle, während ihrer Winterdepressionen, in den Tod gestürzt haben. , witzelte seine innere Stimme.
Ach, hör auf. Außerdem ist das nicht witzig.
„Spürst du das?", sagte Tobias plötzlich.
„Was?", fragte Severus verwirrt.
„Diese markdurchdringende Kälte."
Severus blickte erneut an den Himmel. Ein paar hundert Dementoren zogen über sie hinweg, wie ein Schwarm Raubvögel, der sich auf ein Festmahl stürzen wollte. Doch die Kreaturen beachteten den verstopften Highway nicht im Geringsten, sondern zogen zielstrebig über sie hinweg. All die Muggel auf der Autobahn konnten sie nicht sehen und spürten nur Kälte und Angst, die ein nahendes Inferno ankündigte. So wie Menschen, die vor einer Invasion flohen oder spürten wie ein Tsunami auf sie zuraste, auch, wenn sie diesen noch nicht sehen konnten. Das Gefühl ungreifbarer Bedrohung und einer tiefen Verzweiflung, wie sie nur die Schlimmsten aller Erlebnisse auslösen konnten.
Glücklicher Weise hatte Severus gelernt seinen Geist vor solchen Einflüssen abzuschotten. Hätte er zugelassen, dass die Dementoren sein Inneres angreifen konnten – so wie ein schutzloses, nacktes Baby, das in der Finsternis zurückgelassen wurde –, dann wäre er wohl absolut hilflos gewesen und womöglich unter der Last des Schreckens der letzten Monate zusammengebrochen.
„Was immer du tust, fahr weiter, Dad."
„Was? Sev, die Straße ist …"
„Fahr auf den Seitenstreifen!", rief Severus und es klang beinah wie ein Befehl.
Als sein Vater nicht reagierte, sondern ihn nur verständnislos anblickte riss er das Lenkrad herum und steuerte auf den freien Seitenstreifen zu.
„Bist du Wahnsinnig!", rief Tobias schockiert.
„Gib Gas! Wir müssen hier weg!"
„Aber …?"
„Fragen kannst du später! Tu einfach, was ich sage!"
Widerwillig drückte Tobias das Gaspedal nach unten und fuhr schnell über den Seitenstreifen. Der Schnee war hier nicht so hoch, wie auf der anderen Seite, und ließ es zu, dass man ihn als Fahrbahn benutzte. Die im Stau stehenden Muggel blickten sie zum Teil empört, zum Teil wütend an. Einige machten auch obszöne Gesten und hupten sie aggressiv an.
Severus blickte erneut gen Himmel. Die Dementoren verschwanden langsam am Horizont und auch das Gefühl der Kälte ließ langsam nach. Sie rauschten noch an etlichen stehenden Fahrzeugen vorbei, bevor Severus seinem Vater sagte, dass er wieder langsamer werden und auf die Straße zurückkehren konnte.
„Wärst du bitte so freundlich, mir zu verraten, warum ich gerade meinen Führerschein riskiert habe?" Tobias' Stimme lang unterschwelliger Zorn.
„Es waren Dementoren hier …"
„Ich habe nichts gesehen.", sagte sein Vater zähneknirschend.
„Du kannst sie auch nicht sehen! Du bist ein Muggel!", sagte Severus und es klang wesentlich aggressiver als er gewollt hatte.
„Verstehe.", meinte Tobias knapp. „Es gibt ja so einiges, was Muggel nicht können." Er wirkte beinah etwas gekränkt.
„So war das nicht gemeint.", sagte Severus beschwichtigend. „Ich meinte nur, dass …"
„Ja, ist schon gut. Nein, Severus, ehrlich; du bist der Magier, du musst es wissen."
Hä? Was hat der denn plötzlich?
Tobias schien Severus Gedanken erraten zu haben und begann über etwas zu sprechen, über das er in seiner Gegenwart noch nie gesprochen hatte.
„Sev, ich weiß, wie das bei euch läuft. Ich weiß, warum euresgleichen diesen Krieg ausfechten. Deine Mutter hat oft mit mir darüber gesprochen."
„Hat sie das?", fragte Severus überrascht und es lag echte, ehrliche Überraschung in seiner Stimme.
„Oh ja, das hat sie. Und sie hat mir von euren Reinblütern erzählt, mehr als einmal. Und ich weiß auch, dass es viele solcher Leute bei dir in der Schule gibt. Ich schätze du weißt sehr genau welche Regierung bis vor knapp 30 Jahren ein ähnliches Gedankengut verbreitet hat.
Severus stöhnte entnervt auf.
„Bitte keine Moralpredigt!"
„Doch, Severus! Doch!", schimpfte Tobias. „Hörst du dir eigentlich selbst zu? Weißt du, was du des Öfteren von dir gibt's?"
Severus blickte ihn nur verständnislos an.
„Was ist dein Problem?"
„Was mein Problem ist – und glaub mir, das ist es nicht erst seit fünf Minuten! – ist, dass du es offenbar toll findest."
„Ich finde das nicht toll!", empörte sich Severus. „Ich bin kein …"
„Kein was? Ein Nazi? Schau nicht so betreten! Genau das sind diese Leute, auch wenn sie sich einen anderen Namen gegeben haben. Ich höre doch immer wieder, wie du Nichtmagier herunterspielst! Sei es mir gegenüber oder anderen gegenüber. Ihr Magier haltet euch für was Besseres, Severus, aber ihr seid nichts Besseres! Ihr seid genauso menschlich wie alle anderen auch. Ihr besteht genauso aus Fleisch und Blut."
„Das ist mir durchaus klar!", entgegnete Severus.
„Scheint mir allerdings nicht so!"
Severus verschränkte die Arme vor der Brust und blickte schweigend aus dem Fenster. Die übrige Fahrt über redete er kaum noch ein Wort mit seinem Vater, außer das allernötigste. Seine Worte beschäftigten ihn jedoch zutiefst. Meinte er etwa, dass er auch so wurde? Dass er zu einem Todesser wurde? Einem Muggelhasser? Einem dreckigen Rassisten?
Nein! , sagte sich Severus immer wieder. Nein, das bist du nicht.
Dennoch weckten Tobias' Worte Zweifel in ihm. Er liebte eine Muggel. Ja, er liebte Jennifer. Wie konnte er dann ein Rassist sein? Doch schlagartig wurde ihm bewusst, dass er es vielleicht unterschwellig war. Lily war ebenfalls eine Muggel gewesen. Eine muggelgeborene, junge Hexe, aber trotzdem eine Muggel. Er hatte sie an James Potter – Das wandelnde Brechmittel! – verloren, weil er sie im Eifer des Gefechts als „Schlammblut" beschimpft hatte. Ein einziges Wort, das ihm seine beste Freundin genommen hatte. War er also doch ein Rassist? Hasste er Muggelstämmige ohne es zu merken?
Das alles verstörte Severus zutiefst.
Hatten die ewigen Hasspredigten in der Zeitung, im Radio und nicht zuletzt seiner Mitschüler schlussendlich bewirkt, dass er genauso wurde wie sie? Hatten sie es geschafft ihm eine Gehirnwäsche zu verpassen?
Nein!!! , dachte Severus entschlossen. Du bist immer noch du! Du hasst die Todesser! Du hasst ihren Krieg! Du hasst Voldemort! Du bist kein Rassist! Nein! Niemals!
Als sie endlich Zuhause ankamen sprachen die Beiden kaum miteinander. Severus schleppte sich voller Niedergeschlagenheit in sein Zimmer und packte aus, obwohl er wusste, dass er morgen eh wieder alles einpacken musste.
Als er sich wenig später ins Bett begab geisterten ihm immer noch die Worte seines Vaters im Kopf herum. Es war als habe Tobias, ohne es selbst zu wissen, seine dunkelsten Alpträume und Befürchtungen wahr werden lassen. Er hatte ihm gesagt, für was er ihn hielt – für was ihn vielleicht auch Lily hielt: einen Rassisten, einen Muggelhasser! Womöglich sogar für einen linientreuen Möchtegerntodesser?
Severus rollte sich auf der Seite ein und vergrub sein Gesicht in seinem Kissen.
Es ist nicht wahr! , dachte er verzweifelt. Es kann nicht wahr sein!
Was würde wohl geschehen, wenn er Jennifer die Wahrheit über sich erzählen würde? Wenn er ihr alles erzählte? Diesen Krieg inbegriffen. Würde sie ihn vielleicht auch so sehen? Als Verbrecher?
Ihn brachte die bloße Erwägung dieser Möglichkeit um den Verstand.
Unruhig wälzte er sich noch bis spät in die Nacht in seinem Bett herum. Nur, um in seinem Schlaf von Alpträumen heimgesucht zu werden. Alpträume vor denen es kein Entrinnen gab.
Am nächsten Morgen wurde Severus unsanft von seinem Vater geweckt.
„W-wwaaaa-sss'n?"
„Sev, es ist schon spät.", sagte Tobias, als er endlich aufhörte ihn zu rütteln. „Wir wollen los."
Er blickte seinen Vater für einen Augenblick durch seine müden, verquollenen Augen verständnislos an. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bevor der Groschen endlich fiel.
Severus erhob sich schnell und eilte ins Bad. Er hatte über seine schlechte Nachtruhe völlig vergessen, dass sie heute nach Cardiff fahren würden – und es war schon beinah Mittag!
Er unterzog sich einer raschen Katzenwäsche, sprang in seine Klamotten von gestern und warf ein paar frische Sachen für ein Wochenende in den Koffer. In der Küche schlang er noch schnell eine trockene Scheibe Toast hinunter, um überhaupt etwas im Magen zu haben.
Ein paar Minuten später saß er auf der Rückbank ihres alten Fords und kritzelte gedankenverloren in sein Zaubertrankbuch. Hades saß auf der Lehne und sah ihm über die Schulter.
Der Verkehr schob sich langsam dahin. Der Schnee hatte die Autobahn völlig verstopft, doch zum Glück war Cardiff nicht so weit weg, wie London. Tatsächlich lag die Stadt nur einige Meilen westlich von Bristol, direkt an der Küste.
Die Fahrt zog sich jedoch über Stunden dahin, da der Verkehr sich nur schleppend vorwärts bewegte. Nach einiger Zeit schlief Severus ein. Sein Kopf war unbequem gegen die Fensterscheibe gelehnt und knallte bei jeder Bodenwelle gegen diese. Doch das war kein Grund für ihn aufzuwecken. Tatsächlich hatte er schon unbequemer geschlafen. Zum Beispiel zusammengezwängt auf einen von Tante Josefines geflickten, durchgelegenen Sofas, bei denen ihm jedes Mal die Spannfedern in den Rücken stachen. Zwischen alten, nach alten Weibern stinkenden Kissen und Porzellanpuppen, die ihn mit ihren gefühllosen Glasaugen anstarrten. Auch dieses Weihnachten würde ihn diese Prozedur nicht erspart bleiben. Tante Josefine war die ältere Schwester seiner Mutter. Sie lebte in einem großen Herrenhaus mitten in der Stadt.
Severus hasste es jedes Jahr dorthin zu fahren, doch sie war das einzige Familienmitglied, das ein Haus besaß, welches groß genug war, um die gesamte Verwandtschaft für ein Wochenende beherbergen zu können. Und aus ebendiesem Grund reisten die Mitglieder der Snapes und Princes jedes Jahr aus allen winkeln des Landes nach Cardiff.
Er konnte sich wahrlich einen freundlicheren Ort vorstellen, um das Weihnachtsfest zu feiern.
Severus wachte auf, als Tobias von der Autobahn abfuhr und geradewegs in die verschneite Küstenstadt fuhr. Cardiff war etwas ländlicher als Bristol und bestand aus einer Mischung aus modernen Wolkenkratzern und einer altehrwürdigen Altstadt. Die untergehende Sonne tauchte die Stadt in ein gleißendes, rotes Licht.
Tante Josefines Haus stand in der verwinkelten Altstadt, in der Nähe eines Parks. Das Herrenhaus war wie Josefine selbst; irgendwie kaputt und schräg. Das Schieferdach wies einige, nicht unwesentliche Löcher auf. Das gesamte Gebäude wirkte, als habe der Architekt beim Erbauen seine Wasserwaage vergessen und das Haus deshalb nur nach Augenmaß errichtet. Der Putz fiel bereits von den Wänden. Im Garten wucherte das Unkraut in alle Richtungen. Dieses war so hoch, dass es durch den Schnee stieß und sich überall entlang schlang – fast wie Schimmelflaum, der sich im Kühlschrank ausbreitete. Knochige, große Bäume mit Ästen wie Klauen ragten gespenstisch in den Abendhimmel. Das Haus wurde von einem rostigen, allerdings sehr kunstvollen Eisenzaun umzogen. Gargoyleartige Figuren bewachten den Vordereingang. Die Terrasse vor der kleinen Treppe, die zur Haustür führte, war mit Schnee bedeckt. Ein gigantischer, schwarzer Bärenhund war dort angepflockt. Er kaute gemütlich auf einem Knochen herum.
Tobias hielt vor dem Haus. Die beiden stiegen aus und nahmen ihr Gepäck aus dem Kofferraum. Hades flatterte auf Severus Schulter. Sein Vater blieb an der rostigen Gartenpforte stehen und betrachtete das Tor misstrauisch. Severus wusste auch warum. Als Tobias das letzte Mal an diesem Tor stand wollte er es ohne Aufforderung aufschieben. Ein großer Fehler bei Tante Josefine! Die rostige Pforte hätte ihm daraufhin beinah den Arm abgebissen. Die gute Josefine Prince verhexte nämlich alles, was nicht niet und nagelfest war. Für Tobias waren die weihnachtlichen Besuche deshalb doppelt so unangenehm.
„Lass mich lieber!", sagte Severus, als Tobias die Hand nach dem Tor ausstrecken wollte. „Wir läuten besser." Er griff nach etwas, dass wie ein lebendiger Katzenschwanz aussah und aus dem moosbewachsenen Steinpfosten neben dem Tor herausragte. Eine Klingelschnur, die wohl nur Magier wahrnehmen konnten. Muggel würden eher das Tor aufschieben und den Verlust eines Körperteils riskieren, als die ekelhaft-lebendige Schnur zu erkennen.
Severus zog einige Mal am Katzenschwanz. Wenig später öffnete sich das Gartentor laut quietschend wie von Geisterhand.
Die beiden betraten den schaurigen Wohnsitz von Tante Josefine. Der Hund auf der Terrasse, den sie – soweit Severus wusste – Gargamel getauft hatte, warf einen aufmerksamen Blick auf ihn und seinen Vater. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab weiterhin auf seinem Knochen herumzukauen. An der Haustür ergriff Severus den silbernen Türklopfer, der aussah wie ein besonders hässlicher Drachenkopf. Kaum, dass er ihn in die Hand genommen hatte, biss der Türklopfer ihm in die Finger. Unter einem schmerzerfüllten Aufschrei wich Severus zurück.
Verflucht, warum kann sie denn nicht wenigstens bei den Familientreffen auf ihre Hexereien verzichten!? Zumindest das Haus sollte sie ihrer Verwandtschaft zuliebe mal drei Tage lang zähmen können!
Daraufhin öffnete sich die Tür. Ein kleines, runzeliges Geschöpf mit Schlappohren und Kulleraugen stand ihm gegenüber. Es war der Hauself seiner Tante, der den edlen Namen Arcturus trug. Er war schon sehr alt, teils etwas senil und manchmal ziemlich hinterhältig. Anders als bei Hauselfen üblich trug er keine Sklavenrobe, sondern eine Art Lendenschurz. Tatsächlich war Arcturus kein Leibeigener seiner Tante, sondern war ihr vor vielen Jahren zugelaufen wie ein Kätzchen. Soweit Severus wusste, stammte der Elf ursprünglich aus einer alten, aristokratischen, obendrein reinblütigen Magierfamilie. Um welche der alten Adelsfamilie es sich genau handelte behielt Arcturus jedoch eisern für sich. Nicht einmal Tante Josefine hatte er es je erzählt.
„Ohwa, Verwandtschaft ist da!", gackerte der Elf ausgelassen. Plötzlich legte einen schelmischen Gesichtsausdruck auf und schlug Severus und Tobias die Tür vor der Nase zu. Durch die Tür hörten sie ihn aus voller Kehle lachen.
„Wie witzig er heute doch wieder ist.", sagte Severus und wagte es die Tür ohne eine direkte Aufforderung aufzumachen. Anders als erwartet, widerstand die Haustür dem Drang ihm für dieses Vergehen auszufressen oder ihm zumindest eines seiner Körperteile abzubeißen.
Die beiden betraten den Vorsaal des Hauses. Dieser war groß und altmodisch eingerichtet. Im Boden war ein Mosaik eingelassen, welches einen gewaltigen Drachen zeigte, der von mit Lanzen bewehrten Rittern bedroht wurde. Aus den Augenwinkeln nahm Severus wahr, wie Arcturus gackernd die große, edel verzierte Holztreppe hinauf rannte und schrill „Verwandte! Verwandte!" rief. Die Wände des Saals waren dunkelgrün gestrichen und alte Öllampen hingen an diesen. In der Mitte hing ein imposanter Kronenleuchter, der jedoch auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Er war verstaubt und Spinnenweben hingen daran. Das milchig-trübe Licht verlieh dem Raum etwas Düsteres und Schauriges.
Mit einem Knall tauchte Arcturus vor ihnen auf und verbeugte sich auf theatralische Weise tief vor ihnen. Severus wusste, dass er es nicht eine Sekunde ernst meinte, sondern sich so nur über Magier lustig machte. Obwohl die Herrin des Elfen ebenfalls eine Hexe war begegnete er allen anderen Magiern mit Abneigung.
„Die Meisterin Josefine ist unterwegs, um Euch zu empfangen."
„Arcturus, lass den Quatsch.", sagte Severus.
„Ist es dem Herren nicht genehm, wenn man ihm Floskeln entgegen wirft?", fragte der Elf in einem gespielt-unterwürfigen Ton.
Severus verdrehte die Augen und schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Ah Severus …", sagte plötzliche eine kräftige, jedoch etwas schrille Frauenstimme. Tante Josefine war auf der Treppe erschienen. Sie war Anfang Vierzig, hatte schwarzes, langes, gelocktes Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte. Auf ihrer Adlernase saß eine Brille und sie hatte ihr schmales Gesicht mal wieder im Make-Up ertränkt, um es fülliger wirken zu lassen. Allgemein war die gute Josefine Prince dürr wie ein Bohnenstängel. Daran änderte auch das voluminöse Kleid nichts, das sie trug. Es war so lang, dass der Saum auf dem Boden schleifte. Zudem war es in einem dezenten Schwarz gehalten. Überdies trug sie viele goldene Halsbänder, Armreife und Ringe. Ihren Zauberstab hatte sie hinter ihr Ohr geklemmt.
Graziös schritt sie die Treppe hinab.
„Severus, mein Junge …", sagte sie und breitete die Arme aus. Er wusste was jetzt folgen würde. Josefine umarmte ihn – nein, umarmen war falsch! Zutreffender wäre: Sie versuchte ihm gerade sämtliche Knochen zu brechen! Dann küsste sie ihn auf die Wange, kniff ihm zudem noch einmal in diese und zerwuschelte ihm das Haar.
Bei jeder anderen Person wäre Severus an die Decke gegangen, aber bei Josefine … Er war höflich – jedes Jahr aufs Neue – und ließ die Prozedur über sich ergehen.
„Nein, bist du gewachsen. Aber so ist das ja mit dreizehn!"
Und jedes Jahr aufs Neue vergas Josefine sein Alter.
„Ich bin sechzehn!", presste er zwischen den Zähnen hervor. Sie überging seine Bemerkung gekonnt.
„Und Tobias!", wandte sie sich nun an seinen Vater. „Stattlich wie immer!"
Tobias Snape lächelte nur etwas verlegen. Severus wusste, wie unangenehm es ihm immer war, wenn er für ein Wochenende im Jahr im lebendigen Haus einer schrulligen Hexe und ihres durchgeknallten Hauselfen zubringen musste – umringt von einer Verwandtschaft, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Severus konnte ihn verstehen. Es ging ihm ähnlich.
„Sind die anderen schon da?", fragte Tobias.
„Ja, Kurt, John, Arlfred und ein paar andere. Aber was reden wir hier eigentlich die ganze Zeit beinah auf der Türschwelle? Arcturus wird eure Sachen in eure Zimmer bringen. Ich habe euch dieses Mal im Westflügel des Hauses einquartiert. Im Ostflügel haben sich nämlich wieder mal die Doxys ausgebreitet.", sagte Josefine in einem derartigen Plauderton, dass man auf den Gedanken hätte kommen können, dass sie nur übers Wetter sprach. „Macht es euch was aus, wenn ihr getrennt schlaft? Mariana hat vor zwei Wochen ihr Kind bekommen. Wusstet ihr das?" Führ seine Tante erneut fröhlich vor. Für Severus klang dieser Ton so ungewohnt künstlich. Josefine war immer einwenig schräg drauf, aber diese Show wirkte ja fast als wolle sie nicht auf irgendwelche Themen kommen, die nichts für Tischgespräche taugten.
„Nein.", sagte Tobias. „Wir haben seit Eileens Beerdigung kaum etwas von den anderen gehört."
Josefines fröhliche Miene stürzte ab, wie eine Boing mit schwerem Triebwerkschaden. Allerdings bemühte sie sich weiterhin unbekümmert zu wirken. Das war sie jedoch keineswegs. Die Erwähnung ihrer Schwester schien sie in ein tiefes Loch zu stürzen.
„Nun … das ist sehr schade.", sagte Josefine beherrscht. „Severus, du wirst in Charles Zimmer schlafen. Tobias, für dich haben wir Marcus altes Zimmer. Aber legt doch erstmal eure Sachen ab und sagt den anderen Hallo."
Wenig später war Arctutus mit ihrem Gepäck die Treppe hinauf verschwunden.
Severus ging, zusammen mit seinem Vater, durch die große Doppeltür im Vorsaal. Dahinter lag ein langer, düsterer Flur mit vielen Türen. Stimmen hallten durch die Luft. Offenbar waren die ersten Familienmitglieder schon fleißig am Nerven. Sie gingen durch die Tür am Ende des Gangs und fanden sich in einem riesigen und prächtigen Salon wieder. Anders als im Rest des Hauses hatten Josefine und Arcturus hier all ihre magischen Kräfte walten lassen, um es wenigstens für ihre Verwandten bewohnbar zu machen. Der Raum war weihnachtlich geschmückt. Eine imposante Weihnachtstanne stand an der hinteren Wand. Lange Tische waren in U-Form zusammengestellt worden. Zudem wurden die Wände von überquellenden Bücherregalen, Vitrinen und alten, wertvoll erscheinenden Gemälden, die aus dem Besitz der Princes stammten, geschmückt. Einzelne Marmorstatuen, die Gargoyle, Trolle oder Drachen darstellten, standen zwischen den Regalen. Severus hatte nie herausbekommen können, was es mit den Figuren genau auf sich hatte. Einer alten Familiensage nach verbargen sich im Haus Gänge zu einem „verschollenen Schatz". Er wusste, dass die Legende etwas mit Gargoylen, Trollen und Drachen zutun hatte und, dass die Statuen dabei eine Rolle spielten. In irgendeiner alten Familienchronik hier hatte er mal ein Rätsel gelesen, welches einem angeblich zu dem Schatz führte. Severus war trotz aller Bemühungen nie dahinter gekommen. Zu seiner Genugtuung waren allerdings auch acht Generationen der Familie Prince – Tante Josefine eingeschlossen – an den alten Versen gescheitert.
Am Tisch saßen schon einige Leute. Er begrüßte seine Verwandten mit Händedrücken und kurzen Weihnachtswünschen. Sein Großvater Alfred brach ihm dabei mal wieder fast die Hand, auch wenn er ihn kaum bemerkte. Kein Wunder, schließlich war der Alte wieder mit dem Erzählen seiner Heldentaten in der Normandie beschäftigt. Es war mal wieder die Geschichte in der er und seine Einheit sich eine Woche lang hinter feindlichen Linien aufhielten, umzingelt wurden und den Deutschen einen harten Kampf lieferten bis Verstärkung eintraf. Woher Severus das wusste? In sechzehn Jahren war es Alfred Snape nie leid geworden die alten Kriegsgeschichten wieder und wieder herunterzuspulen. Er kannte sie alle! Vom D-Day bis zur Rhein-Überquerung der Alliierten! Nicht zu vergessen; jene heroische Tat seines Großvaters als er eine Versorgungsbrücke mit nur einer Granate und einer Schaufel in die Luft jagte – zumindest behauptete Alfred das ständig. Severus hingegen hatte seine Zweifel, ob es sich dabei nicht um eine dieser typischen Soldatenlegenden handelte, die in der Realität nur halb so spannend und ereignisreich waren, wie in der über die Jahre ausgeschmückten Version.
Nachdem er fleißig Hände geschüttelt hatte wurde er von Arcturus in sein Quartier gebracht. Tobias hatte nicht so viel Glück. Er wurde von Charlett Prince, eine von Severus' Cousinen, in die Mangel genommen. Sie drängte ihm eine Diskussion über verhexte Muggelartefakte auf – als würde sein Vater irgendetwas davon verstehen!
„Hier, mein Herr Severus.", sagte Arcturus, als sie das Zimmer von Charles Prince erreichten. Es war das Zimmer von Josefines erstgeborenem Sohn gewesen. Obwohl sie nur wenige Jahre älter war, als seine Mutter, hatte sie keine Kinder mehr – und ihr Mann hatte sie bereits vor einer halben Ewigkeit verlassen. Charles war im Dienste des Ministeriums gestorben. Ebenso erging es Marcus, der nur ein Jahr jünger war. Severus erinnerte sich, dass die Beiden in der Selben Einheit gedient hatten. Beide waren vor fast zwei Jahren bei einem Hinterhalt des Phönixordens ums Leben gekommen. Danach hatte sich auch Josefine für viele Menschen zum Negativen entwickelt. Völlig allein in diesem Haus mit einem Hauselfen und der ständigen Erinnerung an die familiäre Tragödie hatte sie tatsächlich absonderliche Neigungen entwickelt. Wie etwa das Verhexen von so ziemlich allem, was ihr vor dem Zauberstab kam. Plötzlich schien ihm klar zu werden, wie sich dieser Verlust für seine Tante angefühlt haben musste. Jetzt, da er es am eigenen Leib erfahren hatte konnte Severus sie das erste Mal in seinem Leben wenigstens ein bisschen verstehen.
Vorsichtig betrat er Charles' Zimmer. Er war noch nie in diesen Räumlichkeiten gewesen. Es war nicht so heruntergekommen, wie der Rest des Hauses. Ebenso wenig schien es von Josefines Schrulligkeit befallen zu sein. Es wirkte sogar sehr lebhaft und wollte so gar nicht zu einer alten Reinblüterfamilie passen. Das Zimmer war über und über mit Postern von Manchester United beklebt. Alte Artikel aus dem Tagespropheten klebten dazwischen. In diesen ging es überwiegend um den Verlauf des Krieges. Große Bücherregale standen an den Wänden. Auf dem Bett lag Severus' Koffer.
„Danke Arcturus.", sagte er unbewusst. Der Elf verbeugte sich und trabte davon.
Severus schluckte schwer. Es war eine Sache Jahr für Jahr in einem heruntergekommenen Gästezimmer voller Puppen und anderer Absonderlichkeiten zu verbringen. Eine völlig andere war es im Zimmer eines Toten zu schlafen. Er fühlte sich unwohl dabei. Es war für ihn, als ob er in die Privatsphäre des Verstorbenen eindringen würde. Ihn zwingen würde Details seiner Vergangenheit preiszugeben, die er sonst kaum jemanden anvertraute.
Severus ging durch das Zimmer und betrachtete die Regale interessiert – irgendwie war das ein angeborener Drang bei ihm. Sobald er irgendwo Bücher sah musste er sie in die Hand nehmen und sie sich genauer anschauen. Überrascht stellte er fest, dass Charles einige Werke in seiner Sammlung hatte von denen Severus nie gedacht hätte sie jemals in die Hand nehmen zu können. Dabei handelte es sich um von den Todessern verbotene Bücher. Wie etwa „Imperium der Finsternis" von Pascal Dracon. Das Buch war ein halbes Jahr vor Voldemorts Machtübernahme erschienen und kritisierte die Reinblutideologie aufs Schärfste. Dracon war einige Monate nach dem Regierungswechsel nach Askaban verschleppt worden – wo er heute noch saß, insofern er nicht gestorben war. Severus schnappte sich das Buch und ließ sich auf dem Bett nieder. Von der Neugier gepackt begann er Dracons Sicht der Dinge zu lesen. Er hatte die Machtübernahme kaum miterlebt. Mit 10 Jahren war er damals nicht reif genug gewesen, um die politische Tragweite der Ereignisse zu erkennen. Severus' Wissen über die Zeit vor dem Aufstieg Voldemorts beruhte größtenteils auf Erzählungen seiner Verwandten. Hier war nun die Gelegenheit sie aus einer anderen Perspektive zu erleben.
Er verschlang Dracons Buch regelrecht und konnte sich erst davon lösen, als sein Vater ins Zimmer kam.
„Hier hast du dich also versteckt.", sagte er. Tobias wirkte richtig fertig.
„Hat Charlett dich so fertig gemacht?", fragte Severus grinsend. Er wusste, dass es gemein war, so was zu fragen.
„Charlett weniger. Mehr die Nachzügler meiner Familie."
Severus wurde von dunklen Vorahnungen ergriffen.
„Sind jetzt alle da?", fragte er.
„Ja, sogar meine Mutter."
Severus zog eine Augenbraue nach oben – so wie immer, wenn sich Erstaunen und Argwöhn in ihm ausbreiteten. Tobias' Mutter war da? Aline Karen Snape; ein wahres Ungetüm von einer Frau. „Ein hinterhältiger Drache", wie sein Großvater sie immer nannte. Und Severus wunderte es nicht, dass Alfred sich noch während Tobias' Kindheit von ihr trennte. Die beiden waren wie Schwarzpulver und Feuer! Einzeln für sich waren sie relativ ungefährlich, aber in Verbindung kataströs! Mit Schrecken erinnerte er sich daran, wie Aline immer für Streit sorgte, wenn die Verwandtschaft zusammenkam – insofern sie natürlich überhaupt erst auf den Familienfeiern auftauchte. Die Frau war das muggelige Gegenteil eines Todessers. Eine Magierhasserin mit Leib und Seele – passender Weise auch noch Katholikin.
Severus nickte seinem Vater zu. Er erhob sich und ging mit seinem Vater im Schlepptau in den Salon hinunter.
Und da war sie! Aline Snape; kettenrauchend, hoch gewachsen, mit Armen wie Baumstämmen, aber gleichzeitig fast doppelt so breit wie lang und mit einer Mentalität, die eher einem Armeeausbilder glich, als einer Mutter. Ihr Haar war brünett, von einzelnen, grauen Strähnen durchzogen. Sie trug enge Männerkleidung, die ihre Fettpolster auf unschöne Weise betonte.
Severus versuchte möglichst nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen, als er den – nun prall mit Menschen gefüllten – Salon betrat.
„Hey, du Bengel, was schleichst du da so herum?"
Zu spät! , dachte er und verfluchte sich innerlich. Severus wandte sich ihr zu. Aline wirkte wie eine Dampfwalze. Bereit alles zu zerquetschen, was ihren Weg kreuzte. Er wusste, dass sie ihn nicht ausstehen konnte. Früher hatte sie ihren Magierhass auch an seiner Mutter ausgelassen. Doch diese war nicht mehr und so fürchtete Severus, würde er wohl all die Aggressionen abbekommen.
„Ja?", sagte er und versuchte es möglichst gelangweilt klingen zu lassen.
„Ja? Was soll Ja heißen? Komm gefälligst her und schau mich nicht so an! Euch Magiergesocks sollte man mal Manieren beibringen!"
„Aline, das reicht!", unterbrach Tobias sie.
„Ach du! Halt die Klappe!", rief Aline. Severus sah wie sein Vater scheinbar schrumpfte. Er wirkte plötzlich wie ein Sechsjähriger, den man dabei erwischt hatte wie er etwas Kuchen der Mutter stahl und jeden Moment damit rechnete geschlagen zu werden. Aline lachte bei seinem Anblick schallend los. „Ja, so ist's Recht, Tob! Bei Fuß!"
Alle Blicke ruhten auf Aline. Die meisten Angehörigen der Snapes und Princes machten angewiderte Gesichter. Aline war in der Familie so beliebt wie Paul McCartney bei Reinblütern!
„Und du …" Sie wandte sich erneut an Severus. „Was machst du? He? Ihr Leute werdet ja immer weniger. Schlachtet euch gegenseitig ab! Zum Glück! Dann lasst ihr die normalen Menschen wenigstens in Frieden." Er wagte einen Seitenblick zu seiner Verwandtschaft. John, einer seiner Vetter, griff in die Innentasche seiner Jacke, doch Josefine, die genau neben ihm saß, legte ihm die Hand auf den Arm. Wahrscheinlich wollte sie ihn daran hindern seinen Zauberstab zu ziehen. „Deine vermaledeite Mutter war auch so abartig – okay, wer von den Princes ist das nicht …"
„Aline, ich glaube, wir sollten einen Moment vor die Tür gehen!", sagte Tobias und wollte seine Mutter am Arm packen, doch diese wehrte ihn ab. Aline verpasste ihrem Sohn mehrere saftige Ohrfeigen.
„Wer – hat – dich – eigentlich – nach – deiner – Meinung – gefragt?" Bei jedem Wort schlug sie Tobias ins Gesicht. Für einen Augenblick schien es so, als sei er den Tränen nah, doch er fing sich schnell wieder. „Ständig verteidigst du dieses Gesocks! Und du hast auch noch eine von denen geheiratet! Aber sie hat ihre Strafe bekommen und schmort nun in der Hölle!"
In Tobias' Miene rührte sich etwas Unergründliches. Severus konnte nicht sagen, ob es Hass war, doch es musste auf jeden Fall sehr nah dran sein. Sein Vater packte Aline grob an den Armen.
„Wir unterhalten uns draußen weiter!", sagte er mit derartigen, unterdrückten Hass, wie ihn Severus noch nie aus dem Mund seines Vaters vernommen hatte. Er schleifte seine Mutter vor die Tür. Die entgeisterten Mienen der gesamten Verwandtschaft folgten ihnen. Nachdem sie nach draußen verschwunden waren scharten sich alle um die Tür, um auch genau vernehmen zu können, was die Beiden sagten. Das wäre allerdings gar nicht nötig gewesen. Aline und Tobias schrieen sich derart an, dass es wahrscheinlich jeder im Umkreis von fünf Meilen hörte.
„WIE KANNST DU ES WAGEN …?"
„WIE ICH ES WAGEN KANN? DU HAST KEIN RECHT SO MIT IHNEN ZU REDEN! UND DU HAST ERST RECHT KEIN RECHT SO ÜBER EILEEN ZU REDEN!"
„PAH, DIR WURDE VON DIESER VAGABUNDENSIPPE DOCH EINE GEHIRNWÄSCHE VERPASST! SIE HATTE IHR SCHICKSAL VERDIENT!"
„SEI STILL!"
„NEIN, TOBIAS, DU BIST STILL! ICH HABE ES GEWUSST! ICH WUSSTE, DASS DIESE LEUTE NUR ÄRGER MACHEN – VON ANFANG AN! DIESE UNNORMALEN!"
„SEI ENDLICH STILL!"
„WARUM DENN? HAST DU ANGST, DASS SIE UNS HÖREN? LASS SIE DOCH, ABER VIELLEICHT GLAUBST DU JA DU MÜSSTEST DICH VOR DEINEM BENGEL WIE EIN MANN AUFSPIELEN? ER IST GENAUSO KRANK WIE DIE ANDEREN!"
„SPRICH NICHT SO ÜBER MEINEN SOHN, DU ELENDE HEXE!"
Noch bevor Tobias die letzte Silbe ausgesprochen hatte erklang ein dumpfer Schlag und jemand stürzte hart gegen die Tür. Das Portal erzitterte. John zog seinen Zauberstab und riss die Salontür auf, doch der Einzige, den er vorfand war Tobias. Er lag am Boden und hatte seine Hand auf die Nase gepresst, die in Strömen blutete.
„Ich glaube, sie hat ihm die Nase gebrochen.", sagte John Prince und half Tobias auf.
„Passt zu dem alten Drachen!", bemerkte Alfred grimmig.
„Was sollte das?", fragte Severus und zog nun alle Blicke auf sich.
„Was?", fragte Tante Josefine.
„Warum war sie überhaupt hier? Sie hat doch schon im Sommer genug Ärger gemacht, als …" Er hielt kurz inne. „Bei der Beerdigung. Das war doch so ziemlich das Selbe Theater."
„Wir haben sie bestimmt nicht eingeladen, Sev.", meinte Kurt, Johns Bruder, als er half Tobias auf einen Stuhl zu bugsieren. Josefine hielt Tobias ein Taschentuch unter die Nase.
„Sie ischd ewen eime bösartige Gifdschlange.", sagte sein Vater durch die Nase.
„Ha, na ja, vielleicht haben wir ja Glück und sie wird vor dem Haus von einem vorbeikommenden Lkw ins Jenseits befördert!", sagte Alfred mit einem Hauch von Hoffnung in der Stimme.
„Alfred!", empörte sich Charlett. „So was wünscht man niemanden!"
„Sie hat es verdient! So wie sie mir und Tobias das Leben immer zur Hölle gemacht hat. Tz, mein Vater, der alte Willi, hatte eben Recht, als er sagte man solle sich nicht mit Katholiken einlassen."
„Trotzdem wünscht man das niemanden!", sagte Charlett scharf.
Tobias blutete immer stärker. Scheinbar hatte Aline ihm wirklich ordentlich eins verpasst.
„Sollen wir ihn nicht zu einem Arzt bringen?", fragte Brandon, einer von Tobias' Cousins.
„Ich kann das per Magie kurieren.", sagte Severus.
„Du darfst nicht zaubern.", sagte Josefine strikt. „Du bist noch minderjährig. Außerdem ist mit Medimagie nicht zu spaßen. Auch wenn ich natürlich keinen Zweifel an deinen Fähigkeiten habe, Severus, aber es ist wohl besser, wenn sich das ein Experte ansieht."
„Isch glaube, sie had mir das Nasenbein bis ins Hirn gerammd!", näselte Tobias.
„John, Kurt, könntet ihr ihn ins Krankenhaus fahren?", fragte Josefine.
„Geht klar.", sagte John und sie halfen Tobias vorsichtig auf.
„Das wird schon wieder, Tob.", meinte Kurt, als sie ihn hinausbrachten.
Wenig später saßen alle bei Tisch, als sei nichts geschehen. Seit Alines Abgang hatte sich die Atmosphäre stark gebessert. Es wurde ausgelassen geredet, diskutiert, hier und da auch mal kurzzeitig gestritten und gelacht.
Severus hingegen saß teilnahmslos da und schaufelte geradezu mechanisch sein Essen in sich hinein. Obwohl er wusste, dass Aline eine elende Magierhasserin war hatten sich ihre Vorwürfe und Behauptungen irgendwie in sein Hirn gefressen.
„Deine vermaledeite Mutter war auch so abartig …"
„Aber vielleicht glaubst du ja, du müsstest dich vor deinem Bengel wie ein Mann aufspielen? Er ist genauso krank wie die anderen!"
Severus schüttelte den Kopf. Er versuchte diese Sätze aus seinem Gehirn zu verbannen, doch es schien unmöglich. Schließlich knallte er das Besteck entnervt hin, erhob sich und verließ den Salon. Im Flur atmete er tief durch und verfluchte sich innerlich. Warum konnte er die alte Hexe nicht einfach ignorieren? Er ging in die Küche, die sich direkt neben dem Salon befand. Diese war groß, unordentlich und zum Teil doch etwas schäbig. Arcturus stand auf einem Hocker am Herd, rührte in einem Topf herum sagte dabei einen Vers aus Goethes Zauberlehrling auf.
„Walle, walle, manche strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe …"
Severus ließ sich auf der Sitzbank, gegenüber dem Herd, nieder.
„Hast du was da?"
Arcturus zuckte einwenig zusammen und wandte sich zu ihm um.
„Ah, Herr Severus." Der Elf machte einen Knicks vor ihm und schwankte dabei so gefährlich, dass Severus schon fürchtete er würde vom Hocker fallen. „Was wünscht ihr?"
„Irgendwas Hochprozentiges!", sagte Severus.
Arcturus hüpfte vom Hocker und verschwand im Vorratsraum, den man durch eine massive Tür im hinteren Teil der Küche erreichte. Kaum eine Sekunde später tauchte er mit einer Flasche von Irgendwas auf.
„Was ist das?", fragte Severus.
„Geht auf's Haus. Altes Familienrezept!", sagte der Elf und drückte ihm die Flasche in die Hand. Er wusste, dass es keine gute Idee war seinen Frust durch Kampftrinken abzureagieren. Allerdings war ihm das augenblicklich herzlich egal.
Severus entkorkte die Flasche und roch zunächst dran. Ein beißender Geruch, der von Benzin stammen könnte, fuhr ihm in die Nase.
„Nur zu, trinkt es! Ignoriert den Geruch am Besten.", sagte Arcturus.
Vorsichtig nippte Severus an diesem absonderlichen Schnaps. Das Getränk brannte unsäglich in seiner Kehle und er spuckte alles wieder heraus.
„Entschuldigt, ich vergas zu erwähnen, dass Ihr es rasch trinken müsst, damit das Gebräu keine Chance hat Euch den Rachen zu verätzen."
„Was zum Teufel ist das?", rief Severus und verzog das Gesicht angewidert. Er spuckte aus. Der ekelhafte Geschmack des Schnapses hatte sich auf seiner Zunge festgesetzt.
„Die gute Meisterin Josefine nennt es Blucaltu. Fragt mich nicht was drin ist. Sie behütet das Rezept wie ihren Augapfel. Es schmeckt furchtbar, ja, Herr Severus, da habt Ihr völlig Recht! Aber es ist gute Medizin!"
Skeptisch betrachtete er die Flasche. Schließlich überwand er sich, hielt sich die Nase zu und nah einige kräftige Schlucke auf Ex. Das Zeug brannte ihn immer noch Löcher in den Hals, doch als es im Magen landete breitete sich sofort eine nie gekannte, wohlige Wärme in seinem Bauch aus.
„Und?", fragte der Elf.
„Arcturus, bring mir ein Glas und setz dich zu mir."
Der Hauself gehorchte aufs Wort.
„Geht es Euch nicht gut?", fragte Arcturus, nachdem er sich auf der Bank neben Severus niedergelassen hatte.
„Nicht besonders gut, in der Tat." Severus schüttete sich etwas Schnaps ins Glas. „Wie lange dienst du schon der Familie?"
„Sehr lang. Ihr wisst ja, dass die Meisterin mich aufgenommen hatte, nachdem ich von meiner alten Familie weggelaufen war. Das ist schon mehr als 40 Jahre her."
„Welche war deine Familie?", fragte Severus.
„Hochadel, Herr Severus. Feine Magier, aber ohne jeglichen Charakter. Nun, Euch kann ich es vielleicht erzählen …" Severus zog eine Augenbraue hoch. Ihm erzählen? Arcturus hatte noch jemanden erzählt unter welcher Familie er ursprünglich diente. „Ich musste den Malfoys dienen." Vor lauter Überraschung machte Severus den wohl dümmlichsten Gesichtsausdruck aller Zeiten. „Bösartige Magier, mein Herr. Von bösem Blut."
„Den Malfoys? Du musst Yatrus und seinen Sohn Abraxas gekannt haben."
„Oh, das habe ich, Herr, das habe ich.", meinte der Elf.
„Wie waren sie?"
Arcturus verzog das Gesicht angewidert und schnappte sich die Flasche Blucaltu aus Severus' Händen. Er setzte sie an und nahm einen kräftigen Schluck.
„Wie der Vater so der Sohn.", sagte der Elf. „Selten habe ich so viel Grausamkeit erlebt. Yartus war ein Sadist. Er hat es geliebt die Angestellten und Hauselfen wie Schlachtvieh auf Malfoy Manor herumzuscheuchen. Es kam auch vor, dass er uns bestrafte – oft ohne ersichtlichen Grund."
„Wie konntest du fliehen?", wollte Severus wissen. „Sind Hauselfen nicht an ihre Herren gebunden? Yartus hätte dir Kleidung schenken müssen."
Das Gesicht des Elf verzog sich plötzlich zu einem hinterhältigen Grinsen.
„Ha, Herr Severus, so ist es. Aber Yartus und sein Sohn waren nicht vor einer List gefeit."
„Du hast sie ausgetrickst?" Nun musste Severus auch grinsen. Ein Hauself, der seinen Herren betrog und sich so zur Freiheit verhalf. Von so was hatte er in der Tat noch nie gehört.
„Jawohl."
„Wie?", fragte Severus neugierig.
„Oh, das behalte ich lieber für mich. Nur soviel; hätten diese Magier nicht so viel blindes Vertrauen in ihre Sklaven gehabt, dann säße ich jetzt noch in Malfoy Manor. Aber Fahrlässigkeit ist bekanntlich ja immer der erste Schritt zum Untergang."
Severus nahm den Blucaltu aus den kleinen Händen des Elfen. Er schenkte sich nach und trank das Glas auf Ex aus. Er stellte fest, dass das Zeug gar nicht so übel schmeckte, wenn man sich erstmal daran gewöhnt hatte. Er blickte einen Augenblick die gegenüberliegende Wand an. Severus erinnerte sich an Lucius Gesichte mit Abraxas. Daran wie er von seinen Strafen erzählte.
„Arcturus, erzähl mir von Abraxas. War er genauso schlimm wie sein Vater?"
„Oh ja, sehr schlimm. Yartus fand es witzig dem Jungen die Unverzeihlichen beizubringen. Es geschah nicht selten, dass Yartus den Cruciatus bei Ungehorsam einsetzte, oder wenn er der Meinung war, dass wir unsere Aufgaben nicht erfüllt hatten. Gerade den Hauselfen hat er das Leben zur Hölle gemacht. Es passierte schon hin und wieder das einer während der Strafen gestorben ist." Tante Josefines Gebräu schien Arcturus' Zunge gelockert zu haben. Der Hauself erzählte, als würde er das, was er sagte, schon eine Ewigkeit mit jemandem teilen wollen. „Abraxas hat ebenfalls sehr zeitig damit begonnen uns Böses zu tun. Er war noch nicht Mal in Hogwarts, als er an uns Zielübungen durchführte. Yartus fand das natürlich völlig in Ordnung, immerhin waren wir in seinen Augen nur Ungeziefer."
„Wäre Abraxas fähig seinem eigenen Sohn etwas anzutun?", fragte Severus. Der Elf zögerte und schien tatsächlich sehr verunsichert über die Frage. „Also ich …"
Severus packte ihn an den Schultern.
„Antworte, Arcturus! Wäre er dazu fähig? Ich muss es wissen!"
Der Elf blickte ihn einen Augenblick an, als wolle er lieber davonlaufen, doch schließlich nickte er.
„Ja, Herr Severus."
Severus ließ Arcturus los und lehnte sich zurück.
„Ich weiß davon, was im Hause Malfoy vor sich geht."
„Woher?", fragte Severus überrascht.
„Wir Hauselfen brauchen keine Eulen oder Kamine, um Nachrichten untereinander zu versenden. Ich habe noch Kontakt zu einigen vertrauenswürdigen Elfen in Malfoy Manor. Sie haben mir erzählt wie Abraxas den jungen Lucius misshandelte." Arcturus ließ seine übergroßen Ohren bedauernd hängen. „Ich wünschte, ich könnte ihm helfen."
Severus erhob sich und legte dem Elfen seine Hand auf den Kopf.
„Ich wünschte, ich könnte es auch.", sagte er und gab den Blucaltu Arcturus zurück. Schweigend verließ er die Küche und ging leicht schwankend in seine Unterkunft.
Oha, der Schnaps zeigt Wirkung!
In Charles' Zimmer angekommen ließ er sich in sein Bett sinken und schrieb schnell einen Brief an Jennifer.
Jan,
ich komme voraussichtlich am 27sten wieder. Ich hoffe du hast ein schönes Weihnachtsfest. Bei mir kann davon bis jetzt noch keine Rede sein.
Ich werde so schnell es geht bei dir vorbeischauen, wenn ich wieder zurück bin.
PS: Ich freue mich auf dich.
Dein Sev
Er faltete den Brief mehrmals zusammen und steckte ihn Hades in den Schnabel. Er trug den Raben zum Fenster und öffnete dieses.
„Lass dich von nichts und niemanden aufhalten, hast du verstanden? Von nichts und niemanden!"
Hades krähte.
„Gut.", sagte Severus und ließ das Tier davonfliegen. Er sah seinem Raben noch einen Augenblick nach bevor der das Fenster wieder schloss.
Erneut setzte sich Severus Snape auf Bett, lauschte dem Knarren der Holzbalken und dem Tapsen der Mäuse auf dem Dachboden und so ging einer der wohl deprimierendensten Heilig Abende vorüber, die er je erlebt hatte. Nur leider würde es wohl nicht der Letzte sein.
