Am Rande des Gebirgszugs, ungefähr 50 Meilen südöstlich materialisierten sie sich wieder und Hermine hatte es noch nicht mal ganz auf die Beine geschafft, da musste sie sich schon übergeben. Ihr war schrecklich übel und schwindlig. Portschlüssel im 7. Monat waren eben alles andere als förderlich!
„Entschuldige", murmelte sie mit kalkweißem Gesicht als ihr Magen nichts mehr hergab und nahm dankbar das Papiertaschentuch von Severus an.
„Ich hatte Dich gewarnt", grummelte der mit sorgenvollem Blick und gezücktem Zauberstab während er hektisch die Gegend abscannte, „Wo hast Du den Beruhigungstrank?"
„Hier irgendwo", nuschelte sie und kramte umständlich in ihrer Hüfttasche. Severus war schon drauf und dran ärgerlich zu werden, weil sie diese Notfalltränke doch immer griffbereit haben sollte, aber schließlich hatte sie diesen, einen Magentrank und netterweise auch das kleine Fläschchen Diptam gefunden.
„Ist es jetzt besser?", fragte er kritisch, als sie beide langsam nacheinander getrunken und er rasch die blutende Wunde an seinem Oberschenkel versorgt hatte.
„Nein", schüttelte sie den Kopf und kauerte sich erschöpft auf den Boden. Nein, ganz und gar nicht, jetzt war zwar die Übelkeit besser, dafür hatte sie aber zum Schwindelgefühl noch schreckliche Schmerzen, denn Lillian strampelte furchtbar in ihrem Bauch herum. Sie beschwerte sich wohl gerade zu Recht für diese verstörende Reise und der Trank brauchte wohl noch Zeit, um seine Wirkung zu entfalten.
„Wir müssen aber dennoch hier weg, Hermine", mahnte Severus indes er sich neben sie kniete und seinen Arm schützend um sie herum legte, „Du hast gesehen wie mächtig diese Zauberer sind, ich möchte kein Risiko eingehen. Außerdem musst Du aus dieser Kälte heraus!"
„Die Kälte ist gerade mein geringstes Problem", stöhnte Hermine mit zusammengepressten Zähnen und tatsächlich stand ihr der Schweiß auf der Stirn.
Verdammt. Er hatte gewusst, dass eine Reise mit dem Notfallportschlüssel nicht ungefährlich sein würde, daher auch die Tränke, hoffentlich wirkten sie bald. Vorsichtig zog er sie auf seinen Schoß, „Kannst Du gehen?", fragte er nach einer kleinen Weile, die er dafür genutzt hatte zärtlich ihren Rücken hinauf und hinab zu streicheln.
„Gib uns noch eine Minute", bat Hermine als Antwort und drückte ihren Kopf in seine Halsbeuge.
„Du weißt genau, ich würde Dir gerne wesentlich mehr geben, meine Liebe", flüsterte er an ihrem Ohr und küsste ihren kalten Kiefer entlang, „aber Du weißt auch, dass das nicht geht!", damit raffte er sich entschlossen auf und nahm seine Frau kurzerhand auf seine Arme.
„Aber Severus! Du kannst mich doch nicht den ganzen Weg über tragen", murrte Hermine unglücklich.
„Nein, aber eine Minute lang schon", entgegnete er und marschierte los. Sie mussten von hier weg. So schnell es trotz der Dunkelheit und des Schnees ringsherum irgend ging. Nun, wenigstens pfiff hier der Wind nicht gar so heftig wie oben im Gebirge und es schneite auch nicht mehr. Gleichwohl war der Weg schlecht zu erkennen und seine Last schwer und sie wurde mit jedem Schritt schwerer.
„Lass mich bitte runter, Severus", verlangte daher auch Hermine, die sich ihres Gewichtes durchaus bewusst war, nach kurzer Zeit, sein Schnaufen war einfach nicht zu überhören.
„Nein!", lehnte Severus ihren Wunsch kategorisch ab.
„Die Minute ist schon lange um!", versuchte Hermine es erneut.
„Hat sich Lillian beruhigt?", fragte Severus im Gegenzug.
„Noch nicht so richtig", musste sie zugeben.
„Also beschwer Dich nicht!"
„Ich beschwere mich doch gar nicht, ich sorge mich!"
„Aber wir können nicht hier bleiben", entgegnete er keuchend, „und wir können keinen weiteren Portschlüssel benutzen, vom Apparieren mal ganz zu schweigen. Ich weiß keinen anderen Weg und wenn Du keinen weißt, dann beschwere Dich nicht."
Es war nicht zu übersehen, dass Hermine diese Anweisung nicht gefiel, aber sie beherrschte sich – wenigstens fünf weitere Minuten, dann erkundigte sie sich müde „Wo willst Du eigentlich hin?"
„Laut meinen Recherchen gibt es etwa zehn Meilen von hier eine Umladestation der Gebirgsbahn, da müssen wir hin, um in die nächste Stadt zu gelangen. Aber das ist für heute zu weit. Dort drüben hinter der Baumgruppe muss eine kleine Siedlung sein", er nickte in die Richtung in die sie marschierten, „da wird es vielleicht eine Möglichkeit geben Unterschlupf zu finden."
„Wir könnten das Zelt aufbauen", schlug Hermine vor, als er nach einer kleinen Weile eine Rast einlegte, um kurz durchzuatmen und den Sitz seiner Schneeschuhe zu richten.
„Nein, ich halte das für zu gefährlich, diese Zauberer verfügten über Mittel, selbst diese Magie zu spüren", verwarf Severus die Idee und wollte weitergehen, doch Hermine hielt ihn zurück.
„Bis zu den Häusern dort hinten, sagst Du? Gut, dann lass mich runter, ich schaffe das!", verlangte sie und machte sich energisch aus seinen Armen los.
Nur widerwillig entsprach Severus ihrem Wunsch. Als sie auf den Beinen stand, atmete sie mehrere Male beruhigend ein und aus und warf ihm dann einen entschlossenen Blick zu, „Komm schon, alter Mann, Unterschlupf hört sich klasse an!"
Nun, er sagte nichts zu dieser Beleidigung, das würde er nachholen, er sagt auch nichts dazu, dass ihr Gang sehr vorsichtig war und ihr Gesicht mehr als verkrampft aussah und sie sagte im Gegenzug nichts dazu, dass er sie immer mal wieder sachte stützte und ein sehr gemächliches Tempo einschlug.
So erreichten sie nach einer Stunde Fußmarsch endlich die kleine Häusergruppe, die sich in eine kleine Mulde am Rande eines kleinen Waldstückes drückte.
„Warte hier", flüsterte Severus und half Hermine sich am Waldrand an einen Baum anzulehnen, „Ich sondiere schnell die Lage."
Er beeilte sich wirklich und schon nach wenigen Minuten kam er zurück und führte Hermine immer im Schutz der Schatten zu einem kleinen Schafstall, „Das muss bis morgen früh reichen", meinte er und deutete auf das bescheidene Heulager an der Stirnseite."
„Besser als Ziegen", war Hermines einziger Kommentar in Richtung der tierischen Bewohner und sie quetschten sich vorsichtig an den wenigen Schafen vorbei.
Man sah ihr deutlich an, wie froh sie darüber war, als sie sich in dem Stroh und Heu ausstrecken konnte, sie schien am Ende ihrer Kräfte.
„Jetzt besser?", fragte Severus leise und setzte sich neben sie.
„Viel besser!", seufzte sie und wischte sich über die Augen.
„Gut, dann versuche ein wenig zu schlafen, es ist schon fast drei Uhr."
„Und Du?", wollte Hermine erst noch wissen.
„Ich halte Wache, wir sind hier nicht sicher!"
„Dann nimm wenigstens eine Decke."
„Woher soll…" wollte er gerade fragen, als Hermine nach einigem Kramen in ihrer Hüfttasche zwei dicke Plaids hervorzog.
„Danke!", nickte er.
„Meinst Du, dass die beiden es mit unserem Schatz nach Hause geschafft haben?"
„Ich hoffe es sehr, aber das werden wir erst wissen, wenn wir ebenfalls endlich wieder daheim sind", antwortete Severus.
„Ach, Severus", seufzte Hermine geknickt, „es tut mir wirklich sehr leid, dass ich Dir, trotz meines Versprechens, nun doch zur Last falle!"
„Ja, in der Tat! Aber ich freue mich, dass Du endlich zugibst, unvernünftig und sturköpfig zu sein!", gefiel Severus die späte Einsicht seiner Frau und quetschte sich neben sie.
„Na ja, aber nur ein wenig!", schränkte diese mit einem kleinen Lächeln ein.
„Von wegen!", schnaubte Severus und zog sie vorsichtig näher an sich heran.
„Wir verbringen übrigens in letzter Zeit ziemlich viele Nächte in Ställen!", fiel Hermine nach einer kurzen Pause des einträchtigen Schweigens noch ein.
„Nun, ich verbringe gerne meine Nächte mit Dir, wegen mir auch in Ställen", präzisierte Severus brummelnd und gab ihr einen Kuss.
„Ich mit Dir auch!", stimmte Hermine aus tiefstem Herzen zu und erwiderte den Kuss.
„Allerdings möchte ich dringend daran appellieren, dass die Zeit für Geburten in Ställen seit über einem Monat vorbei ist!", stellte Severus noch schnell klar und schob mal besser seine Hand unter Hermines Anorak, immerhin hatte sie gesagt, dass er beruhigend auf Lillian wirken würde.
„Unbedingt!", war auch Hermine ganz seiner Meinung, „aber es ist schon besser, die Tränke wirken endlich und ich denke, Lillian hat ein Einsehen und wartet noch ein wenig aufs Geboren werden."
„Merlin sei Dank! Aber nun schlaf, wir müssen vor Sonnenaufgang von hier verschwunden sein."
Ein Auftrag, dem seine geschaffte Frau sofort nachkam, keine drei Minuten später fielen ihr die Augen zu und ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig.
Er seufzte tief. Auch wenn er gekonnt hätte, er war viel zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Zudem war es zu gefährlich. Wenn sie entdeckt würden, wären sie bestimmt gezwungen Magie zu wirken. Aber jeder Zauber würde sie garantiert an die Mitglieder des Ordens verraten und sollten sie erneut einen Notfallportschlüssel benutzen müssen oder genötigt werden zu apparieren, dann hätte das für Hermine und Lillian sicher ernstere Auswirkungen, als ein wenig Übelkeit und Tritte.
Verdammt, wenn sich dieser verflixte Mond dort oben auf dem Berg doch nur eine halbe Stunde früher gezeigt hätte, dann wären sie weit genug entfernt gewesen, um sich in Sicherheit bringen zu können. Sie würden sich jetzt voller Zufriedenheit an ihrem Erfolg erfreuen und könnten vielleicht sogar ein wenig feiern, immerhin hatten sie etwas geschafft, was Generationen von Hexen und Zauberern nicht vergönnt gewesen war: sie hatten die blaue Schneeblume während ihres Erblühens erlebt. Ein Geniestreich! Wahrlich!
Als Severus daran zurückdachte, wie sich das Blumenfeld gezeigt hatte, schlich sich ein glückliches Lächeln auf seine Lippen. Er hatte es genau gespürt, die Macht, die Reinheit und die Größe dieses Augenblicks. Das ganze Blumenfeld strahlte es aus, es hatte ihn zur Gänze erfüllt, beflügelt und fast überwältigt. Nie war er mit sich und seinem Sein so eins gewesen, nie hatte er sich so lebendig gefühlt. Er musste mit Caspian darüber sprechen, ob er das Gleiche empfunden hatte. Er würde auch mit Hermine darüber reden, später, zu Hause, in Ruhe, wenn er noch ein wenig mehr darüber nachgedacht hatte und sich noch ein wenig mehr darüber im Klaren war, was dort oben genau geschehen war.
Aber jetzt war nicht die rechte Zeit dafür, daher schloss er kurz seine Augen und legte diese kostbare Erinnerung in die Schatztruhe seines Eheringes. Genau dort gehörte sie hinein! Denn trotz aller Sorgen und trotz der ganzen Probleme die es nun wegen der Anwesenheit seiner Frau zu lösen galt, wusste er natürlich, was sie für einen großen und entscheidenden Anteil am bisherigen Erfolg der Mission hatte. Und wenn er aufmerksam in sein Herz sah, dann war er tatsächlich glücklich darüber, dass sie in diesen besonderen Augenblicken bei ihm gewesen war und auch jetzt bei ihm war.
Wenn Sie denn nur alle gesund und unbeschadet nach Hause gelangen würden. Aber daran arbeitete er ja gerade und seine Wachsamkeit würde nicht nachlassen!
Keine Frage!
