„Willkommen im Tempel des Sobek!"
Ein Portschlüssel hatte sie nach Fajum gebracht.
Nun standen sie in einem der Innenhöfe der imposanten Tempelanlage und wurden von der Hohepriesterin begrüßt.
„Sobek ist der Gott des Wassers und der Fruchtbarkeit", erklärte die Priesterin. „Er manifestiert sich im Krokodil. Diese Tiere sind uns heilig."
„Krokodil? Hat sie wirklich Krokodil gesagt?" Paolas Stimme klang gleichzeitig ängstlich und tonlos.
„Das heutige Shooting ist einfach", sagte Heidi. „Ihr werdet in die traditionellen Gewänder der Priesterinnen gekleidet und werdet euch zwischen die Krokodile setzen. Abi …" Sie zeigte auf den jungen Mann, der neben ihr stand „… wird euch fotografieren."
„Euch kann nichts passieren", warf die Priesterin ein als sie in die verängstigten Gesichter der Nachwuchsmodels sah. „Wir werden gut auf euch aufpassen."
Sie deutete mit ihrem linken Arm – der rechte fehlte – auf eine Gruppe von Frauen und Männern jeden Alters, die viele Narben hatten. Einigen fehlten ebenfalls Gliedmaßen.
Luna sah die Gruppe neugierig an und flüsterte: „Irgendwie beruhigen mich die Sicherheitsmaßnahmen nicht."
„Allerdings dürfen wir keine lauten Geräusche machen, und Abi wird auch nur ein Foto schießen. Das muss dann allerdings richtig gut werden. Also los!" rief Heidi.
Hermione war die Erste, die vorsichtig zwischen den Krokodilen herumlief, sich eine freie Stelle suchte und eine Position im Schneidersitz einnahm. Ein leises Klick und Heidi winkte – überstanden!
Floßhilde streichelte sogar eines der Krokodile, das keinerlei Abwehr zeigte.
„Du kannst gut mit Tieren umgehen", sagte die Priesterin, nachdem das Foto geschossen war.
„Ich bin selbst eine geweihte Priesterin der Freya", antwortete Floßhilde. „Ängste abzulegen ist Teil unserer Ausbildung."
Auch alle anderen überstanden das Shooting, obwohl der ein oder anderen die Angst ins Gesicht geschrieben war. Daran konnten auch die Priesterinnen und Priester, die mit gezückten Zauberstäben über die Models wachten, wenig ändern.
Paola war die Letzte.
„Ich kann das nicht!" schrie sie. „Ich kann das einfach nicht!"
„Versuche es doch wenigstens", sagte Heidi. „Sonst haben wir kein Foto von dir."
„Ich kann nicht!"
„Sie hat zu viel Angst", sagte die Priesterin leise zu Heidi. „Sie sollte nicht zu den Krokodilen hinein gehen. Die Gefahr, dass die Tiere auf ihre Panik aggressiv reagieren, ist einfach zu groß."
„Also gut, Paola", sagte Heidi. „Du musst das hier nicht machen. Alles o.k.?"
Paola nickte.
„Schön zu sehen, dass auch Paola Grenzen hat", sagte Hermione leise zu den anderen.
„Spare dir deinen Spott", erwiderte Susan. „Paola hat wirklich alles für ihren Traum getan, alles klaglos geschluckt – und nun das! Ausgerechnet Krokodile! Adieu Glamour und Fashion, willkommen sizilianisches Bergkaff. Gerade sie hätte eine Chance mehr wie verdient!"
„Glaubst du wirklich, dass sie rausfliegt?" fragte Ginny.
„Ohne Foto?" antwortete Susan. „Was denkst du denn? Die warten doch hier alle nur auf die eine Schwäche, auf den einen Fehler und Bumm – saust das Fallbeil herab!"
Hexenwoche, Ausgabe 24
Wer wird „The Magic World's next Topmodel?
Wer gewinnt Werbeverträge mit „Gladrays Wizardwear" und „Madam Malkins Roben für alle Gelegenheiten" im Wert von fünfzigtausend Galleonen?
Wer schmückt das Titelbild Ihrer „Hexenwoche"?
Wieder stand ein Shooting an?
Wieder wird es eine Entscheidung geben?
Das heutige Fotoshooting war eine ganz besondere Herausforderung für die Kandidatinnen.
Inmitten von Krokodilen – auch wenn dies heilige Tiere sind – zu sitzen und sich aufnehmen zu lassen hat Überwindung gekostet.
„Floßhilde, wie war es für Dich?"
„Ich fand es toll. Ich mag Tiere, und bedingt durch meine eigene Priesterinnen-Ausbildung habe ich auch keine Angst."
„Und für Dich, Ginny?"
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich es kann, aber ich habe mich überwunden. Ich bin einfach nur stolz auf mich und die anderen."
„Paola hatte große Angst und konnte sich nicht fotografieren lassen. Was sagst Du dazu, Susan?"
„Sich Angst einzugestehen und auch einmal „Nein" zu sagen, erfordert Mut. Ich bin sehr beeindruckt von ihr."
Es sieht so aus als wären Heidi und die Juroren zu einem Ergebnis gekommen. Das erste Mädchen wird zum Lifewalk gebeten …
„Ginny, ein tolles Foto! Obwohl du Angst hattest. Willst du es sehen?"
„Floßhilde – großartig. Du warst mit Abstand die Beste heute. Hier ist dein grandioses Foto!"
„Luna, leider hast du ein wenig verträumt geguckt. Trotzdem – ein schönes Foto!"
„Hermione! Wie üblich perfekt, zu perfekt! Wir haben uns lange beraten und geben dir noch eine Chance. Versuche doch einfach einmal … menschlicher auszusehen. So wie du bist. Hier ist dein Foto!"
„Parvati … dein Foto!"
„Katie – dein Foto! Nicht schlecht, aber auch nicht überragend."
„Natalja! Wir haben lange diskutiert. Du hattest einen Fürsprecher …" Heidi warf Severus einen äußerst finsteren Blick zu, „… aber zum Schluss stand es zwei zu eins. Wir glauben einfach nicht, dass du die nötige Selbstdisziplin aufbringst, die man in diesem Business braucht. Du hast Mo-Chu schwer beleidigt. So etwas darf einfach nicht passieren … Ich habe leider kein Foto für dich!"
„Susan … dein Foto!"
„Paola! Auch über dich haben wir lange gesprochen. Du hast bis jetzt gezeigt, dass du das hier wirklich willst. Du hast sogar einen Job ergattert. Aber leider genügt das nicht. Als Model – gerade, wenn man noch am Anfang seiner Karriere steht – muss man sich auch überwinden können … Dinge tun, vor denen man Angst hat oder die unangenehm sind … Es tut mir leid, ich habe kein Foto für dich!"
„Überraschung!" schrie Natalja als sie zu den anderen zurück gekommen war. „Ich bin raus!"
„Nein?" riefen Hermione und Ginny im Chor.
„Oh doch", antwortete Natalja. „Es mangelt mir an Selbstdisziplin."
„Ich gehe da jetzt rein und sage denen, dass ich aussteige", erklärte Hermione grimmig. „Ich stehe ohnehin auf der Kippe, weil ich ‚zu perfekt' bin und werde denen den Triumph nicht gönnen, mich rauszuwerfen."
„Tue das nicht", antwortete Natalja. „Wenn du jetzt gehst, gibst du klein bei und unterwirfst dich ihren Regeln. Bleibe hier und kämpfe weiter."
„Da ist etwas dran", sagte Hermione nachdenklich.
„Natalja hat recht", warf Ginny ein. „Mach weiter! Außerdem: Luna und ich brauchen dich."
„Nun gut", antwortete Hermione. „Bei der nächsten Entscheidung erwischt es mich ohnehin. Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es da nicht mehr an."
Hexenwoche, Ausgabe 24 – Fortsetzung
(auf Anweisung des Chefredakteurs nur ausschnittweise veröffentlicht)
Zwei Mädchen haben uns heute verlassen: Natalja und Paola.
„Natalja, was wirst Du jetzt tun?"
„Das, was ich besser nie für diesen albernen Wettbewerb unterbrochen hätte: Arithmantik und Runenkunde studieren."
„Du warst bisher eine der Besten. Warum musstest Du heute gehen?"
„Bei Merlins Unaussprechlichen! Seien Sie doch nicht so naiv, Rita. Sie waren doch am Strand dabei. Ich habe dem gottgleichen Mo-Chu widersprochen. Ich hatte einfach keine Lust mehr, mir alles gefallen zu lassen. Wobei ich die Krokos heute cool fand – das Foto war sicher toll! Aber Heidi hat entschieden, dass ich es nicht verdiene, weil Mo-Chu eingeschnappt ist. Also ehrlich …"
„Paola, auch Du hast kein Foto bekommen …"
„Ich hatte einfach zu große Angst. Ich konnte das nicht."
„Was wirst Du jetzt tun?"
„Keine Ahnung."
„Ich wünsche Euch beiden jedenfalls viel Glück und Erfolg. Ihr habt unsere Leserinnen und Leser tief beeindruckt mit Eurer Stärke und Schönheit."
Für zwei der Mädchen ist der Wettbewerb zu Ende, sie kehren nach Hause zurück.
Auf die anderen warten neue, aufregende Herausforderungen …
