Als Kíli, Fíli und Ori zu ihren Kameraden zurückkehrten, hatten diese das Lager vollständig eingerichtet und es sich um die wärmenden Flammen bequem gemacht. Bifur hantierte neben der Feuerstelle herum – zu seiner Linken lang der Proviantbeutel. Anscheinend bemühte er sich, aus den kärglichen Resten noch etwas zu bereiten, das ihre leeren Mägen wenigstens halbwegs füllen würde.

Dwalin hatte seinen Umhang ausgebreitet und sich darauf ausgestreckt. Mit unter dem Kopf verschränkten Armen und halb geschlossenen Augen verfolgte er den Flug der Funken, die zusammen mit dem Rauch von den knisternden Scheiten aufstiegen und unterhalb des Dachstuhls in der Dunkelheit verglühten. Durch ein etwa kopfgroßes Loch in den Schindeln konnte man ein Stück Himmel erkennen und sogar vereinzelte Sterne schimmern sehen. Nachdem sie tagelang von Baumstämmen und Astwerk umschlossen gewesen waren, war dieser Anblick eine wahre Wohltat. Bofur, der eine Pfeife zwischen die Lippen geklemmt und sich in seinem Rucksack auf die Suche nach Tabak gemacht hatte, hielt in der Kramerei inne, als die drei Gefährten zu ihnen stießen.

„Habt ihr etwas gefunden?", erkundigte er sich und ließ die Pfeife ohne Zuhilfenahme der Hände in den Mundwinkel wandern.

Kíli und Fíli schüttelten gleichzeitig die Köpfe, Ori dagegen nickte begeistert.

„Ich habe etwas gefunden, das uns vielleicht weiterhilft und uns sagt, wo wir uns befinden."

Dies war in der Tat mal eine Neuigkeit. Die Zwergenbrüder hatten ihn auf ihrem Rückweg vor dem Haus mit dem Wappen abgefangen und er hatte sie sofort informiert, aber als er ins Detail gehen wollte, wurde er von Kíli unterbrochen.

„Warte bis wir im Lager sind, dann erfahren es gleich alle", meinte er, und Ori hatte zugestimmt und geschwiegen.

Nun hielt ihn aber nichts mehr.

„Ich habe mich in einem der Häuser umgesehen und bin auf Kartenmaterial gestoßen", erklärte er, während er ein eng gewickeltes Blatt zu Tage förderte, das abgegriffen und alt aussah und dessen Ränder bereits ausgefranst und brüchig waren.

Wasser hatte das Material zusätzlich angegriffen und dunkle Stockflecken verursacht, die sich wie krankheitsähnliche Male in die dünne Tierhaut gefressen hatten. Es knisterte hörbar, als Ori es nun mit größter Sorgfalt entrollte, bedacht darauf, nichts zu verwischen oder zu zerreißen.

Die Zwerge beugten sich über die Karte, deren dunkle Linien trotz des Alters erstaunlich gut zu erkennen waren. Es musste sich um eine Übersicht der näheren Umgebung handeln, denn auf den ersten Blick entdeckte keiner von ihnen eine bekannte Stelle. Außerdem war die Karte nicht nur alt im Material, sondern auch in der Darstellung. Zum Vergleich holte Fíli den Plan aus dem Gepäck, der ihnen als Wegweiser diente, entrollte ihn und legte ihn neben Oris Fund.

„Dort sehen die Umrisse ähnlich aus", meinte der blonde Zwerg und wies auf einen Abschnitt, der sich in etwa die Mitte des Waldlandreiches markierte.

Sie befanden sich ein ganzes Stück südwestlich des Zentrums.

„Dann sind wir doch richtig gewandert", kommentierte Kíli erleichtert. „Und morgen früh richten wir uns einfach nach dem Stand der Sonne, dann wissen wir, wo Süden ist."

Er grinste gut gelaunt.

Oris Aufmerksamkeit galt noch immer dem Dokument.

„Es gibt keinen Hinweis auf Daten oder darauf, wer diese Karte erstellt hat", bemerkte er mit leichter Enttäuschung.

Der Raum, in dem er den Wegweiser entdeckt hatte, war bis auf einen alten, zusammengebrochenen Schreibtisch und einem mottenzerfressenen Teppich leer gewesen. Der Eigentümer hatte alles mitgenommen, was ihm wertvoll erschien. Warum er ausgerechnet die Pergamentrolle zurückgelassen hatte, konnte der Zwerg sich nicht erklären – jedenfalls ruhte seine Hoffnung darauf, etwas über das Verschwinden der Bewohner zu erfahren. Leider stimmte es, das Papier war völlig schmucklos und enthielt außer der Darstellung des Waldes und einigen Markierungspunkten keine Hinweise. In winziger Schrift waren einzelne Koordinaten notiert und mitten auf die Karte ein Wort geschrieben worden, das sich ziemlich genau an der Stelle befand, wo sie gerade lagerten. Der junge Zwerg kniff die Augen zusammen und bemühte sich, die Schrift zu entziffern.

„Ca…lenb…âr. Calenbâr", las er langsam vor, dann blickte er seine Kameraden an. „Das scheint elbisch zu sein. Hat jemand von euch diesen Namen schon einmal gehört?"

Allgemeines Kopfschütteln war die Antwort.

„Wer auch immer diese Stadt erbaute, hat uns jedenfalls für diese Nacht einen großen Dienst erwiesen", sagte Bofur, nahm nach erfolgloser Suche die Pfeife aus dem Mund und gähnte.

Dann wandte er sich an Bifur: „Was macht das Essen?"

„Irmishel*", brummte dieser und Bofur seufzte zufrieden.

„Fertig? Wunderbar, das wurde auch Zeit."

Nachdem sie ihr Mahl, vorwiegend bestehend aus angebratenem Dörrfleisch und trockenem Zwieback, beendet hatten, wickelten sich die Zwerge in die Mäntel und Bifur, Bofur und Fíli suchten sich eine Schlafgelegenheit, während Kíli und Dwalin sich für die Nachtwache bereit machten. Ori rückte näher an das Feuer, um genügend Licht für seine Aufzeichnungen zu haben, die er zu Ende bringen wollte, ehe er sich hinlegte.

Der junge Zwergenkönig wählte eine etwas abseits gelegene Stelle im hinteren Teil der Ruine, rollte sich auf dem Boden zusammen und wandte das Gesicht den Schatten zu. Er starrte in die Finsternis auf die Steinwand und kämpfte gegen das Gefühl der Müdigkeit. Seine Muskeln schmerzten mittlerweile von der täglichen Anspannung und ein beständiges Pochen hatte sich in seinen Schläfen eingenistet, das es ihm langsam schwer machte, einen klaren Gedanken zu fassen. Trotzdem durfte er nicht ruhen, denn sobald Fíli die Augen schloss, kehrten die Bilder zurück. Er musste dafür nicht mal mehr wirklich einschlafen, damit sein Geist sie herauf beschwor.

Thorins ausdrucklose Miene, als das Orkschwert in seinen Körper drang, dunkles Blut, das unaufhaltsam aus der Wunde sickerte und mit jedem Tropfen mehr Lebensenergie kostete. Die Erkenntnis in seinen Augen, dass es zu spät war. Kílis schweißüberströmtes, fiebriges Gesicht, auf dem sich zuerst ein überraschter, dann ein entsetzter Ausdruck ausbreitete, als die nadelspitze Dolchklinge in seine Brust stieß und zielsicher das Herz fand. Der unbarmherzige Druck seiner Finger um Fílis Hand, der es nicht schaffte, sie loszulassen…

Er riss die Augen auf, die ihm trotz aller Anstrengungen doch zugefallen waren, und setzte sich kerzengerade auf. Sein Herzschlag hatte sich beschleunigt und die Finger seiner linken Hand, die im Traum die des Jüngeren umschlossen hatte, kribbelten und fühlten sich taub an. Geistesgegenwärtig bewegte er sie ein paar Mal, um das Blut wieder zum Zirkulieren zu bringen, dann drehte er sich um und blickte zu Dwalin und Kíli, die in der Nähe des Feuers saßen. Er konnte nicht lange weggedöst sein, denn die Szenerie hatte sich kaum verändert – selbst Ori war noch wach – außer, dass sich die drei Zwerge ebenfalls aufgerichtet hatten und angestrengt in die Dunkelheit starrten.

Im nächsten Moment hörte Fíli es: Das unheimliche Heulen der Wölfe. Dies war wohl auch der Grund, der ihn aus seinem flüchtigen, unruhigen Schlaf gerissen hatte.

Es klang sehr nah. Sehr viel näher, als in den letzten Nächten.

Ein zweiter Laut durchbrach die Nacht und diesmal schien er direkt aus den Ruinen auf dem Platz zu kommen. Es war ein tiefes, grollendes Knurren, das von den Mauern vielfach zurückgeworfen wurde.

Mit einer kraftvollen Bewegung sprang Dwalin nun auf und zog blitzartig eine der beiden Äxte sowie den schweren Streithammer aus der Gürtelschlaufe. Jeder Muskel war angespannt und sein Gesicht hatte sich in Sekundenbruchteilen verdüstert. Kíli folgte ihm, lockerte das Schwert an seiner Seite, dann spannte er in einer fließenden Bewegung den Bogen und zielte in die Dunkelheit. Bifur und Bofur, die anscheinend beide ebenfalls nur leicht geschlummert hatten, warfen die Decken zurück, griffen ihre Waffen und erhoben sich.

Auch Fíli befreite sich aus dem Wollumhang, stand auf, angelte nach seinem Waffengurt und zog die Zwillingsklingen, die er normalerweise auf dem Rücken trug. Er trat an die Seite seines Bruders und nahm Haltung an: Beide Schwerter aufrecht, die Arme leicht angewinkelt und die Klingen ein wenig überkreuzt, so dass sein Oberkörper gedeckt war. Seine Füße suchten automatisch den richtigen Stand, dann verharrte er in der Ausgangsposition. Bifur gesellte sich neben ihn, ging leicht in die Knie, verlagerte das Gewicht auf ein Bein und hielt die Saufeder mit der klingenartigen Spitze auf halbe Höhe erhoben. Ein leises Grollen kam über seine Lippen, so als wolle er auf die Laute der Raubtiere antworten, und in seinen Augen funkelte es erwartungsvoll. Bofur sprang hinzu und deckte die rechte Seite seines Vetters, indem er seinen Kriegshammer zückte und auf Schulterhöhe hielt, so dass er schnell zuschlagen konnte. Ori zog das Kurzschwert, das er an seinem Gürtel trug, hielt die Klinge auf Brusthöhe und sah alles andere als glücklich darüber aus, die Waffe führen zu müssen.

„Bildet einen Halbkreis und bleibt mit dem Rücken so dicht am Feuer, wie ihr könnt", gab Dwalin flüsternd Anweisungen.

Während er noch sprach, ertönte von der linken Seite ein lautes Hecheln, das von dem leisen Tappen schwerer Pfoten begleitet wurde. Die Wölfe – wenn es denn welche waren – schienen die Gegner zu umschleichen und sie den Geräuschen nach allmählich einzukreisen. Die sechs Gefährten starrten in die Dunkelheit und versuchten, wenigstens Schemen auszumachen um zu erkennen, wo ihre Feinde lauerten. Doch hier auf der Lichtung hatte die Nacht vollends Einzug gehalten und der Schein des Feuers, das in ihrem Rücken unruhig flackerte und ihre Schatten auf dem Boden tanzen ließ, reichte gerade einmal vier, fünf Schritte weit, ehe der Saum der Finsternis begann. Fast wünschten sie sich die unheimliche, phosphoreszierende Dämmerung des Waldinneren zurück.

Die Aktivitäten der Angreifer verstummten plötzlich und eine unheimliche Stille breitete sich aus. Nur der Wind pfiff leise zwischen den Gebäuden und das unterdrückte, schwere Atmen der Zwerge war zu vernehmen. Kíli strengte seine Augen noch mehr an, doch sein Blick vermochte die Dunkelheit nicht weiter als zehn Schritte zu durchdringen. Das Blut rauschte in seinen Ohren und sein Herz schlug schmerzhaft gegen die Rippen. Zwar verfolgten die Bestien sie bereits seit Tagen, aber dass der Angriff jetzt kam und an einem Ort, an dem sie sich halbwegs sicher gefühlt hatten, überraschte nun.

Plötzlich und völlig ohne Vorwarnung löste sich ein Schatten aus der Dunkelheit, sprang mit weit aufgerissenen Kiefern auf Kíli zu und wollte ihn zu Boden reißen. Der Angriff erfolgte so schnell, dass es der Zwerg nicht einmal mehr schaffte, den Pfeil abzuschießen. Handtellergroße Pfoten rammten gegen seinen Brustkorb und sorgten dafür, dass er die Spannung verlor, mit der er die Sehne straff hielt und der aufgelegte Pfeil nutzlos auf den Steinboden klapperte. Ein Aufschrei entrang sich seiner Kehle, als die dunkle Gestalt über ihn hinweg setzte und er nach hinten stürzte. Fílis reflexartigen beherzten Zugriff war es zu verdanken, dass er nicht mit dem Rücken voran in die Feuerstelle fiel. Der Blondschopf zerrte den Jüngeren mit einem Ruck am Wams zurück und für einen Moment kämpften beide um ihr Gleichgewicht, fingen sich aber schließlich wieder - was sie vor einem vorzeitigen Ende bewahrte.

Dann, als wäre der Angriff dieses einzelnen Tieres ein Zeichen gewesen, brach rings um sie die Hölle los.

Ein halbes Dutzend Wolfskreaturen, viel größer als gewöhnliche Grauwölfe, lösten sich nun aus den umliegenden Schatten und umkreisten die Gefährten in immer enger werdenden Bahnen.

Sekunden später brach der Erste aus der Formation aus und warf sich auf Dwalin, der ihm am nahesten stand. Der Krieger ließ seine Axt sprechen und versenkte die scharfe Schneide mit einem kräftigen Hieb zur Hälfte im Schädel des Untiers, ehe es ihn erwischen konnte. Dieses brach daraufhin mit einem gequält klingenden Jaulen zusammen, nicht ohne noch einmal mit den mächtigen Kiefern in die Richtung des Kriegers zu schnappen, bevor es sein unsägliches Leben aushauchte. Während der Zwerg noch an dem Holzgriff zog, um das verkantete Blatt aus dem Schädelknochen zu lösen, sprang bereits von links der nächste Wolf heran und entblößte eine Reihe scharfkantiger Reißer, die sich Dwalins Arm gefährlich näherten. Er ließ sich dadurch aber wenig beeindrucken, sondern schwang mit einem wilden Schrei den Kriegshammer, der die empfindliche Nase des Wolfes streifte. Das Tier brach den Angriff ab und zog sich kläffend und fiepend zurück.

Kíli hatte sich von dem ersten Angriff erholt und den Bogen zur Seite geworfen, da die Distanzwaffe für den Kampf nutzlos geworden war. Stattdessen zog er sein Schwert und hielt sich nun denselben Gegner vom Leib, der ihn erst vor wenigen Herzschlägen attackiert hatte. Der Wolf war, von dem Schwung getragen, über ihn hinweg geflogen und in seinem Rücken auf dem festen Lehmboden des Hauses aufgekommen, wo er sich sofort herumwarf und einen erneuten Angriff auf Kílis ungeschützte Rückseite wagte. Der dunkelhaarige Zwerg wirbelte herum, ließ die blitzende Schwertklinge kreisen und trieb die Kreatur damit erneut zurück. Sein Atem flog und die Muskeln in Schultern und Rücken schienen zum Zerreißen gespannt zu sein. Dies war etwas völlig anderes als das Training, dass sein Bruder und er in den letzten Wochen geprobt hatten und er fühlte sich unwillkürlich in die Schlacht der Fünf Heere zurückversetzt.

Fíli neben ihm schien es ähnlich zu gehen – seine Miene war angespannt und er focht mit wilder Entschlossenheit gegen eine der schwarzfelligen Bestien. Die Schwerter in seinen Händen verschwammen zeitweise zu hellen, rotierenden Blitzen, als er Ausfall um Ausfall wagte und seinen Gegner an den Rand des Lichtkreises zurückdrängte. Der Wolf knurrte und duckte sich, suchte nach einer Lücke im kreisenden Stahl und schien abzuwägen, ob er einen erneuten Sprung wagen konnte. Ehe er sich zu einem Entschluss durchrang, beendete Fíli sein Leben mit einem hart geführten Schlag, der das Eisen tief in den schutzlosen Nacken trieb, Fell und Muskeln zerteilte und schließlich die Wirbel durchtrennte. Lautlos brach der Gegner zusammen und rührte sich nicht mehr. Keuchend richtete sich der blonde Zwerg auf – schwarzes Blut, das auf Grund der Heftigkeit des Schlages aus der Wunde gespritzt war, sprenkelte sein Gesicht und verlieh seinen Zügen etwas Martialisches.

Am Schlimmsten aber wütete Bifur unter den Gegnern. Mit der langen, speerartigen Waffe war er in der Lage, sich dich Wölfe auf Distanz zu halten und sie gleichzeitig mit der breiten, flachen Klinge, die beidseitig scharf geschliffen war und nadelspitz zulief, zu erlegen. Zwei der Tiere gingen auf sein Konto und das, welches Dwalin erfolglos angriff und nun versuchte, in Oris Nähe zu gelangen, fand plötzlich die Spitze der Saufeder zwischen den Rippen wieder. Der Wolf stieß ein Röcheln aus und das Pfeifen darin ließ deutlich erkennen, dass Bifur die Lunge erwischt hatte. Dann brach auch dieser Gegner zusammen, nahezu zeitgleich mit Kílis Angreifer, dem sich die Gelegenheit bot sein Schwert in der Flanke des Wolfes zu versenken und der diese Chance umgehend nutzte. Vom eigenen Schwung getragen schaffte die Bestie noch einen Schritt und schlitzte sich damit selbst die Seite auf, was ebenfalls ihr sicheres Ende bedeutete.

Wie auf eine stumme Vereinbarung hin zogen sich die Zwerge erneut in Richtung Lagerfeuer zurück, die Waffen nach wie vor erhoben. Sie alle nutzten die kurze Pause, um wieder zu Atem zu kommen – zwar hatte das ganze Kampfgeschehen nur einige Minuten gedauert, doch die Kreaturen waren in Kraft und Schnelligkeit nicht zu unterschätzen. An den Kadavern sahen sie deutlich, dass diese Wölfe mindestens doppelt so groß waren, wie gewöhnliche – sie ähnelten mehr den Wargen, auch wenn es keine waren. Und sie kämpften trotz aller Wildheit mit einer Berechnung, die niemand erwartet hätte. Fast schien es, als würden sie eine Taktik verfolgen und wie zur Bestätigung wurde die Dunkelheit erneut von wogenden Schatten und Knurren erfüllt.

„Jemand verletzt?", wandte sich Dwalin atemlos an die Kameraden.

Sie verneinten – alle waren unbeschadet davon gekommen.

„Seid vorsichtig, das war nur die Vorhut, um uns auszutesten", warnte der Krieger leise. Seine Worte bestätigten sich bereits in der nächsten Sekunde, als sich wiederholt mehrere Leiber aus der Finsternis schälten. Diesmal waren es acht von ihnen, und sie betrieben das gleiche Spiel: Sie kreisten die Zwerge ein, dann wagte der Erste den Angriff.

Diesmal war Bofur an der Reihe und auch er zögerte keinen Augenblick, sondern ließ das Hammerkopfende seiner Waffe sprechen und drosch mit aller Kraft auf den breiten Schädel der Kreatur. Fellreste und blutige Fetzen blieben an der rauen Seite des schweren Eisenkopfes kleben und man vernahm deutlich das knackende Geräusch, als der Knochen unter dem Aufprall brach. Sie gesellte sich in den Staub zu ihren erfolglosen Kameraden.

Die übrigen Gegner verteilten sich wieder und hielten die Zwerge in Schach, doch eine Bestie hatte es auf etwas ganz anderes abgesehen. Fíli sah aus den Augenwinkeln, wie der Wolf zuerst witterte, dann abdrehte und lautlos zu einem der verlassenen Gebäude huschte. Er zwängte seine massige Gestalt über die aufgetürmten Balken durch die Türöffnung - gleich darauf war das schrille Wiehern der Ponys zu vernehmen, als das Raubtier unter ihnen zu wüten begann. Die zuvor schützenden Mauern waren zur Todesfalle geworden. „Kíli!", rief er seinem jüngeren Bruder zu, der sich soeben seines zweiten Gegners entledigt hatte. Der Dunkelhaarige blickte auf und verstand sofort. Er ging in die Hocke, griff Pfeil und Bogen, sprang auf und lief mit wenigen, schnellen Schritten an den Rand des Lichtkreises. Er hob die Waffe, zielte einen Herzschlag lang und schoss, als er das bleiche Auge des Raubtieres in der Türöffnung aufleuchten sah. Die Pfeilspitze versank in dem hellen Rund und das Knurren und Geifern ging in ein schrilles Kreischen über, das schließlich erstarb.

Statt sich wie zuvor zurück zu ziehen und den Zwergen eine Verschnaufpause zu gönnen, änderten die Bestien nun ihre Taktik. Sie griffen Einzeln oder Paarweise an, sprangen an den Truppenmitgliedern vorbei, attackierten sie und zogen sich anschließend sofort zurück, statt es auf einen Zweikampf ankommen zu lassen, bei dem sie sicher den Kürzeren zogen. Dwalin erlegte noch zwei weitere mit der Axt und auch Ori landete einen Treffer – bisher hatte er sich nur verteidigt, aber als ein Gegner im Sprung auf ihn zuflog, riss er das Schwert hoch, um sich zu schützen und erwischte den weichen Bauch der Bestie, die sich durch die Bewegung selbst auf die Klinge aufspießte. Unglücklicherweise brach sie direkt über dem jungen Zwerg zusammen und begrub ihn unter sich.

Die anderen schlossen sich zu einer Phalanx zusammen. Kíli und Fíli verteidigten die rechte Seite, Bifur und Bofur die linke, Dwalin übernahm die Mitte. Doch obwohl sie nun langsam in die Defensive gingen und sich nur noch verteidigten, merkten sie, wie ihre Kräfte allmählich erlahmten. Die Nacht spie indes eine Wolfskreatur nach der anderen aus, die fast unablässig anstürmten und sie Schritt für Schritt zurückdrängten.

„Es sind zu viele, wir brauchen eine bessere Verteidigung! Los, hinter die Feuerstelle!", brüllte Dwalin über den Lärm hinweg.

Sie umkreisten das Lagerfeuer und Dwalin packte Ori, der sich halb unter dem getöteten Widersacher hervorgearbeitet hatte, am Kragen und zerrte ihn in die Höhe; dann schob er ihn ohne Umschweif in die Reihe der Kämpfenden. Sie umrundeten die Lagerstätte, bis sie nur noch wenige Schritte von der Mauer entfernt waren, die sich in ihrem Rücken befand. Dwalin trat mit seinen schweren Stiefeln kräftig in die Glut und verteilte die brennenden Scheite dadurch über den Boden, so dass sie nicht nur ein zentrales Feuer bildeten, sondern eine brennende Schutzlinie vor den Zwergen zog. Seine Taktik schien zu funktionieren – die Bestien knurrten ihre Gegner an und ihr Vormarsch stoppte für den Moment

Die Kameraden standen dicht gedrängt und deckten sich so gut es ging gegenseitig. Sie warteten angespannt darauf, dass der nächste Angriff kam; dies jedoch geschah nicht, im Gegenteil.

Mit einem Mal zogen sich die Kreaturen erneut ein Stück weit in den Schatten zurück und teilten sich in zwei Gruppen, die auf beiden Seiten Aufstellung nahmen und dort verharrten. Die Blicke der fahlweißen Augen schweiften in die Dunkelheit, die Zwerge schienen für den Moment vergessen.

„Was tun sie da?", flüsterte Bofur und warf Dwalin einen fragenden Blick zu.

Der Krieger knurrte: „Ich weiß es nicht, aber ich befürchte, es ist nichts Gutes."

Seine Worte bestätigten sich gleich darauf. Ein massiger Schatten, sehr viel größer, setzte sich nun in Bewegung und schritt langsam, fast majestätisch in Richtung des schwachen Lichtkreises. Für einen kurzen Moment verharrte er, dann trat er in den Schein des sterbenden Feuers.

Fíli konnte hören, wie Kíli neben ihm geräuschvoll schluckte und auch er schaffte es nicht, ein Schaudern zu unterdrücken. Vor ihnen stand eindeutig der Anführer des Rudels und das, was sich ihnen nun offenbarte, war weit schlimmer als erwartet.


*„Fertig."