24. Dezember 2019
Arya
Eigentlich hatte sie den Fernseher eingeschaltet um ein wenig Ablenkung zu finden, doch es machte alles nur schlimmer da es Momentan nur zwei Arten von Fernsehen gab: Die Nachrichten mit beunruhigenden, wenn nicht sogar beängistigenden Nachrichten und die schnulzigsten Weihnachtsfilme, die man sich überhaupt nur vorstellen konnte.
Weihnachten war eine Zeit, in der alle an ihre Liebsten dachten – oder zumindest so taten. Auch Arya konnte nicht verhindern, dass ihre Gedanken, wenn sie einen Weihnachtsbaum sah, abdrifteten. In eine Zeit, die ihr schon so unendlich lange her zu sein schien, eine Zeit, in der ihre Familie noch gelebt hatte, eine Zeit, in der sie diesem übertriebenen Kitsch doch noch etwas Positives hatte abgewinnen können. Denn das war die Zeit gewesen, in der sogar ihr Vater mal für mehrere Tage an einem Stück zu Hause gewesen war und dabei sogar sein Arbeitshandy über die Feiertage ausgeschaltet hatte. Doch diese Zeit war schon Jahre vorbei und würde auch nie mehr zurückkehren.
Kopfschüttelnd schaltete sie den Fernseher aus. Es brachte nichts über etwas nachzudenken, dass sich ohnehin nicht ändern liess.
Nun stellte sich jedoch die Frage, wie sie die Zähen Stunden rumbringen konnte… Warum hatte sie auch ausgerechnet heute schon acht Uhr Morgens aufwachen müssen? Normalerweise schlief sie locker bis am Mittag durch. Wäre es ein normaler Tag gewesen, hätte sie vielleicht Tatjana angerufen um irgendetwas zu unternehmen, doch wie Arya wusste, verbrachte auch sie die Weihnachtstage mit ihrer gesamten Verwandtschaft. Es gab nur jemanden, der wahrscheinlich ebenso tatenlos wie Arya rumsass, allerdings war sie sich nicht sicher, ob sie diesen jemanden anrufen sollte.
Sie kannten sich schon lange und Arya hätte nichts dagegen gehabt mit ihm Zeit zu verbringen, doch da stellte sich die simple Frage, über was sie überhaupt mit ihm reden sollte. Was den Auftrag betraf gab es nichts zu bereden, schon über einen Monat waren sie nun hier und hatten nichts herausgefunden. Und was gäbe es sonst, worüber sie mit ihm sprechen sollte? Sie kannte weder seinen richtigen Namen, noch wusste sie nur ansatzweise, woher er kam. Danach zu fragen getraute sie sich nicht, immerhin gehörte sie auch zu den Personen die nur äusserst ungern über ihre Vergangenheit sprachen.
Ein Geräusch, das sie hier bisher noch nie gehört hatte und deswegen erstmal ein paar Sekunden brauchte um es einzuordnen ertönte. Die Türklingel. Jaqen? Das schien ihr eher unwahrscheinlich, da er sich immer per SMS meldete wenn es irgendetwas zu besprechen gab.
Sie warf einen kurzen Blick durch den Türspion, ehe sie das Schloss öffnete und das kleine Paket des Lieferanten entgegennahm.
„Von wem ist es?" Den Smalltalk liess sie wie gewöhnlich aus.
„Keine Ahnung", der junge Lieferant, bestimmt kaum älter als Arya zuckte mit den Schultern.
„Es wurde direkt bei uns abgegeben." Er reichte ihr ein Formular und einen Stift, damit sie bestätigen konnte, dass das Paket sein Ziel erreicht hatte. Auf dem Blatt stand tatsächlich ihr Deckname, Heather Andrews.
Nachdem der Lieferant im Eiltempo abgezischt war – auch er konnte sich sicherlich besseres vorstellen als an einem Sonntag und dann erst noch Heilig Abend zu Arbeiten – setzte sie sich mit dem Paket und einem Küchenmesser an den Tisch. Auf dem Paket war nichts zu sehen, Sorgen machte sie sich allerdings keine. Die Russen mit ihrem ewigen Misstrauen liessen wahrscheinlich sowieso jedes Paket durchleuchten und nun, wo die Lage so angespannt war und überall Bomben hochgingen sowieso.
Ihre Vermutung lag eher bei der CIA und als sie den Pappdeckel schliesslich öffnete und eine Karte darin entdeckte runzelte sie kurz die Stirn. Hätte es nicht gereicht, das Ding in einen Umschlag zu stecken? Nun ja, die CIA war nun mal geheimnistuerisch…
Was sie mit der Karte tun sollte erschloss sich ihr recht schnell, denn es war ein roter Punkt markiert und hiess für sie somit ziemlich deutlich bitte ansehen. Das „bitte" in ihrer Überlegung konnte man jedoch streichen, die CIA hatte noch nie um etwas „gebeten", entweder sie gehorchten oder sie und hunderte andere flogen auf, so einfach war das.
Der eingezeichnete Punkt lag ein wenig nördlich von Moskau, so viel erkannte sie, bevor sie ein weiteres Mal aufhorchte. Diesmal war es allerdings nicht die Türklingel, sondern ihr Handy.
„Hat ein Mädchen auch…"
„…ein Paket bekommen? Ja."
„Eigentlich hat ein Mann einen Zettel gemeint…Was für ein Paket?"
„Was für ein Zettel?", kam sogleich meine Gegenfrage. Nur war es wohl nicht die beste Idee, das am Telefon zu besprechen, was auch Jaqen so zu sehen schien. Also verabredeten sie sich, wie auch schon an dem Monat zuvor, im Kili Park. Das Wetter war zwar nicht gerade rühmenswert, doch dann hatten sie garantiert ihre Ruhe und vielleicht boten ihnen die Bäume auch ein wenig Schutz vor dem schneidenden Wind.
Sie trafen sich am Eingangstor des Parks, das eigentlich mehr zur Zierde dastand, da man auch an jedem anderen Ort hätte hineingelangen können. Aber es war ein guter Treffpunkt und wie schon bei ihrem ersten Besuch hier sprachen sie erst, als sie die ersten Bäume bereits hinter sich gebracht hatten.
„Was für ein Zettel?", wiederholte sie die Frage, welche sie ihm schon bei ihrem Telefonat gestellt hatte.
„Ein einfacher Zettel mit einem Datum und einer Adresse. Die Adresse gehört zu einem Restaurant in der Innenstadt." Das hier war ja wirklich die reinste Schnitzeljagd… „Und was für eine Karte?" Sie zog das zusammengefaltete Papier aus der Innenseite ihres Mantels. Es war zwar zu bezweifeln, dass Jaqen mehr darüber wusste als sie, aber dann waren sie zumindest auf demselben Stand der Dinge.
„Ich glaube, das sollten wir uns in der nächsten Woche mal ansehen." Sie mussten erst nach Neujahr wieder arbeiten und die Abwechslung war ihr gerade Recht.
„Wann genau?", fragte er und Arya musste kurz überlegen.
„Sagen wir's mal so, in den nächsten beiden Tagen ist wahrscheinlich am wenigsten auf den Strassen los." Er nickte.
„Also Morgen?"
Jaqen
Einmal ganz davon abgesehen, dass er den Auftrag hier – wenn man es überhaupt so nennen konnte – hasste, fand er es einfach unglaublich mühsam, dass sie nicht einmal eine richtige Anweisung erhalten hatten. Was sie mit der Karte anzufangen hatten war ihnen beiden klar und auch die Adresse, die wohl für ein Treffen gedacht war, erklärte sich von selbst. Doch was genau sollten sie beobachten? Schon wieder eine offene Frage…
Wie bei ihrem ersten Besuch im Kili Park, begann Arya nach kurzer Zeit einen der Bäume mit Schneebällen zu malträtieren. Allerdings sah er durchaus, dass sie ihm hin und wieder abschätzende Blicke zuwarf, als wolle sie Zielen. Er beobachtete nun ebenfalls jede ihrer Bewegungen genauestens und nahm sich, als sie gerade wegsah, ebenfalls eine Hand voll Schnee von einem herabhängenden Ast.
Nun stellte sich nur noch die Frage, wer von ihnen anfangen würde. Kurz überlegte sich Jaqen, ob er den noch herrschenden Waffenstillstand brechen sollte, nur um zu sehen, wie schnell Aryas Reaktionsgeschwindigkeit war. Schon vor diesem Auftrag waren sie kaum noch zum üben gekommen und er fragte sich, ob sie immer noch so schnell war wie bei ihrem letzten Training. Von dem einen Mal vor dreieinhalb Jahren abgesehen, hatte sie es zwar nie mehr geschafft ihn aufs Kreuz zu legen, doch es war selbst für ihn mit der Zeit anstrengender geworden, ihre Angriffe abzuwehren. Besonders, da man dabei immer aufpassen musste, sein Gegenüber nicht ausversehen zu verletzten.
Doch Arya nahm ihm die Entscheidung ab, als sie sich blitzschnell umdrehte und in derselben Bewegung den Schneeball nach ihm warf. Er war allerdings darauf vorbereitet gewesen und warf kaum eine Sekunde nach ihr, anscheinend hatte sie vorhin wirklich nicht gesehen, wie er den Schnee gesammelt hatte, denn sie war dem Schneeball nicht, oder besser gesagt zu spät, ausgewichen und sah im ersten Moment ziemlich verblüfft aus. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich diese Verblüffung jedoch in die altbekannte Sturheit und ein unheilvolles Lächeln umgewandelt, weswegen Jaqen zu Recht vermutete, dass es nicht bei diesem einen Schneeball bleiben würde.
Tatsächlich dauerte es keine zwei Sekunden, bis der nächste Schneeball geflogen kam und er hatte eigentlich nicht vorgehabt, sich dieses Mal zu wehren. Doch nur kurz darauf folgte schon der dritte und Jaqen bemerkte, dass unweit hinter ihm eine nicht sehr tiefe, aber ziemlich steile Böschung zwischen den Bäumen nach unten führte und er blieb stehen. Arya hatte in der Zwischenzeit einen vierten Schneeball aufgehoben und machte einen weiteren Schritt auf Jaqen zu, keiner von ihnen hatte die zugeschneite Wurzel bemerkt, die Arya stolpern liess.
Arya
Ihr war nicht einmal mehr die Zeit geblieben zu fluchen, da flog sie gegen Jaqens Brust und riss ihn mit sich zu Boden. Dass hinter ihm kein Boden kam bemerkte sie auch erst, als sie schon den kurzen Abhang herunterrollten. Der Aufprall war nicht gerade angenehm gewesen, doch sie durfte sich nicht beklagen, immerhin war sie auf weich, beziehungsweise auf Jaqen gelandet.
Als sie dann schliesslich das Ende der Böschung erreicht, und sich hierbei einige Male überschlagen hatten, lag sie jedoch unter Jaqen, der sich allerdings nicht sofort aufrichtete.
„Alles in Ordnung?", fragte sie zögerlich, das war eindeutig nicht so geplant gewesen.
„Ja", kam die gepresste und wahrscheinlich nicht ganz wahrheitsgemässe Antwort von Jaqen, der sich nun von ihr herunterrollte und neben ihr im Schnee liegen blieb.
„Beim nächsten Mal sollte sich ein Mädchen vielleicht weiter auf die Bäume konzentrieren." Seine Stimme klang schon etwas fester und sie war erleichtert, dass sie ihm wohl doch nicht gleich alle Rippen gebrochen hatte, wie es nach der Unsanften Landung schon fast ihre Vermutung gewesen war.
Es war sogar Jaqen, der sich als erster von ihnen aufsetzte, sich allerdings den wahrscheinlich schmerzenden Kopf hielt. Und obwohl die Situation alles andere als komisch war, musste sie bei einer Erinnerung auf einmal grinsen.
„Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass du wegen mir eine Bruchlandung hinlegst. Zwei zu null." Natürlich stimmte das nicht, während dem Training hatte er sie schon unzählige Male zu Fall gebracht, er war jedoch immer sehr darauf bedacht gewesen, sie dabei nicht ausversehen zu verletzten. Die beiden Male, bei denen sie ihn jedoch zu Fall gebracht hatte, waren nicht sehr sanft und keinesfalls geplant gewesen.
„Ja, doch ein Mann hofft, einem Mädchen genug beigebracht zu haben, damit es einen richtigen Gegner nicht einfach so anspringt." Während er das sagte umspielte zwar ein Lächeln seiner Lippen, doch Arya konnte auch eine Spur Ernsthaftigkeit in seiner Stimme hören.
„Ach komm schon, so unüberlegt handle ich jetzt auch wieder nicht."
„Du hast uns beide eine Böschung herunterrollen lassen, bei dem Versuch einen Schneeball zu werfen", kam seine trockene Antwort während er aufstand. Auch Arya kam nun ganz auf die Füsse, und blieb dicht vor ihm stehen.
Eigentlich hatte sie noch irgendetwas Schnippisches auf seine vorige Antwort erwidern wollen, doch mit Jaqen direkt vor sich, der ebenso wenig einen Schritt zurückmachte wie sie, erschwerte sich das klare Gedanken fassen um einiges. Warum sie nicht zurücktrat? Das wusste sie selbst nicht. Warum er nicht zurück trat noch viel weniger und im Nachhinein wusste sie auch nicht ob er sich zu ihr hinuntergebeugt – oder sie sie seinen Kopf zu sich herunter gezogen hatte, doch auf einmal lagen ihre Lippen aufeinander und die Kälte, die sich noch bis vorhin in ihren Knochen breit gemacht hatte verschwand augenblicklich und ein Kribbeln, dass sie zuvor noch nie gespürt hatte breitete sich in ihrem Körper aus. Zugegeben: Bei einem mehrtägigen Klassenausflug und einem gezwungenen Flaschendrehen hatte sie schon mal jemanden geküsst und sich danach geschworen, so etwas Ekliges in ihrem Leben nie wieder zu tun. Doch das hier war etwas völlig anderes, etwas viel intensiveres… Und ihrer Meinung nach hätte es noch eine geraume Weile so weitergehen können, doch ebenso unerwartet wie der Kuss begonnen hatte, endete er auch und diesmal eindeutig von Jaqen aus.
Sie sah dieselbe Verwirrung in seinen Augen, wie sie wohl auch in ihren zu finden war. Keiner von ihnen hatte damit gerechnet, was vorhin zwischen ihnen passiert war. Doch im Gegensatz zu ihm, der den Kuss zu bereuen schien, fand sie es eher schade, dass er so schnell geendet hatte. Arya war klar, woher das rührte. Zum einen arbeiteten sie zusammen, zum anderen war der Altersunterschied nicht gerade „klein" zu nennen. Nichtsdestotrotz vermisste den Druck seiner rauen und gleichzeitig sanften Lippen auf ihren.
Schweigend traten sie den Rückweg zu ihren Autos an und auch wenn Arya den Kuss keineswegs bereute, so war ihr klar, dass es die Dinge zwischen ihr und Jaqen nicht unbedingt vereinfacht hatte.
