Kapitel 14


Nachdem Hermine mit einigen gemurmelten Worten und dem wiederholten Kreisen ihres Zauberstabes die große Höhle positioniert hatte, sah das Pergament aus, als wäre es ein miserabler Brainstorming-Versuch, bei dem noch nicht der Anflug einer Idee ersichtlich war. Einsam klebte die ovale Höhle inmitten der leeren Fläche und Hermine hatte zumindest die etwaige Position der Hütten einfügt, damit die Karte nicht allzu nackt aussah.

Seitdem waren jedoch schon einige Stunden vergangen und das Liniennetz hatte inzwischen eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Netz einer betrunkenen Spinne.

Hermine wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ zum x-ten Mal ihren Zauberstab über die Karte gleiten. Eine Röhre aus feinen Pinselstrichen schlängelte sich unter Hermines geschickter Hand hervor und erweiterte die Karte so um weitere Tausend Meter Tunnel.

Gleichzeitig verfluchte sie sich dafür, diese Idee gehabt zu haben. Eine Karte der Rumtreiber! Sie schüttelte den Kopf. Aber wer hätte denn auch ahnen können, dass das Kartographieren von Tunnelsystemen so aufwendig sein konnte. Hinzu kam natürlich, dass die Rumtreiber ihrerseits viele Jahre zur Vollendung gehabt hatten.

Ihre Füße schmerzten, ihre Augen rieben müde gegen ihr Lid und die Wunden auf ihrem Rücken brannten, auch wenn Severus ihr versichert hatte, dass keine einzige von ihnen Anzeichen einer Entzündung zeigte.

Eine feine Schicht aus Staub und Schmutz bedeckte ihr Gesicht und ihre Finger fühlten sich klebrig an. Sobald sie zurück bei den Hütten war, würde sie sich ein erneutes Bad gönnen. Ein Glück, dass sie geistesgegenwärtig genug gewesen war, das Shampoo zu replizieren, bevor Severus es hatte leeren können.

Ein kühler Luftzug kündigte die Nähe der Haupthöhle an und sie legte noch einen Schritt zu. Sie wollte so schnell wie möglich zurück bei Severus sein, bevor er ein weiteres Mal...

Das Licht ihres Zauberstabes erlosch und sie knirschte wütend mit den Zähnen, während ihr Zauberutensil sich selbstständig machte und mit orange-farbenen, leuchtenden Linien in die Luft schrieb:

Wo bist du?"

Ein entnervtes Seufzen entwich ihr und griff einige Male ziellos in die Luft, bevor sie ihren Zauberstab fand und mit ausholenden Bewegungen eine Antwort schrieb.

Shoppen. Bei Harold's ist Winterschlussausverkauf."

Sie wusste, dass ihre trotzige Antwort keinerlei Hilfe war, doch innerhalb der letzten halben Stunde hatte er sie dreimal auf diese Art und Weise kontaktiert und sie so jedes Mal davon abgehalten, weiterzulaufen. Auf den letzten Kommentar erhielt sie keine Antwort und so schrieb sie noch ein hastiges „Bin in fünf Minuten da" hinterher, bevor sie endlich wieder das Licht angehen ließ und ein letztes Mal die Tunnelverläufe notierte.

Schon nach der nächsten Biegung war das Licht aus der Höhle hell genug, um ihr den Weg zu weisen und keine drei Minuten später stapfte sie erschöpft den Hügel hinauf, der zu den Hütten führte. Severus saß in gewohnt steifer Haltung vor dem Eingang und sah beinahe ausgeschlafen aus, obwohl er kaum mehr als fünf Stunden geschlafen haben konnte.

„Ich würde es begrüßen, wenn du ein wenig ernsthafter mit dieser Sache umgehen könntest. Wir können es uns nicht leisten, uns missverstanden zu fühlen, wenn wir von einem Psychopathen gejagt werden." Seine Worte klangen erstaunlich ruhig und vernünftig und Hermine konnte nicht verhindern ein wenig beschämt den Kopf zu senken. Sie fühlte sich genauso wie damals, als er sie während ihrer Abschlussprüfung in Zaubertränke vor lauter Aufregung vier anstatt drei Tropfen Trollschweiß in ihren Anti-Transpirant-Trank hatte fallen lassen.

„Tut mir leid", murmelte sie etwas betreten, setzte jedoch gleich darauf eine aufmüpfige Miene auf. „Allerdings haben deine regelmäßigen Unterbrechungen meiner Arbeit nicht gerade dazu beigetragen, dass ich schneller fertig werde."

Dieses Mal sah auch er zumindest ein wenig reumütig aus. Doch der Augenblick verging so schnell, wie er gekommen war und schon sah er wieder säuerlich genug aus, um eine Topfpflanze zum Verwelken zu bringen.

„Wie weit bist du gekommen?" Er streckte seine Hand aus und wortlos übergab Hermine ihm die Karte, die er sofort öffnete. Ähnlich wie die Karte Hogwarts' war sie mehrfach gefaltet und konnte soweit ausgebreitet werden, wie gerade benötigt. Untermalt von einigem Grunzen nickte er schließlich und faltete die Karte wieder zusammen. „Gute Arbeit", lobte er. Zwar konnte Hermine verhindern, nach den gewonnenen Hauspunkten zu fragen, doch das stolze Lächeln hingegen stahl sich ungehindert auf ihr Gesicht.

„Danke", erwiderte sie deshalb und senkte erneut den Kopf. Diesmal allerdings, um ihre roten Wangen zu verstecken.

„Kein Grund, sich zu bedanken", schnarrte Severus sofort mit etwas festerer Stimme. „Das war eine reine Tatsachenfeststellung." Er deutete ins Innere der Hütte, die er mit Schutzbannen versehen hatte. „Du solltest dich ausruhen und etwas essen. Ich werde in sechs Stunden wieder da sein."

Sie nickte und spürte, wie allein seine Worte dafür sorgten, dass ihre Augenlider schwerer wurden. Sie unterdrückte ein eigenwilliges Gähnen und nickte nur. Sie hatte nicht vor, seiner Aufforderung zu widersprechen.


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Wirre Träume suchten Hermine heim, kaum dass ihr Kopf auf das provisorische Bett gesunken war. Unterirdische Gänge schlossen sie ein, begruben sie mit immer näher kommenden Wänden und schweißgebadet schoss sie mit einem halb erstickten Laut in die Höhe.

Einen Moment lang konnte sie nichts anderes tun, als die Hände in den Boden zu krallen, während die Schmerzen in ihrem Rücken langsam verebbten. Ihre Finger waren blutleer, so fest umschlangen sie den Stoff unter sich, doch sie zwang sich, ein paar tiefe Luftzüge zu holen.

Vorsichtig öffnete sie wieder ihre Augen und griff zu allererst nach ihrem Zauberstab, dem sie rasch eine Uhrzeit entnahm. Sofort schlug ihr Herz heftig in ihrer Brust und bevor sie es verhindern konnte, hatte sie laut seinen Namen gerufen.

„Severus?" Siebeneinhalb Stunden waren vergangen, seitdem Severus sie zurück gelassen hatte und sie wiederholte die Abfrage noch zweimal bevor sie sicher war, dass sie sich nicht vertan hatte. Das konnte nicht gut sein.

Etwas schneller, als es ihre schlaftrunkene Kondition erlaubte, stand sie auf und musste sich am Ausgang an der Wand stützen, um den Schwindelanfall unbeschadet zu überstehen. Stolpernd trat sie vor die Tür und sah sich um.

„Severus?", rief sie etwas heiser, bevor sie sich räusperte und den Versuch wiederholte. „Severus?"

Keine Antwort.

„Melde dich gefälligst!"

Noch immer keine Antwort und Sorge ließ ihre Stirn in Falten liegen. Er hätte schon lange zurück sein müssen.

Eilig tat sie dasselbe, mit dem er sie die ganze Zeit genervt hatte: Sie schrieb eine leuchtende Nachricht in die Luft und hoffte, dass er sie sehen würde. Und dass er eine verdammt gute Ausrede für seine Verspätung hatte!

Doch nichts geschah. Sie bekam keine Antwort.

Hermine lief eine weite Runde bis zum Tümpel und bis zu der Grenze, an dem das öde Felsland in den üppigen Urwald überging und entschied schließlich, dass es ziemlich unsinnig war, weiterhin ziellos in der Gegend umherzuirren. Sie brauchte einen Plan.

Ihren schmerzenden Rücken ignorierend, ließ sie sich vor der Hütte, noch innerhalb der Schutzbanne, um sicher zu gehen, nieder und atmete mehrere Male tief ein und aus. Und es dauerte nur wenige Sekunden ehe ihr Kopf frei genug war, um ihr eine Idee auf dem Silbertablett zu servieren.

Es war kein einfacher Zauber und wenn sie sich nicht richtig konzentrierte, würde er sie überall hin führen, nur nicht dorthin, wo sie hin wollte. Also konzentrierte sie sich fest und es fiel ihr überraschend leicht, sich Severus' Gesicht vor Augen zu halten. Seine markante Nase, seine schmalen Lippen, die kleinen Fältchen auf seinen Wangen. Die Art, wie er es schaffte, nur mit dem Heben einer Augenbraue ein Gefühl auszudrücken, für das andere ganze Litaneien an Schimpfwörtern, obszöne Gesten und ein Sonorus benötigten.

Demonstra Via Severus Snape."

Als sie die Augen wieder öffnete, schwebte eine kleine Lichtkugel auf Augenhöhe vor ihr. Wie ein kleines Glühwürmchen zitterte es in der Luft und zog erst zu der einen, dann zu der einen Seite, bevor es in die Höhe stieg. Es sah fast so aus, als würde es auf Hermine warten. Langsam, als wolle sie ihre Konzentration nicht verscheuchen, erhob sie sich aus ihrer sitzenden Position und folgte dem glühenden Punkt, der vor ihr auf und ab tanzte wie ein Hund, der darauf wartete, dass sein Herrchen das Stöckchen warf.

Sie folgte ihm in den ersten Tunnel und musste zügig laufen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Schon bald darauf stand ihr der Schweiß auf der Stirn und sie beglückwünschte sich zu der Entscheidung, nicht bereits gebadet zu haben. Ihr Atem ging schnell und innerlich plante sie bereits, wie sie es Severus heimzahlen konnte, dass er sich (schon wieder) in Schwierigkeiten gebracht hatte. Was konnte denn so schwer daran sein, einfach etwas vorausschauender zu handeln?

Zugegeben, auch sie hatte bereits in arger Bedrängnis gesteckt und Severus hatte sie da rausgeholt. Allerdings hatte sie zumindest den Anstand, keine Früchte zu pflücken, während seine Hilfeschreie durch die Gegend hallten.

Das magere Licht reichte nicht aus, um ihren Weg vollends auszuleuchten und bei ihrem momentanen Tempo schaffte sie es mehrere Male nicht, rechtzeitig einer Wand auszuweichen.

Erneut verschwand das Licht und Hermine schaffte es diesmal schnell genug, die scharfe Kurve zu nehmen, ohne gegen die Wand zu rennen. Allerdings musste sie abrupt abbremsen, als sie noch ganz knapp sah, wie der leuchtende Punkt in einer Wand verschwand.

Bisher war es ihr gelungen, in ihrer Konzentration nicht zu straucheln, doch mit einem Mal war ihr Kopf wie leer gefegt, nur um kurz darauf gefüllt zu werden mit der Frage, wieso um Himmels Willen ihr der Zauber diesen Weg zeigte? Normalerweise zeigte dieser Art Zauber nur begehbare Weg. Durch Wände zu laufen war nicht Sinn und Zweck einer Suche.

Einige abgehackte Atemzüge lang wartete sie darauf, dass das Licht zurück kam. Doch auch nachdem sich ihre Atmung fast normalisiert hatte, blieb ihr kleiner Gehilfe fern, was im Grunde nur eins bedeuten konnte: Ihre Suche war hier beendet.

Doch wo war Severus?


oOoOo


Hermine hatte beinahe zehn Minuten damit verbracht, diesen und die umliegenden Gänge abzusuchen, doch Severus blieb verschwunden. Sie konnte sich diese Tatsache nur auf eine Art erklären: Er musste hinter dieser Wand sein. Und wenn der Zauber ihr diesen Weg zeigte, dann gab es keinen anderen.

Nicht, dass das ihre Lage auch nur irgendwie besser gemacht hätte. Ihre einzige Chance bestand darin, auf die andere Seite zu apparieren, wie sie festgestellt hatte, nachdem sie ein beinahe ein Meter tiefes Loch in die Wand gesprengt hatte und noch immer nicht auf der anderen Seite angekommen war. Für einen Moment war ihr auch der Gedanke gekommen, dass sie es mit massivem Stein zu tun haben könnte, aber das würde bedeuten, dass sie mit ihrer Suche wieder am Anfang stand und diese Möglichkeit war indiskutabel.

Deswegen bereitete sie sich darauf vor zu apparieren. Grundsätzlich war es möglich, an Orte zu apparieren, an denen man noch nie gewesen war. Doch es war schwierig und erforderte ein hohes Maß an Konzentration und Fantasie. Hermine hatte es noch niemals zuvor ausprobiert und dass sie ihren ersten Versuch unter einem Druck dieser Art absolvieren sollte, gefiel ihr nicht im Mindesten.

Dennoch schloss sie die Augen und atmete einmal tief durch. Sie stellte sich einen der Gänge vor, durch die sie nun schon seit Tagen liefen. Und dann stellte sie sich Severus vor. Gefangen oder verletzt. Sie konnte sich nicht so richtig entscheiden, welches Szenario ihr besser gefiel. Wenn er gefangen war, könnte es sein, dass sie gerade einer Falle auf den Leim ging. Wenn er verletzt war, könnte sie zu spät kommen. Denn wenn es nichts Ernstes war, hätte er ihr geantwortet oder wäre selbst appariert.

Hermine spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte und das Blut rauschend durch ihre Adern beförderte. Ein monotones Fiepen setzte ein und sogar ihre Fingerspitzen pulsierten. Irgendwann schüttelte sie den Kopf und konzentrierte sich nur auf den Gang und Severus' Anwesenheit. Dann disapparierte sie.

Das erste, was sie wahrnahm, als sie wo auch immer ankam, war Schmerz. Ungewollt schrie sie auf und musste sich die Hand vor den Mund schlagen, um damit aufzuhören. Sie taumelte einige Schritte und lief dann gegen einen harten Widerstand. Als sie die Augen öffnete, sah sie sich einer steinernen Wand gegenüber.

Der Schmerz verebbte bald und machte einem anderen, beklemmenden Gefühl Platz, das seinen Ursprung in ihrer Brust hatte. Während ihr Herzschlag vor dem Apparieren schnell und heftig gewesen war, war er nun unregelmäßig und schwächlich. Hermine hatte niemals einen drohenden Herzstillstand erlebt, doch sie glaubte, dass er sich so anfühlen musste.

Nach Luft schnappend sah sie sich um und fand bald etwas, auf das sie sich konzentrieren konnte. Severus war tatsächlich hier, insofern hatte wenigstens das geklappt. Er stand in dem Gang, die Hände gegen eine unsichtbare Mauer gepresst und beobachtete mit besorgter Miene, was sie tat. Hermine kämpfte sich wieder in eine aufrechte Position und versuchte das angsteinflößende Gefühl zu ignorieren, das ihre Herzprobleme verursachte. Während sie auf Severus zustolperte, ging sie in Gedanken die Heilzauber durch, die sie kannte. Keiner davon war hilfreich bei Rhythmusstörungen. Sie könnte sich höchstens wiederbeleben, wenn ihr Herz entschied, ganz stehen zu bleiben.

Was jedoch hoffentlich erst passieren würde, wenn sie es geschafft hatte, Severus aus seiner misslichen Lage zu befreien. Er zeigte ihr mit seinen Händen, dass er in einer Art Blase saß. Trotz der Brisanz der Lage lachte Hermine trocken auf. Er sah aus wie ein Pantomime.

Vorsichtig näherte sie sich der Blase und streckte ihre Hand aus. Sie erschrak, als sie sah, wie diese zitterte, doch bald darauf spürte sie einen festen Widerstand unter ihren Fingern. Vermutlich war die Falle nun, da jemand darin saß, zugeschnappt und ungefährlich – zumindest für Außenstehende.

Sie bekam immer weniger Luft, ihr Brustkorb fühlte sich an, als würde er durch irgendetwas zugeschnürt. Das unrhythmische Trommeln ihres Herzens ließ Schweiß auf ihre Stirn treten und jagte Adrenalin durch ihre Adern. Sie hatte niemals zuvor solche Angst gehabt.

Hermine zog ihren Zauberstab und versuchte genug Konzentration aufzubringen, um diese Blase aufzulösen. Sie wusste nicht, wie sie an das Ding überhaupt herangehen sollte. Bis ihr einfiel, dass Frederick von sich überzeugt und hier unten der einzige Magier war. Warum sollte er es sich schwer machen, wenn es auch einfach ging?

Sie deutete auf die Blase und sprach ein erschöpftes „Finite incantatem!". Und als sie zu straucheln begann, fassten zwei starke Hände nach ihren Armen.

„Es gibt einen Grund, warum ich bisher nie vorgeschlagen habe, zu apparieren!", war das Erste, was Severus sagte.

Hermine lächelte müde, während sie sich an ihn lehnte und keuchend Luft holte. „Nichts zu danken… Ich hab dich da gerne… rausgeholt."

Er knurrte missmutig. „Vermaledeite Alleswisserin!"

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht ganz. Ich hab keine Ahnung… was ich jetzt… deswegen…" Sie deutete auf ihr Herz. „… machen soll." Sie schloss die Augen und sog wild Luft in ihre Lungen. Dabei krallte sie ihre Hände in Severus' Umhang und flüsterte leise: „Ich hab… Angst… Severus."

Severus griff nach ihrem Handgelenk, ohne eine Antwort zu geben. Anscheinend suchte er ihren Puls und fand ihn auch. „Nun, ausnahmsweise kann ich einmal mit medizinischem Wissen dienen", erwiderte er nach ein paar Momenten und ging in die Knie, so dass sie mit aufrechtem Oberkörper auf dem Boden saß. Er drehte ihren Kopf zur Seite und tastete ihren Hals ab.

„Was hast du vor?", fragte Hermine atemlos, eine Hand auf ihre Brust gepresst. Der Gang begann sich vor ihren Augen zu drehen, kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn.

Severus antwortete erneut nicht, doch kurz darauf schien er gefunden zu haben, was er gesucht hatte. Mit zwei Fingern massierte er ihre Halsschlagader und Hermine stellte bald darauf fest, dass ihr Herzschlag ruhiger und gleichmäßiger wurde. Sie bekam besser Luft und auch das Karussell, auf dem sie bis eben gesessen hatte, kam zum Stillstand.

Nach ein paar Minuten hörte Severus auf und sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Geht es?"

Hermine nickte und lehnte erschöpft ihren Kopf gegen seine Brust. Sie fühlte sich noch immer zittrig und schwach, doch das Schlimmste schien überstanden zu sein. „Woher wusstest du, was zu tun ist?"

Er stand auf, stützte sie jedoch weiterhin, und das knirschende Geräusch des Sandes unter seinen Schuhen hallte von den Wänden wider. Ohne sie anzusehen, sagte er: „Meine Mutter war herzkrank. Sie hatte häufiger solche Anfälle. Kannst du alleine laufen?" Erst bei dieser letzten Frage sah er sie an und hielt ihr seine freie Hand hin.

Hermine griff danach und kam schwankend auf die Beine. „Ich denke schon." Sie sah ihn nicken, bevor er sich umdrehte und los ging, allerdings langsamer als sonst. Auf wackeligen Beinen und möglichst dicht hinter ihm, um sich im Zweifelsfall bei ihm abstützen zu können, folgte Hermine ihm.


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Severus horchte angestrengt auf die Geräusche von Hermines Schritten hinter ihm. Ab und zu nutzte er die Seitengänge, die sie passierten, um einen Blick über seine Schulter zu werfen. Sie war noch immer blass und sichtlich geschwächt, aber ihr Herz schien wieder seinen Dienst zu tun.

Er hatte selbst seine Erfahrungen mit dem Apparieren im Gangsystem gemacht und es seitdem nicht wieder ausprobiert. Damals hatte er Frederick erklären müssen, was zu tun war. Glücklicherweise war das Massieren einer Halsschlagader leichter als das Zubereiten eines Warzentrankes, so dass er es rasch verstanden hatte. Nach dem Tod seiner Mutter hatte er jedoch nicht damit gerechnet, dieses Wissen noch einmal wieder anwenden zu müssen.

Und es überraschte ihn, dass ein solcher Zwischenfall es immer noch schaffte, auch seinen Puls in die Höhe zu jagen. Angesichts der Tatsache, dass er seine Mutter so oft nach Luft hatte jappsen sehen, sollte man meinen, er hätte sich daran gewöhnt. Doch vermutlich gewöhnte man sich nie an den Ausdruck der Todesangst in den Augen der Betroffenen.

Noch jetzt sah er Hermines braune Augen vor sich. So groß, dass es kaum eine Übertreibung war, sie mit Handtellern zu vergleichen. Gequält und hilflos. Ihr Körper hatte den nahenden Tod gespürt. Er hatte sich vorbereitet. Selbstmord, um dem Tod aus dem Weg zu gehen. Nur schwer konnte er sich ein trockenes Schnauben verkneifen.

Danach konzentrierte er sich wieder auf den Weg vor sich. Er hatte einen guten Orientierungssinn und konnte sich noch daran erinnern, welche Abzweigungen er vorhin genommen hatte. Solange Hermine auf ihren beiden Füßen blieb, würden sie problemlos in die Höhle zurückfinden.

Eine steile Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen, als er in der Tasche seines Umhanges den Griff des Zauberstabes spürte. In dieser Blase hatte er sich damit nicht helfen können. Sie schirmte Magie komplett ab und ließ sich durch nichts beeindrucken. Möglicherweise war es schlauer, wenn sie etwas Abstand voneinander hielten, falls Frederick hier noch mehr solcher Fallen aufgestellt hatte.

Mit dem festen Vorhaben, Hermine genau dieses Verhalten vorzuschlagen, warf er einen Blick über seine Schulter. Er hatte sogar schon den Mund geöffnet. Doch als er sah, wie sie immer wieder die Hände zu den Seiten ausstreckte, um bei Bedarf einen Halt zu haben, warf er seine Idee über den Haufen. Er hätte ihr gerne noch mehr Ruhe gegönnt. Was auch immer zwischen ihnen passiert war, es sorgte dafür, dass er da sein wollte, falls etwas mit ihr passierte. Und diese Feststellung ließ ihn nun doch leise knurren.

Prompt blieb Hermine stehen. „Warst du das eben?"

„Was?"

„Das Knurren."

Er hob eine Augenbraue, so als wolle er sie für geistesgestört erklären. Doch die Schlüsse, die sie daraus ziehen würde, ließen ihn resigniert nicken. „Können wir jetzt weitergehen?"

Hermine setzte sich wieder in Bewegung und folgte ihm durch die Gänge. Sie bogen um einige weitere Ecken und hatten gerade einmal fünf Minuten Weg hinter sich gebracht, als erneut ein leises Knurren zu hören war. „Severus!", mahnte Hermine und klang mäßig verärgert, während sie erneut beide stehen geblieben waren.

„Nun, das war ich nicht", erwiderte er leise.


TBC...