Das Erbe Merlins


Vierzehntes Kapitel

Der Abschied


Am nächsten Morgen fand er sich zu seiner Verwunderung in seinem Himmelbett wieder, wenngleich er keine Ahnung hatte, wie er hier hergekommen war. Jedenfalls fühlte er sich wie neu, vielleicht würde der Tag ja doch gar nicht so schrecklich werden…

»Guten Morgen, Sirius«, begrüßte Remus ihn, der eben den Schlafsaal betrat. »Die anderen sind schon beim Frühstück.«

»Oh, sehr gut, ich bin am Verhungern!« Sirius schlüpfte schnell in seinen vom Vortag leicht mitgenommenen Umhang, während Remus bedauernd den Kopf schüttelte.

»Nein, wir können nicht essen gehen. James und Peter warten schon unten im Gemeinschaftsraum. Wir müssen doch zu Professor Dumbledore.«

»Was, jetzt schon?«

Der ganze Enthusiasmus war wie weggefegt. Es blieb nur die unliebsame Erinnerung an den Vorabend, seinen Anfall und die Ankündigung vom Schulleiter sowie von seinem besten Freund, jegliche Gespräche auf den nächsten Tag zu verschieben. Nur bedauerlicherweise war nun der nächste Tag.

James schien sich dazu entschieden zu haben, erst einmal Dumbledores Gespräch abzuwarten, ehe er sich Sirius persönlich vorknöpfte, denn den ganzen Weg zum Schulleiterbüro sprach kaum jemand der Vier ein Wort.

»Wir sind uns doch einig, Dumbledore nichts von dem Amulett zu erzählen, oder?«, hakte Sirius vorsichtig nach, als sie den Wasserspeier erreichten und Remus das Passwort nannte.

»Von einig kann nicht die Rede sein«, schnaubte James auf, doch als er Sirius' Blick begegnete, fügte er hinzu: »Aber wir sagen es ihm nicht.«

Sirius atmete erleichtert auf. Er konnte James ja irgendwo verstehen, aber er konnte einfach nicht nachvollziehen, was das Amulett für ihn bedeutete. Es war mehr, als nur irgendein mystisches Objekt, das Geheimnisse in sich barg, die es zu lüften galt. Es war mehr, als nur ein magischer Gegenstand, der ihn mit seiner mächtigen Magie beschützen konnte, oder ihm vielleicht auch Leid zufügen konnte. Was es genau für ihn bedeutete, konnte er jedoch nicht sagen.

Über seinen Gedanken hatte er gar nicht mitbekommen, dass sie sich bereits vor Dumbledores Bürotür befanden. Remus klopfte höflich an und die Vier warteten wortlos.

Was genau wollte Dumbledore eigentlich mit ihnen besprechen? Warum James und Remus ihn während des Festessens rausgeschleppt hatten? Was ihr aus der Sicht der Lehrer sicherlich komischer Kampf im Gemeinschaftsraum zu bedeuten gehabt hatte? Was Sirius widerfahren war? Wenn er das nur selber wüsste…

»Geh schon rein«, riss James' genervte Stimme ihn aus seinen Gedanken, die an Remus adressiert war.

»Ohne ein ›Herein‹ abzuwarten?«, zögerte Remus, doch James drängte ihn zur Seite und wollte die Tür öffnen, die jedoch verschlossen war.

»Professor Dumbledore?«, rief Remus unsicher, wobei er noch einmal an die Tür pochte.

»Ist doch gut, hauen wir ab, solange wir noch können«, schlug Sirius hoffnungsvoll vor.

Er erntete jedoch nur einen überaus argwöhnischen Blick von James, der wortlos seinen Zauberstab zückte und auf die Tür deutete: »Alohomora.«

Sofort ging die Tür wie von Zauberhand auf und James betrat allen voran das Büro des Schulleiters, welches verlassen vor ihnen lag. Selbst die ehemaligen Schulleiter, die sonst fröhlich in ihren Gemälderahmen miteinander plauderten, waren nicht in ihren Porträts. Verlassen, fast schon trostlos hingen die leeren Rahmen an den Wänden.

»Niemand zuhause, lasst uns gehen«, versuchte Sirius es noch einmal, doch er wurde von James nicht weiter beachtet, der sich aufregte:

»Bestellt uns hierher und ist dann selber nicht da, so eine Frechheit!«

»Wir hätten hier nicht einfach so reinplatzen dürfen. Wie sieht das denn aus, wenn er gleich wiederkommt und wir hier eingedrungen sind?«, meinte Remus unbehaglich.

»Wir hätten wenigstens draußen warten können…«, stimmte Peter ihm kleinlaut zu.

»Warten. Du sagst es«, fiel James ihm ins Wort. »Er will uns drankriegen, also müsste auch er auf uns warten.«

»Ich weiß gar nicht, was ihr habt, ehrlich mal!«, mischte sich nun auch Sirius wieder mit ein. »So haben wir mehr Zeit, uns auf das Gespräch vorzubereiten.«

»Wo wir schon bei Gesprächen sind…«, wandte sich James, der sich allmählich in Rage redete, an Sirius, »…Was hast du dir eigentlich gestern dabei gedacht, als ich dir das Leben retten wollte und du…«

»Jetzt übertreib mal nicht!«, verteidigte Sirius sich. »Dieses kleine Pieken in der Brust…«

»…Und du dich gewehrt hast, als wollte ich dich fertig machen und nicht dieses Amulett«, vervollständigte James seinen angefangenen Satz, ohne auf Sirius einzugehen.

»Reg dich ab, es hat doch abgesehen von meinem Umhang niemandem geschadet.«

»Ach nein? Und was ist mit mir? Ich hatte den Schock meines Lebens. Mal ganz abgesehen von Dumbledore und der Schreckschraube. Was die sich gedacht haben müssen…«

»Es sah wirklich ziemlich peinlich vor den Professoren aus«, bestätigte Peter.

»Ach, Klappe!« James und Sirius hatten gleichzeitig gesprochen, woraufhin ein paar Sekunden völliger Stille folgten.

Dann griff sich James in das ohnehin sehr strubbelige Haar, schloss kurz die Augen und atmete tief durch, ehe er die Augen wieder öffnete und in ruhigerem Ton fortfuhr:

»Wir sollten wenigstens versuchen, mehr darüber herauszufinden. Bisher hat noch niemand das Amulett als vermisst gemeldet, dabei haben wir es eigentlich eindeutig dieser einen Gestalt damals weggenommen. Warum hatte er es loswerden wollen, wenn es doch ach so tolle Schutzfunktionen hat! Und wenn er es nicht loswerden wollte, warum sucht er dann nicht danach?«

Niemand antwortete darauf. Sirius musste zugeben, dass diese Fragen durchaus berechtigt waren…

»Zeig doch noch einmal her«, bat Remus nun, der sich längere Zeit aus dem Disput herausgehalten hatte.

Sirius empfand es aufgrund James' übler Laune zu gefährlich dem zu widersprechen und so holte er behutsam das Amulett aus seinem Umhang, ohne es jedoch abzunehmen, und zeigte es seinen Freunden.

James betrachtete es eher gelangweilt, Peter mit der üblichen Ehrfurcht, doch Remus keuchte auf.

»Was?«, wollte Sirius sofort wissen und auch James sah seinen Freund nunmehr neugierig an.

»Die Zeichen, seht doch mal! – Das sind wieder dieselben Worte wie am Anfang!«

Auch Sirius betrachtete die Schriftzüge nun genauer und musste feststellen, dass Remus Recht hatte. Er verstand zwar wenig von Alte Runen – noch weniger von Uraltrunen – aber dass sie sich abermals verändert hatten, das sah auch er.

»Aber warum verändert es ab und zu die Sätze?«, wollte Sirius völlig verständnislos wissen. Er konnte sich darauf absolut keinen Reim machen.

»Wer immer dieses Teil vor dir besessen hat, der muss es wissen«, kommentierte James die Lage trocken.

»Also versuchen wir zuerst herauszufinden, wem es vorher gehört hat?«, hakte Remus nach.

»Und was es überhaupt ist. Ich meine, ich habe noch nie so ein mächtiges Amulett gesehen…«, ergänzte James.

»Wenn es schwarzmagisch ist, dann gratuliere ich dir.«

Sirius fuhr, ebenso wie alle anderen, herum. Eine herablassende Stimme hatte gesprochen, die aus einem der Bilderrahmen kam.

»Phineas Nigellus!«, stellte James verächtlich fest.

»Kommst du doch endlich noch auf die richtige Bahn, was Ururenkelchen?«

»Wo bei Merlins Bart kommst du her, wie lange hast du uns schon zugehört, wo ist Dumbledore und was hat das alles zu bedeuten?«, verlangte James umgehend zu wissen.

Nigellus schnaubte verächtlich auf. »Ein bisschen viele Fragen für jemand Unbedeutenden wie dich, findest du nicht? Ich sehe nicht, was für mich dabei herausspringt, wenn ich es euch verrate.«

Sirius' Ururgroßvater lehnte sich lässig an seinen Bilderrahmen und stierte die Jungen von oben herab an.

»Allerdings wird es Dumbledore sicherlich brennend interessieren, was ihr ohne Einladung in seinem Büro zu suchen habt und was es mit diesem Ding da auf sich hat.«

Er wies scheinbar gelangweilt, aber dennoch mit einem Funken Interesse in seinen verschmitzten Augen auf das Amulett, welches Sirius schnell wieder unter seinem Umhang verschwinden ließ, der es jedoch wegen des Kampfes am Vorabend nicht mehr allzu gut zu verbergen vermochte.

»Da ich also derjenige mit dem Ass im Ärmel bin, schätze ich, dass es auch ich bin, der Fragen stellen darf«, fuhr Nigellus vergnügt fort. »Wo hast du das her?«, wandte er sich dann direkt an Sirius.

»Das geht dich einen feuchten…«, begann Sirius, doch er wurde von dem Porträt unterbrochen:

»Na, na, na… Ich warte auf eine Antwort, wenn ihr nicht wollt, dass Dumbledore hiervon erfährt.«

»Willst du uns etwa erpressen, Nigellus?«, fuhr James wütend auf.

Das Gemälde jedoch blieb völlig ruhig. »Ja«, erwiderte es ohne mit der Wimper zu zucken.

»Wer garantiert uns, dass du nicht trotzdem zu Dumbledore rennst, sobald wir deine Fragen beantwortet haben?«, hakte Sirius misstrauisch nach, um Zeit zu schinden.

»Niemand«, antwortete Nigellus leichthin. »Aber euch bleibt nichts anderes übrig, als mir zu vertrauen, auch wenn ich eigentlich unter normalen Umständen niemandem dazu raten würde.«

»Vergiss es, eher trink ich Bubotublersaft, als dir zu vertrauen«, erwiderte Sirius hitzig.

In dem Moment wurde ihrer Unterhaltung jedoch ein abruptes Ende gesetzt, als die Bürotür aufging und ein recht müde wirkender Dumbledore hereintrat.

Einen flüchtigen Augenblick stutzte der Schulleiter, als er die vier Jungs in seinem Büro erblickte. Doch er schien sich schnell wieder gefasst zu haben und meinte:

»Es tut mir Leid, aber wir müssen unseren Termin verschieben.«

Er sagte keinen Ton darüber, was die Freunde in seinem Büro taten, oder wie sie hier hereingekommen waren, doch das mochte auch daran liegen, dass er sich augenblicklich überhaupt um nicht allzu viel kümmerte.

»Kommt morgen wieder. Ihr könnt jetzt gehen.«

Und dann, ohne eine Reaktion der Jungen abzuwarten, wandte er sich an das Porträt: »Phineas, hast du etwas herausgefunden?«

»Was soll er denn herausgefunden haben? Was wird hier überhaupt gespielt?«, brauste Sirius auf, doch als Dumbledore sich genervt abermals zu ihnen umdrehte und ihnen einen bedeutsamen Blick zuwarf, wurde er von Remus am Umhang gepackt und hinausgezerrt.

»Guten Tag noch, Professor.«

Damit flog die Tür zum Schulleiterbüro zu.

Auf dem Weg zur Großen Halle beschwerte sich nicht nur Sirius, sondern auch James: »Das gibt's doch nicht! Bestellt uns in sein Büro, versetzt uns und dann will er uns noch nicht einmal sagen, was abgeht!«

Sirius jedoch hatte ganz andere Probleme: »Wenn Nigellus ihm von dem Amulett erzählt, dann… dann… dann weiß ich auch nicht, was dann!«

»Ich möchte zu gerne wissen, was da los war«, überlegte James, der Sirius gar nicht beachtete. »Dumbledore sah ziemlich fertig aus. Ob das was mit den Auroren zu tun hat?«

»Hörst du mir überhaupt zu? Ich sagte, dass wir erledigt sind, wenn Nigellus petzt! Und wie es aussieht müssen wir bis morgen warten, um das herauszufinden.«

»Könntet ihr zwei euch vielleicht mal etwas abregen?«, mischte sich Remus mit ein. »Ich weiß nicht, ob es euch aufgefallen ist in eurer Aufregung, aber irgendwas ist hier anders.«

Sie hatten inzwischen die Große Halle betreten und Sirius sah sich nun um, während die vier sich niederließen. Remus hatte Recht: In der Halle war es ruhiger als sonst. Kein fröhliches Gelächter, kein heiteres Getuschel. Es war fast unheimlich still.

»Okay, jetzt reicht's!« James stieß Lydia an, die ihm am nächsten saß. »Was soll das Ganze?«

Das Viertklässler-Mädchen, das in ein geflüstertes Gespräch mit Nancy vertieft gewesen war, drehte sich herum. »Ihr wisst es noch gar nicht?«, fragte Lydia noch immer mit gedämpfter Stimme.

»Gestern Nacht gab es einen Anschlag in Canon Hill«, berichtete Nancy nun ebenfalls mit belegter Stimme, ohne eine Antwort der Jungen abzuwarten. »Ihr-wisst-schon-wer und seine Anhänger steckten dahinter. Sieben Muggel und vier Zauberer sind ums Leben gekommen und es gibt auch ein paar Verletzte.«

Remus wurde blass. »Aber wieso? – Konnten die Auroren ihn fassen?«

Lydia lachte hohl auf. »Ihr-wisst-schon-wen fassen? Nein. Sie haben noch nicht einmal eine Spur von ihm. Außer dem Dunklen Mal ist nichts zurückgeblieben. Als die Auroren ankamen, disapparierten die Feiglinge von Todessern einfach.«

»Ehrlich mal, ihr solltet wirklich mehr die Medien verfolgen«, seufzte Nancy, doch sie klang dabei keineswegs lustig und aufgedreht wie sonst.

Nicht einmal Lydia lachte.

»Das mit Voldemort wird wirklich ernst, oder?«, erkundigte sich Sirius.

Die Mädchen, sowie Peter zuckten zusammen, doch niemand sagte etwas.

Schließlich nickte Nancy. »Das Schlimmste daran ist, dass er die eine Hälfte von Merlins Zauberstab auch so benutzen kann. Niemand weiß genau wie, aber man munkelt, dass sonst vielleicht nicht so viele Menschen hätten sterben müssen.«

»Natürlich kann man mit einem halben Holzstück nicht so viel anrichten wie mit einem ganzen Zauberstab, aber schlimm genug scheint es ja gewesen zu sein«, zuckte Lydia die Schultern.

Das restliche Frühstück über sprachen sie kaum miteinander. Sirius ertappte sich dabei, wie seine Gedanken immer öfter zu Dumbledore schweiften. Warum er so abgehetzt und übermüdet gewirkt hatte, war ihm nun klar. Es musste etwas mit diesem Anschlag zu tun gehabt haben! Aber das war es nicht, was Sirius im Kopf herumschwirrte. Er musste herausbekommen, ob Dumbledore Bescheid wusste. Vielleicht würde der Schulleiter ihm sein Amulett wegnehmen wollen, falls Nigellus ihn verpetzt haben sollte!

»Erde an Sirius! Erde an Sirius!«, holte ihn eine Stimme aus seinen Grübeleien.

»Hm?«

James sah seinen besten Freund irritiert an. »Schon gut, ich sagte nur, dass wir unsere Streiche mit den Slytherins lieber verschieben, nicht das perfekte Timing heute.«

»Streiche mit den Slytherins? Welche Streiche?«, wollte Remus stirnrunzelnd wissen.

»Na die Willkommen-im-November-Streiche. Aber keine Angst, wir machen daraus einfach Willkommen-im-Dezember-Streiche. Momentan haben wir ohnehin zu viel mit unseren Recherchen über das Amulett zu tun…«

Doch zunächst mussten sie einen äußerst tristen Schultag über sich ergehen lassen. Die Stimmung im ganzen Schloss war gedrückt. Viele hatten schon gehofft, dass Voldemort nicht mehr von sich hören lassen würde, nachdem es so viele Monate still gewesen war.

Aber auch nachdem der Unterricht vorüber war und die vier Freunde nach dem Abendessen zusammen im Gemeinschaftsraum saßen, wusste niemand so recht, was nun zu tun war.

»Und wie wollen wir jetzt den Besitzer rausfinden?«, fragte Sirius mit gedämpfter Stimme, wobei er mit den Augen auf sein Amulett wies. »Wir können ja eine Suchanzeige aufgeben«, fügte er äußerst sarkastisch hinzu.

»Hm… vielleicht steht irgendetwas in der Bibliothek über magische Amulette«, überlegte Remus.

»Oder wir könnten einen Auror fragen. Luke zum Beispiel, der würde es sicherlich auch nicht weitererzählen!«, schlug James vor, doch Sirius schüttelte den Kopf.

»Gerade ein Auror würde es sicherlich nicht gutheißen, wenn wir im Besitz von einem gestohlenen Amulett sind, das auch noch dazu so mächtig ist.«

Die vier hingen eine Zeit lang ihren Gedanken nach, ohne dass jemand etwas sagte.

Dann meinte Remus schließlich: »Wir sollten zu Bett gehen. Das war ein langer Tag und morgen müssen wir früh schon wieder zu Dumbledore gehen.«

Dumbledore! Sirius hätte ihn bei all der Aufregung beinahe vergessen.

Als er wenig später in seinem Himmelbett lag, konnte er einfach nicht einschlafen. Er wälzte sich von einer Seite auf die andere, doch es war zwecklos. Die anderen waren längst eingeschlafen, da lag er noch mit offenen Augen auf dem Rücken.

Nach Mitternacht hielt er es schließlich nicht mehr aus. »James! – James!«

Der Angesprochene stöhnte, öffnete aber die Augen. »Mensch Sirius, ich hab gerade davon geträumt, wie ich den Duellierwettbewerb gewinne! Was gibt's denn?«

»Wir schleichen uns zu Nigellus«, flüsterte Sirius gerade laut genug, um Peters Schnarchen zu übertönen. »Ich muss unbedingt wissen, ob er uns verraten hat – und wenn nicht, dann bestechen wir ihn. – Wie kann man Porträts eigentlich bestechen, hast du da eine Idee?«

»Nein, aber der Plan gefällt mir.« Auch James ließ sich aus seinem Bett gleiten und zog sich seine Pantoffel an. »Vielleicht kriegen wir aus ihm auch heraus, was er herausfinden sollte.«

Sirius seufzte, während sie sich aus dem Schlafsaal stahlen. Im Gemeinschaftsraum angekommen, konnte er endlich etwas lauter reden: »Das ist doch wohl nun wirklich klar wie Veritaserum, oder?«

James runzelte im matten Licht des Kaminfeuers die Stirn und sah Sirius fragend an, der das Porträt der fetten Dame zurückklappte und fortfuhr: »Na, wo hängt denn Nigellus' zweites Porträt? Im Grimmauldplatz! Und wenn jemand über die Machenschaften der dunklen Seite informiert ist, dann meine Familie!«

»Du willst sagen, er sollte seine eigene Familie ausspionieren?«, zweifelte James, dem der Mund aufklappte.

Sirius nickte verbittert. »Wäre ja nicht das erste Mal, oder?«

»Na ja, bei dir war das etwas anderes. Dich hasst er!«

»Danke.«

Inzwischen waren sie beim Wasserspeier angekommen.

»Pfefferminzkröten«, hörte Sirius James das Passwort nennen.

Er spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Er war schon einmal nachts im Schulleiterbüro gewesen – und damals war er von Dumbledore überrascht worden. Aber diesmal würde nichts schief gehen. Sie würden hineingehen, Nigellus bestechen und schon wären sie wieder draußen. Doch leider lief nicht alles so reibungslos ab, wie geplant: Die Tür war fest verschlossen.

»Alohomora!«

Nichts tat sich.

James sah Sirius schulterzuckend an.

»Ich muss da rein, Mann«, rief Sirius verzweifelt.

»Schon gut, bisher hat uns doch noch nie eine Tür aufgehalten! Mal nachdenken…«, überlegte James. »Was ist mit dem Messer, das ich dir letztes Weihnachten geschenkt habe!«

Sirius erinnerte sich an das Messer, das alle Türen aufschneiden konnte.

»Geniale Idee, nur leider liegt das im Schlafsaal und ich will jetzt da rein und nicht erst in den Gryffindor-Turm zurück! – Lass mich mal: Alohomora!«

Wiederum blieb die Tür geschlossen. Man hätte meinen können, dass gar kein Zauber auf sie angewendet worden wäre.

Sirius rüttelte an ihr, doch nichts geschah. »Geh auf, du dämliche –«

»Sirius, du solltest vielleicht nicht mit Gewalt…«

»Hilf mir endlich!«, blaffte Sirius seinen besten Freund an, der ihm etwas widerwillig zur Hand ging.

Doch auch zu zweit waren sie nicht stark genug, die Tür aufzubekommen.

»Okay, aus dem Weg, ich spreng das Teil einfach weg!«, beschloss Sirius schließlich aufgebracht.

»Davon würde ich Ihnen abraten.«

Die beiden Jungen erstarrten mitten in ihrer Bewegung.

Langsam, ganz langsam drehte sich Sirius herum. Wie konnte man nur immer so viel Pech haben! Das nächste Mal würde er sich nicht vom Schulleiter erwischen lassen! Er wünschte, es wäre bereits das nächste Mal…

»Ähm…«, begann Sirius, wusste aber nicht, was er sagen sollte.

»Kommt doch erst einmal herein«, meinte Dumbledore, wobei er die Tür mit einer Leichtigkeit öffnete, als wäre sie nie versperrt gewesen.

Kleinlaut betraten die beiden Freunde das Büro des Schulleiters.

Dumbledore ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder, während Sirius und James auf den Stühlen davor Platz nahmen, und begann ohne große Umschweife: »Ich möchte, dass du mir erzählst, seit wann du diese Anfälle hast und woher sie deiner Meinung nach kommen.«

Sirius warf einen flüchtigen Blick auf das Porträt seines Ururgroßvaters, der jedoch schlief, oder so tat, als ob er schlief, das konnte Sirius nicht so genau sagen. Allem Anschein nach hatte Nigellus nichts von dem Amulett erwähnt.

»Ähm… seit wir mit den Auroren in dem… in dem einen Kerker waren«, begann Sirius, froh, dass es sich um derart leichte Fragen handelte, die er sogar wahrheitsgemäß beantworten konnte. Oder fast wahrheitsgemäß, denn die zweite Frage war schon komplizierter. »Aber ich… ich weiß nicht, woher das kommt, Sir.«

Der Schulleiter sah ihn mit seinen durchdringenden blauen Augen an.

Sirius fühlte sein Herz heftig an das Amulett schlagen. Dieses war dafür verantwortlich, das wusste er, doch das konnte er dem Schulleiter nicht sagen. Er wartete eine Reaktion von Dumbledore ab. Letzterer verschränkte seine knochigen Hände ineinander und betrachtete diese einen Moment lang, ehe er aufsah und Sirius direkt in die Augen blickte.

»Wenn du noch einmal so einen Anfall hast, möchte ich, dass du umgehend in den Krankenflügel gehst, ist das klar?«

Sirius nickte, wobei er den Blick abwendete.

»Ist da sonst irgendetwas, das du mir vielleicht erzählen willst?«, fuhr Dumbledore fort, der Sirius seinerseits immer noch fixiert hatte.

»Nein, Sir«, antwortete dieser etwas übereilt.

»Und du, James?«

Auch James schüttelte mit einem Seitenblick auf seinen besten Freund den Kopf.

»Nun, dann würde ich sagen…«

In dem Augenblick klopfte es an die Tür und Professor McGonagall betrat das Büro, die, wie alle anderen Anwesenden auch, trotz der späten Uhrzeit in ihrem normalen Umhang gekleidet war.

»Oh«, brachte sie nur hervor, als sie die beiden Jungen vor dem Schreibtisch des Schulleiters sah.

»Die beiden jungen Herren waren nur zu der verlegten Besprechung hier, aber wir sind gerade fertig geworden.« Dumbledore nickte den Jungen zu, zum Zeichen, dass sie das Büro verlassen konnten.

Fast schon überstürzt stand Sirius auf und stürmte, gefolgt von James, aus dem Zimmer. Doch kaum war die Tür hinter ihnen zu, hielt James ihn auf und wies mit einer Kopfbewegung auf das Büro zurück.

Sirius, der eigentlich froh war, Dumbledore entkommen zu sein, nickte kurz, ehe er leise flüsterte: »Animadversiomentis roboro.«

Dieser Spruch bewirkte, dass Sirius' und James' Sinne verstärkt wurden, sodass beide genau hören konnten, was sich innerhalb des Büros zutrug:

»…was an Halloween mit Mr Black los war?«, hörten sie McGonagalls Stimme.

»Er wollte offensichtlich nicht darüber reden und ich bezweifle, dass er selbst viel mehr darüber weiß, als er uns berichtet.«

»Albus, er kann uns nicht immer auf der Nase herumtanzen, ob er es uns erzählen will oder nicht, wir können es ihm nicht durchgehen lassen. – Ich könnte versuchen, mit ihm zu reden, ich…«

»Danke, Minerva, aber ich bezweifle, dass dies größere Erfolge erzielen würde. – Bei all der Aufregung konnte ich noch gar nicht nachfragen: Haben Sie ihn ausfindig gemacht?«

»Ja, ich habe ihn gefunden, aber er ist leider nicht gewillt zurückzukehren.«

»Das habe ich befürchtet. Anlässlich der neuesten Ereignisse möchte ich aber dennoch…«

»Finite Incantado.« James hatte den Spruch aufgehoben. »Komm, lass uns gehen.«

Erst, als sie auf den Korridoren auf dem Weg zum Gryffindor-Gemeinschaftsraum waren, trauten sie sich wieder zu sprechen.

»Hast du eine Ahnung, worum's da ging?«, wollte Sirius schließlich wissen.

»Nee, irgendein langweiliges Zeug. Ich hasse es, wenn sie von Dingen reden, bei denen wir nicht durchsteigen!«

»Und ich hasse es, wenn Dumbledore uns jedes Mal erwischt!«

James grinste bei dieser Bemerkung. »Er weiß aber nichts davon, dass wir nachts heimlich die Unverzeihlichen Flüche trainieren!«

Auch Sirius grinste nun verschwörerisch. »Wo du schon davon redest…«

Die beiden sahen sich kurz an, ehe sie ihre Schritte Richtung vierten Korridor lenkten, um im Geheimgang hinter dem Spiegel zu trainieren.

James klappte den Spiegel zurück, kletterte hinein, und als sie beide den Geheimgang mit Fackeln hinreichend erhellt hatten, meinte er: »Wehr dich dieses Mal bitte nicht gegen meinen Imperius-Fluch, okay?«

Sirius nickte bereitwillig und schon im nächsten Moment spürte er die bereits bekannte und schon lange nicht mehr als unangenehm empfundene Leere in ihm.

»Hände hoch!«

Sirius hob ohne zu zögern beide Arme.

»Wieder runter.«

Artig senkte er sie wieder.

»Gib mir das Amulett.«

Etwas in ihm stäubte sich bei diesem Befehl, doch auf der anderen Seite war da diese Sorglosigkeit, die ihn ohne weitere Gedanken das Amulett aus der Hand geben ließ.

»Es hat geklappt. Sirius, es hat geklappt.«

Als hätte man ihm eine eiskalte Dusche verpasst, kehrte Sirius in die Realität zurück. Vor ihm stand James, der ihm grinsend das Amulett entgegenstreckte. Reflexartig schnappte er danach und riss es somit seinem besten Freund aus der Hand.

»Hey, ganz ruhig, ja!«, beschwerte sich dieser, während Sirius es sich wieder umhängte.

»Mach das nie wieder«, meinte Sirius bestimmt.

»Keine Angst, ich wollt's doch nur mal ausprobieren«, rechtfertigte sich James, wobei er verteidigend die Arme hob.

Sirius nickte, während er sich langsam wieder beruhigte. »Sorry, aber wenn es um das Amulett geht…«

»…dann spinnst du, hab ich auch schon gemerkt«, grinste James.

»Lass uns schlafen gehen, sonst killt uns Remus morgen«, beendete Sirius die Unterhaltung.

Auf dem Weg zurück in ihren Turm begegneten sie allerdings noch einmal Nigellus, der ihnen in einem Landschaftsbild von Nordirland auflauerte.

»Da seid ihr ja endlich! Schon wieder ein neuer Regelverstoß, wenn Dumbledore wüsste, dass ihr anstatt in euren Schlafsaal zurückzukehren wieder stundenlang auf den Gängen unterwegs ward… Aber ich denke, ich habe erst einmal genug Druckmittel, um…«

»Wie um alles in der Welt bist du hierher gekommen?«, unterbrach Sirius ihn. Spionierst du mir jetzt sogar schon in der Schule hinterher?«

»Wenn es sich lohnt, schon«, nickte Nigellus. »Also, wir sind vorhin in unserem Gespräch unterbrochen worden. Ich denke, du bist mir noch eine Antwort schuldig.«

»Wir sind müde, lass uns in Ruhe! Komm schon, Sirius, gehen wir!«

James zog Sirius ein paar Schritte weiter, doch das Porträt folgte ihnen, indem er in das nächste Gemälde, das einer alten schottischen Farm, huschte.

»Wärt ihr gleich hierher gekommen, dann könntet ihr jetzt schon längst schlafen, also jammert mir hier nicht die Ohren voll! Aber es liegt natürlich ganz an dir, Sirius, ich könnte dem Schulleiter da auch gewisse Dinge stecken…«

»Also schön, ich habe das Amulett von… Onkel Alphart geschickt bekommen.«

»Für so etwas verschwende ich nicht meine kostbare Zeit«, war Nigellus' einziger Kommentar, ehe er sich beleidigt abwendete und in das Landschaftsbild zurückstolzierte.

Diesmal war es Sirius, der ihm hinterher rannte.

»Halt, sag es nicht Dumbledore. Ich habe das Amulett aus dem Porträtsaal unten bei den Kerkern. Irgendwer hat es da zurückgelassen, zufrieden?«

Nigellus grinste süffisant. »Oh ja, geht doch!«

Er strich sich nachdenklich über seinen Spitzbart, während Sirius unruhig von einem Bein auf das andere trat. Er wusste, Nigellus war nicht zu vertrauen, am besten, man gab ihm nie eine Gelegenheit, sich von ihm erpressen zu lassen.

»Nun, ich fürchte in dem Fall werde ich den Diebstahl dem Direktor melden müssen.«

James schnaubte verärgert auf.

»Wenn du ihm das erzählst, dann…«, begann Sirius, doch Nigellus schnalzte mit der Zunge, wobei er den Kopf schüttelte, was Sirius zum Schweigen brachte.

»Drohungen nützen hier gar nichts. Was bekomme ich, wenn ich es ihm nicht verrate?«, meinte Nigellus aalglatt.

»Was willst du?«, lenkte James ein, ehe Sirius noch etwas sagen oder tun konnte.

»Das Amulett«, verlangte Nigellus ohne zu zögern, während er seinen Blick wie nebenbei über die schöne Landschaft Nordirlands schweifen ließ.

»Das Amu… du bist nur ein Porträt! Selbst wenn ich wollte, ich könnte es dir gar nicht geben!«, brauste Sirius auf.

»Du bist und bleibst nichts als ein kleiner, ungezogener Bengel. Nur ein Porträt ! Und was bist du? Mr Ich-bin-etwas-Besseres, oder was?«

»Immerhin muss ich nicht Botengänge für Dumbledore erledigen oder unschuldige Schüler in den Sommerferien beschatten!«

»Ähm, Sirius…«, begann James, doch der Angesprochene deutete ihm mit einer Handbewegung an, dass er noch nicht fertig war. »Sei froh, dass ich dein Gemälde im Grimmauldplatz noch nicht vernichtet habe!«

»Sirius!«, unterbrach James seinen besten Freund noch einmal, doch dieser fuhr unbeirrt fort: »Aber ich bin ja nicht so, wenn ich dein Gemälde im Grimmauldplatz nächsten Sommer besonders oft putzen soll oder so was, dann sind wir meinetwegen im Geschäft. Was sagst du?«

»Als ob ich bestechlich wäre! Also wirklich!«, entgegnete Nigellus, diesmal in einem ganz anderen Tonfall, fast schon empört ob der Anschuldigung.

Sirius drehte sich fragend zu James um, doch da bemerkte er McGonagall hinter sich.

»Oh«, stellte Sirius nur fest.

»Phineas, ich denke, Sie haben hier nichts verloren, wenn Sie in Ihr eigenes Porträt zurückkehren würden! Und ihr beide: mitkommen.«

Flotten Schrittes eilte die Lehrerin den Jungen voran.

»Haben wir uns auf dem Weg verlaufen?«, flüsterte James Sirius eine mögliche Ausrede zu.

»Bei der Dunkelheit könnte das jedem passieren«, stimmte Sirius grinsend zu.

Doch sie brauchten erst gar keine Ausrede anzubringen, denn in dem Augenblick hatten sie das Porträt der fetten Dame erreicht.

»Luna Plena«, blaffte die Professorin und wandte dann ihren strengen Blick den Jungen zu. »Und dass Sie ja die restliche Nacht da drin bleiben!«

James nickte hastig und Sirius zog ihn im nächsten Moment durch das Porträtloch, um McGonagall schnell zu entkommen.

Am nächsten Morgen beim Frühstück spürte man noch immer die bedrückende Stille in der Großen Halle, doch gleichzeitig lag eine seltsame Aufbruchstimmung in der Luft.

Sirius brauchte eine Weile um herauszufinden, woher diese rührte: Auroren betraten und verließen die Halle am laufenden Band. Manche kamen herein, gingen zum Lehrertisch, um sich kurz mit Dumbledore zu unterhalten und eilten dann zügigen Schrittes wieder hinaus. Andere wuselten kopflos umher, sahen sich um, schienen nicht zu finden, wonach sie suchten, und weg waren auch sie wieder.

Sirius sah James fragend an, der nur die Schultern zuckte. Beide wandten sich zu Remus um, doch auch der schien keine Ahnung zu haben, was das zu bedeuten hatte.

»Hey Leute, da ist Ralph, der weiß bestimmt, was los ist!« James wies auf Ralph, der eben die Große Halle betreten hatte und nachdenklich stehen geblieben war.

Sofort sprangen die drei Freunde auf und Remus zog auch Peter mit, der sich nur schwerlich von seinem Porridge trennte.

»Hey Ralph!«, begrüßte Sirius den Auror, der zusammenfuhr und die vier Freunde fragend ansah.

»Oh, hallo Jungs…«

»Was geht hier ab?«, kam James gleich auf den Punkt.

»Wichtigere Dinge zu tun… Zaubereiministerium braucht uns an anderer Stelle mehr«, meinte der Angesprochene etwas zusammenhanglos. »Hab ich jetzt wirklich alles?«, murmelte Ralph dann mehr zu sich selbst.

»Das hat nicht zufälligerweise etwas mit diesem Anschlag zu tun, oder?«, hakte Remus nach und riss damit den Auror ein weiteres Mal aus seinen Gedanken.

»Ähm… ja, doch. – Wo kann ich denn nur meinen Bericht gelassen haben?«

»Wie jetzt – alle Auroren verlassen Hogwarts?«, fuhr Sirius auf, der allmählich begriff.

»Was? – Nein, nein, nur ein paar. Wird Zeit, dass wir den Todessern zeigen, wer hier die Zügel in der Hand hält und dazu brauchen die da unten Verstärkung, also zieht das Ministerium ein paar Auroren von dem Projekt hier ab.«

»Und wer geht alles?«, wollte James sofort wissen, wobei in seiner Stimme eine gewisse Besorgnis mitschwang.

Sirius wusste, dass er dasselbe dachte, wie er selbst: Würde Luke sie einfach so im Stich lassen? Dass sie Ralph verlieren würden war schon allein schlimm genug.

»Ah, vielleicht hat Marco den noch…«

»Geht Luke?«, präzisierte Sirius die Frage seines besten Freundes ungeduldig.

»Nein, keine Angst, ich bleibe.«

Die vier Jungs fuhren herum. Hinter ihnen stand Luke breit grinsend.

Sirius atmete innerlich auf. Immerhin war er ihr Trainer für den Duellierwettbewerb…

»Ich geh ihn am besten fragen, war nett mit euch zu reden.« Damit hastete Ralph aus der Großen Halle.

Sirius sah ihm verwundert nach, wandte sich dann aber Luke zu: »Und geht Jefferson?«, fragte er hoffnungsvoll.

Luke schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich fürchte, den müssen wir noch länger ertragen. Sag mal, Sirius, was war eigentlich mit dir an Halloween los?«

Sirius seufzte auf. Das würde ihn auch nie mehr in Ruhe lassen… »Mir geht's prächtig«, versicherte er.

»Nun, wir reden später noch einmal darüber«, meinte Luke etwas leiser, warf Professor McGonagall einen flüchtigen Blick zu, die eben an ihnen vorbei zum Lehrertisch schritt, und verließ dann ebenfalls die Große Halle.

»Was sollte das denn jetzt?«, wunderte sich Remus.

»Das sollte eine Warnung sein, dass ich ihm in den nächsten Tagen lieber nicht mehr über den Weg laufen sollte, weil ›wir sonst noch einmal darüber reden‹«, feixte Sirius.

In dem Moment rauschte Ralph einmal mehr herein, diesmal eine lange Pergamentrolle in der Hand.

»Wann geht ihr eigentlich?«, rief James ihm zu, als er schon fast an ihnen vorbei war.

»Sobald wir hier alles geregelt haben. Vermutlich noch vor Unterrichtsbeginn«, erwiderte Ralph schon fast schreiend, da er seinen Weg ohne Unterbrechung fortgesetzt hatte.

Sirius sah ihm nach, wie er beim Lehrertisch angekommen war und Dumbledore das Pergament in die Hand drückte, dann zuckte er mit den Schultern und meinte: »Na ja, vielleicht wird es dann ja wenigstens ein wenig ruhiger hier, wenn erst mal ein paar Auroren weg sind.«

»Ralph werde ich trotzdem vermissen, er war immer so nett«, meinte Peter niedergeschlagen und die anderen drei nickten zustimmend.

Das ganze restliche Frühstück verlief so hektisch, bis plötzlich kein Auror mehr herein kam, um die Stille der Großen Halle zu stören.

Die vier Jungs, denen dies äußerst merkwürdig vorkam, wollten nachschauen, wo alle abgeblieben waren, und trafen in der Eingangshalle auf eine Menschenansammlung aus Auroren, Lehrern und vereinzelten Schülern. Sie fanden auch Ralph und Luke, die sich eben zum Abschied umarmten.

»Es war wirklich schön, dich kennen gelernt zu haben«, meinte Ralph, als er Luke wieder losließ.

»Gleichfalls. Und sei vorsichtig mit den Todessern, man weiß nie, wozu die alles fähig sind«, erwiderte Luke.

In dem Moment sah Ralph die vier Freunde und zwinkerte ihnen zu. »Und du pass schön auf unseren Fluch Slytherins auf, klar?«, grinste er, wobei er Sirius durch das Haar wuschelte.

Dieser versuchte sich unter der Hand des Aurors wegzuducken, war aber zu langsam.

»Glaub mir, das hatte ich ohnehin vor«, entgegnete Luke ebenfalls breit grinsend.

In dem Augenblick trat auch Dumbledore zu der kleinen Versammlung hinzu. »Nun, Ralph, es ist an der Zeit.«

Der Auror nickte kurz und wandte sich dann ein letztes Mal den Vieren zu. »Tschüß, Fluch Slytherins, es war mir eine Ehre, dich in der Vorrunde prüfen zu dürfen. Tschüß, ihr anderen.«

Und damit ging er zu den übrigen Auroren, die bereits mit gepackten Koffern bereit standen.

Abgesehen von Felicity war niemand unter ihnen, den Sirius mit Namen kannte und dennoch waren es rund ein Dutzend, die da bereit zum Aufbruch standen. Sirius hatte nie gewusst, dass so viele Auroren in Hogwarts gewesen waren, denn dennoch war die Mehrheit im Schloss zurückgeblieben.

Letzte Abschiedsgrüße wurden ihnen sowohl von Mitauroren also auch von Lehrern zugeworfen, wenngleich Sirius den Eindruck hatte, dass zumindest McGonagall sehr froh über ihren Abzug schien.

Und dann war es so weit: Die Torflügel wurden geöffnet und sie gingen ohne einen Blick zurück hinaus. Allein Ralph drehte sich noch einmal um und winkte kurz in die Runde, wobei sein Blick flüchtig auf Luke und auf den vier Freunden hängen blieb. Doch dann drehte auch er sich endgültig um und folgte seinen Kollegen. Sirius bemerkte, wie McGonagall sie nach draußen begleitete und er fragte sich, warum.

Irgendwie war es komisch. Sirius hatte sich schon so sehr an die Anwesenheit dieser nervigen Auroren gewöhnt, dass es seltsam war, ihnen zuzusehen, wie sie hinaus in den Regen gingen, der am frühen Morgen eingesetzt hatte, als wäre es ein schlechtes Omen, dass sie weggingen.

Und plötzlich schlugen die Torflügel wieder zu und weg waren sie. Für immer. Vorsichtig legte sich eine Hand auf Sirius' Schulter. Er musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass es Lukes war.

»Sobald wir uns sicher sein können, dass kein weiterer Fluch auf Hogwarts lastet, werden wir ohnehin gehen müssen. Wir hätten nie gedacht, dass wir überhaupt so lange hier sein würden.«

Sirius nickte bloß mit trockener Kehle. Mit den Auroren war ihm das Schuljahr lustiger vorgekommen und auch eine Spur sicherer, schließlich hatte er das letzte Jahr noch nicht vergessen. Es kam ihm vor, als wäre er durch die Auroren vor derartigen Ereignissen beschützt gewesen.

Außerdem machte der Abschied von den Auroren klar, dass auch die übrigen nicht ewig bleiben würden. Keine Störungen im Unterricht mehr, keine aufregenden Strafarbeiten bei Luke mehr.

Sie standen immer noch so da, als die anderen längst wieder in die Große Halle zurückgekehrt waren.

»Mit derart mächtigen magischen Gegenständen sollte man vorsichtig sein«, hob Luke völlig unvermittelt wieder an.

»Äh… was?« Sirius sah verstört auf.

Doch er sah nur noch die Türflügel der Großen Halle zuschlagen. Luke war weg.

tbc...