Kapitel 13
Wie fast jeden Morgen seit etwa einer Woche stand Anne vor dem Spiegel im Bad und betrachtete sich aufmerksam. ‚Wer bist du?' fragte sie sich dabei jedes Mal. Aber die Antwort ließ immer noch auf sich warten. Die kleinen Erinnerungsfetzen und Déjà-Vus, die sie anfangs noch erlebt hatte, waren auch weniger geworden. Nur in ihren Träumen tauchte der dunkelhaarige Mann ab und zu noch auf. Aber entweder sah sie ihn nur von hinten, oder sein Gesicht war irgendwie… verschwommen. Es war einfach nicht fair… warum war nur ausgerechnet ihr das passiert? Naja, aber das fragte sich vermutlich jeder, dem etwas schlimmes passierte. Aber in Selbstmitleid zu versinken brachte sie auch nicht weiter. Zumindest tagsüber versuchte sie, möglichst wenig über ihre Situation nachzugrübeln. Es reichte schließlich, wenn sie es des Nachts tat…
Also beendete sie für den Moment die kreisenden Gedanken, und versuchte, sich auf den Tag zu freuen, der vor ihr lag. Hank hatte sie gefragt, ob sie Lust hatte, zu einem Musikfestival in einen Nachbarort zu fahren, und sie hatte eingewilligt. Sie hatte keine Ahnung, was sie erwarten würde, und ob ihr die Musik gefallen würde. Aber es würde ihr sicherlich gut tun, mal wieder unter Menschen zu kommen. Daher bürstete sie ihre Haare noch einmal durch, richtete ihren Pony ein wenig mit den Fingern und strich sich dann die langen Haare aus dem Gesicht hinter die Ohren. Sie setzte ein etwas fröhlicheres Gesicht auf (ihre wahren Gefühle zu verstecken war anscheinend eines ihrer Talente) und verließ das Bad. Hank wartete im Wohnzimmer auf sie.
„Bist du fertig?" fragte er, als sie das Wohnzimmer betrat, und bedachte sie wieder mit diesem Blick, der sie verlegen machte. Sie trug nur Jeans und ein Trägertop, dazu schlichte Sneakers; nichts Besonderes in ihren Augen. Doch genauso gut hätte sie in Dessous vor ihm stehen können. Sein anerkennender Blick schmeichelte ihr, keine Frage, aber er war ihr irgendwie auch unangenehm. Warum, konnte sie sich aber selbst nicht genau erklären. Sie mochte Hank, er war sowohl nett als auch attraktiv. Und doch… etwas hielt sie davon ab, ihm wirklich näher kommen zu wollen. Dass Hank dagegen an ihr interessiert war, hatte sie durchaus bemerkt. ‚Naja', dachte sie. ‚Was nicht ist, kann ja noch werden. Vielleicht bin ich nur einfach nicht der Typ für Liebe auf den ersten Blick…'
Gemeinsam verließen sie die Wohnung, stiegen in Hanks Pickup und fuhren los nach Victorville, zum High Desert Music Festival.
Als Tony das Messegelände von Victorville erreichte, war es bereits früher Nachmittag. Seine Plakataktion in Palmdale war bisher ebenso erfolgslos gewesen, wie in den beiden Orten zuvor. Zumindest hatte von den Menschen, denen er die Plakate direkt in die Hand gedrückt hatte, niemand weiterhelfen können. Vermutlich hatte er sich einfach zu viel davon versprochen, sonst wäre er jetzt nicht so frustriert gewesen. Aber aufgeben kam nicht in Frage, also machte er weiter. Und wer weiß: es konnte sich immer noch jemand telefonisch melden.
Er stellte sein Auto auf dem weitläufigen Parkplatz ab und beschloss, die Plakate erst einmal im Fahrzeug zu lassen. Er hatte auf den Werbeschildern für das Festival gesehen, dass gleichzeitig ein Grillwettbewerb stattfand, und das hatte dafür gesorgt, dass sein Magen lautstark geknurrt hatte. Das war auch kein Wunder, da er in den letzten Tagen kaum etwas Anständiges gegessen hatte. Er bezahlte am Eingang das Besucherticket und schlenderte durch die Menschenmassen in den gewünschten Bereich des Veranstaltungsgeländes. Dank seiner Sonnenbrille und dem Baseballcap blieb er unerkannt, und niemand nahm Notiz von ihm. Die Leute waren viel zu sehr mit der Musik auf den verschiedenen Bühnen beschäftigt. Es war laut, voll und die Sonne schien warm vom Himmel. Wäre er nicht aus einem traurigen Anlass hier, hätte dies ein perfekter Frühlingstag sein können.
Nach einigen Minuten hatte er den Bereich mit dem Grillwettbewerb erreicht. Zahlreiche Teams hatten ihre Grills aufgestellt, und überall roch es fantastisch nach gegrilltem Fleisch. Nachdem er sich einen Überblick verschafft hatte, entschied sich Tony für ein anständiges Rindersteak. Die Schlange vor ihm war lang, aber er hatte es nicht eilig. Er genoss die Atmosphäre um ihn herum sogar ein wenig.
Auf einmal hörte er von irgendwo hinter sich ein vertrautes Geräusch… Es war ein Lachen. Aber nicht irgendein Lachen. Peppers Lachen! Schlagartig drehte er sich um und reckte den Hals, um zu sehen, woher das Lachen gekommen war. Da war es wieder! Aber das war doch völlig unmöglich? Spielte ihm sein Verstand jetzt schon Streiche? Er ging ein paar Schritte in die Richtung, aus der das Lachen erneut erklang, und er nahm seine Sonnenbrille ab, um besser sehen zu können. Ein paar Meter vor ihm stand mit dem Rücken zu Tony ein Typ im karierten Hemd, und dahinter konnte er etwas Rothaariges ausmachen. Wieder das Lachen, ihr Lachen, kein Zweifel. Tonys Herz hämmerte in seiner Brust wie die Anfangsakkorde von AC/DCs Thunderstruck, und sein Mund war plötzlich ganz trocken. Er ging langsam einen Schritt, und noch einen, dann einen zur Seite, um an dem Typen vorbeisehen zu können. Und da stand sie… Pepper! Seine Pepper! Sie hatte einen Plastikbecher mit Bier in der Hand und lachte und scherzte mit dem fremden Typen. Aber das war doch unmöglich! Das konnte sie nicht sein! Seine Pepper würde nicht einfach erst verschwinden, dann seelenruhig hier feiern und ihn in dem Glauben lassen, sie wäre möglicherweise tot. Aber sie trug die Kette… seine Kette.
Tony wusste nicht, ob er erleichtert, glücklich oder stinkwütend sein sollte. Sein Magen krampfte sich zusammen, und sein Herz schlug immer noch mit AC/DC um die Wette. Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Praktischerweise beschloss Karohemd gerade, sich noch etwas zu trinken zu holen und entfernte sich. Pepper stand jetzt allein da, wippte im Takt der Musik, die im Hintergrund zu hören war, und nippte an ihrem Bier. Ihr rotes Haar leuchtete goldfarben in der Sonne und umrahmte in sanften Wellen ihr Gesicht. Sie schaute zufällig kurz in seine Richtung… und schaute dann wieder weg, als hätte sie ihn gar nicht bemerkt! Was zum Teufel ging denn hier vor sich? Tony legte die letzten Schritte zu Pepper zurück und räusperte sich. Sie bemerkte ihn, schaute ihn an, lächelte… und bedachte ihn mit einem fragenden Blick.
„Ja bitte?" sagte sie dann, als Tony immer noch keinen Ton herausgebracht hatte.
„Entschuldigung, Miss…" stammelte er schließlich. „Sie können mir nicht zufällig sagen, wie spät es ist? Ich hab meine Uhr im Auto vergessen", log er dann.
„Tut mir leid, ich hab leider auch keine dabei", entschuldigte sie sich und lächelte wieder. So wie sie jeden anderen Fremden auch angelächelte hätte.
„Schon gut, trotzdem danke."
Tony drehte sich um, setzte seine Sonnenbrille wieder auf und zwang sich, nicht wegzurennen.
Anne sah ihm noch eine Weile nach. Seine Stimme… kam sie ihr bekannt vor? Wahrscheinlich bildete sie sich das jetzt schon ein, weil sie sich so verzweifelt wünschte, sich zu erinnern. Inzwischen kam auch Hank zurück.
„Alles okay? Was wollte der Kerl?" fragte er besorgt, als er ihren Blick bemerkte.
„Er hat nur nach der Uhrzeit gefragt, konnte ihm aber leider nicht weiterhelfen." Sie wandte sich wieder Hank zu und beschloss, die Sache zu vergessen.
Etliche Meter und Stände später hielt Tony endlich an. Er suchte sich eine Ecke hinter einem Stand, wo er ungesehen war, und rutschte dort mit dem Rücken die provisorische Wand hinunter, bis er mit angewinkelten Knien auf dem Boden saß. Er nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Hatte er das gerade geträumt? Spielte ihm jemand einen Streich? Stand Pepper unter Drogen? Das einzige, das er wusste, war, er wollte am liebsten etwas kaputtschlagen, oder in die Luft jagen, oder einfach nur heulen… Möglichkeit a und b fielen aus mangels Machbarkeit, blieb nur noch Option c… aber das war eigentlich auch kein Ausweg, als versuchte er, sich zusammenzureißen. Er brauchte schließlich einen klaren Kopf. Jarvis! Er brauchte Jarvis.
Oh je... gefunden... und doch nicht... verdammte Amnesie! ;-) aber wir sind immerhin einen Schritt weiter...
