Dragon and Angel
Kapitel 14
Heilende Küsse
Ginny war außer sich. Sie hätte nie gedacht, dass Draco schon so früh hier sein würde. Gott, er hat sogar bemerkt, dass ich so angezogen bin, dachte sie, als sie in ihrem Schlafzimmer herumlief und ihre Kleidung für diesen Tag zusammensuchte. Ich schäme mich so. Wie kann ich ihm je wieder gegenüber stehen?
Sie beschloss, mit einer heißen Dusche zu beginnen, also ging Ginny ins Badezimmer. Sobald sie unter dem Wasserstrahl stand, versuchte sie, ihre Gefühle zur Ruhe zu bringen. Okay, das ist nicht das Ende der Welt, dachte sie, also hat er mich eben so gesehen... Oh Gott, ich hab ausgesehen wie ein Troll. Das ist das Ende der Welt. Ich kann unmöglich wieder nach unten gehen. Ich werde einfach hier heroben bleiben, bis er wieder weggeht.
Nachdem sie im Badezimmer fertig war, ging sie zurück in ihr Schlafzimmer und begann sich anzuziehen. Für ihr Haar und das Make-up ließ sie sich extra viel Zeit. Als sie fertig war, sah sie in den Spiegel. Na ja, zumindest seh ich nicht mehr wie ein Troll aus, lächelte sie. Sie machte sich innerlich bereit und ging in Richtung der Tür, aber sie zögerte, als ihre Hand die Türklinke berührte. Nein, ich kann das nicht, dachte sie und drehte sich zurück zu ihrem Bett. Sie setzte sich auf den Bettrand und versuchte, sich etwas zur Vernunft zu bringen.
Draco hatte so lange auf Ginnys Rückkehr gewartet, es kam ihm vor wie Stunden. Molly stellte ihm eine frische Tasse Tee hin, als er sich innerlich zum tausendsten Mal in den Hintern trat. Ich hätte einfach meinen Mund halten sollen. Jetzt spricht sie wahrscheinlich nie wieder mit mir, dachte er. Und wenn ich hier noch länger sitzen bleibe und Tee trinke, muss ich mich wohl auf die Suche nach einer Toilette machen. Merlin, Angel, bitte bleib still sitzen. Jedes Mal, wenn Draco seine Tasse geleert hatte, hatte Molly ihm sofort wieder eine Neue eingeschenkt. Er wusste nicht mehr, wie viele Tassen er bereits getrunken hatte. Er trank ja nur, um nicht unhöflich zu wirken.
„In Ordnung, ihr zwei, hoch mit euch, damit ihr euch anziehen könnt", sagte Molly zu den Zwillingen.
„Komm, Daddy", sagte Angel, als sie aus seinem Schoß sprang. „Du kannst mithelfen", fügte sie hinzu, während sie an seinem Arm zog.
„Vielleicht kann deine Grandma dir heute helfen und ich werde es ein anderes Mal tun, okay?", fragte Draco sie und hoffte, dass sie das akzeptierte, weil er keine Ahnung hatte, wie man ein Kind anzieht.
„Angel, je früher du hoch gehst und angezogen bist, desto früher kannst du wieder herunter zu deinem Dad kommen. Komm jetzt", sagte Molly.
Angel sah enttäuscht aus, aber sie erlaubte Molly, sie die Treppe hoch und in das Badezimmer zu führen, wo Drake bereits fleißig seine Zähne putzte.
Draco seufzte vor Erleichterung, und zwar wegen zwei Gründen: Erstens, wegen dem Gewicht seiner Tochter, das nun nicht mehr auf seine volle Blase drückte, und zweitens, wegen dem Gedanken, ihr beim Anziehen zu helfen. Er hätte keine Ahnung, wo er damit anfangen sollte.
Kurze Zeit später hörte Draco, dass Molly und die Kinder die Treppe wieder herunter kamen. Er stand schnell auf in der Hoffnung, dass Angel es sich nicht wieder in seinem Schoß gemütlich machte. Mittlerweile merkte er, dass jeglicher Druck von außen auf seinen Unterleib in einer ziemlich peinlichen Situation enden würde.
„Draco, du gehst doch nicht etwa schon, oder?", fragte Molly stirnrunzelnd, als sie bemerkte, dass der große, blonde Zauberer in der Küche stand.
„Ähm... Nein, nein, natürlich nicht. Ich habe mich nur gefragt, wo sich die ähm... ähh... bestimmten Einrichtungen befinden", zögerte Draco.
„Oh natürlich, mein Lieber, die Toilette befindet sich im ersten Stock, die zweite Tür auf der rechten Seite", lächelte Molly. Er hatte so feine Manieren, dass es ihm Unbehagen bereitet, eine Dame nach dem nächsten Klo zu fragen, dachte sie und wünschte sich halb, dass ihre eigenen Jungs hin und wieder bessere Manieren zeigen würden.
Draco beugte seinen Kopf als stilles Dankeschön und ging eiligst in Richtung der Treppe. Als er dann seine Hände wusch, fragte er sich nicht zum ersten Mal, wo Ginny denn war. Sie war vor einer halben Ewigkeit hinaufgelaufen und er begann sich zu fragen, ob sie je wieder hinunter kommen würde.
Als er die Toilette verließ, sah er sich im Korridor um. Es gab insgesamt fünf Türen, die in verschiedene Zimmer führten. Er stand da und versuchte sich zu entscheiden, ob er ein wenig nachforschen sollte oder nicht, in der Hoffnung, dass er vielleicht über Ginny stolpern würde. Er wusste nicht einmal, ob sie in diesem Stockwerk war. Genau dann, als er beschlossen hatte, dass es wohl rüde wäre, sich ohne Einladung weiter in das Haus zu wagen, hörte er ein Ächzen, gefolgt von einer vertrauten weiblichen Stimme, die hinter einer der Türen ‚Verdammte Hölle' fluchte. Grinsend ging er zu dieser Türe und öffnete sie.
„Ist das ein neuer Tanz?", fragte Draco. Auf seinem Gesicht stand die Erheiterung klar und deutlich geschrieben.
Ginny stand im Zimmer und hielt einen Fuß in ihrer Hand, während sie zur selben Zeit versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Ihr Gesicht war vor Schmerz und Konzentration verzogen. Insgesamt bot sie einen sehr lustigen Anblick.
„Oh." Ginny errötete tief. „Ich hab mir die Zehe angestoßen." Merlin, kann dieser Tag denn noch schlechter werden? fügte sie still hinzu.
„Na ja, lass es mich mal ansehen", sagte Draco mit tiefer Stimme, als er das kleine Schlafzimmer betrat.
Als er Ginny erreichte, bückte er sich und hoch sie hoch in seine Arme. Dann setzte er sie auf die Bettkante. Nicht dass es wirklich notwendig gewesen wäre, sie dorthin zu tragen. Sie war nur zwei Schritte vom Bett entfernt gewesen und eine gestoßene Zehe ist nicht gerade ein gebrochener Fuß, aber er tat es trotzdem. Als er vor ihr kniete, zog Draco ihr den Schuh aus und entblößte damit ihre verletzte Zehe. Sehr sanft tastete er ihren ganzen Fuß und jede Zehe der Reihe nach ab. Als er zufrieden sagen konnte, dass sie keinen bleibenden Schaden davontragen würde, platzierte er einen Kuss auf jene Zehe, die das Meiste von dem Stoß abbekommen hatte.
„Da, alles wieder gut." Draco grinste hoch zu ihr.
„Dankeschön", antwortete Ginny langsam und lächelte ihn an. Sie hatte bemerkt, dass sich Dracos normalerweise hellgrauen Augen verdunkelt hatten zu einem stahlgrauen Farbton und sie wusste, dass es nur zwei Stimmungen gab, in denen seine Augen zu dieser Farbe wechselten. Wenn er wütend war oder wenn er erregt war.
„Grandma, warum küsst Daddy Mummys Zehen?", sagte Angel von der Türe aus.
„Iiihhh, ich würde niemals eine Hexe küssen! Die haben ja Hexenbazillen", unterbrach Drake ganz und gar angeekelt.
„Haben wir nicht, du hast Zaubererbazillen", gab Angel zurück und streckte die Nase in die Luft.
„Gar nicht", meinte Drake und kreuzte die Arme vor der Brust.
„Doch", bestand Angel und stemmte die Hände in die Hüften.
„Schluss ihr beiden, warum geht ihr zwei nicht zurück in die Küche?", sagte Molly, als sie ins Zimmer kam und die Szene bemerkte, die sich ihr da bot.
„Ich... ähm... hab mir die Zehe angestoßen", stotterte Ginny und errötete noch mehr, obwohl sie überhaupt nichts falsch gemacht hatten.
„Kein bleibender Schaden", brachte Draco hervor, als er ihren Fuß zurück auf den Boden sinken ließ und auf die Beine kam.
Ginny beschäftigte sich damit, ihren Schuh wieder anzuziehen, was ihr eine hervorragende Entschuldigung gab, niemanden in diesem Zimmer anblicken zu müssen. Merlin allein wusste, was ihre Mutter von ihr denken würde. Mit ihrem Schuh wieder dort, wo er hingehörte, holte sie tief Luft und erhob sich vom Bett.
„Warum gehen wir nicht alle zurück in die Küche, ich könnte eine Tasse Tee vertragen", schlug Ginny vor.
„Wunderbar", sagte Molly breit lächelnd, als sie aus dem Zimmer ging. Es wäre nett, wenn Draco und Ginny zusammenkommen würden, dachte sie, als sie in Richtung Treppe ging. Nicht nur für das Wohl der Kinder, sondern auch für Ginny. Sie war schon sein langer Zeit nicht mehr aus und Draco ist anscheinend ein netter junger Mann.
Als Ginny sich auf den Weg zur Tür machte, spähte sie in Richtung Draco. Er stand immer noch in der selben Position da und sah zu Boden. Seine Arme hingen leblos an seiner Seite und er auf seinen Wangen lag ein leichter, rötlicher Schimmer.
Draco hob seinen Blick, um dem von Ginny zu begegnen. Trotz dass es ihm peinlich war, spürte er, dass er das Grinsen nicht unterdrücken konnte, das auf sein Gesicht kroch. Sie sah so anziehend aus mit ihrem hochroten Gesicht und dem schuldigen Ausdruck in ihren Augen. Merlin, ich komme mir vor wie ein böser Schuljunge, der dabei erwischt wurde, wie er in die Mädchenschlafzimmer spioniert, dachte er, als er sich hinten den Hals rieb.
Sobald sich alle wieder um den Küchentisch herum eingefunden hatten, servierte Molly Ginny das Frühstück und mehr Tee für die Erwachsenen.
„Daddy, warum hast du Mummys Zehe geküsst?", fragte Drake, den die Vorstellung daran immer noch anekelte.
„Na ja... ähh... Mummy hat sich die Zehe verletzt." Draco wusste einfach nicht, was er darauf antworten sollte. Er konnte ihm wohl kaum die Wahrheit sagen, dass er mit ihr geflirtet hatte. Dafür war er noch viel zu jung.
„Oh, und du hast ihre Zehe geküsst und alles wieder gut gemacht", half Angel ihm aus. „Grandma macht alle meine Beulen mit einem besonderen heilenden Kuss wieder gut."
„Ja, so etwas in der Art", murmelte Draco. Er war wieder errötet und untersuchte geschäftig seine Teetasse, um den anerkennenden Blick zu sehen, den Molly zu ihrer Tochter schickte.
„Aber Daddy, hast du keine Angst vor den Hexenbazillen?", fragte Drake. Er war entsetzt, dass sein Vater dieses Risiko eingegangen war.
Dracos Gesicht verzog sich vor dem absoluten Horror. Wie auf der magischen Erde sollte er das beantworten? Wie auch immer, sein Gesichtsausdruck war genug, um Drake zufrieden zu stellen.
„Das ist okay, Daddy, ein Reinigungszauber sollte dann genügen", sagte Drake Draco ernst, als er zu seinem Vater ging und sich streckte, um ihm auf den Rücken zu klopfen. Er war erleichtert, dass sein Dad seinen Fehler rechtzeitig bemerkt hatte, um ihn auszubessern.
Ginny beobachtete die Zwillinge und Draco, während sie ihr Frühstück aß. Sie lächelte, als sie bemerkte, dass Draco die Sache ganz offensichtlich noch eine Nummer zu groß war. Er hatte offensichtlich keine Ahnung, was er mit den Beiden machen sollte. Draco sah zu ihr hinüber und sie deutete kurz mit ihrem Kopf in Richtung seines Zauberstabes. Sie wollte, dass er ihn herauszog und den Zauber aussprach, damit Drake glücklich wurde.
Draco verstand die stumme Botschaft und stand umständlich auf, zog seinen Zauberstab mit einem Schwenker heraus und sprach den Reinigungszauber aus, um Drake glücklich zu machen.
„Nun, was habt ihr vier vor für heute?", fragte Molly Draco.
„Eigentlich hatte ich noch nicht so weit voraus gedacht. Es ist mir egal, was wir machen. Ich will einfach ein bisschen Zeit mit diesen drei hier verbringen", antwortete Draco ehrlich, als er sich zurück auf den Stuhl setzte.
„Wir könnten ein Picknick machen", schlug Angel gutgelaunt vor.
„Draußen ist es zu kalt für ein Picknick", sagte Drake seiner Schwester und rollte mit den Augen.
„Wir können uns alle ja ganz warm anziehen", gab Angel zurück.
„Wie wär's, wenn wir ins Wohnzimmer gehen und uns dort weiter unterhalten?", sagte Ginny von der Spüle aus, wo sie ihr Frühstücksbesteck abwusch.
Drake und Angel sprangen hoch und liefen ins Wohnzimmer, bevor sich sonst jemand bewegen konnte. Als Draco aus dem Raum gehen wollte, schnappte Ginny ihn am Arm.
„Was willst du heute tun?", fragte sie in einem Flüstern.
„Es ist mir wirklich egal, Gin, ich will einfach ein bisschen Zeit mit euch drei verbringen. Die Zwillinge kennen lernen und... na ja, dich auch", antwortete er leise. „Da gibt es so viel, das ich nicht weiß, ich habe so viele Fragen, also könnten wir uns vielleicht irgendwann mal heute hinsetzen und uns unterhalten."
„Okay, mit den Kids oder ohne ihnen?", fragte Ginny.
„Mit ihnen. Ich will sie auch etwas fragen", antwortete Draco.
„Willst du einfach damit mal anfangen und wir sehen, wo uns das hinführt?", schlug Ginny vor.
„Ja, das wäre großartig. Es gibt so vieles, was ich gerne über sie wissen würde", sagte Draco lächelnd.
„Du weißt schon, dass sie auch von dir alles wissen wollen und einige ihrer Fragen könnten schwierig zu beantworten sein." Ginny wollte, dass er für alles bereit war, das Drake fragen könnte. Er war unter den Familienmitgliedern bekannt dafür, dass er die peinlichsten und schwierigsten Fragen auf Lager hatte.
„Sie können alles wissen, ich bin ein offenes Buch", sagte Draco lächelnd. Er war glücklich, dass seine Kinder auch gerne mehr über ihn erfahren würden.
„Gut", antwortete Ginny und hoffte, dass er diese spezielle Bemerkung später nicht bereuen würde.
„Ähm... Gin, bevor wir da rein gehen, habe ich eine Frage an dich, wenn es dir nichts ausmacht", sagte Draco zögerlich.
„Natürlich macht es mir nichts aus", sagte Ginny ein bisschen besorgt. Draco hatte wahrscheinlich hunderte von Fragen für sie und sie wusste, dass einige davon schwierig zu beantworten waren.
„Ihr Name, ich meine, den Malfoy-Teil. Warum?" Draco stolperte über seine Frage.
„Oh, ich wollte, dass sie genau wissen, wer sie sind. Es war mir egal, dass du nicht da warst. Sie haben so viele von deinen Charakterzügen, besonders Drake. Ich wollte es sie einfach wissen lassen", erklärte sie.
„Danke", flüsterte Draco, bevor er sich nach vorne lehnte und ihr einen Kuss auf die Stirn gab.
tbc
Ü/N: Hey, ich denke, ich komme von nun an wieder etwas mehr zum Übersetzen. In letzter Zeit sind die Updates ja eher sporadischer Natur gewesen. Garantieren will ich lieber nichts, aber von nun an regelmäßig mindestens ein Kapitel im Monat hochzuladen ist mein persönliches Ziel geworden. (Und betrachtet dieses hier als Juli-Kapitel, im August kommt sicher noch eines.) Ich hoffe, ihr könnt euch mit diesem Gedanken anfreunden. ;-) Ach, und...
Ein paar Reviews wären nett!
