Kapitel 14: Darren
Weder die Halbvampirin Gillian, noch Larten Crepsley der Vampirmeister kamen in jener Nacht zurück.
Darren streifte ziellos durch das Camp des Cirque du Freak und setzte sich mal hier mal da zu Mitgliedern des Cirque ans Lagerfeuer, blieb aber schweigsam und verschlossen und kam mit niemandem richtig ins Gespräch.
Bis Rebecca, das einzige normale Mädchen im Circus, das sich um die Kostüme kümmerte, sich neben ihn setzte und ihn etwas schüchtern anlächelte.
„Hallo, Darren."
„Hallo Rebecca."
„Ist alles in Ordnung?"
Sah man ihm so sehr an, wie durcheinander er war?
„Wie man es nimmt. Gillian und Mr Crepsley haben sich gestritten und nun sind beide verschwunden." Er sah hinauf in den Himmel. „Und es wird bald hell."
„Machst du dir Sorgen um den Vampir?", fragte Rebecca. „Der kann schon auf sich aufpassen."
„Ja, ich weiß. Es ist nur…irgendwie habe ich das Gefühl an allem Schuld zu sein."
„Und ich bin Schuld daran, dass Gillian verletzt wurde…"
„Was ist passiert?". Rebecca machte runde Augen.
„Ich hätte den Cirque nicht unerlaubt verlassen dürfen."
Auch wenn das keine genaue Antwort auf ihre Frage war, drang Rebecca nicht weiter in ihn ein. Sie blieb nur weiter neben dem Assistenten des Vampirs sitzen, und beide starrten in die tanzenden Flammen vor ihnen.
„Ich hab Gillian vorhin noch gesehen."
„Wann?", fragte Darren.
„Vor zwei Stunden. Sie kam aus eurem Zelt und sie sah…nun ja, ein wenig aufgebracht aus. Ich bin fast mit ihr zusammengestoßen, weil sie es so eilig hatte. Sie stieß mich beiseite und fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr, ich hätte eine Nachricht für Mr Crepsley."
„Eine Nachricht?"
„Ja. Ich war in der Nähe des Wohnwagens von Mr Tall gewesen, als dieser seinen Kopf herausstreckte und mich zu sich rief. Er wollte, dass ich zu Crepsleys Zelt gehe und ihm etwas ausrichte. Das muß so gegen drei Uhr gewesen sein."
„Was solltest du Mr Crepsley ausrichten?". Darren wurde aufgeregt.
„Nichts besonderes….", Rebecca zögerte und sah zu Darren. „Die Nachricht war für Mr Crepsley aber Gillian sagte, ich könne es auch ihr sagen. Schließlich sei sie seine Schülerin, und würde alles weitergeben. Also habe ich es ihr gesagt. Ich habe mir nichts Schlimmes dabei gedacht…". Sie blickte schuldbewusst zu Darren und dieser beeilte sich, ihr zu versichern, dass sie nichts Falsches getan hätte.
„Was war die Nachricht? Du kannst es mir sagen. Immerhin, äh… bin ich Mr Crepsleys Assistent."
Rebecca zögerte. Doch Darren lächelte sie so unschuldig an, das sie schließlich sagte: "Och, Mr Tall sagte nur, dass ein Freund von Mr Crepsley zu Besuch sei. Er sagte, ich solle Mr Crepsley ausrichten, dass Gavner Purl bei ihm im Wohnwagen sei, und dass er ihn sprechen wolle."
Darren war verdutzt. Gavner Purl? War das nicht der andere alte Vampir, ein Freund Crepsleys? Was wollte er? Und warum war Gillian nicht zurückgekommen, um Larten Bescheid zu sagen, dass sein Freund auf ihn warte?
Was hatte das zu bedeuten?
Rebecca unterdrückte ein Gähnen.
„Es ist schon spät, fast fünf Uhr morgens". Darren sah auf die Uhr. "Du solltest ins Bett gehen."
„Was ist mit dir?"
„Ich bleibe wach, bis sie zurückkehren."
Rebecca wagte es nicht, Darrens Hand zu nehmen und zu drücken, daher stand sie auf, wünschte eine gute Nacht, und ging mit dem Gefühl, ihn nicht richtig getröstet zu haben, davon.
Darren blieb noch eine Weile am Feuer sitzen und erhob sich dann ebenfalls.
Er überprüfte noch einmal das Zelt, aber weder der Vampir noch seine Schülerin waren da.
Er öffnete den Sarg und stieg hinab in das Geheimversteck, aber auch dort war niemand. Lartens Sarg stand verwaist mit offenem Deckel am Ende des Kellers.
Als Darren das Zelt verließ, ging die Sonne als schmaler Streifen am Horizont auf.
Der Vampir war also nicht zurückgekehrt.
Die Aufregungen und Anstrengungen der Nacht machten sich bemerkbar, und Darren glaubte, keine Minute länger seine Augen offen halten zu können.
Er wankte hinüber zu seinem Zelt und kroch auf sein Bettlager.
Evra schreckte hoch und sah mit schlaftrunkenen Augen zu ihm rüber. „Alles klar, Kumpel?", fragte er noch im Halbschlaf.
Konnte man ihn nicht in Ruhe lassen? „Hmhm, alles klar." Darren drehte sich mit dem Gesicht zur Wand.
„Du und Gillian. Habt ihr euch gestritten, oder so?"
„Wie kommst du denn darauf?", murmelte Darren.
„Naja, sie war vorhin hier…"
„Wann?!", Darren richtete sich auf, seine Müdigkeit war wie weggefegt.
„Vorhin. Sie ist gegangen, kurz bevor du gekommen bist."
Dann war Gillian die ganze Zeit im Lager gewesen, während Darren sie gesucht hatte. War sie ihm mit Absicht ausgewichen?
„Was wollte sie?"
Evra hatte den Oberkörper aufgerichtet und lag auf seine Ellbogen gestützt im Bett, so dass er zu Darren hinüber sehen konnte.
„Ich weiß nicht genau. Zuerst dachte ich, sie wollte zu dir. Ich meine, sie kommt mich ja nie besuchen. Aber sie hat gar nicht nach dir gefragt, sondern ist hier einfach rumgelungert. Zuerst dachte ich, sie warte auf etwas, aber dann…"
„Was dann?"
„Ich glaube, sie wollte mir etwas sagen."
„Was wollte sie dir sagen?"
„Das weiß ich ja eben nicht so genau. Ich hatte nur so ein Gefühl, naja…"
Darrens Herz begann aufgeregt zu pochen. Er hatte auch ein mulmiges Gefühl.
„Sie war irgendwie anders als sonst", Evra sah zu Darren, als erhoffe er sich, dass sein Freund ihm weiterhelfen könne.
„Was meinst du mit anders als sonst? Was hat sie gesagt?"
„Also gesagt… nicht unbedingt mit Worten…Aber mir war so, als ob… Als ob sie sich von mir verabschieden wollte!"
Darrens wurde eiskalt bei diesen Worten.
Plötzlich hatte er das Gefühl, er würde Gillian nie wieder sehen.
Er sah rüber zu Evra, dessen Augen die gleiche Sorge spiegelten.
Gegen seine Überzeugung sagte Darren: "Ach, was. Mach dir keine Gedanken."
Und er drehte sich mit dem Gesicht zur Wand.
„Kennst du die Geschichte, wie der Vampir und Gillian sich kennengelernt haben?"
„Nein", sagte Darren und versuchte, nicht allzu neugierig zu klingen.
„Es heißt", flüsterte Evra, "Mr Crepsley sei in der Stadt unterwegs gewesen und hat Flyer für den Cirque verteilt. Es heißt, er hätte Gillian das erste Mal in einer dunklen Gasse gesehen. Es war eine gefährliche Gegend und sie schien noch viel zu jung, um sich dort alleine herumzutreiben. Und sie steckte in Schwierigkeiten. Eine Gruppe betrunkener Männer machte sie an und bedrängte sie." Evra Stimme klang belegt. „Sie waren drauf und dran, sie zu vergewaltigen."
„Und Crepsley hat sie gerettet?", fragte Darren mit großen Augen.
„Nein. Sie hat sich selbst gerettet."
Darren drehte sich zu Evra um: „Wie?"
„Es mag sein, dass Mr Crepsley eingegriffen hätte, aber das war nicht nötig. Wie sich herausstellte, konnte sich Gillian ganz gut alleine wehren. Sie zog ein Messer und verpasste einem der Kerle einen Tritt. Dann konnte sie wohl entkommen".
Darren war beeindruckt.
„Es heißt, der Vampir hätte noch nie eine junge Frau getroffen, die sich mit einem solchen Mut verteidigte und deren Wille zum Leben so ausgeprägt war."
„Und dann hat er sie zu sich geholt…", schloß Darren.
„Nein. Das ist es ja. Er ist einfach wieder seiner Wege gegangen. Aber dann, nur wenig später traf er sie erneut. Auf einer Brücke. Es war dasselbe Mädchen. Doch nun stand sie auf dem Brückengeländer. Es schien so, als wäre aller Lebenswille von ihr gewichen. Gillian wollte sich von der Brücke stürzen. Sie wollte sich umbringen."
„Aber warum…?", fragte Darren verblüfft.
Evra zuckte die Achseln. „Das weiß niemand. Jedenfalls lud Mr Crepsley sie in den Cirque ein und machte sie zu einem Halbvampir."
Danach fiel es Darren schwer, einzuschlafen, aber als ihm endlich die Augen zufielen, waren seine letzten Gedanken, dass der Vampir nicht nach hause zurückgekehrt war.
Und dass Gillian sich von Evra verabschiedet hatte.
Irgendetwas war zu Bruch gegangen in dieser Nacht, und nichts würde mehr so sein, wie vorher.
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