13.
Lisa war bereits in der 16. Woche und sie bekam langsam ein kleines Bäuchlein, als der Umzug in unsere erste richtige gemeinsame Wohnung anstand. Die Wohnung war perfekt für uns und sie hatte uns beiden sofort gefallen: Es gab ein großes Schlafzimmer, ein helles Wohnzimmer, ein gemütliches Kinderzimmer und ein Arbeitszimmer, in dem wir beide Platz für unsere Arbeiten fanden, außerdem gab es einen Terrasse. Wir würden keine Probleme mit dem Kinderwagen kriegen, weil wir keine Treppen überwinden mussten. Jürgen hatte mir beim Tapezieren und dem Aufbauen der Möbel geholfen. „Weißt du Rokko, in Bezug auf David, da musst du dir wirklich keine Sorgen machen. Als Kummerkasten vom Dienst hab ich zwar so etwas wie eine Schweigepflicht, aber ich kann dir guten Gewissens sagen, dass du für Lisa der Einzige bist und dass sie dich über alles liebt." Jürgen zog sich zurück, weil Lisa es sich trotz meiner Einwände und Bitten, sich zu schonen, nicht nehmen ließ, mir beim Aufbau der Kindermöbel zu helfen. Allerdings ließ ich es nicht zu, dass sie mehr tat als nur die Aufbauleitungen vorzulesen: „Stecken Sie die Schraube des Typs 12 in die Öffnung 3 und..." – „Es sind zu wenig Schrauben oder zu viele Öffnungen." Ich war schon völlig verzweifelt. Wenn das so weiterging, würde der Mops auf dem Boden schlafen müssen. „Gut, dass es noch einige Monate bis zur Geburt sind, bis dahin hast du es bestimmt geschafft, das Bett aufzubauen." Als könnte Lisa meine Gedanken lesen… Glücklicherweise konnte sie das nicht, denn sonst hätte sie gewusst, was mich schon den ganzen Abend beschäftigte: Jürgens Worte. Mein Vertrauen in Lisa war nun einmal angeknackst, aber es wuchs langsam. Seit der Zeugung unseres Mopses hatten wir noch nicht wieder miteinander geschlafen, dafür war mein Vertrauen noch nicht wieder stark genug. Umso mehr genoss ich die kleinen Zärtlichkeiten, die wir austauschten. Außerdem machte mir Davids Verhalten zu schaffen: Er hatte sich komplett von Lisa und von mir zurückgezogen. Eigentlich ein Grund mehr, mein neues Glück in vollen Zügen zu genießen, oder? Eigentlich schon – eigentlich… Ich sah doch, welche Blicke David Lisa immer noch zuwarf und ich wusste aus eigener Erfahrung, dass man Gefühle nicht abschalten konnte. Lisa dachte ja, dass David endlich erkannt hatte, dass sie beide nur gute Freunde waren und es auch bleiben sollten, aber ich war misstrauisch. Das lief einfach zu glatt. Ich war mir sicher, dass er irgendetwas im Schilde führte… Zu später Stunde standen dann das Kinderbettchen und der Wickeltisch. Das alles hätte natürlich noch warten können, aber unsere Vorfreude war so groß, dass wir nicht anders konnten, als das Kinderzimmer auch schon einzurichten. Noch verpackt stand ein kleiner Kleiderschrank in der Ecke: „Den bauen wir morgen auf, okay?" Lisa war genauso geschafft wie ich. „Wir sind morgen bei meinen Eltern eingeladen." Richtig, das waren wir. Das Verhältnis zwischen Bernd und Lisa hatte sich etwas entspannt und Helga tat alles, damit auch sein Verhältnis zu mir auftaute. Am nächsten Tag sollten wir in Göberitz zu Mittag essen und die restlichen Kisten aus Lisas Zimmer holen. Helga hatte stellvertretend für Bernd angeboten, dass er uns mit seinem Auto und seiner Muskelkraft dabei helfen würde, die Kisten mit unseren persönlichen Dingen in unser neues Heim zu bringen.
Das Essen bei Lisas Eltern war krampfig – nicht, dass Bernd irgendetwas gesagt hätte… Es war vielmehr die beklemmende Stille, die Helga immer wieder mit ihren Small-Talk-Anläufen zu durchbrechen versuchte, die die ganze Angelegenheit so krampfig machte. „Können wir dann?" Bernd hatte kaum aufgegessen, da sollte es auch schon losgehen. Darüber war ich nicht unglücklich, denn je eher wir anfingen, desto eher waren wir auch fertig. Lisa sollte – trotz Protesten – bei Helga in Göberitz bleiben. Helga hatte das wirklich geschickt eingefädelt: Ich würde alleine mit Bernd sein, denn Jürgen hatte unter irgendeinem Vorwand abgesagt und eigentlich brauchten wir ihn nicht, er hatte ja auch schon genug geholfen, aber er hätte einen guten Puffer zwischen Bernd und mir abgegeben… Lisa würde also bei ihrer Mutter bleiben – die beiden sahen sich in letzter Zeit nur bei Kerima und so ein paar Tipps von Mutter zu Tochter konnten ja nicht schaden. Außerdem sollte sie sich ausruhen… Ihr seht, allein der Gedanke zurück an den Moment, als klar war, dass ich mit Bernd alleine sein würde, macht mich nervös… Kurz bevor ich ins Auto steigen wollte, kam Lisa noch einmal raus und nahm ihren Vater beiseite. Sie sprach mit ihm und Bernd nickte immer wieder und umarmte sie dann. Danach kam sie zu mir: „Wir sehen uns heute Abend" und dann gab sie mir einen langen Kuss, dass ich ganz weiche Knie bekam.
„So, dis war der letzte", Bernd stellte den Karton auf den Boden und sah sich ein bisschen um: „Nett habtirs hier." Ich bot ihm eine Führung an, die er nicht ablehnte. „Solide Arbeit… jut jeklebte Tapeten…", endlich hatten Bernd und ich ein Gesprächsthema gefunden. Die Stille zwischen uns war schon fast belastend gewesen und so war ich doch ganz froh, dass er sich immer wieder zu unserer Wohnung und zur Einrichtung äußerte. „Dis is also dis Kinderzimmer? N bisschen zeitich, wa?" – „Ja, aber wir freuen uns doch schon so." – „Hmm, was'n dis in dem Karton?" – „Der Kleiderschrank. Es war gestern schon spät und wir waren müde, darum ist er noch nicht aufgebaut." – „Jut, dann machen wir dis schnell." – „Gerne, aber ich glaube, das wäre Lisa nicht Recht. Sie wollte unbedingt beim Einrichten des Kinderzimmers helfen." – „Ach, papperlapapp. Sie kricht des Kind, den Mops, wir ihr so schön sacht. Da wird se uns wohl die Freude überlassen können, och wat zu tun, nich?" Also machten wir uns daran, den Schrank aufzubauen und mir machte das sogar Spaß. Bernd hingegen mutierte zum Über-Großvater und inspizierte das Bett und den Wickeltisch ganz genau: „Steht bombenfest und wackelt nich. Jut jemacht, haste dis. Wat'n dat?" Bernd hatte das neueste Ultraschallbild entdeckt – Lisa hatte es in das Bettchen gelegt: „Dann kann der Mops schon mal Probe liegen", hatte sie am Vorabend noch gescherzt. Bernd betrachtete das Bild andächtig und meinte dann: „Sach ma, Junge, haste Bier im Haus?"
Wir saßen also bei einem Bier auf dem Sofa und peinliche Stille war wieder aufgekommen, als Bernd sich räusperte: „Weeste, Junge, es jibt nüscht schöneres als n eigenes Kind. Jut, die ersten Jahre, da macht's bloß drei Dinge: Essen, schreien und in die Windeln, aber du wirst jar nicht anders können als den kleenen Kackomaten lieb zu haben, weil's so kleen is und so hilflos und weil de jenau weeßt, es jehört zu dir." Bernd griff sich nervös in den Nacken: „Und irjendwann, da wird's dann 25 sein und zu dir kommen und sachen: Papa, ick bin schwanger und du weeßt janz jenau, es is keen Kind mehr, aber für dich, da wird's immer dis kleen hilfsbedürftije Würmchen sein und du wirst es nur beschützen wollen, weil de immer nur dis beste für den Mops wollen wirst, verstehste?" Er machte eine Pause, bevor er weiter sprach: „Rokko, ick war nich immer nett zu dir und dis tut mir leid. Die Lisa, die wird immer meen kleenes Schnattchen sein und ick will nur dis allerbeste für se. Ick hab jedacht, der junge Seidel, der wär dis beste für meen Schnattchen, aber dis is er wohl nich. Die Lisa, die hat mir vorhin jehörich den Kopf jewaschen und ick will uff keenen Fall, dass se sich zwischen ihrer Familie und dir entscheiden muss, denn se hat jesacht, se würde dich wählen. Ick werd doch dis erste Mal Opa und da will ick natürlich nüscht verpassen. Schlimm jenuch, dass ick die ersten Wochen verpasst hab, weil ick so stur bin." Lisa würde mich wählen, wenn sie vor die Wahl gestellt würde? Wow! Ich würde Lisa natürlich nie vor die Wahl stellen, ich meine, ich weiß doch, wie wichtig ihr ihre Familie ist, aber zu wissen, dass sie so zu mir steht – auch vor ihrem Vater – bedeutet mir unendlich viel. „Und, nimmste meene Entschuldigung an?" – „Natürlich Herr Plenske." – „Nüscht, Herr Plenske, ick bin der Bernd." Er prostete mir mit zu. „Du kannst immer zu mir kommen, wenn de Frachen hast von wegen Babys und Vater sein…" Wir unterhielten uns noch lange über meine zukünftige Rolle als Vater und er erzählte von seinen Erfahrungen mit Lisa, als sie noch ein Kind war und auf einmal schien es, als hätten wir uns schon immer so gut verstanden.
Pünktlich zum Abendessen kamen Helga und Lisa. Helga hatte einen „Fresskorb" für uns gepackt und so genossen wir den Rest des Abends zu viereinhalbt – also wir vier und der Mops… „Komm, Helgamäuschen, die zwee solln sich ma n schönen Abend machen – ohne uns." Wirklich gehen wollte Helga anscheinend noch nicht… Aber sie ging mit, so dass wir noch genug Zeit hatten, einige Kisten auszupacken. „Guck mal, deine Eltern haben deine Babysachen eingepackt." Ich hatte eine Kiste ausgepackt, die mir vorher nicht aufgefallen war: Darin lagen Lisas alte Strampler und ein paar Bilderbücher, die früher offensichtlich heiß und innig geliebt worden waren.
Als ich an diesem Abend zu Lisa ins Bett kletterte und meinen Arm um sie legte, da war ich mit der Welt im Reinen, es schien wirklich so, als würde nichts dieses Glück noch trüben können…
