IV. Ende: Gwen
„Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, so muss man erst richtiganfangen." – Konrad Adenauer
Gwen befand sich im SUV und durchsuchte die von Ianto im Wagen gesammelten Waffen nach dem Schlagring, der vernichtende Strahlen verschießen konnte, als sie es sah. Am Himmel über Cardiff erschienen plötzlich eine Menge zuerst sehr kleiner und dann rapide immer größer werdende Raumschiffe. Die Invasion hatte offenbar begonnen.
Gwen krallte sich die nächstbesten Waffen, die sie in die Finger bekam, und zerbrach dabei im Eifer des Gefechts eine Laserpistole, die sie zu hart packte. Oh, nein, jetzt geht das wieder los!
Da fiel ihr ein, dass sie vermutlich sterben würde, ohne sich jemals bei Rhys dafür entschuldigt zu haben, dass sie ihm (unabsichtlich) den Arm gebrochen hatte. Ihr war jede Ausrede recht gewesen um es zu vermeiden ihn anzurufen. Es stimmte schon, dass bei ihren ersten Versuchen jemanden anzurufen die Telefone kaputt gegangen waren, sobald sie diese in die Hand genommen hatte, aber die Wahrheit war doch: Wenn sie es wirklich gewollt hätte, dann hätte sie Rhys anrufen können – selbst wenn jemand anderer für sie gewählt und den Hörer gehalten hätte. Aber sie hatte sich die ganze Zeit eingeredet, dass sie sich nicht bei ihm melden konnte, solange sie ihre Kräfte noch nicht unter Kontrolle hatte. In Wahrheit jedoch hatte sie sich nur geschämt und Angst gehabt, dass sie diesmal zu weit gegangen war, dass sie die eine Tat begangen hatte, die Rhys dazu bringen würde sich endgültig von ihr abzuwenden. Dass sie ihn an den Punkt getrieben hatte, an dem er ihr nicht mehr verzeihen konnte. Und sie wusste, dass sie es nicht ertragen könnte diese Worte aus seinem Mund zu hören.
Ihre Affäre mit Owen war aufregend und spendete ihr Trost, aber sie machte sich keine Illusionen darüber, dass es mehr war als Sex zwischen zwei Menschen, die wussten, dass sie in einer vollkommen verrückten Welt lebten, was den meisten anderen in ihren Umfeld zu entgehen schien. Es hatte keine Zukunft. Ihre Zukunft – das wusste Gwen – lag bei Rhys. Doch was, wenn er sie nicht mehr haben wollte? Diese Angst war es gewesen, die sie davon abgehalten hatte diesen Anruf zu tätigen und ihren Partner mit neuen Lügen abzuspeisen. Dabei hätte sie nicht viel mehr tun müssen als sich zu entschuldigen, das wurde ihr jetzt klar.
Rhys war ein guter Mann, er würde seine Zeit nicht damit verschwenden ihr Vorwürfe zu machen, nein, vermutlich war er krank vor Sorge um sie. Sie, die ihn verletzt hatte, aber offensichtlich unbeabsichtigt, und seit dem verschwunden war und sich nicht bei ihm meldete. Alles was er sich im Moment von ihr wünschte, war ihre Stimme zu hören. Und nach allem, was sie ihm angetan hatte, war die Tatsache, dass sie nicht einmal bereit war ihm diesen Gefallen zu tun vermutlich das Schlimmste von allen.
Und nun war es zu spät. Nun würde keiner von Beiden die Stimme des jeweils anderen je wieder hören können.
Oder vielleicht auch nicht. Gwen machte sich an der Telefonanlage des SUVs zu schaffen und gab Rhys Nummer ein –und das ohne Schaden anzurichten.
„Hallo?", ertönte Rhys wohlklingende Stimme.
„Rhys! Ich bin es Gwen!", rief sie aus, „Es tut mir alles so leid!"
„Gwen? Gwen, Baby, wo steckst du? Komm nach Hause", ließ sich Rhys vernehmen, „Ich bin nicht böse auf dich. Ich mache mir nur Sorgen. Mein Arm wird schon wieder. Wo immer du bist, was immer du machst, lass es sein und komm wieder heim."
Dieser Moment erinnerte Gwen wieder daran, warum sie diesen Mann liebte. Es gab diese Momente, in denen er einfach wusste, was genau sie gerade brauchte. Sie durfte heim kommen. Wenn das alles vorbei war, dann durfte sie wieder heim kommen.
„Ich liebe dich, Rhys", meinte sie, „Und ich werde heim kommen, sobald ich kann." Dann unterbrach sie das Gespräch.
Soviel dazu.
Sie lugte aus dem SUV. Bisher hatte die fremde Flotte nichts unternommen. Das hatten sie vermutlich Toshs Computervirus zu verdanken. Aber das würde nicht lange so bleiben. Soviel war sicher.
Mit Waffen bepackt verließ Gwen den SUV wieder und ging hinüber zu den anderen. Offenbar verzichteten sie diesmal darauf sich von Ianto unsichtbar machen zu lassen. Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war?
„Wie ist der Status? Konnte Owen ein Wundermittel entwickeln, dass uns alle retten wird?", wollte sie dort angekommen wissen.
„Um in es in den Worten von Pille McCoy zu sagen: Ich bin Arzt, keiner Wundertäter!", schnappte Owen, „Ich habe etwas zusammengebraucht, aber ich habe nichts, was für einen größeren Einsatz geeignet wäre. Für den Nahkampf vielleicht." Er angelte eine Pistole aus Gwens Hosentasche. „Ist das nicht die, die alles was sie anvisiert wegsprengt? Vielleicht könnten wir versuchen damit eines der Schiffe vom Himmel zu sprengen?"
„Behalten wir das als Plan C im Hinterkopf. Jetzt sind die erst Mal am Zug", meinte Jack, „Es ist uns gelungen sie zu verlangsamen. Damit haben sie vermutlich nicht gerechnet, aber sie werden ums zum Dank auch keine Blumen schicken."
Tosh deutete auf eine Stelle vor ihnen. „Ich glaube, da tut sich was", meinte sie und kurz darauf landete eine Art Kapsel, die offenbar von der Flotte abgeworfen worden war, vor ihnen und öffnete sich. Heraus kamen einige der Noozuli, aber auch Mitglieder einer anderen Alien-Rasse, die schwer gepanzert und vierbeinig war. Die Haut dieser Aliens war weiß wie Schnee und sie hatten Tentakel am Kopf. Gwen fragte sich, ob es sich hierbei wieder nur um Sklaven handelte oder um das sogenannte Verderben.
Einer der Tentakel-Köpfe trat vor. „Bürger der Erde. Euer Status als geschützter Planet wird von uns nicht anerkannt. Euer heimtückischer Angriff auf unsere Flotte beweist nur erneut, dass ihr nichts anderes verdient habt als unterworfen zu werden!", verkündete er an ihre Gruppe gerichtet, „Wir bieten euch die einmalige Chance euch zu ergeben. Nutzt sie jetzt oder tragt die Konsequenzen!" Dann verstummte er und wartete offensichtlich auf eine Antwort von ihnen.
Das wäre jetzt die Chance den Kriegsherren herauszufordern, dachte Gwen, aber Jack hatte seinen Standpunkt zu dieser Frage mehr als deutlich gemacht. Es gab einige Möglichkeiten „nein" und „niemals" zu sagen, und er hatte sie alle genutzt.
„Wir verzichten auf diese einmalige Chance", meinte Jack, „Und wollen euch noch einmal daran erinnern, dass die Erde ein geschützter Planet ist, aber auch nicht hilflos. Wenn ihr euch jetzt zurück zieht, dann übersteht ihr diesen Invasionsversuch unbeschadet, wenn ihr das aber nicht tut … Nun, dann kann ich für nichts garantieren."
Der Tentakel-Kopf stieß ein Geräusch aus, das sich verdächtig nach der außerirdischen Version eines Lachens anhörte. Dann sagte er: „Dummer Mensch, wir haben alle eure Verteidigungsmaßnahmen neutralisiert, inklusive eures Angriffs auf unsere Computersysteme. Was denkst du, dass ihr noch zu bieten habt, das euch vor unseren Truppen retten kann?"
„Eine Herausforderung!", sagte Tosh plötzlich. Alle –auch Jack – sahen sie erstaunt an. Die junge Asiatin nickte bekräftigend. „Eine Herausforderung für euren obersten Kriegsherren", bestätigte sie, „Wir wollen um diesen Planeten kämpfen!"
Sie hat es gesagt!, staunte Gwen, Dabei war ich mir so sicher, dass ich es sein würde, die es sagt. Doch nun war es Tosh! Jack wird nicht begeistert sein…
Tatsächlich verhieß die Art und Weise wie Jack Tosh auf Grund dieser Aussage ansah nichts Gutes. Owen und Ianto tauschten erstaunte Blicke aus und der Tentakelkopf war einen Moment lang sprachlos. Dann meinte er: „Akzeptiert. Wählt euren Champion."
„Wir wählen Kur' sy'ola", erklärte Tosh. Gwen hatte keine Ahnung, wer oder was das sein sollte, aber dem Tentakelkopf schien das Wort etwas zu sagen. Er senkte seinen Kopf leicht. „Einverstanden. Der Kampf beginnt in einer halben Stunde eurer Zeitrechnung. Ist das akzeptabel?", sagte er.
Tosh nickte. „Das ist für uns akzeptabel", meinte sie. Jack sah nicht so aus, als wäre es auch für ihn akzeptabel. Aber was heißt das jetzt für mich? Dass ich eine halbe Stunde Zeit habe mich auf einen Zweikampf vorzubereiten? Reicht das aus um noch ein paar Last Minute-Selbstverteidigungstipps von Jack zu bekommen? Muss es wohl. Immerhin war Tosh Tosh. Sie hätte die Herausforderung nicht ausgesprochen und den Bedingungen zugestimmt, wenn sie sich nicht irgendetwas dabei gedacht hätte.
Die Invasoren kehrten in ihre Kapsel zurück, wohl um die Neuigkeit, dass es einen Zweikampf geben würde, an den Rest ihrer Flotter weiterzugeben. Das gab auch dem Team Torchwood Zeit für eine Besprechung.
Jack warf Tosh einen kühlen Blick zu. „Nun?"
„Ich konnte ihre Gedanken lesen, Jack", berichtete Tosh, „Und ich weiß nicht warum, aber ich war auch in der Lage zu verstehen, was sie denken und die richtigen Worte zu finden. Ich habe die Herausforderung ausgesprochen, weil ich in ihren Gedanken sehen konnte, dass das unsere beste Chance auf den Sieg ist. Es tut mir Leid, wenn ich deine Autorität damit untergraben habe, aber ich musste es tun!"
Jack seufzte tief. „Wenn ich ein richtiger Boss wäre, dann würde es deswegen später wohl Konsequenzen geben, aber im Augenblick finde ich wir sollten uns vor allem darauf konzentrieren den Tag zu überleben und die Erde zu retten", meinte er, „Was war dieses Alien-Wort, das du ihnen an den Kopf geworfen hast?"
Das wollte Gwen auch gerne wissen. Wenn das irgendeine besondere Art des Kampfes war, dann musste sie als Champion wissen, worum es sich handelte. „Kur' sy'ola", wiederholte Tosh, „Ich habe diese Art des Kampfes gewählt, da er uns die beste Chance bietet zu gewinnen. Eine Kur' sy'ola ist eine Kriegereinheit. Ein Eliteteam, das wegen der speziellen Verbindung, die zwischen den einzelnen Mitgliedern existiert, als eine Einzelperson gilt, obwohl es sich um mehrere Personen handelt. Natürlich gibt es keine wirkliche Entsprechung dafür bei uns auf der Erde, aber ich dachte wir als Team könnten als Kur' sy'ola gelten und dieser Vorschlag wurde angenommen."
„Moment", schaltete sich Ianto an dieser Stelle ein, „Heißt das wir sollen als Team gegen den Kriegsherren kämpfen?"
Tosh nickte. „Das ist der Gedanke. Und jetzt tut nicht so, als ob ihr daran noch nicht gedacht hättet. Ich weiß es besser, immerhin kann ich eure Gedanken lesen, schon vergessen?", erinnerte sie die anderen, „Bei keinem von uns ist es sicher, dass er oder sie aus einem Zweikampf als Sieger hervorgehen würde, aber gemeinsam haben wir eine Chance."
Unter anderen Umständen würde Gwen Tosh wohl zustimmen, aber wenn sie an ihr dysfunktionales Team dachte, das schon an normalen Tagen Probleme hatte gut zu funktionieren, dann war sie sich nicht so sicher, ob sie diese Einschätzung teilte.
„Wir sind nicht die X-Men, Tosh", wandte Owen ein, „Wir haben keine Ahnung wie man als Team kämpft. Die meisten von uns haben nicht einmal eine große Ahnung vom Nahkampf. Wir sind es gewohnt Aliens todzuschießen, da ist unser Modus Operandi. Das können wir in diesem Fall aber nicht tun, oder?"
Tosh schüttelte den Kopf. „Nein, das würde den Regeln des Zweikampfes widersprechen", gab sie zu, „Wir können Waffen benutzen, aber keine Schusswaffen. Aber dafür haben wir unsere Kräfte! Gwen hat ihre Stärke, Ianto kann sich und uns unsichtbar machen, ich kann Gedanken lesen und du bist ein Supergenie, Owen, ich bin sicher, dir fällt eine Taktik ein, die wir benutzen können um zu gewinnen."
Gwen hatte da ihre Zweifel. Owen offenbar ebenfalls, da er mit schwerer Stimme meinte: „Ich bin Arzt, Tosh, kein Taktiker."
„Das mit der Taktik kann ich übernehmen", meldete sich Jack zu Wort, „Ich habe da etwas Erfahrung. Allerdings bin ich nicht davon überzeugt, dass wir gewinnen können ohne zu schummeln. Owen hat recht. Das ist nicht gerade das, was wir sonst so tun."
„Und trotzdem denken unsere Feinde, dass wir sie auf diese Art besiegen könnten", versicherte Tosh ihnen, „Das Ganze war nicht meine Idee, Jack, sondern ihre. Sie wissen, dass wir Kräfte bekommen haben und deswegen fürchten sie uns."
Was sie nicht tun würden, wenn sie Torchwood kennen würden. Aber vielleicht würde es Jack gelingen zu siegen, nachdem der Rest seines Teams heldenhaft ihre Leben geopfert hatte.
„Nun, ich kann versuchen auf diesen Kriegsherren einzuschlagen. Am besten ohne Waffe, die würde vermutlich eh nur kaputt gehen", bot sich Gwen an. Letztlich spielte es keine Rolle, wie es zu dieser Situation gekommen war, Gwen hatte doch sowieso vorgehabt sie herbeizuführen, falls ihnen nichts Besseres einfallen würde, und offensichtlich war ihnen nichts bessere eingefallen. Also konnten sie die Sache genauso gut durchziehen.
„Danke, Gwen", meinte Tosh betont herausfordernd, „Es ist gut zu wissen, dass ich wenigstens von einer Person unterstützt werde."
Owen seufzte. „Unsere nicht-grüne-Mini-She-Hulk sollte vor den Kampf auf jeden Fall noch was essen, sonst haben wir nicht besonders viel von ihrer Stärke", meinte er, „Und dann sollten wir uns vielleicht Handzeichen ausdenken, die Tosh uns geben kann um anzuzeigen von welcher Seite der Gegner angreift. Und ich kann anbieten eine konzentrierte Form des Virus, den ich entwickelt habe, bereitzuhalten und diesen im Notfall dem Kriegsherrn ins Maul stopfen. Das sollte ihn auf der Stelle töten. Vermutlich ist gegen die Regeln, aber wie Jack schon meinte, wir können vermutlich nur gewinnen, wenn wir schummeln. Also lasst uns schummeln."
Ianto nickte. „Ich denke mal, dass ich es hinkriegen werde uns in den unterschiedlichsten Momenten sichtbar und unsichtbar zu machen um den Gegner so zu verwirren. Was er nicht sieht, kann er nicht angreifen", sagte er.
Nun wandte n sich alle ihren Boss zu. Der grinste. „Mein letzter Zweikampf ist sowieso schon viel zu lange her", meinte er, „Ich bevorzuge zwar eine andere Art der körperlichen Ertüchtigung, aber das hier könnte auch ganz witzig werden, denke ich."
Was Jack anging, so war das wohl seine Art dem Plan seinen Segen zu geben. Es wäre Gwen lieber gewesen, wenn er brauchbare Vorschläge, wie sie den bevorstehenden Kampf überleben könnten, geliefert hätte, aber offenbar hatte er noch keine parat. Nun, man konnte nicht alles haben. Sie mussten sich mit dem, was sie kriegen konnten, zufrieden geben.
„Damit ist es also abgemacht", meinte Gwen, „Wir werden diesem Kriegsherrn in den Hintern treten. Was kann er schon gegen uns fünf ausrichten?"
Tatsächlich konnte er eine ganze Menge gegen sie ausrichten. Der Kriegsherr trat in diesem Moment aus der Kapsel. Es war sofort zu erkennen, dass er es war gegen den sie würden kämpfen müssen. Auch er war ein vierbeiniger Tentakel-Kopf, doch er war auch ein Riese mit einem Bizeps so groß wie Jacks Kopf.
Alle starrten ihn an. „Umso größer sie sind, desto leichter fallen sie", behauptete Jack.
„So sagt man", stimmte Gwen ihm zu, „Aber ist das wirklich wahr?"
Jack schüttelte den Kopf. „Nein, ist es nicht. Aber wir müssen trotzdem gewinnen, denn ansonsten gilt die Erde automatisch als erobert, vergesst das nicht", gab er zu.
Kein Druck also. Nun, zumindest konnte ich Rhys noch einmal sagen, dass ich ihn liebe, dachte Gwen, Es hätte also auch schlimmer kommen können. Natürlich stand ihnen das Schlimmste noch bevor, doch zumindest konnten sie nachher sagen, dass sie es versucht hatten. Und versuchen würden sie es. Selbst, wenn es das letzte war, das sie alle taten.
A/N: Das war wieder einmal eines dieser Kapitel, das sich partout nicht schreiben lassen wollte, aber hier ist es. Das letzte Kapitel wird kommen. Ob es aber noch in diesem Jahr fertig werden wird, kann ich nicht versprechen.
Reviews?
