Promised

Kapitel 14

Aufgelöst saß Elizabeth von Kerzen umringt am Tisch in der Offiziersmesse, in ihren Händen die Urkunde, die ihr Barbossa nach dem Abendessen feierlich überreicht hatte. Obwohl sie alleine war, hatte sie sich fest vorgenommen, nicht zu weinen. Aber immer wieder bildeten sich Tränen in ihren Augen, die es ihr schwer machten, die neben ihr liegende Seekarte zu lesen, auf der die Insel eingezeichnet war.

Ihre eigene Insel. Der Akt der Übergabe an sich hätte leicht überzogen wirken können, doch Barbossas Gewandtheit im Umgang mit Worten war wie immer nicht zu übertreffen gewesen. In so manchem was er tat, steckte eine gehörige Portion Selbstironie, die Elizabeth selbst in ihren dunkelsten Stunden erheiternd fand und die sie nicht missen wollte.

Gerührt wischte sie mit dem Handrücken über ihre Augen und zwang sich, nicht daran zu denken, wie sie nach dem Tod ihres Vaters vor dem Nichts gestanden hatte. Damals hatte sie alles verloren: Der ganze Besitz war ihren Armen entrissen und großzügig an den nachfolgenden Gouverneur übergeben worden. Schlimmer noch, mit dem Mann, mit dem sie verheiratet war, würde sie nie richtig zusammen sein können.

„Wollt Ihr die ganze Nacht hier sitzenbleiben?", raunte Barbossa tadelnd, als er zu ihr an den Tisch trat und sich über sie beugte.

Verstört schüttelte Elizabeth den Kopf und blinzelte ihre Tränen beiseite. Sie war so in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie ihn gar nicht eintreten gehört hatte.

Mit verschleiertem Blick fand sie sein Gesicht, das nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt war. Er sah sie eindringlich an und strich mit seiner Hand über ihre Wange. „Es ist nur eine Insel, Elizabeth."

Erneut spürte sie, wie ihr Tränen in die Augen schossen. So schwer es auch war, die Tatsache zu begreifen, dass sie fortan nicht mehr auf den Gouverneur angewiesen war, musste sie doch zu ihm zurückkehren und weiterhin ihre Rolle spielen, bis sie frei sein würde. „Jetzt macht Ihr mir Angst, Hector", gab sie bitter von sich.

Barbossa lachte leise auf, wobei ein unterdrücktes Beben durch seinen Rumpf lief. „Ich habe Euch nie Angst eingejagt, meine Liebe, sondern Euch lediglich überrascht."

Seine Stimme zu hören, hatte etwas Tröstendes. Sie entspannte sich ein wenig und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, so dass sie ihn ausgiebig betrachten konnte. Die Minuten standen still in der Vollkommenheit des Moments, den sie mit all ihren Sinnen nutzte, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich bei ihm war und nicht träumte.

Schließlich näherte sie sich ihm mit ihrem Mund, um ihn zu küssen. Ein Kuss, der nicht inniger hätte sein können. Als sie sich ein paar Sekunden später von ihm löste, ließ sie seine Lippen feucht und glänzend im Licht der flackernden Kerzen zurück. Alles um sie herum strahlte eine goldene Wärme aus, die die Schemen ihrer Umgebung besonders zur Geltung brachten, oder, so wie jetzt, einfach einen Zauber über die Welt legte und ihre Empfindungen weit über das erdenklich Mögliche hinaus verstärkte.

Ein eigentümlicher Glanz lag in seinen Augen, der von ungesättigtem Verlangen durchzogen war. Kaum merklich ging sein Atem schneller. Dann, wie aus dem Nichts, kam plötzlich seine Hand hervor und schob sich unter ihr Hemd, glitten seine Finger zielstrebig über die weiche Haut auf ihrem Bauch und hinauf zu ihrer Brust, wo sie sich darüber schlossen und sie zärtlich in ihrer Mitte einfingen.

Elizabeth legte den Kopf in den Nacken, ein leises Stöhnen auf den Lippen, das sowohl Verwundbarkeit als auch Lust widerspiegelte. Ihr war durchaus bewusst, dass es das erste Mal war, dass er sie derart intim berührte. Bisher waren ihr Nacken und ihr Rücken das Zentrum seiner Liebkosungen gewesen. Die Geduld, mit der er ihr begegnet war, war bemerkenswert. Doch genauso gut verstand er es, ihr im entscheidenden Moment zuvorzukommen und ihr genau das zu geben, wonach sie begehrte. Für ihre verletzte Seele verkörperte Barbossa alles, was sie sich insgeheim immer gewünscht hatte: Den Fels in der Brandung, zu dem sie bei jedem noch so aufbrausenden Sturm heimkehren und dort Sicherheit finden konnte. Fortwährend zog es sie zu ihm hin, wo niemand den Lauf der Dinge aufzuhalten vermochte.

Sie gingen gemeinsam zu Bett. Für eine lange Zeit hielten sie sich eng umschlungen fest und küssten sich, bis ihre Körper selbst durch die Kleidung hindurch vor Leidenschaft fast zu einem wurden. Irgendwann, diesen stürmischen Bewegungen folgend, schafften sie es, sich gänzlich aus ihren Hüllen zu befreien. Doch noch immer waren sie in erster Linie zwei Seelen, die einander gefunden hatten und einander brauchten wie das in ihren Adern pulsierende Blut, das sie mit Leben erfüllte.

Bisher war Will der einzige Mann gewesen, mit dem sie derart innigen Kontakt gehabt hatte. Er und Barbossa waren vollkommen verschieden; nicht nur im Wesen, sondern auch körperlich. Bei Will, der von Beginn an wunderschön und ungestüm gewesen war, hatte sie immer Angst gehabt, ihm nicht gerecht zu werden, wohingegen sie sich bei Barbossa aufgehoben und angekommen fühlte. Er schien ein Verständnis für ihre Bedürfnisse zu haben, das seine eigenen weit in den Schatten stellte. Und wann immer er sie mit seinen Lippen oder seinen Händen berührte, war ihr, als würde sie frei von allen Selbstzweifeln und federleicht geradewegs in den Himmel emporsteigen.

Während Barbossa neben ihr lag und tief und fest schlief, blickte Elizabeth wie erstarrt in die Dunkelheit. In ihr überschlug sich alles. Einerseits war ihr Herz zum Bersten erfüllt von der Genugtuung, die damit einherging, sich endlich wieder wie eine lebendige Person zu fühlen – eine Frau, die sie selbst sein durfte. Andererseits beherrschte jedoch auch ein gewisses Schuldbewusstsein ihre Gedanken, das beiden Männern gegenüber galt. Würde Will je die Wahrheit erfahren, würde das Verständnis, das er und Barbossa in der Vergangenheit erzwungenermaßen füreinander aufgebracht hatten, jäh entzwei gerissen, wenn sie aufeinanderprallten. Immer wieder hatte sie sich gefragt, wie sie es ihm beibringen sollte. Aber hatte er überhaupt das Recht, sich in diese Angelegenheit einzumischen? Er hatte entschieden, seinem Vater zu helfen. Als Jack daraufhin eingegriffen hatte, um Wills Leben zu retten, waren die Würfel ein letztes Mal gefallen. Für immer.

Die Erinnerung an Jack, die ihr bei alldem unweigerlich durch den Kopf ging, war nicht leicht hinzunehmen. Elizabeth schämte sich dafür, doch ab und an kam sie nicht darum herum, sich zu fragen, was geschehen wäre, wenn er Wills Stelle eingenommen hätte. Wäre Will tot besser dran ohne die Bürde, die ihm auferlegt worden war? Nein. Jack hatte das Richtige getan. Sie liebte und vermisste Will wie verrückt. Sie musste ihn wiedersehen. Sie wollte nie, dass er stirbt. Aber manchmal hatte man eben keine andere Wahl, als irgendwie weiterzumachen, wenn man selbst ins Leben zurückfinden wollte.

Sie wälzte sich herum und schmiegte sich an Barbossa, der sich im Schlaf regte und es seinerseits auf wundersame Weise fertigbrachte, sie in seine Arme zu betten. Elizabeth war der festen Überzeugung, dass sie die einzige Person auf der ganzen Welt darstellte, für die er so empfänglich war. Unter seiner rauen Oberfläche kam dann ein unvermutet weicher Kern zum Vorschein. Er würde alles für sie tun. Alles.

Nur zu gut erinnerte sie sich an die Enttäuschung, die auf seinem Gesicht gelegen hatte, nachdem sie erstmals flüchtig seine Lippen mit ihren gestreift hatte. Es war etwas, das sie nie würde vergessen können. Und doch war er bereit gewesen, ihr zu vergeben. Er musste die Einsamkeit hassen, deren mächtigste Waffe es war, den Verstand eines jeden Menschen in einen dunklen Abgrund zu ziehen. Das Gefühl, von niemandem geliebt zu werden, war auf groteske Weise nicht weniger schlimm, als zu wissen, dass es jemanden gab, der einen liebte, mit dem man nur nicht zusammen sein konnte, weil eine Verkettung widriger Umstände es nicht erlaubte …

Der Gedanke bohrte sich regelrecht in ihren Kopf und setzte sich wie ein an ihren Eingeweiden nagendes Geschwür dort fest. Die Jahre, während derer sie sich verschlossen hatte, hatten sie melancholisch und anfällig für solcherlei Überlegungen werden lassen. Kein Mensch, der nicht selbst erlebt hatte, wie einem das Herz entzwei gerissen wurde, konnte das begreifen. Einzig und allein die Verantwortung Henry gegenüber hatte sie dazu getrieben, sich auf das Abkommen mit dem Gouverneur einzulassen. Doch Barbossa hatte recht. Sie konnte weder Henry noch Will helfen, indem sie weiterhin ihre Seele malträtierte und ein Leben zum Schein lebte, das nicht mit ihrem Herzen im Einklang war. Auch Will sollte nichts Derartiges von ihr verlangen, wenn er sie aufrichtig liebte, dessen sie sich trotz der zermürbenden, immer wiederkehrenden Trennungen gewiss war.

Ihre Hand suchte nach Barbossas und sie verschlang ihre Finger mit seinen. Sein Atem klang wie ein befreiender Seufzer, als er die Luft aus seinen Lungen stieß. Es bescherte ihr ein wohliges Schaudern. Friedfertig schlief sie an seiner Seite ein.