Teil 14
Das Splittern von Glas ließ Dean erstarren. Eisige Schauer jagten seinen Rücken hinunter und er wechselte nur einen kurzen Blick mit Rachel, die ebenfalls alarmiert die Stirn runzelte.
Zwei, drei Sekunden verharrte Dean noch, ehe der gequälte Schrei zu ihnen nach unten drang.
Sam.
Adrenalin schoss durch Deans Körper und bewirkte, dass er immer zwei Stufen auf einmal hinauf ins Obergeschoss nahm und es schneller erreichte, als jemals zuvor in seinem Leben.
„Sam?", rief er und stieß die Tür zum Gästezimmer auf, hinter der er Sam vermutet hatte.
Nichts. Das zerwühlte Laken hing halb vom Bett herunter.
Dann fiel ihm der Lichtschimmer auf, der unter der Badezimmertür hervordrang. Heftig klopfte Dean an das weiße Holz.
„Sammy?"
Er erhielt keine Antwort.
„Sam – ich komme rein, also zieh dir was an, was auch immer du tust!", warnte er bevor er die Hand um den Türknauf schloss und überrascht feststellen musste, dass sich entsprechender drehen ließ und die Tür nicht verschlossen war.
Den Schwung, den er in der Bewegung gehabt hatte, hätte er sich sparen können – und Sam damit einen blauen Fleck, dessen Unterschenkel mit der Türkante kollidierte
Deans Herz schien auszusetzen, als er seinen Bruder so zusammengekrümmt auf den Boden sitzen sah, den einen Arm vor das Gesicht gepresst, den anderen vor seinen Bauch, schief angelehnt an den Rand der Badewanne. Die Beine auszustrecken schien er auf halbem Weg vergessen zu haben.
Bei Sams Füßen lagen Glassplitter herum.
Innerhalb eines Sekundenbruchteiles kniete Dean neben Sam, hatte den Jüngeren an den Schultern gepackt.
„Sam? Komm schon, rede mit mir, Mann", beschwor er seinen Bruder, traute sich aber nicht einmal, ihn sacht zu schütteln, weil er ihm nicht weh tun wollte. „Was ist los?"
Sam konnte nicht reden. Er konnte es einfach nicht. Dean sollte sich nicht noch mehr Sorgen machen … er sollte … Dean sollte leben. Er wollte seinen Bruder nicht verlieren!
Die Übelkeit hatte eine Schwelle erreicht, an der Sam sie nicht mehr zurückdrängen konnte und blind rutschte er zur Toilette hinüber.
Dean verstand und klappte den Deckel zurück, als der Sams bebenden Fingern entglitt, bevor er selbst sich auf die Knie setzte und seine Handfläche gegen die glühende Stirn seines Bruders presste.
Möglich, dass ihnen die ganze Szene irgendwann peinlich sein würde – irgendwann, wenn ihre Welt wieder in Ordnung war. Jetzt aber war es Dean so egal, als wenn in China ein Sack Reis umgefallen wäre.
„Ich hole ein Glas Wasser", hörte er Rachel sagen und war dankbar, dass sie ihm damit die Chance gab, sich unbefangen um Sam zu kümmern.
Dean konnte Sam schwer schlucken hören, für einen Augenblick herrschte Ruhe. Gerade so lange, dass Sam aus den Augenwinkeln zu Dean hinüber schielen konnte, ein entschuldigender Ausdruck auf dem Gesicht. Auch wenn es nichts gab, wofür er sich hätte entschuldigen müssen.
Also schüttelte der Ältere nur den Kopf. „Ist schon gut, vergiss es einfach."
Bei jedem neuerlichen Würgen zitterte der Körper seines Bruders mehr. Vorsichtig fuhr Dean über die verkrampften Muskeln an Sams Schultern, als wäre es nicht ein erwachsener Mann, der hier neben ihm kauerte und scheinbar nicht nur vom Erbrechen Tränen in den Augen hatte, sondern der kleine Junge, der sich dauernd irgendeine Erkältung oder einen Magen-Darm-Infekt einfing.
Die Hitze, die von Sam ausging, machte Dean Sorgen, aber er schwieg und konzentrierte sich darauf, dem Jüngeren Halt zu geben, ihn nicht noch weiter nach vorne kippen zu lassen, als die nächste Welle Übelkeit über ihn hinwegspülte.
Es schien nicht enden zu wollen. Sam kämpfte in hilfloser Verzweiflung gegen die Aversionen seines Magens, seinen Inhalt für sich zu behalten, hatte aber kaum Chancen. Er zwang sich, tief ein- und auszuatmen, obwohl jeder Atemzug weh tat und ein Zwicken seiner Rippen verursachte. Hätte Dean nicht mit seiner Hand eine willkommene Stütze geboten, Sam glaubte, sein Kopf wäre einfach heruntergefallen, so schwer fühlte er sich an.
Er wollte es zurückhalten, aber einer Kehle entrang sich ein heiseres Schluchzen, das zu kaum mehr als einem Wimmern wurde, als sein Magen sich ein letztes Mal zusammenzog und ihn letztendlich keuchend zurückließ. Erschöpft sank er in sich zusammen, gerade noch von Dean gehalten, der ihn daraufhin zu sich zog und die Möglichkeit bot, sich anzulehnen. Dean hörte nicht auf, beruhigend über seinen Rücken zu streichen.
Sam befürchtete, dieser seltene Moment der Nähe könnte der Letzte gewesen sein, also blieb er still sitzen. Die Panik, seinen Bruder möglicherweise zu verlieren, schwelte in ihm.
Ein Arm blieb um seine Schultern platziert, den anderen löste Dean von ihm. Sam konnte die Bewegung spüren, das Spannen der Muskeln, als sein Bruder nach etwas griff. Wasserrauschen folgte, dann fühlte er einen feuchten Waschlappen in seiner Hand.
„Hier."
Sam war wirklich dankbar, dass Dean den Moment nicht noch unangenehmer machte sondern ihm selbst wieder ein Stück Verantwortung übertrug und fuhr sich mit dem Stoff über das Gesicht. Eine willkommene Erfrischung, wenn sie auch nichts gegen den bitteren Geschmack in seinem Mund ausrichten konnte.
„Sammy?" Dean hatte die Stimme auf ein Level, kaum lauter als ein Flüstern, gesenkt.
Angst vor der Frage, die kommen würde, fuhr durch Sam. Dean würde ihm keine Lüge abnehmen, das wusste er, also zog er es vor, zu schweigen.
„Du willst nicht reden, hm?" Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Der resignierende Unterton tat weh, aber Sam wollte seinen Bruder jetzt nicht mit dem belasten, was er gesehen hatte. Nicht, solange er keinen blassen Schimmer hatte, wie er die Vision verhindern konnte.
„In Ordnung", schloss Dean ungewohnt ruhig und war drauf und dran, sich aufzustützen, als Sam ihn mit einer Hand an seinem Unterarm stoppte. Überrascht ließ er sich zurück auf den kalten Fliesenboden sinken. „Sam?"
Entschuldigend zuckte der mit den Schultern, kaum sichtbar, sein Kopf sank nach vorne.
Dean nahm es besorgt hin, Sam sacht die verschwitzten Haare aus der Stirn streichend um seine Hand ein paar Sekunden dort verharren zu lassen. Der Jüngere schien von innen heraus zu verbrennen.
„Okay, Sammy – ich weiß ja, dass du so eine emotionale-Momente-Tante bist, aber ich schwöre, die Kälte hier tut dir ganz und gar nicht gut, du Eisbär", murmelte er in Sams Ohr und hoffte auf eine Reaktion. Ganz davon abgesehen, dass Sam alles andere als ein Eisbär war.
Nichts.
Stattdessen tauchte ein Glas Wasser vor seinen Augen auf. Mit einem leisen „Danke", nahm er es Rachel ab und hielt es Sam vor das Gesicht. Vielleicht würde der Moment den nötigen Ausschlag für Sam geben.
„Trink ein paar Schlucke. Und hoffen wir, dass es drin bleibt."
Sam gehorchte ohne Protest. Das Wasser spülte den schlechten Geschmack weg, aber sein Magen streikte nach wenigen Sekunden und Sam überließ es Dean, das Glas zur Seite zu stellen, still betend, das Trinken würde nicht wieder nach oben kommen.
Wenn Gott ihn gehört hatte, hatte er jedenfalls ein Einsehen.
-S-S-S-
Vorsichtig setzte Dean sich auf den Rand der Matratze und musterte die eingerollte Gestalt unter den Decken, die zu ihm hinauf blinzelte und sich dann müde mit der Hand über das Gesicht fuhr. „Wie geht's Sam?"
„Er schläft, das Fieber ist gesunken ...", erklärte Dean und ließ sich in die Kissen sinken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Es war fast sechs Uhr morgens und er war seit annährend vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Er verschwendete nicht einmal einen Gedanken an sein provisorisches Bett auf der Couch im Wohnzimmer. Er musste in Sams Nähe bleiben.
Rachel setzte sich auf, die Decken um sich geschlungen und sah auf Dean hinunter, sein Profil im hellen Mondlicht deutlich erkennend und gerade noch so dem Drang widerstehend, mit der Hand die Konturen nachzufahren. „Meinst du, er ist okay?"
„Er wird wieder in Ordnung kommen", antwortete der Ältere vage und wandte das Gesicht der Braunhaarigen zu. „Es ist nur …"
„Nur was?"
„Ich glaube, er hatte eine Vision."
„Eine Vision?", echote Rachel.
„Ja."
„Du meinst, eine Vision – so richtig, wie: ich kann sehen, was in der Zukunft passiert?"
„Rede ich chinesisch?" Was hatte er heute nur mit China?
Rachel verdrehte die Augen und ließ die Hände in ihren Schoß sinken. „Nein, Winchester, du redest kein chinesisch – aber … echt?"
Dean nickte.
„Wow."
Jetzt war es an Dean, die Worte zu wiederholen, wie ein Papagei: „Wow?"
„Ja, wow – ich meine … hey, ich bin ja so einiges gewohnt von einem Leben mit dir, aber Visionen? Das ist neu."
„Es war auch für uns ein ziemlicher Schock. Sam hat … er hat seine Freundin sterben sehen und es als Alptraum abgetan. Stattdessen ist er mit mir auf die Suche nach Dad gegangen. Als wir zurückkamen, wurde sein Alptraum wahr. Seitdem ist das noch ein paar Mal passiert, anfangs nur, wenn er geschlafen hat, später auch, wenn er wach war. Kopfschmerzen, Übelkeit – diese Verwirrtheit. Er will mir nicht sagen, was los war, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Vision war. Die Symptome sind die gleichen."
„Vielleicht muss er sich erst einmal selbst beruhigen, Dean", schlug Rachel vor. „Dräng ihn nicht."
„Er macht mir Angst damit", gab Dean ungewöhnlich offen zu und seufzte leise, den Blick auf etwas über dem Bett gerichtet, was im Dunkeln wie ein schwarzer Fleck aussah. Er biss sich auf die Unterlippe.
„Ich weiß", flüsterte Rachel unterdessen und streckte die Hand in seine Richtung aus, ihn selbst entscheiden lassend, ob er mit seiner entgegen kam, oder ob das hier zu weit ging.
„Die ganze Situation ist totaler Mist", fluchte Dean auf einmal und zog Rachel im selben Moment ohne Vorwarnung zu sich, die Hände um ihr Gesicht gelegt, als sie nahe genug war und gab ihr keine Gelegenheit mehr für eine Antwort.
Die kühlen, schmalen Hände auf seiner Brust wanderten zu seinen Schultern, der Überraschungsmoment verflog und Rachel erwiderte den Kuss.
-S-S-S-
Donnerstag, 28. November 2002
„Dean?"
Ein unwilliges Stöhnen kam von der Seite des Bettes, die näher an der Tür war.
„Dean, wirklich … ich gönne dir deinen Schlaf, aber …" Es grenzte nahe an Hysterie, was in Rachels Stimme mitschwang „… aber ich glaube, ich werde verrückt."
Der Satz verwirrte ihn. „Was?"
„Na ja, ich glaube, ich werde verrückt. Oder ich träume. Oder … oder da steht wirklich jemand am Fußende unseres Bettes und … Dean? Ehrlich, sag mir bitte, dass ich nicht wach bin und das nicht passiert!"
Dean fuhr hoch, das Messer unter seinem Kopfkissen angriffsbereit in der Hand. Der Geist schien die Gefahr zu spüren und setzte sich in Bewegung – blitzschnell auf Rachel zu, die Hände ausgestreckt.
Zu paralysiert um zu schreien starrte sie die weibliche Gestalt an. „… Mom …?"
Dean schoss nach vorne, die Waffe voran, als die Tür mit einem geräuschvollen Poltern aufgestoßen wurde.
„RUNTER!"
Automatisch packte Dean die Jüngere und rollte mit ihr vom Bett, auf den harten Fußboden, sie mit seinem Körper abschirmend.
Der Knall war ohrenbetäubend laut und die Kugel schlug in der Wand hinter dem Bett ein, ließ Staub aufwirbeln. Durch das Klingeln in Rachels Ohren hindurch konnte sie John fluchen hören, dann sah sie Dean an, der mit den Daumen ihre Wangenknochen entlang strich und lachte trocken auf. „Oh Gott … das war … real."
„So real wie wir alle hier", kam es von John, der inzwischen neben ihnen beiden in die Hocke gegangen war. Eine 45er in der Hand. „Alles okay?"
Rachel blinzelte ein paar Mal und war sich unschlüssig darüber, ob sie den Kopf schütteln sollte oder nicht. Sie entschied sich für die einfachste Methode: sich von Dean aufhelfen zu lassen und von einem zum anderen zu blicken.
Sie wusste nicht, woher die Gewissheit kam, dass diese beiden Männer ihr gerade das Leben gerettet hatten. Vor dem Geist ihrer eigenen Mutter. Die Wahrheit wollte noch nicht ganz in ihren Kopf.
Mit Gänsehaut auf den Armen und außer Atem, als wäre sie gerannt, ließ sie sich auf die Bettkante fallen.
„Und jetzt?"
John nickte Dean zu, der schützend seinen Arm um Rachel gelegt hatte. „Und jetzt verbrennen wir die Knochen dieser Frau, um zu verhindern, dass das noch einmal passiert."
Er sagte das so, als wäre es das Normalste auf der Welt. Rachel konnte nur noch den Kopf schütteln, bevor sie Deans Blick suchte. Er war ernst, nicht die geringste Spur eines Scherzes.
„Das machst du also?"
„Ja." Todernst.
Sie plusterte die Backen auf und ließ die Luft langsam daraus entweichen. „Puh."
