Kapitel 14

Nachdem sie in dem kleinen Dorf in Portugal angekommen waren und ihre Zimmer bezogen hatten, saß er nun auf seinem Bett und blickte aus dem Fenster. Seine Gedanken waren noch immer bei der Autofahrt, die sie hierher gebracht hatte.

Hermine hatte den kleinen Leihwagen wieder sicher über verstaubte Straßen und durch unzählige kleine Dörfer bis hierher gefahren. Heimlich hatte er ihr konzentriertes Gesicht beobachtet und geschmunzelt, als er entdeckte, dass dieser Gesichtsausdruck sich nur unwesentlich von dem unterschied, den sie aufsetzte wenn sie sich auf das Gelingen eines Trankes konzentrierte.

Er traf sie auf dem Weg zum Abendessen auf dem Gang und lächelte ihr kurz zu, bevor sie gemeinsam in den gemütlichen Speiseraum hinunter gingen.
Sie hatte ein hübsches weißes Sommerkleid mit bunten Blüten an, das nur von zwei schmalen Spaghettiträgern auf ihren Schultern gehalten wurde. Sie unterhielten sich ungezwungen über ihre Reise, die Zimmer und das Essen.

„Ich weiß jetzt, wo wir die Grotte finden.", sagte sie über ihr Abendessen hinweg und sah ihn mit enthusiastischem Gesichtsausdruck an. Er verzog den Mund zu einem leichten Lächeln.

„Ein Hoch auf Ihren Fleiß, Herm.. Miss Granger.", antwortete er und widmete sich dann wieder seiner Paella.

Das restliche Essen verlief relativ schweigend und er verabschiedete sich mit einem kurzen Kopfnicken, als er aufstand.

Die Sonne schien noch, obwohl es langsam auffrischte und die Intensität des Windes zunahm.

Er schwamm mit kräftigen Zügen durch das klare Wasser der kleinen Bucht, die er von seinem Fenster aus gesehen hatte. Nach dem Essen hatte er beschlossen, noch ein wenig zu schwimmen und war allein an den Strand gegangen. Er hatte Hermine absichtlich nicht gefragt ob sie mitkommen wollte. Er versuchte gerade, emotional wieder von ihr abzurücken. Dabei war die Vorstellung von ihr in einem Badeanzug nicht gerade hilfreich. Gerade wollte er wieder an Land schwimmen, weil das Wasser immer kälter wurde, als er einen anderen Schwimmer bemerkte der, einige Meter entfernt, ebenfalls in der Bucht schwamm. Er stöhnte innerlich auf, als er erkannte um wen es sich dabei handelte.

Augenscheinlich hatte Hermine die selbe Idee gehabt und war nach dem Abendessen noch zum Schwimmen gegangen. Sie gestikulierte wild mit einem Arm als sie ihn erkannte und im ersten Moment setzte sein Herzschlag kurz aus, weil er dachte sie wäre in Schwierigkeiten, bis er begriff das sie versuchte ihm Zeichen zu geben.
Er schwamm zu ihr hin. „Ich habe den Eingang gefunden…", schnaufte sie und ruderte mit den Armen, um sich über Wasser zu halten.

„Wo?" erwiderte er knapp und machte mit seinen Händen ebenfalls ungeduldige Bewegungen, um nicht unterzugehen.
„Kommen Sie, ich muss raus. Ich erfriere.", bibberte Hermine nun und schwamm in Richtung Land.

Er erreichte den Strand vor ihr und beeilte sich, aus dem kalten Wasser zu kommen und sich in sein Badetuch zu wickeln, das er auf einem Stein abgelegt hatte. Hermine kam gerade aus dem Wasser und Severus seufzte als er sein Vorhaben, sich gefühlsmäßig wieder von ihr zu entfernen, durch diesen Anblick stark gefährdet sah. Sie hatte ihren Zopf ausgewrungen und kam nun schnell zu ihm herüber um den kalten Wind auf ihrer nassen Haut, ebenfalls mit einem Handtuch abzumildern. Sie trug einen schön geschnittenen knappen Bikini der ihre Vorzüge viel zu gut zur Geltung brachte. Auf ihrer Haut glitzerten die Wassertropfen im Licht der untergehenden Sonne, wie kleine Perlen. Er bemühte sich wirklich, sie nicht allzu offensichtlich anzustarren, konnte aber den Blick kaum von ihr nehmen.

Sie hatte eine sehr schöne schmale Figur und sah in diesem bisschen Stoff einfach hinreißend aus.

Schnell hatte er ihr Handtuch aufgehoben und legte es ihr um die schmalen Schultern. Einen Augenblick zu lange ruhten seine Hände auf ihr. Sie zitterte und er rieb mit seinen Händen leicht über ihre Schultern um sie zu wärmen. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn aus ihren warmen braunen Augen intensiv an, bevor sie eine Hand hob und ihm eine tropfende Strähne aus dem Gesicht strich. Ihre Hand hielt inne und blieb einige Herzschläge lang auf seiner Wange liegen, bis er den Blickkontakt jäh unterbrach und sich abwandte.„Wo ist der Eingang?", fragte er beinahe grob und trocknete sich mit einem weiteren Handtuch ab, bevor er in sein Hemd schlüpfte.

„Da hinten, unter dem Wasserspiegel. Heute ist es schon zu kalt und zu dunkel. Wir werden morgen wieder schwimmen müssen.", erwiderte sie, noch immer zitternd und sich ebenfalls schnell abtrocknend.

ooooooo

Hermine zog ihr Kleid über ihren nassen Bikini und schweigend gingen sie zur Pension zurück, wo sie sich vor ihren Zimmertüren trennten. Nachdem sie geduscht hatte, versuchte sie ein wenig zu lesen, doch sie gab es rasch wieder auf, da sie sich einfach nicht konzentrieren konnte. Unruhig ging sie im Zimmer auf und ab und trat schließlich auf den Balkon hinaus, der über die gesamte Hausbreite ging. Sie zwang sich, nicht in sein Zimmer zu schauen, das ebenfalls einen Zugang zum Balkon hatte. Da war etwas in seinem Blick... doch er wandte sich jedes Mal wieder von ihr ab, und stieß sie so zurück. Hermine seufzte. Unsinn! Was sollte denn da auch sein?

Sie wusste, dass sie eine gewisse Wirkung auf Männer hatte, aber das hier war ein Lehrer und er wünschte sicherlich nichts weniger, als von einer Schülerin belästigt zu werden. Und doch wurde sie immer wieder schwach, wenn sie ihn an sich spürte und es kribbelte ihr in den Fingern ihn zu berühren.

In Gedanken vertieft starrte sie auf die kleine Bucht hinaus, als sie hörte, das eine Tür sich öffnete. Sie drehte sich nicht um. Ein vertraut herb-holziger Geruch verriet ihr, das Severus hinter ihr stand. Er trat neben sie und legte die Hände auf das Geländer. Hermine sah auf. Irgendwie wirkte er... untypisch... ein bisschen unsicher...

„Hermine, ich muss Sie mal etwas fragen...", begann er, und seine vorsichtige und bemüht konzentrierte Aussprache kam ihr etwas merkwürdig vor.

Er schwieg einen Augenblick.

„Die Wirtin hat einen Strauss rote Rosen und eine Flasche mit irgendeinem fürchterlich süßen Getränk in mein Zimmer gestellt."

Wieder schwieg er und Hermine musste ein Kichern unterdrücken.

Offensichtlich hatte er eine nicht unerhebliche Menge dieses 'fürchterlich süßen ' alkoholischen Getränks konsumiert... Severus war ein bisschen betrunken!

Schließlich sprach er weiter. „Warum hat sie das getan?", fragte er und sah Hermine ehrlich ahnungslos an.

Jetzt grinste sie tatsächlich.

„Nun...", sie fuhr sich kurz mit der Zunge über die Lippen, um sich ihre Worte zurecht zulegen.

„Sie haben mich als ihre Nichte vorgestellt... "

Völliges Unverständnis spiegelte sich in seiner Miene.

„Wir wirken offenbar nicht sehr... verwandt... und es ist bei Muggeln ein abgegriffener Ausdruck für... 'heimliche Geliebte'..."

Sie sah förmlich, wie es in seinem Kopf arbeitete, bis er die Information in ihrer vollen Tragweite begriffen hatte.

„Sie meinen, die Frau glaubt, Sie wären meine Geliebte?", vergewisserte er sich leise.

Hermine nickte und auf seinem Gesicht erschien ein überaus amüsiertes Grinsen, das in ein leises Glucksen überging.

Eine Weile kicherten sie gemeinsam vor sich hin und sie konnte den Blick nicht abwenden von dem vergnügten Funkeln in seinen Augen, als sie zu ihm trat.

ooooooo

Langsam hob sie die Hand und berührte sacht seinen Kieferknochen. Er seufzte und legte seine Hand auf ihre. Sie schloss die Augen und kam ihm noch näher. Inzwischen hatte er ihre Finger umfasst und führte sie zu seinen Lippen. Vorsichtig hauchte er einen Kuss auf ihre Handfläche und legte sie dann an seine Brust, als wollte er sie an seinem Herzen bergen. Sie seufzte leise und umfing ihn mit ihrem anderen Arm.

„Severus.", flüsterte sie, bereits ganz nah an seinem Gesicht.„Hermine, nicht..", antwortete er matt, näherte sich aber weiter ihren Lippen. „Wir sollten nicht...", sagte er gequält und verschloss ihren Mund mit seinem.
Seine Lippen spielten zärtlich und leidenschaftlich mit ihrem Mund und er zog sie mit seinem freien Arm fest an sich.
Dann, als sei er aus einer Trance erwacht, ließ er sie los.

„Nein! ", stieß er heftig atmend hervor, nachdem er sich aus diesem Kuss gelöst hatte. Er ließ sie ohne weiteres Wort auf dem Balkon stehen und floh förmlich in sein Zimmer. Fahrig hob er einen seiner Schuhe, die mitten im Zimmer standen, auf und hielt ihn in der Hand.

‚Warum kann ich das nicht bleiben lassen?', fluchte er in Gedanken und warf den Schuh schwungvoll an die gegenüberliegende Wand. „Verdammt!", schimpfte er dann und zog seine Balkontür energisch ins Schloss.

Der nächste Morgen war ein trüber Tag und schon gleich nach dem Frühstück waren sie aufgebrochen um nach Laguz zu suchen. Nachdem sie den Strand erreicht hatten, zogen sie ihre Sachen aus und versteckten sie in einer kleinen Spalte zwischen zwei Steinen, damit nicht jemand auf die Idee kam, sich einen Scherz damit zu erlauben. Außerdem wollten sie nicht, das jemand ahnte das sie sich in der Grotte befanden. Das Wasser war heute noch kälter als gestern und Severus sog scharf den Atem ein, als er bis zum Bauch ins Meer hinein lief. Dann straffte er sich und ließ sich fallen.

„Woooh... Verdammt ist das kalt.", zischte er und beeilte sich, sich durch Schwimmen aufzuwärmen.
Hermine war inzwischen auch im Wasser und fluchte kurz, als sie völlig darin versank. Sie schwamm schneller um ihn einzuholen. Er bewegte sich auf der Stelle und wartete bis sie heran gekommen war.

„Wo soll der Eingang sein?", fragte er zähneklappernd.„Dort hinten, zwischen den zwei Felsen...", gab sie zurück und nickte mit dem Kopf, um ihm eine vage Richtung anzugeben.
Sie schwammen näher an die Steine heran. Dann nickte sie ihm zu und tauchte unter. Er tat es ihr gleich und nach wenigen kräftigen Schwimmstößen kam er wieder an die Oberfläche.
Sie war kurz vor ihm aufgetaucht und ihre langen Haare hingen ihr wild ins Gesicht. Hermine hustete kurz und strich sich dann mit beiden Händen die Haare zurück. Suchend sah er sich um.
Sie befanden sich in einer Grotte, von deren Decke Tropfsteine in sämtlichen Variationen und Größen hingen. Schmale Steinspalten dazwischen ließen schummriges Tageslicht zu ihnen herein. Die Aushöhlung erstreckte sich weit nach hinten und Hermine war schon einige Meter voraus geschwommen, bevor er ihr folgte. Sie erreichten eine winzige Landzunge und stiegen aus dem Wasser.

Sie trug wieder diesen Bikini, der ihr so hervorragend stand. Er betrachtete sie still. Sie bezauberte ihn mit jedem Tag mehr. Gestern hatte er sich für seine Schwäche verflucht, heute sehnte er sich bereits wieder nach ihren Lippen. Wie zart und weich sie seinen Mund berührt hatten, wie sie sich an ihn geschmiegt hatte… Er schüttelte den Kopf, um diese Erinnerung zu vertreiben.
‚Falsche Zeit, falscher Ort... falsches Leben!', setzte er seine Gedanken fort und folgte ihr, denn sie war schon weitergegangen und in einen unterirdischen See gestiegen.

„Da!" Sie zeigte auf eine Tropfsteinsäule auf einer kleinen Insel in der Mitte des Sees.

„Ja... ein perfektes Versteck..." gab er zurück.
Glücklicherweise war dieser See etwas wärmer als das Meer und so fielen die Bewegungen etwas leichter.
Nach kurzer Zeit hatten sie die Insel erreicht und Hermine zog sich bereits aus dem Wasser. Als er ebenfalls an Land gegangen war, suchte sie bereits fieberhaft nach Laguz.

„Sie ist hier… sie ist hier!", rief Hermine begeistert und sah ihn mit glänzenden Augen an.

Vorsichtig berührte sie die Rune, die in den Stalagmiten eingelassen war und versuchte, sie herauszunehmen.
„Sie sitzt fest.", sagte sie enttäuscht und wandte sich zu ihm um. Ihre Lippen waren blau vor Kälte und sie zitterte leicht.
Nachdem auch er es einige Minuten erfolglos versucht hatte, war Hermine mit einem langen, schmalen Stein wieder herangekommen und versuchte nun, vor dem Tropfstein kniend, die Rune aus dem Stein heraus zu hebeln.

„Ich frage mich eins..", sagte er plötzlich und hockte sich nah hinter sie.
Seine Brust berührte ihren Rücken, als seine Hände sich auf ihre Arme legten.
Hermine setzte den Steinhebel erneut an und mit einer geschmeidigen Bewegung fiel der kleine Stein ihr in die aufgehaltene Hand.

ooooooo

„Wir müssen uns berühren...", flüsterte Hermine, fassungslos das kleine Steinchen in ihrer Hand betrachtend.

Einen Moment lang blieb Severus noch hinter ihr sitzen, ebenfalls ihre Hand schauend, erhob sich dann aber hastig. Hermine fühlte von ihrem Rücken aus die Kälte in ihren Körper zurückkehren und stand ebenfalls auf. Sie reichte ihm den Stein, in dem Laguz eingraviert war und sah zu, wie er sie in einer Tasche in seiner Badehose verstaute.

Sie hatte ihn gestern schon in Badekleidung gesehen, aber erst jetzt fielen ihr die vielen Narben auf, die auf seinem Oberkörper verteilt waren. Sie konnte den Blick nicht abwenden und das Herz zog sich ihr zusammen, als sie daran dachte, wie er diese Narben empfangen haben musste. Ohne nachzudenken trat sie näher an ihn heran und berührte eine Erhebung oberhalb der linken Brust sanft mit dem Finger. Sie erschrak, als er plötzlich ihre Hand packte und sie von seiner Haut weghielt. Mit einem wilden Blick starrte er sie an und sie schlug errötend die Augen nieder. Sie hatte ihm keinen Grund mehr geben wollen, sie zurückzuweisen, aber das Bedürfnis ihn zu berühren war einfach übermächtig in ihr.

„Entschuldige..", hauchte sie leise, und ließ sich ins Wasser gleiten.

Sie reisten noch am selben Tag ab und erreichten nach einer beinahe stummen Reise Hogwarts am frühen Abend. Er nickt ihr zu, knapp aber nicht unfreundlich und Hermine kehrte schweren Herzens in den Gryffindor-Turm zurück. Ihre ganze Hoffnung war, dass die Abende bei ihm die alte Vertrautheit wieder herstellten, die durch die Küsse auf dem Balkon zerstört zu sein schien.