"Nicolai, du bist noch der gleiche Scherzbold wie vor 15 Jahren." Albert Brown hob sein Glas und lachte ausgelassen "Ich möchte einen Toast ausbringen: Auf einen schönen Abend und alte Zeiten."
Nun lachte auch Nicolai "Auf alte Zeiten lieber nicht. Da haben wir schlimme Sachen gemacht." Er grinste verschmitzt, zwinkerte Albert zu.
"Dann nehmen wir eben neue Zeiten und noch schlimmere Sachen."
Die ganze Gruppe um sie herum lachte, jeder nippte an seinem Glas.

"Nicolai, entschuldige mich bitte kurz. Ich habe eben noch jemand getroffen, den ich kenne. Ich möchte ihm nur schnell Hallo sagen."
"Hier, auf meiner Party?"
"Ja da staunst du, was?" Er lachte wieder "Du weißt ja, die Welt ist klein."
"Nur zu, guter Junge. Ich bin neugierig, stell' mir deinen Freund vor!"
Albert's Gesicht lächelte erst mit einiger Verzögerung: "Ja, ich glaube, das mache ich. Er wird dir gefallen, da bin ich mir sicher. "


"Wer war das?" Fragte Hannibal während er durch das Chaos an B. A vorbei auf die Toilettenkabine zusteuerte
"Er selbst, Mann…. Hat aufgehört, als ich reinkam."

Hannibal schaute irritiert zu ihm zurück, dann drückte er die angelehnte Tür zur Seite, sah Danil auf dem Fußboden hocken. Mit kreidebleichem Gesicht umklammerten seine Arme die Knie, die Hände zitterten, die Fingerknöchel waren blutig aufgeschlagen.
"Danil?"
"Hab' schon versucht mit ihm zu reden..."
Der Colonel kniete sich neben ihn, schaute für einen Moment schweigend zu, wie Danil's Hände an den Knien Halt suchten, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Seine Atmung war schnell und kurz.
"Tu' was, Mann." B. A. stand mit besorgtem Gesicht hinter ihm.
"Danil, wir müssen jetzt gehen. Kannst du aufstehen?" Er wartete kurz, legte dann die Hand auf Danil's Knie "Hallo?"

Danil zuckte erschreckt zusammen "Nein!" Er versteckte den Kopf zwischen den Händen, die Augen zusammen gekniffen, das Atmen wurde schneller. "Aufhören, bitte!"
"Was soll aufhören?"
"Geh' weg!" Die Stimme klang verzweifelt.
"Danil, was soll aufhören?!" Hannibal runzelte die Stirn.
"Die Männer sollen weggehen!"
"Welche Männer denn, wir sind allein?! Komm zu dir!"
"Ich...Ich kann nicht mehr...kann nicht mehr."
"Murdock wartet schon,..."

"Ich hasse dich, John Smith." unterbrach er ihn in einem plötzlichen Flüsterton
"Dafür ist jetzt echt nicht der richtige Zeitpunkt. Steh' auf! Wir gehen jetzt."
"Nein."
"Nein?" Hannibal atmete leise aus, drehte sich dann zu B. A. "Sergeant, geh' voraus. Finde Murdock und wartet draußen auf uns, ihr könnt nicht länger warten."
"Aber Hannibal…."
"Mach dir keine Sorgen. Geh'."
"Du hast keinen Feuerschutz,..."
Seine Stirn bekam Falten: "Das ist ein Befehl, Sergeant!".
Er sah B. A.s Zähneknirschen, auch das zögerliche Abdrehen, bevor er wie befohlen den Raum verließ.

Hannibal's Blick blieb für einen Moment auf den schwarz-weißen Fließen kleben, auf denen B. A. noch vor einer Sekunde gestanden hatte. Er versuchte angestrengt einen Plan in seinem Kopf zu finden, doch ohne Erfolg. Da war nichts, keine Ideen, keine Pläne, keine Dinge, die er tun oder sagen sollte. Ein befremdliches Gefühl für ihn. Danil's lautes Atmen unterbrach seine Gedanken.

Ohne ihn anzusehen, drehte er sich wieder zurück.
"Zum letzten Mal, wir sollten jetzt wirklich gehen." Er versuchte seine Stimme ruhig und freundlich zu halten. "Irgendjemand von Ivankov's Leuten wird dich erkennen, du kannst nicht hier bleiben. Sobald wir hier raus sind, trennen sich unsere Wege. Kannst du dich damit arrangieren?"
Er schaute ihn an, bekam keine Antwort. "Ich verspreche es, du siehst uns zum letzten Mal..."

"Er hat es versprochen."
"Ja. Tu' ich…"
"Er wird nicht kommen. Ich weiß es."
"Hör' endlich damit auf ! Warum sagst du das ständig?"
"Ich … ich kann nicht atmen. Ich krieg' keine Luft."
"Das ist kein Wunder, du hyperventilierst gleich, wenn du so weiter machst. Versuch' dich zu beruhigen."
Hannibal sah ihn an, sah die zusammengekniffenen Augen des Mannes, der ihm so vertraut war und plötzlich so fremd. Seine Hände, die ständig wieder neu an sich selbst nach Halt suchten. Er konnte ihn in diesem Zustand unmöglich hier zurücklassen.
"Hannibal. ... Hilf mir..."
Danil's Blick in Hannibal's Gesicht kam unerwartet: "Bitte!" Beinahe klang es flehend.
Hannibal berührte ihn vorsichtig an der Schulter: "Hör mir zu,...Wir gehen jetzt erst mal gemeinsam hier raus." Ohne eine weitere der wirren Antworten abzuwarten, griff er ihn am Arm, zog ihn nach oben.

Überraschenderweise ließ er sich ohne größeren Widerstand Richtung Ausgang schieben, als sich plötzlich unerwartet die Tür öffnete. Hannibal war schnell. Noch im gleichen Moment zog er seine Waffe und richtete sie auf den grauhaarigen Mann, der im schwarzen Smoking den Raum betrat.
Hannibal ließ die Waffe wieder sinken. "Entschuldigen Sie Sir. Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe. Würden Sie bitte den Weg frei machen, wir haben einen dringenden Termin." Aus den Augenwinkeln sah er ,wie Danil einen kleinen Schritt hinter ihn machte, hörte ihn lauter Atmen.
Der adrette Mann lächelte freundlich: "Natürlich, gar kein Problem. Bitte"

Der Mann trat ein Stückchen beiseite, ließ Hannibal an ihm vorbeigehen und nach der Türklinke greifen.
Etwas irritierte ihn. Keine Ahnung was es wahr… üblicherweise erschrecken sich Menschen, wenn man eine Waffe auf sie… Die Kante der auffliegenden Tür traf ihn unerwartet und hart an der Stirn, er versuchte sie mit den Händen zu greifen, aber erneut traf sie ihn am Kopf bis er zurücktaumelte. Ein bulliger Typ war plötzlich vor ihm, drängte ihn wieder zurück in den Raum.

Der Colonel schlug zu, traf ihn am Kinn, am Wangenknochen. Keine Reaktion. Ein Schlag folgte zurück, in den Magen, Hannibal stürzte zu Boden. Sah noch Danil's erschrockenes Gesicht, bevor der nächste Schlag kam. Hannibal konterte, dann hörte er neben seinem Ohr ein Klicken. Nein, es waren zwei. Als er den Kopf drehte, wurde es totenstill im Raum und er blickte er direkt in die Mündung eines Gewehres. Ein weiterer Schwarzenegger-Typ mit schwarzer Sonnenbrille stand wie aus dem Nichts vor ihm, zielte direkt auf seinen Kopf. Dahinter sah er Danil stehen. Mit ausgestreckten Armen, den 45er in seinen Händen, zielte er auf die Brust des Grauhaarigen.


"Genug!" sagte der Mann bestimmend. Immernoch ein Lächeln im Gesicht, straffte er langsam seinen Anzug. "Wir haben wohl eine kleine Patt-Situation, meine Herren."
"Sie sollten meinen Freund gehen lassen!" Danil's Stimme klang unerwartet klar und fest. Keine Spur von dem Typ, der eben noch in der Ecke auf dem Boden hockte. Hannibal runzelte die Stirn.

"Ich habe dich gleich erkannt auf der Treppe! Und ich bin wirklich überrascht, dich hier zu sehen!" Der Mann grinste überlegen: "Aber du arbeitest fehlerhaft, Junge. Wie kommt es, daß dein Boss zuerst die Waffe zieht?"
"Boss? Nein, er ist nicht…"
"Das ist nicht dein Boss? Wem gehörst du?"
Danil antwortete nicht, trat stattdessen einen Zentimeter zurück.

"HEY MISTER!" Hannibal schaltete sich ein "Niemand gehört hier irgendwem, nur um das mal klarzustellen!"
Der Grauhaarige schenkte ihm keine Beachtung, als wäre er gar nicht anwesend.
"Du siehst müde aus, Junge." Er lächelte Danil milde an "Lass mich raten, du schläfst ein bißchen schlecht?"
"Ich sagte, lass ihn gehen!" Danil's Stimme verlor ihre Festigkeit. Und nicht nur Hannibal fiel es auf: Seine Hände begannen erneut zu zittern.

"Mister, geh' ich Recht in der Annahme, daß sie nicht zufällig hier reingekommen sind? Kann man Ihnen vielleicht irgendwie weiterhelfen?"
Wieder ignorierte der Smokingträger Hannibal, trat stattdessen einen Schritt näher an Danil:
"Diese quälenden Fragen, Panikattacken, oder …" er ließ den Blick durch den zerstörten Toilettenraum wandern und räusperte sich "...diese schreckliche Wut… kommt dir das bekannt vor?"
Mit dem Blick auf die Waffe in Danil's Händen, die langsam der Schwerkraft nachzugeben schien, versuchte Hannibal es erneut:
"Was wird das? Da unten ist so eine nette Party, wollen Sie nicht wieder mit Ihren Snob-Freunden spielen gehen?" Er reckte sich, versuchte vom Boden hoch zu kommen. Was auch immer hier vor sich ging, es mußte aufhören. Ein Gewehrlauf drückte sich fester an seine Schläfe.

"Und dann diese schreckliche Gefühl, nichts und niemand zu sein... "Fuhr der Grauhaarige immernoch unbeirrt fort.
Hannibal sah Danil's verwirrten Blick, sah die neuen Schweißperlen auf seiner Stirn und die Hände, die die Pistole immer weiter sinken ließen.
"Du…" Danil's Stimme klang verzerrt, nur stockend sprach er weiter: "Sie waren da….. ich, ...was haben Sie mit mir gemacht?"
"Du suchst Antworten? Ich kann dir helfen. Um genau zu sein, bin ich so etwas wie ein Vater für dich - oder nein, das ist vielleicht nicht ganz passend… mehr dein Schöpfer…." Er lachte laut, griff langsam nach Danil's Waffe und nahm sie ihm ohne Gegenwehr aus der Hand.
"Guter Junge."

Nun endlich drehte er sich zu Hannibal
"Und was Sie angeht… er gehört offensichtlich nicht Ihnen, also was mischen Sie sich ein?"
"Kein Mensch gehört irgendwem, es ist übel, daß man soetwas überhaupt erwähnen muß. Ich weiß nicht, was Sie vorhaben, aber eins verspreche ich: weit kommen Sie nicht damit!"
"Ach hör'n Sie auf. Dieses elendige Verdrehen der Wahrheit. Eine alleinlebende Putzfrau, einen Haufen Kinder und kein Geld…und schon gehört sie ihrem Arbeitgeber...Das ist nichts anderes, man verpackt es nur netter."

"Was sind Sie für ein Mensch, daß sie so etwas ernsthaft glauben?"
"Oh, ich bin ein guter Mensch. Ohne mich wäre Nummer 23 längst nicht mehr unter uns. Stimmt's, Junge?"
Hannibal traute seinen Augen kaum, aber tatsächlich sah er Danil vorsichtig nicken.
"Was wollen Sie?"
"Erst mal sollte ich mich vorstellen. Er nickte höflich "Dr. Albert Brown, ich habe mich spezialisiert auf - wie soll ich sagen - Mitarbeitermotivation." Sein überhebliches Grinsen verbreiterte sich. "Nummer 23 war ein besonderer Fall für mich, nahezu eine echte Herausforderung. Ich hatte wirklich Gefallen daran gefunden, mit ihm zu arbeiten, kein leichter Job…. "

"Sie sind eines der Arschlöcher aus der Mine?!" Hannibal sprang auf. Er würde ihm den Hals umdrehen, jetzt sofort, auf der Stelle! Der Schlag in die Magengrube unterbrach sein Vorhaben, ächzend knickte er ein.
"Ich mag es nicht, wenn man mich unterbricht! Meine Arbeit ist etwas sehr Besonderes, man könnte fast Kunst dazu sagen. Schade, daß ich mit 23 nicht fertig werden konnte. Ich sehe, daß wir beide noch etwas zu tun haben. Seine Fähigkeiten sind einfach viel zu gut, um sie zu verschwenden.
"Was … was meinen Sie?" Hannibal rieb sich den Bauch, der Schlag war hart gewesen.

Brown wandte sich den beiden bulligen Typen zu "Schafft mir den Klugscheißer da vom Hals. Und zwar bitte so, daß mein Freund Nikolai heute abend nicht davon belästigt wird. Alles weitere kläre ich mit Niko."
Einer der Bodyguards spannte langsam den Abzug. Nicht gut, das war wirklich gar nicht gut. Hannibal's Herzschlag beschleunigte sich rasant, während sich der Lauf des Gewehres tiefer in seine Schläfe bohrte und das Gefühl, diesen Raum nicht mehr lebend zu verlassen, die Oberhand übernahm .

"Nein!" rutschte es aus Danil heraus.
"Nicht zu fassen, du willst meine Anweisung ernsthaft in Frage stellen?!" Dr Brown kam bedrohlich näher an Danil, sein Grinsen war verschwunden. "ANTWORTE!"
"Nein." Danil's Blick ging zu Boden, Hannibal konnte sein Flüstern kaum noch verstehen.
"Spezialeinheit" hörte er ihn sagen.
"Was?" Dr. Brown schien aufmerksam zu werden
"Er hat gesagt, er gehört zu einer Spezialeinheit." wiederholte Danil leise.

Es war mehr als nur ein Grinsen von Brown, eher ein Funkeln in seinen Augen. "Ich hoffe für dich, daß das die Wahrheit ist!"