Sorely Engraved
Kapitel 14
Es war wie ein Segen für Hermine, sich am Abend in Snapes Arme flüchten zu können. Inniglich kuschelte sie sich auf dem Sofa an ihn und vergrub ihr Gesicht in der Mulde an seiner Schulter, wo sie sich ganz in seinem für ihn charakteristischen Duft verlieren konnte.
"So langsam verstehe ich, was du damit gemeint hast, dass ich vorsichtig sein soll. Ich fühle mich schrecklich, Severus. Den ganzen Tag über kam es mir so vor, als würde ich beobachtet werden."
Er brummte mit geschlossenen Augen.
"Deswegen kann ich nicht nachvollziehen, wieso du ständig in die Kerker kommst."
"Oh nein, fang nicht wieder damit an! Draco und sein Gefolge können mich nicht davon abhalten, dich zu sehen. Außerdem wissen alle, dass ich bei dir nachsitzen muss. Das dürfte ihnen eine Genugtuung sein."
Er öffnete ein Auge und sah sie an.
"Wahrlich ein schwacher Trost, Hermine."
Bedrückt nickte sie.
"Ich weiß."
Eine unangenehme Pause trat ein und Snape döste wieder ein. Hermine grübelte indes fieberhaft nach etwas, das sie sagen konnte. Es war nicht leicht, damit umzugehen, was sie Draco angetan hatte. Die Schuld, die sie auf sich geladen hatte, würde auf ewig an ihr haften.
"Was glaubst du, wie meine Chancen stehen, dass ich hier meinen Abschluss machen kann, wenn Dumbledore nicht mehr ist?"
Sie konnte hören, dass er schwer schluckte.
"Um ehrlich zu sein, nicht gut."
Hermine brauchte nicht lange, um die Zurückhaltung in seiner Stimme herauszufiltern. Beunruhigt hob sie den Kopf und starrte auf seine verhärmten Gesichtszüge.
"Mit anderen Worten, du bestehst weiterhin darauf, dass ich irgendwo untertauche. Ist es das?"
"Es wäre das Beste."
Dass sie davon nach wie vor nichts hören wollte, verstand sich von selbst. Hermine war überzeugte Anhängerin der Theorie, dass es für Voldemort oder die Malfoys keinen Unterschied machte, was geschehen war. Sie hätten sie so oder so niemals akzeptiert.
"Du könntest mich doch in Hogwarts verstecken, wenn du erst mal Schulleiter bist", sagte sie halb im Scherz, halb ernst. "Dann wäre ich immer in deiner Nähe."
"Natürlich", gab er grummelig zurück. "Und am Abend treffen wir uns hier und schlafen miteinander."
"Dagegen hätte ich nichts einzuwenden."
Er lachte bitter auf.
"Dir ist doch wohl bewusst, dass die Schule dann nicht mehr von Auroren gesichert werden wird, sondern von den Anhängern des Dunklen Lords."
"Ich weiß. Ich weigere mich trotzdem, einfach so kurz vor dem Abschluss das Handtuch zu werfen. Wofür hab ich denn jahrelang gebüffelt, ha? Am besten, ich nehme vor jeder Stunde eine ordentliche Portion Vielsafttrank ein. So könnte ich unbemerkt als neuer Schüler durchgehen."
"Und in wen willst du dich verwandeln?"
"Das muss ich erst noch herausfinden."
Hermine schmiegte sich zurück an seine Schulter. Sie wollte nicht hören, dass es unmöglich war, das durchzuziehen. Sie hatte nur daran gedacht, etwas Verrücktes zu tun, damit sie bei ihm sein konnte. Ganz egal, wie albern der Vorschlag klang. Das Einzige, was wirklich zählte, war für sie, mit ihm zusammen zu sein.
Die Stille zog sich schier quälend dahin. Keiner von ihnen wagte auszusprechen, wie es weitergehen würde.
Irgendwann hob sie den Kopf und sah ihn an. Snape hatte nach wie vor die Augen geschlossen, als wäre er eingenickt. Hermine aber wusste es besser. Er konnte jetzt genauso wenig schlafen wie sie.
Voller Tatendrang holte sie Luft.
"Ich möchte dich nicht an Voldemort verlieren, Severus."
Sie sagte es so plump und ungestüm heraus, dass ihre Worte kalt im Raum widerhallten.
"Ich möchte nicht aufgeben oder von hier weggehen, wenn du gezwungen bist, zu bleiben."
Er reckte sich und sah sie an.
"Ich weiß", sagte er mit rauer Stimme.
"Dann lass uns etwas dagegen tun."
"Und was? Was willst du tun, Hermine? Vielsafttrank ist keine Lösung."
Ihre Augen funkelten. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass es auch nicht hilfreich war, wenn er sich über sie lustig machte. Eisern verkniff sie sich den Drang. Sie hatte auch damals schon einsehen müssen, dass es keine Lösung gewesen war, zwanghaft nach einer Zukunftsperspektive zu suchen, um ihr weiteres Dasein als Hexe in der Welt der Zauberer zu rechtfertigen.
"Das weiß ich selbst."
"Warum hast du dann damit angefangen?"
"Weil ich dich nicht aus den Augen verlieren will", sagte sie stoisch, während sich in ihrem Hinterkopf unablässig die Angst breitmachte, in Hogwarts bald nicht mehr geduldet zu werden. "Weil ich weiterhin mit dir zusammen sein möchte. Und weil ich nicht will, dass es irgendwann einfach vorbei ist, nur weil Voldemort dann hier das Sagen haben wird."
Er klappte den Mund auf und machte ihn ohne etwas zu erwidern wieder zu.
Frustriert stöhnte Hermine auf. Es war zum Verzweifeln, dass er nichts unternehmen wollte. Sie war sich so sicher gewesen, dass er ebenso wie sie an der Beziehung, die sie zueinander aufgebaut hatten, festhalten wollte. Doch jetzt, je länger er seine Antwort hinauszögerte, kamen Zweifel auf.
"Du - du willst es doch auch, oder?"
Sie sah ihn an, das Gesicht voller Fragen. Sie wusste, dass es nicht richtig war, ihn so in die Enge du treiben. Trotzdem musste sie Gewissheit haben. Ihr ganzes weiteres Leben hing davon ab, sich für Harry oder für ihn zu entscheiden. Doch wie konnte sie das tun? Wie sollte sie einem der beiden Lebewohl sagen, wo sie beide für sich fest in ihr Herz geschlossen hatte?
Snape setzte sich auf und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Hermine hockte sich voller Erwartung neben ihn, die Knie unters Kinn gezogen und die Arme um die Beine geschlungen.
Erst nach etlichen, zäh verstrichenen Sekunden sah er sie wieder an.
"Ja, ich will es auch. Aber mir bleibt keine andere Wahl, Hermine. Ich muss hier bleiben. Außerdem habe ich es Albus versprochen. Jemand muss versuchen, das Schlimmste zu verhindern."
Es war eigenartig, das ausgerechnet aus seinem Mund zu hören, wo er sie und ihre Freunde doch jahrelang drangsaliert hatte. Aber Hermine wusste es besser. Das Schlimmste stand ihnen allen noch bevor.
"Lass uns heiraten", sagte sie im Zuge eines schier erdrückenden Atemzugs. "Heimlich. Was hältst du davon? Niemand muss es je erfahren."
Erstaunt legte er die Stirn in Falten. Zugegeben, das war eine der ungewöhnlichsten Fragen gewesen, die sie ihm im Laufe der Jahre gestellt hatte. Es war nicht direkt ein Antrag, genauso wenig etwas, das er einfach übergehen konnte.
"Ist das dein Ernst?"
Auch Hermine wirkte etwas vor den Kopf gestoßen. Dass er so reagieren würde, hatte sie nicht erwartet. Vielmehr war sie auf einen Wutanfall gefasst gewesen.
"Natürlich ist es das", gab sie energisch zurück. "Du weißt, was ich für dich empfinde."
"Und was soll es dann bringen, zu heiraten? Wenn du so überzeugt davon bist, würde sich nichts an deinen Gefühlen ändern. Richtig?"
Sie stutzte. Beinahe kam es ihr lächerlich vor, dass sie überhaupt damit angefangen hatte.
"Nein. Meine Gefühle für dich wären dieselben wie jetzt, Severus. Aber es würde bedeuten, dass ich bereit bin, die Verpflichtung einzugehen, immer für dich da zu sein. Denn das ist das, was ich möchte."
"Obwohl du weißt, was ich tun muss? Obwohl du weißt, dass ich gezwungen bin, weiterhin den Todesser zu spielen, der deinen Schulleiter ermorden soll? Wir haben keine Ahnung, wie es danach weitergehen wird. Wie kannst du da -"
"Was für eine Rolle spielt das schon, wenn ich dich liebe? Dumbledore hat nicht das Recht, dein Leben zu kontrollieren. Genauso wenig wie Voldemort. Hier geht es nur um uns. Wenn du mich willst, lass es uns einfach tun. Wenn nicht, weiß ich nicht, ob wir uns wiedersehen, wenn es soweit ist. Ich – ich werde gemeinsam mit Harry und Ron fortgehen. Er wird nicht hier bleiben wollen, wenn Dumbledore tot ist."
"Das hatte ich erwartet."
Sie spürte einen Stich, als sie seine eng aufeinanderliegenden Kiefer mahlen hörte. Es tat weh, dass er nicht mit ihr darüber gesprochen hatte, obwohl er offensichtlich mit dem Gedanken gespielt hatte, sie zusammen mit ihren Freunden weggehen zu sehen.
"Warum hast du dann nichts gesagt? Warum kannst du nicht ein einziges Mal aus dir herausgehen und offen sagen, was du denkst?"
"Du willst wissen, was ich denke?", fragte er kühl und Hermine nickte. "Ich denke, dass du wie gewöhnlich dazu neigst, alles zu überstürzen, Hermine. Lass dir mehr Zeit für deine Entscheidungen."
"Ich habe aber nicht mehr Zeit, Severus! Warum lügst du mich an? Warum sagst du mir immer wieder, dass es das Beste für mich wäre, fortzugehen, wenn du weißt, dass ich Harry nicht einfach so im Stich lassen kann?"
Niedergeschmettert blickte sie auf seine Brust und holte Luft.
"Ich hab Dumbledore gesehen. Er machte auf mich nicht den Eindruck, dass es noch lange dauern wird, bis der Tag kommt, an dem du gezwungen sein wirst, den Zauberstab gegen ihn zu erheben. Wir beide wissen, was das bedeutet. Aber wir wissen nicht, wie es dann weitergehen wird. Fest steht nur, dass Harry, Ron und ich nicht hier bleiben können, wenn es soweit ist. Das heißt, ich muss etwas tun. Ich muss Vorkehrungen treffen und ein paar Dinge klären. Ich muss nach Hause und dafür sorgen, dass meine Eltern nicht in der Nähe sind, wenn die Todesser kommen, um nach mir zu suchen. Ich muss das alles planen! Du bist schließlich nicht der Einzige, der Verantwortung hat."
Mit ihrer zwischen die Zähne geklemmten Lippe starrte sie in sein Gesicht. Doch außer der tiefen Furche in der Mitte seiner Brauen und den zurück gerollten Mundwinkeln gab es nichts zu erkennen; jedenfalls nichts, das ihr auch nur im Entferntesten Mut gemacht hätte.
"Nein, bin ich nicht. Genau deswegen verstehe ich nicht, wie du mit diesem Vorschlag ankommen kannst. Verheiratet zu sein, heißt nämlich, Verantwortung zu übernehmen. Aber das kann ich nicht. Ich kann nicht für dich sorgen, wenn ich nicht weiß, was als Nächstes passiert. Denkst du, mir ist nicht bewusst, was wir haben? Denkst du, ich würde es leichtfertig hinnehmen? Mein Vater hat auf ganzer Linie versagt. Er hat meine Mutter zur Frau genommen und ein willenloses Wrack aus ihr gemacht. Er hat sie ruiniert. Genauso wie er mich ruiniert hat."
"Das ist nicht wahr!", platzte es aus ihr heraus. Es war ein ziemlicher Schock für sie gewesen, im Anschluss an die Sache mit dem Halbblutprinzen zu erfahren, wie er aufgewachsen war. Dennoch weigerte sie sich, die Hoffnung aufzugeben, ihn eines Tages glücklich zu sehen. "Du hattest es nicht einfach. Aber das bedeutet nicht, dass alles verloren ist."
"Ich glaube nicht, dass du das beurteilen kannst. Du kommst aus einem glücklichen Elternhaus und hattest eine schöne Kindheit voller fröhlicher Erinnerungen, Hermine."
"Und wenn schon! Glaubst du ernsthaft, dass ich dich deshalb nicht verstehen kann?"
Er schüttelte den Kopf. "Nur darum geht es hier. Du wirst erst bereit sein, das zu begreifen, wenn du darunter gelitten hast."
Hermine wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie wusste, worauf er hinaus wollte. Sie wusste aber auch, dass sie mit ihm zusammen sein wollte, genauso wie er mit ihr zusammen sein wollte, obwohl er es sich nicht eingestehen konnte.
Unruhig rutschte sie auf ihrem Platz herum und nahm seine Hand in ihre.
"Warum denkst du, dass es bei uns genauso sein wird? Haben sich deine Eltern denn je geliebt?"
Snape antwortete nicht. Für Hermine aber war es genug, um zu wissen, dass sie richtig lag. Sein liebloser Muggel-Vater hatte ausreichend dafür gesorgt, dass er sich davor scheute, anderen Menschen zu vertrauen. Er war geprägt. Schlimmer noch, denn er fürchtete sogar, selbst so zu werden.
"Das dachte ich mir, Severus. Aber nur weil ich so jung bin, heißt das nicht, dass ich nicht fähig bin, dich zu lieben. Du hast es gesehen. Du hast gesehen, was ich für dich empfinde. Und du kannst es spüren. Die einzige Frage, die jetzt noch offen ist, ist die über deine eigenen Gefühle. Gefühle, die dein Vater nie hatte."
Wie elektrisiert reckte er den Oberkörper empor. Dass es ihm nicht gefiel, darüber zu reden, verstand sie nur zu gut. Er hatte schon immer Hemmungen gehabt, sich und seine Gefühle vor ihr zu offenbaren. Hermine aber ließ nicht locker. Nicht diesmal. Ermutigend streichelte sie seine Hand.
"Ich weiß, dass es dir genauso geht wie mir", sagte sie sanft. "Wenn dem nicht so wäre, hättest du es nicht auf dich genommen, dich trotz des Risikos mit mir zu treffen."
Wieder schüttelte er den Kopf, als würde er einfach nicht begreifen, wieso sie ihn heiraten wollte.
"Du bist noch immer so jung."
"Ich weiß."
"Wie können wir es dann verantworten, das zu tun, Hermine? Nur weil wir heiraten, lässt sich alles andere damit nicht auslöschen. Es wird Krieg geben. Es – es hat schon längst begonnen."
"Auch dessen bin ich mir bewusst. Aber das Leben muss weitergehen, Severus. Wir werden uns nicht davon unterkriegen lassen. Wir haben uns."
"Ich kann nicht -"
Er verstummte, als sie ihre Finger auf seine Lippen legte.
"Du musst das nicht jetzt entscheiden. Lass dir Zeit. Denk einfach nur darüber nach. Bitte."
Sie stand auf und zog ihn mit sich ins Schlafzimmer hinüber.
"Weißt du, ich fand es von Anfang an wunderschön, mir vorzustellen, dass du der einzige infrage kommende Mann bleiben wirst, mit dem ich alt werden kann."
Er schnaubte leise. "Schön oder nicht, es ist naiv, so zu denken. Du wirst auch dann noch nicht verwelkt sein, wenn ich bereits steinalt bin."
"Das ist mir gleich. Nur einmal angenommen, ich sterbe vor dir, Severus, was dann?"
Es fiel ihr nicht leicht, den Gedanken an Lily zu verdrängen, der sich unweigerlich auftat. Aber Lily war nicht hier. Sie würde auch nie mehr zurückkommen.
"Hast du darüber schon mal nachgedacht?"
Als sie vor dem Bett zum Stehen kamen, machte er sich von ihr frei, trat hinter sie und legte die Arme um ihre Hüften.
"Das wird nicht passieren."
Hermine drückte sich an ihn. Es tat so gut, ihn zu spüren, dass sie dabei den ganzen Streit vergaß.
"Das kannst du nicht wissen, Severus."
"Dann möchtest du heiraten, weil du nicht ledig sterben willst?", fragte er mit einer erhobenen Braue. "So viel Einfallslosigkeit hätte ich dir gar nicht zugetraut."
Sie wirbelte herum und lächelte zu ihm empor.
"Das ist nur ein Vorteil von vielen."
"Wirklich? Ich wüsste nicht, was für mich dabei herausspringen sollte. Abgesehen von neuen Verpflichtungen und unserem Versteckspiel wird sich nichts ändern."
Hermine glaubte ihm kein Wort. Beschwingt warf sie ihre Locken in den Nacken.
"Du hättest das Privileg, mich allen als deine Frau vorzustellen, wenn der Krieg vorbei ist."
Er rollte mit den Augen und sie grinste.
"Das nur am Rande. Sieh es als Ansporn, Severus."
Noch in derselben Nacht war die Sache mit dem Heiraten beschlossen. Hermine platzte fast vor Glück. Es würde zweifelsohne eines der ungewöhnlichsten Ereignisse in ihrem Leben werden, mit Severus vor den Traualtar zu treten, jedoch auch das schönste, das sie sich vorstellen konnte. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen schlief sie in seinen Armen ein.
Am Morgen, Snape kam gerade aus dem Bad und suchte seine Kleidung zusammen, öffnete sie selig die Augen und blinzelte ihn an.
"Hast du schon genug von mir? Oder gibt es einen anderen Grund, warum du so früh auf den Beinen bist?"
Sie streckte sich ungeduldig zu ihm empor, während er sich zu ihr hinabbeugte, sodass sie ihm einen Kuss geben konnte.
"Ich habe ein paar Dinge mit Albus zu besprechen. Irgendwie muss ich ihm erklären, dass ich in den nächsten Ferien nicht zu seiner Verfügung stehen kann."
Alarmiert setzte Hermine sich auf. Sie ahnte bereits, worauf er hinaus wollte, was ihr gar nicht behagte.
"Du willst es ihm doch nicht etwa sagen?"
"Das werde ich wohl müssen, Hermine. Sei unbesorgt. Albus ist unser geringstes Problem."
Sie biss sich auf die Lippe.
"Er wird bestimmt etwas dagegen einzuwenden haben."
Er grinste verhalten.
"Mit Sicherheit. Aber wer würde das nicht?"
Sie seufzte. Da war was dran. Mit Wehmut verdrängte sie den Gedanken an ihre Eltern und daran, dass sie es nie erfahren würden. Es war besser so. Zum einen, da auch sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht begeistert reagieren würden. Zum anderen, weil sie schon genug damit zu tun hatte, sich um ihre Eltern zu sorgen. Sie musste schleunigst zusehen, sie von hier wegzuschaffen, ehe Dumbledore tot war und Voldemort endgültig freie Hand hatte. Das bedeutete, eine neue Identität für die beiden musste her. Nicht gerade eine Kleinigkeit, mit Hilfe der Magie aber durchaus machbar.
"Was willst du ihm denn sagen?"
"Am besten, dass ich meinen Verstand verloren habe."
"Ich bin sicher, dass du ihn damit voll und ganz überzeugen wirst", sagte sie spöttisch.
Snape ließ es sich nicht nehmen, darauf einzugehen. Wie so oft während ihrer entspannten Momente zu zweit legte er herausfordernd den Kopf schief.
"Ah. Spüre ich da gewisse Zweifel aufkommen, Miss Granger? Noch kannst du alles für hinfällig erklären. Ich würde es sogar verstehen ..."
Sanftmütig strich sie ihm mit der Hand durch die Haare. Es war schwer vorstellbar, dass derselbe Mann, der immer wieder von Selbstzweifeln heimgesucht wurde, ihr jahrelang Angst eingejagt hatte.
"Keine Chance. Ich weiß genau, dass ich es will. Ich war mir noch nie so sicher in einer Sache."
Er sah sie scharf an. Ungläubig und irgendwie auch bewundernd. Dann stand er auf.
"Wenn das so ist, sollte ich langsam gehen, bevor ich es mir noch anders überlege."
"Nur zu. Ich bin schon ganz gespannt, wie Dumbledore reagieren wird."
Snape ging es nicht anders. Obwohl er nicht von sich behaupten konnte, dass er dem Gespräch mit Wohlwollen entgegenblickte.
"Freu dich nicht zu früh. Er hasst es, etwas von seiner Kontrolle abzugeben."
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"Sie ist volljährig, Albus. Folglich kann sie heiraten, wen immer sie möchte."
"Das war nicht meine Frage, Severus."
Snape machte ein verdrießliches Gesicht. Zwar hatte er nicht erwartet, dass es ein Vergnügen werden würde, seinem Schulleiter die Angelegenheit zu unterbreiten, etwas mehr Verständnis hatte er sich jedoch nach all den Jahren der Zusammenarbeit schon erhofft.
Beunruhigt reckte er sein Kinn in die Höhe und hielt dem bohrenden Blick der blauen Augen stand.
"Ich weiß, es ist schwer vorstellbar, dass sich jemand zu diesem Schritt entscheiden könnte. Ich bin nicht gerade jemand, mit dem sie sich dauerhaft binden sollte. Dennoch bitte ich Sie um Ihren Segen, Albus."
Dumbledore beugte sich gemächlich über den Tisch zu ihm vor und senkte die Stimme. Er ließ sein Gegenüber keine Sekunde aus den Augen, während er sprach.
"Mach dir nichts vor, Severus. Ihr hättet euch erst gar nicht aufeinander einlassen sollen."
Daher wehte also der Wind. Was er sagte, klang verletzt; als würde er sich hintergangen fühlen.
"Nur weil Sie mich in Ihren Dienst gestellt haben", begann Snape unterkühlt, "können Sie nicht von mir erwarten, dass ich es gänzlich aufgebe, auch einmal an mich zu denken."
"Du hast mir dein Wort gegeben, Severus."
"Und daran werde ich festhalten. Mir bleibt nichts anderes übrig."
"Sei vorsichtig", mahnte Dumbledore ruhig. "Wir wissen beide, wozu die Liebe imstande ist. Ebenso wissen wir, dass es ein undenkbar großes Risiko für euch ist, das zu tun."
Snape nickte matt. Er hatte keine Lust, darauf herumzureiten, was die Liebe in seinem Leben bewirkt hatte. Zumal, da die Erinnerungen daran überwiegend mit Enttäuschung, Verlust und Schmerz verbunden waren. Hermine aber war so überzeugt gewesen, dass er ihr den Wunsch nicht ausschlagen konnte.
Dumbledore räusperte sich.
"Du bist ein kluger Mann, Severus. Du weißt, dass niemand je davon erfahren darf. Und du weißt auch, dass damit nicht alle Probleme gelöst werden können."
Snape versteifte seine Haltung um ein Vielfaches, als er das hörte.
"Worauf wollen Sie hinaus?"
"Dein Dasein als Todesser, der Altersunterschied zwischen euch. Ihr werdet immer mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die anderen erspart bleiben. Allen voran aber deine Gefühle für Lily. Es liegt mir fern, dich daran zu erinnern. Aber ich sehe es als meine Pflicht ihr gegenüber an, dass du ehrlich zu ihr bist."
"Sie weiß es längst. Ich habe es ihr gesagt."
"Hast du?" Er schien überrascht und räusperte sich. "Nun denn. Wo soll die Hochzeit stattfinden?"
Ein Großteil der Anspannung fiel bei diesen Worten von den Gesichtszügen des Professors ab. Schaudernd entfaltete er seine Arme und legte die Hände in den Schoß. Dass der alte Mann plötzlich Interesse zeigte, war nach all den Diskussionen zumindest ein Anfang.
"In einem kleinen Muggeldorf in der Nähe ihres Geburtsorts. Niemand aus unserer Welt wird dort je nach uns oder Spuren einer Vermählung suchen."
"Eine Muggelhochzeit", wiederholte Dumbledore tonlos und strich dabei mit seinen Fingern durch den langen Bart. Er lachte. "Ist das die Möglichkeit! Und du bist sicher, dass das funktionieren wird?"
"Was die Hochzeit selbst anbelangt, sehe ich keine allzu großen Hürden. Angeblich gibt es Priester, die einfache Hochzeiten ohne größere religiöse Zeremonien vollziehen. Genau das, was wir suchen."
"Ich nehme an, das war Miss Grangers Vorschlag."
Snape zuckte kaum merklich zusammen. Er fühlte sich unwohl dabei, ihm zu verraten, dass die ganze Idee von ihr stammte.
"Zwingen Sie mich nicht dazu, näher darauf einzugehen, Albus."
"Wenn es dir so viel bedeutet ..."
"Wie gesagt, meine Erfahrungen mit kirchlichen Dingen sind begrenzt", fuhr Snape ungehalten fort. "Ich bin sicher, sie weiß darüber mehr als ich. Ich für meinen Teil halte es für machbar. Allerdings benötigen wir über die Ferien etwas Zeit, um ein paar Angelegenheiten zu regeln. Dazu brauche ich Ihre Zustimmung, Schulleiter."
"Du möchtest dir ein paar Tage frei nehmen. Ist es das?"
Erneut nickte Snape und Dumbledore stimmte mit ein.
"Das lässt sich einrichten, denke ich. Bestell Tom, ich hätte dich beauftragt, Nachforschungen bezüglich neuer Rekruten für mich zu erledigen. Der Orden hat ein gravierendes Problem, Nachwuchs zu finden. Das wird ihn zufriedenstellen."
War es wirklich so einfach? Er hatte alles etliche Male von vorn bis hinten durchdacht. Das größte Problem würde werden, den Priester davon zu überzeugen, dass beide Parteien die Heirat wollten.
Schon der obligatorische Blick in den Spiegel jeden Morgen verriet ihm, dass das nichts war, was er unterschätzen sollte. Sie war jung. Er hingegen ... Dann natürlich die Sache mit der Muggelkleidung; er hasste schlecht sitzende Sachen seit seiner Kindheit. Und am Ende blieb da noch das Haus. Sein Elternhaus. Wie er ihr das beibringen sollte, wusste er noch immer nicht. Es war entwürdigend, sich vorzustellen, was sie dazu sagen würde. Andererseits hatte sie ihn seit ihrem Aufeinandertreffen vor dem Grimmauldplatz mehr als überrascht. Kaum ein anderer Mensch konnte das von sich behaupten. Es war ein Grund mehr, weshalb sie sich seinen Respekt verdient hatte. Trotzdem fiel es ihm immer noch schwer, zu glauben, dass sie tatsächlich bereit war, sich so felsenfest auf ihn einzulassen. Hätte sie nicht selbst den Vorschlag gemacht, wäre es inakzeptabel gewesen, auch nur daran zu denken. Hochzeiten kamen für andere infrage. Nicht für ihn. Das war immer so gewesen. Bis zuletzt. Er wollte sie nicht gehenlassen. Er wollte sie festhalten. Wenn nötig, um jeden Preis. Sie hatte sein Leben verändert und alles, was er für unmöglich gehalten hätte, möglich gemacht. Er hatte sogar angefangen, jemanden zu lieben, der nicht Lily war.
