12. Kapitel: „Der Morgen danach"
Die aufgehende Sonne offenbarte schonungslos das ganze Ausmaß der Zerstörung durch die Drachen. Der Gestank von verbranntem Holz hing noch immer in der Luft und das Stöhnen der Menschen, die Verbrennungen erlitten hatten hallte durch die Häuser der Heilung und wollte nicht nachlassen.
Linnyd blickte von ihrem Zimmer aus auf die Trümmer der Häuser hinunter, die an den Platz grenzten, auf dem der weiße Baum Gondors stand. Dessen Äste, Blätter und Blühten wiegten sich sachte im Wind und schienen ihr freundlich zu zuwinken. Ein freudloses Lächeln umspielte kurz ihre Lippen, bevor sie sich von dem trostlosen Anblick abwandte.
Sie empfand tiefe Trauer seit dem Augenblick, da sie die Stadt betreten hatte. Fels, Stein und Glas schlossen sie ein, hielten sie gefangen, wie einen Vogel in seinem Käfig und sie hatte das Gefühl, dass sie bereits seit Monaten hier sei, dabei waren gerade erst zwei Tage vergangen, seitdem sie mit Prinz Legolas hier eingetroffen war. Die einzige Pflanze, die sie seither gesehen hatte, war jener Baum, den sie nun von hier aus betrachtete, doch er reichte bei weitem nicht aus, um ihr die Kraft zu schenken, die sie so dringend benötigte.
Sie würde diese Menschen nie verstehen. Wie konnten sie in diesen kalten Mauern nur freiwillig leben?
Sie verharrte reglos, als sie Schritte auf dem Gang vernahm und hätte am Liebsten geflucht, als sich ihre Befürchtung bestätigte und diese vor ihrer Türe inne hielten. Das leise Klopfen räumte auch die letzte Hoffnung aus und sie erteilte widerwillig die Erlaubnis zum Eintreten.
Ein Diener in der Livree der Stadt verbeugte sich steif vor ihr und erinnerte sie in ironischer Art und Weise an einen Fischreiher mit langem Schnabel und dürren Beinen. Fast hätte sie gelacht.
„Der König verlangt nach Euch, edle Herrin. Er wünscht, Euch in seinen privaten Gemächern zu treffen, um mit Euch zu sprechen."
Das stumme Lachen blieb Linnyd im Halse stecken und sie merkte, wie Hitze bei diesen Worten ihre Wangen empor stieg. Dem Boten schien diese Veränderung nicht zu entgehen, denn er trat hastig einen Schritt zurück, so als fürchtete er, sie würde ihm jeden Augenblick an die Kehle gehen.
„So, er verlangt also, mich zu sehen? Um mit mir zu reden? Nun, dieses Gespräch wird er nicht so rasch vergessen!", entfuhr es ihr. Der Diener machte noch einen weiteren Schritt rückwärts auf die Türe zu. Linnyd war an ihm vorbei, noch bevor er sich entschuldigen konnte und seinem Abgang das Aussehen der Flucht zu nehmen.
Linnyds Schritte waren gerade so gemäßigt, dass sie nicht rannte, doch sie schritt weit ausschweifend aus, sodass nur ein Elb mit ihr hätte mithalten können. Dabei murmelte sie die übelsten Verwünschungen in Elbisch, die ihr einfielen.
In kürzester Zeit gelangte sie zu den Gemächern des Königs und vergaß bewusst das höfliche Klopfen. Sie stürmte regelrecht in das Zimmer, fand es zu ihrer Verwunderung jedoch verlassen vor. Immer noch zornig, aber auch neugierig sah sie sich in dem hellen Raum um und entdeckte einen Durchgang ins Freie.
Die Türflügel standen offen und gaben den Blick auf einen Garten frei, der Linnyd den Atem stocken ließ. Gleichzeitig vollführte ihr Herz einen Satz der Freude. Pflanzen, Bäume, leuchtende Blüten. Endlich hatte sie das Gefühl, wieder frei atmen zu können.
Bei genauerer Betrachtung erkannte man jedoch, wie trügerisch die Schönheit dieser Oase war. Die Illusion der Farben, die sie eben noch wahrgenommen hatte, verblasste und zurück blieb der Schatten der Pracht, in der dieser garten sonst erstrahlen mochte.
Die Rosensträucher und Weißdornhecken wirkten verwelkt, Schatten spendende Bäume standen überall, aber nur wenige Blätter hingen an den Zweigen. Im Herzen des Gartens befand sich ein Zierbrunnen, in dessen Mitte sonst sicherlich das Wasser sprudelte und fröhlich vor sich hin plätscherte. Nun herrschte völlige Stille – keine Bienen summten, kein Vogel zwitscherte. Die Stille war fast bedrückend.
Selbst der König, der auf einer niedrigen Mauer saß, wirkte versteinert. Reglos wie eine Statue.
Ihre Wut auf ihn, weil er sie zu sich befohlen hatte – befohlen! – war beim Anblick des unerwarteten Gartens aus ihrem Bewusstsein gewichen, doch sobald sie ihn erblickt hatte, war ihr Zorn erneut aufgeflammt.
Was war in ihn gefahren, dass er glaubte, er könne sie zu sich bestellen, wie einen seiner Diener! Sie war eine Erstgeborene und musste sich von keinem Menschen – auch wenn er ein König war – derartiges Benehmen bieten lassen!
Zu einem anderen Zeitpunkt hätte sie vielleicht abgewartet, worüber er mit ihr sprechen wollte, aber es waren in den letzten Stunden zu viele Dinge geschehen, die ihre Seele in Aufruhr versetzt hatten. Mit großen Schritten überwand sie die Distanz zwischen ihnen und baute sich mit in die Hüften gestemmten Händen vor ihm auf.
Er schaute beinahe überrascht auf, so, als wäre er bis zu ihrem Erscheinen in tiefste Gedanken versunken gewesen, und sie nutzte die Gelegenheit der Verwirrung in seinem Gesicht, um ihm mit ihren Worten zuvor zu kommen.
„Ich kann nicht glauben, dass Ihr es gewagt habt, mich wie eine Leibeigene zu Euch zu zitieren. Ich dachte, selbst Euch sei nun inzwischen klar, wem meine Loyalität gilt! Es war Prinz Legolas' Wunsch, dass ich ihn begleite und nur ihm gegenüber bin ich verpflichtet. Wenn er Euch in Zukunft mitteilen möchte, was ich in Erfahrung gebracht habe, dann bin ich damit einverstanden. Wie ich schon einmal gesagt habe, möchte ich jedes Leben schützen und dies werde ich mit aller mir in der Macht stehenden Kraft tun.
Aber erwartet nicht von mir, dass ich Euch helfe, diese Geschöpfe des Feuers und der Luft zu zerstören! Das ist es doch, was Ihr von mir zu erfahren erhofft. Eine Waffe, die diese Kreaturen töten kann, um Eure Stadt zu schützen. Die Menschen, die nicht einmal dazu in der Lage sind zu erkennen, dass die Drachen …"
„Das genügt!", donnerte Aragorn.
Augenblicklich verfiel Linnyd in Schweigen, zeigte jedoch einen entschlossenen Gesichtsausdruck. Sie wusste, was sie wollte und würde keinen Millimeter von ihren Standpunkten zurückweichen. Ganz gleich, was der König ihr auch sagen mochte, oder wie sehr er sie bedrängen würde. Sie war nicht hier, um ihm auf diese Weise zu helfen. Prinz Legolas wusste das.
Er kannte ihre Einstellung zum Kampf und dem damit verbundenen Tod und es gab nichts, was sie mehr verachtete – mehr hasste. Sie würde eine Lösung finden! Eine andere Lösung, die alles Leben schützen würde und sei es nur, um den Menschen zu beweisen, dass sie dazu in der Lage war.
Trotzig reckte sie das Kinn vor, um sich dem gegenüber zu wappnen, was Elronds Ziehsohn nun von ihr fordern würde und dabei registrierte sie zum ersten Mal, seit sie den Garten betreten hatte, seine äußere Erscheinung.
Er trug noch immer die gleiche Kleidung, in die er am Vorabend gekleidet gewesen war – jedenfalls konnte sie sie unter dem Schmutz und Blut erahnen. An etlichen Stellen war der Stoff zerrissen und entblößte darunter nicht weniger verschmutzte Haut. Eine Hand, die mit den Resten eines Verbandes umwickelt war, ruhte auf dem weißen Stein der Mauer, die andere rieb seine Schläfe, so als habe er Kopfschmerzen. Unter den Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht fielen, glaubte sie ebenfalls Blut schimmern zu sehen, doch bevor sie auch nur etwas zu diesen Feststellungen sagen konnte, oder gar handeln, erstickte seine erhobene Hand ihre Bemühungen.
Seine Stimme klang müde und hatte jegliche Schärfe verloren, als er sprach.
„Es tut mir leid, wenn meine Aufforderung mich hier aufzusuchen, in Euren Augen einem Befehl gleich kam. Glaubt mir – nichts lag mir ferner, als diesen Eindruck bei Euch zu erwecken." Er atmete tief durch, bevor er fortfuhr.
„Ich wollte mich lediglich für meine harschen Worte gestern entschuldigen und darum bitten, dass Ihr meine Entschuldigung annehmt. Ich… Es gibt eigentlich kein Argument, mit dem ich mein Verhalten rechtfertigen kann, aber bitte - nehmt die Umstände unseres ersten Zusammentreffen als mildernden Maßstab. Ich war nicht ich selbst.
Solltet ihr mir trotz allem weiterhin mit Eurem Rat zu Seite stehen, so wäre ich Euch dafür unendlich dankbar."
Sein Blick traf den ihren und es trat eine beklemmende Stille ein, als er auf ihre Antwort wartete. Kurz darauf nickte sie, wenn auch sehr widerwillig wie es schien. Dann, ganz zart, so das man es eigentlich nur erahnen konnte, stahl sich ein verlegenes Lächeln in ihre Mundwinkel, aber er nutzte diese kleine Geste.
Er erwiderte ihr Lächeln herzlich und stieß sich von der Mauer ab, um nicht länger zu ihr hoch blicken zu müssen, doch plötzlich streckte er seine Hand hilfesuchend aus. Linnyd ergriff sie ohne nachzudenken und im nächsten Augenblick klammerte er sich an sie, um sich aufrecht zu halten und zog sie fast mit sich zu Boden.
‚Schwerer Brocken', schimpfte sie in Gedanken, doch sie stützte ihn, so gut sie es vermochte. Schwankend und taumelnd gelangten sie in das Gemach und sie ließ ihn auf die Bank in einer der Fensternischen sinken.
Erschöpft lehnte sich der König zurück und bedeckte seine Augen mit seiner Hand. Als er diese wieder sinken ließ, ging sein Atem wieder leichter, aber sein Blick zeigte deutlich, dass er den Rest seiner Kraft verbraucht hatte.
Unsicher, was sie nun tun sollte, trat sie näher zu ihm und beugte sich etwas herunter.
„Soll ich jemanden holen? Einen Heiler oder einen Eurer Bediensteten? Ich könnte auch…"
„Ihr könntet mir sagen, ob ihr meine Entschuldigung annehmt. Obwohl ich mich nun wohl erneut entschuldigen muss, weil ich Euch nun bereits ein zweites Mal derart respektlos gepackt habe." Seine Worte waren leise gesprochen und klangen schleppend.
Fast empfand sie Mitgefühl für ihn. Sie hatte gehört, dass er in dieser Nacht alles getan hatte, um sein Volk zu schützen und dabei nicht im Mindesten auf sich selbst Rücksicht genommen, wie es schien. Zusätzlich hatte sie erfahren, dass er sich dabei sehr bemüht hatte, ihren Ratschlag zu beherzigen und die Drachen nicht mit Waffengewalt zu verletzten.
Warum er dies getan hatte blieb ihr ein Rätsel. Nachdem sie das Turmzimmer verlassen hatte, war sie der festen Überzeugung gewesen, dass er aus purer Sturheit ihr Wissen nicht beherzigen würde!
Doch sie schien sich getäuscht zu haben. Jedenfalls schien er doch ein wenig Verstand zu besitzen und konnte seine persönlichen Gefühle zurückstellen, wenn es galt, wichtige Entscheidungen zu treffen.
Sie ließ ihren Blick noch einmal über seine Erscheinung wandern und verharrte dann in seinem Antlitz. Seine Augen waren nun geschlossen und die Züge wirkten entspannter, als noch vor wenigen Momenten. Doch er schlief nicht. Seine Hand massierte den Knöchel seines linken Beines, das er über sein rechtes Knie geschlagen hatte.
„Nun…, wenn ich nichts mehr für Euch tun kann…" Sie wandte sich schon um, als sie seine Stimme aufhielt.
„Ihr habt mir noch immer nicht geantwortet." Es war eine stumme Bitte in dieser Feststellung und sie wusste, dass er sie so einfach nicht entkommen lassen würde.
Linnyd schwieg und überlegte, wie sie aus dieser Situation wohl am Besten hinaus gelangen konnte und suchte dabei den Raum nach einer Fluchtmöglichkeit ab. Welchen Weg sollte sie nehmen, wenn sie so rasch wie es eben ging des Königs Gemächer verlassen wollte?
Doch dann blieben ihre Augen durch die geöffneten Flügeltüren an dem Garten hängen. Auch wenn seine Farben eher die des Herbstes waren und nicht, wie es eigentlich hätte sein sollen, die des Frühlings, so beschwichtigte er dennoch ihr Gemüt.
Das Feuer ihrer Wut brannte herab auf ein wärmendes Glühen und der Sturm ihres Zorns ließ nach. Sie konnte diesen Mann nicht in sein Schicksal rennen lassen, konnte ihr Wissen nicht zurückhalten und damit viele Menschenleben gefährden. Aber daraus ergab sich zweifelsohne, dass sie auch ihm vergeben musste, denn sie mussten einen Weg finden, miteinander auszukommen. Wenigstens so lange, bis sie den Grund für die Angriffe der Drachen herausgefunden hatte. Dann könnte ihr Prinz seinem Freund weiterhin zur Seite stehen und sie diese steinerne Gruft verlassen. Je eher, desto besser.
„Ich nehme Eure Entschuldigung an – und ich werde Euch helfen." Damit verließ sie eiligen Schrittes das Zimmer, bevor der König noch etwas darauf erwidern konnte.
Hätte sie sich noch einmal umgedreht, so hätte sie sehen können, wie Aragorn erleichtert aufatmete und dann lächelnd den Kopf schüttelte. Er wurde einfach nicht schlau aus dieser Elbin. Wie auch. Gerade hatte er sich eine Meinung über sie gebildet, da tat oder sagte sie etwas derart unerwartetes, dass er diese wieder revidieren musste.
Bergil hatte Aiglos am Abend herzlich willkommen geheißen und ihn dann in eine geräumige Kammer geführt, mit schmalen Fenstern, die einen Blick auf das Tal boten. Entlang der Wände lagen mehrere Strohlager, und in der Raummitte stand ein Tisch mit Bänken. Niemand war dort.
Aiglos war müde auf eine der Bänke niedergesunken und es hatte nicht lange gedauert, da war eine Magd gekommen und hatte ihm eine Schale mit heißem Eintopf und Brot gebracht. Als er wieder alleine gewesen war, war er über das Essen hergefallen – es hatte göttlich geschmeckt– und dann zu einem der Strohbetten getorkelt, wo er augenblicklich eingeschlafen war.
Ein nicht gerade sanfter Griff an der Schulter holte ihn aus schweren Träumen. „He. Was hast du in meinem Bett verloren?", fragte eine junge Stimme entrüstet.
„Lass ihn schlafen, Etienne. Er hat sechs Tage und auch fast auch die ganzen Nächte im Sattel gesessen."
Aiglos rührte sich nicht und hielt auch die Augen geschlossen. Er fühlte sich immer noch furchtbar erschöpft und müde und hoffte, dass die zweite Stimme Gehör fand.
„Woher weißt du das schon wieder, Albion? Wer ist der Kerl?", fragte der erste, der offensichtlich Etienne hieß.
„Wer er ist? Hast du es denn noch nicht gehört? Er ist der Neffe des Königs und erst vor einigen Stunden hier eingetroffen. Ich habe gehört, wie sich die Stallburschen darüber unterhielten. Sein Pferd ist wertvoller, als alles, was ihr in eurem Leben je besitzen werdet! Und wisst ihr, wer sein Vater ist?"
Albion schien die gespannte Pause auszunutzen, um seiner Antwort mehr Spannung zu geben. Aiglos konnte sich ausmalen, dass die Personen im Raum sicherlich verneinend die Köpfe schüttelten, während sie sich erwartungsvoll vorbeugten, um die Antwort ja nicht zu versäumen.
„Er ist der Sohn von Boromir, Denethors Sohn! Der letzte Truchsess von Gondor war sein Großvater!"
Aiglos hätte am liebsten laut aufgestöhnt. Er hatte nicht gewollt, dass seine zukünftigen Kumpane so rasch von seiner Herkunft erfuhren. Er wollte einer unter ihresgleichen sein – ein ganz gewöhnlicher Knappe.
„Neffe des Königs oder nicht. Er liegt in meinem Bett! Und wo soll ich jetzt schlafen?"
„Auf dem Fußboden?", schlug Albion vor und man hörte das Grinsen in seiner Stimme. „Du weißt doch. Was uns nicht umbringt, macht uns härter."
„Danke, dass du mich dran erinnert hast.", murmelte Etienne ergeben und in der kurzen Stille, die nun folgte, schlief Aiglos wieder ein.
Stimmen, Gepolter und ein Durcheinander von Gelächter weckten ihn. Er wusste sofort, wo er sich befand und als er sich aufsetzte, fand er, dass die Zahl seiner Zimmergenossen auf sieben angewachsen war.
Es waren ausnahmslos junge Burschen, einige ein wenig jünger, andere ein wenig älter als er selbst. Durch die hohen Fenster fiel das Sonnenlicht und sie stand bereits höher, als Aiglos es erwartet hätte. Es musste beinahe Mittag sein! Die Jungen starrten ihn neugierig an und schienen ihre Unterhaltungen vergessen zu haben.
Aiglos wünschte, die Erde würde sich auftun und ihn verschlingen und er rieb sich verlegen den Nacken.
„Guten Tag. Mein Name ist…"
„Aiglos, Sohn des Boromir – das haben wir schon gehört.", sagte einer, den er anhand der Stimme als Etienne erkannte. „Am Ende des Korridors findest du die Wäschekammer und neben der Türe steht ein Eimer mit Wasser. Du solltest auch deine langen Zotteln kämmen und dich dann zu uns setzten. Wir sind schon ganz gespannt auf die Geschichte, die du uns über dein plötzliches Erscheinen berichten kannst! Im übrigen, sei willkommen in dieser ruhmreichen Runde und fühle dich herzlich eingeladen, einen Becher verdünnten Wein mit uns zu trinken. Aber bitte – suche dir von heute an ein anderes Bett! Meins würde ich gerne wiederhaben."
Alle lachten und die Nervosität fiel von Aiglos ab, angesichts dieser ehrlichen Begrüßung.
Als er sich schließlich gewaschen, neu eingekleidet in die Tracht der Knappen und mit frisch gekämmten Haaren zu ihnen gesellte, hatte er das Gefühl, als fiele eine ungeheure Last von seinen Schultern.
„Erzähl.", forderte Etienne ihn noch einmal auf und schob ihm einen Becher Wein zu. Alle Blicke ruhten auf Aiglos und nach einem Schluck räusperte er sich und begann.
„…und schließlich habe ich Onkel Aragorn gefunden, der mich sofort zu Bergil geschickt hat – und hier bin ich.", schloss er seinen Bericht, dem eine ungewöhnliche Stille folgte.
Wieder war es Etienne, der Aiglos aus der Verlegenheit befreite.
„Und der König ist tatsächlich dein Onkel? Himmel!", doch er lachte, als er Aiglos Gesicht sah. „Keine Bange. Hier wird kein Unterschied gemacht, egal wer oder was du bist! Auch nicht von Hauptmann Bergil. Du solltest dir also schleunigst angewöhnen, ihn mit seinem Titel anzusprechen."
„Ich werde es mir merken."
Etiennes ernste Miene und die versonnenen, dunklen Augen in dem schmalen, blassen Gesicht ließen ihn älter wirken, als er tatsächlich war. Er war groß und schlaksig wie Aiglos, aber er hatte eine beherrschte, selbstsichere Art sich zu bewegen. Sein Gesicht war ebenmäßig, mit einer hohen Stirn und einer edlen, geraden Nase. Jetzt zog sich seine Stirn jedoch in Falten und er blickte Aiglos ernst an.
„Du hast einen verdammt festen Schlaf, Aiglos, sonst hättest du in der letzten Nacht persönlich herausfinden können, warum die halbe Stadt in Schutt und Asche liegt. Die Drachen sind wieder über Minas Tirith hergefallen." Etienne sprach das so selbstverständlich aus, dass Aiglos ihm fast auf den Leim gegangen wäre.
„Jetzt mal im Ernst, Etienne. Was genau ist hier geschehen?" Doch auf der Mine seines neuen Kameraden zeigte sich kein Anzeichen eines Lächelns.
„Ich wünschte, es wäre ein Scherz, Aiglos! Du hast doch sicher die Zerstörung in der Stadt gesehen, oder? Und es wird nicht sehr lange dauern, bis du die Ursache dafür selber sehen wirst. Diese geflügelten Biester werden wiederkommen, daran zweifele ich nicht. Aber…"
Wenn Etiennes Miene vorher schon ernst gewesen war, so nahm sie nun einen noch unheilvolleren Ausdruck an, der Aiglos' Herz schneller schlagen ließ. Er wusste, dass er gleich eine schlechte Nachricht erhalten würde und sein Gefühl trog ihn nicht.
„… du solltest jetzt lieber zu Hauptmann Bergil gehen. Er bat uns, dich zu ihm zu schicken, wenn du aufgewacht bist. Der Angriff war dieses Mal noch schlimmer, als zuvor und der König… Mir wurde erzählt, dass er verletzt worden ist."
Aiglos sprang so abrupt von seinem Stuhl, dass dieser umkippte und zu Boden schlug. Noch bevor Etienne ihm sagen konnte, wo er Hauptmann Bergil finden konnte, war dieser schon aus dem Zimmer gestürmt.
