Mittelerde nahm nun also allmählich die Ordnung an, die sie heute besitzt. Gil-galad und mich verband mittlerweile eine enge Freundschaft, die sogar so weit ging, dass er mir jegliche Formalitäten ihm gegenüber verbot. Ich will nicht sagen, dass ich diese Freundschaft ausnutzte, denn das wäre gelogen, sie war mir sogar in so manchen Situationen recht unangenehm. So hatte ich lange Zeit um Anerkennung in Gil-galads Gesellschaft kämpfen müssen, viele neideten mir meine Position und nahmen oftmals meine ungewöhnliche Natur als Halbelb zur Begründung, dass ich meiner Rolle in dieser Gesellschaft nicht würdig sei. Besonders aufgrund unserer Freundschaft aber sah sich Gil-galad oft in der (meiner Meinung nach nicht notwendigen) Pflicht, mich zu verteidigen. Ich weiß noch, es war in einem der ersten Jahre des neuen Zeitalters im Winter, als ich ungeschickt auf dem Eis ausgerutscht und hingefallen war, was einige Elben dazu nutzten, Beleidigungen über mich ergehen zu lassen. Gil-galad persönlich hatte die Betreffenden gemaßregelt. Es waren eben immer wieder solche Situationen, in denen ich mich aufgrund meiner Andersartigkeit in Schwierigkeiten gebracht hatte und Gil-galad mir stets wieder daraus hervorgeholfen hatte. Er hatte auch oftmals, wenn ich meine Arbeit nicht ganz zu aller Befriedigung erledigt hatte, ein Auge zugedrückt und darüber hinweggesehen, eben weil wir so gute Freunde waren. Ich meine, natürlich war ich ihm dafür dankbar, aber es machte mich doch stets auf's Neue verlegen, dass er für mich immer wieder Ausnahmen gemacht hatte.
Ich besaß eine der höchsten und mächtigsten Positionen im Reich, indem ich Gil-galads Berater war – zudem jener, der nebst Elloth den meisten Einfluss auf den König hatte. Vielleicht kann man durchaus sagen, dass wir gemeinsam regierten, auch wenn es natürlich noch immer Gil-galad war, der am Ende die Entscheidungen fällte. Es ist vielleicht ganz interessant, wenn ich sage, dass wir beide dieses eigentlich politische Verhältnis rein freundschaftlich betrachteten. Die Dienste, die ich Gil-galad leistete, und die Unterstützung, die er mir zukommen ließ, geschahen für uns rein aus Freundschaft. Und ganz nebenbei regierten wir das Reich.
Gil-galad wusste natürlich um meine schon früh aufgekommene Leidenschaft für die Heilkunst und gab mir alles, was ich für meine Studien benötigte. Er organisierte sogar einen seiner eigenen Heiler, damit er mich in die Lehre nahm – auch wenn es nicht lange dauerte und ich ihn übertraf … Parallel arbeitete ich viel in der Bibliothek, die wir, sobald die Zeit dafür gekommen war, in Gil-galads gerade eben errichtetem Palast einrichteten. In meiner Bescheidenheit muss ich anmerken, dass es Elros und ich es gewesen waren, die einen Großteil der Bücher zusammentrugen, nicht wenige daraus stammen aus den Beständen unserer Onkel, die gerettet werden konnten. So war auch ich es gewesen, der eines Tages beinahe von Thingols Politik erschlagen worden wäre. Wir hatten nicht bemerkt, dass die Regale über die Jahre morsch geworden waren. An diesem Tag wollte ich eigentlich mit einem anderen Werk zur gleichen Thematik arbeiten, denn Thingols Politik ist immerhin ein furchtbar dicker und schwieriger Wälzer, mit dem sich wirklich jeder quält. Ich wollte gerade eines der anderen Bücher aus dem Regal ziehen, als das Holz krachend nachgab. Es endete damit, dass ich unter Büchern und Staub begraben wurde, Thingols Politik mir den rechten Arm brach und Gil-galad als Entschuldigung in den nächsten Wochen mein Tagebuch nach meinem Diktat schrieb.
Es gab so einige solcher und ähnlicher Geschichten. Elros und mein achtzigster Geburtstag5 war so ein Fall. Normalerweise bat ich Gil-galad an solchen Tagen nur um eine Freistellung von meiner Arbeit für einige wenige Stunden – stillschweigend hatte Gil-galad immer einen ganzen Tag daraus gemacht –, um diese Zeit mit meinem Bruder zu verbringen. An jenem einen 26. coire 22 Z.Z. fing uns Gil-galad schon kurz, nachdem wir aufgestanden waren, ab und sprach mich ganz spontan von all meinen Pflichten für diesen Tag frei. Daraufhin scheuchte er uns fort und sagte, er wolle uns heute nicht einmal mehr ansatzweise arbeiten sehen. Am Abend gabelte er uns erneut auf und schleuste uns in die große Festhalle. Uns erwarteten dort eine Überraschungsfeier, viele Gratulanten und Unmengen an Geschenken. Dieser Elb! Wie ich Galad verflucht habe! Dabei wusste er genau, dass wir unsere Geburtstage stets ruhig angegangen waren.
Der Abend endete wohl damit, dass ich etwas zu viel Wein trank, jedenfalls ging es mir am nächsten Tag elend. Elros bat Gil-galad, mich zumindest für diesen Tag freizustellen. Kurz darauf kam Gil-galad bei mir vorbei, um sich persönlich zu erkunden, wie es mir ginge. Es endete mit einer Woche strenger Bettruhe und einem Weinverbot für die nächsten Jahrzehnte. Halbelben reagieren empfindlicher auf übermäßigen Weingenuss, da das aber Gil-galad bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen war, reagierte er „etwas" über.
Gil-galad sorgte jedes Jahr aufs Neue dafür, dass unsere Geburtstage unvergesslich wurden, wobei unvergesslich nicht immer im positiven Sinne gemeint ist, wie das obige Beispiel zeigt. In jedem Jahr buk er uns eine Torte mit der Anzahl Kerzen, die unserem Alter entsprach. Dementsprechend groß waren die Torten also. Dazu kam immer ein ganzer Korb voller Pfannkuchen, wofür er das Rezept seines Großvaters verwendete. Ich muss sagen, wenn Fingolfins Pfannkuchen wirklich so gut geschmeckt hatten, dann hätte er sie als Bestechungsmittel einsetzten sollen. Nachdem Elros nach Númenor gegangen war, buk Gil-galad sogar die doppelte Menge, um sowohl Elros als auch mir je eine Torte und einen Korb Pfannkuchen zukommen zu lassen. Als ich wiederum Bruchtal errichtete, schickte er Torte und Pfannkuchen alljährlich hierher, nicht selten brachte er das Backwerk persönlich vorbei. Man kann sich das Chaos in der Küche des Palastes vorstellen, das er dabei anrichtete, zumal er sich von niemandem ins Handwerk pfuschen ließ.
Es mag vielleicht so wirken, als würde mich Gil-galads Art hin und wieder ärgern, aber das ist nicht der Fall, es war niemals so gewesen. Im Gegenteil war ich insgeheim sogar sehr froh über seine Aufmerksamkeit, besonders nach jenem 26. coire 442 Z.Z.
Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben, denn noch immer ist der Schmerz über den Verlust meines geliebten Bruders so unendlich groß. Gil-galad hatte mir schon 438 gestattet, für eine Weile nach Númenor zu gehen, damit ich den Lebensabend meines Bruders bei ihm verbringen konnte. Nach Elros' Tod hatte mich jeglicher Lebenswille verlassen, ich war mehr ein Gespenst als ein lebendes Wesen. Nachdem ich nach Forlond zurückgekehrt war, konnte ich deswegen lange Zeit nicht mehr meiner Arbeit nachgehen. Zunächst noch hatte ich mich zwar mit Arbeit überhäuft, doch das linderte den Schmerz keineswegs und schließlich brach ich seelisch und körperlich darüber zusammen. Ich hatte nicht mehr leben wollen, da ich das Leid nicht mehr hatte ertragen können. Gil-galad ist es zu verdanken, dass ich aus diesem Loch gefunden hatte, und es ist ebenso ihm zu verdanken, dass ich nicht jedes Jahr aufs Neue in diesem Loch versank. Deswegen setzte er die Tradition mit Kuchen und Torte auch nach Elros' Tod fort und tat alles nur Erdenkliche, um mich an diesen Tagen auf andere Gedanken zu bringen. Ich bin ihm so unglaublich dankbar dafür, dass er mir meinen Lebenswillen wiedergab. Was hätte ich nur mehr von meinem Freund verlangen können?
Wir waren in erster Linie Freunde, natürlich, und doch verstand ich mich auch als Dienender. Ich merkte, dass es mir sehr viel Freuden bereitete, Gil-galad mit meinen Diensten behilflich sein zu können. Ich verstehe mich auch heute noch als Diener, als Diener an meinem eigenen Volk von Imladris. So war es wohl absehbar gewesen, dass Gil-galad mich zu seinem Herold ernannte. Natürlich stäubte ich mich zunächst dagegen. Dieses Amt war mit einer so großen Verantwortung verbunden und machte mich zu einem der einflussreichsten und mächtigsten Würdenträger des Landes. Nein, das konnte ich nicht mit mir verantworten. Doch dann erkannte ich, welche Möglichkeiten mir dieses Amt doch auf der anderen Seite eröffnete. Gil-galad gab mir die Möglichkeit in die Hand, meiner Berufung, ihm zu dienen, auf optimalstem Wege nachzugehen.
Mich zu seinem Herold zu ernennen hatte sich für Gil-galad als notwendig erwiesen. Einige Jahre nach Beginn des Zweiten Zeitalters wurden die ersten Orks gesichtet, noch weitestgehend herrenlos und recht ziellos umher streifend. Sie wurden in den Ered Luin ausgemacht, also in Reichweite zu Lindon. Es wurde Zeit zu handeln und die Waffen zu schärfen.
Gil-galad und ich hatten schon früh begonnen, gemeinsam den Waffengang zu absolvieren. Beinahe täglich schwangen wir unsere Waffen im freundschaftlichen Duell, er Aeglos, ich Amrods Schwert. Es war für uns Sport und Notwendigkeit zugleich. Daher wusste er, wie gut ich mit der Waffe in der Hand war, auch wenn ich sie noch nie im ernsten Kampf geführt hatte, aber das hatte Gil-galad auch noch nie. Zwar hatte er den Fall der Häfen erlebt, doch war damals nie ein Ork nahe genug an ihn herangekommen, als das er Aeglos zur Verteidigung hätte einsetzten müssen.
So war der Feldzug gegen die Orks in den Ered Luin für uns beide das erste Mal, dass wir in den Kampf zogen. Es waren im Vergleich zu späteren Schlachten nur kleine Scharmützel, doch immerhin. Hier schon begann Gil-galad die Neigung zu entwickeln, mit schimmerndem Brustpanzer auf Anhöhen zu stehen, wo er den Feind erwartete und schon möglichst früh gesehen wurde. Es war seine Art, seinem Trotz dem Feind gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Er hasste die Orks und alle von ihrer Art wie so viele von uns, denn sie hatten ihm einst alles genommen, was ihm lieb und teuer war.
Viele solcher Kämpfe sollten in diesen Tagen folgen, denn der Feind begann sich wieder zu regen, auch wenn wir lange Zeit nichts davon wussten. Oft zogen Gil-galad und ich gemeinsam in den Kampf, doch hin und wieder schickte er mich auch allein gegen den Feind aus. Um auf mein Vorwort zurückzugreifen, kann ich nur betonen, dass ich zwar schon so einige Male dabei kleinere Heere von mehreren hundert Mann Stärke führte, dies aber nie die Dimensionen ausgewachsener Schlachten angenommen hatte.
Gerade durch die wieder aufkommenden Kämpfe wurde eines besonders notwendig: Gil-galad brauchte nun dringend einen Erben. Und gerade das war ein zugleich haarsträubendes und erheiterndes Thema. Gil-galad hielt für sich persönlich nicht viel von der Ehe. Also hielt er sich meilenweit von den Frauen fern, womit er reihenweise die Damenwelt in die Verzweiflung trieb. Eine Frau würde ihn nur ablenken von seiner Aufgabe und Kinder wären purer Stress. Also schrieb ich es mir auf die Fahne, ihm zu einer Frau zu verhelfen. Ja, wir hatten damit sehr viel Spaß, da Gil-galad mit derselben Methode konterte. Also warfen wir uns ständig gegenseitig an den Kopf, der andere bräuchte dringend eine Frau, stritten es aber gleichzeitig für uns selbst ab. Mir zumindest hat Vardamirs „Onkel Elrond" genügt, aber Gil-galad war noch immer der König!
Ich weiß noch, es war wohl um 2000 Z.Z., als ich zusammen mit Gil-galads anderen Beratern beschloss, Gil-galad eine Frau zu verpassen. Wir nahmen uns die attraktivsten Bewerberinnen vor und arrangierten wie zufällig Treffen zwischen ihnen und Gil-galad. Dummerweise flogen wir auf, als wir unseren Trumpf ausspielten und unbedingt wissen wollten, was passiert. Zumindest nahm es Gil-galad mit Humor. Ich glaube allerdings, dass es seine Rache war, als er im Jahr darauf völlig überraschend mit einer besonders großen Torte zu meinem Geburtstag nach Imladris kam und vor allen verkündete, er kenne mich ja schon, seit ich ein Säugling gewesen sei, und er mich sogar schon auf dem Arm gehalten habe. Ich hielt dagegen, dass er es nicht wissen könne, ob er Elros oder mich gehalten habe, da wir da noch nicht unsere Namen erhalten hatten, aber Gil-galad wäre nicht er, würde er sich davon aufhalten lassen. Er setzte sogar eines obendrauf und rief mich zu seinem Erben aus. Mich! Er hatte mich zu der Zeit schon zum Vizekönig von Eriador ernannt, worauf ich später noch eingehen werde, doch der Erbe des Hohen Königs, das war wirklich zu viel des Guten. Ich hatte mich vehement mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, doch Gil-galad hatte niemals mehr davon abgelassen. Er hatte es sogar in seinem Testament vermerkt. So gesehen wäre ich heute der Hohe König, ein befremdlicher Gedanke, auch wenn ich im weitesten Sinne der letzte noch lebende männliche Nachkomme Finwes bin.
5Wir halten es nach menschlicher Art und feiern (oder in meinem Fall: feierten) unseren Geburtstag und nicht unseren Zeugungstag.
