frozenheart7: It´s good to read a review from you again. :) Barry will find out about Alex very soon. I promise. :)
Leon S. Kennedy1977: Ja, ein verlassenes Labor ohne Zombies ist wirklich mal was Neues für unsere Helden. Barry wird Alex bald auf die Schliche kommen, es dauert nicht mehr lange. :)
Chris atmete tief durch und zog Jill näher an sich. Sie seufzte und schmiegte sich an seinen muskulösen Körper. Es war das erste Mal seit Langem, dass sie wieder eine Nacht miteinander verbracht und erholsam geschlafen hatten, und keiner der beiden war schon bereit, aufzustehen. Chris blinzelte kurz, aber schloss die Augen sofort wieder. Er wollte weiterschlafen, aber da spürte er etwas auf der Decke und einen Augenblick später legten sich zwei Pfoten auf seinen Oberarm. Eine kalte Schnauze berührte ihn am Ohr, sodass er aufschreckte. Ihr Hund war ins Schlafzimmer gekommen.
„Was ist denn los?", fragte Jill, die von dem plötzlichen Ruck wachgeworden war, verschlafen und rieb sich die Augen.
Chris deutete mit dem Daumen hinter sich. Ihr Hund stand mit den Vorderpfoten auf der Decke neben ihrem Bett und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz.
„Wie spät ist es?", fragte Jill und sah auf den Digitalwecker auf dem Nachtkästchen. „Halb acht. Das ist spät."
„Ja, ist ja gut. Wir stehen ja schon auf", sagte Chris und streichelte den Hund am Kopf. „Was hast du denn da?"
Der Hund ließ sein Handy auf das Bett fallen und bellte einmal laut. Chris konnte nur einen kurzen Blick auf das Display werfen und sah, dass O´Brian ihn fünfmal angerufen hatte, da läutete es erneut. Er grinste und hob ab, während er ihren Hund mit einem Streicheln belohnte.
„Ja?"
„Chris, Sheva hat sich gemeldet. Sie hat einen Namen für uns."
Chris drückte auf Lautsprecher, damit Jill mithören konnte. „OK, was haben wir?"
„Die Leute von der Universität in Nairobi konnten sich an beteiligten Forscher von damals tatsächlich erinnern. Sein Name ist Dr. Paul Meyers."
Chris und Jill sahen sich an. „OK, wer ist das? Wo finden wir ihn?"
„Das war zum Glück nicht so schwierig, wie ich anfangs dachte", sagte O´Brian. „Meyers hat einen Lehrstuhl an der Universität von Boston. Er ist Professor für Molekulargenetik."
„Gott sei Dank", sagte Jill. „Keine Reise um den halben Erdball."
„Treffen wir uns im Büro", ordnete O´Brian an. „Die anderen sind schon auf dem Weg. Ihr fliegt sofort."
Chris legte auf. „Na dann, auf ein Neues."
„Professor Meyers?"
„Ja?"
Professor Dr. Paul Meyers war ein Mann Mitte fünfzig. Er trug eine Brille und war in einen weißen Laborkittel gekleidet. „Sie müssen mein Auftreten entschuldigen und dass ich Ihnen nicht die Hand schüttelte, ich komme gerade aus dem Labor. Was wünschen Sie?"
Chris, Jill, Claire, Barry, Leon und Helena betraten das Büro des Professors. Sie stellten sich vor und zeigten ihre Dienstausweise.
„Gütiger Himmel, was kann ich denn für TerraSave und die B.S.A.A. tun?", fragte Meyers etwas erschrocken.
„Wir haben nur ein paar Fragen an Sie", sagte Chris. „Es geht um Ihre Tätigkeit bei Pharmatech vor sehr vielen Jahren."
„Pharmatech? Ich habe damit schon lange nichts mehr zu schaffen!", sagte er entschieden.
Claire trat nach vorne. Meyers zog sich seinen Kittel aus und hängte ihn über seine Stuhllehne.
„Professor, es ist sehr wichtig", sagte sie mit Nachdruck. „Wir bearbeiten den Virusausbruch, der kürzlich in Washington stattfand, und unsere Spur hat uns nach Afrika zu der Forschungsarbeit von Pharmatech geführt. Wir habe die stillgelegte Anlage besucht. Sie waren doch einer der Forscher, die damals an dem Projekt mit den Gen- Bananen beteiligt waren, oder?"
Meyers wich ihrem Blick aus. „Und wenn?"
„Es wäre sehr wichtig, wenn Sie uns erzählen könnten, was damals passiert ist. Wir wissen bislang soviel, dass das Projekt eingestellt werden musste, weil Umweltschützer es verhindern wollten und weil die Menschen aus dem afrikanischen Dorf brutal ermordet wurden", sagte Helena. „Bitte erzählen Sie es uns aus Ihrer Sicht, als ein Forscher, der für Pharmatech gearbeitet hat."
Meyers schritt zur Tür und schloss sie, sodass der Lärm von den Gängen erstarb.
„Warum interessiert Sie das heute? Das ist 18 Jahre her."
„Wir waren selbst überrascht von diesem Zusammenhang", sagte Jill. „Glauben Sie uns, diese alte Geschichte wieder aufzuwühlen war nicht unsere Absicht."
Meyers ging hinter seinen Schreibtisch. „Also gut, was wollen Sie denn wissen?"
„Was genau war das für ein Projekt? Was haben Sie für Pharmatech gemacht?"
„Unser Forschungsteam entwickelte eine gentechnisch veränderte Kochbananensorte für die Menschen in der Region. Dort tötet Malaria jedes Jahr tausende Menschen und Medikamente und Behandlungen sind viel zu teuer. Die Menschen dort könnten sich die medizinische Versorgung niemals leisten. Deshalb verfolgten wir den Ansatz, einen Medikamentenwirkstoff in das Grundnahrungsmittel einzubringen."
„Hat das funktioniert?"
„In der Tat, ja. Wir waren selbst überrascht, aber die Pflanze wuchs sehr gut und unsere Versuche haben gezeigt, dass der Wirkstoff gegen Malaria wirkte. Es war ein Erfolg. Wir mussten sie nur noch in der Praxis testen."
„Sie haben mit den Dorfbewohnern verhandelt, nicht wahr? Sie sollten die Banane für Sie anbauen?", fragte Chris.
„Ja. Wir hatten die Pflanze bis dato nur im Gewächshaus gezogen, aber nicht draußen auf den Plantagen, deshalb mussten wir sie testen, um weitere Untersuchungsergebnisse zu bekommen und etwaige Schwierigkeiten im Vorfeld zu beseitigen. Die Dorfbewohner haben sich bereit erklärt, ein Versuchsfeld anzulegen", erklärte Meyers. „Meine Kollegen und ich haben schon gefeiert, denn wir waren zuversichtlich, dass die Pflanze sich auch im Praxistest bewähren würde."
„Aber?", hakte Claire nach.
„Dann kamen die. Wir wussten nicht, wer sie waren oder von welcher Organisation sie kamen, aber sie kamen eines Tages in das Dorf und wollten die Dorfbewohner davon überzeugen, wie gefährlich unsere Pflanze war und dass man nicht mit uns zusammenarbeiten sollte."
„Die Umweltschützer, oder?"
„Ja. Sie haben die Presse angespitzt."
„Dann wurden die Dorfbewohner ermordet, oder?"
„Ja. Wir erfuhren kurz danach davon. Wir hatten praktisch keine Chance, uns in irgendeiner Weise zu verteidigen, denn schon Tage nach diesem tragischen Vorfall, kamen gefälschte Daten und Studien an die Öffentlichkeit, die unsere Pflanze als gesundheitsschädlich einstuften. Es hieß, dass Pharmatech das vertuschen wollte und die Dorfbewohner dazu zwingen wollte, die Bananen anzubauen. Aber das war eine Lüge! Unsere Pflanze war nicht gefährlich und wir haben niemanden gezwungen."
„Pharmatech musste das Projekt einstellen."
„Ja. Die Firma erlitt einen finanziellen Schaden von 135 Millionen Dollar, weil man die Anlage dicht machen musste. Jahrelange Forschung umsonst. Dazu kam, dass das Land Kongo und Kenia eine Klage angestrebt haben. Sie mussten alles stilllegen und sich vom Kontinent komplett zurückziehen, sonst hätte man sie verklagt. Das hat ihnen massiv geschadet. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass wir alle unsere Anstellung verloren haben. Viele von uns haben in der Forschung nie wieder Fuß fassen können. Ich bin sehr dankbar, dass man meinen guten Ruf trotz allem geschätzt hat und mir die Professur hier gegeben hat."
„Professor Meyers haben Sie eine Idee, warum man das Ganze inszeniert hat? Wollte man Pharmatech in Afrika kaputt machen?"
„Davon ist auszugehen, aber den Zweck begreife ich bis heute nicht", sagte Meyers verbittert. „Was hatten die davon? Wir sind es gewöhnt, dass unsere Arbeit hin und wieder harscher Kritik von außen ausgesetzt ist, und dass Umweltschützer uns immer wieder Ärger, aber einfach unschuldige Leute zu ermorden stellte alles Bisherige in den Schatten."
„Aber einen Grund können Sie sich nicht vorstellen?"
„Nein, absolut nicht. Ich verstehe es nicht, bis heute nicht."
„Halten Sie es für möglich, dass die Umweltschützer jemanden in Ihr Team eingeschleust hatten?"
„Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich kannte alle diese Forscher sehr gut, ich hätte meine Hand für sie ins Feuer gelegt. Mir kam dieser Gedanke sehr oft, aber ich habe ihn immer verworfen."
„Aber möglich wäre es?", fragte Chris.
„Ausschließen kann ich es nicht", sagte Meyers schlicht.
„Professor, Sie sind doch Genetiker, oder?", fragte Claire. „Wie sind Sie zu Pharmatech nach Afrika gekommen?"
„Das ist richtig, genauer gesagt, bin ich Molekulargenetiker. Wir erforschen das Genom von Lebewesen auf der Zellebene. Ich bin international anerkannt für meine Arbeit, deshalb bot mir Pharmatech die Stelle in dem Projekt an. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Feld der grünen Gentechnik gearbeitet."
Claire wurde hellhörig. „Was haben Sie stattdessen gemacht?"
„Mein Forschungsschwerpunkt ist das menschliche Genom, genauer Genmutationen im menschlichen Genom. Ich habe in Afrika gearbeitet, weil ich dort ein seltenes Phänomen untersucht habe."
„Könnten Sie das bitte etwas genauer ausführen?", bat Claire.
„Natürlich. Ich stieß darauf, dass 2 % der Weltbevölkerung, von denen die meisten in Afrika leben, eine besondere Genmutation auf dem 16. Chromosom tragen, die ihnen ein außergewöhnliches Immunsystem verleiht. Sie haben einen Antikörper in sich, der sie gegen alle Arten von Viren immun macht."
Chris und die anderen wechselten vielsagende Blicke miteinander. Sie wussten genau, von was der Professor sprach.
„Ich habe daran viele Jahre in Afrika geforscht, habe sogar Fachartikel dazu veröffentlicht." Er überreichte ihnen eine Ausgabe eines Magazins. „Doch leider ist Forschung sehr teuer und Fördergelder sind schwer zu bekommen, vor allem, wenn man über etwas so seltenes forscht. Ich musste meinen Lebensunterhalt und meine Arbeit finanzieren, deshalb nahm ich die Stelle bei Pharmatech an. Ich habe aber trotzdem an meiner alten Arbeit weitergemacht."
„Dr. Meyers, wusste davon jemand?", fragte Leon alarmiert.
„Ja, einigen meiner Kollegen war es bekannt, an was ich geforscht habe. Das war auch nicht schwer, denn immerhin hatte ich einige Ergebnisse publiziert. Ich habe hin und wieder das Labor von Pharmatech für Untersuchungen genutzt. Wieso fragen Sie mich danach?"
„Weil wir glauben, dass es den Typen, die Ihr Projekt gestört haben, vielleicht eher um Ihre Arbeit ging, als um die Gen- Bananen", sagte Claire. „Dass sie Ihre Forschung stehlen wollten."
„Meine Forschung stehlen? Aber zu welchem Zweck?", fragte Meyers.
„Professor Meyers, was könnte man mit Ihrem Wissen anfangen? Kann man es irgendwie verwerten, was Sie herausgefunden haben? Ich meine im Zusammenhang mit Viren und biologischen Waffen?", fragte Claire. Sie musste ihre Aufregung zurückhalten.
Meyers überlegte einen Moment. Sein Gesichtsausdruck war beunruhigend und ließ nichts Gutes verheißen. „Ich habe nur Hypothesen oder Theorien aufgestellt, Grundlagen beschrieben. Mein Interesse galt nie der Anwendung in der Praxis, aber wenn Sie mich natürlich so fragen, dann würde ich sagen, dass man den Antikörper vielleicht dazu nutzen könnte, Impfstoffe zu entwickeln. Im schlimmsten Fall könnte man natürlich versuchen, Viren damit so zu manipulieren, dass man sie als gefährliche biologische Waffen einsetzen könnte, gegen die eben kein Immunsystem und kein Impfstoff mehr gewachsen ist."
„Verdammter Mist", fluchte Claire leise.
„Chris", flüsterte Leon ihm zu. „Jake! Das hat man mit ihm schon beim C- Virus gemacht!"
„Ja", sagte Chris besorgt. „Du hattest Recht, Claire."
„Ich wusste doch, dass mein Gefühl mich nicht getäuscht hat", sagte Claire.
„Konnte ich Ihnen weiterhelfen?", fragte Dr. Meyers.
„Ja, allerdings. Sie haben uns wirklich weitergeholfen. Haben Sie vielen Dank, Professor."
Alex atmete erleichtert auf. Sie hatte alle Sachen, die sie für ihre Arbeit im Labor benötigen würde, zusammen. Alle Bestellungen waren abgeschickt, jetzt hieß es abwarten. Für ein paar Dinge bestand eine mehrwöchige Lieferzeit, was sie ärgerte, denn es bedeutete Verzögerungen. Nachdem ihr Plan so gut funktionierte, wurde sie allmählich etwas ungeduldig und musste sich zur Geruhsamkeit ermahnen.
Sie las gerade die letzte Bestellbestätigung durch, als Jake in Motorradkluft und einem Helm unter dem Arm in das Büro kam.
„Hi", sagte er.
„Ich grüße dich", sagte Alex und rief sich die Red Queen auf.
Jake ließ sich ihr gegenüber auf dem Boden nieder.
„Dein Vater ist auch Motorrad gefahren und ich hatte ebenfalls einen solchen Führerschein. Einmal haben wir sogar zusammen eine Tour unternommen", sagte Alex.
„Ja, das hat mir meine Mum schon mal erzählt. Dad hat sie wohl einmal mitgenommen, aber sie… ist da ein bisschen ängstlich. Sie war nicht begeistert, als ich angefangen habe, zu fahren."
„Das kann ich mir vorstellen. Heute hast du ja Rachel gar nicht dabei?", bemerkte Alex. „Wie kommt das?"
„Sie ist bei Sherry", sagte Jake.
Sie schwiegen einige Zeit, während Alex arbeitete.
Alex tippte auf ihrem Laptop und verfolgte den Stand ihrer Bestellungen.
„Alex, wir müssen mal miteinander reden", sagte Jake. Er räusperte sich und sah sehr ernst aus.
Alex hielt inne und das Klopfen ihrer Finger auf den Tasten erstarb. Ihr Blick blieb auf den Bildschirm gerichtet, sie sah Jake nicht an. „Geht es um… mein Verschwinden?"
„Nein. Darüber habe ich zwar nachgedacht, aber… schlussendlich musst du es wissen, was du tust. Ich finde es aber nicht gut und ich habe dir gesagt, wie ich dazu stehe. Nein, es geht um etwas anderes. Du bist doch eigentlich eine erwachsene Frau, aber du steckst im Körper eines Kindes. Als du Rachel im Arm hattest, ist irgendwas passiert. Da hat was nicht gestimmt mit dir, oder? Du sahst aus, als würdest du jeden Moment umkippen. Ich will wissen, warum. Mich interessiert, wie du das angestellt hast, einfach so in den Körper eines Kindes zu kommen."
Alex wandte sich Jake zu und musterte ihn eingehend. Er sah sie mit verschränkten Armen erwartungsvoll an und sie wusste, dass sie ihm eine Antwort schuldig war. Vor allem, wenn sie ihn weiterhin für ihre Sache gewinnen wollte. Sie hatte ihm bei ihrem ersten Zusammentreffen ja versprochen, dass sie es ihm irgendwann erzählen wollte.
„Also gut", sagte sie schließlich. „Ich werde es dir erklären."
Sie holte tief Luft. „Spencer hat sich immer als eine Art Gott gesehen und er wollte etwas gottgleiches tun, nämlich etwas erschaffen. Er hatte immer den Traum eine neue Gattung von Mensch zu erschaffen. Mit Viren."
Jake nickte. „Deshalb erhielten dein Vater und ich und die elf anderen als Erwachsene eine modifizierte Form des Progenitor- Virus. Daher hatte dein Vater seine übermenschlichen Kräfte. Ich allerdings konnte leider nicht so davon profitieren, da ich ja nicht euer Immunsystem besitze. Der Virus machte mich krank. Nachdem dein Vater Spencer betrogen und sich von Umbrella losgelöst hatte, war ich das einzige Wesker- Kind, das noch übrig war. Spencer betraute mich mit einer sehr schwierigen Aufgabe. Ich sollte für ihn den Schlüssel zur Unsterblichkeit finden. Götter sind ja bekanntlich unsterblich."
„Bist du fündig geworden?"
„Nein, zumindest nicht so, wie Spencer es wollte. Ich betrog ihn, nahm alle meine Ergebnisse und verschwand auf eine einsame Insel im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wo ich meine Arbeit fortsetzte. Spencer starb sehr unwürdig für einen Gott, nämlich als armer, alter, kranker Mann. Dein Vater tötete ihn, als Spencer ihm von dem Projekt Wesker erzählte."
„Und was genau hast du dann auf der Insel gemacht?", wollte Jake wissen. „Wie bist du dann in den Körper von Natalia gekommen?"
„Ich forschte und forschte, aber ich fand keinen Weg, die Endlichkeit des Lebens zu umgehen, egal was ich tat. Ich kam immer wieder auf dasselbe Ergebnis: es gibt keine Unsterblichkeit. Es ist eine unveränderliche Tatsache des Lebens, die wir akzeptieren müssen, dass wir alle eines Tages sterben müssen. Ich fand aber einen anderen Weg."
„Und wie hast du es angestellt?", fragte Jake.
„Ich entwickelte eine Maschine, mit der es mir möglich wurde, mein Bewusstsein, meinen Geist auf den Körper einer anderen Person zu übertragen."
Jake sah sie geschockt an. „Was?! Wie?!"
„Ich will dich nicht mit Details über die Funktion meiner Maschine belästigen, denn du würdest mir ohnehin nicht folgen können, deshalb nur die Kurzfassung: Meine Maschine ermöglichte es mir, eine Kopie von mir selbst in den Körper von Natalia zu pflanzen."
Jake schluckte. „Wow. Das klingt… beeindruckend. Aber warum Natalia?"
„Ich brauchte den Körper einer Person, die eine bestimmte Fähigkeit aufwies. Zur selben Zeit, wie meine Maschine arbeitete ich an einem neuen Virus, den ich aus dem T- Virus entwickelte. Spencer wollte, dass ich ihm mit dem T- Virus zu Unsterblichkeit verhelfe. Ich nannte ihn T- Phobos- Virus. Wird ein Mensch damit infiziert, reagiert er auf die Ausschüttung von Stresshormonen im Blut, wenn man Angst hat. Nur dann verwandelt man sich. Ich brauchte jemanden, der keine Angst kennt."
„Wie soll das denn gehen?", fragte Jake verständnislos. „Jeder hat mal Angst. Das wäre ja auch dumm, denn Angst ist überlebenswichtig."
„Das ist wahr, Jake, nur wenn man den Anspruch für sich erhebt, die Unzulänglichkeiten der Menschen hinter sich zu lassen und wahrlich gottgleich zu werden, dann ist Angst leider fehl am Platz. Also brauchte ich jemanden, der keine Angst kennt. Und diesen Jemand fand ich in Natalia Korda. Das Mädchen hat Terragrigia miterlebt. Sie hat ihre Eltern verloren und die Schrecken des Anschlages erlebt. Als ich sie mit dem Virus infizierte, zeigte ihr Körper trotz all der gefährlichen Situationen auf der Insel keine Reaktion. Deshalb wählte ich sie als passenden Wirt aus", erklärte Alex. „Ich übertrug mein Bewusstsein in ihren Körper. Es ruhte darin einige Zeit, bis ich schließlich Kontrolle über ihren Körper hatte. Manchmal… spüre ich sie bis heute in mir. Als ich Rachel auf dem Arm hatte, hat sich Natalia in mir geregt. Ich habe ihre Gedanken in meinem Kopf gehört."
„Ernsthaft?"
„Ja. Das kommt nur äußerst selten vor und es war auch noch nie so stark wie an jenem Tag. Es tut mir Leid, wenn ich dich oder Rachel verschreckt habe."
„Deswegen hast du gesagt `Verschwinde´", schlussfolgerte Jake. „Du hast nicht uns, sondern Natalia damit gemeint."
„Ja, genau."
„Du… hast mir echt ein bisschen Angst eingejagt", sagte Jake ernst. „Und Rachel auch."
„Tut mir Leid", sagte Alex und seufzte. Sie wandte sich schließlich wieder ihrem Computer zu.
„Also, wenn ich das richtig verstehe, hast du praktisch dein eigenes, richtiges Leben in deinem richtigen Körper beendet, indem du dich auf Natalia übertragen hast. Damit hast du ein paar Jahrzehnte Lebenszeit gewonnen, aber unsterblich bist du dadurch nicht. Wenn Natalia altert, dann stirbst du ja irgendwann doch. Willst du die Prozedur dann mit einem anderen Körper wiederholen?"
„Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht", sagte Alex. „Ich werde erst mal die nächsten Jahre abwarten, wie sich alles entwickelt. Oberste Priorität hat erstmal, dass ich meine Arbeit fortsetzen kann. Alles andere werde ich später planen. Der Grund, warum ich diesen Schritt gegangen bin, Jake, ist, dass der Virus, den Spencer mir gegeben hat, meinen Körper langsam zerstört hat. Ich wäre auf absehbare Zeit gestorben, deshalb habe ich… mein altes Ich zurückgelassen. Glaube mir, es war keine leichte Entscheidung."
„Ich stell mir das komisch vor, wenn man nicht mehr in seinem alten Körper ist", meinte Jake achselzuckend.
„Das war es auch. Ich habe am Anfang große Probleme gehabt. Unser Gehirn ist mit unserem Körper natürlich fest verbunden. Unser Körper ist eine Einheit. Nimmt man einen Teil heraus, irritiert das das Gehirn. Stell dir jemanden vor, der einen Arm oder ein Bein verliert."
„Er spürt es noch weiter, nicht?"
„Ja. Ähnlich war es bei mir. Ich war fast 1,80 Meter groß, Jake, und plötzlich musste ich zu allen aufsehen, weil ich im Körper eines Kindes steckte. Ich hatte mehr als ein dutzend treu ergebene Forscher in meinem Team unter mir, ich war Geschäftsfrau mit einem riesigen Vermögen. Das alles war auf einmal weg und jeder hat mich wie ein unmündiges Kind betrachtet. Außerdem hatte ich den Körper einer erwachsenen Frau. Jetzt muss ich die ganze Pubertät noch mal durchmachen. Das macht mir ehrlich zu schaffen. Das schwierigste ist aber die Schauspielerei. Es ist nicht leicht, sich zurückzuhalten, wenn man etwas sagen will, aber ein kleines Mädchen hat natürlich in der Welt der Erwachsenen nicht viel zu sagen, selbst wenn sie eigentlich fünf Jahrzehnte Erfahrung und einen Doktortitel hat." Alex seufzte erschöpft. „Ich muss zur Schule gehen und ich langweile mich entsetzlich. Es ist nur meiner ausgesprochen großen Geduld zu verdanken, dass ich noch nicht durchgedreht bin."
Jake musste grinsen. Wenn sie sich unterhielten, merkte er immer sofort, dass Natalia keine 13 Jahre alt war. Sie drückte sich viel zu eloquent aus und war den Mädchen in ihrem Alter so verdammt unähnlich, dass man unweigerlich zu dem Schluss kommen musste, dass man eine erwachsene Frau vor sich hatte. Ihre Körpersprache, ihre Mimik, alles an ihr passte einfach nicht zu einem Teenager. Er merkte ihr auch an, wie sehr sie es genoss, in seiner Gegenwart sie selbst sein zu können und sich nicht verstellen zu müssen.
„Ich bin froh, wirklich froh und so erleichtert, dass ich dich getroffen habe, Jake", sagte sie und die Erleichterung war ihr am Gesicht abzulesen. „So muss ich nicht warten, bis ich 18 bin." Sie lachte.
„Du hast echt Schwein gehabt", meinte auch Jake.
„Wie ist es mit dir?", fragte Alex. „Bereust du es, mich damals reingelassen zu haben, als ich vor deiner Tür stand?"
„Ich gebe zu, am Anfang war ich doch schon sehr misstrauisch, aber jetzt bereue ich es nicht", sagte er grinsend.
Das freute Alex insgeheim. Sie war sehr angetan von Jake Muller und froh darüber, dass er ihr genug Vertrauen entgegenbrachte. Es gab ihr ein gutes Gefühl wenigstens gegenüber einer Person offen sein zu können. Sie musste zugeben, dass sie ihre Treffen, in denen sie frei reden konnten, sehr genoss. Sich vor den Burtons und ihren Freunden dauernd verstellen zu müssen, machte ihr schwer zu schaffen und sie war sehr erleichtert, dass sie nicht mehr lange in ihrem „Gefängnis" ausharren musste. Bald würde sie frei sein und das verdankte sie zu einem sehr großen Teil Jake. Sie war ihm wirklich zu Dank verpflichtet.
„Sag mal Alex, du hast gesagt, dass du Viren studiert hast."
„Ja?"
„Ich weiß leider nicht viel darüber, ich hab bisher bloß immer gegen irgendwelche Zombies und Monster gekämpft, die durch Viren geschaffen wurden. Von der Materie hab ich aber wenig Ahnung. Ich weiß, dass ich was Besonderes bin, weil ich diesen Antikörper habe, meine Tochter ja auch, und Sherry hat diese… komischen Kräfte, aber ich habe keinen Plan wie das alles funktioniert. Ich würde aber gern eine Ahnung davon haben. Kannst du mir das alles vielleicht mal näher erklären? Wie funktioniert das mit den Viren?"
Alex stutzte. Das hätte sie nicht erwartet, aber sie wusste, dass Jake ein intelligenter junger Mann war und immerhin war er Alberts Sohn. Sich für diese Dinge zu interessieren, war nur verständlich.
„Natürlich. Was möchtest du wissen, Jake?"
Er grinste. „Ich brauche wohl erstmal einen Crashkurs über die Grundlagen."
Alex lächelte. „Kein Problem." Sie tippte etwas auf dem Computer und rief im Internet ein paar Grafiken auf, mit denen sie ihre Erläuterungen veranschaulichen wollte. Dann drehte sie Jake das Laptop hin, damit er die Bilder sehen konnte.
„Virologen, also Forscher wie dein Vater und ich, sind sich darüber einig, dass Viren nicht zu den Lebewesen gezählt werden."
„Warum ist das so?", fragte Jake.
„Kennzeichen von Lebewesen sind u.a. ein eigener Stoffwechsel und die Fähigkeit, sich selbst fortzupflanzen, Viren besitzen allerdings beides nicht. Sie sind immer auf eine Wirtszelle angewiesen", erklärte Alex. „Befinden sich Viren außerhalb von Zellen, nennt man sie Virionen, nur innerhalb der Zellen von Lebewesen werden sie als Viren bezeichnet. Viren selbst bestehen nicht aus Zellen und ihnen fehlen Kennzeichen von Zellen. Sie haben z.B. kein Zytoplasma, keine Ribosomen und keine Mitochondrien."
„Puh, da muss ich meinen Biounterricht von vor sehr langer Zeit wieder rausholen", sagte Jake.
„Dank Internet kannst du alles nochmal in Ruhe nachlesen", sagte Alex, dann fuhr sie mit ihren Ausführungen fort. „Du weißt, dass Proteine die Grundlage für alles sind?"
„Ja."
„Lebewesen müssen Proteine herstellen, damit ihr System funktionieren kann. Proteine bestehen aus Aminosäuren, die je nach Verwendungszweck unterschiedlich zusammengesetzt sind. Den Bauplan für die Zusammensetzung findet sich in unserer DNS. Wird sie abgelesen, setzt unser Körper aufgenommene Aminosäuren zu Proteinen zusammen. Bei Viren ist das ein bisschen anders. Sie können für sich selbst keine eigenen Proteine herstellen. Ein Virus besitzt entweder DNA oder RNA, aber niemals beides. Im Wesentlichen ist er eine Nukleinsäure, die alle Informationen zur Steuerung einer Wirtszelle enthält, vor allem, wie er sich in ihr fortpflanzen kann. Wenn Viren außerhalb von Zellen in Virionen- Form vorliegen, besitzen sie in den meisten Fällen eine Hülle, die man als Kapsid bezeichnet. Das kann unterschiedlich aussehen. Schau mal."
Alex deutete auf die schematischen Darstellungen auf dem Bildschirm.
„Die sehen aus wie geometrische Formen", bemerkte Jake und deutete auf ein Virus, das eckig war.
„Kapside können unterschiedliche Formen annehmen", sagte Alex. „Z.B. ein Ikosaeder. Das ist eine Form mit 20 Flächen, die alle gleichseitige Dreiecke sind. Manche sind auch helikal, das bedeutet spiralförmig und zylindrisch. Bakteriophage, also Viren, die Bakterien befallen, sehen aus wie Stecknadeln. Sie haben einen runden Kopf und einen langen Schwanz. Virionen dienen vor allem der Verbreitung von Viren. Die Nukleinsäure des Virus dringt in die Wirtszelle ein und der Virus programmiert die Zelle so um, dass sie den Virus vermehrt."
„Das heißt, dann werden wir krank?", fragte Jake.
„Bei vielen Viren ist das der Fall. Nicht bei allen gleich, denn Viren haben in der Evolution der Lebewesen auch eine entscheidende Rolle gespielt. Wenn Viren in Zellen eindringen, verbleiben sie dort und programmieren diese um. Das kann dauerhaft die Genetik eines Lebewesens verändern. Gleichzeitig haben Lebewesen die Evolution der Viren mitbestimmt, denn natürlich sind wir ihnen nicht schutzlos ausgeliefert. Über die Jahrmillionen unserer menschlichen Evolution hat unser Körper zahlreiche Mechanismen entwickelt, mit denen er sich gegen Angriffe von außen durch Viren und andere schützen kann. Unser Immunsystem ist sehr komplex. Dein Vater hat darüber promoviert. Der Titel seiner Doktorarbeit war `Viren und ihre Bedeutung für die Evolution des Menschen unter besonderer Betrachtung des menschlichen Immunsystems´."
Jakes Augen weiteten sich. „Ehrlich? Darüber hat mein Dad seine Doktorarbeit geschrieben? Wusste er damals schon, dass er dieser besondere Veranlagung hat?"
„Ich glaube nicht. Er fand es erst sehr viele Jahre später durch Zufall heraus. Ich kenne die genaue Geschichte nicht, allerdings weiß ich, dass sich sein Forschungsteam mit einem Virus infiziert hat, er selbst aber, blieb unversehrt. Er wurde nicht krank."
Jake nickte. „Ich wusste auch nie was das in mir drin ist, das habe ich erst später erfahren, als man es auf mich abgesehen hatte deswegen. Aber schon als Kind war es offensichtlich, dass ich nicht wie andere Menschen war. Ich hatte nie Erkältungen und auch nie eine Grippe."
„Beides wird von Viren hervorgerufen", bemerkte Alex. „Das Influenzavirus fordert jedes Jahr sogar tausende Tote."
„Machte mir nie irgendwas aus", sagte Jake. „Als ich ein kleines Kind war, wollte mich Mum ganz normal impfen lassen. Bei uns in Edonien wird die Masernimpfung, ich glaube, so mit einem Jahr ca. empfohlen. Mum wollte das machen lassen, aber davor hatte ich wegen etwas anderem eine Blutuntersuchung. Das Labor hat da rausgefunden, dass ich schon Antikörper gegen Masern hatte. Ich hatte mich schon damit infiziert, aber keiner hat es gemerkt, weil ich gar nicht krank war! Das hat alle ziemlich umgehauen."
Alex nickte. „Wenn wir mit Viren infiziert werden, reagiert unser Körper mit einer Immunantwort darauf. Bei dieser Immunantwort entstehen Antikörper und sogenannte zytotoxische T- Zellen, die über Antigene an Viren binden, diese erkennen und beseitigen können. Bei dir und deinem Vater allerdings ist so ein Antikörper von Grund auf immer vorhanden, weil ihr eine Genmutation auf dem 16. Chromosom in euch habt. Euer Antikörper ist sehr flexibel. Er passt sich bei Infektion mit einem Virus auf seiner Oberfläche sofort an die Hülle des Virus an und befällt ihn, sodass er ihn zerstört, bevor er die Zellen in schädlicher Weise befällt und sich in eurem Körper ausbreitet."
„Moment mal, bevor er die Zellen befällt? Aber der C- Virus hat mir ziemliche Kraft gegeben. Also muss ja irgendwas passiert sein."
„Ja, das ist eine Besonderheit, die ihr habt. Euer Antikörper verhindert, dass ihr von Viren krank werdet oder bei den Viren, die als biologische Waffen benutzt wurden, euch in Zombies verwandelt. Die Viren infizieren euch natürlich trotzdem, aber ihr könnt sie zu eurem Vorteil nutzen. Sie können euch übermenschliche Kräfte verleihen."
„Verstehe. Was für Viren gibt es überhaupt?", fragte Jake.
„Es gibt verschiedene Gruppen von Viren, je nach dem welche Wirtszellen sie befallen oder wie sie gebaut sind. Ich erwähnte schon die Bakteriophagen. Diese Viren können nur Bakterien befallen. Es gibt Viren, die befallen Pflanzen, z.B. das Tabakmosaik- Virus, das auf Plantagen ziemlich großen Schaden anrichtet. Manche Viren befallen nur Tiere, sind aber für den Menschen ungefährlich, einige können sowohl Menschen als auch Tiere infizieren. Und dann gibt es noch andere, die ausschließlich für uns gefährlich sind. Ich erspare dir mal die Details über die wissenschaftliche Klassifizierung von Viren."
„Ich hab da mal was gehört, dass Viren Krebs auslösen können. Stimmt das?"
„Ja, das ist richtig. Das spielt eine bedeutende Rolle in der Onkologie, denn man schätzt, dass locker bis 15% der Krebserkrankungen auf Viren zurückzuführen sind. Bekannt sind vor allem die Hepatitis- Erreger und die Humanen Papillomviren."
„Wie funktioniert das?"
„Wie ich vorhin schon erwähnt habe, besitzen Viren die Fähigkeit ihre Wirtszellen umzuprogrammieren, das bedeutet natürlich, dass sie die Genetik oder den Stoffwechsel einer Zelle maßgeblich beeinflussen. Manche Zellen in unserem Körper teilen sich ständig, weil sie sich erneuern müssen, andere wiederum teilen sich überhaupt nicht. Befällt ein Virus letztere, kann es natürlich dazu führen, dass die Zellen plötzlich anfangen, unkontrolliert zu wachsen und sich zu vermehren. Das würde dann zu gut- oder bösartigen Wucherungen führen. Krebs, wenn du so willst."
Jake nickte. „Verstehe. Sherry hat mir erzählt, dass sie nicht mutiert ist so wie ihr Dad, weil sie eine Impfung bekommen hat. Das muss das Ganze irgendwie aufgehalten haben. Ich dachte immer, Impfungen wirken präventiv."
„Das ist auch richtig, Jake. Viren kausal zu behandeln ist nicht möglich. Da sie selber keine Zellen sind und somit auch viele Zelleigenschaften nicht haben und ja sofort Wirtszellen befallen müssen, ist eine Behandlung in der Regel nur symptomatisch möglich. Es gibt Virostatika, das sind Medikamente, die das Befallen der Zellen oder zumindest die Virusvermehrung verhindern können, aber ihre Entwicklung ist sehr komplex. Viren können sich durch Mutation sehr schnell anpassen. Bei Sherry wurde wahrscheinlich die Wirkung des Virus durch die rechtzeitig gegebene Impfung verhindert, sodass sich der Virus in ihrem Körper nicht mehr unkontrolliert vermehren konnte, sondern durch ihr aktiviertes Immunsystem in Schach gehalten werden konnte."
„Wie hat sie ihre Heilkräfte dadurch bekommen?", wollte Jake wissen. Eine Frage, die ihm schon länger auf den Nägeln brannte. Rebecca Chambers von der B.S.A.A. konnte ihm darauf keine Antwort geben und er hoffte nun, dass vielleicht Alex es konnte.
„Wenn wir verletzt sind, dann startet unser Körper ein sehr komplexes Programm, um uns zu heilen, z.B. um Wunden zu verschließen. Ich vermute, dass der in Sherrys Zellen verbliebene Virus diese so umprogrammiert hat, dass ihre körpereigenen Mechanismen nun um ein vielfaches beschleunigt ablaufen. Da eure Tochter Rachel es geerbt hat, scheint es sich genetisch manifestiert zu haben. Abschließend könnte man das aber nur durch eine Genomanalyse sehen. Oder natürlich, wenn Rachel selbst mal ein Kind hat. Allerdings hatte sie großes Glück, dass es funktioniert hat. Wie gesagt, sind Viren tückisch. Es gibt keine Medikamente dagegen, um sie zu zerstören. Als Virologin sage ich dir ganz klar, Impfung, also die präventive Maßnahme, ist die beste Antwort."
„Ich verstehe langsam, deshalb wollte Spencer, dass ihr mit den Viren zu… neuen Menschen werdet und er selber ein Gott."
„Ja, das kann man so sagen. Spencer sah in den Viren immer das größte Potenzial zu Verwirklichung seiner Träume."
„Du hast schon mal den Progentor- und den T- Virus erwähnt. Das waren doch die ersten Viren, die Umbrella entwickelt hat, oder?"
Alex nickte bejahend.
„Wo kamen die her? Und wie funktionieren die?"
„Eine sehr lange und komplizierte Geschichte, Jake", sagte Alex.
„Ach, wir haben doch Zeit. Es interessiert mich wirklich."
„Also gut, wo fange ich am besten an? Afrika. Dort haben Spencer, Ashford und Marcus vor sehr vielen Jahren auf einer Expedition eine seltsame Pflanze entdeckt. Sie wuchs unter der Erde, fernab vom Sonnenlicht."
Jakes Augenbrauen zogen sich zusammen. „Wie geht das denn?"
„Das wissen wir nicht genau. Dr. Marcus entdeckte einen Virus, der offenbar in einer Art Symbiose mit der Pflanze lebte. Es war wohl ein Bakteriophage, der die Pflanze vor einer bakteriellen Infektion schützte. Dr. Marcus hatte allerdings anfangs einige Probleme, den Virus zu isolieren, da er innerhalb der Pflanzenzellen saß. Als er ihn an Versuchstieren testete, entpuppte er sich als absolut tödlich, was dann erklärte, warum die Pflanze so äußerst widerstandsfähig war. Er experimentierte einige Jahre daran herum, aber Erfolg hatte er erst, als er den Virus mit Egeln gekreuzt hat. Er schaffte es, ihn soweit zu entschärfen, dass er die Egel befallen aber nicht töten konnte. Das Virus setzte sich in ihnen fest und mutierte dann zusammen mit ihren Genen weiter. So entstand der T- Virus. Leider war er ebenso tödlich, deswegen starben alle Forscher, die mit den Egeln in Berührung kamen. Du weißt ja, dass das Herrenhaus infiziert worden war."
„Ja."
„Der T- Virus allerdings hat die interessante Fähigkeit, dass er totes Gewebe wieder lebendig macht. Das war bahnbrechend! Der Haken ist nur…"
„… dass man ein Zombie dabei wird."
„Ja. Der T- Virus kann nicht wirklich Tote wieder lebendig machen. Er aktiviert die wesentlichen Stoffwechselvorgänge wieder, aber das Gehirn bleibt in seiner Aktivität stark eingeschränkt und auf elementare Triebe wie Fressen reduziert. Das einzige, was diese Zombies tun, ist nach Fleisch zu gieren. Sie verwesen trotzdem und irgendwann zerfallen sie. Die Viren, die später entwickelt wurden, umgingen das."
„Ja. Dieser C- Virus, der meine Heimat infiziert hat, war anders. Die Zombies konnten noch denken wie Menschen und sogar Waffen benutzen", sagte Jake.
„Ich habe keine Informationen über den C- Virus, zumindest nichts, was über das hinausgeht, was ich aus dem Computer der B.S.A.A. geholt habe, aber spontan würde ich sagen, dass man den Virus so verändert hat, dass er die höheren Gehirnfunktionen in Takt lässt, sodass sie Befehle befolgen können, aber die Infizierten zu willenlosen Werkzeugen macht. Perfekte Kämpfer, ohne Zweifel."
Jake schüttelte den Kopf. „Die kranken Leute, die das Zeug entwickelt haben, haben Sherry und mich sechs Monate in China festgehalten und an uns herumexperimentiert. Sie haben meinen Antikörper benutzt, um den C- Virus zu verstärken."
„Interessant", meinte Alex.
„Du findest das vielleicht interessant. Für mich war es nicht so toll, ein Versuchskaninchen zu sein! Wie kommt man überhaupt auf solche Ideen, Viren für Waffen zu benutzen. Das entzieht sich mir leider."
Alex musterte Jake. Sie konnte nachvollziehen, warum er so wütend war. Natürlich würde er ihre oder die Motive seines Vaters niemals nachvollziehen können, aber wenn sie ihn oder seine Tochter in absehbarer Zeit untersuchen wollten, dann musste sie ihm entgegenkommen.
„Ich verstehe dich und deine Wut sehr gut, Jake. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ihr in diesen sechs Monaten durchgemacht habt, und ich weiß auch, dass du wegen deines Vaters kein leichtes Schicksal hast", Jake schnaubte auf diese Bemerkung hin, „aber ich bitte dich, die Dinge nicht so schwarz und weiß zu sehen. Wir Menschen sehen Viren immer nur als etwas Böses oder Bedrohliches, aber das ist zu einseitig gedacht. Als Virologin kann ich davon ein Lied singen. Lebewesen gibt es wie Sand am Meer und wahrscheinlich haben wir nur einen Bruchteil aller existenten Arten bisher entdeckt und beschrieben. Bisher sind es fast zwei Millionen! Von Viren allerdings kennen wir gerade einmal 3000 Arten, das ist verschwindend gering. Noch dazu liegt der Fokus meist auf denen, die uns krank machen, aber nicht auf dem großen Ganzen. Viren sind ein Motor in der Evolution aller Lebewesen. Das Leben heute wie du es jetzt auf diesem Planeten siehst, wäre ohne die Existenz von Viren nicht denkbar. Die meisten, die es wahrscheinlich noch gibt, sind völlig ungefährlich für uns. Der überwiegende Teil des menschlichen Genoms ist weitestgehend bedeutungslos, weil darin keine wichtigen Proteine codiert sind, und wird deshalb als Junk- DNA bezeichnet. Ein nicht unerheblicher Teil stammt von Viren, die im Laufe der Evolution mit uns verschmolzen sind. Wer weiß, wo wir heute wären, wenn all das nicht passiert wäre. Außerdem können Viren nicht nur krank machen, sondern auch heilen."
„Wie darf ich denn das verstehen?", fragte Jake entgeistert. „Davon habe ich ja noch nie gehört."
„Die moderne Biotechnologie erlaubt die gezielte genetische Manipulation von Lebewesen. Viren und ihre Fähigkeit, sich in die Zellen von anderen Lebewesen einzuschleusen, werden dabei als Transportvehikel benutzt. Das nennt man dann einen viralen Vektor."
„Was hat das für einen Sinn?", fragte Jake.
„Ein Mensch, der an einem Gendefekt leidet, kann damit zumindest theoretisch geheilt werden. Wenn die Krankheit durch ein fehlerhaftes Gen verursacht wird, kann man einen Virus so manipulieren, dass er eine gesunde Variante des Gens in sich trägt. Infiziert er dann die Zellen des Betroffenen, kann er das kranke durch das gesunde Gen ersetzen. Damit kann man Krankheiten heilen, Jake."
„Wow, das war mir neu. Geht das wirklich?"
„Diese Therapiemethode ist zugegeben noch nicht wirklich ausgereift, aber… Man arbeitet daran. Das bietet das Potenzial einer individuellen, auf den Patienten abgestimmten Therapie gemäß seiner genetischen Ausstattung. Man versucht auch damit, Krebs zu heilen. Nun ja und mit Bakteriophagen ist es möglich, multiresistente Bakterien zu töten, ohne dafür neue Antibiotika zu entwickeln. Das ist vielversprechend. Du siehst, dass Viren nicht nur Böse sind. Die Natur kennt nicht Gut und Böse, das sind menschengemacht Definitionen."
Jake erwiderte nichts, sondern sah nachdenklich auf den Boden.
„Ich werde dir ein paar Materialien zusammenstellen, dass du dich in die Virologie ein bisschen einlesen kannst. Ich habe dir ja nur einen sehr groben Überblick gegeben. Du solltest deshalb einfach selbst noch ein bisschen forschen. Wenn du etwas nicht verstehst, helfe ich dir gerne weiter."
Sie wartete einen Moment, dann sagte sie: „Als deine Tante bin ich sehr begeistert, wenn sich mein Neffe für meine Lebensaufgabe interessiert. Auch dein Vater wäre sehr stolz auf dich, wenn er heute hier wäre."
Jake hob seinen Kopf und sah Alex an. Sie lächelte ihm aufmunternd zu.
„Ich weiß nicht, dass… Ich weiß nicht, ob ich wollte, dass mein Vater stolz auf mich ist."
„Jake, du bist sein Sohn. Auch wenn wir Wesker bei aller Welt einen zweifelhaften Ruf haben, er ist dein Vater. Du bist ein sehr starker, intelligenter junger Mann. Du hast bewiesen, wie fähig du bist. Du machst deinem Vater alle Ehre. Natürlich wäre er stolz auf dich. Und du glaubst gar nicht, wie ähnlich du ihm bist."
Jake schmunzelte. Diesen Satz hatte er schon sehr oft gehört und jedes Mal beschlich ihn bei dieser zweifelhaften Ehre ein mieses Gefühl. Er wusste nicht, ob ihn die Tatsache, dass er Wesker ähnlich war, mit Stolz oder Abscheu erfüllen sollte.
„Das haben mir schon mehrere gesagt", meinte er bitter, dann schob er Alex ihr Laptop wieder hin und erhob sich vom Boden. „Ich sollte mich langsam auf den Weg machen, sonst fragt sich Sherry am Ende noch, wo ich bleibe."
„Ist gut. Was erzählst du ihr im Moment?"
„Dass ich für eine ältere Dame ein paar Aufträge erledige und ab und zu in ihr Büro kommen muss", sagte Jake grinsend.
„Eine ältere Dame?", sagte Alex, die sich mit dieser Bezeichnung nicht wirklich anfreunden konnte.
„Ja. Mir ist nichts Besseres eingefallen."
Er wollte schon hinausgehen, als Alex ihn zurückhielt. „Jake, bis du wieder einen Auftrag erledigen musst, wirst du von mir ein monatliches Gehalt bekommen. Du bist ja jetzt immerhin bei Petrowa Enterprises angestellt, also… Wenn ich dann bis in ein paar Wochen alle meine Utensilien zusammenhabe, dann werde ich eine Firma für den Transport beauftragen. Allerdings musst du…"
„Ich muss deine physische Anwesenheit ersetzen", meinte Jake grinsend.
„Genau. Ich organisiere alles, aber persönlich musst du es regeln. Es wird aber noch dauern. Ein paar Sachen, die ich brauche, haben eine lange Lieferzeit, also besteht jetzt noch keine Eile. Es hat mich sehr gefreut, mit dir heute Nachmittag reden zu können. Das hat Spaß gemacht. Mein Angebot steht, wenn du Fragen hast, jederzeit."
„Danke. Man sieht sich."
„Ich melde mich bei dir."
Als Jake das Büro verließ und zu seinem Motorrad ging, bemerkte er nicht, dass er von der anderen Straßenseite aus beobachtet wurde. Barry saß in seinem Auto und wartete. Es dauerte noch eine knappe halbe Stunde, dann verließ Natalia das Gebäude und ging zur Bushaltestelle.
Also hatten die beiden tatsächlich Kontakt, schoss es Barry durch den Kopf.
Er startete den Motor und fuhr nach Hause.
