Kapitel 14
Sie hatte keine Ahnung, was eben passiert war. Sie wusste nicht, was er an sich hatte, dem sie nicht widerstehen konnte. Sie wusste nicht, weshalb er gegangen war. Sie wusste allerdings, dass sie bestimmt nicht diejenige gewesen wäre, die es geschafft hätte aufzuhören.
Diese Tatsache stand beinahe bedrohlich und sehr übermächtig in ihren Gedanken. Die Gedanken an Draco Malfoy waren ermüdend. Und es war seltsam, dass sie wirklich so dachte. Anscheinend wirklich so dachte!
Sie wollte ihn küssen.
Aber sie wollte noch dringender wissen, was er gedacht hatte, wohin er gegangen war und was Rita Kimmkorn damit zu tun hatte. Dachte er, sie würde ihm noch mehr Gold abnehmen? Der Koffer lehnte an der Mauer und Hermine kam sich fast so vor als hätte er sie bezahlt dafür, dass er sie küssen durfte. Und sie wollte das Geld nicht haben.
Und sie fand es unhöflich, dass er gegangen war. Sie würde ihm das Gold wiederbringen. Sie hatte keine Angst vor Malfoys Körper, auf den sie seltsamerweise zu reagieren schien. Und sie hatte keine Angst vor Malfoy Manor.
Aber jetzt vorher musste sie einen Termin einhalten. Einen Termin mit Harry. Seitdem er angefangen hatte sein seltsames Rache-Buch zu schreiben, war er versteckt und verschlossen in seiner Wohnung. Außerdem wollte sie ohnehin nach Ginny sehen. Und das diente auch der Ablenkung. Es war zu viel Draco Malfoy in letzter Zeit gewesen.
Sie verließ die Praxis eher als geplant. Ihr Herz raste immer noch und sie hoffte, würde mehr Zeit vergehen, konnte sie sich einreden, dass dieser Tag heute nicht wirklich stattgefunden hatte. Lästigerweise trug sie den schönen Lederkoffer mit sich durch die Gegend und würde den Fragen diesbezüglich irgendwie ausweichen müssen.
Sie hatte keine Sekunde darüber nachgedacht, so viel Geld allein in ihrer Wohnung stehen zu lassen.
Sie hatte Harrys und Ginnys Wohnung erreicht und öffnete mit ihrem eigenen Schlüssel der Wohnung die Tür. Sie und Ron hatten Zweitschlüssel. Es war angenehm, an gewissen Orten zuhause zu sein, fand sie.
Aber jetzt, als sie oben angelangt war, klang es eher weniger wie ein Zuhause.
Sie schloss die nächste Tür leise hinter sich und verharrte im Flur.
„- weil es wichtig ist, dass dies zur Sprache kommt! Ich meine, für Sie sind es bloß Worte, aber ich war da, ok? Ich meine, so ein Drache kann nicht jeder mit vierzehn Jahren besiegen, verstanden?" Harry klang wie… sie wusste nicht genau, wie. Aber die Erinnerung an Gilderoy Lockhart stieg in ihre Gedanken.
„Hey, Harry", murmelte sie. Zwei Zauberer saßen höchst angespannt auf den Sesseln in Harrys Wohnzimmer, die Feder gezückt und Schweiß auf der Stirn.
„Oh, hi Hermine. Ich bin hier gerade beschäftigt." Dann wandte er sich wieder um. „Oder vielleicht machen wir einfach zwei Drachen aus dem einen. Es ist nicht wirklich erfunden. Ich hätte bestimmt auch zwei besiegt." Hermine runzelte die Stirn.
„Harry, was machst du?", fragte sie vorsichtig.
„Wonach sieht es aus? Ich schreibe ein Buch, Hermine."
„Nein, du lügst, Harry", korrigierte sie ihn langsam. Und Harry schien wütend zu werden. Anscheinend nicht das erste Mal heute, denn die Zauberer hoben hastig die Blöcke zu ihrem Gesicht.
„Was? Nur weil ich langweilige Heldentaten zu berichten habe und nicht ein dämlicher Todesser bin, der ständig lügen kann, so viel er will, und dafür auch noch Preise bekommt, heißt es nicht, dass ich lüge. Ich meine, es ist so passiert. Malfoy hat nicht das Monopol auf Geschichten, Hermine."
„Ja, aber er hat einen Roman geschrieben. Das war Fiktion. Du schreibst einen Tatsachenbericht. Oder, du lässt ihn vielmehr schreiben", fügte sie bedächtig hinzu, mit einem Seitenblick auf die beiden stummen Zauberer.
„Oh, tut mir leid, dass ich meine Schreibfähigkeit nicht perfektionieren konnte, während ich beschäftigt war, die Welt vor Malfoys Führer zu retten, Hermine!", keifte Harry und eine der Federn schrieb hastig etwas nieder. „Und diesen Satz will ich nicht in meinem Buch haben, verstanden?", setzte er zornig hinzu und Hermine überlegte schon, unauffällig wieder zu verschwinden.
„Anscheinend hast du hier alles auch ohne mich bestens im Griff, oder Harry?", erwiderte sie glatt.
„Was? Nein, ich brauche deine Eindrücke. Ich habe… nicht genug."
„Eindrücke oder Lügen?", entgegnete sie und Harry funkelte sie böse an.
„Hermine, findest du nicht, dass ich es verdiene auch ein Buch in den Bestsellerlisten zu haben?" Sie seufzte auf.
„Doch, sicher, Harry. Aber… du kommst nicht einfach in eine solche Liste. Du brauchst… Fantasie und Einfühlungsvermögen und…"
„Du willst mir sagen, Malfoy hat all das?" Es war unfassbar wie eifersüchtig Harry plötzlich auf Malfoy war.
„Er kann eben schreiben", rechtfertigte sie ihre Worte zögernd.
„Und ich nicht?"
„Du rettest eben die Welt. Du hast andere, die für dich schreiben", sagte sie und deutete wieder auf die recht stummen Schreiber.
„Ich will es so aber nicht. Ich sollte derjenige sein, der tausend Seiten schreiben könnte. Und die wären sogar wahr und die würden etwas bedeuten! Und es wäre nicht so ein kitschiger Unsinn über ein Todesser und eine Muggel, Hermine. Ich bin ein besserer Mensch als Malfoy. – Und schreiben Sie das nicht!", fuhr er die Schreiber wieder an.
„Ich weiß, dass du besser bist!", erwiderte sie mit Nachdruck. Natürlich war Harry ein besserer Mensch. Diese Frage stellte sich nicht. „Aber du bist vielleicht kein besserer Autor. Und vielleicht solltest du das akzeptieren und Malfoy gönnen…" Sie unterbrach sich, denn eine Ader auf Harrys Stirn pochte wütend. Nein, sie würde den Satz nicht beenden. Das wäre ein blöder Fehler.
„Ich. Gönne. Ihm. Gar. Nichts!", spuckte ihr Harry entgegen und wandte ihr den Rücken zu. „Ok, wir schreiben nicht mehr über das dämliche Turnier. Wir schreiben sofort über den Kampf mit Voldemort!"
Die Schreiber warfen Hermine einen etwas hilflosen Blick zu, aber Hermine hatte andere Sorgen als das. Sie ging in die Küche, aber auch hier traf sie nicht auf Ginny. Wo war sie? Vor Harry davon gelaufen, nahm sie träge an. Das, was sie auch tun sollte!
Sie schritt wieder in den Flur und lauschte. Sie hörte tiefe Seufzer aus dem Badezimmer. Sie klopfte leise an die Tür. „Ginny?", fragte sie vorsichtig und bekam keine Antwort. „Ginny?", wiederholte sie und schließlich öffnete sich die Tür.
„Hermine, hey. Tut mir leid, dass ich heute auch nicht da war. Die Übelkeit ist schlimmer geworden."
„Was? Vielleicht solltest du wirklich zum Arzt gehen. Das ist doch nicht normal."
„Oh doch, es ist ziemlich normal. Ich war beim Arzt und er sagt in den ersten Monaten einer Schwangerschaft ist Übelkeit in den meisten Prozent der Fälle völlig normal." Hermine brauchte ein paar Sekunden, ehe sie begriff.
„Du… was?" Sie starrte Ginny an, die sehr unglücklich wirkte. „Du bist schwanger", stellte Hermine dann fassungslos fest und Ginny nickte knapp.
„Ja. Seit geschätzten zwölf Wochen." Hermines Mund öffnete sich. Irgendwas stimmte hier doch nicht.
„Wow. Das ist… gut?", wagte sie einen Versuch, dieses Gespräch in eine positive Richtung zu lenken.
„Gut? Wirklich, Hermine? Gut, dass ich von einem Wahnsinnigen schwanger bin, der nichts anderes zu tun weiß, als seine Eifersucht auf einen ehemaligen Todesser in einem dämlichen Buch ausdrücken muss? Ich denke nicht." Ginny war also sauer auf Harry. Stinksauer. So sauer, dass sie nicht einmal von ihm schwanger sein wollte.
„Aber… du liebst ihn. Und es ist eine Phase. Und du bist schwanger!", rief Hermine lächelnd aus und vergaß die Sorgen ihrer kleinen Welt für eine Sekunde.
„Shht! Nicht so laut, sonst kommt er noch raus und schreit uns an", giftete sie böse und warf dem Wohnzimmer einen finsteren Blick zu.
„Du musst ihm das sagen! Man wird es sowieso irgendwann sehen. Und er ist nicht doof. Wenn du nach neun Monaten mit einem Kind um die Ecke kommst… dann wird Harry irgendwann zwei und zwei zusammen zählen können."
Ginny nickte unwirsch. „Wenn ich denn dann noch überhaupt mit ihm zusammen bin. Eigentlich bin ich darüber hinaus, Kinderkram zu veranstalten, nur weil mir jemand anders die Aufmerksamkeit stiehlt, Hermine. Ich bin bereit zu heiraten. Eine echte Bindung einzugehen. Aus der Wohnung in ein größeres Haus zu ziehen. Es ist altmodisch, aber ich wäre gerne mit Harry verheiratet, bevor jeder sehen kann, dass ich einen Babybauch bekomme. Ich will nicht, dass mein Kind einen Doppelnamen bekommt, nur weil wir es nicht geschafft haben, rechtzeitig zu heiraten, weil Mr Potter hier seine Rache ausleben muss!"
Hermine überlegte. Sie wusste nicht, weshalb Harry anscheinend jetzt eine Midlifecrisis ausleben musste. Es war viel zu früh. Und es war unsinnig. Jeder kannte ihn. Und in zehn Jahren würde immer noch jeder über ihn sprechen, wo Malfoys Buch schon längst vergessen sein würde.
Nicht von ihr. Malfoy…. Sie zwang ihre Gedanken zurück.
„Was ist das?", fragte Ginny plötzlich und Hermine blickte schuldbewusst auf den Aktenkoffer.
„Nichts", versuchte sie lapidar zu antworten.
„Nichts? Was schleppst du mit dir rum?"
„Unwichtig", erwiderte sie, aber Ginny entzog ihr den Koffer, legte ihn in der Küche auf den Tisch und öffnete ihn bedenkenlos. Dann klappte ihr Mund auf.
„Oh großer Merlin! Hermine! Wie viel Gold ist das? Woher hast du das? Hat Harry dich angestiftet, Gringotts auszurauben, damit sein Buch spannender wird?", flüsterte sie panisch, aber Hermine schüttelte hastig den Kopf, schloss den Koffer wieder und legte den Finger an die Lippen.
„Ginny, sei ruhig. Das hat nichts mit Harry zu tun. Und ich habe Gringotts auch nicht ausgeraubt", ergänzte sie gereizt. „Das ist… ich habe… ich habe Malfoy verklagt." Diese Aussage schien für Ginny genauso wenig Sinn zu machen.
„Warum?", fragte Ginny fassungslos. „Hat er dich verflucht?" Sie betrachtete Hermine von Kopf bis Fuß.
„Nein, ich… er hat mich geküsst." Auf einmal kam es ihr sinnlos vor, ihn überhaupt verklagt zu haben. Ginny starrte sie an.
„Er hat dich geküsst? Wann? Und du verklagst ihn, weil er dich küsst?"
„Wer verklagt wen, weil wer wen küsst?", erkundigte sich Harry als er in die Küche kam, um sich Wasser in sein Glas zu kippen. „Übrigens, schön, dass es dich auch noch gibt. Versteckst du dich vor mir oder so?", fuhr er seine Freundin an, die kampfbereit die Hände in die Hüften stemmte.
„Nein, ich verstecke mich nicht. Obwohl es das einzig richtige zu tun wäre, du wahnsinniger Idiot!", schrie sie ihn an.
„Ich bin wahnsinnig? Wirklich? Wem gehört dieser Koffer?", fragte er plötzlich. Hermine wurde rot.
„Das ist Hermines Klagegeld, weil Malfoy sie geküsst hat", erklärte Ginny kalt. Harry starrte sie an und schien jedes bisschen Farbe zu verlieren.
„Er hat was?!" Das Malfoy sie jetzt geküsst hatte, schien Harrys imaginäres Fass zum Überlaufen zu bringen. „Wann hat er…? Wieso hast du zugelassen? Was zum Teufel ist eigentlich los mit euch Frauen? Malfoy ist ein blödes Arschloch!", brauste er auf. „Hermine, wieso hast du überhaupt-"
Doch sie hatte keine Lust mehr, Harry schreien zu hören. Und sie war böse auf Ginny.
„Ginny ist schwanger!"
Und jetzt war es still. Ginny funkelte sie zornig an.
„Vielen Dank, Hermine", knurrte sie leise. Harry starrte erst sie an und dann wieder seine Freundin.
„Du bist… du bist…" Er fuhr sich durch die strubbeligen Haare.
„Ja, ja. Es passt dir bestimmt nicht in dein Konzept vom erfolgreichen Drama-Autor, der siebzehntausend Drachen auf seinem Besen in einen Abgrund gejagt hat und danach noch komplett nackt alle Todesser dieser Welt-"
Und Harry hatte Ginny einfach an sich gezogen und küsste sie jetzt als wäre es das erste Mal. Als wäre es ihr sechstes Jahr und sie hätten gerade das Quidditchspiel gewonnen und Harry und Ginny küssten sich zum ersten Mal.
Nur war es nicht das erste Mal. Ginny hatte die Arme um Harrys Nacken geschlungen, ließ sich von ihm auf die Arme heben und Hermine war nur noch Luft für beide.
„Ok, ihr beiden, ich bin dann…" Sie deutete in Richtung Tür, aber weder Ginny noch Harry hörten ihr zu. „Auch gut", beendete sie den Satz. „Denk an deine Schreiber, Harry", sagte sie noch. Sie erkannte sie aus den Augenwinkeln. Unbehaglich saßen sie auf den Sesseln in Harrys Wohnzimmer und schienen starr vor Angst zu sein.
Sie schien hier im Moment nichts weiter zu tun zu haben. Und sie glaubte auch nicht, dass Harry heute noch auf ihre Hilfe angewiesen war. Es machte zumindest nicht den Anschein. Und vielleicht legte sich der Streit der beiden jetzt auch. Und Ginny würde auch noch morgen sauer auf sie sein. Ginny war nämlich ziemlich nachtragend. So wie Ron auch.
Ihr Blick fiel im Flur auf die Ausgabe der Hexenwoche, der sie für gewöhnlich keinerlei Aufmerksamkeit schenkte. Abgesehen von den magischen Kreuzworträtseln. Die waren nämlich klasse. Die Ausgabe war vom letzten Freitag.
Unter der Schlagzeile, dass es endlich entschieden sei, welcher Zauberstab für die Hexe von Heute am formschönsten war, stand nämlich eine Ankündigung. Eine Ankündigung der Redaktion.
Rita Kimmkorns Enthüllungsbericht über Hermine Granger. Fragen würden geklärt werden wie, was wirklich zwischen ihr und Draco Malfoy vorgefallen war und die Frage, ob Hermine Granger ihre Zulassung als Tierheilerin legitim erlangt hatte und ob die Praxis, die sie umgebaut hatte nicht eigentlich einer Hexe aus Plymouth gehörte, der sie einen Gedächtniszauber verpasst hatte. Fraglich sei außerdem, ob die Praxis nicht ohnehin auf geschütztem Boden stand, der zu den Nistplätzen der Blautölpel gehörte.
Hermines Mund wurde sehr trocken. Und ihr Herz schlug sehr, sehr schnell.
Was?!
Nein. Was zum Teufel sollte das? Darüber hatte sie bestimmt nicht mit Rita Kimmkorn gesprochen. Darüber als allerletztes! Was wagte diese Frau? Wollte sie sie denn komplett ruinieren?
… ja. Wollte sie.
Sie musste zur Redaktion der Hexenwoche! Noch in keinem anderen Jahr war sie sooft zur Presse gerannt wie jetzt. Wahrscheinlich war es aber zu spät. Wieso hatte Ginny es ihr nicht gesagt? Wahrscheinlich, weil Ginny es nicht gesehen hatte. Oder weil Ginny schwanger war und andere Sorgen hatte. Oder weil sie der Hexenwoche keinen Glauben schenkte. Aber andere Hexen taten dies.
Wann kam die nächste Ausgabe? Welcher Tag war heute?
Donnerstag, fiel ihr auf. Alles war gedruckt. Wenn es morgen rausgehen sollte…! Nein, das durfte nicht sein! Noch mehr Gerüchte, noch mehr Gerede und dieses Mal kam sie nicht davon. Dieses Mal ging es gegen sie. Nicht gegen Malfoy.
Und sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Natürlich hatte sie ihre Zulassung zur Heilerin legitim erreicht. Und mit Malfoy war nie etwas gelaufen. Na ja, von den paar Küssen abgesehen.
Und sie hatte die Praxisräume legal erstanden. Nur hatte sie der Dame aus Plymouth nicht wirklich gesagt, dass sie zur Praxis umgebaut werden sollte. Aber… das würde doch kein Problem sein? Oder? Bestimmt nicht.
Und es gab keine Blautölpel!
Jedenfalls nicht, soweit sie wusste. Und sie war Heilerin für Tiere, sie musste es also wissen! Oh, sie hasste Rita Kimmkorn. Und ihr lief die Zeit davon.
