Kapitel 13
Kurzschluss
„Hermine."
„Nein."
„Zum letzten Mal…"
„Nein!"
„Warum…"
„Hör auf damit!"
„Aber…"
„Ich will nicht darüber reden!"
Interessiert sah Ginny dabei zu, wie ihr Bruder sich mit Hermine kabbelte, unterstützt von Harry, der sich spontan mit ihm verbündet hatte.
„Hermine – du kannst nicht einfach Draco Malfoy küssen und dann von uns erwarten, nichts zu sagen, sondern das stillschweigend hinzunehmen!" Ron spuckte Dracos Namen so hasserfüllt aus, dass man den ekelhaften Nachgeschmack, den der Name wohl bei ihm auf der Zunge hinterlassen hatte, fast schon selbst schmecken konnte.
Harry nickte bekräftigend.
„Ich kann tun und lassen was ich will", erwiderte Hermine bockig und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Aber nicht mit einem Slytherin!", entgegnete Harry aufgebracht und wahrscheinlich lauter, als er eigentlich wollte. Diese Äußerung versetzte Hermine einen Stich – immerhin war Snape auch ein Slytherin… aber der würde Hermine wohl niemals das tun lassen, was sie tun wollte. Dabei gab es da doch so viel, was ihr auf Anhieb einfallen würde…
„Es gibt so viele tolle Gryffindors, die du küssen könntest", entgegnete Ron, den die ganze Sache weitaus mehr bestürtzt hatte als Harry, vielleicht sogar mehr als Draco.
„Zum Beispiel?", fragte Hermine und hob eine Augenbraue, um ihrer Frage Nachdruck zu verleihen. Sie wusste genau, auf was Ron hinauswollte, aber sie hatte keine Lust, es ihm so einfach zu machen. Und sie hatte auch keine Lust darauf, dass er sich einfach auf einem Podest über alle Slytherins stellen wollte. Sie hatte ganz andere Sorgen. Warum musste Snape auch immer in den ungünstigsten Momenten auftauchen? Und dann musste sie ja auch noch unbedingt morgen bei ihm Nachhilfeunterricht haben…
Ron konnte sich, nach schwerem Schlucken, endlich zu einer Antwort durchringen: „Na ja… so ziemlich alle. Mal abgesehen von Neville… oder Colin… oder Dean… aber… hey, du hättest Harry küssen können, wenn du es so nötig hast… oder mich, ich würde eventuell auch dafür herhalten, wenn du mich bittest…"
Er klang dabei so unbeholfen, dass man eigentlich nur darüber lachen konnte. Doch Hermine war nicht nach Lachen zumute – ihr war danach zumute, energisch aus dem Sessel zu springen und Ron wutentbrannt anzufunkeln. „Wenn ich es nötig habe? Meine Fresse, du verstehst auch gar nichts! Im Moment würde ich eher den Riesentintenfisch im See küssen als dich!" Aufgebracht stürmte sie aus dem Gemeinschaftsraum der Gryffindors, durch das Portrait der fetten Dame in rosa, hinaus ins Ungewisse.
Es war noch nicht spät genug für das Abendessen in der Großen Halle, doch wahrscheinlich dürfte es bald soweit sein. Was sie bis dahin noch tun sollte, war ihr nicht klar, deshalb stromerte sie erst einmal ziellos durch die Korridore der Schule. Die meisten Schüler befanden sich in der Bibliothek, um Hausaufgaben zu erledigen, oder in ihren Gemeinschaftsräumen, weshalb die Gänge recht leer waren. So konnte sie ungestört durch Hogwarts streifen, ohne aufpassen zu müssen, wer ihr entgegen kam und wer möglicherweise in sie hineinlaufen könnte.
Schließlich fand sie sich im Foyer des Schlosses wieder, und schon fast automatisch steuerte sie auf die großen Tore der Eingangshalle zu, um nach draußen zu gelangen. Knarrend öffneten sich die Tore, und ein frischer Wind blies in das Schloss hinein und durch Hermines Haare. Es war ein erfrischendes Gefühl und bestätigte Hermine in ihrer Hypothese, dass ein kurzer Aufenthalt draußen vielleicht Wunder bewirken könnte… immer noch recht ziellos lief sie nun über die Wiesen Hogwarts', bis sie sich schließlich in der Nähe des Sees einen Baum dazu auserwählte, ihr Schatten und Anlehnmöglichkeit zu bieten; schlechtgelaunt ließ sie sich unter diesem Baum niedersinken, lehnte sich gegen den Stamm und ließ ihren Blick über den See schweifen und dachte dabei unweigerlich an die Worte, die sie Ron entgegengeschmettert hatte. Grummelnd verschränkte sie die Arme und schloss die Augen – dieser kleine Spaziergang hatte ihr noch lange nicht geholfen, sich abzuregen.
Nach einigem Grollen wurde sie langsam ruhiger und schwelgte in ihren Gedanken, bis sie langsam aber sicher wegnickte und unter dem Baum vor sich hindöste.
Als sie nach einiger Zeit wieder erwachte, nahm sie ihre Umwelt zunächst nur schemenhaft und mit reichlichem Blinzen wahr; es hatte schon zu dämmern begonnen, sodass sich langsam der Schleier der Dunkelheit über die Länderein legte. Über ihr schien sich eine schattenhafte Gestalt zu beugen, die ihr seltsam vertraut zu sein schien, sodass sie kaum erschrak, sondern lediglich etwas verwundert war.
„Ron?", murmelte sie dösig, in der Hoffnung, er würde sich für seine unangemessenen Aussagen entschuldigen, denn nach all dem Grummeln und der einsamen Zeit des Nachdenkens war ihr klar, dass sie auf seine Freundschaft keinesfalls – vor allem jetzt nicht – verzichten wollte.
„Tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen, Miss Granger…" Diese ewig schnarrenden Stimme… sofort war alle Benommenheit verflogen, Hermine war hellwach und sofort erkannte sie, wer da über sie gebeugt stand.
Das fettige, schwarze Haar, das ihm auf die Schultern fiel und von dem sich einige Strähnen in sein makelloses, fahles Gesicht wagten… die hakenförmige Nase… der schwarze Umhang, in dem sich einige Windböen verfingen…
Severus Snape und Hermine Granger trafen sich also zur späten Dämmerungsstunde am See. Losgelöst von jeglichem Kontext hätte man es für ein romantisches Date halten können. Der Sonnenuntergang, der ein wunderschönes Bild aus diversen Rottönen auf das Wasser des Sees zauberte, dazu ein liebreizendes Mädchen mit ihrem Ritter in der schwarzen Rüstung, der sie liebevoll aus dem tiefen Schlaf weckt, dem sie sich hingegeben hat, damit sie sich sogleich ihm hingeben könne… doch dem war natürlich nicht so. Stattdessen stand Snape autoritär wie eh und je vor ihr, die Hände in die Seiten gestemmt mit einem missbilligendem Gesichtsausdruck, der jeden Schüller vergrämen konnte.
„Was… ich…" Hermine versuchte eine Erklärung abzuliefern, doch es war ihr völlig unmöglich; das plötzliche Auftauchen Snapes, den sie mit Ron verwechselt hatte, brachte sie völlig aus dem Konzept. Und… was meinte er überhaupt mit „enttäuschen"?
„Wenn Sie denken, Sie könnten sich hier der Kälte aussetzen, um sich eine Krankheit einzufangen, um morgen nicht an ihrem Nachhilfeunterricht teilnehmen zu müssen, kann ich Ihnen nur sagen, dass ich dem Gedanken eines kranken Gryffindors zwar grundsätzlich nicht abgeneigt bin, es jedoch nicht akzeptieren kann, wenn sie so feige versuchen, sich vor Ihren Pflichten zu drücken. Also stehen sie jetzt auf und gehen sie in die Große Halle." Snapes kleine Rede war äußerst beeindruckend – vor allem wenn man bedachte, dass es lediglich zwei Sätze waren, mit denen er mehr ausdrücken konnte, als Dumbledore in einer Eröffnungsrede zu Beginn des neuen Jahres.
Hermine war zu perplex, um irgendetwas zu erwidern, also erhob sie sich schwerfällig und wagte es kaum, Snape anzusehen. Denn wann immer sie sein Antlitz oder auch nur irgendetwas von ihm sah, kamen ihr unweigerlich die jüngsten Geschehnisse in den Sinn und dazu auch gleich noch ein riesiger Haufen Fragen, die ihren Verstand nur noch mehr vernebelten.
Also bewegte sie sich langsam in Richtung Schloss, Snapes stechenden Blick im Nacken. Als sie sich so bedächtig dem Schloss näherte, mit winzigen, vorsichtigen Schritten, packte Snape sie plötzlich am Arm und zog sie daran überraschend sanft mit sich. Ein wenig drängend, als ginge ihm das alles zu langsam, aber nicht boshaft fordernd.
So ließ sich Hermine von ihm ins Schloss geleiten, doch kaum hatten sie die ersten Stufen zu den Toren Hogwarts' erreicht, ließ er sie los und wortlos stehen, und schlüpfte durch die nun geöffnete Tür, während Hermine kurz davor stehen blieb. Es war inzwischen recht dunkel geworden und der Hunger machte sich bei Hermine bemerkbar, sodass er es letztlich war, der sie nur sehr kurze Zeit vor dem Tor stehen ließ, als ob sie Snape einfach ein wenig Vorsprung lassen wollte, nur um nicht noch mehr Zeit mit ihm verbringen zu müssen…
Wenig später saß Hermine schweigsam neben Ginny in der Großen Halle, um zu Abend zu essen. Sie war relativ spät dran, doch wie immer gab es vor allem reichlich, sodass sie nicht wirklich sagen konnte, etwas verpasst zu haben. Ihr gegenüber saßen Ron und Harry, die zunächst nur untereinander skeptische Blicke austauschten, aber auch hin und wieder zu Hermine sahen, als ob sie nur darauf warteten, dass sie entweder erneut explodierte oder aber irgendeinen anderen Gefühlsausbruch zeigte. Hermine tat ihnen den Gefallen nicht. Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Auch wenn Snape behauptet hatte, er wolle nicht, dass sie seinen Unterricht verpasse… so war dies doch letztlich nur ein Deckmantel für die Aussage, dass er nicht wollte, dass sie krank werde… oder etwa nicht?
Was hatte Snape überhaupt auf den Ländereien Hogwarts' zu suchen? Normalerweise verließ er das Schloss doch eher selten und war eher darauf bedacht, sich in seinem Keller zu verschanzen, wo ihm niemand etwas anhaben konnte und ihn niemand stören konnte… es sei denn, ein Schlammblut kam zufällig des Weges, um ihm ihre Liebe zu gestehen, herumzuschreien, zu schimpfen und zu weinen…
Aber wie oft kam das schon vor?
Im Verlauf des Abends rang sich Harry dazu durch, ein klein wenig Smalltalk mit Hermine zu betreiben, doch Ron schwieg weiter. Dabei sah er entweder betreten in eine andere Richtung oder tat so, als wäre er mit etwas anderem sehr beschäftigt. Dabei handelte es sich unter anderem um seine Fingernägel, einen Riss in einem der Tische sowie einem Faden, der aus einem der Sessel im Gryffindorgemeinschaftsraum herausschaute. Hermine wusste, dass es wohl an ihr lag, sich zu entschuldigen und die ganze Sache aufzuklären, doch momentan war sie zu erschöpft und auch nicht allzu kompromiss- und versöhnungsfähig. Sie verabschiedete sich relativ früh von dem verbleibenden Grüppchen Gryffindors in dem Gemeinschaftsraum, wünschte Ginny und Harry flüchtig eine Gute Nacht und entschwand dann auf das Mädchenzimmer, das sie mit vier anderen Mädchen bewohnte.
Entschlossen setzte sie sich auf ihr Bett und zog die roten Vorhänge ihres Himmelbettes zu. Dann kramte sie aus ihrer Tasche den Zeitungsartikel aus dem Tagespropheten, den sie am Frühstückstisch erhalten hatte… sie strich ihn mehrmals glatt und breitete ihn schließlich auf ihren angezogenen Knien aus. Ihre Finger zitterten schon vor Nervosität und sie schluckte mehrmals, bevor sie endlich mit dem Lesen beginnen konnte.
„Triebtäter gefasst!
Ein spektakulärer Fund gelang gestern einer Behörde des Zaubereiministeriums…vor ihrer Tür wartete nämlich ein regelrechtes Geschenk. Ein Mann, der wirkte, als hätte er gerade eine Schlägerei hinter sich, saß benommen und alkoholisiert an der Tür des Büros von Edmund P., der gerade mit Büroarbeit beschäftigt war. Als dieser nun das Büro gegen 18.42 verlassen wollte, fiel ihm der eben Genannte regelrecht ins Büro. Dieser stammelte zunächst unverständliches Zeug, doch nach einer Weile wurde klar, dass es sich um einen potenziellen Triebtäter handelte. „Er stank nach Alkohol und nach Schweiß, und sein Gesicht war völlig verdellt, aber was er sagte, klang rational und logisch", sagte Edmund P. Er gestand, mehrere Mädchen sexuell belästigt zu haben und auch zu exhibitionistischen Handlungen gegriffen zu haben. Sein Unwesen trieb er zumeist in Hogsmeade, um dort Mädchen in dunklen Gassen aufzulauern. Dort sei sein letztes Vorhaben, das ebenfalls am gestrigen Tage stattgefunden haben soll, allerdings vereitelt worden sein. Mehr sei darüber aber nicht bekannt – weder, wer der Retter noch wer das Mädchen sei. Der Geständige, bei dem es sich um den Arbeitslosen Canisius F., handelt, hatte jedoch einige Verletzungen im Gesicht, von denen die Behörden ausgehen, dass sie vom Retter des Mädchens stammen, allerdings kann er auch, betrunken wie er war, zuvor oder später in eine Schlägerei oder ein Zauberduell verwickelt worden sein.
Das merkwürdigste jedoch war, was die Polizisten im Blut des Geständigen fanden: „Mithilfe neuester Technologie haben wir sein Blut überprüft, wo man nicht nur große Mengen Alkohols finden konnte, sondern auch Veritaserum… das erklärt, weshalb der Täter wahrscheinlich auch so geständig war."
Die Ermittler vermuten, dass der Täter nicht von alleine zu den Behörden gegangen ist sondern von demjenigen, der ihm das Veritaserum verabreicht hatte, dort abgesetzt wurde."
Was sie davon halten sollte, wusste Hermine nicht. Stattdessen las sie den Artikel noch etwa weitere sieben Mal, und jedes Mal begannen ihre Hände von neuem zu zittern. Irgendwann fühlte sie eine einzelne Träne über ihr Gesicht rinnen, die sie mit einer leichten Wischbewegung daran hinderte, eine allzu weite Strecke zurückzulegen.
Sie wusste überhaupt nicht mehr weiter. Warum sie fühlte, wie sie fühlte. Was dieser Artikel zu bedeuten hatte. Was sie von alldem halten sollte. Und vor allem:
Wie sie Snape am morgigen Tage gegenüber treten sollte.
