Hoffnungs Flügel
Windgates, Toronto
24.06.1941
Hallo kleiner Bruder,
ich habe Neuigkeiten für dich. Eigentlich ist es schon fast gemein von mir, dass es dir jetzt erst schreibe, weil ich davon doch schon seit zwei ganzen Tagen weiß, aber vorgestern hing noch alles in der Schwebe und gestern war ich den ganzen Tag im Operationssaal und danach völlig fertig, also erst heute hier mein Brief (Mum wollte es dir eigentlich schreiben, aber ich habe sie überredet, dass ich es machen darf – sie trifft also keine Schuld!)
Um es kurz zu machen: Wir kriegen eine kleine Schwester.
Na, schockiert? Mir ging es ehrlich gesagt ganz ähnlich, als Mum uns davon erzählt hat. Wie schockiert Dad gewesen sein muss, kannst du dir sicherlich vorstellen. Aber das Ganze ist eigentlich gar nicht so unrealistisch, wie es klingt.
Mum kriegt natürlich kein Kind, sie hat sich vielmehr dazu entschlossen, eins zu adoptieren. Schon viel logischer, oder? Eigentlich dürfte es einen ja noch nicht mal überraschen. So viel Zeit und Energie (und Geld) sie in die Waisenhäuser hier in Toronto gesteckt hat – irgendwie war es ja nur eine Frage der Zeit, bis sie sich selber entschließt, ein Kind zu adoptieren.
Unsere neue kleine Schwester heißt Shirley mit Nachnamen, deshalb ist Mum wohl auf sie aufmerksam geworden. Elaine Shirley – nein, Elaine Shirley Ford wohl mittlerweile. Mum und Dad sind vor drei Stunden losgefahren, die Papiere dürften also mittlerweile unterzeichnet sein. Sie bringen Lily – so wird sie anscheinend genannt – gleich auch direkt mit. Armes Kind, das wird der reinste Kulturschock werden.
Lily hat nämlich laut Mum ihr ganzes Leben im Waisenhaus verbracht. Ihre Mutter hat sie als Säugling abgegeben, kaum ein paar Tage alt war sie da, vom Vater weiß man nichts. Mitte 1939 war sie wohl schon mal an eine Familie vermittelt, aber als der Mann in den Krieg gegangen ist, haben die sie zurück gebracht, nach vier Monaten. Tolle Einstellung, oder?
Lily ist auf jeden Fall sechs Jahre alt, wird im September sieben und Mum spielt wohl schon seit einigen Wochen mit dem Gedanken, sie zu adoptieren. Sie hat schon eine ganze Menge Vorarbeit geleistet, bei den Behörden und so, deshalb ging das jetzt überhaupt so schnell. Eigentlich hat es nur noch Dads Zustimmung gebraucht und naja – ein bisschen skeptisch ist er natürlich schon, aber er hat Mum noch nie etwas abschlagen können und… sie hat sich doch immer so sehr drittes Kind gewünscht.
Nachdem er ja gesagt hat, hat Mum den ganzen gestrigen Tag damit verbracht, das gelbe Gästezimmer herzurichten. Unsere ganzen alten Spielsachen sind vom Dachboden geholt worden, aber wie ich unsere Eltern kenne, wird Lily spätestens in einer Woche mit neuem Spielzeug überhäuft werden.
Sag mal, ist dir eigentlich aufgefallen, was für verwöhnt kleine Biester wir – ja, okay, ich mehr also du – wie manchmal waren? Rückblickend schäme ich mich ja fast. Deshalb habe ich auch beschlossen, dass ich Lily in erster Linie dadurch eine gute große Schwester sein kann, indem ich verhindere, dass sie auch so verwöhnt wird. Bei mir musste ja erst die Arbeit im Krankenhaus kommen, um mich zu ‚heilen', deshalb ist es nur vernünftig, es bei ihr gar nicht so weit kommen zu lassen.
So, ich höre unten die Haustür, sie sind also da. Erwarte bald einen weiteren Brief von mir, in dem ich dir alles weitere berichte. Und schreib auch mal wieder, du treuloses Etwas! Ein Brief alle drei Wochen, das ist wirklich wenig.
Alles Liebe und pass auf dich auf,
Ally
Als Ally herunterkam, standen ihre Eltern noch neben der Haustüre, ihre Mutter reichte Matilda den dünnen Sommermantel und ihr Vater sprach mit John, einem der Diener.
Zwischen ihnen, verloren und verschreckt, stand ein kleines Mädchen mit braunen Haaren und heller Haut, womit sie Rilla und, wie Ally wusste, auch ihr selber äußerlich nicht unähnlich war.
Kenneth entdeckte im Moment seine Tochter – seine ältere Tochter – auf der Treppe und machte seine Frau darauf aufmerksam. Rilla hob den Kopf, lächelte und Ally viel auf, dass sie ihre Mutter seit sehr, sehr langer Zeit nicht mehr so glücklich gesehen hatte.
Dafür allein musste es sich gelohnt haben.
„Lily", wandte Rilla sich jetzt an das Mädchen, „das ist Ally, unsere große Tochter – deine Schwester."
Lily starrte mit großen Augen zu Ally hinauf, griff dann nach Rillas Hand und hielt sich daran fest. Ally erinnerte sich, dass ihre Mutter erzählt hatte, dass sie und Lily in den vergangenen Wochen bereits eine recht vertrauensvolle Beziehung zueinander aufgebaut hatten. Für das Mädchen war das umso besser, fand sie.
„Hallo Lily", grüßte sie dann, selber nicht ganz sicher, wie sie mit dieser merkwürdigen Situation umgehen sollte und kam die restlichen Treppenstufen herunter.
Lily hob ganz kurz eine Hand und winkte, trat dann aber instinktiv ein paar Schritte zurück, als hätte sie sich gerne versteckt, wusste aber nicht, wohinter. Die Hände hielt sie in Fäusten an der Seite, die Daumen fest zwischen den anderen Fingern und Ally schien es fast, als versuche sie krampfhaft, den Impuls zu unterdrücken, am Daumen zu lutschen.
„Wollen wir Lily nicht ihr Zimmer zeigen?", fragte Kenneth nach ein paar Sekunden unsicherer Stille und noch bevor Rilla zustimmen konnte, war Ally auch schon wieder die halbe Treppe hochgegangen, froh, etwas machen zu können.
Sie zeigten Lily ihr neues Zimmer, das ehemalige gelbe Gästezimmer, immer für enge Freunde und Verwandte reserviert gewesen, weil es so nah an den Schlafzimmern der Familie lag, gar an das von Rilla angrenzte, das inoffiziell das Zimmer beider Eltern war, obwohl Kenneth streng genommen ein eigenes Zimmer am Ende des Flurs hatte.
Als sie noch jünger gewesen waren, hatten Ally und Walt immer gewusst, dass ihre Eltern sich gestritten hatten, wenn ihr Vater in seinem eigenen Schlafzimmer geschlafen hatte.
Es war wohl einfach bequemer als eine Nacht auf der Couch, dachte Ally jetzt und grinste ein wenig in sich herein.
Lily, für deren Reaktion ‚Kulturschock' wohl schon keine angemessene Reaktion war, traute sich mittlerweile gar nichts mehr, stand nur stocksteif und verängstigt in der Mitte des großen Raumes und reagierte kaum mehr auf Rilla, die sie auf mehrere der Spielsachen aufmerksam machte, in der Hoffnung, irgendeine Art Freude aus dem Mädchen herauszukriegen.
Es war schließlich Kenneth, der vorschlug, die beiden Mädchen doch alleine zu lassen, deine unwillige Frau aus dem Raum führte und seine beiden unsicheren Töchter zurückließ.
Ally, die fand, sie müsse um Gottes Willen irgendetwas tun, hob eine der Puppen hoch, kaum das ihr Vater die Türe geschlossen hatte, und betrachtete sie.
„Die gehörte mal mir", stellte sie fest, „weißt du, wie ich sie genannt habe?"
Lily schüttelte stumm den Kopf.
„Erika", erklärte Ally, sah dann noch mal auf die braunhaarige Puppe in ihrer Hand und schüttelte den Kopf, „ich hatte einen ziemlich schlechten Geschmack, was Puppennamen anbelangt."
Meinte sie es nur, oder wirkte Lily etwas entspannter?
Ally legte Erika zurück, ließ den Blick über den Stapel Puppen gleiten, blieb dann an einer blonden Porzellanpuppe mit einem weißen Kleid hängen. Sie lächelte.
„Die da heißt wie du. Elaine", bemerkte sie dann, nahm die Puppe und reichte sie an Lily weiter. Die Hände des Mädchens schlossen sich rasch darum.
„Weißt du, woher der Name Elaine kommt?", fragte Ally dann und Lily, die jetzt interessiert aussah, aber immer noch nicht ganz sicher, ob sie interessiert sein durfte, schüttelte den Kopf.
Ally trat näher ans Fenster und warf einen Blick auf den Park unten. „Elaine war eine sehr, sehr schöne Frau. Sie haben sie auch ‚Die Lilienmaid' genannt, so schön war sie. Sie war unglücklich verliebt in einen sehr mutigen Mann und dann…", sie stockte, „naja, ist auf jeden Fall ganz schön lange her das Ganze."
Lily war ein paar Schritte näher getreten, die Puppe hielt sie immer noch fest, aber sie wirkte nicht mehr ganz so verschüchtert.
„Magst du Tiere?", fragte Ally dann, „wir haben eine ganze Menge Pferde, ein paar Katzen… mein Bruder – unser Bruder, muss ich ja jetzt sagen – hatte früher auch mal einen Hund, aber… jetzt nicht mehr. Haben sie dir von ihm erzählt? Von unserem Bruder, meine ich."
Lily nickte, dann, zögernd, öffnete sie den Mund und antwortete leise: „Er heißt Walt. Er ist Soldat. In Europa."
Ally nickte, nicht ohne den üblichen Stich irgendwo in ihrer Herzgegend zu spüren, den sie immer spürte, wenn sie an Walt dachte. Manchmal fragte sie sich, ob sie spüren würde, wenn ihm etwas passierte. Selten, viel seltener und meistens nur in dunklen Stunden schlafloser Nächte, fragte sie sich auch, ob sie überhaupt würde leben können, wenn er es nicht mehr tat.
Mit einem kurzen Kopfschütteln vertrieb sie die düsteren Gedanken, schob sie weg, weit von sich, obwohl wissend, dass sie immer, immer wiederkommen würden, nicht verschwinden würden, bis Walt entweder in Sicherheit oder tot war.
„Ja", wandte sie sich jetzt an Lily, „und Mum hat viel Angst um ihn. Deshalb ist es gut, dass du jetzt hier bei uns bist. Sie liebt dich jetzt schon sehr, glaube ich, und sie ist sehr glücklich."
Lily sah sie aus großen Augen an, war mittlerweile bis auf ein paar Schritte heran gekommen und nach kurzen Nachdenken fuhr Ally fort: „Ich übrigens auch. Ich habe mir früher immer eine kleine Schwester gewünscht und auch wenn du doch sehr viel kleiner bist – ich bin froh, dich als Schwester zu haben, Lily."
„Ich bin fast sieben!", widersprach Lily, so heftig und so plötzlich, dass es sie selber erschrak und sie für einen Moment ängstlich schien, wie Ally reagieren sollte, aber die lachte nur.
„Natürlich. Sechs Jahre und neun Monate, richtig?", erkundigte sie sich.
Lily nickte. „Und fünf Tage", fügte sie hinzu und Ally grinste über diese Akkuration, mit der nur Kinder das eigene Alter bestimmen konnten, Kinder, die es nicht erwarten konnten, älter zu werden, weil sie die Vorzüge der Kindheit, die selige Unwissenheit, noch nicht zu schätzen wussten und erst würden schätzen können, wenn die Kindheit lange hinter ihnen lag.
„Fünf Tage", wiederholte Ally, schüttelte den Kopf und lachte, „natürlich, wie dumm von mir."
Und es wäre zu viel gesagt, zu behaupten, Lily habe gelächelt, aber wie sie dort stand, mit der Puppe, sah sie nicht mehr verängstigt aus, sondern neugierig und ein bisschen hoffnungsvoll und es war ein Anfang, wenn schon sonst nichts.
