Winter of Snakes
Embarrassment of Dolls
„Das kann doch nicht wahr sein! Verdammt", fluchte Kinana, während sie panisch in ihrer Handtasche herumsuchte. Sie packte ja nicht viel ein, also hätte sie schon nach Sekunden feststellen müssen, dass das Gesuchte nicht mehr drin war.
Trotzdem wühlte sie noch in ihrer Tasche und kontrollierte sogar dreimal die zwei winzigen Verstecke auf den Seiten. Nichts, die Puppe war und blieb verschwunden.
Hatte sie vielleicht doch eins der Verstecke nicht richtig geschlossen, heute Morgen? War die Puppe irgendwo auf dem Weg rausgefallen, ohne dass sie es bemerkt hatte? Nun, Kinana musste wohl oder übel zugeben, dass dies die einzige Erklärung war. Das war doch… sie hätte die Puppe doch zu Hause lassen sollen, wie sie es sich eigentlich vorgenommen hatte, als Juvia sie ihr vor zwei Monaten geschenkt hatte. Aber das Geschenk hatte die Lilahaarige so gerührt und da die Person, welche die Puppe darstellte, ihr heimlicher Schwarm war, hatte sie dieses Kuschelding einfach so oft mit sich haben wollen.
Juvia hatte vor einiger Zeit die "tolle" Idee gehabt, all ihren Freundinnen aus ihrem gemeinsamen Schmuck-Design-Kurs Puppen zu nähen, die wie ihre "Märchenprinzen" aussahen. Das war Mirajanes Wortwahl gewesen, welche Juvias Idee absolut romantisch, hilfreich und praktisch fand zum Verkuppeln. Das war so typisch für die Weisshaarige.
Levy hatte ihre Gajeel-Puppe bekommen, sowie Erza eine, die wie Jellal aussah, bis hin zur Tätowierung über dem Auge. Lucy hatte man zwingen müssen ihren Kuschel-Natsu anzunehmen. Meredy hatte eine Puppe bekommen, der wie ein Gothic aussah, aber weder sie noch die Blauhaarige hatten verraten wollen, um wen es sich handelte. Für Yukino hatte Juvia je eine Puppe im Abbild von Sting und Rogue geschenkt, da sie nicht wusste, in welchen von beiden Studenten Yukino nun verliebt war. Die Rogue-Puppe hatte diese behalten, während die Sting-Puppe in Minervas Orlandos Besitz überging, was eine allgemeine Überraschung verursachte. Nie hätte Kinana gedacht, dass die berühmte Modedesignerin, die auch Yukinos Lehrmeisterin war, sich auf einen jüngeren und ziemlich kindischen Mann einlassen würde.
Und vor zwei Monaten war Kinana an der Reihe gewesen, eine Puppe zu bekommen. Das war echt peinlich gewesen, als Juvia sie gleich nach dem Kurs zur Seite genommen hatte und ihr feierlich die Erik-Puppe präsentiert hatte. Trotz dem grimmigen Gesichtsausdruck, dem einen Knopfauge und dem winzigen Schmollmund hatte die Puppe echt niedlich ausgesehen. Juvia hatte sogar Eriks Narbe über dem rechten Auge nachgemacht, mit feinen Stichen. Die Wollhaare hatten die exakt gleiche Farbe wie seine natürlichen Haaren und waren genauso verwuschelt. Sogar die Puppenkleidung hatte Juvia perfekt nachgenäht. Der weisse Mantel, das rote Shirt, die schwarze Lederhose… Nichts fehlte.
So peinlich sie das Geschenk auf Anhieb fand, Juvias Mühe dahinter hatte sich wirklich gelohnt. Kinana hatte die Puppe einfach nicht ausschlagen können. Trotzdem wäre es ihr peinlich gewesen, wenn jemand anderes als ihre Freundinnen die Puppe sehen würde. Vor allem wäre es ihr wirklich lieber, wenn Erik die Puppe nie zu Gesicht bekommen würde.
Sie kannten ihn aus der Schule und schon damals hatte sie eine riesige Schwäche für ihn gehabt. Mit der Zeit hatte Erik sich zu einem guten Kumpel entwickelt, doch bis zum Schulabschluss war es nie weiter gekommen. Nach der Schule sind ihre Wege auseinander gegangen, wobei Kinana immer noch der Fast-Romanze ein wenig nachgetrauert hatte und sich fragte, was wohl aus Erik geworden war.
Dann, vor etwa zwei Jahren, war er spontan wieder in ihr Leben eingetreten, als er eines Tages in das kleine Café reinschneite, wo sie gemeinsam mit Mira arbeitete. Das war eine riesige Überraschung gewesen für Kinana und ihre Gefühle hatten sich rasch bei seinem Anblick verzehnfacht. Leider hatte er nie den Eindruck gegeben sich an sie zu erinnern. Trotzdem hatten sie im Laufe der letzten beiden Jahre immer öfter miteinander geredet und Erik war sogar zu einem Stammgast im Café geworden.
Aber wie damals in der Schule schien es nicht tiefer zu gehen und Kinana getraute sich auch nicht, den ersten Schritt zu tun. Miras Motivationsversuche erbrachten eher das Gegenteil und die Angst, Erik würde sie nur auslachen, wie es seine Art war, hinderten sie stark.
Schnell drehte sie sich um, in der Hoffnung Puppen-Erik irgendwo in dieser abgelegenen Strasse zu entdecken. Fehlanzeige. Durch den Schneefall sah man keine drei Meter weit. Sollte sie vielleicht den Weg zurück gehen, bis zum Haus wo der Schmuck-Kurs immer stattfand? Etwas Besseres konnte sie ja nicht tun, aber Kinana machte sich keine allzu grosse Hoffnungen. Mit dem Schneefall war die Puppe sicher schon überdeckt und es bestand auch die Möglichkeit, dass ein kleines Kind ihn auf dem Heimweg von der Schule aufgelesen und für sich selber behalten hatte.
Seufzend ging Kinana zurück. Ihren hellgrünen Mantel presste sie fester gegen sich und sie vergrub ihre Nase in ihrem roten Schal. Sie ging langsam vorwärts, in kleinen Schritten und liess den Boden nicht aus den Augen. Sie wollte ja nichts verpassen, was auf ihre geliebte Erik-Puppe hinweisen konnte. Sie hing mehr daran, als sie Juvia und Mira jemals zugeben würde. Wenn sie nicht mit dem echten Erik kuscheln konnte, dann war die Puppe wenigstens ein kleiner Trost.
Die Lilahaarige war so vertieft gewesen auf dem Boden zu schauen, dass sie um die nächste Ecke mit jemanden zusammenschlug. Fast wäre Kinana auf den nassen, kalten Asphalt hingefallen, wenn ihr Gegenüber nicht den Reflex hatte sie eher grob am Arm aufzufangen.
„Fuck, kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst? Mit dem Schneefall ist ein Unfall noch schnell passiert", zischte der Mann wütend. Kinana wollte sich gerade entschuldigen, doch ihre Stimme blieb in ihrer Kehle hängen als erkannte, wer sie da gerade aufgefangen hatte.
Auch ihr Gegenüber schien sie erkannt zu haben, denn sein grober Griff lockerte sich und er fragte überrascht: „Kinana?"
Ihr Herz schien in Lichtgeschwindigkeit zu rasen als sie hörte, wie er ihren Namen sagte. Warum passierte ihr das immer, wenn sie ihren Namen mit seiner Stimme hörte?
„Tut… tut mir Leid, Erik…", nuschelte sie schliesslich. Zum Glück hatte er sie nicht losgelassen. Mit ihren butterweichen Knien hätte sie es alleine nicht geschafft weiterhin zu stehen. Zögernd sah sie zu ihm hoch. Warum musste er auch so verboten attraktiv aussehen? Seine wilden rotbraunen Haare waren unter der Kapuze seines dunkelroten Wintermantel verborgen, nur eine Haarsträhne fiel ihm auf die Stirn. Ansonsten war alles an seinem Gesicht noch zu sehen. Die bronzefarbene Haut, die Narbe über dem geschlossenen rechten Auge, sein schwarzer, undefinierbarer Blick, die kantigen Gesichtszüge… Als ihr bewusst wurde, dass sie ihn bloss angaffte, senkte Kinana peinlich berührt ihren Kopf.
„Ist eigentlich gut, dass ich dich treffe. Ich wollte es dir zurückgeben, beim Verlassen des Cafés ist es aus deiner Tasche gefallen."
Während er sprach, wühlte er in seinen Manteltaschen rum, als ob er doch etwas suchte. Während Kinana sich fragte, warum er ihr überhaupt etwas zurückgeben wollte, holte er eine Stoffpuppe heraus. Ihre grimmige Erik-Puppe.
Kinana konnte nicht verhindern, dass ein überraschter Schrei ihre Kehle verliess. Am liebsten wäre sie in ein grosses Bodenloch verschwunden. Diese Situation war einfach zu peinlich. Was sollte Erik nun von ihr denken, nun da er wusste, dass sie mit einer Puppe mit seinem Abbild in der Tasche herumspazierte? Er würde für lächerlich halten, so viel war klar. Und für verrückt. Und er würde sich nie im Café blicken lassen und sie würde ihn nie wiedersehen und…
„Glaubst du nicht, dass du mir einiges erklären solltest?", unterbrach Erik ihre wirren Gedanken, mit einer nicht so irritierter Stimme wie sie gedacht hatte. Völlig überrumpelt starrte sie ihn an.
„W… Was?"
„He, zum Beispiel, warum du mit einer Puppe rumspazierst, die genauso aussieht wie ich", erwiderte Erik, während er die Puppe skeptisch betrachtete. „Allerdings sehe ich in echt bestimmt nicht so grimmig aus wie der Kleine da. Sieht dir nicht ähnlich mit Puppen rumzuspazieren, vor allem mit Real-Abbildern. Oder hattest du schon die Angewohnheit, als wir zur Schule gegangen sind?"
Seine letzte Frage liess Kinana einen Moment lang ihre Hemmungen vergessen. Völlig verdattert starrte sie ihn an.
„Warum hast du nicht gesagt, dass du dich noch an mich erinnerst?"
„Du hast mir ja auch nichts davon gesagt."
Das stimmte allerdings, sie hatte nie zu erkennen gegeben, dass sie sich an ihn erinnerte. Weil sie noch ein wenig zu schüchtern war mit ihm. Aber er hätte bestimmt auch dieses Detail erwähnen können. Immerhin war er weniger schüchtern als sie. Oder?
Weil Erik sie immer noch fragend anschaute während er die Puppe zurück gab, beichte Kinana schlussendlich: „Es ist… das Geschenk einer Freundin von mir… sie näht sehr gerne und… wollte mir so etwas… wie… eine Freude machen. Aber ich schwöre, ich habe sie nicht darum gebeten, eine Puppe zu nähen, sie ist von selber drauf gekommen! Es ist nur, dass… naja, du… sie weiss einfach, dass ich… Äh, ich weiss echt wie ich das erklären könnte…"
Gott im Himmel, war das peinlich! Jetzt stotterte sie noch vor Erik! Sie war schüchtern gewesen, ja, aber sie hatte noch nie in seiner Anwesenheit gestottert. Was würde er bloss von ihr denken?
Merkwürdigerweise schien er gestört von ihm Stottern zu sein. Ein kleines Grinsen, welches sie nicht definieren konnte, schlich sich auf seinen Lippen und er antwortete in aller Ruhe: „Das ist auch nicht ein guter Ort um Sachen zu erklären. Kalt, Schneefall… Am besten gehen wir irgendwo ins Warme rein. Ich habe einen Kumpel, der in der Nähe eine kleine Bar hält. Little Brother's Love. Ich weiss, es klingt total kitschig, aber dort ist es warm und gemütlich. Da könntest mir erzählen, was es mit der Puppe auf sich hat. Aber bitte ohne zu stottern, steht dir nicht."
War das jetzt ein Kompliment oder eine Beleidigung gewesen? Bei Erik konnte man diesbezüglich nie wirklich sicher sein. Kinana nickte einfach, nahm Eriks Arm an und liess sich von ihm ziehen. Die Puppe hielt sie immer noch fest im Arm. Der junge Mann warf dem Kuschel-Erik einen Blick zu und sagte wie nebenbei: „Vielleicht sollte ich geschmeichelt sein, dass diese Puppe aussieht wie ich und in deinem Besitz ist. So bin ich wenigstens indirekt in guten Händen."
Abermals errötete Kinana, doch dieses Mal konnte sie nicht umhin ein wenig zu lächeln. Das war sicher als Kompliment gedacht gewesen. Zufrieden presste Puppen-Erik fester gegen sich. Wer weiss, vielleicht würde er bald nur noch auf ihrem Nachttischchen thronen und sie könnte endlich mit dem Original kuscheln...
Warm Snowstorm
„Verpiss dich einfach, Jellal. Ich habe schon dreimal gesagt, dass ich in diesem verfickten Schneesturm nicht nach Hause kommen kann, kapiert?"
Cobra hatte wirklich Lust diesen Bastard, der genauso blauäugig wie blauhaarig war, anzuschreien. Aber das ging natürlich nicht. Kinana schlief im Zimmer nebenan und er wollte sie nicht aufwecken, also zischte er lieber wie eine Schlange. Nicht, weil er nicht wollte, dass sie von diesem Gespräch erfuhr. Sie wusste sowieso schon, wer Jellal war und was Cobra mit ihm und den anderen zu tun hatte. Das war nicht mehr das Problem. Aber es war ihm lieber, dass sie für einmal eine erholsame Nacht hinter sich hatte. Kinana hatte so viel hingenommen und manchmal sogar geopfert, hatte seine Situation akzeptiert, hielt das Ganze mit einer Engelsgeduld und einer Selbstlosigkeit aus, wie er es noch nie gesehen hatte. Sie verdiente es Ruhe zu bekommen, wo sie sich doch so viel Sorgen um ihn machte.
Warum hatte sie sich bloss auf ihn eingelassen? Sie hätte wirklich etwas Besseres verdient als ein Loser, ein ehemaliger Kleinkrimineller, der mit sechs anderen seiner Art zusammen in einer WG wohnte und für die vergangenen Verbrechen Sozialstunden abarbeiten mussten. Und das noch in einem Kindergarten! Kinana hätte wirklich jeden haben können, so hübsch wie sie war, mit dem niedlichen herzförmigen Gesicht, den sanften dunklen lilafarbenen Haaren und den atemberaubenden smaragdgrünen Augen. Und der engelsgleichen Stimme, die so oft nur für ihn sang.
Stattdessen hatte sie sich für ihn entschieden, sie hatte sich auf seinem schlechten Ruf eingelassen und war sogar soweit gegangen, sich ihm hinzugeben! Cobra konnte die Beziehung, die sie teilten, nicht wirklich beschreiben. Er weigerte sich sogar, das zu benennen, was er für Kinana fühlte. Tatsache war, dass er immer wieder aus ihrer Wohnung ein und aus ging, vor allem wenn er mit all den Sozialstunden und vor allem die Nase voll von seinen Mitbewohnern hatte.
Er kam, blieb für ein paar Tage (während denen er trotzdem in den Kindergarten gehen musste), genoss ihre Ruhe und ihre Liebenswürdigkeit und nahm sie zu sich ins Bett um sich in ihren Armen zu entspannen, bevor er wieder ging. Weil der gute, selbstdisziplinierter und fast selbsternannter Anführer ihrer Sozialgruppe (Crime Sorciere, wie Meldy es zum Spass nannte), Jellal Ich-muss-für-meine-Taten-büssen-und-meine-wahre-Liebe-aufgeben Fernandes es hasste, wenn die Mitglieder der Truppe nicht in der WG übernachteten. Der Gute hatte einfach Angst, dass einer von ihnen nicht mehr zurückkommen würde und einen kriminellen Rückfall haben werde, um seine Wortwahl zu übernehmen.
Als ob Cobra das tun würde. Er musste schon weniger Sozialstunden abarbeiten als Jellal, der überraschend viel auf dem Kerbholz hatte. Und ausserdem, nachdem er während dem grössten Teil seiner Zeit als Krimineller so manipuliert und verraten worden war, hatte Cobra überhaupt keine Lust zurück in diese verkorkste Welt zu fallen.
Natürlich war es auch nicht so cool, dass er von Kinanas Liebenswürdigkeit so profitierte. Er schämte sich und hatte früher oft mit dem Gedanken gespielt, diese Besuche ein für alle Mal zu stoppen. Zu dumm, dass diese wie eine notwendige Droge für ihn geworden waren, gleichzeitig Gift und Balsam. Mit der Zeit hatte angefangen ihr kleine Geschenke zu bringen. Zwar billig und manchmal fast geschmacklos, aber die Geste zählte und Kinana freute sich immer wieder darüber. Er ging mit ihr aus, lud sie zum Essen ein, spazierte mit ihr durch den Park, half ihr bei den Einkäufen und dem Haushalt. Eine nichtsahnende Person würde das für eine normale, glückliche Beziehung halten. Was es ja nicht war...
„Hör zu, es ist zwischen Freitag und Samstag. Am Wochenende müssen wir nicht im Kindergarten arbeiten. Da ist es echt kein Drama, dass ich heute nicht nach Hause kommen kann."
Nach Hause... Cobra hätte beinahe laut aufgelacht. In der Zwischenzeit verbrachte er mehr Zeit in Kinanas Wohnung statt in der WG. Seit Wochen befand sich mehr als die Hälfte seiner Sachen nicht mehr im WG-Zimmer, welches er sich mit Racer und Midnight teilen musste. Kinana selber schlief jetzt am liebsten in T-Shirts und Tank-Tops, die sie sich mal "geborgt" hatte. Seine Zahnbürste befand sich im Badezimmer (in der WG nahm er nun heimlich Angels Mundspülung) und seine Games waren mit Kinanas DVDs im Regal neben dem Fernseher aufgeräumt.
„Du sagst doch selber, dass wir aufpassen müssen, wenn das Wetter nicht mitspielt. Und mit dem verfickten Schneesturm wäre ich tatsächlich total hirnverbrannt, sollte ich jetzt nach draussen gehen. Keine Ahnung wie lange es dauern wird... Jetzt sei mal nicht so frech, du solltest dich ja gewohnt sein, dass ich mehr mit Kinana zusammenlebe statt in deiner WG. Ich lasse euch nicht fallen und werde nicht wieder als Verbrecher leben. Aber lass mich auch mal eine eigene Freude haben! Und jetzt, gute Nacht."
Seufzend klappte er das Handy zu und liess sich auf das Sofa im Wohnzimmer fallen. Warum mussten die Gespräche mit Jellal immer so erschöpfend sein? Vor allem wenn dieser Sorgen hatte war es anstrengend und das passierte leider ziemlich oft. Selbst Angel war dann angenehmer als Mr. Disziplin in Person und das bedeutete schon viel!
Fröstelnd sah sich Cobra in Kinanas Wohnzimmer um. Das Licht war ausgeschaltet, aber Stromausfall war es nicht. Aus dem Finster, zwischen den herumwirbelnden Flocken, konnte er noch das Licht der Strassenlaterne erkennen. Die Uhr zeigte kurz nach eins an. Das Zimmer war recht dunkel, nur den Schein der Laterne liess Licht hinein. Trotzdem konnte Cobra das Wohnzimmer gut erkennen, da der Schnee die Nacht nicht zu dunkel wirken liess, selbst während den kürzesten Tagen des Jahres.
Warum hatte er bloss das Gefühl, dass dieses spärliche Licht im dunklen Raum irgendwie auch sein eigenes Leben darstellte? Eine Kindheit voller Angst, eine Jugend voller Verbrechen, ein Erwachsenleben voller Sorgen, ungewisser Zukunft und Sozialstunden. Kurz gesagt, eher dunkel. Nur Kinana gab ihm Licht, Wärme und Zuneigung. Und das, was sie ihm gab, liess der Rest seiner Dunkelheit nicht mehr so dunkel erscheinen wie am Anfang...
Damals, als sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, in einer Bar. Er war allein gewesen, sie mit Freundinnen. Rasch ins Gespräch gekommen, ein paar Drinks (okay, MEHR als nur ein paar) und schon waren sie ins Bett gelandet, wo sie zum ersten intim geworden waren und Kinana nebenbei auch ihre Unschuld verloren hatte. Eigentlich hätte es bei diesem One-Night-Stand bleiben können, wenn Kinana am nächsten Tag ihm nicht noch einen Zettel mit ihrer Adresse und ihrer Nummer gegeben hatte. Seither war es zu dieser nicht normalen Beziehung gekommen.
Cobra stand auf und rieb sich die Arme. Eine Gänsehaut hatte sich gebildet. Kein Wunder, die Temperatur war anscheinend im Minus-Bereich gesunken. Das Gespräch mit Jellal hatte ihn müde gemacht und die wilden Küsse, die er vorhin noch mit Kinana getauscht hatte, zeigten jetzt auch noch ihre Nachwirkungen. Besser ging er wieder ins Bett, der einzige wirklich nicht kühle Ort in der Wohnung. Er sehnte sich tatsächlich danach, sich neben der schönen Lilahaarigen hinzulegen, ihren warmen Körper zu umarmen, sie fest gegen sich zu pressen... Verdammt, sie war wirklich wie eine Droge für ihn.
Das Zimmer war ebenso dunkel wie das Wohnzimmer, nur der Schein der Strassenlaterne erhellte durch das Fenster das etwas derangierte Bett. Kinanas herzförmiges Gesicht war gegen das Fenster gerichtet. Ihre blasse Haut schien leicht zu strahlen im schwachen Licht. Eine Hand hielt zaghaft die Decke, während die andere die zweite Hälfte des Bettes leicht betastete. Als ob sie eine andere Person suchte. Als ob sie IHN suchte. Das war ein anderer Grund, warum Cobra seine Besuche nicht aufgab. Es würde Kinana unglücklich machen und es würde ihm genauso das Herz brechen.
Sie sah so unschuldig und friedlich aus, so wie sie da lag, mit einem roten Tanktop, das ihr viel zu gross war und eigentlich im gehörte. Fast wie ein Kind sah sie aus... Kein Wunder, dass er ihr nicht hatte widerstehen können, als sie ihm diesen Zettel gegeben hatte und dass er bei ihrem Anblick immer ein wildes Herzklopfen bekam, egal ob wach oder schlafend. Ihre Ruhe, ihre Liebenswürdigkeit hatten ihn das gegeben, was ihm jahrelang verwehrt wurde.
Leise legte er sich neben der jungen Frau. Ihre Hand traf nun auf seine Brust und sie öffnete schlaftrunken ihre Augen. Einen leichten Schlaf hatte sie schon immer gehabt.
„Erik?"
„Schlaf jetzt, du bist müde", murmelte Cobra bloss, während er sich hinlegte und ihren zierlichen Körper gegen sich presste. Trotzdem konnte er nicht widerstehen ihr einen Kuss auf die Lippen zu drücken, bevor sie wieder einschlief. Einen Kuss voller Zärtlichkeit, der ihn viel mehr mit Glück füllte als alle wilde Küsse vor wenigen Stunden.
Warum sollte er eine Frau aufgeben, die ihm solche Geborgenheit schenkte?
Coffee Sorciere
„Kinana, der irre Typ starrt dich wieder an."
Angesprochene ging nicht auf Lakis Kommentar ein und kümmerte sich weiterhin um den Strauss zu kümmern, den sie gerade zusammenband. Es war nicht das erste Mal, dass sie ähnliche Kommentare von ihrer Freundin und Mitarbeiterin hörte. Ausserdem wusste sie genau, wenn Laki meinte. Erik, den gutaussehenden Arbeiter von Coffee Sorciere, dem Kaffee-Lokal welches direkt gegenüber vom Blumenladen lag, in dem Laki und Kinana arbeiteten.
Laki tat wieder einmal so, als ob Erik sie nur anstarren würde, aber das glaubte Kinana weniger. Ihre Freundin hatte immer eine Vorliebe für Übertreibungen, vor allem wenn es um Männer ging und ihrem speziellen Misstrauen gegenüber dem anderen Geschlecht.
Ausserdem gab es in diesem riesigen Kaufhaus gerade während der Weihnachtszeit so viele Kunden, die zwischen ihren Weihnachtseinkäufen sich ab und zu einen Kaffee, einen Kuchen oder sonst irgendwelche Leckereien gönnten, welche Kaffee-Shops zu bieten hatten. Coffee Sorciere war zwar keine grosse Filiale, im Gegensatz zu Celestial Zodiac Coffee, welche in ganz Fiore zwölf Lokale hatte (jedes mit einem der zwölf Sternzeichen versehen), und das Lokal war nur im Kaufhaus aufzufinden. Trotzdem war Coffee Sorciere beliebter als man von einer kleinen Filiale denken konnte. Die Mitarbeiter waren nett, wenn auch jeder auf seine ganz eigene Art, das Angebot war wirklich grosszügig und man konnte dort sogar spezielle Kaffee-Wünsche aufbringen, welche dann von den Mitarbeitern im Handumdrehen hergestellt wurden. Es gab zwar ein oder zwei Gerüchte über die Vergangenheit der sieben Arbeiter, aber heute interessierte sich niemand mehr dafür, zu gerne wurde der Kaffee-Shop besucht.
Es war ein angenehmer, vertrauter Ort um sich ein wenig vom stressigen Arbeitsalltag zu erholen, mit einem guten Kaffee und ein Stück Kuchen. Nach ihrer Schicht im Blumenladen ging Kinana sehr gerne dorthin bevor sie nach Hause ging. Zum Beispiel mit einem Snake Latte und einem Stück Rosentorte plus Schlagsahne, zwei der hauseigenen Spezialitäten des Lokals (nicht mal Celestial Zodiac Coffee hatte die im Angebot), konnte Kinana ihren Feierabend perfekt beginnen und darum ging sie auch gerne hin. Wobei ein gewisser Mitarbeiter dabei auch eine grosse Rolle spielte...
„Ich schwöre, er starrt dich an mit einem perversen Blick. Sicher ist es ein gefährlicher Stalker", raunte Laki wieder in Bühnenlautstärke, während sie hinter der Kasse stand und Blitze in Richtung Coffee Sorciere warf. Kinana drehte sich kopfschüttelnd zu ihr um. Laki sah eigentlich sehr hübsch aus in ihrer Floristik-Uniform – frühlinggrünes T-Shirt, blassrosafarbener knielanger Rock und tannengrüner Schürze – aber ihr Verhalten machte sie manchmal richtig lächerlich.
Ausserdem starrte Erik gar nicht wirklich in ihrer Richtung. Er warf dem Blumenladen bloss flüchtige Blicke zu, während er Kunden bediente und die Kaffeemaschinen laufen liess. Laki hatte wirklich einen Hang zur Übertreibung.
„Da, jetzt schaut er wieder hin! Eindeutig in deiner Richtung! Ein Wunder, dass er noch nicht anzüglich grinst. Er soll sich ja nicht denken, dass..."
„Laki, die Einzige, die hier in die Welt rumgafft bist du. Lass Erik in Ruhe und hilf mir die Adventssträusse fertig zu binden. Evergreen mag es nicht, wenn wir unsere Arbeit vernachlässigen, dass weiss du doch."
„Kinana hat Recht. Ich bin zwar ihre zukünftige Schwägerin, aber das heisst nicht, dass ich es mir leisten kann die Arbeit langsamer zu tun", mischte sich Mirajane ein, eine andere Mitarbeiterin, die gerade aus dem Hinterzimmer kam. „Unsere Chefin ist zwar zum Glück gerade nicht anwesend, aber sie erkennt mit einem Blick, wie viel Arbeit wir in ihrer Abwesenheit gemacht haben. Also keine falsche Müdigkeit vorschützen, bis zu unseren jeweiligen Feierabende gibt es noch einiges zu tun."
Kinana nickte der Weisshaarigen zu, bevor sie eine goldene Weihnachtskugel in den Strauss band, an dem sie gerade arbeitete. Ihr Feierabend stand kurz davor, aber diesen Strauss musste sie fertig bekommen. Evergreen akzeptierte sowieso nicht, dass man eine Arbeit unterbrach, egal ob Feierabend oder Pause. Bis auf dem letzten Drücker musste gearbeitet werden. Sie war streng, stolz und diszipliniert, hatte aber trotzdem einen weichen Kern. Vor allem seit sie mit Miras Bruder Elfman ausging und diese mit Evers Kindheitsfreund Fried eine Beziehung hatte.
Laki hingegen wollte sich nicht zufrieden geben und sagte missbilligend: „Sollen wir einfach so tun, als ob der Typ von Coffee Sorciere gegenüber überhaupt nicht die ganze Zeit Kinana anstarrt, als ob er sie ins Bett haben möchte?"
„Oh, hast du einen Verehrer, Kinana?", jauchzte Mira auf, gar nicht auf Lakis missbilligende Worte achtend, und schon waren ihre vorigen Worte vergessen. Die Weisshaarige war eine leidenschaftliche Hobby-Verkupplerin. Wenn auch nur ein klein bisschen wenig um Liebe ging, witterte sie sofort eine Aktion "zwei Seelen zu verbinden", wie sie es nannte. Es ging das Gerücht um, dass sie ihren Bruder selbst mit ihrer Chefin verkuppelt hatte.
„Welcher ist es denn? Macbeth? Ach nee, der kann es ja nicht sein, er ist ja schon mit Meldy zusammen. Richard? Jellal? Ich dachte doch, dass er auf Erza steht, aber vielleicht... Oh, nein, lass mich raten, Sawyer! Eigentlich wollte ich ihn mit Sorano verkuppeln, aber wenn er auf Kinana steht..."
„Nein, es ist der weinrothaarige Kerl mit der selbstgebräunter Haut und der hässlichen Narbe über dem Auge. Ich frage mich echt, warum der aus dem Gefängnis gelassen wurde. So frech wie der manchmal ist und dann stalkt er noch Kinana hinterher."
Kinana mochte Laki, aber manchmal konnte sie wirklich sehr nervig sein. Während sie weiterhin an ihrem Strauss arbeitete, sagte sie zu ihrer Freundin: „Laki, er heisst Erik! Er benutzt keinen Selbstbräuner, seine Haut ist von Natur aus so. Das mit der Narbe war ein Unfall und ich finde es wirklich mutig von ihm, dass er keine Komplexe deswegen hat und so rumläuft. Ausserdem stalkt er mich nicht hinterher. Das tun eher Macao und Wakaba, aber die beiden regen dich komischerweise nicht auf."
Laki schien überrascht von ihrem festen Tonfall zu sein, von ihrer sonst ruhigen Freundin war sie daran nicht gewohnt. Aber bevor die Helllilahaarige etwas erwidern konnte, mischte sich Mira wieder ein: „Ach, Erik ist es? Woah, da hast du ganz bestimmt einen heissen Verehrer, Kinana. Du Glückliche. Du musst wirklich sehr an ihn hängen, dass du so einige Details weisst, hm?"
„Ich gehe so gut wie jeden Tag in Coffee Sorciere und ich verstehe mich gut mit den Mitarbeitern", erklärte Kinana wage, während sie sich ihren Feierabend sehnlichst herbei wünschte. Eine Fragerunde mit Mira über Jungst konnte ziemlich peinlich werden.
„Mit allen sieben Mitarbeitern oder mit einem ganz Bestimmten?", fragte Mira mit gefährlich glänzenden Augen. Oje, dieser Glanz bedeutet nichts Gutes. Sollte Kinana vielleicht sagen, dass Erik doch nicht mehr nur ein Verehrer war? Nein, von Mira würde sie das nicht retten.
Aber bevor Mirajane wie gewohnt ihre Frage selber beantwortete und Kinana ihr widersprechen konnte, fand Laki ihre Sprache wieder: „Als ob Kinana sich auf so einen Typen einlassen würde. Natsu zum Beispiel oder Gray wären wirklich eine bessere..."
Kinana liess Laki nicht ausreden, diese Rede kannte sie schon zur Genüge: „Natsu und Gray mögen zwar nett sein, aber ich stehe ganz und gar nicht auf aufgeweckte, kindische oder eher kalte Typen, die sich immer wieder für nichts prügeln. Ausserdem ist Gray mit Juvia zusammen, falls du das schon wieder vergessen hast. Mit wem ich ausgehe entscheide immer noch ich, Laki. Versuch doch Erik mal besser kennenzulernen statt ihn zu verurteilen."
Ihren Strauss hatte Kinana währenddessen fertig gebunden. Genau rechtzeitig, jetzt konnte sie Feierabend machen. Puh, endlich. Sie mochte Laki und Mira wirklich sehr, aber sie konnten oft sehr nervig sein. Während Mira den Strauss übernahm um ihn einen Preis zu geben, verschwand Kinana in die Garderobe um wieder in ihre normalen Kleidern zu wechseln. Sie lächelte in sich hinein. Heute war Freitag und Eriks Schichte endete um die gleiche Zeit wie ihre...
Als sie zwei Minuten später wieder in den kleinen Laden trat, war Erik auch schon da, den üblichen Becher mit ihrem geliebten Snake Latte in der Hand. Meistens wartete er zwar vor dem Blumenladen. Aber da Laki ihn beschuldigte Kinana manipulieren zu wollen und Mira ihm mit einem zuckersüssem Lächeln indiskrete Fragen stellte, musste eine von ihnen ihn in den Laden reingezogen haben. Vielleicht auch beide. Laki und Mira konnte man vieles zutrauen, so verschieden ihre Meinungen auch waren.
Erik schien sich nicht auf die beiden Gespräche zu konzentrieren, obwohl man ihm ansah, dass er genervt davon war. Sein Augenlid zuckte und Kinana kicherte leicht. Er musste sich wirklich zurückhalten, um die beiden Frauen nicht giftige Worte an den Kopf zu schmeissen. Doch ihr zuliebe hielt er sich zurück und das war einer der Gründe, warum sie sich ihn in verliebt hatte.
Als er sie entdeckte, schlich sich auf seine Lippen dieses kleine Lächeln, welches nur für sie bestimmt war. Kinana lächelte zurück. Erik zeigte meistens indirekt seine Liebe, aber die Lilahaarige schätzte diese kleinen Gesten, die so viel mehr Bedeutung hatten als man annehmen konnte.
Wortlos ging sie auf ihm zu und drückte ihm einen kurzen, leidenschaftliche Kuss auf dem Mund. Was bei Laki einen Schrecken auslöste und bei Mira zuerst Überraschung, dann euphorische Liebeschwärmerei und kitschige Kindervorstellung. Wusste Fried eigentlich, auf was für eine Verrückte er sich mit der Weisshaarigen eingelassen hatte?
Kinana verabschiedete sich mit einer Umarmung von ihren beiden Freundinnen bevor sie ihren Snake Latte nahm, sich bei Erik einhakte und aus dem Blumenladen ging. Auf dem Weg zum Ausgang des Kaufhauses flüsterte sie ihm zu: „Danke, dass du dich zurückgehalten hast."
„Viel hatte nicht gefehlt, vor allem mit dieser Brillenschlange. Aber der Ausdruck auf ihren Gesichtern war echt der Hammer."
Kinana fiel in Eriks Lachen ein. Nächstes Mal würde sie sich bei Mirajane und Laki entschuldigen müssen. Vielleicht hätte sie ihnen ja sagen sollen, dass sie mit Erik zusammen war, heute seit fast zweieinhalb Jahren. Aber da Erik eine ruhige Beziehung bevorzugte und sie eigentlich auch, hatte sie keiner von ihren Freundinnen etwas davon erzählen wollen, für den Anfang. Aber ihre Beziehung mit Erik war auch der Hauptgrund, warum sie überhaupt angefangen hatte fast jeden Tag in Coffee Sorciere zu gehen.
