Love against the odds
Kapitel 14
Ängste und Sorgen
Irgendwann raffen wir uns doch dazu auf, das Büro zu verlassen, um zwecks der Bequemlichkeit sein Bett aufzusuchen. Außerdem ist es wieder mal spät geworden und nachdem morgen ein weiterer Schultag ist, sollten wir langsam zusehen, etwas zur Ruhe zu kommen; vor allem er hat seinen Schlaf bitter nötig.
Unsere Hände sind noch immer fest miteinander verschlungen, als wir uns Seite an Seite einen Weg durch seine Räumlichkeiten bahnen, womit es etwas schwer für ihn ist, seine Hose nicht zu verlieren.
Ich muss zugeben, dass mir der Gedanke gefällt, ihn derart aus sich herausgelockt zu haben. Es verschafft mir ein neuartiges Glücksgefühl, ihn so ungezwungen und befreit zu erleben. Fast kommt es mir dabei vor, als wäre es nie anders gewesen, obwohl ich weiß, dass es irrsinnig ist, etwas Derartiges auch nur zu denken, denn schon morgen Früh wird wieder alles beim Alten sein. Er kann nicht anders. Sobald ich mich aus seinem Schlafzimmer verabschieden werde, muss er seine gewohnten Verhaltensweisen auffahren, um sein kompliziertes Dasein zu meistern. Und auch ich werde mich dem Trott beugen müssen, wenn ich nicht riskieren will, dass unser kleines Geheimnis aufkommt.
Wie schwer es ihm wirklich gefallen sein muss, in diese Rolle zu schlüpfen, obwohl er doch für gewöhnlich allen etwas vorspielt, wird mir erst jetzt bewusst. Der Ausdruck auf seinem Gesicht vorhin, als ich ihn zu Dumbledore befragt habe, war sonderbar. So sehr sogar, dass ich mich unweigerlich frage, ob er dieses Spiel noch länger erdulden möchte, denn obwohl es ihm schwer fällt, sich mir zu öffnen, weiß ich doch auch, dass ich ihm gezeigt habe, wie das Leben abseits seines Alltags sein kann.
Träge ziehen wir unsere restlichen Sachen aus und lassen uns auf das Bett niedersinken. Dann kuschle ich mich innig an seinen nackten Körper, während er den Arm um mich legt und die Augen schließt.
Eine Weile beobachte ich im Schein der Kerzen sein Gesicht, dann merke auch ich, dass meine Lider schwer werden.
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Als ich in der Nacht aufwache, habe ich ein eigenartiges Gefühl. Irgendetwas scheint nicht in Ordnung zu sein. Was es ist, kann ich aber noch nicht sagen, bis mir schlagartig klar wird, dass Snape nicht mehr bei mir ist.
Ich setze mich auf und will die Bettdecke zurückschlagen, da sehe ich, dass sein Umhang obenauf liegt, was besagt, dass er mich damit zugedeckt hat, bevor er gegangen ist, womit auch eindeutig sein dürfte, wo er ist.
Irritiert bleibe ich auf dem Bett sitzen und starre in das knisternde Kaminfeuer, das beim Einschlafen noch nicht gebrannt hat. Dass er das für mich getan hat, überrascht mich. Vielleicht sind es nur Kleinigkeiten, die sich zwischen uns geändert haben, doch genau sie machen den Unterschied aus.
Der Gedanke, dass er fort ist, lässt mich frösteln. Vor allem, da er aller Wahrscheinlichkeit nach bei Voldemort ist. Zusammenfassend ist somit für mich unweigerlich der Punkt gekommen, an dem ich mich damit auseinander setzen muss, was wir denn nun eigentlich miteinander haben.
Zum Einen bin ich überwältigt, dass er daran gedacht hat, wie ich zuletzt seinen Umhang als vermeintliche Kuscheldecke verwendet habe. Andererseits machen mir diese Dinge bewusst, dass wir miteinander reden sollten, denn wer sich so fürsorglich verhält, hat weitaus mehr zu verschenken, als er zu Anfangs bereit war.
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„Wo waren Sie?", frage ich leise.
Während ich mich fest in seinen Umhang gehüllt im Schneidersitz auf seinem Bett platziere und auf eine Antwort von ihm warte, beobachte ich ihn angespannt dabei, wie er sich zu mir an die Kante setzt, um sich aus seiner Todesser-Robe zu schälen und die Schuhe auszuziehen. Achtlos wirft er alles auf den Boden. Dann beugt er sich vornüber und verbirgt erschöpft den Kopf in den Händen.
„Also?", dränge ich ungeduldig weiter.
Insgesamt macht er einen üblen Eindruck. Seine Gesichtszüge waren wie von Schmerz durchzogen verhärtet, als er sich neben mir niedergelassen hat, obwohl ich auf den ersten Blick keine Anzeichen einer Verletzung an ihm erkennen konnte. Dass er sich dennoch so zurückweisend verhält, versetzt mir einen Stich, denn es ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass es ihm wenigstens innerlich nicht gut geht.
Offensichtlich möchte er nicht einmal darüber reden, was ich zum Teil sogar verstehen kann. Er kann es nicht leiden, bemitleidet oder bemuttert zu werden, soviel habe ich inzwischen über ihn gelernt. Dennoch kann ich nicht einfach so tun, als würde mich unsere Situation kalt lassen.
Meine Nerven liegen blank. Seit ich ohne ihn aufgewacht bin, konnte ich nicht mehr einschlafen. Die Sorge um ihn quält mich schier.
Endlich reagiert er auf mich und stößt einen tiefen Seufzer aus. Dann lässt er die Hände sinken und dreht den Kopf in meine Richtung.
Der Blick in seinen Augen ist eine beunruhigende Mischung aus Unsicherheit und Zerrissenheit.
Erwartungsvoll lege ich die Stirn in Falten. „Ich meinte das ernst. Wir müssen miteinander reden."
Missbilligend schnaubt er mich an. „Warum?", fragt er abwehrend. „Was ich getan habe, wo ich war, geht Sie nichts an, Granger. Oder muss ich Sie erst daran erinnern, in welcher Position Sie stecken?"
Ich beiße mir hart auf die Zunge. „Position?"
Er wendet den Blick ab.
Eigentlich hatte ich nichts anderes von ihm erwartet, denn wann immer er in dieser Stimmung ist, fällt es ihm noch schwerer als sonst, das mit uns zu akzeptieren.
„Ich denke, wir sollten wenigstens über uns reden", erkläre ich vorsichtig.
„Und was wollen Sie von mir hören? Ich habe Ihnen gesagt, dass es nicht mehr als das geben würde. Nicht mit mir. In meinem Leben ist kein Platz für etwas anderes."
„Das weiß ich. Aber jedes Mal, wenn Sie mit ihm zusammen sind, sind Sie ein vollkommen anderer Mensch. Sie kommen als ein Fremder zurück, Snape."
Er schüttelt vehement den Kopf. „Nein. Das ist nicht wahr. Ich war niemals jemand anders, Granger."
„Tatsächlich?", frage ich ironisch. „Und was ist mit Ihrem Umhang? Oder mit dem Feuer im Kamin?"
„Das ist wohl kaum relevant, denken Sie nicht?"
Jetzt bin ich es, die schnaubt. Verärgert verschränke ich meine Hände vor der Brust. „Das sehe ich anders. Wieso sollen Sie sich um mich sorgen dürfen, während ich nicht dasselbe tun darf?"
„Wollen Sie dieses lächerliche Thema wirklich vertiefen? Es war kalt hier drinnen. Genügt Ihnen das?"
Ich zucke mit den Schultern. „Es stimmt: wären Sie allein hier gewesen, hätte es Sie nicht gekümmert. Doch da ich hier war, haben Sie sich um mich gesorgt, nicht wahr?"
Er rollt mit den Augen, was mich erst so richtig wütend macht.
„Sehen Sie mich nicht so herablassend an, Snape. Warum können Sie nicht einfach zugeben, dass ich Recht habe?"
Kaum habe ich ausgesprochen, blitzen seine Augen auf. „Wozu, Granger? Wollen Sie von mir hören, dass ich ebenso wie alle anderen bin? Ist es das? Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich werde nie so sein. Nicht bei dem Leben, das ich führe."
Ein eisiger Schauder streift mich. Die Härte in seiner Stimme ist nicht länger zu leugnen.
„Das weiß ich", sage ich geschlagen. „Und ich erwarte auch gar nicht, dass Sie wie alle anderen sind. Aber als ich vorhin aufgewacht bin, hatte ich Angst um Sie, Snape. Darum wüsste ich nur zu gern, woran ich bei Ihnen bin. Alleine der Gedanke, dass Sie zu ihm gehen, während ich hier mit meiner Ungewissheit zurückbleibe, hat mich erschreckt."
Er holt tief Luft. Dann schiebt er seine langen Finger durch die unordentlichen Haare.
„Genau das ist es, was ich immer vermeiden wollte, Granger. Jemand, der mir Vorwürfe über das macht, was ich tue."
Entrüstet starre ich ihn an. „Was? Denken Sie, dass es mir darum geht? Ich habe mir einzig und allein Sorgen um Sie gemacht."
Wieder senkt er den Blick und schüttelt den Kopf. „Und wohin soll uns das führen? Ich kann es nicht ändern. Jede Ablenkung könnte mich auffliegen lassen."
„Was meinen Sie damit?", frage ich verunsichert. Es ist offensichtlich, dass er sich mehr Gedanken darüber gemacht hat, als er zugeben will.
„Ich werde nie ein normales Leben haben, Granger, solange ich das hier habe."
Noch ehe ich aus seinen Worten schlau werde, hebt er seinen linken Arm und streckt ihn mir entgegen.
„Verstehen Sie das? Ich bin von ihm abhängig. Und wenn er auch nur einmal spüren sollte, dass ich ihn aufs Kreuz lege, war es das."
Ich muss schlucken. Mir fehlen die Worte. Natürlich hat er Recht damit. Doch warum habe ich es bis jetzt immer verdrängt? Wollte ich es nur einfach nicht wahrhaben? Wie konnte ich so blöd sein, Dumbledore und den Orden als eine Gefahr für uns zu sehen, wo uns doch das schlimmere Übel in Form von Voldemort im Weg steht.
Benommen nicke ich. „Es tut mir leid. Ich wollte Ihnen keinen Vorwurf machen, Snape. Bestimmt nicht. Genau genommen steht es mir auch gar nicht zu, nicht wahr?"
Er hebt kritisch eine seiner Brauen. Dann rollt er sich wortlos neben mich und streckt sich der Länge nach aus.
„Schlafen Sie noch etwas, Granger. Mehr können wir im Moment nicht tun. Sie hatten Recht, es hat keinen Sinn, sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen."
Was er sagt, klingt resigniert. Etwas Ähnliches habe ich schon einmal von ihm gehört, doch damals war ich noch längst nicht so in Sorge um ihn, wie ich es jetzt bin.
Die Anspielung auf meine Worte, als es um Dumbledore ging, ist mir nicht entgangen. Wohl oder übel muss ich mir eingestehen, dass ich keine Ahnung hatte, was mich erwarten würde, als ich bereit war, auf ihn zuzugehen, obwohl er mich gewarnt hat, als er mir damals dieses Zimmer gezeigt hat. Jetzt stecke ich zu tief mit meinen Gefühlen für ihn darin fest, um gewillt zu sein, es hinzunehmen. Doch wenigstens vorerst muss ich einsehen, dass sich unsere aufgeheizten Gemüter beruhigen sollten, ehe wir es wagen können, weiter darüber zu reden.
