Nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus.
- Marie von Ebner-Eschenbach
- Kapitel vierzehn -
Radditz' Schicksal
Nach zwei Minuten war Bulmas Energie bereits versiegt, was sie dazu zwang, auf den Boden zurückzukehren und den ausstehenden Heimweg zu Fuß zu überwinden, doch das hatte Bulma nicht abgehalten, obwohl der Weg – nachdem sie ihr Zuhause entdeckte – ihr so unendlich weit vorgekommen war. Die letzten Meter rannte sie, aber vor der Tür blieb sie zaudernd stehen. Wie gerne hätte sie Kakarott und Radditz von ihrem ersten Flug erzählt. Stattdessen würde sie die beiden anflehen, mit ihr abzuhauen und ihnen womöglich den Grund erklären, weshalb sie flüchten mussten...
Konnte Bulma das verantworten? Radditz und Kakarott ihre Fehler ausbaden zu lassen, indem sie alles, wo sie verwurzelt waren, hinter sich ließen und mit ihrer kleinen Schwester verschwanden? War ihre noch unausgesprochene Bitte egoistisch und selbstsüchtig? Ja, schrie ihre Scharfsinnigkeit, welche endlich zum Vorschein kam.
Hatte sie angenommen, Vegeta bekehren zu können? Innerlich schon, als ihr aufging, wie er ihr gegenüber auftrat. Parallel hätte ihr ebenso auffallen müssen, aufgrund seiner Veränderung, dass sie geradewegs in seine Falle getappt war, und das, obwohl sie sich – zugegeben, nicht ernsthaft und kichernd – mit Chichi darüber unterhalten hatte. Chichi erzählte ihr von den Fähigkeiten ihrer Schweife, dass sie sich verbinden konnten, doch sie erwähnte nie etwas von einer Tradition, die Vegeta andeutete. In Bulmas Augen war diese Tradition eher ein Postulat... Sie würde nicht eher daran glauben, ehe man es ihr bewiesen hatte.
Dennoch... Wie konnte sie nur so arglos sein und dieser dämlichen Wolllust nachgehen? Sich von einem Gefühl korrumpieren und manipulieren lassen? Die sonst so gutmütige Bulma fing an, an ihren Gefühlen zu zweifeln, die sie als schlecht empfand, wo sie es doch war, die solchen Phänomenen, wie eben jenen Gefühlen, ferner optimistisch entgegentrat. Sie nicht, wie die restlichen Saiyajins, als schlecht empfand. Allerdings war sie gerade auf dem besten Weg, ebenfalls in ein Loch zu stürzen, in eine Dunkelheit, die ihr diese Sicht nehmen und ihren grenzenlosen Optimismus in Pessimismus verwandeln wollte.
„Bulma?" Kakarott trat um die Ecke herum, dem das Schluchzen und der neu ankommende Ki nicht entgangen waren. Kleine Blessuren waren noch in seinem Gesicht zu erkennen, die er allerdings weg lächelte, als er an seine Schwester herantrat, die er übergangslos in seine Arme zog, ehe er weiter sprach. „Ich nehme an, Vegeta weiß hiervon nichts, oder?"
Oh, diese vertraute Wärme zu spüren, war wunderbar. „Nein, oder doch. Ich weiß es nicht", schniefte sie, völlig von Kakarotts Umarmung eingenommen. „Kakarott?", begann sie heiser, nachdem sie ihren Kopf von seiner Brust hob und nach oben sah. „Ich... Ich habe euch vermisst."
Der ältere Saiyajin strich seiner Schwester fürsorglich und einem sanftmütigen Lächeln auf den Lippen über ihren Rücken, bevor er die Umarmung erneut vertiefte. Was war vorgefallen, dass Bulma flüchtete? Noch wichtiger war, wie ihr diese Flucht gelungen war und was sie nun tun mussten? Ihr Verschwinden würde nicht unentdeckt bleiben, das stand fest. „Wir haben dich auch vermisst. Es ist ungewohnt und ich hoffe jeden Tag sehnlichst, dass sich der Zustand bald ändern wird", übermittelte er ihr die tröstenden Worte lächelnd. „Aber erzähl, wie weit bist du mit seinem Raum? Hast du seinen Raum verbessert? Darfst du bald nach Hause?" Sie spezifisch auf ihr Befinden ansprechen, konnte er nicht, da er hoffte, ein belangloses Gespräch würde sie aus der Reserve locken.
„Des- Deswegen bin ich hier." Bulma wusste gar nicht, wie ihr geschah, als zwei große Hände nach Kakarotts Schultern griffen und die Umarmung zwischen den Geschwistern löste und Kakarotts Körper zur Seite gestoßen wurde und Radditz – ein deutlich schockierter Radditz – in ihrem Sichtfeld erschienen war.
„Bulma, was machst du hier?" Auch Radditz hatte den Ki seiner Schwester gespürt, der ihn gehetzt zur Tür trieb, da Vegetas Aura nicht zu spüren war. „Was ist passiert? Und wo ist Vegeta?" Sein Kopf schoss nach oben, wo er die Umgebung absuchte und weder Vegeta, noch einen seiner Schergen sehen konnte.
Plötzlich nahm er etwas anderes wahr... Etwas neues. Ein bekanntes Gefühl, das von Bulma auszugehen schien und ihre Aura veränderte – nicht im klassischen Sinne, aber ihre Aura war anders... Argwöhnisch musterte er sie in ihrem Kampfanzug, was ihn missbilligend schnaufen ließ. „Schnell, geh zurück ins Haus", wies er sie leicht panisch an, mit einem Ausdruck, der keine Widerworte duldete und er sie notfalls mit Gewalt ins Haus zerren würde.
Erst, nachdem sie lakonisch im Haus verschwunden war, fuhren Radditz' Hände über sein Gesicht.
„Radditz? Was ist los?"
„Was fragst du so bescheuert?" Seine Lippen kräuselten sich, seine Augen zitterten, als er sich zu seinem Bruder wandte und dessen Hand, die brüderlich auf seiner Schulter landete, zornig weg schlug. „Hast du ihre Aura etwa nicht gespürt?" So schnell wie gerade, hatte sich noch nie ein Schweißfilm auf seiner Haut gebildet. Die nackte Angst saß in seinem Nacken, die er – so oft seine Hand auch darüber fuhr – nicht vertreiben konnte.
„Doch. Doch, das habe ich, aber statt den Kopf zu verlieren, werde ich jetzt zu unserer Schwester gehen und ihr helfen. Bleib du nur hier stehen und starre weiter Löcher in die Luft, Radditz, denn gelernt hast du offensichtlich gar nichts. Aber lass dir eins gesagt sein", fuhr er bedrohlich leise fort. Nein, Radditz hatte nichts gelernt, er würde es auch nicht mehr lernen. „Solltest du dich entscheiden, zu uns ins Haus zu kommen, wage dich nicht, und mache Bulma für irgendetwas verantwortlich." Das Knurren aus Radditz' Mund ignorierte er geflissentlich. Dieses Mal würde er sich nicht zurückdrängen oder zurechtweisen lassen. Nein, dieses Mal nicht. „Denn ansonsten... werde ich dich persönlich niederschlagen, völlig ungeachtet, ob du mein älterer Bruder bist und dich in der Pflicht siehst, die Familie zu schützen."
Entgeistert sah er seinen kleinen Bruder an. Diese Schmach, vorgeführt zu werden, ließen seinen Zorn auflodern. „Was fällt dir ein, Kakarott? Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden?" Wutverzerrt holte Radditz aus, um seinen Bruder zu schlagen, doch sein Hieb wurde abgefangen.
„Es reicht, Radditz. Es reicht!" Überlegen schlug nun Kakarott die Hand seines Bruders weg. „Hör endlich auf, ein Ventil in uns zu sehen. Du hast mich mal gefragt, was nach dem Sturz mit mir passiert sei. Nun, großer Bruder, ich frage dich, was nach Freezers Niederlage mit dir geschehen ist? Wir können nichts dafür, was damals passierte und du genauso wenig." Kakarott hatte die Stahlketten um Radditz' Herz berührt, wollte sie zum Zerbersten bringen, aber wenn man etwas so lange verschloss, sollte man es dann nicht lieber vergraben lassen, bevor man Emotionen freisetzte, mit denen der Geschädigte nicht mehr klar kam? Sei es auch nur, um eine bevorstehende Eskalation zu verzögern?
Kakarott wusste keine Antwort. Er wusste nicht, wie er mit seinem Bruder umgehen musste.
Wortlos verschwand der kleinere Saiyajin im Haus, um sich dem nächsten, schwerwiegenden Problem anzunehmen. Der Anblick seiner Schwester, wie sie aus dem Küchenfenster sah, ihre Arme um ihren Körper schlang, versetzte ihm einen Stich. Ohne ein Wort zu verlieren, stellte er sich neben sie, betrachtete die Bäume, sowie die herabfallenden Blätter. „Weißt du, Bulma, so langsam verstehe ich deine Liebe zur Natur. Ja, wirklich", entgegnete er feixend, nachdem sie ihn skeptisch beäugte. „Und du hast vermutlich recht. Die Natur ist das Gegenteil unserer Rasse und vielleicht soll sie uns den Spiegel vorhalten, denn ich glaube zu wissen, dass viele unseresgleichen sich erschrecken würden, wenn sie mal ihren Charakter, statt ihr Spiegelbild, in einem Spiegel sähen, hm? Vermutlich halten wir aber auch genau aus diesem Grund die Waagschale im Gleichgewicht", erzählte er aufrichtig lächelnd weiter, ohne den Blick von den Bäumen zu nehmen.
Verblüffung entfaltete sich in ihrem Gesicht, die darin gipfelte, ihre Augen zu weiten und zu Kakarott zu sehen. „Was willst du mir damit sagen?"
„Dass wir uns nicht ändern werden, so sehr du dir das auch wünschst. Denkst du, ich habe nie deine Blicke gesehen, wenn Radditz dich nicht nach draußen lassen wollte? Glaubst du, ich sah nie, wie fremd du dich gefühlt hast?" So weh die Wahrheit auch tat, Bulma musste sie erfahren, besonders, weil sie ihre Zukunft vermutlich nichtsahnend verändert hatte. Zu wissen, dass seine Schwester etwas tat, was ihre Zukunft maßgeblich verändert hatte, jagte einen Schauer über Kakarotts Hinterseite. „Du erhoffst dir, Saiyajins ändern zu können, doch unsere Kampflust lässt sich nicht bändigen, nicht verändern. Unsere Herzen schlagen förmlich Wellen, wenn es ums Überleben geht. Unser Stolz lässt uns erblinden, uns unkontrolliert handeln."
Ja, das stimmte wohl, weswegen Bulma ihm zustimmend zunickte. „Kakarott?"
„Ja?" Ihm war klar, worauf das Gespräch hinauslief und er wappnete sich bereits. Ausweichen konnte er nicht, wollte er auch nicht.
„Wenn man einen Fehler begeht, einen großen Fehler, dann kann man ihn nicht mehr ändern, oder? Man kann einen Fehler nicht rückgängig machen, richtig?", versuchte sie ohne Unterbrechungen zu sagen, was gar nicht so einfach war, weshalb sie sich auf ihre Unterlippe biss, um die Trauer etwas kompensieren zu können.
„Ich dachte immer, ein Genie macht keine Fehler?" Aufmunternd legte er seinen Arm um ihre Schulter, ehe er seinen Körper zart gegen ihren stieß. „Die Irrtümer eines Genies sind doch Tore zu neuen Entdeckungen." Einer seiner Finger stupste sanft gegen ihre Nase.
Und endlich! Endlich kam das lang ersehnte Lächeln – wovon Bulma glaubte, es nach Vegetas Botschaft endgültig verloren zu haben – zurück. Es war schön, neben ihm zu stehen und sich zu unterhalten, auch wenn das nachfolgende Thema alles kitten würde.
„Eure Schweife haben sich verbunden, stimmts?", äußerte er sich nach ein paar Minuten mit leicht geröteten Wangen. Schließlich war das hier kein alltägliches Thema, weshalb er den Hauptgrund paraphrasierte.
„Aber... Ich habe doch -" Irritiert schüttelte sie ihren blauen Schopf hin und her. „Woher weißt du das?", fragte sie ihn kleinlaut, während ihr Gesicht sich zunehmend puterrot verfärbte. Sie schickte ein Stoßgebet gen Himmel, in der Hoffnung, Shenlong würde ihr beistehen.
„Äh... Na ja." Das kindliche Kichern zeugte davon, wie unangenehm es auch Kakarott war, darüber zu sprechen. „Ähm," druckste er verlegen herum, „deine Aura. Sie... sie hat sich verändert. Sie wirkt intensiver, verbundener. Saiyajins wissen daher schon im Voraus, wenn eine Saiyajin oder ein Saiyajin bereits einen Partner haben." Das Kichern ebbte langsam ab und ein ernster Ausdruck erschien in seinem Gesicht.
Ihre Aura verriet sie? Davon hatte sie noch nie etwas gehört, nicht einmal während den Gesprächen mit Chichi, ebenso wenig von dieser dämlichen Tradition, von der Vegeta sprach. „Das wusste ich nicht. Ich dachte nie, dass er... so weit geht und doch war ich so naiv und blind." Verärgert über ihre anhaltende Dummheit, ballte sie ihre Hand zur Faust, bis es weh tat, als ihre Nägel sich tief in ihre Haut gruben. „Als ich diesen Stich gespürt habe, habe ich ihn ignoriert. Ich dachte, das muss so sein", gluckste sie. „Wieso hat er das getan?" Die Frage brannte ihr seit dieser bitterbösen Erkenntnis auf der Seele.
Wie gerne hätte der Saiyajin sich hingesetzt, da er kurz vor einer Ohnmacht stand, doch er musste stark sein. Stark für Bulma und für Radditz, der – wie ihm aufging – stumm und mit verschränkten Armen im Türrahmen stand.
„Weil Saiyajins sich nur einmal verlieben. Und wenn das geschieht, versucht der Saiyajin, sich mit dem Partner zu vereinen."
„Radditz", keuchte Bulma erschrocken auf. Doch statt auf ihren Bruder zuzugehen, blockierte ihr Mechanismus ihren Gang. Plötzlich fühlte sie sich ihrem großen Bruder so fremd, obwohl das Bedürfnis, ihm nahe zu sein, enorm groß und existenziell war. „Ich... Es tut mir Leid, bitte lass mich dir erklären, was -"
„Du brauchst mir nichts zu erklären, gar nichts. Ich will es nicht hören", winkte er verächtlich ab. „Weißt du, was du getan hast?", spuckte er, nachdem er sich vom Türrahmen abstieß und sich dem Tisch näherte, vor dem er stehen blieb, ehe ihn die Wut auffressen konnte und er sich wie eine Bestie auf seine Schwester stürzen würde.
„Radditz!"
„Schnauze, Kakarott! Deinen lächerlichen Versuch, dich aufzuspielen, kannst du gleich sein lassen." Jeder Muskel machte sich binnen Sekunden bemerkbar. Jede Ader pulsierte wie verrückt, weil sich alles zu wiederholen schien und er Angst hatte, Vegeta könnte Bulma nicht beschützen. „Also, nochmal: Weißt du, was du getan hast?"
„Ja", entkam es ihr klanglos, den Kopf nach unten geneigt. Sie konnte Radditz nicht ansehen, so sehr schämte sie sich gerade. Sie ekelte sich vor sich selbst.
„Und doch hast du dich darauf eingelassen. Vegeta wird die Tradition fortführen, ist dir das bewusst, Bulma? Anscheinend nicht. Du willst wie eine Erwachsene behandelt werden, doch benimmst du dich wie ein Kleinkind und jetzt wirst du die Konsequenzen tragen müssen, angesichts deines so erwachsenen Auftretens."
„Radditz, Schluss!" Bahnbrechend stellte er sich vor Bulma, schob sie apodiktisch hinter sich, um sie vor Radditz' Wut besser schützen zu können, da sein Bruder offensichtlich seinen Verstand verlor. „Ich habe dir gesagt, dass du -"
„Ich habe noch gar nicht angefangen, oder willst du ihr erklären, was sie angerichtet hat? Bitte, ich lasse dir gerne den Vortritt." Verschmitzt stand er vor den beiden Saiyajins, aber niemand von beiden ergriff das Wort. „Nicht? Dann werde ich mal für Klarheit sorgen." Wo eben noch Zorn regierte, breitete sich ein irres Lachen aus, das bedrohlich nah am Wahnsinn lag.
„Warte, ich liebe Vegeta nicht", bekräftigte sie hinter Kakarott, der sie daran hinderte, an ihm vorbeizugehen. „Ich hege keine Gefühle für diesen Saiyajin."
„Oh doch, sonst hätten sich eure Schweife niemals miteinander vereinen können. Niemals hättest du den Stich bemerken können. Das ist unmöglich!", brüllte Radditz, nach dessen Schrei ein fester Faustschlag auf den Tisch folgte. „Noch sind diese Gefühle nicht ausgeprägt genug, aber das werden sie. Sie werden sich, erst recht nach einer Vereinigung, unaufhaltsam wie ein Parasit ausbreiten." Er konnte seinen Eltern nicht beistehen, er konnte... Yuna nicht beschützen und jetzt verlor er seine einzige Schwester. Erinnerungen, wie er mit ihr auf dem Arm vor Freezers Angriff geflüchtet war, nahmen vor seinem inneren Auge bittere Gestalt an. Er durchlebte die Hölle zum zweiten Mal, wurde durch einen tiefen, bodenlosen Sumpf geschleudert, der ihm den Halt unter den Füßen nehmen wollte, doch bevor er zusammenbrach, zog er sich schnaubend einen Stuhl zurück, auf den er seine Masse sinken ließ.
„Radditz!", schrie Bulma auf und schaffte es, sich an Kakarott vorbeizubringen, um zu ihrem Bruder zu rennen. „Radditz, ist alles in Ordnung?" Rücksichtsvoll griffen ihre Hände nach seinen - die er sich vor die Augen geschlagen hatte - um sie nach unten zu ziehen. Allerdings entriss er seine Hände aus ihrem Griff und sah sie knurrend an.
„Weißt du, dass ich unserem Vater versprechen musste, dich zu schützen? Weißt du das?", schnauzte er, gepaart mit einer letalen, tiefen Stimme. Tiefe Augenringe waren seit jeher sein Markenzeichen geworden, wie die Narbe auf der Wange seines stolzen Vaters. „Und was ist passiert? Das Gegenteil ist der Fall. Ich wollte immer, aufgrund deiner Andersartigkeit, dass du behütet und friedlich aufwächst – wie dämlich ich war, zu glauben, dass ich das kann, obwohl die Angst, dass dir etwas zustößt, mein ständiger Begleiter, mein größter Albtraum, war. Mir hätte von Anfang an klar sein müssen, dass das, was eingetroffen ist, unausweichlich war. Nichts lag mir ferner, als dich dieser Katastrophe auszusetzen. Ich wollte dich vor Unheil bewahren, weil ich selbst es nicht geschafft habe... meine Partnerin zu schützen."
Angewurzelt kniete Bulma vor Radditz, den Mund vor Überraschung geöffnet. „Radditz, das wusste ich nicht." Deshalb war er so befangen, so kalt und herzlos geworden, weil man ihm das wegnahm, wonach er sich sehnte und was er... liebte. Auch Radditz hatte eine Partnerin... Wieder schossen ihr Tränen in die Augen, doch sie weinte nicht um sich oder ihr Schicksal, sondern um ihren Bruder, der soviel aufgab, um Bulma zu schützen, trotz seines verschwundenen Herzens, das er vor langer Zeit einsperrte.
„Woher auch? Du warst zu klein!" Er wollte kein Mitleid – von niemandem. Ruckartig stand er auf, wodurch der Stuhl krachend zu Boden fiel. Das rote Band, das er seit Ewigkeiten um den linken Oberarm trug, entfernte er, um es achtlos auf den Boden zu werfen.
„Gehörte ihr dieses Band?", fragte Bulma vorsichtig, nachdem sie es aufhob. Auf der Innenseite waren zwei Namen und Worte eingestickt... Yuna und Radditz - An deiner Hand, ein Leben lang... Zärtlich strich ihr Daumen über die beiden Namen, ehe sie es Radditz entgegenhielt. „Wann ist das passiert?"
„Das ist nicht mehr wichtig." Er nahm das Band nicht zurück, sondern verschränkte daraufhin beflissen die Arme vor der Brust. Aber in einer Sache irrte sich Radditz gewaltig. Die Geschehnisse waren wichtig, ansonsten hätten sie ihn nicht verfolgt... Ansonsten würde er nicht mehr ihren Körper sehen, der geschunden, verdreckt und blutig vor ihm lag, als er sie – nachdem Bulma und auch Kakarott, der eine Stunde nach seinem Alleingang zurückkam, in Sicherheit brachte – leblos zwischen den Trümmern fand. „Jedenfalls", begann er, als er sich besann, „besagt die Tradition, dass du Vegetas Frau wirst, gewollt oder nicht, ob Gefühle schon vorhanden sind oder verborgen."
Es gab demnach also tatsächlich diese Tradition, von der Vegeta sprach. „Es tut mir im Herzen weh, dich leiden zu sehen, Radditz. Auch, dass ich jetzt eine Mitschuld an deinem Leid trage und -"
„Du trägst keine Schuld! Glaub das nicht, Bulma", mischte sich Kakarott ein. „Radditz, Vegeta hat sie reingelegt!"
„Hat er das?", wollte er schnippisch wissen. „Ich denke nicht, denn wenn sie sich etwas mehr mit unseren Sitten befasst hätte, statt sich ihren dämlichen Bücher zu widmen, wäre ihr dieser Umstand klar gewesen, aber was rede ich überhaupt mit dir? Es ist vermessen, von mir zu glauben, dass du einmal deinem Saiyajin-Charakter entsprichst. Eine Vereinigung ist nicht rückgängig zu machen und Vegeta wird auf sein Recht bestehen, oder muss ich dich auch daran erinnern?" Wütend wandte er seinen Körper, um Bulma anzusehen. „Ich habe versagt, Bulma. Ja, ich habe an dir versagt und verliere dich jetzt."
„Du predigst Wasser und säufst Wein. Traditionen können geändert werden, wenn es nötig ist. Und im Gegensatz zu dir, besitze ich noch genügend Rückgrat." Bissig standen sich die Brüder mit geballten Fäusten gegenüber. Der jüngere Saiyajin dachte stets, dass Blut dicker als Wasser wäre, doch Radditz' Haltung sprach gerade eine andere, traurige Sprache.
„Oh, wirklich, Kakarott? Dann frage ich mich, worauf du wartest? Geh doch zu ihm und unterbreite ihm deinen äußerst einfallsreichen Vorschlag. Er wird ihn sicherlich mit Begeisterung in die Tat umsetzen, weil er auf jemanden wie dich gewartet hat."
„Du redest dich raus. Wenn sie eine Schuld trägt, dann wir genauso, weil wir ihr nicht früher davon erzählt haben."
Bulma schob sich zwischen die Streithähne. Ihretwegen lagen sie im Clinch, weil sie sich nicht zügeln konnte und sich auf Vegeta, vergessen in ihrer Lust und Begierde, eingelassen hatte. „Radditz, bitte verzeih mir! Ich habe das doch nicht heraufbeschwören wollen." Sorgsam wollte sie nach seinem Arm greifen, ihn zwingen, sie endlich anzusehen, trotz des Ekels, der ihn offenbar belegte, sobald er sie auch nur ansehen würde. „Lass uns auf einen neuen Planeten gehen, ich bitte dich."
„Was?", fauchte er ungehalten, sich kaum noch unter Kontrolle haltend. „Ich werde nicht wie ein Feigling verschwinden und du auch nicht."
„Die Idee ist doch gar nicht schlecht. Und ausnahmsweise geht es nicht um dich, Radditz. Nicht um dich und deinen Dickschädel." Ja, es wäre vermutlich das beste, wenn sie auf einen anderen Planeten flüchteten, und von vorne begannen – wieder als das Team, das sie vor Bulmas Umzug waren. „Wir schnappen uns eine der Kapseln. Du hast den Zugangscode zu den Kapseln, Radditz."
„Nein, ausgeschlossen!"
„Verflucht, wieso nicht?", erhob auch Kakarott seine Stimme. Wie konnte man nur so unendlich stur sein? Wie? „Bitte springe einmal über deinen Stolz, der uns gerade im Weg steht. Ich bitte dich inständig, Radditz."
„Ein netter Plan." Hinter den drei Geschwistern applaudierte jemand, doch die Stimme versetzte sie alle drei in Angst. Es war ein Teufelskreis, wenn Auren gelöscht wurden und man somit keine Handhabe, einfach keine Hintertür mehr offen hatte.
„Vegeta!" Scheiße. Wie lange stand Vegeta schon im Verborgenen? Instinktiv stellte Kakarott sich vor seine Schwester, wie damals, als er Chichi zu Bulma ins Schloss schmuggelte, weil er Bulma eine Freude machen wollte, weil er seiner Schwester helfen wollte, insbesondere, weil er sie nicht mehr länger unter Vegetas elender Tyrannei tatenlos leiden lassen wollte. Bulmas Hand legte sich vertraut auf seinen Oberarm, ihren Kopf presste sie mit zusammengekniffenen Augen gegen seinen Rücken, während ihr Körper zu zittern anfing.
Der angesprochene Saiyajin trat aus dem Dunkeln heraus. Dicht hinter ihm standen Turles und Nappa, in dessen Gesichtern sich ein kryptischer Ausdruck verbreitete und niemand der anderen drei Saiyajins diesen deuten konnte.
„Kakarott", soufflierte Bulma hinter ihm, während ihre Hand sich immer fester in seinen Arm bohrte. „Ich habe Angst!"
„Das solltest du auch", brüllte Vegeta mit nach oben gestreckter Faust. „Du bist nicht zum Palast geflogen, Onna!" Nachdem er zum Palast geflogen war, hatte er bereits, dank seines Scouters, gewusst, wo sie sich befand. Es war ihm so klar gewesen, aber das würde nichts an der Tatsache ändern, dass sie sich ihm willentlich widersetzte. Erleichtert war er allerdings, dass Turles und Nappa zurückgekehrt waren – mit guten Neuigkeiten. Alles schien wieder Hand und Fuß zu haben, die Normalität kehrte ein, auch, weil die Namekianer eingebrochen waren und die Edelsteine monatlich an ihn ausliefern würden. „Und jetzt, geh zur Seite, Kakarott!"
Hilfesuchend sah Kakarott zu seinem Bruder, der alarmiert neben ihm stand, jedoch keine Anstalten machte, sich gegen Vegeta zu stellen. Nein, das würde er niemals, trotz seiner Liebe – soweit man das Liebe nennen konnte – zu Kakarott und Bulma. Nein, Radditz' Ehrgefühl und sein Stolz waren zu gigantisch. Er würde auch nicht mit ihnen fliehen...
„Vegeta, bitte lass sie hier. Siehst du nicht, dass sie das nicht möchte?" Nein, vermutlich sah der König der Saiyajins das nicht. Trotzdem, freiwillig ging Kakarott auch nicht zur Seite.
„Du willst mit mir streiten, ja?"
„Das habe ich nicht gesagt", wehrte sich Kakarott. Er verspürte vermutlich zum ersten Mal richtige Angst – Angst vor Vegeta. In den Augen des Königs spiegelte sich blanke Wut und wilde Entschlossenheit wider. Dinge, die Vegeta gefährlich machten; lebensgefährlich. „Lediglich argumentieren."
„Nur zu, ich bin nämlich stinksauer und gerade in Stimmung. Ich mag Helden, vor allem solche wie dich, die bisher keine Gegner fanden."
„Was hast du davon, Bulma bei dir zu haben, obwohl sie dir nicht das zurückgibt, was du ihr geben willst? Erzwingen kannst du nichts." Altruismus war für Vegeta wahrscheinlich ein Fremdwort. Ja, es ging ihm Kilometerweit am Arsch vorbei, wie Bulma sich fühlte.
„Unsere Schweife haben sich verbunden, demnach gibt es nichts zu forcieren. Sie gehört an meine Seite, du jämmerlicher Wicht, alleine schon wegen der Tradition und du wirst mich nicht aufhalten oder willst du dich wieder über mich stellen? Nimm dich in Acht, Kakarott. Dieses Mal wird sich niemand dazwischen stellen, der mich hindert, dich gnadenlos umzubringen." Sein Fuß stampfte erbost in den Boden, woraufhin sein Fuß im Boden versank und ein großes Loch entstand, das die Dielenbretter nach oben schießen ließ. „Dir, Onna, empfehle ich, hierher zu kommen, wenn du noch etwas retten willst. Ansonsten werde ich diese Baracke dem Erdboden gleichmachen."
„Radditz, tu doch was. Wehr dich endlich! So langsam reicht es!", donnerte die Stimme des jungen Kakarotts. Abgesehen davon, welche Kraft Vegeta umgab, wehte der Luftzug, der von ihm ausging, ihnen erbarmungslos ins Gesicht, ebenso, wie er Radditz, Kakarott und Bulma immer weiter in die Enge trieb. Ein Sturm der Entrüstung breitete sich aus, der Staub aufwirbelte und sich auf der Haut der Anwesenden festsetzen wollte. Anhand dieses Umfangs, wurden Radditz und Kakarott gezwungen, ihre Arme vor ihr Gesicht zu heben, um zu verhindern, dass der Staub in ihren Augen landete. Das Klirren der Gläser in den Schränken, das Vibrieren des Tisches und das Klacken der Stühle, wären die Zeugen und späteren Opfer von Vegetas Zerstörungswut.
„Du glaubst nicht, wie lange es mir schon reicht", knurrte er sublim, und vollführte eine durchschneidende Fingerbewegung entlang seines Halses, die Kakarott symbolisieren sollte, dass er ernst machte, ehe er sich an seinen Hintermann wandte. „Los, Turles!", befahl Vegeta herrisch und trat nach vorne. Das Knarren der übrig geblieben Dielen, als Vegetas Stiefel darüber schleiften, war das einzige, was man noch vernahm. Ein unheimliches Geräusch, das einer Waffe ähnelte, die man nach lud. Auch das war ein unheimliches Geräusch, das den Feind in Angst und Schrecken versetzen sollte.
„Turles, komm nicht näher!", warnte Kakarott den Saiyajin, der sich unaufhaltsam und schonungslos näherte. Auch seine ausgestreckte Handinnenfläche beeindruckte sein Ebenbild keine Sekunde. Nein, stattdessen grinste Turles ihm perfide entgegen. „Turles!"
„Ha ha, ist das dein letzter Trumpf, Kakarott? Deine Mühen sind umsonst. Du solltest wissen, dass Aufgeben nicht zu unserem Repertoire gehört. Mach schon, Turles", delegierte Vegeta den Krieger, während er mit einem spöttischen Grinsen Kakarotts Gesichtszüge studierte, die nicht klar zu definieren waren, ihn aber ungemein unterhielten. Offensichtlich so lange, bis der Taugenichts einen bösen und abschätzigen Blick erstellen konnte. Wären Vegeta und er nicht seit Kindesbeinen verfeindet, wobei diese Fehde nur von Vegeta ausging, würde er über Kakarotts kläglichen Versuch, einen ernsten Gesichtsausdruck zu zaubern, lachen.
„Aus dem Weg, Weichei!" Turles' Pranke packte nach Kakarotts T-Shirt, jedoch rechnete er nicht im Geringsten mit Gegenwehr, die kurz darauf folgte und seine Hand sich um Turles' Handgelenk schlang.
„Bulma, lauf! Schnell! Beeil dich", presste er zähneknirschend hervor, da sein Kraftverbrauch enorm in die Höhe stieg und ihm bereits Schweißperlen auf der Stirn standen. Grundgütiger, was war Turles stark geworden. Diese immense Kraft, die zwar nicht an Vegetas Kraft heranreichte, allerdings aber zu reichen schien, um Kakarott in die Knie zu zwingen, doch so leicht würde er nicht aufgeben. Ja, Vegeta hatte recht... Aufgeben gehörte nicht zu den Charaktereigenschaften eines Saiyajins.
Unter Vorbehalt, dass sie ihre Brüder nicht alleine lassen wollte, stürmte Radditz nach endlos langer Starre auf sie zu und stieß sie von Kakarott weg, um sie zur Flucht zu bewegen. Nur dadurch konnte sie sich loseisen und davonlaufen.
„Hol sie zurück, Turles! Steh nicht blöd herum, bring sie zurück!", schrie der König aus vollen Leibeskräften, nachdem er seine Stimme fand und Turles steif Kakarott in die Luft hielt, bevor er ihn auf den Boden krachen ließ und Bulma hinterher sprintete. Vegeta selbst konnte ihr nicht nachlaufen, aus Angst, ihr in seiner Wut doch etwas anzutun. Nein, die Gefahr war einfach zu groß, weswegen er sich um Kakarott und Nappa um Radditz kümmern würde.
Bulma rannte, so schnell sie ihre Füße tragen konnten. Wenn sie doch nur schneller fliegen könnte, dann sähe es mit der Chancenverwertung schon wieder ganz anders und gerechter aus, doch was brachte es ihr, sich über ungelegte Eier Gedanken zu machen? Sie konnte nicht schnell fliegen. Ihr Hecheln wurde immer lauter, ihre Speiseröhre immer trockener und ihre Beine immer müder, doch sie hielt sich am Riemen, ignorierte die Schmerzen, die ihr Körper ihr signalisierten und rannte einfach weiter – einfach weg von allem. Der nahelegende Wald war ein willkommener Zufluchtsort. Dort gab es viele, gute Verstecke, in die sie sich zurückziehen und auf Radditz und Kakarott warten konnte. Selbst mit Scouter würden sie erst einmal suchen müssen.
Japsend verschwand sie im Wald, stieg über herumliegende Baumstämme, drückte das dichte Geäst zur Seite. Sie verschwand immer mehr im Dickicht, wo sie immer wieder zurück sah, zurück in ihr altes Leben, das vor Wochen noch so normal – und ihrer damaligen Meinung langweilig – war. Aber jetzt wollte sie es wieder haben.
„Uff!" Ihr Körper prallte, als sie gerade zurückblickte, gegen einen harten Widerstand, der sie zu Boden schleuderte.
„Hier endet unser kleines Versteckspiel", entgegnete die aus dem Nichts kommende Stimme jovial. Schlagartig packte er ihren zierlich Körper, um sie auf die Beine zu ziehen. „Wegzulaufen war ein böser Fehler."
„Bitte lass mich los", flehte sie den Saiyajin an, der Kakarott wie aus dem Gesicht geschnitten war, doch sie sich erkennbar in ihrem Wesen unterschieden. Verzweifelt versuchte sie, ihre Hand aus seinem Griff zu befreien, aber es funktionierte nicht. Wie konnte sie auch glauben, dass ihre Flucht von Erfolg gekrönt wäre? „Bitte, ich will nicht in den Palast", keuchte sie tonlos, denn er raubte ihr mit seinem Griff fast die Luft zum Atmen.
„Ja", raunte Turles, ohne auf ihr Flehen einzugehen, „du bist eindeutig mit Vegeta verbunden." Geschickt drehte er ihre Arme auf ihren Rücken, wonach er ihr Energiefesseln um ihre Hand- und Fußgelenke legte.
Nein, egal wie aussichtslos alles war, aber nichts zu versuchen, wäre eine zu große Niederlage. Mit ihren Füßen trampelte sie auf und ab und hoffte, sie würde diesem Turles auf die Füße treten, was ihr nach mehrmaligen Versuchen auch gelang, ihr aber zusätzliche Energien raubte, die sie sofort einbüßen musste, indem ihr Kopf kraftlos gegen ihre Brust sank.
Kurz heulte er hinter der blauhaarigen Saiyajin auf und sogleich wurde auch der Griff um sie fester. Turles krallte sich um ihre Taille, packte sie grob und legte sie in seine Arme. „Je mehr du dich wehrst, umso schneller sinkt deine Energie", informierte er sie hämisch und verschwand gleichzeitig in der Luft, um sie zurück in den Palast zu bringen.
