Disclaimer: Siehe Kapitel 1
Ich habe übrigens meine Mail-Adresse auch im Profil erwähnt, damit auch Leute, die nicht auf Mitglied sind, mich erreichen können ;).
Desweiteren nochmals ein herzliches Dankeschön an meine Freundin Fabiola, die die Story Korrektur gelesen hat und mich auf zwei äußerst dumme Stilfehler hingewiesen hat. Und außerdem ist sie die Inspirationsquelle hierfür und ein weiteres Dankeschön.
Kapitel 14: Gefühlswirren
Es war um die Mittagszeit, als das Paar eine kleine Ortschaft erreichte. Es war das erste Zeichen von Zivilisation, dass Kirika und Mireille antrafen, seit sie den Wald mit Müh' und Not verlassen hatten. Die jüngere der beiden Frauen, Kirika, eine kleine Japanerin, stützte die blonde, etwas größer und älter wirkende Person, deren Haar ihr strähnig und von Ruß verklebt ins Gesicht hing. Sie atmete etwas schwer. Kirika vermied es, direkt die Hauptstraße entlang zu gehen, sondern umging das Zentrum des Ortes, indem sie kleine Gäßchen entlang lief. Die Ortschaft bot ein schönes Bild: Weiße Häuser mit roten Ziegeldächern, schöne Vorgärten und dazu eine Kirche in der Mitte des Dorfes, sehr alt und mit Sandstein errichtet. Alles in allem war es eine malerische Idylle, doch Kirika hatte keine Zeit, darauf zu achten. Sie musste schleunigst einen Wagen finden, ein Auto, dass sie knacken konnte. Mireille und sie mussten verschwinden, bevor Jean weitere Bluthunde auf sie hetzen konnte. Und da war Kirika sich sicher: Jean würde alles daran setzen, sie zu töten. Die Frage war nur, warum...
Jean legte den Hörer auf. Er musste jegliche Mitwisser ausschalten. Und diejenigen, die etwas herausfinden könnten: Potentielle Mitwisser wie Kiku und diese Noir. Deshalb war es nötig gewesen, Interpol zu alarmieren. Nun würden die beiden flüchtigen Frauen bald tot sein. Er sah aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Es war sonnig und schön. Ein Mittagsschlaf wäre das Richtige, dachte er bei sich. Ja, ein kleines Nickerchen würde ihm gut tun nach all den Aufregungen und Wirrungen der letzten Tage. Er lachte. Es war ein bösartiges, kaltes Lachen. Wirrungen! Aufregungen! Das waren Worte, Phrasen, die ihm „Freunde" und Leute von der Presse in den Mund gelegt hatten! Sein Meisterstück, es war genau das gewesen! Wirrungen und Aufregungen...
Madame Clement stieg aus ihrem Wagen, den sie in einer kleinen Gasse abgestellt hatte, die auf die Hauptstraße mündete und schloss das Auto ab. Sie war eine kleine, rundliche Gestalt um die 45, etwa 1,65 groß, Brillenträgerin. Früher, vor ihrer Hochzeit, musste sie einmal eine wahrhaft schöne Frau gewesen sein. Doch ihr Mann, Francois Clement, hatte sie sehr verwöhnt und sie liebte kleine Schleckereien. Ihre einzige Schwäche. Während sie auf die Hauptstraße abbog, um die Bäckerei ein paar Meter weiter zu erreichen, wischte sie sich die Schweißperlen von der Stirn. Dieses Wetter... diese verdammte Sonne. Es machte ihr zu schaffen...
Kirika sah, wie die dicke Frau außer Sichtweite lief und ihr Auto, einen alten Renault, stehen ließ. „Mireiyu", flüsterte Kirika ihrer Freundin zu, „ich werde den Wagen knacken. Halt du Wache. Wenn jemand kommt, pfeife. Okay?" Die Französin nickte. Das Atmen fiel ihr noch immer schwer. Sie hatte wohl sehr viel Rauch eingeatmet. Aber es wurde besser. Der Atem ging nicht mehr so schleppend wie zuvor. Kirika lächelte ihre Partnerin an, die etwas erschöpft das Lächeln erwiderte.
Madame Clement kam mit einer großen Tüte aus der Bäckerei. Langsam hob sie den Kopf und sah gen Himmel. Die Sonne schien hoch. Es musste auf halb Vier zugehen. Die Frau entschied sich, nicht sogleich nach Hause zu fahren, sondern lieber noch auf den Kirchhof zu gehen. Dort konnte sie die Ruhe (und ihre Gebäckstückchen!) genießen. Gerade, als sie die Hauptstraße überqueren wollte, auf die Kirche zu, hörte sie das Aufheulen eines Motors und nur Sekunden später schoss ihr Renault aus der Seitengasse, in der sie das Fahrzeug zurückgelassen hatte. Sprachlos starrte sie dem Wagen nach, wie dieser die Straße in Richtung Straßburg davon raste...
Es dauerte eine Weile, bis Mireille begriff, warum Kirika so zielstrebig Richtung Straßburg fuhr: Straßburg lag am Rhein. Und hinter dem Rhein lag... Deutschland! Die Korsin lachte hell auf. Es war das erste Lachen, seit Kirika ihre Freundin aus Marceaus Villa gerettet hatte und sie erntete dafür ein dankbares Lächeln. Als die blonde Frau sich beruhigt hatte, wandte sie sich an ihre japanische Gefährtin: „Kirika... Ich weiß, du willst keinen Dank dafür. Aber ich möchte nur, dass du weißt, dass es mir viel bedeutet, wie du dich um mich sorgst und kümmerst. Und wenn du nicht wärst und immer voraus denken würdest, wäre ich schon lange... lange... lange tot..." Eine bedrückende Stille kehrte ein. Mireille wandte sich ab, ihre Wangen leicht errötet. Schließlich brach doch wieder die Korsin das Schweigen. Mit einer geschäftsmäßigen Stimme, die eindeutig darauf gezielt war, das peinliche Moment zu überspielen, fuhr sie fort: „Übrigens muss ich sagen, dass es ein guter Plan ist, nach Deutschland zu fahren... Ich glaube nämlich zu wissen, was du vor hast, oder? Du willst den USB-Stick holen, hab ich Recht?" Die Asiatin am Steuer nickte. Seit sie wusste, dass es Mireille wieder besser ging, war sie wieder stiller geworden und hatte nicht mehr so oft gesprochen. Und um ehrlich zu sein, war Mireille leicht betrübt darüber. Sie sah Kirika an. Ihr Blick ruhte lange auf ihr. Ohne die Augen von der Straße zu nehmen, schien Kirika ihn auf sich zu spüren und lächelte. „Mireiyu... Ist etwas?" Die blonde Frau schien kurz zu überlegen. „Kiri... Nein, nichts. Es ist nichts." Die letzten Worte hatte sie mehr zu sich selbst gesprochen, leise und nachdenklich. Doch Kirika hatte sie verstanden. „Mireiyu. Wovor hast du Angst?" Mireille blieb still...
Kirika wusste, was Mireille dachte und ahnte, wie schwer es für die Korsin sein musste. Zwar hatten die Beiden seit Beginn ihrer Zusammenarbeit zusammengelebt und sich auch mehr als einmal das Leben gerettet. Zwar hatten sie eine gute Beziehung. Doch immerhin war Mireille gerade aufs Brutalste vergewaltigt worden und Kirika konnte verstehen, dass die blonde Frau Angst vor romantischen Gefühlen oder gar körperlicher Nähe hatte... Und wenn Kirika ehrlich mit sich selbst war, hatte auch sie selbst ein bißchen Angst: Angst vor ihren eigenen Gefühlen, die sie sich nicht erklären konnte und von denen sie wusste, dass diese sie irgendwann das Leben kosten würden; Angst – was noch viel schlimmer wog – davor, Mireille abzustoßen und sie so auf ewig zu verlieren. Die Japanerin entschied sich dafür, nicht mehr weiter zu bohren, sondern konzentrierte ihre volle Aufmerksamkeit wieder auf das Fahren.
