Wo bleibt der Respekt?
Gegen Mittag schlang Harry sein Essen schnell hinunter in der Hoffnung noch ein bisschen Schlaf zu finden, bevor der Unterricht weiter ging.
Auch wenn er nur kurz schlief, es war sehr erholsam. Und so stapfte er munter mit Ron durch die Eingangshalle nach draußen zu Hagrids Hütte. Der Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe wartete bereits begeistert auf sie.
Diesmal hatte Hagrid Ausnahmsweise etwas weniger gefährliches dabei. Voller Stolz präsentierte er ein Pegasus. Es hatte blondes Fell, dass an den Füßen in ein dunkles Graubraun überging. Schweif und Mähne waren ebenfalls in diesem Graubraun. Die Nüstern bebten, als das geflügelte Pferd die herannahenden Schüler bemerkte.
Hagrid erzählte alles, was er über Pegasus-Pferde wusste. Doch ließ er diesmal niemanden auf den Rücken des Tieres eine Runde fliegen. Die Erfahrungen mit Seidenschnabel und auch Harrys Unfall vor ein paar Tagen saßen ihm noch mit Schrecken in den Knochen.
Die Pegasus Stute war anfangs sehr nervös, doch letztendlich siegte die Neugierde und sie kam an die Schüler heran und beschnupperte sie. Die Mädchen waren verzückt, wenn sie sanft geschubst und um ein paar Karotten gebeten wurden.
Als dann doch eines der Mädchen gefragt hatte, ob man auf dem Pegasus reiten könnte, kratzte sich Hagrid am Hinterkopf und meinte verlegen: „Wenn ihr mir eine schriftliche Erlaubnis eurer Eltern bringt, dann bin ich sicher wird Kira ganz verzückt sein, euch ein bisschen spazieren zu tragen." Dabei blickte er verstohlen zu Harry.
„Oh, wie lange wird sie denn bei uns sein?" fragte Parvati mit verträumter Stimme.
„So lange sie will. Hab ihr einen Stallplatz gemacht und gebe ihr täglich was zu essen, aber wenn sie weg will, ist es ihr überlassen. Bis jetzt zeigte sie jedoch keine Anstalten das zu tun" antwortete Hagrid.
Als der Unterricht zu Ende war blieb Harry zurück um mit Hagrid noch ein paar Worte zu wechseln.
„Sieh mal Harry. Tut mir Leid, wegen dem Motorradunfall. Ich…"
„Du musst dich doch nicht entschuldigen. Ich war es doch, der nicht auf dich gehört hatte" unterbrach ihn Harry.
„Professor Snape hat den Schuppen jetzt magisch verriegelt, komm selber nicht mehr ran an. Hätte es dir doch erst später geben sollen, jetzt hast du gar nichts von Sirius Motorrad"
„Hagrid du hast dir nichts vorzuwerfen. Du…"
„Hast Professor Snapes Gesicht nicht gesehen, als er von dem Unfall erfuhr. Er hätt mir am liebsten den Kopf abgerissen. Ich muss zugeben hab nicht gleich verstanden, warum er sich so aufregt, aber Dumbledore hat mir alles erzählt. Und ich denk er macht sich gut als Vater, Professor Snape meine ich." Hagrid gab Harry einen Klaps auf die Schulter, der Harry etwas in die Knie gehen ließ.
„Na ja. Das wird sich noch zeigen" sagte Harry, „aber ich muss jetzt in die nächste Stunde."
„Klar. Besuch mich mal wieder okay!" rief Hagrid Harry hinterher der sich zum Schloss beeilte.
In Verwandlungen gingen sie die Theorie der Animagi durch. Einmal mehr präsentierte Professor Mc Gonagall ihre Katzenform.
Am Ende der Stunde meinte sie: „Wer Interesse hat, kann nach Weihnachten an einem Spezialkurs teilnehmen. Der Kurs beinhaltet das Kennen lernen des Tieres, das in einem schlummert. Sowie diverse Tricks wie man an das Lernen der Animagi herangehen kann. Aber es wird auch die ganzen gesetzlichen Vorschriften durch gegangen, die ein Animagus beachten muss. Wer Interesse an dem Kurs hat, trägt sich bitte in der Liste hier ein, die ich gleich herum geben werde. Geleitet wird der Kurs von Corvin Segal."
Harry überlegte nicht lange und fügte seinen Namen auf der Liste hinzu. Der Gedanke auch ein Animagus zu werden, wie sein Vater und Sirius einer war, fand er fantastisch.
Ron und Hermine waren ebenso entschlossen und so gingen sie nachdem Unterricht, aufgeregt diskutierend in die Bibliothek.
„Ich bilde mir ein Corvin Segal hab ich irgendwo schon mal gelesen." waren Hermines Worte.
„Was denkst du in was für ein Tier du dich verwandelst?" fragte Ron an Harry gerichtet, dem Corvin Segal ziemlich egal war.
„Keine Ahnung. Ich hoffe, in etwas das fliegen kann" meinte Harry.
„Ich bin sicher du, Hermine, wirst eine Eule!" meinte Ron bestimmt.
Hermine runzelte die Stirn und fragte „Wie kommst du denn darauf?"
„Na ja. Eulen sind doch weise, oder nicht. Und du bist auch weise!" sagte Ron und lief rot an.
Nun musste Hermine schmunzeln, doch dann meinte sie: „Das Tier hat nicht unbedingt etwas mit dem Charakter zu tun. Es hat mehr damit zu tun welches Tier dich tief im innersten am meisten bewegt."
„Aber sieh dir nur mal die Animagis an, die wir kennen. Sirius lacht in echt auch wie ein bellender Hund. Mc Gonagall fährt ihre Krallen im Unterricht auch in Menschenform aus. Und Krätze (er spuckte den Namen mit Verachtung aus) war als Mensch genau so eine fiese Ratte." widersprach Ron.
„Aber das hat mehr damit zu tun, dass die Menschen dazu neigen sich die Eigenschaften der Tiere anzueignen. Sobald sie wissen, in was für ein Tier sie sich verwandeln können, müssen sie sich sehr intensiv mit diesen Tieren auseinander setzten, sich mit ihnen identifizieren. Meist vertieft man sich damit so sehr, dass man, ohne es zu merken, einige Eigenschaften annimmt und nicht mehr los wird" klärte Hermine auf.
„Ich sag ja, weise wie eine Eule!" grinste Ron zu Harry. Harry nickte bestätigend und sah dann zu wie Hermine ein Buch aus dem Regal fischte.
Der Weg zur Animagi von Corvin Segal.
„Hier vorne steht ein bisschen über ihn, hört zu!
Corvin Segal, in Briston geboren und aufgewachsen, war seinerzeit der jüngste registrierte Animagus. Er hat eine neue Methode erfunden die Animagi zu lernen. Eine Methode die nicht nur zeitsparender ist, sondern es auch weniger begabten Zauberern ermöglicht ein Animagus zu werden. Segals Animagus ist ein Seeadler. ‚Gerade fliegende Wesen sind etwas schwieriger zu lernen, weil man den Punkt überwinden muss, sich fliegen zu trauen. Es ist ein Art Teufelskreis. Man muss fliegen, um sich mit dem Wesen der Luft vertrauter machen zu können, aber man muss auch schon sehr vertraut mit dem Wesen sein, damit man sich nicht unwillkürlich zurück verwandelt!' erzählt Segal.
Segal wurde vom Ministerium eingestellt und bietet Kurse in diversen Schulen an."„Der jüngste Animagus? Wie alt war er denn?" wollte Ron wissen.
„Das steht da nicht drin, aber ich schätze irgendetwas zwischen elf und vierzehn" vermutete Hermine.
„Mein Dad und Sirius waren auch in etwa so alt wie er!" sagte Harry.
„Ja, aber erstens waren sie nicht registriert und zweitens gab es dieses Buch schon, als dein Vater zur Schule gegangen ist. Segal hat das Buch mit achtzehn geschrieben und veröffentlicht. Mich würde es nicht wundern, wenn dein Vater und seine Freunde nach diesen Buch gelernt hatten" erzählte Hermine.
„Darf ich mal?" fragte Harry neugierig und nahm das Buch nun selber in die Hand. Er blätterte grob durch die Seiten. Sollte sein Dad tatsächlich dieses Buch in der Hand gehabt haben? Irgendwie hoffte Harry ein Zeichen dafür zu finden. Ein Krakel, oder so was ähnliches.
„Wir sollten es uns ausborgen!" meinte Harry schließlich und schlug das Buch zu.
„Wozu? Wir lernen es doch eh dann nach Weihnachten?" fragte Ron verdutzt.
„Ich will nur schon ein bisschen vor lesen" sagte Harry.
„Mine, ich glaube du färbst ab" sagte Ron an Hermine gerichtet.
Nachdem Abendessen begaben sich Harry und Neville in ihr Klassenzimmer, wo sie Verteidigung gegen die dunklen Künste hatten, zu ihrer Nachhilfestunde bei Professor Snape.
„Machst du dieses Jahr eigentlich wieder DA?" fragte Neville.
„Ich denke nicht, dass das notwendig ist. Bei Professor Snape lernen wie eh den Stoff" antwortete Harry.
„Ja, aber ich glaube, er wird meine Note wieder in den Boden stampfen. Dank Dir hatte ich ein Ohnegleichen. Ich bezweifle, dass ich das bei Snape auch haben werde" sagte Neville.
Harry grinste zuversichtlich und meinte: „Das wird schon!"
„Ich wünschte ich hätte deinen Optimismus!" sagte Neville schließlich und blieb leicht zitternd stehen.
Sie hatten die Tür zum Klassenzimmer erreicht. Harry klopfte und aus dem Inneren drang die befehlende Stimme: „Herein!" Harry und Neville traten ein.
Professor Snape zog einen Augenbraue hoch. „Mr. Potter, Mr. Longbottom. Ihr seit ganze drei Minuten zu früh!"
„Entschuldigen sie, Sir!" nuschelte Neville, der vor lauter Panik gar nicht wirklich gehört hatte, was Snape gesagt hatte.
„Wäre es ihnen lieber, wir würden später kommen?" fragte Harry jedoch heraus fordernd.
„Potter, zügeln sie ihre Zunge!" sagte Snape mit bedrohlicher Stimme, doch wer ihm in die Augen sah, konnte erkennen, dass er nicht wirklich böse war.
Schließlich nahmen Harry und Neville Platz und warteten auf das Slytherin Mädchen. Als Millicent eintraf, ganze zwei Minuten zu spät, beschwerte sich Snape jedoch nicht. Was Harry grummeln ließ. „Soviel zu Fairness!"
„Stimmt etwas nicht, Potter!" fragte Snape sofort.
„Ja! Sie kommt zu spät (Harry zeigte auf Millicent) und sie finden daran nichts auszusetzen? Wären wir zu spät gekommen, hätten sie uns Punkte abgezogen. Das ist nicht fair!"
Nun war Snape wirklich verärgert, was glaubte Harry, was er hier tat? „Mr. Potter, wann und wen ich Punkte abziehe, ist immer noch meine Angelegenheit und sie sind sicher nicht in der Lage zu entscheiden was fair ist und was nicht!"
Harry wollte gerade darauf antworten, als ihn Snapes Blick schließlich wieder verstummen ließ. Harry konnte nur schwer verstehen, wie Severus es nur schaffte weiterhin so strickt und fies zu sein, wenn er privat doch extrem feinfühlig und verständnisvoll war.
„Nun gut, nach dem wir das geklärt haben nun zum eigentlichen Grund ihres Erscheinens. Aufhebspruch und Abwehrzauber. Mr. Longbottom, Miss Bulstrode ihr könnt sie inzwischen noch üben, während Mr. Potter zu mir kommt!"
Harry erhob sich während er nun zu Professor Snape vor ging. Unsicher sah er seinen Lehrer und Adoptivvater an. Er wusste nicht genau wen von den beiden er nun vor sich hatte.
„Der Aufhebspruch hat ja schon funktioniert, also gehen wir gleich zum Abwehrzauber über. Sind sie bereit Mr. Potter?"
Harry seufzte, das war Professor Snape, nicht Sev. Schließlich nickte er. Professor Snape war Harrys fragender Blick nicht entgangen, doch was wollte der Junge? Harry konnte doch nicht ernsthaft erwarten, dass er unter Zeugen eine Sonderbehandlung bekam.
Harrys Abwehrzauber klappte diesmal auf Anhieb. Was Snape natürlich kommentieren musste: „Sieh an, sieh an, wer da endlich aufgewacht ist. Geht doch gleich viel besser, wenn man wach ist, nicht wahr?"
Harry grummelte nur mürrisch. Er mochte es nicht, wenn Severus so drauf war.
Nach Harry kam Millicent dran und nach weiteren zehn Minuten, musste Neville gegen Snape antreten. Harry wusste schon beim bloßen Hinschauen, dass Neville einfach zu viel Angst hatte, als schnell genug zu reagieren. Nach einiger Zeit, verlor Professor Snape die Geduld.
„Longbottom, sie haben ein O in Verteidigung gegen die dunkel Künste. Ein O. Wie soll ich nun ihre jetzige Darbietung verstehen? Wollen sie mich etwa absichtlich verärgern?"
„NEIN!" quiekte Neville und sah verloren zu Harry hinüber.
„Ich würde es bevorzugen, wenn sie mich ansehen, wenn ich mit ihnen rede, Longbottom!" rief Snape wütend.
Neville zuckte zusammen und sah dann wieder zu Snape: „Es ist nur… also, Harry hat… Ich… ich weiß auch nicht" stammelt Neville herum.
Snape schloss die Augen und schüttelte ungläubig den Kopf. Schließlich sagte er leise, „Mr. Potter, würden sie bitte Mr. Longbottom erklären, dass zwischen meinem Unterricht und ihren DA-Club kein Unterschied ist, außer, dass der Unterricht legal ist?"
Harry glaubte sich verhört zu haben, „Bitte was?" fragte er vollkommen überrascht. Doch als Snape seine Augen wieder öffnete und Harry ansah, da konnte Harry so was wie Verzweiflung erkennen.
„Ähm… also gut." Harry ging zu Neville, packte den Jungen am Ärmel und zog ihn etwas beiseite.
„Was ist Neville? Weißt du nicht mehr wie es geht?" fragte Harry flüsternd.
„Das ist es nicht. Ich… Ich weiß schon, was ich tun muss, aber… Snape, er sieht mich so an, als wenn er erwarten würde, dass ich versagen würde und… und dann versage ich" erklärte Neville.
„Hmmm. Okay, ich weiß was!" sagte Harry und drehte sich zu Professor Snape um.
„Ähm, Professor? Würde es ihnen etwas ausmachen sich ähm... wegzudrehen, während Neville und ich die Flüche üben?"
Professor Snape blickte Harry an, als wenn er gefragt hätte, ob er eine Stinkbombe in der Klasse explodieren lassen dürfte. Dann sah er zu Millicent und meinte: „Sie können gehen, Miss Bulstrode!" Das Slytherin Mädchen verschwendete keine Zeit, um das Klassenzimmer zu verlassen. Offensichtlich in der Meinung, dass Snape den beiden Gryffindors gehörig die Leviten lesen würde.
Doch kaum war Millicent verschwunden, drehte sich Snape wieder zu Harry. „Von mir aus. Versuchen wir es so. Aber ich kann ihnen versichern, dass es keinen Grund gibt vor mir Angst zu haben, Mr Longbottom!"
Neville konnte nicht anderes, als groß schauen. Dann schließlich drehte sich Snape von den Schülern weg und Harry begann mit Neville zu üben. Kurz darauf, drehte sich Snape einfach wieder zurück und sah zu. Neville war nun so konzentriert, dass er ihn nicht bemerkte. Sowohl der Abwehrzauber, als auch der Aufhebspruch funktionierten perfekt.
Schließlich richtete Snape seinen Zauberstab auf Harry und ließ Seifenblasen aus dessen Mund kommen. Neville war zwar überrascht, über den Angriff aus dem Hinterhalt, zögerte aber keinen Moment den Fluch aufzuheben. Als sich Snape dann Neville zuwandte und den selben Fluch an ihm ausprobierte, wurde der Seifenblasenfluch geblockt.
„Sehr gut Mr. Longbottom! Warum nicht gleich?" fragte Snape und zog eine Augenbraue hoch.
Neville lief rot an und lächelte zaghaft.
„Was fällt dir ein!" schimpfte Harry plötzlich los. „Du kannst doch nicht einfach ohne Vorwarnung von hinten angreifen!"
Professor Snape blitzte Harry gefährlich an. „20 Punkte von Gryffindor, Mr. Potter, wegen Respektlosigkeit!"
Gerade wollte Harry erneut protestieren, als Snape ihn zuvor kam, „Wenn sie das aussprechen, was sie eben sagen wollten, Potter, dann bekommen sie Strafarbeit für eine ganze Woche! Mr. Longbottom, bitte gehen sie!"
Neville sah Harry erschrocken an. Offensichtlich konnte er nicht glauben, dass Harry es wagte so mit Professor Snape zu sprechen.
„Mr. Longbottom!" wiederholte Professor Snape und bedachte den Jungen mit finsteren Blick. Neville winselte und flüchtete aus der Klasse. Nun waren Professor Snape und Harry alleine.
„Wag es ja nicht mehr so respektlos über mich herzufahren. Schon gar nicht wenn andere anwesend sind! Hast du denn überhaupt kein Fünkchen Verstand?" rief Severus wütend.
„Und was ist mit mir?" rief Harry ebenfalls zornig, „Du musst mir ja keine Rosen vor die Füße werfen. Aber ein bisschen mehr Respekt kannst du mir schon entgegenbringen!"
„Ich dachte, wir hätten uns geeinigt, die Vorkommnisse des Sommers geheim zu halten. Wenn ich mein Verhalten dir gegenüber ändere, dann ist wirft das Fragen auf!" meinte nun Severus etwas ruhiger.
„Ja, geheim halten, so wie vor Professor Firewood!" konterte Harry.
„Lass sie aus dem Spiel! Sie ist eine alte Freundin von mir und sie hatte von sich aus bemerkt, dass da was abläuft!" sagte Severus.
Harry verschränkte die Arme vor der Brust. „Und nimmst du die zwanzig Punkte wieder zurück?" fragte er heraus fordernd.
„Sollen es dreißig Punkte Abzug werden?"
„Das ist unfair!" protestierte Harry.
„Harry ich warne dich. Unsere Beziehung zu einander hat absolut nichts damit zu tun, wie man sich einem Lehrer gegenüber benimmt. Du musst lernen, dass es Grenzen gibt. Und wenn du glaubst diese Grenzen überschreiten zu können, wie es dir beliebt, dann hast du dich getäuscht!"
Harry schnaubte und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Severus schüttelte ungläubig den Kopf, „Wie alt bist du eigentlich?" fragte er Harry und schmunzelte leicht.
Harry streckte ihm die Zunge hin.
„Mach das noch mal und du kannst sie dir in einem Einmachglas ansehen, wie es in meinem Regal für Zaubertrankzutaten steht!" wies Severus darauf hin.
Natürlich streckte Harry seine Zunge nochmal heraus. Und einem Atemzug später stand Snape bei ihm und hatte Harry vorne am Umhang gepackt. Harry wusste noch gar nicht wie ihm geschah, als es plötzlich leise an der Tür klopfte. Snape ließ Harry los und flüsterte „Nochmal Glück gehabt!" während er zur Tür ging, um zu sehen, wer es war.
„Hi Severus. Ähm... soll ich später wieder kommen?" fragte die Stimme von Professor Firewood.
„Nein, komm rein. Mr. Potter und ich haben uns nur unterhalten!" sagte Severus freundlich.
„Guten Abend, Harry!" begrüßte Firewood, den Jungen.
„Guten Abend!" antwortete Harry höflich.
„Du wolltest einen Traumlostrank?" fragte Salma nun an Severus gewandt.
„Ja, für Harry. Danke, dass du ihn so rasch fertig stellen konntest!"
„Für dich doch immer!" sagte Salma lächelnd und gab Severus die Glasflasche.
Harry beobachtete die beiden grinsend. Es war schwer zu sagen, wer von den beiden die roteren Ohren hatte. ‚Von wegen eine alte Freundin' Da steckte noch weit aus mehr dahinter. Jedenfalls hatte Harry Sev noch nie so unsicher in der Gegenwart einer anderen Person gesehen. Harry war so tief in seinen Gedanken, dass er gar nicht mitbekam, dass Salma schon längst wieder weg war.
„Grins nicht so dämlich!" holte Severus Harry wieder in die Wirklichkeit.
„Ich hab mir nur vorgestellt, wie es wäre, wenn du und Salma wieder zusammen kommt." erklärte Harry noch immer grinsend.
„Das geht dich überhaupt nichts an!" stellte Severus klar.
„Und ob mich das was angeht. Du bist mein Dad. Also geht mich das sehr wohl was an, wenn ich jetzt auch eine Mum bekomme!" hielt Harry dagegen.
„Wenn du dich weiter so aufführst, dann war ich dein Dad!" sagte Severus leichtfertig, ohne lange darüber nachgedacht zu haben, was er da wirklich sagte. Harry jedoch verstummte augenblicklich. Erschüttert sah er zu Severus. Er wusste, dass Severus es nicht ernst gemeint hatte und dennoch tat es weh, es zu hören. Er versuchte mit Vernunft die Emotionen zurück zu drängen, die in ihm aufwallten. Doch die Wucht der Emotionen, die dieser achtlos ausgesprochene Satz ausgelöst hatte, war zu groß. Und so drängte sich Tränen empor und suchten sich ihren Weg über Harrys Wangen.
Severus bemerkte zu spät, was er da gesagt hatte. Erschrocken über sich selbst sah er zu wie Harry mit sich kämpfte. „Harry, es tut mir Leid. Das war Unsinn!" Doch es war zu spät. Die Tränen rannten Harry schon übers Gesicht.
Sich selbst verfluchend, überwand Severus den restlichen Raum zwischen ihm und Harry und schloss den Jungen in eine Umarmung. „Ich hab es nicht so gemeint. Bitte, glaub mir!" versicherte Severus erneut.
Harry wusste es, doch er konnte nichts gegen die Emotionsflut machen. So ließ er sich wie ein kleiner Junge in die Arme nehmen. Und wartete bis er sich wieder in den Griff bekam.
‚Beim Merlin, was hab ich nur gesagt?' schimpfte Severus mit sich selbst und hielt den Jungen weiterhin fest. Es dauerte ein Weile, bis er Harrys undeutliche Stimme nuscheln hörte: „Es tut mir Leid!"
Severus schob Harry auf Armlänge von sich und sah ihm in die Augen. „Nein, mir tut es Leid. Ich hoffe du weißt, dass ich dich nie freiwillig hergeben würde, ganz egal wie frech oder schlimm du warst. Hört du? Nie!"
Harry schniefte, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen weg und nickte anschließend. „Ich weiß. Ich weiß auch nicht was da über mich gekommen ist. Aber plötzlich hab ich meinen Onkel vor mir gesehen, wie er mir eintrichterte, dass ich es nicht wert wäre- dass ich es nicht verdient hätte, dass sich jemand um mich kümmert!"
„Das ist Blödsinn! Natürlich bist du es wert, geliebt zu werden!" versicherte Severus mit sanfter Stimme und strich Harry eine weitere Träne aus dem Gesicht. Harry nickte, als er erneut einen Knoten in seinem Hals spürte.
„Komm her!" sagte Severus und zog den Jungen in eine weitere Umarmung. Diesmal erwiderte Harry sie und grub sein Gesicht tief in den Umhang seines ‚Vaters'. Severus strich sanft durch Harrys strubbelige Haar und zupfte verspielt an ein paar Fransen.
„Tut mir Leid, dass ich vorhin so respektlos war. Ich war nur verärgert, dass du mir den Seifenblasefluch ohne Vorwarnung angehext hast!" entschuldigte sich Harry noch mal.
„Ich weiß, es war vielleicht nicht ganz fair. Aber als ich Longbottom so verbissen üben gesehen habe, musste ich die Gelegenheit nutzen. Ich wollte deinen Gryffindor-Stolz nicht verletzen!"
„Ich hab keinen Gryffindor-Stolz!" verteidigte sich Harry, grinste jedoch wieder.
„Natürlich nicht!" sagte Severus.
„Na ja, vielleicht ein bisschen!" gab Harry schließlich zu.
Severus schüttelte den Kopf und schmunzelte ebenfalls. Dann streckte er Harry die Flasche mit dem Traumlostrank zu und sagte „Mach das du weg kommst, bevor Neville noch glaubt, ich hab dir deinen Kopf abgebissen. Und vergiss nicht: Bevor du schlafen gehst, sieh dir deinen geistigen Raum an. Vielleicht haben wir was übersehen!"
Harry nickte und versprach: „Mach ich!"
„Schlaf gut, mein Kind!"
„Gute Nacht, Dad!"
Es war nicht oft, dass Harry dieses Wort verwendete. Aber jedesmal wenn er es sagte, wurde Severus warm ums Herz und am liebsten hätte er Harry nochmal in seine Arme genommen. Wie konnten Harrys Verwandte nur so kalt und grausam zu den Jungen gewesen sein und was für Schaden haben sie damit nur angerichtet? Und dann wurde Severus plötzlich wieder bewusst, dass auch er bis vor drei Monaten grausam zu Harry war. „Lily vergib mir!" flüsterte er leise, ehe er im Klassenraum das Licht ausmachte und in den dunklen Korritor trat.
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Als Harry in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum kam, warteten Neville, Ron und Hermine mit besorgten Mienen. Doch Harry versicherte ihnen, dass es ihm gut gehe. Und nach dem Abarbeitens des Hausaufgabenbergs hatte Harry die Diskussion mit Severus schon längst vergessen. Müde schleppte er sich in sein Bett und ließ sich drauf fallen. Es dauerte auch nicht lange, da war er eingeschlafen.
