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Teil 14
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Ungläubig von den Reaktionen, die er beobachten musste, löste Bobby sich aus seiner Starre und zog die Schürze über den Kopf, um sie zerknüllt neben die Treppe zu werfen. Das konnte doch nicht wahr sein! Jetzt waren sie bis hierher gekommen und alles schien aus dem Ruder zu laufen!
Sam schnaubte, ballte die Fäuste noch fester und stieß sich vom Wagen ab, um Abstand zwischen sich und seinen Bruder zu bringen.
Bruder ...
Womit er gleich beim Thema war.
"Wenn du mich dort reinkriegen willst, lass dir was anderes einfallen!" Noch ein paar Schritte rückwärts. Der Frust schlug unbarmherzig in seine Magengrube, machte es schwer, für ein paar Sekunden stehen zu bleiben.
Er wollte rennen, gegen etwas schlagen - irgendetwas, nur nicht hier stehen und hören, wie Dean wiederholte, was er gesagt hatte.
"Sam!"
Die erhobene Stimme riss ihn nur kurz aus seiner Wut und aus den Augenwinkeln konnte er Bobby auf sich zueilen sehen.
Wollten sie ihn jetzt mit Gewalt ins Haus zerren, die Eisentür zwischen sich und ihn bringen, damit er niemanden verletzen konnte außer sich selbst und die magere Einrichtung? Wie weit würden sie gehen? Würde Bobby mit seiner Waffe diesmal abdrücken?
"Sam, bleib stehen."
Bobby klang so ruhig, so besorgt.
Sams Hand glitt zu seinem Hals, rieb über die empfindliche Haut und spürte das Kratzen darin, während er hart schluckte. Der Kloß wuchs und der Druck trieb ihm die Tränen in die Augen - sollte es etwas anderes sein, so wollte er es jedenfalls nicht wahrhaben. Trotz der Aufforderung ging er weiterhin rückwärts.
Er war unbewaffnet und in einer Verfassung, in der die beiden ihn völlig überrumpeln konnten - er war kein Hindernis und sie alle wussten es.
"Lasst mich einfach gehen ... ich ...", versuchte er es, brach ab und schüttelte den Kopf. Er würde keinen Ärger machen - er hatte das Ende der Welt eingeläutet, wenn man es so wollte. Was konnte er schon tun, was noch schlimmer war?
"Sam, stopp!", grollte Bobby jetzt und beschleunigte seine Schritte, um zu dem jüngsten verbliebenen Winchester zu gelangen. Auf halbem Weg streckte er die Arme aus, ihm die Handflächen entgegen. "Bleib stehen, Junge. Hör deinem Bruder zu, mehr erwartet keiner."
Sam blinzelte zu Boden, spürte, wie sich ein heißer Tropfen in seinen Wimpern verfing und presste die Augen zusammen. Einerseits, um diese eine Träne davon abzuhalten, sein Sichtfeld noch mehr zu trüben und andererseits, um allen anderen salzigen Tropfen den Weg abzuschneiden.
Ein Mensch weinte in seinem Leben eine ganze Badewanne voll. Ein Durchschnittsmensch. Sam versuchte wirklich auszurechnen, ob er nicht schon nahe dran war an der Badewanne - und das, obwohl er jahrelang gegen jede derartige Schwäche gekämpft hatte. Aber die letzten Monate ... Jahre ... Jess und Dad und Dean ... das halbe Jahr in seiner Illusion des Tricksters ... Möglicherweise hatte er seine Badewanne wirklich voll.
"Warum soll ich ihm zuhören, Bobby?"
Die Stimme, mit der Sam sprach, war so brüchig, dass Bobby den Atem anhielt. Er ließ die Hände sinken und blieb stehen, weil Sam längst an den Autoreihen angekommen war und mit seinen Handflächen hinter sich nicht nach einem Fluchtweg, sondern nach Halt tastete. Und es tat verdammt weh, diesen jungen Mann so zu erblicken, den er hatte aufwachsen sehen. Der gerade nichts außer dem Sturkopf mit dem Sam gleich hatte, der er sonst war.
Bobby wusste, was Entzugserscheinungen anrichten konnten. Was er nicht wusste, war, wie das Dämonenblut sich weiterhin auf Sams Körper auswirken mochte. Aggression? Verzweiflung? Es war alles möglich und niemand konnte sicher sein, was im nächsten Moment sein würde.
Am allerwenigsten Sam, der jetzt nur noch ein Spielball dessen war, was in seinem Körper vor sich ging.
"Warum soll ich mir anhören, wie er mir wieder sagt, was für ein Monster ich wäre? Ein Vampir ... nicht sein Bruder! Dass er Recht hatte und ich Schuld bin ...!"
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