Halli-Hallo,

jaaa, ich weiß: erst so ein gemeiner Cliffhanger und dann updatet ‚die' ewig nicht. Sorry, aber nach dem Urlaub kann erstens immer erst einmal den Schreibtisch suchen, dann musste ich noch Krankenvertretung machen und da kamen ein paar Überstunden zusammen. Dafür ist dieses Kapitel aber auch wieder etwas länger und es ist jede Menge los.

Viel Spaß dabei

Danke für die Reviews (ich könnte euch knuddeln)

Alles Liebe

Lywhn

19. Kapitel – Sorge um Kaya

Ófnir fasste die Zügel fester, als sein Hengst erschrocken den Kopf aufwarf und wieherte, als eine erneute Salve von Feuerwerksraketen explodierten und der Himmel über ihm sich in ein Farbenspiel aus Rot, Weiß, Blau, Orange und Grün auf schwarzem Hintergrund verwandelte. Mühsam schaffte er es, sein Reittier zu bändigen und daran zu hindern, einen der vielen Menschen zu verletzen, die in den Straßen von Minas Tirith standen und voller Bewunderung und Verzückung das Spektakel beobachteten. Rufe der Begeisterung und Jubel ertönten von überall her, während jedes Gesicht auf das Firmament gerichtet war – ein Umstand, der Ófnir und seinen beiden Begleitern Cynwrig (was so viel wie ‚Hügel' bedeutete) und Rhyd (Furt) sehr entgegen kam.

Der Berater Ferethons trieb sein Pferd energisch weiter und blickte kurz hinunter auf die kleine, auf einmal so wertvolle Fracht, die er in seinem rechten Arm hielt. Es war ein Leichtes gewesen, das Kindermädchen und das Kind zu betäuben; dazu hatte es wahrlich nicht viel Geschickes bedurft – nur einige Kenntnisse über Kräuter und getrocknete Früchte, die er beständig bei sich trug. Die Mischung, die der Frau – und auch dem Kind – einen tiefen Schlaf gebracht hatte, bestand aus Tollkirschen, Bilsenkraut, Schwarzen Nachtschatten, Mandragora (auch Alraune genannt) und Mohn, und wurde in einem bestimmten Verhältnis miteinander gemischt und mit Wasser zu einer dicken Paste verrührt. In einen Lappen geschmiert und auf die Nase und den Mund eines Menschen gepresst, verfiel dieser sehr rasch in einen tiefen Schlaf, der außer Kopfschmerzen und leichter Übelkeit kaum Nebenwirkungen hinterließ – das hieß, solange derjenige nicht zu viel davon einatmete. (Anm. der Autorin: die hier genannte Mischung war eine der sogenannten ‚Hexensalben', die von der Inquisition als Teufelswerk bezeichnet wurde, im ausgehenden Mittelalter jedoch Alchemisten dazu anregte, Forschungen auf dem Gebiet der Betäubungsmittel zu starten. Insbesondere die Alraune – im Volksmund auch „Schlafschwamm" genannt – erregte das Interesse der ersten Wissenschaftler, sowie der Mohn, der weniger schwer war mit nach Europa gebracht worden war. Durch neue Erkenntnisse wurde diese ‚Hexensalbe' aber später abgelöst, bis diese Forschungen völlig eingestellt wurden und erst durch die Entdeckung von Lachgas Ende des 18. Jahrhunderts durch William Allen wieder aufgenommen wurde.)

Ófnir hatte nach dem Befehl Ferethons, das Kind als Lockmittel zu benutzen, rasch diese Salbe zubereitet, war zu dem Gemach geeilt, in dem er die Kleine wusste, hatte angeklopft und das Kindermädchen hatte ihm geöffnet. Höflich hatte er gefragt, ob bei dem Kind alles in Ordnung sei, da die Mutter sich Sorgen wegen des Lärms des Feuerwerks machte und als die Frau – gutgläubig wie sie war – die Tür etwas weiter aufgezogen hatte, damit er sich durch einen Blick in den Raum selbst davon überzeugen konnte, dass alles beim Besten sei, hatte er rasch das Tuch vor ihre Nase gepresst, den freien Arm um sie geschlungen, um sie daran zu hindern sich zu wehren, hatte sie – nachdem die Salbe ihre Wirkung tat – in den Raum gezogen und dort zu Boden gleiten lassen. Das kleine Mädchen war davon wach geworden, doch es hatte ihm keine Mühe bereitet, die Kleine ebenfalls mit der Salbe zu betäuben, sie hochzunehmen, ihre Sachen, die am Fußende lagen und die kleinen Stiefel mitzunehmen und dann das Zimmer zu verlassen. Er brauchte das Kind lebend, was bedeutete, dass er es vor der Kälte draußen schützen musste.

Seine beiden Vertrauensleute hatten die Veste verlassen, waren zu den Ställen im obersten Stadtring geeilt und hatten bereits die Tiere gesattelt gehabt, als er mit seiner ‚Fracht' ankam, die Kleidung der Kleinen in der Satteltasche verstaute, aufsaß, das Kind unter seinem Umhang verbarg – wo es gleichzeitig auch warm gehalten werden konnte – und dann hatten sie sich auf den Weg zum Stadttor gemacht. Alles in allem hatte es eigentlich zu gut geklappt.

Es war für Ófnir von geringem Interesse, dass er und seine beiden Begleiter hier und da Aufmerksamkeit erregten – nicht zuletzt wegen ihren unruhigen Pferden, die aufgrund des Feuerwerks immer wieder scheuten. Hätte er jedoch gewusst, was sich daraus entwickeln sollte, so hätte er sicherlich versucht, zum einen sein Reittier ruhiger zu halten und zum anderen seinen Umhang besser geschlossen zu halten. So jedoch wollte es das Schicksal, dass sein Hengst sich leicht bäumte und er Mühe hatte, sowohl das Tier, als auch das kleine Mädchen zu halten, wodurch sein Umhang sich etwas öffnete. Und zwei wachsamen Augen entging nicht, was und vor allem wer dort vor dem fremden Mann auf dem Pferd saß.

Bergil, Beregonds Sohn, und seine Freunde standen dicht gedrängt in der Straße des untersten Ringes und bejubelten das Wunder aus tanzenden Funken und Feuerbändern am Himmel. Sein Vater hatte nicht zu viel versprochen, als er am Mittagstisch erzählt hatte, dass Mithrandir zu des Königs Ehrentag ein Feuerwerksspektakel veranstalten würde. Und solange die Familie noch in Minas Tirith wohnen würde – sobald Fürst Faramir seinen Sitz fertig gestellt hatte, würden Beregond und seine Familie mit ihm nach Ithilien ziehen – so lange genoss er jeden Augenblick mit seinen Freunden; insbesondere, wenn etwas so Außergewöhnliches geschah.

Das aufgeregte Wiehern eines Pferdes, das Fluchen einer männlichen Stimme und das Schimpfen von einigen Passanten lenkten ihn einen Moment von dem Zauber am Firmament ab und er gewahrte einen Mann in der Rüstung Gondors, der sich mit seinem Reittier abmühte, dazu jedoch nur eine Hand benutzte. Mit der anderen hielt er etwas vor sich fest und das machte den Jungen stutzig. Bergil zählte gerade mal elf Jahre, doch er war für sein Alter ein äußerst aufgeweckter und umsichtiger Knabe, ausgestattet mit hoher Intelligenz und einer guten Beobachtungsgabe. Und so entging ihm nicht, dass vor dem Reiter ein kleines Mädchen saß, halb verdeckt von dem Umhang. Bergil sah näher hin, denn dass ein Mann so spät seine kleine Tochter mit sich auf einem scheuenden Pferd führte, und das Tier auch noch recht rücksichtslos durch die Menschen trieb, ohne auch nur einen einzigen Blick zu dem Spektakel am Himmel zu werfen, machte ihn stutzig. Und dann schnappte er nach Luft. Er kannte dieses blonde Haar und das kleine Gesichtchen. Er hatte es erst vor einigen Stunden in den Reitställen des Königs gesehen, an der Seite des Herrn Legolas, der sich ungewöhnlich intensiv um die Kleine gekümmert hatte. Bergil war das Mädchen sofort aufgefallen, wie es mit großen Augen bewundernd zu den Pferden aufgesehen hatte und Arod – von dem der Knabe wusste, dass er recht eigensinnig war – hatte die Kleine sogar auf seinem Rücken geduldet, auf dem sie krähend vor Freude gesessen hatte. Nun aber rührte das Kind sich nicht sondern schien zu schlafen – trotz des Lärms und des Tumults, die in den Straßen herrschten – und das war seltsam. Wer immer der Mann dort vor ihm war: es war sicherlich nicht richtig, dass er dieses Mädchen – Kaya, wenn Bergil sich richtig erinnerte – bei sich hatte.

„Du!" rief er und stupste seinen Freund neben sich an, der gerade hellauf begeistert auf einige Bäume zeigte, die am Himmel erglühten. „Was ist?" fragte der andere Junge; nur halb mit einem Ohr zuhörend.

„Der Mann dort – er hat das kleine Mädchen bei sich, das ich oben in den Ställen getroffen habe!" Misstrauisch beobachtete er den Reiter weiter, der in diesem Moment sein Pferd wieder unter Kontrolle bekam.

Der andere Knabe zuckte mit den Schultern; den Blick weiterhin auf das Feuerwerk gerichtet. „Wird seine Tochter sein!"

„Nein, ist sie nicht! Sie war mit dem Herrn Legolas zusammen und ich habe gehört, dass sie zu einen der weiblichen Gäste in der Zitadelle gehört!" widersprach Beril; die Ahnung, dass hier etwas nicht stimmte, verdichtete sich mehr und mehr.

„Vielleicht täuschst du dich auch! Kleine Mädchen sehen doch alle gleich aus!" entgegnete sein Freund und brach dann in einen neuen Jubel aus, als neue Formen über ihm Gestalt annahmen.

Bergil presste die Lippen aufeinander. Nein, er täuschte sich nicht! Das dort war das Kind, welchem sich der Elbenprinz angenommen hatte! Und dass dieser merkwürdige Reiter soeben seinen Umhang völlig um sie schlang, so dass sie wieder von den Blicken anderer verborgen wurde, machte ihn noch misstrauischer. „Wir sollten ihm folgen!" rief er, doch sein Freund und die anderen Jungen hörten ihm nicht zu. Der Knabe stapfte mit dem Fuß auf – „Dann eben ohne euch!" – wandte sich um und eilte dem Reiter und seinen Begleitern nach, die ihre Reittiere noch immer mühselig durch die übervolle Straße lenkten.

Die haben es etwas zu eilig! Und der Kerl hat die Kleine unter seinem Umhang versteckt! Da ist was im Gange!' durchfuhr es ihn und er fühlte eine seltsame Erregung durch seine Glieder fließen. Jung wie er war konnte er nicht wissen, dass dies das Jagdfieber war, welches einen Mann nur zu gerne durchrann. Sich durch die Passanten schiebend folgte er den drei Männern, was nicht weiter schwer war, da sie nur langsam voran kamen und zudem alle anderen überragten.

Sie kamen an der Gasse vorbei, in der Beregonds Haus lag und in Bergil begannen zwei Willen zu nagen. Das Vernünftige wäre, die Männer ziehen zu lassen, sich hinauf zur Zitadelle zu begeben und dann zu versuchen, den Elb zu finden, der ihm sicherlich sagen konnte, ob es mit diesem nächtlichen ‚Ausflug' seine Richtigkeit hatte, oder aber ob der Kerl die Kleine entführt hatte. Doch bis sie eventuell die Verfolgung aufnehmen konnten, wären die drei Reiter fort und bei den Unmengen an Spuren auf der Süd- und Nordstraße, würde selbst der König – dessen Ruf als Fährtenleser legendär war – nicht nachvollziehen können, wohin sie entflohen waren.

Beril atmete tief durch und zögerte noch einen Moment, dann traf er seine Entscheidung. Sein Vater war der Hauptmann der Weißen Wache und er – Bergil, Beregonds Sohn – würde eines Tages den gleichen Weg gehen und ein Ritter Gondors werden. Und ein Ritter zu sein bedeutete, aufzupassen, Unrecht zu verhindern und denjenigen zu helfen, die in Not waren. Und all seine Sinne sagten ihm, dass dem kleinen Mädchen Gefahr drohte.

So schnell seine Beine ihn trugen, eilte er zu dem Haus seiner Eltern, schlüpfte in den Stall, in dem sein Pony stand, welches er vor kurzem erst von seinem Vater geschenkt bekommen hatte, sattelte es mit fliegenden Fingern, führte es hinaus, saß auf und trieb es an. Als er auf die Hauptstraße zurückkehrte, waren die drei Reiter nicht mehr zu sehen, aber das beunruhigte ihn nicht. Er wusste schon, wohin sie wollten: nämlich auf die Süd- oder Nordstraße, und da beide vom Stadttor abzweigten, würde er bei der ‚zauberhaften' Beleuchtung von oben und bei dem Vollmondlicht sie auf dem Pelennor sehen und ihnen folgen können. Außerdem war es nur von Vorteil, wenn er ein wenig Abstand zu ihnen hielt. Schließlich wollte er nicht entdeckt werden.

Erst, als er das Stadttor passiert hatte, die drei Reiter in der Ferne auf der Südstraße sah und sein Pony zu einem kurzen Galopp antrieb, fiel ihm ein, dass er ohne Geld und ohne jeden Proviant los geritten war. Er verzog das Gesicht – kein besonders geschickter Anfang seiner Rettungsmission – aber ein wahrer Ritter ließ sich von so etwas nicht aufhalten! Und deswegen würde er den drei Verdächtigen folgen und das kleine Mädchen aus ihrer Gewalt befreien! Er wusste zwar noch nicht, wie er das anstellen sollte, aber etwas würde ihm schon einfallen!

Legolas starrte hinunter auf die bewusstlose Frau, die auf Kaya Acht geben sollte, und dann auf das Bett, welches so erschreckend leer war. Dort, wo das kleine Mädchen selig und friedlich schlafen sollte, waren nur eine halb herunter gefallene Decke und ein zerwühltes Laken. Einer der Kerzenständer war umgefallen, doch zum Glück waren die Kerzen dabei erloschen, so dass keine Gefahr eines ausbrechenden Feuers bestanden hatte. Ansonsten war der Raum in einem tadellosen Zustand.

Aus den Augenwinkeln sah der junge Elb, dass Elinha wie betäubt im Eingang stand, durch den sich soeben Aragorn, Faramir und mehrere Wachen mit ihrem Hauptmann zu drängen versuchten, doch die junge Frau reagierte nicht eher, bis Estel sie behutsam zur Seite schob, damit die anderen hinein konnten. „Legolas! Was ist geschehen?" rief er und war mit drei Schritten bei seinem elbischen Freund. Aufmerksam sah er sich um. „Wo ist Kaya? Was ist mit Ahino?" Er deutete auf die Frau und kniete sich rasch neben sie, um ihren Puls zu überprüfen.

Der Elbenprinz antwortete nicht direkt, sondern blickte noch immer fassungslos auf die verlassene Schlafstätte. Kaya… Sie hatten daran gedacht, Elinha zu schützen, doch keinem von ihnen war es in den Sinn gekommen, dass das Kind ebenfalls gefährdet sein könnte.

„Sie wurde betäubt!" Aragorn hob die Frau auf seine Arme, stand auf und legte sie auf das leere Bett. „Ich rieche Tollkirschen, Alraune und Nachtschatten an ihrem Gesicht! Der Angreifer kennt sich mit Salben aus!"

Diese Worte lösten Elinha aus ihrer Erstarrung. „Wo… wo ist sie?" wisperte sie, bevor sie einen Schritt auf Legolas zumachte. „WO IST KAYA?"

Ihr Aufschrei ließ jegliche Lähmung von den drei Freunden abfallen. Aragorn und Legolas fuhren gleichzeitig zu den Wachen herum, die sich am Eingang gehalten hatten.

„Durchsucht die Zitadelle! Jeden Raum, jeden Winkel – und lasst die Ställe überprüfen! Irgendwo muss jemand sein, der das Kind bei sich hat!" befahl der gondorische König.

„Der Mann ist ungefähr so groß wie Aragorn oder ich, hat dunkle Haare und zwei verschiedene Augenfarben!" ergänzte Legolas rasch. Schärfe klang in seiner Stimme mit und eine gefährliche Wut funkelte in seinen Augen. Eine mühsam beherrschte Maske lag auf seinen Zügen und ließ sein Gesicht wie aus Marmor gemeißelt erscheinen. „Sucht ihn! Vielleicht ist er auch nicht allein! Er trägt die Rüstung Gondors!"

Die Hauptmann der Wache nickte, winkte seinen Männern und diese stürmten davon, noch während der Elb auf Estels fragenden Blick hin knapp erklärte: „Er gehört zu der Eskorte von Fürst Ferethon! Ich sah die beiden vorhin zusammen. Kaya erwähnte den ‚Mann mit zwei Augen'. Sie meinte die Augenfarbe, nicht die Anzahl!"

Estel wurde bleich und Faramir stieß einen ganz und gar heftigen Fluch aus. „Ferethon! Also doch!" fauchte er und Zorn umwölkte seine Stirn. „Ich schnappe mir diesen verdammten Bastard!" Ehe jemand etwas darauf erwidern konnte, eilte der junge Mann davon; draußen lauthals nach den Wachen rufend.

„Er… er hat mein Kind!" wisperte Elinha und alarmiert bemerkte Estel ihren unsteten Blick und das Zittern ihrer Hände: Zeichen für einen beginnenden Schock. Auch Legolas entging dies nicht und rasch schloss er die Distanz zu ihr und umfing mit beiden Händen ihr bleiches, plötzlich sehr kaltes Gesicht. „Wir finden sie!" sagte er ruhig und fest; versuchte, nur durch die simple Berührung ihr Sicherheit und Zuversicht zu geben, was er selbst so gut gebraucht hätte.

Ihr Atem ging schwer und nur langsam klärte sich ihr Augenausdruck. „Kaya…" hauchte sie und für einen Moment zog er sie an sich. Er fühlte, wie sie bebte, umfing mit einer Hand ihren Hinterkopf und küsste ihre Stirn. „Wir finden sie!" schwor er und strich ihr beruhigend über den Rücken; ihr Kummer schickte ein Echo des Schmerzes durch seine aufgewühlte Seele. Und ihre Nähe erfüllte ihn mit seltsamen, wachsenden Kraft, bis diese heiß und ungezähmt durch seine Adern floss, und er kaum noch still zu stehen vermochte. Er musste etwas tun, um das Kind zu finden und Elinha von ihrem Leid zu erlösen – und zwar sofort!

„Estel, was ist geschehen?" Arwen betrat das Zimmer, Éowyn an ihrer Seite, die leicht außer Atem war. Beide Frauen hatten den überstürzten Aufbruch der Herren beobachtet und waren ihnen so schnell gefolgt, wie möglich, wobei die Elbin Rücksicht auf ihre menschliche Freundin hatte nehmen müssen. Die Schildmaid Rohans war flink, aber mit einer Erstgeborenen hätte sie nicht Schritt halten können.

„Kaya wurde entführt!" erwiderte Aragorn leise und die beiden Frauen holte scharf Luft. Seine Faust landete auf dem Kaminsims. „VERDAMMT! Warum haben wir nicht daran gedacht, die Kleine besser zu schützen!" Er schämte sich seines Ausbruches nicht.

Unter anderen Umständen hätten beide Elben sofort versucht, ihm etwas von seinen Selbstvorwürfen zu nehmen und ihm zu versichern, dass ihn keine Schuld traf, doch im Augenblick galt ihre ganze Aufmerksamkeit der jungen Menschenfrau, deren innere Pein in ihnen wiederhallte.

Entsetzt sahen die Königin und auch die Rohirin zu Elinha, die sich an Legolas wie eine Ertrinkende klammerte, und der wiederum die junge Frau an sich presste. Als Arwen den schlecht versteckten, kämpferischen Ausdruck auf Gesicht des Prinzen bemerkte, war ihr klar, dass nur die Gegenwart Elinhas und ihr Leid den Sturm bändigte, der in ihm tobte. Sie wusste, welcher Drang in dem Sohn Thranduils erwacht war und immer schwieriger wurde, zu unterdrücken. Es war der gleiche Orkan, der auch ihren eigenen Vater Elrond, der ein Verfechter der Besonnenheit und vom Herold zum Heiler geworden war, in ein Unheil und Verderben bringendes Unwetter verwandelte, wenn sie oder ihre beiden Brüder Elladan und Elrohir – oder Estel – in Gefahr schwebten. Es waren die Instinkte eines Vaters, die in dem Elbenprinzen erwacht waren, und die durch nichts und niemanden besänftigt werden konnten, es sei denn, das Kind wäre wieder in Sicherheit. Der Thronerbe des Großen Grünwaldes mochte sich dieser Tatsache nicht bewusst sein, aber Arwen erkannte die Angst eines Vaters, wenn sie diese sah. Und der Umstand, dass das betreffende Kind weder sein Leibliches war, noch seinem Volk entstammte, machte keinen Unterschied. Der engste Freund ihres Gemahls hatte sich dieses kleinen Menschenmädchens, das mit seiner offenen Art und seinem unwiderstehlichen Charme jeden zu erobern vermochte, angenommen. Und so, wie er einst den Knaben Estel geleitet, gelehrt und beschützt hatte, so war er nun auch für Kaya da – wobei ‚erschwerend' noch hinzu kam, dass es sich bei diesem Kind um ein Mädchen handelte, welches des besonderen Schutzes bedurfte.

Das Dilemma Legolas' erkennend, auf der einen Seite Elinha zu trösten und auf der anderen Seite Kaya suchen zu wollen, trat Arwen rasch zu den beiden und der Sindar-Elb nickte ihr kaum merklich zu, bevor er die junge Dúnedain mit sanfter Gewalt von sich löste. „Elinha, bleib hier bei Arwen!" sagte er und versuchte, seine Anspannung ein wenig zu verbergen. Er wollte sie nicht noch mehr ängstigen, als sie es ohnehin schon war.

Elinha blinzelte und sah zu ihm auf. Er… er wollte fort? Jetzt? „Wohin wollt Ihr?" fragte sie heiser und mit wachsender Verzweiflung in der Stimme. Er war ihr einziger Halt in diesem Augenblick und ohne ihn würden die dunklen Wellen, die ihr Innerstes umspülten, überrollen.

„Kaya suchen! Elbenaugen und –ohren sind schärfer, als die der Menschen!" erwiderte der junge Elb und schob sie sacht zu Elronds Tochter, die in einer Geste des Mitgefühls und des Trostes einen Arm um sie schlang. Noch einmal berührten seine Finger ihre Wange und bohrte sich sein Blick einem Schwur gleich in den ihren – und sie verstand – dann verschwand er ohne ein weiteres Wort in einem Wirbel aus Blond, Silber und Blau.

Éowyn erschauerte leicht, als sie für einen Moment die Wildheit auf seinen Zügen und in seinen Augen sehen konnte, bevor er auch schon an ihr vorbei war. Sie hatte immer gewusst, dass Elben – wenn sie zum Kämpfen gezwungen wurden – zu den gefährlichsten Kriegern von ganz Mittelerde avancierten; und die Verwandlung, die der ansonsten so sanfte und zu Scherzen aufgelegte Legolas soeben mitgemacht hatte, war ihr beinahe unheimlich. Dann richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf Elinha und das Herz tat ihr weh, als sie den Zustand des gondorischen Mädchens sah, welches mit wieder starrem Blick ins Nichts sah. Ganz so, als würde die Abwesenheit Legolas' sie aller, leicht wieder gefundenen Kraft berauben.

„Schsch, bleib ganz ruhig!" flüsterte Arwen und zog Elinha mit sich zum Kamin, denn sehr wohl spürte sie die Kälte, die durch Seele und Körper der jungen Sterblichen kroch und sie in einem, für Leib und Verstand gefährlichen Griff gefangen hielt. Ihr Blick traf den Aragorns, dessen Miene puren Zorn zeigte und sie gab ihm ein kurzes, verständnisvolles Lächeln. „Geh nur! Ich bleibe hier bei ihr!"

Estel rieb sich über das Gesicht, schüttelte den Kopf ob dieser neuen Situation und atmete tief durch. „Das hätte nicht passieren dürfen!" flüsterte er und Arwen streckte die freie Hand nach seiner Wange aus, die sie voller Zärtlichkeit und unendlichem Verständnis umfing. „Wüssten wir alle die Zukunft, würde sie eine andere werden als vom Schicksal bestimmt."

Elbenweisheit! Sicher, sie entsprach immer der Wahrheit, aber es gab Momente, in denen diese Erkenntnisse ihn zur Weißglut treiben konnten. Menschen war es nicht gegeben, Geschehenes einfach hinzunehmen und dann zu versuchen, das Beste daraus zu machen. „An dieser Zukunft werde ich etwas ändern!" knurrte er und verließ dann ebenfalls eiligst das Gemach. Bei Eru, es ging ihm nicht darum, dass man ihn gedemütigt hatte, indem man vor seinen Augen einen Gast entführte. Es ging hier um ein unschuldiges kleines Kind – ein Kind, welches er ebenfalls in sein Herz geschlossen hatte. Er mochte Kaya! Sehr sogar! Und wenn er sich eine eigene Tochter vorstellte, dann wünschte er sich, dass sie so ähnlich wie dieser kleine, blonde, selbstsichere und kluge kleine Maus sein würde!

Éowyn trat zu dem Bett und beugte sich über das bewusstlose Kindermädchen. Sie ahnte, dass die Frau froh sein konnte überhaupt noch zu leben, denn Männer, die keine Skrupel hatten ein Kind zu entführen, schreckten auch nicht vor dem Mord an einer Frau zurück. Fürsorglich prüfte sie den Puls der Bediensteten, erkannte die Anzeichen einer leichten Vergiftung, als sie die Kühle der Haut spürte, deckte die Frau zu und wandte sich dann wieder zum Kamin um. Arwen hatte es irgendwie geschafft, Elinha dazu zu bewegen sich vor dem Feuer niederzulassen, saß neben ihr und hielt sie im Arm, als wäre auch die junge Dúnedain ein Kind. Nun, für die Elbin mochte es sich auch wirklich so anfühlen, wie die Schildmaid vermutete. Arwen zählt knapp dreitausend Jahre. Elinha musste ihr wirklich wie ein Neugeborenes vorkommen.

Elinha starrte in die Flammen, deren Spiel sie sonst so liebte. Jetzt aber sah sie dem Funkentanz zu, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. In ihre Ohren rauschte und summte es leise, das Herz schlug ihr bis zum Hals und ihr war kalt – so kalt, wie noch nie in ihrem Leben. Selbst, als sie in der vergangenen Nacht aus Grünfeld geflohen war und sich den Orks zum Kampf gestellt hatte, war sie nicht so durchgefroren gewesen, wie in diesem Augenblick. Sie fühlte zwar die Wärme des Feuers, aber es erreichte nicht ihre Seele. Sie hörte eine sanfte Stimme an ihrem Ohr und fühlte schlanke, starke Arme, die sie tröstend umfangen hielten, doch die Angst wollte nicht weniger werden.

Kaya…

Ihre kleine Kaya! Ihr Kind! Entführt!

Die Verzweiflung und Furcht waren zu groß, um sie in Worte zu fassen. Sie konnte auch nicht weinen. Alles, was sie tun konnte, war still da zu sitzen und stumm das Feuer zu beobachten – und zu beten! Beten, dass Legolas oder einer der anderen den Entführer fand und ihr kleines Mädchen zu ihr zurück brachten!

Mit der Schnelligkeit seines Volkes eilte der junge Elb durch die Zitadelle hinaus auf die Veste. Seine Sinne streckten sich nach allen Seiten wie unsichtbare Finger aus und versuchten die Präsenz des kleinen Menschenkindes zu finden, welches sich in sein Herz geschmuggelt hatte – genauso unaufhaltsam und nachhaltig wie einst der Junge Estel. Für Aragorn hatte er immer eine brüderliche Liebe empfunden, die so tief war, dass selbst die Schluchten des Nebelgebirges flach dagegen erschienen. Aber Kaya hatte eine völlig andere Zuneigung in ihm geweckt. Ja, auch um Estel war er immer besorgt gewesen und seine Beschützerinstinkte glichen einem Inferno, wenn jemand das Leben seines Freundes bedrohte. Aber bei Kaya quollen sie förmlich über – während sein Hass auf den Mann, der es gewagt hatte die Kleine zu verschleppen, ein tödliches Ausmaß annahm. Sollte er ihn stellen, wäre das Leben dieses Menschen unwiderruflich verwirkt!

Sein feines Gehör filterte jede Stimme heraus, seine scharfen Elbenaugen glitten über jeden Menschen auf dem großen Platz des Springbrunnens, die noch immer dem Feuerwerk zusahen, doch nirgends hörte oder sah er den Mann, der ihm noch vor kurzem aufgefallen war und der ihm das Kind unter der Nase hinweg entführt hatte! Er würde ihn finden – und Kaya! – und dann mögen die Valar dem Gondorer beistehen.

„Gimli?" Frodo hatte sich endlich erfolgreich zu dem Zwerg durchgekämpft, nachdem er bereits vor geraumer Zeit das dröhnende Lachen des Naugrims vernommen hatte. Nachdem er Legolas wie von Furien gehetzt hatte davon stürmen sehen, dicht gefolgt von einer leichenblassen Elinha, hatte er sich Aragorn anschließen wollen, der seinem Elbenfreund hinterher gerannt war, doch aufgrund der dicht gedrängten Menschen, war es ihm missglückt seine Freunde einzuholen. Es gab Momente, in denen eine geringe Körpergröße Nachteile mit sich brachte, und ein solcher Moment war nun gewesen.

Frustriert hatte er auf Sam gewartet, dem das versuchte Verschwinden seines Chefs sofort aufgefallen war und zu ihm aufzuschließen versuchte. Schweratmend stand der kleine Hobbitgärtner nun neben ihm und auf seine Frage hin, was denn los sei, hatte der einstige Ringträger lediglich geantwortet, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Und nun boxte Frodo sich einen Weg zu Gimli hindurch, der soeben sich Faramir zuwandte, der mit schlohweißem Gesicht und glühendem Zorn in den Augen ihm etwas mitteilte. Frodo und Sam hatten den zweitgeborenen Sohn des ehemaligen Truchsess' derweil recht gut kennen gelernt. Faramir war von sanftem Gemüt, was ihn jedoch nicht daran hinderte, Durchsetzungsvermögen und Stärke klar und eindeutig zu zeigen. Doch so außer sich hatten sie den jungen Mann noch nie erlebt.

„Gimli!" rief Frodo und schaffte es endlich, den Zwerg zu erreichen. „Herr Faramir! Was ist geschehen?"

Der Naugrim starrte für einen Moment nur vor sich hin, dann schleuderte er seinen Bierkrug auf den Boden und aus seinem Mund quoll eine ganze Reihe unverständlicher, kehliger Laute, bei denen es sich nur um Flüche in der geheimen Sprache der Zwerge handeln konnte, die so gut wie nie nichtzwergische Ohren erreichte.

Die beiden Hobbits blieben halb erschrocken stehen und blickten dann fragend zu dem Fürsten Ithiliens auf, dessen helle Augen sich funkelnd auf sie richteten. „Das kleine Mädchen, Kaya, wurde entführt!"

Frodo und Sam schauten ihn mit offen stehenden Mündern an, dann platzte aus dem jungen Halbling ein ungläubiges „WAAAAAS?" hervor, während sein treuer Freund eine wütende Schimpftirade hervor brachte. Sam mochte ruhig und ausgeglichen wirken, doch es gab bestimmte Dinge, die aus dem gemütlichen und recht dicklichen Hobbit einen Wirbelsturm machte, der sich sogar der uralten, tödlichen Riesenspinne Kankra entgegen stellte oder sich auf fünf Nazgul stürzen ließ, um diejenigen zu beschützen, die ihm am Herzen lagen.

„Wer war es?" knurrte Gimli und in seinen kleinen dunklen Augen glitzerte der in ganz Mittelerde gefürchtete Zwergenzorn. Er kannte das kleine Mädchen noch nicht, aber der Umstand, dass ein Kind entführt und grausam seiner Mutter entrissen wurde, weckte Rage in dem Naugrim. Für Zwerge zählte die Familie über alles, und nicht selten rächten sogar die Kinder ihre Eltern, wenn diese auch nur beleidigt wurden. Außerdem, so war sein nächster Gedanke, hing sein bester Freund an der Kleinen und bei der Vorstellung, durch welche Hölle der sensible Elb gerade gehen musste, hätte er sich am liebsten den Bart gerauft.

„Ein Kerl mit zwei verschiedenen Augenfarben – der vorhin noch mit Ferethon gesprochen hat und zu seinem Gefolge gehört!" antwortete Faramir knapp und mit einem Eis in der Stimme, gegen das die Gletscher des Weißen Gebirges warm waren.

„Der Fürst stand vorhin dort vorne – direkt an der Mauer der Feste, um das Feuerwerk besser sehen zu können!" sagte Sam und zeigte aufgebracht in die entsprechende Richtung.

Faramir folgte seinem Zeigefinger und fluchte leise, als er die dicht gedrängte Menschenmenge vor sich sah. Da durch zu kommen, würde alles andere als einfach werden!

Gimli erkannte sofort die Schwierigkeiten, die sich dem Fürsten Ithiliens offenbarten, und wandte sich schwungvoll um. „Das ist kein Problem für einen Zwerg, mein junger Freund! Folge mir einfach – und ihr auch, meine lieben Hobbits. Ein paar Hände mehr können nicht schaden!" Und dann wurden Faramir, Frodo und Sam Zeuge von einem lebenden Rammbock, als der Naugrim sich ohne Rücksicht auf Verluste einen Weg durch die Menge pflügte. Es wurde geschimpft, geflucht und mit den Fäusten geschüttelt, doch all das prallte an Gimli ab. Einem Amok laufenden Büffel gleich eilte er durch die Menschen, sah Ferethon vor sich und bevor dieser – verblüfft ob der Unruhe in seinem Rücken – auch nur reagieren konnte, hatte der Zwerg ihn auch schon gepackt, riss ihn am seinem Umhang herunter, schlug ihm die Faust an das Kinn (woraufhin der Lossaranacher zusammen sackte), hievte ihn sich auf die Schultern und trat den Rückweg an.

Faramir schnappte nach Luft. „Gimli, der Mann ist immer noch…"

„Ein verfluchter Mistkerl! Und wenn er nicht eindeutig seine Unschuld beweisen kann, braucht Aragorn sich nicht mehr um ihn zu kümmern! Wir Zwerge wissen, wie wir mit solchen Bastarden umgehen!" brummte der kleinwüchsige, aber muskelbepackte ehemalige Gefährte der Ringgemeinschaft und stapfte weiter. Sich nicht um die erstaunten und teilweise empörten Ausrufe der Menschen um ihn herum scherend, trat der Zwerg den Rückweg an und drängte sich erneut durch die Massen – direkt auf die Festhallen zu; Ferethon wie ein Mehlsack auf den Schultern tragend. Faramir, Frodo und Sam tauschten einen ungläubigen Blick miteinander – wozu genau hatte der Naugrim sie dabei haben wollen? – und schlossen sich ihm dann an.

Aragorn hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte hinab auf Ferethon, der sich einen kalten Lappen an das bereits blau angelaufene Kinn hielt und recht weiß im Gesicht aussah. Der gondorische König hatte zunächst nicht seinen Ohren getraut, als Sam und Frodo ihn – nach zig Hinweisen – endlich fanden und ihm berichteten, was sich auf der Veste zugetragen hatte; dann hatte die beiden Hobbits und die Vettern Pippin und Merry, die mit hinzu gestoßen waren, sich auf den Weg zu Elinha gemacht, um sie zu trösten. Gimli hatte den Fürst von Lossaranach einfach niedergeschlagen und in das Arbeitszimmer Estels geschleppt, gefolgt von Faramir und einigen Wachen. Für einen Moment hatte der Dúnedain tiefe Belustigung in sich aufsteigen gespürt. Zwerge! Er war immer wieder froh, dass Gimli auf seiner Seite stand!

Die zwar recht einfache, aber dennoch sehr undiplomatische Methode des Naugrims hatte ihm einige Mühe erspart; auch wenn der Weg Gimlis sicherlich nicht ganz den Sitten entsprach. Aber darauf konnte Aragorn keine Rücksicht nehmen. Ein Kind war verschleppt worden und eine junge Mutter – und sein bester Freund! – waren außer sich vor Sorge.

„Du weißt, warum du hier bist?" fragte er Ferethon geradewegs und sprach ihn damit erstmals an, seit der Lossarnacher aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war.

„Nein, mein König! Und – bei allem Respekt – ich wundere mich über die Sitten in diesem Haus!" Ferethon sah ihn geradewegs an. Er wirkte verletzt und aufgebracht zugleich. „Ich weiß, dass der Zwerg zu Euren Freunden zählt, aber hat er deswegen das Recht, einen Fürsten des Reiches Gondors niederzuschlagen?" Er schleuderte das kühle Tuch in die nächste Ecke und erhob sich, wenn auch etwas wackelig. „Ich verlange Genugtuung!" fauchte er und Gimli, der unweit von ihm stand, löste sich von der Mauer, gegen die er sich lehnte, und zog die kleine Zeremonieaxt aus seinem Gürtel.

„Die kannst du haben – gleich jetzt!" knurrte er und warf Faramir einen flüchtigen Blick zu. „Gib ihm dein Schwert, damit er sich verteidigen kann!"

„Halt!" Estel hob eine Hand. „Hier wird sich weder geschlagen, noch dulde ich andere Handgreiflichkeiten! Wir sind keine Orks, die außer einer Faust und einer Waffe zu keinerlei Argumentation fähig sind!" Seine grauen Augen bohrten sich nachdrücklich in die dunklen des Zwerges, der brummend seine Axt fort steckte, und dann scharf in die Ferethons, der sich nur mühsam beherrschte. Aragorn nickte knapp und begann einem Tiger gleich auf und ab zu gehen.

„Heute Abend wurde ein kleines Mädchen aus diesem Haus entführt – aus meinem Haus!" begann er an den Fürsten Lossarnachs gewandt. „Der Mann, der dafür in Frage kommt, war kurz zuvor noch bei dir, hat sich mit dir besprochen, dringt danach in das Gemach eines meiner Gäste ein, betäubt eine Bedienstete dieses Haushaltes und verschleppt ein vierjähriges Kind! Der gleiche Mann, der bei dem Überfall auf Grünfeld gesehen und nun wiedererkannt wurde! Und du verlangst Genugtuung?" Seine Stimme war zum Schluss immer lauter geworden und er machte einen drohenden Schritt auf Ferethon zu. Dieser straffte seine Schultern und setzte gerade zu einer eindeutig hitzigen Erwiderung an, als an die Tür geklopft wurde und die weiß gekleidete Gestalt Gandalfs eintrat. Mit einem Blick erkannte er die Situation, schloss die Tür hinter sich und gesellte sich ruhigen Schrittes zu Aragorn, dessen Zorn hell wie eine Fackel brannte. Aufmerksam betrachtete der alte Zauberer den Beschuldigten und rieb sich über den Bart; sagte jedoch nichts.

Durch die kurze Unterbrechung hatte Elessar sich wieder ein wenig gefasst und räusperte sich, bevor er fortfuhr: „Was hast du dazu zu sagen?" Sein Blick hätte selbst einen Uruk zögern lassen, zum Beil oder zum Schwert zu greifen, und auch Ferethon wirkte für einen Moment verunsichert, dann atmete er tief durch und erwiderte mit erzwungener Ruhe: „Bei dem Mann mit den zwei verschiedenen Augenfarben handelt es sich um einen meiner Leibwächter. Ófnir ist sein Name. Er ist seit einigen Monaten in meinen Diensten und hat sich bisher tadellos benommen." Die Mischung aus Halbwahrheiten und Lügen kam leicht über seine Lippen.

„Was wollte er heute Abend von dir?" hakte Estel hart nach und Ferethon sah ihn groß an. „Er hat mich gefragt, ob er und seine Männer heute Abend noch benötigt werden oder ob es ihnen gestattet ist, ein kleines Weinfass zu öffnen, welches ihnen von der Turmwache spendiert wurde. Ófnir weiß, wie ich über Ale und Wein im Dienst denke und holte sich deswegen meine Erlaubnis ein!" Er starrte Gimli an. „Ist das verboten – oder ein Grund, mich vor aller Welt zu demütigen und mich ohne Vorwarnung mit der Faust niederzustrecken?"

„In deinem Umfeld geschehen äußerst merkwürdige Dinge, die zudem für jene, die unter deinem Schutz stehen sollten, gefährlich, wenn nicht sogar tödlich sind", antwortete Aragorn anstelle des Zwerges, dessen Gesicht eine bedenklich rote Färbung angenommen hatte. Er kannte das Temperament des Naugrims schließlich zur Genüge.

Ferethon breitete die Arme aus. „Mein König, natürlich entging das mir nicht! Irgendjemand versucht mir zu schaden. Wenn ich es vorher für Zufall hielt, dass das Dorf, in dem mein ehemaliger Tributeintreiber sein Unwesen trieb, nun auch noch überfallen und niedergebrannt wurde, so bin ich jetzt – nachdem ein Kind entführt wurde – davon überzeugt, dass eine Verschwörung im Gange ist. Und zwar eine, die sich gegen mich richtet!" Er ließ die Arme sinken und seufzte schwer. „Bei wem handelt es sich um das Kind, wenn die Frage gestattet ist?"

„Um Elinhas Tochter!" erwiderte Faramir aufgebracht, bemerkte im Augenwinkel, wie Gandalf leicht zusammen zuckte, und Ferethon hob beide Brauen. „Diese unmögliche… Person in den Festhallen?" Die Blicke des Königs und seiner beiden Freunde, so wie der des Zauberers, sprachen Bände. Er nickte langsam. „Ich verstehe! Der Entführer sieht in dem Kind entweder eine Bedrohung oder er brauchte eine Geisel, um sich abzusetzen." Er wandte sich an Faramir. „Wenn Ófnir unter Verdacht steht, die Kleine verschleppt zu haben, habt ihr ihn gefunden?"

„Bis jetzt nicht!" presste der Sohn des ehemaligen Truchsess' durch die zusammen gebissenen Zähne. „Aber sei versichert, dass wir ihn finden werden! Der Turmwache, der Weißen Wache und einem Elb entkommt so schnell keiner – auch nicht einer deiner Ritter!"

„Ich hoffe es! Sollte es wirklich Ófnir sein, der hinter all dem steckt, dann…" Ferethon presste kurz die Lippen zusammen und richtete sein Augenmerk wieder auf Aragorn. Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht. „Ich bitte Euch um Eure Hilfe, mein König! Hinter meinem Rücken bahnte sich ein Unglück an, welches mir entging, und nun für viel Leid sorgte. Dafür bitte ich untertänigst um Vergebung. Und da ich besorgt bin um den Verbleib der Dorfbewohner und des Kindes, hoffe ich auf Eure Unterstützung."

Dies waren in der Tat neue Töne und der ehemalige Waldläufer verschränkte die Arme vor der Brust. „Und wie soll diese Hilfe aussehen?" erkundigte er sich kühl.

Der Lossarnacher atmete tief durch. „Wenn ich Euch richtig verstanden habe, so wurden die Dorfbewohner von den Angreifern fort gebracht. Bei allem Respekt gegenüber der Turmwache, aber ich bezweifle, dass sie gute Fährtenleser sind. Ich bin mir sicher, dass Euer elbischer Freund die hinterlassenen Spuren besser zu deuten weiß. Und sollte Ófnir mit denjenigen, die Grünfeld nieder brannten, unter einer Decke stecken, so wird er zu seinen Kameraden reiten. So Eru will, finden wir auch das Kind, wenn wir ihn und die anderen aufspüren können."

Das klang durchaus einleuchtend und Estel kam nicht umhin, diesen Überlegungen zuzustimmen. Dafür lagen sie zu klar auf der Hand. „Und Kaya?" warf er in den Raum. „Welche Rolle spielt ein vierjähriges Kind dabei?"

Ferethon zuckte beinahe hilflos mit den Schultern und schien zu überlegen. „Ihr erwähntet doch eben, dass Ófnir wieder erkannt wurde. Ich vermute, von der Kleinen. Vielleicht… hat sie etwas herum erzählt und er nahm sie mit, um sie zum Schweigen zu bringen und eine Geisel zu haben."

Gandalf räusperte sich und griff erstmals in das Verhör ein. „Er hat ein ganzes Dorf als Druckmittel! Wozu dann noch ein Kind?" Der Istar kochte innerlich vor Empörung. Abgesehen davon, dass er es als eines der abscheulichsten Verbrechen betrachtete, ein kleines Kind zu bedrohen, so hatte die Kleine es ihm ein wenig angetan. Wie sie sich so mutig vor Legolas gestellt hatte, um ihn zu ‚beschützen', hatte ihn gleichermaßen belustigt, wie auch angerührt.

Der Fürst Lossarnachs stöhnte auf. „Ich weiß es doch nicht!" rief er verzweifelt aus. „Ich weiß nur, dass einer meiner früheren Untergebenen sich an unschuldigen, ohnehin armen Bauern vergriffen hat und dass offensichtlich ein Mitglied meiner eigenen Leibwache sich der Kindesentführung schuldig gemacht hat. Was, Mithrandir, verlangt Ihr von mir? Dass ich mich umbringe? Mir wäre wesentlich wohler, wenn wir bei Sonnenaufgang aufbrechen könnten und zu versuchen, diese Bande zu stellen!" Sein Blick hatte sich bei dem letzten Satz auf Aragorn gerichtet. Das Gespräch hatte endlich die Wendung genommen, auf die er gehofft und gewartet hatte. Und der Gesichtsausdruck des Königs machte ihm klar, dass er kurz davor stand, sein Ziel zu erreichen. Elessar würde persönlich einschreiten, was ihn fort von Minas Tirith führte, und das war alles, was Ferethon im Moment wollte.

Gimli schnaubte spöttisch. „Er passt nicht auf und wir können versuchen, die heißen Kartoffeln aus dem Feuer zu holen!" brummte er und schüttelte den Kopf.

Aragorn warf ihm einen tadelnden Blick zu und schürzte die Lippen. „Dass ich helfen werde, verschleppte Untertanen der Westlande zu retten, steht außer Frage, Ferethon! Und ich werde auch nicht nur Legolas bitten, die Spuren einer näheren Betrachtung zu unterziehen, sondern ich werde selbst nachsehen! Welche Rolle du in dieser ganzen Sache spielst, vermag ich noch nicht zu sagen, aber da du ja ‚so besorg' um die Bewohner Grünfelds und um das kleine Mädchen bist, wirst du sicherlich mich begleiten wollen – ein Anliegen, dem ich gerne zustimme!"

Ferethon stockte der Atem. Er sollte ihn begleiten? Das war alles andere als eine glückliche Entwicklung!

Estel wandte sich an Faramir und Gimli. „Wir brechen morgen Früh zeitig auf. Ich wäre dir dankbar, Gimli, wenn du mitkämst. Legolas brauche ich wohl erst gar nicht zu fragen, er wird ohnehin dabei sein wollen. Faramir? Dir übertrage ich die Verantwortung für Minas Tirith!" Der junge Mann sah ihn groß an und eine leichte Röte überzog sein Gesicht. „Schon einmal vertratest du mich gut", fuhr Aragorn fort. „Und ich weiß die Stadt bei dir in guten Händen. Was die Geschehnisse in der Zitadelle angeht, übersteht Arwen dir. Was die Sicherheit betrifft, hast du das Kommando." Sein Blick fand Gandalf, der ihn schweigend ansah und Estel begriff, dass sein alter Freund jetzt keine Antwort auf die unausgesprochene Frage geben konnte oder wollte. Daher taxierte er nochmals die drei anderen Männer. „Noch irgendwelche Unklarheiten?" Als alle drei mit dem Kopf schüttelten, wandte er sich nochmals an Ferethon. „Ich schlage vor, dass du dich zurückziehst. Morgen wird ein anstrengender Tag!"

Der Fürst Lossaranachs verneigte sich tief – auch vor Gandalf – senkte gegenüber Faramir kurz das Haupt und schenkte dem Zwerg noch einen scharfen Blick; dann verließ er den Raum.

Gandalf brummte leise vor sich hin und sprach das aus, was die anderen dachten: „Er verbirgt etwas! Er ist nervös, gereizt und ich spürte eine befremdliche Mischung aus Zorn, Kälte und Triumph!" Er sah Aragorn direkt an. „Ich habe das Gefühl, dass meine Anwesenheit hier von größerem Nutzen sein wird, als wenn ich dich ebenfalls begleiten würde."

Estel bedachte ihn mit einem weiteren fragenden Blick, doch die Miene Mithrandirs machte klar, dass dieser noch immer nicht gedachte mehr zu sagen. So seufzte der gondorische König und rieb sich die Augen. „Faramir? Ich bitte dich zu veranlassen, dass morgen Früh bei Sonnenaufgang ein Teil der Turmwache und ein Teil der Stadtwache Abmarsch bereit sind. Die Männer sollen sich auf einen Einsatz von mehreren Tagen vorbereiten und es sind entsprechend Proviant und Zelte mitzunehmen, um uns des Nachts gegen die Kälte zu schützen. Ich glaube nicht, dass wir diesen Schlamassel innerhalb eines Tages wieder ins Lot bringen können. Ferner soll die Eskorte von Ferethon ab sofort im Auge behalten werden und der Fürst wird ebenfalls beschattet. Ich möchte nicht noch mehr unangenehme Überraschungen erleben." Er lächelte den jüngeren Mann an. „Ich weiß, dass es spät ist, aber…"

„Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, Herr Aragorn. Ich werde die entsprechenden Vorkehrungen treffen lassen und mich davon überzeugen, dass Eure Befehle umgesetzt werden." Er senkte kurz das Haupt. „Ich danke Euch für das Vertrauen, dass Ihr mir entgegen bringt, die Weiße Stadt meiner Obhut anzuvertrauen."

Aragorn trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du bist mir ein Freund vom ersten Moment an gewesen, Faramir, und nicht einmal erhobst du Anschuldigung, dass unter meiner Führung dein Bruder Boromir ums Leben kam. Ich weiß, dass ich dir so vertrauen kann, wie all meinen Freunden. Und darum sollst du auch nicht mehr in der höheren Form mich anreden, sondern so, wie es unter Freunden üblich ist." Er streckte ihm die Hand hin und der Gondorer errötete nun wirklich zutiefst.

„Ich… ich danke!" sagte er leise und schluckte schwer, während er einschlug. „Aragorn!" nannte er seinen König und Freund erstmals bei der rein vertraulichen Anrede und der ehemalige Waldläufer grinste kurz. „Faramir!" Dann holte er tief Luft. „Und nun muss ich eine aufgelöste Mutter beruhigen und meine Gäste verabschieden!" Er ging auf die Tür zu. „Früher war es wirklich einfacher!"

TBC…

Noch ein Cliffhanger (lach). Im nächsten Kapitel gibt's auch wieder etwas fürs Herz und natürlich Spannung. Ich bleibe dran,

bis bald

Lywhn

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