15.
Auf Zehenspitzen schlich Melanie in das Zimmer ihres Sohnes. Auf die Minute genau 30 Jahre war seine Geburt nun her. Nachdenklich ließ sie ihre Hand durch Rokkos Locken fahren – wie groß ihr Baby geworden war, grinste sie innerlich. „Och, Mama", nörgelte Rokko verschlafen. „Glaubst du nicht, ich bin zu alt dafür? Ich meine, du kommst immer an unseren Geburtstagen zur genauen Geburtsminute in unsere Zimmer." – „Du kannst froh sein, dass du nicht wie Lars um kurz vor 4 Uhr früh, sondern um 23 Uhr 18 geboren wurdest", schmunzelte Melanie. „Aber geschlafen habe ich trotzdem schon", seufzte Rokko sich aufsetzend. „Da du schon mal da bist, können wir reden?" – „Ja, natürlich. Was ist denn?", wollte Melanie alarmiert wissen. „Ich wollte dir danken, dass du so nett zu Loretta bist", begann Rokko. „Naja, wenn ich ehrlich bin…", druckste Melanie herum. „… ein wenig seltsam fand ich die Vorstellung schon – eine Frau mit männlicher Ausstattung, wenn du so willst und ich habe immer noch so meine Schwierigkeiten, mir vorzustellen, wie das ist, wenn man sich plötzlich nicht mehr wohl im eigenen Körper fühlt... Ich weiß aber, dass du sie magst und darum habe ich mir fest vorgenommen, sie auch zu mögen. Glücklicherweise macht sie mir das nicht schwer", gestand Rokkos Mutter dann. „Wenn du Loretta schon magst, dann solltest du mal ihre Freundinnen vom Travestie-Theater kennen lernen. Das ist ein lustiges Trüppchen, sage ich dir. Schade, dass dieses Wochenende keine Vorstellung ansteht, sonst würde ich da glatt mit dir hingehen." – „Ach nee, lass mal", lachte Melanie. „Das wäre wohl ein wenig viel für die Toleranz deiner alten Mutter." – „Mama, du bist doch nicht alt." – „Und du bist ein Charmeur", grinste Melanie. „Was ich eigentlich sagen wollte: Ich finde Loretta wirklich nett, aber ein Bedürfnis, Kontakte in die ‚Szene' aufzubauen, habe ich jetzt nicht." – „Hm, das stimmt. Loretta ist eine tolle Frau. Ich mag sie auch viel lieber als David und dass obwohl… naja… sie ja irgendwie ein und dieselbe Person sind." Melanie kletterte zu ihrem Sohn ins Bett und machte es sich dort bequem. „Das wollte ich dich sowieso fragen… also, weil sie ja quasi dieselbe Person sind: Fühlst du eigentlich… naja… gar keine Wut auf sie bzw. ihn, ja mehr auf ihn…" – „Weil Lisa letztlich David und nicht mich geheiratet hat?" – „Genau", bestätigte Melanie, dass sie genau das gemeint hatte. „Hm, ich habe so viel darüber nachgedacht – schon, als ich noch in Bremen war… David hat Lisa ja genauso geliebt wie ich, aber es war ihre Entscheidung, mich stehen zu lassen. Verstehst du? Es ist ja nicht so gewesen, dass er in die Kirche gestürmt ist und sie gezwungen hat, ihn zu heiraten." – „So habe ich es noch gar nicht betrachtet", gestand Melanie. Sie grübelte, was sie noch sagen sollte, als Rokko weiter sprach: „Wusstest du, dass Lars die Einladung zu meiner Hochzeit in seiner Bauchtasche hat?" – „Ähm, nein. Also, als sie damals per Post kam, wollte er sie unbedingt haben. Ich glaube, er hat sich sehr für dich gefreut. Er hat sie immer und überall mit sich herumgeschleppt, aber dass er es immer noch tut…" – „Er hat sie Lisa unter die Nase gehalten und nur ‚Warum?' gefragt." – „Das hast du ja gar nicht erzählt. Was hat sie denn geantwortet? Das wüsste ich nämlich auch gerne", erwiderte Melanie ungewohnt aufbrausend. „Sie musste plötzlich ganz dringend weg", lachte Rokko verbittert auf. „Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, dass sie nicht mit hereingekommen ist", gab Melanie zu. „Ich hätte nämlich nicht gewusst, wie ich mit ihr hätte umgehen sollen." Rokko nickte, seufzte dann aber: „Mich hätte ihre Antwort schon interessiert. Naja, eigentlich nicht auf die Frage, warum sie die Hochzeit hat platzen lassen – das weiß ich ja. Sie liebt David und sie wollte ihn heiraten. Ich wüsste viel lieber, ob sie… naja… ob sie mir nur etwas vorgemacht hat… ob unsere Beziehung ein… ein Konstrukt war oder ob es ihr auch etwas bedeutet hat." Melanie legte ihren Arm liebevoll um ihren Sohn. „Dann frag sie", ermutigte sie ihn. „Lars' Frage ist ein wunderbarer Aufhänger dafür, wenn du mich fragst…"
Schweigend saßen Melanie und Rokko beieinander und hingen jeder seinen Gedanken nach, als Paulchens beeindruckendes Organ durch die Villa erschall. „Meinst du, Loretta braucht Hilfe?", fragte Melanie. „Ich glaube nicht", erwiderte Rokko. „Sie ist eine ganz tolle Mapa", lachte er. „Mapa?", hakte seine Mutter irritiert nach. „Das ist von Lars. Das hat er gesagt, als ich ihm geklärt habe, dass Paulchen Lorettas Sohn ist." – „Interessante Sichtweise", staunte Melanie anerkennend. Plötzlich fing sie an zu kichern. „Was ist?", fragte Rokko. „Hoffentlich wachsen Lorettas Haare schnell. Das gibt ihr bestimmt ein feminineres Aussehen." Rokko dachte einen Augenblick an Lorettas Frisur, die im Moment eher aussah wie Kraut und Rüben bzw. wie eine lange nicht geschnittene Herrenfrisur und musste automatisch in das Kichern seiner Mutter mit einstimmen. Plötzlich stupste eine kalte Hundenase an Melanies Hand. „Ach, deine Thea ist ja hier", staunte sie, bevor sie den kleinen Hund in das Bett hob. „Das war sehr lieb von Loretta, mir einen Hund zu schenken", sagte Rokko nachdenklich. „Ich habe nur einmal erwähnt, dass ich… naja…" – „Dass du gerne eine Familie und einen Golden Retriever hättest? Das habe ich nicht vergessen Rokko und das wünsche ich dir wirklich von Herzen." Melanie holte gerade Luft, um noch etwas hinzuzufügen, als die Zimmertür aufging und Lars mit seinem Teddy im Arm dort stand. „Hey, mein Großer, kannst du nicht schlafen?" – „Nee", quengelte Lars. „Paul schreit", erklärte er. „Tja, Babys tun das. Du hast das auch getan und Rokko vor genau dreißig Jahren auch", grinste Melanie. Rokko schlug seine Decke beiseite und klopfte auf die freigewordene Matratze neben sich. „Wenn du dich nicht zu breit machst, darfst du bei mir schlafen, so wie früher als wir noch Kinder waren." Ein scheues Lächeln machte sich auf Lars' Gesicht breit, aber dann sprang er förmlich in Rokkos Bett.
Am Sonntag kurz vor Mittag saß Rokko auf den Stufen zur Villa und betrachtete Thea beim Spielen. „Na komm, bring das Stöckchen", ermutigte Rokko den Welpen. „Bring's her, dann kann ich es für dich werfen." Doch Thea machte keine Anstalten – sie amüsierte sich auch ganz gut ohne Rokko mit ihrem Spielzeug. „Hallo", drang plötzlich eine Stimme zu Rokko durch. „Lisa", erwiderte er verwundert. „Ich bin da um Paulchen abzuholen – so wo es vereinbart war", fügte sie eilig hinzu. „Paulchen ist drinnen bei Loretta und Lars", informierte Rokko seine Ex-Verlobte. „Und deine Mutter?", wollte Lisa wissen. „Hat alle aus der Küche verbannt, weil sie etwas super Geheimes kochen will." Unaufgefordert setzte Lisa sich zu Rokko auf die Stufen. „Der Hund ist ja süß. Ist das deiner?" – „Hm, den hat Loretta mir zum Geburtstag geschenkt", entgegnete Rokko. „Nett", seufzte Lisa, womit das Gespräch auch schon in peinliches Schweigen umschlug. „Ich muss dich etwas fragen", platzte es plötzlich aus Rokko heraus. „Ja, was denn?", antwortete Lisa mit einem ängstlichen Zittern in der Stimme. Rokko atmete zunächst tief ein und überlegte, wie er es am besten formulieren sollte, als Lisa ihm zuvorkam: „Du willst wissen, warum ich dich… also, warum ich am Tag unserer Hochzeit so gehandelt habe, wie ich gehandelt habe." Rokko merkte gar nicht, dass Lisa ihm einen Blick in ihre Augen gewähren wollte. „Nein, das will ich nicht wissen. Ich weiß, warum du so gehandelt hast. Du hast David geliebt. Was mich viel mehr interessiert, ist… das mit uns – was hat dir das bedeutet? Hast du mich überhaupt geliebt?" – „Rokko, du musst mir glauben, ich wollte dir sicher nie wehtun." – „Hast du oder hast du nicht?", drängte Rokko sein Gegenüber zur Antwort. „Du solltest dich damit nicht quälen", versuchte Lisa ihn von diesem Gespräch abzubringen. „Also nein", schlussfolgerte er daraus. „Rokko, du bist ein ganz wundervoller Mann", begann Lisa. „Du weichst mir aus." – „Ich möchte ja nur nicht, dass du dir irgendwelche Vorwürfe machst oder dir Selbstzweifel einredest." – „Das lass mal meine Sorge sein. Mir würde es viel besser gehen, wenn du einfach meine Frage beantworten würdest. Wieso bist du damals in das Stofflager gekommen und hast mir gesagt, dass es nie wieder Ebbe geben würde?" Lisa atmete hörbar durch. „Das… das weiß ich nicht", gestand sie leise. „Ich war so verletzt, weil David mich nicht wollte und dann hast du mich auch noch unter Druck gesetzt. Ich wusste, dass du nie so handeln würdest wie David – also mich hängen zu lassen oder mir weh zu tun. Es hat sich so gut angefühlt von dir geliebt zu werden… ich war einfach wild entschlossen, mit dir glücklich zu werden." – „Na wunderbar, ich war also Lückenbüßer und Depp vom Dienst gleichzeitig", lachte Rokko sarkastisch auf. „Nein, das warst du nicht", beschwichtigte Lisa. „Es ging bloß plötzlich alles so schnell – das mit dir und mir und die Situation in der Firma und meine Eltern und…" – „Ich habe dich nie zu etwas gedrängt – außer vielleicht dazu, Stellung zu beziehen", warf Rokko ein. „Ich weiß und doch, du hast mir so schnell einen Antrag gemacht und… ich dachte, wenn ich dich schnellstmöglich heirate, dann… würde ich David schon irgendwann vergessen…" – „Oh, das war… sehr ehrlich", brachte Rokko schockiert heraus. „Ich schätze, mehr muss ich nicht wissen." – „Doch, du musst wissen, dass ich durchaus Gefühle für dich hatte, nur waren die eben einfach nicht stark genug für eine lebenslange Bindung. Ich hätte bestimmt gelernt, dich so zu lieben, wie du es verdienst, wenn David nicht…" – „Dann bin ich mit meinem übereilten Heiratsantrag also selbst schuld daran, dass du mir das Herz gebrochen hast?", schlussfolgerte Rokko. Lisas Mund verzog sich peinlich berührt. „Ich sollte Paulchen jetzt holen, sonst ist es Zeit für seinen Mittagsschlaf und sein ganzer Tagesablauf kommt durcheinander, wenn er nicht schläft." Abrupt stand Lisa auf und heilte fast fluchtartig zur Haustür. Dort angekommen, drehte sie sich noch einmal um: „Rokko, du musst mir einfach glauben, dass ich dir nie wehtun wollte. Du wärst heute auch nicht viel glücklicher, als du es jetzt bist, wenn wir geheiratet hätten." – „Das kannst du nicht wissen. Du hast doch selbst gesagt, dass du bestimmt Gefühle für mich entwickelt hättest", erwiderte Rokko, ohne seinen Blick von dem spielenden Hundwelpen abzuwenden. „Und es hätte sicher Momente gegeben, in denen ich wenigstens nicht alleine gewesen wäre." Lisa schluckte hart. „Das mit deinem Vater tut mir wirklich sehr leid, Rokko…" Statt etwas zu erwidern streckte Rokko einfach nur die Hand nach seinem Geburtstagsgeschenk aus. „Na komm, Thea", animierte er den Hund, nicht einfach im Garten zu verschwinden. „Du findest ganz sicher eine Frau, die dich so liebt, wie du es verdient hast", versicherte Lisa noch einmal, bevor sie in der Villa verschwand.
