Familienbande
Bellas POV
„Autsch", entfährt es Charlie. Als ich ihn wieder fester drücke, kann ich ihn einfach nicht loslassen, nachdem, was in der letzten Stunde passiert ist.
Er versucht sein bestes, für mich seine Fassung zu wahren. Dabei kann ich ihm ansehen, in welcher Aufruhr er ist. Immerhin hat er soeben erfahren, dass es Vampire gibt und Wölfe. Riesen-Wölfe. Der Sohn seines besten Freundes ist einer. Ich denke, er hat mit vielem gerechnet, aber nicht damit.
Alice hat mir, nachdem sie mich aus dem Schlaf gerissen hat und mich zu den Cullens entführte, um Charlie zu beruhigen, erzählt, was Charlie alles heraus gefunden hat. Dies wiederum hätte ich meinem alten Herrn nicht zugetraut. Dabei bemerke ich mal wieder selbst, wie sehr er unterschätzt wird.
Er hat sich soeben bei seinen Deputys abgemeldet, mit der Ausrede, dass er nach dem Besuch bei den Cullens auf feuchtem Laub ausgerutscht sei und sich die Schulter ausgekugelt hat. Die Deputys haben nur gelacht und fragten ihn, ob ich das Tolpatschigkeitssyndrom nun an ihn abgetreten habe.
Mittlerweile sitzen wir im Wohnzimmer der Cullens. Charlie im Sessel und ich halb auf seinem Schoß und der Lehne, meine Arme um ihn gewickelt. Charlies gesunder Arm ebenfalls um mich gelegt. Wir geben ein echt tolles Paar ab. Seine linke Schulter unter einem festen Verband, so, wie mein rechter Unterarm.
Während Charlie und ich dabei noch etwas Amüsantes finden können, sieht Edward angespannter aus, denn je. Er steht neben mir, mit einer schützenden Hand auf meinem Rücken, während es sich seine Geschwister und Eltern auf den Couchen bequem gemacht haben.
„Sollte ich noch etwas wissen?", durchbricht Charlie die unangenehme Stille.
Wir schauen uns alle an, dabei bin ich wohl am ahnungslosesten, denn ich weiß nicht, was Charlie schon so alles erzählt bekommen hat.
„Zwei Dinge", beginnt Carlisle.
„Es gibt Vampire die haben besondere Fähigkeiten. Nicht nur die typischen, wie Schnelligkeit, Kraft, geschärfte Sinne…"
„Besondere Fähigkeiten?", will Charlie genauer wissen.
„Jeder Vampir ist auf seine Art und Weise besonders. Emmett zum Beispiel ist stärker als wir alle. Esme am menschlichsten. Rosalie ist wohl einer der anmutigsten Vampire die ich je gesehen habe", dabei schaut Carlisle liebevoll zu seiner ältesten Tochter.
„Ich habe gelernt, meinen Blutdurst zu ignorieren."
„Ich frage mich schon die ganze Zeit, wie du im Krankenhaus arbeiten kannst", ist Charlie verwundert.
„Jahrhundertlange Übung."
„Jahrhundert? Wie alt bist du?"
„Sehr, sehr alt", witzelt Emmett und schafft es, die gespannte Stimmung etwas zu lockern.
„Edward, Jasper und Alice dagegen haben besondere Fähigkeiten."
Charlie schaut alle drei intensiv an, als würde er erkennen können, was sie auszeichnet. Ohne Glück.
Carlisle steht auf, stellt sich hinter Jasper und legt ihm eine Hand auf die Schulter.
„Jasper kann deine Emotionen lesen und beeinflussen."
Ich schaue hoch in Charlies Gesicht, als er gerade seine Augenbraue skeptisch hebt.
„Gerade bist du skeptisch."
Charlie will gerade protestieren, als eine Welle voller Freude über mich schwappt und ich nicht anders kann, als grinsen. Auch Charlie geht es so. Und einen Moment danach, möchte ich nur noch weinen, so traurig fühle ich mich.
„Was zum Teufel?", flucht Charlie, als er sich eine Träne aus dem Auge wischt.
„Ich habe deine Gefühle beeinflusst", grinst Jasper uns zu.
Mit einem Schlucken versucht er, diese Tatsache zu verdauen.
„Alice kann in die Zukunft schauen", kann Carlisle ein leichtes Schmunzeln nicht verbergen.
Irritiert richtet Charlie sich an Alice, die sich grinsend mit dem Finger ans Kinn tippt.
„Das….?"
„Das ist jawohl ein Scherz und wir sollen dich nicht veräppeln, wolltest du sagen?"
Mit offenem Mund nickt Charlie.
„Er glaubt dir noch nicht, Alice", sagt Edward plötzlich.
„Hmmmm!", reibt sie sich die Hände.
„Ah. Gleich geht dein Funkgerät. Deputy Sanders wird sich melden. Ich zitiere: ‚Deputy Sanders, an Chief Swan. Ähm, Stuarts Streifenwagen hatte einen kleinen Unfall. Ich brauch deine Zustimmung für die Werkstatt.'"
Charlie runzelt die Stirn, kann er dies noch nicht glauben. Wir warten auf den Funkspruch, der etwas auf sich warten lässt. Doch Alice Lächeln hält an, was mir zeigt, dass es noch nicht an der Zeit ist. Dann zeigt sie Charlie ihre frisch manikürten Finger und zählt damit runter.
Als der letzte Finger fällt, zurrt Charlies Funkgerät auf, wie es immer tut, bevor man die Stimme hört.
„Deputy Sanders, an Chief Swan. Ähm, Stuarts Streifenwagen hatte einen kleinen Unfall. Ich brauch deine Zustimmung für die Werkstatt."
Ich bin natürlich nicht mehr überrascht, dass Alice Aussage stimmt. Charlie dagegen bekommt seinen Mund nicht mehr zu und ich schaue fragend zu Jasper, wie es denn mein Vater aufnimmt. Und als ich mich plötzlich etwas relaxter fühle, weiß ich, dass Charlies Blutdruck weit oben war.
„Chief Swan?"
Doch Charlie rührt sich kein Millimeter.
„Dad? Ich denke es wäre gut, wenn du Mark antwortest."
Sein noch etwas schockierter Blick wandert zu mir, bis er realisiert, was ich ihm gesagt habe.
„Du hast meine Zustimmung, Sanders", sagt er etwas apathisch ins Funkgerät.
Ich kann mir gerade so richtig Mark Sanders am anderen Ende vorstellen, wie verdattert er auf sein Funkgerät schaut, denn Charlie mag es gar nicht, wenn seine Deputys ihre Wagen nur eine Schramme versetzen.
Charlie fährt sich durchs Haar und schnaubt auf. Er blickt zu Alice.
„Wie?"
„Es ist nicht so, dass ich an was denke und die Zukunft sehen kann. Dazu muss derjenige eine Entscheidung fällen. So habe ich auch gesehen, dass du unser Geheimnis herausfinden wirst. Ich habe auch gesehen, dass du es für dich behalten wirst."
Alice Blick verharrt auf Charlie, als würde sie ihre Vision in Frage stellen. Und Charlie braucht nicht lange, um zu verstehen, um was Alice ihn da bittet. Er schaut in jedes der Cullen Gesichter, die alle dem von Alice gleichen, und zum Schluss in meines.
„Wir dürfen es keinem sagen, Dad. Dann sind sie in Gefahr. Und ich will keinen von ihnen verlieren", flehe ich ihn an.
Sofort spüre ich wieder Edwards Hand auf meinem Rücken, die kleine beruhigende Kreise fahren, meinen Blick lasse ich allerdings auf Charlie. Er soll sehen, wie wichtig mir es ist.
Es scheint zu wirken. Zumindest lächelt er mich an und fährt mir liebevoll über die Wange, um dann zu Carlisle zu schauen.
„Von mir wird niemand etwas erfahren", sagt er mit sehr authentischer Stimme, der man trauen muss.
Trotz, dass es unnötig ist, höre ich jeden Cullen befreit ausatmen. Selbst Alice, die es schon mehrmals gesehen hat, dass Charlie niemanden etwas sagen wird.
„Und was ist nun Edwards Fähigkeit?", will Charlie nun wissbegierig erfahren.
Ich sitze zwar mit dem Rücken zu Edward, aber ich kann sein Grinsen förmlich spüren.
„Ich kann Gedanken lesen", kann er sein Grinsen nicht verbergen.
„Ha ha. Aber jetzt veräppelt ihr mich doch."
„Nein, Charlie", ist Edward diesmal ernst.
„OK, wenn das wahr sein soll, woran denke ich gerade?"
„An Renées Pflaumenkuchen, den sie dir für heute Abend versprochen hat."
„Das ist doch Zufall", spottet Charlie.
„Denk an etwas, was nicht mal Bella weiß."
Mein Vater wird wieder ernst. Es scheint ihm zu dämmern, dass Edward ihn nicht anfunkelt. Er schaut mich an, als wenn er überlegen würde.
„Die Hebamme von Bella, hat sie immer Cookie genannt. Sie war so verliebt in Bellas braune Augen. Dir hat der Name aber nie gefallen, weshalb du Renée verboten hast, Bella so zu nennen. Ihr habt sie stattdessen immer Izzy genannt, aber das hat wiederum Bellas Grandma nicht gefallen, die ihre Enkelin am liebsten Bellarina nannte."
Aus Charlies Gesicht weicht plötzlich alles an Farbe. Tatsächlich wusste ich nichts von dem, was Edward da gerade in Charlies Gedanken gelesen hat.
„Cookie. Gefällt mir", grinst Emmett, fängt sich dafür einen scharfen Blick von mir ein.
Mein Vater hingegen ist noch immer ganz blass und schaut ins Leere, was nicht nur mir Sorge bereitet. Carlisle und Esme sehen genauso besorgt aus. Rosalies Gesicht kann ich nicht sehen, denn dieses ist in Emmett Brust vergraben. Aber ich ahne, wie es in ihr aussieht.
Einzig Alice sieht die Dinge gelassen und hat ein Lächeln auf den Lippen. Als sie meinem Blick begegnet, nickt sie mir zuversichtlich zu.
„Ich könnt jetzt wirklich ein Bier gebrauchen", kommt es plötzlich von Charlie.
Für einen Moment ist es still, bis Charlie los prustet. Was wiederum die Cullens mit Irritation aufnehmen.
„Entspannt euch mal. Ich brauch nur mal ne Minute um das richtig sacken zu lassen", versucht Charlie die Lage zu entspannen.
Nach seiner besagten Minute, schaut er zu mir. Sein Gesicht hat wieder an Farbe gewonnen. Und so gut wie ich meinen Vater kenne, versucht er gerade mal die Tatsache zu verdrängen, dass Edward Gedanken lesen kann.
„Wie hast du es aufgenommen?"
„Ich.."
„Sie ist abgehauen", lacht Emmett.
„Emmett!", schimpft Esme.
„Ich habe es jedenfalls nicht so gut aufgenommen wie du", versuche ich ihm ein Lächeln zu schenken.
„Und Edwards Gedankenlesen?"
„Gut", grinse ich.
„Gut?"
„Ich weiß nicht, was ihr mit mir als Baby gemacht habt, aber Edward kann meine Gedanken nicht lesen", sage ich triumphierend und blicke zu Edward.
Der schaut nur zerknirscht, kann sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er weiß, wie sehr es mich freut, dass er meine Gedanken nicht lesen kann und ich weiß, wie sehr es ihn ärgert.
„Nicht, dass wir euch loswerden wollen, aber Renée wird in einer halben Stunde nach Hause kommen und sie weiß noch nicht mal, dass Bella nicht in der Schule war. Sie wird einen halben Nervenzusammenbruch kriegen, wenn niemand zu Hause ist, sie in der Wache anruft und erfährt, dass Charlie sich verletzt hat und niemand weiß, wo Bella ist", scheint Alice in einer Vision gesehen zu haben.
Edward hilft erst mir auf die Beine und dann Charlie.
„Ich fahre euch nach Hause und laufe dann zurück."
Charlie schaut Edward geschockt an, bis ihm dämmert, dass Edward zu Fuß schneller ist, als mit dem Wagen.
„Was wirst du Mom erzählen?", frage ich Charlie.
„Die Wahrheit."
Mir schnürt sich der Magen zu. Die ganze Wahrheit.
„Die Wahrheit, dass ich ausgerutscht bin und du dich nicht so gut gefühlt hast. Wir haben sie nicht angerufen, um sie nicht zu beunruhigen."
Charlie schaut in jedes Gesicht, bevor er weiter spricht.
„Ich möchte nicht, dass Renée nur irgendetwas davon erfährt. Es reicht schon, dass meine Tochter immer und immer wieder in Gefahr gerät", drückt er mich fest an sich.
Esme schaut daraufhin enttäuscht, denn sie hätte das Geheimnis sicher gerne mit ihr geteilt. Auch ich tue mich schwer, es weiter vor meiner Mutter zu verheimlichen. Aber wenigstens habe ich nun Charlie, mit ich darüber reden könnte. Doch was, wenn Renée etwas davon mitbekommt, dass wir ein Geheimnis haben?
„Sie hat schon genug mitgemacht."
Ich dachte erst, er meint die letzten Wochen, aber dann würde Edward nicht so komisch gucken. Und noch merkwürdiger wird es, als er mir sofort wieder ein Lächeln schenkt. Ich kann zwar keine Gedanken lesen, aber so gut kenne ich meinen Edward schon, um zu wissen, dass er etwas in Charlies Gedanken gesehen hat, wovon ich nicht weiß.
Wir verabschieden uns von den Anderen, die Charlie garantieren, dass Renée nichts erfahren wird. Während der Fahrt denke ich weiter darüber nach, was Edward da gesehen hat, in Charlies Gedanken. Ich frage ihn später danach.
Er verabschiedet sich mit einem innigen Kuss von mir und sieht mich schuldig an. Er weiß also, dass ich etwas ahne und flüstert mir ‚später' zu.
Kaum, dass Charlie und ich es uns im Wohnzimmer gemütlich gemacht haben, hören wir Renées SUV vor dem Haus. Ein Blick zu meinen Vater zeigt mir, wie ich mich fühle, denn es spiegelt sich in Charlie wieder.
Vor einigen Wochen hätte sich Renée gewundert, dass Charlies Cruiser schon vor der Tür steht. Doch es hat sich nun mal viel geändert. Dass Charlie mehr Zeit zu Hause verbringt, finden Renée und ich natürlich mehr als nur schön.
Was sie allerdings wundert, und das merke ich sofort, als ihre Schritte schneller werden, in Richtung Wohnzimmer, dass der Fernseher nicht an ist. Schnell schmiege ich mich in meine Decke und tue so, als wenn ich schlafe. Zur Tarnung. Charlie will den Rest übernehmen.
„Charlie", höre ich sie rufen.
„Schsch", macht Charlie und ich höre ihn aufstehen.
„Was ist passiert?", höre ich die Panik in ihrer Stimme, als sie sicher seine Schulter gesehen hat.
„Jetzt wissen wir wohl, woher Bella ihre Tollpatschigkeit hat. Ich bin ausgerutscht und auf die Schulter gefallen", versucht er leise zu bleiben.
„Und Bella?"
„Ihr muss irgendwas auf dem Magen geschlagen haben."
Was nicht mal gelogen ist. Den ganzen Tag fühle ich einen Knoten im Magen. Ich kann die Geschehnisse aber auch nicht einfach beiseite schieben.
Ich spüre, wie sie näher zu mir kommen und erkenne Renées zarte Finger, die liebevoll über meine Wange streichen.
„Mein armes Baby. Sie musste doch schon so viel durchmachen."
Ich zucke zusammen, so ertappt fühle ich mich. Und so wie Charlie bei seinen nächsten Worten klingt, geht es ihm genauso.
„Lassen wir sie schlafen. Du kannst mir dafür aus meiner Uniform helfen", versucht er noch etwas Verführerisches rein zu bringen.
„Dann komm mal mit, Sherriff. Ich habe noch ein Hühnchen mit dir zu rupfen, warum du mich nicht angerufen hast."
„Entschuldige. Ich wollte dich nicht in Sorge bringen."
„Tut mir leid, dass ist dir nicht gelungen."
Ihre Schritte verstummen, was mich endlich ausatmen lässt. Es wird schwerer, als ich dachte, es Renée zu verheimlichen. Für Charlie wird es sicher noch schwerer. Aber er hat recht. Es ist besser, wenn sie nichts davon weiß. Sie mag zwar sehr aufgeschlossen sein, dennoch glaube ich wird sie ausflippen und nicht so ‚locker' reagieren wie Charlie.
Mein Handy vibriert, welches ich mit geschlossen Augen aus meiner Tasche ziehe. Was wie erwartet eine SMS von Edward ist.
Alles gut verlaufen, Liebste?
Alice konnte es nicht genau sehen.
-Edward-
Sie hat keinen Verdacht geschöpft und hilft Charlie gerade aus seiner Uniform. ;)
Kommst du heute Abend mich besuchen?
-Bella-
Wie könnte ich dich in den Schlaf weichen lassen, ohne dir einen Gute-Nacht-Kuss zu geben? :)
-Edward-
Ich höre die Stimmen meiner Eltern, die die Treppe hinab kommen. Beide in wohliger Stimmung.
Ich warte sehnsüchtig. Muss jetzt Schluss machen.
xo
-Bella-
Bis später, Liebste.
-Edward-
Die nächsten zwei Stunden vergehen damit, dass Renée Charlie und mich betüdelt, wie sie nur kann. Unsere kleine Notlüge, mir ginge es nicht so gut, hatte zur Folge, dass mein Abendbrot aus Zwieback und Kamillentee bestand. Lecker. Aber Tarnung wird nun noch mehr das oberste Gut in unserer Familie sein.
Ich verabschiede mich schon früh ins Bett, schließlich geht es mir nicht gut. Meine Freude ist natürlich groß, als ich Edward auf meinem Bett sitzen sehe. Ohne große Worte schlinge ich meine Arme um ihn und drücke ihn fest an mich.
Er spürt, dass ich seine Nähe gerade brauche und hält mich fest. So verharren wir eine ganze Weile und ich merke, dass der Tag mich einholt und ich müde werde. Doch bevor ich schlafen gehe, muss ich Edward noch darauf ansprechen, was er heute in Charlies Gedanken gesehen hat, als wir noch bei den Cullens waren.
Mit einem Seufzen zeige ich ihm, dass mir etwas auf dem Herzen liegt. Es ist wirklich unglaublich, wie gut wir uns in den Monaten, seitdem die Cullens in Forks sind, kennengelernt haben. Er mag zwar meine Gedanken nicht lesen können, aber umso besser kann er meine Körpersprache lesen.
„Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dir zu erzählen, was sich da in Charlies Kopf abspielte. Es hat einen Grund, warum du davon nicht weißt", blickt er mich schuldig an.
Mein Schmollen macht es da sicher nicht besser. Aber ein schlechtes Gewissen wird er so oder so haben. Erzählt er es mir nicht, bin ich sauer. Anders rum will er Charlies Vertrauen nicht missbrauchen.
„Ist es was Schlimmes?", bohre ich nach und da sich Edwards Miene eher zum Negativen ändert ist es etwas Schlimmes.
„Bitte Edward. Es geht um meine Mom", flehe ich und drücke auf die Tränendrüse.
Warum sollte ich ihn nicht auch mal beeinflussen. Sonst macht er das immer mit mir.
Resigniert schnauft er durch. Geschafft, auch wenn mich nun ein wenig das schlechte Gewissen plagt. Aber die Ungewissheit macht mich fertig.
„Kannst du dich daran erinnern, als du vier Jahre alt warst? Damals lebten noch deine Großeltern."
Ich steige durch meine Erinnerungen. Immerhin sind es 13 Jahre die seitdem vergangen sind. Vier Jahr soll ich also gewesen sein.
Edward scheint zu merken, dass ich nicht weit komme.
„Frühjahr 1992? Schlimmer Winter."
Und da macht es klick bei mir.
„Da war ich fast zwei Monate lang bei meinen Großeltern, weil Renée so krank war und mich hätte anstecken können. Kinder könnten davon sterben. Ich weiß nur nicht mehr, wie die hieß. Ich hab tagelang geweint, weil ich nicht zu ihr durfte. Charlie kam auch nur gelegentlich vorbei und… und sprach nicht… viel", harke ich.
Edward schaut mich abwartend an, als wenn er darauf wartet, dass ich die Lösung selber herausbekomme.
„Renée war nicht krank", schlussfolgere ich.
Edward bestätigt es mir mit einem Kopfschütteln.
„Bitte sag es mir, Edward."
Frustriert fährt sich Edward durchs Haar, mit einem leidenden Blick. Gott, was ist damals nur passiert?
„Charlie konnte sich damals nicht um dich kümmern. Er war dazu nicht in der Lage, was ich ihm nicht verübeln kann."
„Und Renée?"
„Charlie hat wirklich alle Arbeit geleistet, dass du es nicht heraus findest."
Ich nehme Edwards Hand und drücke sie fest, auch wenn es für ihn wohl nur wie ein Hauch wirkt. Mein Blick flehend, schaue ich ihm tief in die Augen.
„Edward?"
„Deine Mom.. Sie wurde damals entführt."
Sofort hält mich Edward fester und presst mein Gesicht an seine Brust, um meinen Aufschrei zu ersticken. Er streicht mir über den Rücken, um mich zu beruhigen. So wirklich klappt es nicht, aber Edward spricht weiter, als zumindest meine Atmung nicht mehr japst.
„Ich werde dir nicht erzählen, was alles geschehen ist. Sie wurde von jemanden entführt, den dein Vater mal ins Gefängnis brachte. Damals haben sogar die Männer aus La Push geholfen. Sie musste wirklich einiges durchmachen, das meinte dein Vater damit. Deshalb will er Renée und dich aus seinem Beruf heraushalten und Renée die Wahrheit über uns und die Wölfe verschweigen."
Edward pellt mich aus der Umarmung und schaut mich mitfühlend an.
„Es ist sicher nicht leicht, es wieder zu vergessen, aber du kannst selber sehen, dass es deiner Mom gut geht. Sie ist ein fröhlicher Mensch und ich versichere dir, es ist nicht aufgesetzt. Sie denkt einfach nicht mehr daran. Bring du es bitte nicht wieder zum Vorschein. Ich glaube nicht, dass ihr das gut täte. Das willst du doch nicht, oder?"
„Natürlich nicht!"
„Gut."
Edward lässt mich die gesagten Worte erstmal verdauen. Renée wurde entführt und ich wusste überhaupt nichts davon. Und ich muss zugeben, dass mir nie etwas Merkwürdiges auffiel. Entweder haben meine Eltern es wirklich gut verarbeitet oder einfach verdammt gut vor mir versteckt. Ich hoffe natürlich Ersteres.
Anscheinend ist das Leben um mich herum dazu beschworen, solche Dinge zu erleben. Ich meine, ich sitze gerade auf dem Schoß von einem Vampir, der dazu auch noch mein Freund ist. Mein guter Freund, oder wohl eher nicht mehr so guter Freund, Jacob Black, ist ein Wolf. Ich warte nur darauf, dass Harry Potter um die Ecke geflogen kommt und mir sagt, ich sei seine Schwester. Ich beschreie mal lieber nichts.
Jetzt, wo die Anspannung etwas abfällt, fallen mir die Augen zu. Edward bekommt dies natürlich sofort mit und legt mich aufs Bett und deckt mich zu.
„Schlaf, meine Bella. Der morgige Tag wird schon wieder anders aussehen. Deinen Eltern geht es gut. Gute Nacht", höre ich und spüre noch seine Lippen auf meiner Stirn, bis ich den Kampf mit dem Schlaf verliere.
In der Nacht wache ich von einem Albtraum geweckt auf. Wen wunderst, handelt es dabei um Vampire, Werwölfe und um meine Mutter, die entführt wird. Mittlerweile ist es für mich schon Gewohnheit. Anders ist es nur, dass diesmal kein Edward neben mir liegt und mich beruhigt.
Stattdessen liegt auf meinem Kopfkissen eine Nachricht.
Liebste Bella,
Carlisle hat mich gerufen, um Dinge mit den Wölfen zu klären.
Ich hole dich zur Schule ab. Alice hat uns alle in der Cafeteria gesehen, also sorge dich nicht.
-Edward-
Auch wenn Alice uns gesehen hat, beruhigt es mich nicht wirklich, dass meine Lieblings-Vampire bei den Wölfen sind. Schließlich wurde mir mal gesagt, dass sich nicht alle Visionen von Alice bewahrheiten.
Dadurch fällt es mir natürlich schwer, wieder einzuschlafen. Als ich dann doch einschlafe, klingelt fünf Minuten später der Wecker. Ich würde ihn am liebsten gegen die Wand schmeißen, doch würde ich mich dabei nur selber verletzten.
So kämpfe ich mich aus dem Bett und mache mich für den Tag fertig. Als ich in die Küche trete, sitzen dort am Tisch schon meine Eltern. Fröhlich, wie schon lange nicht mehr. Ich betrachte Renée von Kopf bis Fuß. Ich kann nichts erkennen, was auf eine Entführung deuten kann. Gut, es ist 13 Jahre her. Aber dennoch.
„Alles OK, Schatz?", holt mich die Besagte aus meinen Gedanken.
„Huh?", ist meine geniale Antwort.
Charlie schaut mich besorgt an, Renée nicht weniger.
„Ich glaube es ist besser du bleibst zu Hause."
„Nein, schon OK. Bin nur etwas müde. Ich hab schon genug verpasst", rede ich mich raus und schnappe mir Charlies belegten Toast aus seiner Hand.
„Hey", schimpft er, mit einer gewissen Lachhaftigkeit.
„Bis später", verabschiede ich mich schnell und lasse sie erst gar nicht zu Wort kommen, dass es doch noch zu früh sei. Ich schaffe es nur gerade nicht, Edwards Worte von gestern so einfach zu vergessen.
Edward wartet natürlich schon auf mich. Sicher Alice sei Dank. Ich steige schnell ein und betrachte Edward ganz genau. Als ich sehe, dass er genauso perfekt wie immer aussieht, fällt mir ein Stein vom Herzen.
Er gibt mir einen sanften Kuss, blendet mich mit seinem Blick und deutet mir mit einem Grinsen, meinen Toast zu essen.
„Ich gehe davon aus, dass alles gut ging?"
„Da liegst du richtig", freut er sich ungewohnt.
„Und?", harke ich nach.
„Wir haben den Vertrag neu abgeschlossen, mit den gleichen Punkten."
„Was verschweigst du mir?", frage ich, nachdem er weiter grinst.
„Alice hatte eine Vision."
„Soweit ich weiß nichts Ungewöhnliches."
„Sie hatte eine Vision, die in fünf Jahren stattfinden wird."
„Und?", muss ich es aus der Nase ziehen.
„Wir waren auf dem College, du und ich. Völlig frei von Sorgen. Einfach nur glücklich."
„Wirklich?"
Edward nickt so glücklich wie nie. Ich weiß um seine Sorge, dass immer wieder etwas zwischen uns kommen könnte. Noch größere Sorgen machte er sich um diese Volturi. Ich weiß also was ihm diese Vision bedeutet. Mir bedeutet sie nicht weniger.
Ich will mein Leben lang mit Edward zusammen sein.
„Und wo?"
„Das bleibt ein Geheimnis. Es wäre doch viel zu einfach für dich, nur das eine College anzuschreiben."
„Humpf", mache ich und beiße bockig in den Toast. Damit bringe ich Edward nur weiter zum Grinsen.
Das wiederum ist so ansteckend, dass ich mit lache. Ich muss mir als keine Sorgen machen, dass Edward in der nächsten Zeit genug von mir hat und ich ihm doch zu langweilig bin.
College mit Edward und seinen Geschwistern. Was kann man sich besseres vorstellen?
TBC
A/N: Huhu… Habt vielen lieben Dank für eure Reviews…
