Narzissa konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals so betrunken gewesen war. Sie stolperte über ihre eigenen Füße und musste sich am Treppengeländer festhalten, um nicht rücklings wieder hinunter zu fallen. Alkohol war einfach tückisch, er ließ einem Flügel wachsen und sie ebenso mitten im Flug verschwinden. Celestes Junggesellinnenabschiedsfeier war feuchtfröhlich gewesen und Narzissa war froh, Lucius für einen Abend zu entkommen, denn nur Celestes alte Clique war eingeladen gewesen und das waren sowieso nur die jungen Frauen aus ihrem Schlafsaal gewesen.
Sie hatten einige Muggelbars unsicher gemacht und waren schließlich in der Winkelgasse eingekehrt, wo Narzissa es ziemlich übertrieben hatte. Aber sie hatte eine Wut auf die ganze Welt und da war Alkohol eine willkommene Gelegenheit gewesen, wenigstens für ein paar Stunden alles zu vergessen. Doch jetzt, wo sie sich an das Geländer klammerte und kaum ihre Füße vorwärts brachte, da bereute sie es zutiefst. Hoffentlich schlief Lucius schon.
Und dann war da noch Celestes Verlobter: Narzissa hasste ihn. Sie hasste ihn nicht, weil er ein Muggel war, mit so etwas hatte sie nichts im Sinn. Nein, sie hasste ihn, weil er ihr Celeste wegnahm. Sie hatte sich zwar nicht mehr täglich mit ihrer besten Freundin getroffen, aber immer war da im Hinterkopf hängen geblieben: Celeste ist für mich da. Aber jetzt war Celeste für einen seltsam blassen, glubschäugigen Muggel da und Narzissa hätte ihn am liebsten erwürgt. Sie hatte nie gewusst, dass sie zu solch rasenden Gefühlen fähig war und langsam bekam sie Angst vor sich selber.
Beinahe wäre sie gestürzt und hielt sich gerade noch am Vorhang fest, der oben am Geländer hing. Es gab ein reißendes Geräusch und Narzissa taumelte nach vorne, während der Vorhang leise auf sie hinunter fiel und unter sich begrub.
Narzissa hörte das Quietschen der Salontür und wusste, dass Lucius nun auf dem Flur war. Was musste sie für einen Anblick bieten, ihre Beine schauten gerade noch aus den schweren, grünen Samtvorhängen hervor und der Rest wurde davon bedeckt. Das fand Narzissa in diesem Moment so überwältigend, dass sie anfing zu lachen und gar nicht mehr aufhören konnte, bis sie Lucius raue Stimme vernahm. „Hör auf mit dem Blödsinn."
Narzissa kämpfte gegen die Vorhänge und arbeitete sich fluchend hinaus. Warum machte der Hauself die eigentlich nie sauber? Sie war staubig bis auf die Knochen. So saß sie auf dem Boden und starrte Lucius an, dann begann sie wieder zu kichern.
Er seufzte jedoch nur. „Du bist vollkommen betrunken." stellte er sachlich fest.
Narzissa nickte übertrieben und kicherte in Samtvorhang. Ja, jetzt konnte sie auch darüber lachen. Was blieb ihr auch Anderes übrig? Doch es war kein glückliches Lachen. Es klang ihr selbst wie das Lachen einer Wahnsinnigen und ängstlich hielt sie sich den Mund zu.
Lucius verdrehte die Augen, offenbar ging sie ihm gewaltig auf die Nerven, und griff ihr unter die Arme.
Schwankend kam sie zum stehen und hielt immer noch den Vorhang in der Hand. Darüber musste sie schon wieder lachen, bis Lucius ihr das Ding wütend aus den Armen riss und die Treppe hinunter warf. „Schluss damit!" fauchte er.
„Was denn?" fragte sie überdreht. Ja, Alkohol war merkwürdig. Er lockerte ihr auf unangenehme Weise die Zunge und alles schien nicht ihr zu widerfahren sondern einer Anderen. Und noch etwas registrierte sie: Lucius wirkte viel unsicherer als sonst. Vielleicht konnte er zum ersten Mal in seinem Leben ihre Reaktionen nicht vorhersagen. Das gefiel Narzissa und sie lächelte ihn an.
„Hör auf zu grinsen." sagte er barsch und schob sie vor sich her in Richtung Schlafzimmer.
Nachdem Narzissa jedoch über sämtliche Läufer auf dem Weg dorthin gestolpert war und damit begonnen hatte den Teppich vor der Türe zu streicheln, gab Lucius auf trug sie kurzerhand.
Erst im Schlafzimmer setzte er sie wieder ab und Narzissa bemerkte seinen Blick. Zum ersten Mal seit Monaten war da etwas in seinem Blick, das sie kannte und mit dem sie spielen konnte. Begehren. Sie ließ sich auf die äußerste Kante des Bettes sinken und sah Lucius erwartungsvoll an.
„Was ist?" fragte sie neckisch und es war eine vollkommen neue Erfahrung für sie. So hatte sie sich ihm gegenüber nie benommen.
Er blieb im Schatten stehen und musterte sie einfach nur aus seinen kalten Augen. Was er wohl dachte? Narzissa hatte nicht die geringste Ahnung, so wie immer. Ihr wurde schwindelig und sie ließ sich auf die frischen Laken fallen, während Lucius langsam zu ihr hinüber ging.
„Du wirst nie wieder trinken. Hast du das verstanden?" Als er sich über sie beugte, war seine Unsicherheit verschwunden und er war wieder der gewohnt befehlende und eiskalte Mensch, der er immer gewesen war.
Narzissa nickte leicht und und wollte etwas sagen, aber ihre Zunge war wie gelähmt. Als er sie endlich küsste, war es wie eine Befreiung für sie und sie überließ sich seinen Berührungen.
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Wenn es so etwas wie Normalität in Malfoy Manor gab, dann kehrte Narzissa von diesem Abend an dahin zurück. Sie weigerte sich immer noch beharrlich an den Treffen der Todesser teilzunehmen, doch Lucius schien das nicht zu interessieren, während er sowieso nur selten in den Abendstunden zu Hause war. Das war nichts Neues mehr für sie und sie fragte auch nicht wohin er ging. Wenn die Todesser sich in Malfoy Manor trafen, dann blieb Narzissa im Salon sitzen und verschloss die Türe. Sie las die Zeitung nicht mehr, obwohl sie Dobby darum gebeten hatte, ihr jeden Tag ein Exemplar des Tagespropheten zu bringen. In Franks und Alices Wohnzimmer hatte sie sich geschworen, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, doch dieser Vorsatz war dahin. All das schien in weiter Ferne zu liegen und der Mut, den sie an diesem Tag verspürt hatte, der hatte sie verlassen.
Und dann war da noch dieses vertraute Gefühl, dass Narzissa immer wieder beschlich, seit ihrem furchtbar betrunkenen Auftritt vor Lucius. Sie hatte dieses Gefühl verdrängt, denn es war mit zu tiefen Schmerzen verbunden, doch Narzissa zweifelte kaum daran: Sie war zum zweiten Mal schwanger. Auch ein Grund, um Lucius aus dem Weg zu gehen, denn sie hatte nicht den Eindruck, dass sich seine Einstellung dazu geändert hatte. Mittlerweile war es Oktober geworden und draußen färbte sich das Laub an den Bäumen rot und Narzissa verbrachte mehr Zeit draußen, zu ihrem eigenen Erstaunen. Nur den Friedhof der Malfoys, den mied sie eisern. Sie hätte es nicht ertragen, das kleine Grab vor ihren Füßen liegen zu sehen. Jetzt, wo sie vielleicht eine neue Chance bekommen hatte.
Dobby folgte ihr auf Schritt und Tritt und sie zweifelte keinen Moment daran, dass dies ein Befehl von Lucius gewesen war, aber sie sprach nur belanglosen Unsinn mit dem Hauself und darüber schien er sogar außerordentlich froh zu sein.
An diesem Abend sah Narzissa seit langer Zeit wieder die gewohnten, verhüllten Gestalten apparieren, jedoch waren dieses Mal neue Gesichter dabei. Der dunkle Lord schien seine Macht beständig auszuweiten, denn den blassen jungen Mann mit der Hakennase, den hatte sie noch nie gesehen. Er wirkte kränklich auf sie und er schien sehr jung zu sein. Den Anderen erkannte sie jedoch sofort: Ihr Cousin Regulus Black. Die Familie Black schien Todesser hervor zu bringen, wie Sand am Meer und Narzissa schämte sich für sie alle.
Als sie sich gerade wieder im Salon einschließen wollte, da erschien Lucius mit starrem Gesicht an der Tür: „Komm mit."
„Bestimmt nicht." fauchte sie. „Du weißt was ich davon halte."
„Das ist mir vollkommen gleich." erwiderte er und griff nach ihrem Arm. Sein Griff war grob, so wie alle seiner Berührungen. Lucius war nie ein besonders zärtlicher Mensch gewesen.
„Ich will da nicht mit hinein gezogen werden."
„Dafür ist es viel zu spät, wie ich dir bereits sagte."
Narzissa senkte den Kopf und folgte ihrem Mann hinunter in die große Empfangshalle, wo mehrere Todesser, jedoch ohne den dunklen Lord, sich unterhielten.
„Zissy!" hörte sie Bellatrix' kreischende Stimme. „Endlich hast du auch einmal Zeit. Dein Mann sagte immer, du fühltest dich nicht wohl. Aber..." ihre Stimme wurde lauernd, „... für den dunklen Lord solltest du eine Ausnahme machen, wo doch dein Mann und du so treue Anhänger von ihm sind." Die letzten Worte spie sie beinahe aus. Bellatrix' Worte waren klug gewählt: Ein Außenstehender verstand die Affront gegen sie nicht, beim einmaligen hinhören und trotzdem waren sie eine klare Drohung ihr gegenüber.
„Ach, Bella." entgegnete Narzissa betont ruhig. „Für den dunklen Lord kann ich auch meine Krankheit überwinden. Dennoch bin ich natürlich sehr schwach, daher kann ich euch nicht begleiten, wenn ihr draußen umher streift und..." auch sie wählte ihre Worte genau. „Die natürliche Ordnung richtig stellt."
Bellatrix lächelte sie an und beugte sich zu ihr hinüber. „Pass gut auf Narzissa," zischte sie gefährlich. „Eines Tages wird dem dunklen Lord aufgehen, wer ihm loyal zur Seite steht und wer nicht."
Narzissas Lächeln in diesem Moment hätte kaum lieblicher sein können. „Aber natürlich Bella, er wird dafür sorgen, dass du bekommst, was du verdienst."
Hinter ihr wurden einige Stimmen laut, offenbar waren einige der Todesser ziemlich berauscht und forderten lautstark nach ein wenig „Spaß". Narzissa rief sich ins Gedächtnis, wie dieser Spaß aussah: Muggel foltern und quälen. Was ein erbärmlicher Haufen.
Einige der Männer und Frauen hatten sich schon ihre Kapuzen übergezogen und warteten auf den Rest.
„Ich werde nicht mitkommen." sagte sie Lucius mit erhobenem Haupt. Ihr war es egal, dass alle Todesser ihre Stimme hörten.
„Meine Frau beliebt zu scherzen." entschuldigte sich Lucius und zog sie ein Stück weit weg. „Ich dachte meine Anweisungen seien vollkommen klar verständlich gewesen."
„Natürlich Liebster." sagte sie mit aller Verachtung, die sie für ihn aufbringen konnte. „Aber wie das Leben nun einmal so spielt, bekommen wir ein Baby und den kostbaren Nachwuchs für die edlen Todesser, den wollen wir doch nicht gefährden." Narzissa hatte die Worte bewusst so laut gesprochen, dass es für die Meisten hörbar war. Denn es gab kaum einen besseren Schutz für ihr Kind als das jeder es wusste. Niemand würde sie mit irgendetwas mehr belästigen.
Einige umstehende Todesser klopften Lucius auf die Schulter und gratulierten, doch seine Miene verriet keine Regung. Er nahm die Glückwünsche entgegen und Narzissa war wie berauscht von ihrem Triumph. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie über Lucius triumphiert.
Das Portal von Malfoy Manor öffnete sich und die Todesser strömten in die Nacht hinaus. Lucius blieb als Letzter zurück und dann war alles Gefühl des Sieges vorbei, als er ihr zuflüsterte: „Das wird ein Nachspiel haben, verlass dich darauf, meine Liebste."
