Erebor 3022: Warhammers – Gefahr für Durins Sohn
Von summerald – übersetzt aus dem Englischen von jessie152
Disclaimer: ''Der Hobbit'' und ''Der Herr der Ringe'' als auch sämtliche Figuren darin sind Eigentum von Tolkien Estate und Wingnut Films. Diese Geschichten dienen ausschließlich der Unterhaltung und weder der Autor noch der Übersetzer profitieren in irgendeiner Weise davon oder erheben irgendwelche Ansprüche auf ''Der Hobbit'' oder ''Der Herr der Ringe''.
Kapitel 20
Die Herrin Nÿr verließ die königliche Halle mit dem alten Dwalin, und sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Sie hatte darum ersucht, den Heiratsantrag, der sie und des Königs Bruder betraf, zu ändern und die Klausel über ein Jahr der Bräutigamswerbung zu streichen. Und sie hatte sich an die dafür vorgesehenen Traditionen gehalten.
Der König hatte zugestimmt.
Allerdings hatte er auch verlangt, dass die Hochzeit am darauffolgenden Tag stattfand.
Nÿr nahm die Hand, die Dwalin ihr anbot, als sie die Treppen zurück zu den königlichen Gemächern hinaufstiegen. ''Ich brauche Deine Hilfe,'' erklärte sie ihm. ''Ich muss Frau An davon überzeugen, die Zeremonie klein zu halten,'' sie sah den alten Zwerg beinahe flehend an. ''Ich habe keine Familie, Dwalin. Und Kíli hat auch nur seinen Bruder und dich als nächste Verwandte.''
Dwalin hatte das eingesehen.
Frau An sah die Angelegenheit selbstverständlich völlig anders. Wäre Fíli in den Familiengemächern dabei gewesen, dann hätte er ihre Einwände selbst hören können, doch er hatte es wohlweißlich vorgezogen, noch nicht aufzutauchen.. Und Dwalin war angesichts der heftigen Empörung der Königin auch keine große Hilfe gewesen. Er hatte sich augenblicklich entschuldigt, auf die Tür gezeigt und irgendetwas von seiner Tochter erzählt.
''An, wirklich…'' stöhnte Nÿr beinahe verzweifelt. Sie stand da, hielt sich mit einer Hand den Kopf und fühlte sich von der Schimpf-Tirade der Königin völlig ermattet. Und der morgendliche Pony- Ritt war den Schmerzen in ihren Gelenken auch nicht sonderlich zuträglich gewesen. ''Ich habe keinen Vater und keine Brüder, die mir bei einer großen, traditionellen Zeremonie die Ehre erweisen könnten, und Kíli… seine Eltern sind auch schon lange verstorben.''
Das war der Moment, in dem Fíli eintraf. Er streifte im Gehen seinen königlichen Umhang ab und warf ihn über einen Sessel. Nÿr fragte sich, ob Dwalin ihn herauf geschickt hatte.
An stürzte sich beinahe auf ihn. ''Was in Durins Namen hast du dir dabei gedacht! Eine Hochzeit… morgen?''
Fíli ließ sich von ihrem Zorn nicht aus der Ruhe bringen. Stattdessen lächelte er sie an. Er legte seiner Frau Gemahlin beide Hände auf die Schultern und drehte sie herum, so dass sie Nÿr ansah. Dann sprach er leise in ihr Ohr. ''Schau sie dir doch mal an, Liebste. Wie viele Tage haben wir?''
An sah Nÿr mit prüfenden Blick tief in die Augen. Dann holte die Königin erschrocken Luft. Ihr Gesichtsausdruck wechselte von Verdrossenheit zu Überraschung.
''Also entweder tun wir es jetzt,'' sagte Fíli mit einem Schmunzeln, ''oder wir finden einen Weg, die beiden für den nächsten Monat mindestens eine Meile voneinander entfernt zu halten. Und Mahals Glück damit.''
An sagte zunächst nichts, als sie Nÿrs Hände in ihre nahm. ''Mahabrûf, meine Süße,'' flüsterte sie dann. ''Du bist verliebt… es wird diesmal etwas völlig anderes sein.''
''Maha…?'' In Nÿrs Kopf breitete sich urplötzlich eine völlige Leere aus. Die Zeit ein Kind zu empfangen kam nur alle vier oder fünf Jahre. Ich bin eine Hebamme, hätte sie am liebsten laut geschrien. Ich dachte, ich würde es wissen, wenn es soweit ist.
Doch sie hatte alle Anzeichen, die die bevorstehende empfängnisbereite Zeit ankündigten. Die schmerzenden Gelenke, fehlende Geduld für die alltäglichsten Dinge, und was An in ihren Augen gesehen hatte: die typischen erweiterten Pupillen.
Mahal, jeder weiß es, nur ich nicht.
Fíli hob vielsagend die Augenbrauen, warf seiner Frau noch einen verschmitzten Blick zu, und dann machte er sich rar.
''Er hat vier Kinder,'' kicherte An und zuckte mit den Schultern. ''Er hat einen guten Blick dafür.''
Dann rief sie nach Tee.
Nÿr starrte in die Richtung, in die Fíli verschwunden war, und holte tief Luft. Sie wusste nicht, ob sie mit irgendetwas werfen oder in Tränen ausbrechen sollte.
An legte ihr einen Arm um die Schultern. ''In Ordnung, ich bin einverstanden. Eine bescheidene Hochzeit. Und sei es auch nur, damit du nicht den Verstand verlierst.'' Ein Dienstmädchen erschien mit dem Tee, und An schenkte Nÿr eine Tasse ein. Und Nÿr musste sich entkräftet setzen. Sie fühlte sich vollständig fassungslos und versuchte verzweifelt, all das zu begreifen.
Dann tauchte Dwalin wieder auf. Er hatte seine Tochter Beka mitgebracht, die eine gute Ablenkung für die ganze Aufregung war.
''Ah, gerade rechtzeitig für Tee. Habt ihr Kekse?'' fragte Dwalin.
Es wurde Platz am Tisch gemacht, und Ans Gehilfen brachten tatsächlich Kekse.
Beka saß mit großen Augen da und probierte eine dunkle, süße Waffel.
Nÿr lächelte ihr zu. Dass Mädel war erst vor Kurzem nach Erebor gekommen, um bei ihrem Vater zu leben, nachdem sie in den Eisenbergen aufgewachsen war. Sie war ungefähr im selben Alter wie Fjalar, des Königs ältester Sohn, und sie war gerade im ersten Jahr ihrer Ausbildung zur Kriegerin. Dwalin schien mit ihr, so wie sie war, vollständig glücklich zu sein. Doch Nÿr wusste auch, dass er sich fragte, ob das Mädel jemals seine weibliche Seite zeigen würde. Plötzlich verspürte sie den unerklärlichen Drang, Beka in ein Kleid zu stecken. Ob das an den Wallungen des mahabrûf lag… darüber war sich Nÿr nicht so genau im Klaren.
''Beka,'' sagte sie, ''ich würde mir gerne für meine Hochzeit deinen Vater ausleihen. Ich kann mich an meinen nicht mal erinnern, und daher scheint mir für die Zeremonie einer zu fehlen. Was hältst du davon?''
Beka sah ihren Vater an und zuckte mit den Schultern. ''Ich denke, er möchte das unbedingt. Und ich habe nichts dagegen.''
Nÿr lächelte. ''Möchtest du gerne als meine kleine Schwester agieren? So eine hatte ich auch noch nie.''
Beka machte große Augen. ''Was muss ich da tun?''
''Mir helfen, mich anzukleiden, meine Blumen halten.'' Nÿr versuchte, es so leicht wie möglich klingen zu lassen. ''Mit mir auf den Berg hinausgehen, um welche zu pflücken.''
''Das kann ich wohl tun,'' sagte Beka.
Dwalin saß neben seiner Tochter und sah die beiden Mädels bewundernd an.
''Und,'' fügte Nÿr noch hinzu,'' wir müssen für dich ein Gewand finden, dass meinem möglichst ähnlich sieht.
Beka verstummte. ''Was wirst du tragen?'' fragte sie argwöhnisch.
Nÿr blickte auf An. Darüber hatten sie noch gar nicht gesprochen. ''Ich denke, in Anbetracht der knappen Zeit sollte ein traditioneller hanbok völlig ausreichend sein.''
''Ah,'' nickte Dwalin zustimmend. ''Du warst umwerfend, als ich dich das letzte Mal einen tragen sah.''
''Das war bei Fjalars Zeremonie zur Bestätigung als einer, der mit den Raben sprechen kann,'' nickte An. ''Bis morgen werden wir mit Sicherheit einen finden, der angemessen ist.''
''Wusstest du,'' fragte Dwalin,'' dass die Herrin Dís, die Mutter des Königs, bei ihrer Vermählung einen hanbok getragen hat, in den sie persönlich Taschen für ihre Wurfmesser eingenäht hat?''
Gut gemacht! Nÿr jubelte innerlich. Dwalin schien ganz genau zu wissen, wie er das Interesse seiner Tochter wecken konnte.
''Warst du bei ihrer Hochzeit?'' fragte Nÿr ihn.
''Das war ich tatsächlich. Es war eine Hammer-Zeremonie. In diesen Tagen besaßen wir im wahrsten Sinne des Wortes so gut wie nichts.''
''Was ist denn eine Hammer-Zeremonie?'' wollte Beka wissen.
''Wir sind Zwerge Erebors, Beka,'' erklärte Dwalin. ''In den Jahren der Drachenherrschaft wurden viele Familien auseinandergerissen, und die Familie des Königs bildete da keine Ausnahme. In jenen Tagen war alles, was man für eine Vermählung benötigte, ein Hammer und einen genügend großen Platz, damit die Familie und die Verwandtschaft einen Kreis bilden konnte.''
''Wieso ein Hammer,'' Bekas Neugier war geweckt, und Nÿr erkannte, dass diese Unterhaltung das kriegerische Mädel fesselte.
''Er symbolisiert Mahals Hammer,'' sagte Dwalin mit Ehrfurcht. ''Mehr braucht es nicht. Wenn man einen Amboss zur Hand hat, ist das natürlich noch besser, aber ich habe diese Zeremonie schon nur mit einem Hammer vollzogen gesehen. Wenn man einen Amboss zur Verfügung hat, kann man während der Zeremonie auf ihn schlagen. Das symbolisiert dann sozusagen das Schmieden der Ehe.''
An rührte in ihrem Tee, und Nÿr fand den Vergleich interessant. Allerdings ließ sie dieses Sinnbild mit Hammer und Amboss nicht mehr los. Denn diese Worte wurden auch gerne verwendet, um den Akt der Zeugung zu beschreiben.
''Wie verläuft die Zeremonie?'' fragte An.
''Nun,'' sagte Dwalin.'' Sie beruht auf einer alten Zeremonie der hohen Häuser. Damals wurde sehr viel Aufhebens um die gesellschaftliche Position gemacht, und ein jeder war bestrebt, zu zeigen, was er darstellte. Wenn endlich alle die ihnen bestimmten Plätze eingenommen hatten, eröffnete der Vater der Braut die Zeremonie, indem er einen Hammer emporhielt.'' Dwalin hob einen Arm, als ob er einen Hammer über seinem Kopf halten würde.
''Was für eine Art Hammer benutzt man?'' fragte Beka.
''Man kann jeden Hammer verwenden. Für Dich,'' sagte er, ''würde ich selbstverständlich einen Kriegshammer schwingen.'' Das Wort Kriegshammer knurrte er absichtlich grimmig und brachte seine Tochter damit zum Lachen.
''Diese Bedeutung gilt für alle Zeremonien der alten Zeit,'' fügte An hinzu. ''Mahals Hammer, der durch die Gnade Erus davon abgehalten wurde, die Zwerge zu zerstören. Du kennst diese Geschichte,'' sie klopfte sanft auf Bekas Hand.
''Bei einer Hammer-Zeremonie zu einer Hochzeit geleitet der Vater der Braut, '' das Mädchen als ihr Beschützer in den Kreis ihrer Sippe und der engeren Familie.'' Dwalin legte sich eine Hand auf die Brust, um zu zeigen, dass dies seine Rolle bei dieser Hochzeit sein würde. ''Er hebt den Hammer und schlägt damit auf den Amboss. Dann überreicht er den Hammer an den ersten aus der Sippe, der dreimal um den Bräutigam herum schreitet. Der Hammer wird von einem zum anderen in der Sippe weitergereicht, die das Gleiche tun, um zu bezeugen, dass der Bräutigam sich zu absoluter Treue verpflichtet hat..''
Beka lachte. ''Und der Bräutigam muss einfach nur dastehen?''
Dwalin nickte. ''Ja, dass muss er, mein Kind.'' Ein jeder aus der Sippe schlägt einmal mit dem Hammer auf den Amboss, und der letzte überreicht den Hammer an die Braut. Sie nimmt ihn und schreitet nun selbst dreimal im Kreis um den Jungen, um zu zeigen, dass sie ihn mit Bedacht gewählt hat und die Ehe bereitwillig und von Herzen eingeht. Wenn sie ihn akzeptiert, schlägt sie mit dem Hammer auf den Amboss.''
''Weil in Erebor Mädchen nicht verheiratet werden können, wenn sie nicht wollen,'' sagte Beka.
''Das ist richtig, Mädel,'' nickte Dwalin. ''Und das ist meine Aufgabe als dein Vater. Zu versichern, dass es deine Wahl ist, wenn es soweit ist.''
''Was tut der Junge bei der Zeremonie?'' fragte Beka weiter.
''Er übernimmt den Hammer von seiner Braut. Nun muss sie stehen bleiben, während er dreimal im Kreis um sie herum schreitet. Er zeigt damit, dass er sie in Ehren verteidigen wird. Auch er schlägt auf den Amboss und gibt den Hammer schließlich seinem Bruder, der dann mit dem Dank für die Sieben Segnungen beginnt. Wenn deine Familie groß genug ist, gibt es ein Familienmitglied für jede Segnung. Am Schluss kommen die Gelöbnisse, und die Ringe werden getauscht, dann gibt man dem Paar ein schönes, schäumendes Ale, damit sie ihren ersten Krug teilen können… und dann ist es vollbracht.''
Nÿr sah Dwalin in die Augen. ''Das ist wunderbar. Und du sagst, dass Kílis Mutter sich mit so einer Zeremonie vermählt hat?''
Dwalin nickte. ''Ja, das hat sie.''
An richtete einen fragenden Blick auf Nÿr. ''Ist es dass, was du dir wünschst?''
Nÿr nahm Dwalins Hand uns sah dann Beka an. ''Ja, wenn ihr beide als mein Vater und meine kleine Schwester agiert,'' sagte sie. ''Dann denke ich, dass wir es so machen können.'' Und plötzlich verschwamm der Raum vor ihr auf unerklärliche Weise.
Nÿr fand Kíli mit hochgelegtem Fuß, in einem Sessel dösend, in der offenen Säulenhalle des Annex. Eine Horde Raben schmückte die Wipfel der Kiefern auf dem Berghang unterhalb des Felssimses. Sie sahen ganz wie eine Ehrengarde aus.
Sie bückte sich, um die inzwischen geschmolzene Schneepackung von seinem Knöchel zu nehmen, und sah nach, wie schlimm die Schwellung noch war. Als Kíli von den Goblins gefangen gehalten wurde, hatten sie ihm eine grausame, stachelbesetzte Fußschelle um den Knöchel gelegt, um ihm im Kampfring festzuhalten. Die Schnitte waren tief, und es grenzte an ein Wunder, dass nicht sämtliche Sehnen durchtrennt worden waren — nur das dicke Leder seiner Stiefel hatte das verhindert.
Sie blickte auf und sah, dass Kíli aufgewacht war. Mit verschlafenen Augen streckte er sich in dem aus Holz geschnitzten Sessel mit der geneigten Lehne. Der Sessel war breit genug für zwei und er klopfte mit einer Hand auf den freien Platz neben ihm. Sie setzte sich zu ihm und genoss es, als er ihr seinen Arm um die Schultern legte.
''Fíli hat mir erzählt, dass er deine Petition akzeptiert hat, aber er will… dass es morgen stattfindet?''
Sie lehnte sich gegen seine Schulter. ''Was denkst du darüber?''
''Ich denke, er ist in der Stimmung ''schmiede das Eisen, solange es heiß ist'' Aber lass dich nicht von ihm drängen, wenn du nicht bereit bist.''
''Er hat wohl recht damit, dass es heiß ist,'' sagte sie.
Kíli beugte sich zu ihr und küsste ihr Haar. ''Er hat's mir gesagt, Liebste. Manchmal genießt er es, sich da ein bisschen einzumischen, weißt du.''
''Ich denke, er will uns damit etwas ganz Bestimmtes sagen.''
''Was meinst du?''
''Entweder wir heiraten jetzt und bekommen ein eheliches Kind, oder wir müssen uns für einen Monat trennen,'' antwortete sie.
''Ah, die Botschaft hast du also auch so verstanden.'' Kíli schnaubte.
''Und dann hat mir Dwalin von der Hammer-Zeremonie deiner Mutter erzählt,'' sprach sie weiter und erklärte ihm, wie das im Wesentlichen ablief.
''Wenn dir das gefällt, ist es für mich in Ordnung,'' lächelte er. ''Lass uns nur hoffen, dass ich das ohne eine Krücke schaffe.''
Der für die Zeremonie bestimmte Platz an darauffolgenden Tag zum zweiten Glockenschlag nach der Mittagsstunde war der siebenseitigen Balkon auf der siebten Ebene von Erebor, von dem aus man die gesamte Zentrale Halle überblicken konnte. Der vorbereitete Aufbau auf dem Balkon war schlicht: in der Mitte ein erhöhtes Podium für die Braut und den Bräutigam, darunter ein Kreis für die engste Familie und dann ein äußerer Kreis für Freunde. Und an einer Seite des Podiums stand ein schimmernder, schwerer Amboss.
Die Prächtigkeit von Erebors großer Zentraler Halle sorgte sowohl für die angemessene Kulisse als auch das passende Licht.
Fíli, in seiner Eigenschaft als König, hatte eine Bekanntmachung herausgegeben, dass sein Bruder, der Prinz, sich an diesem Tage vermählen und dass die Zeremonie im Kreise der Familie stattfinden würde.
Selbstverständlich verbreitete sich diese Neuigkeit wie ein Lauffeuer. Wenn der König allerdings ankündigte, die Zeremonie würde im kleinen Kreis stattfinden, hielt das Volk von Erebor seine Neugier im Zaum.
Als jedoch einige Leute die subtilen Anzeichen bemerkten, dass sich etwas auf dem siebenseitigen Balkon tat, kam mehr und mehr aufgeregtes Geflüster auf, und auf den umliegenden Brücken und Galerien versammelte sich eine neugierige, aber respektvolle Zuschauerschaft.
Prinz Kíli war in seine feierlichen, dunkelblauen Roben gekleidet, sein dunkles Haar wurde von seiner Prinzenkrone geziert. Er betrat den Balkon in Begleitung seines Bruders, der ebenfalls Krone und seine tiefroten offiziellen Gewänder trug. Fjalar, der junge Prinz und Thronerbe, stand bei ihnen, präsentierte zum ersten Mal einen Kronreif auf seinem Haupt und seine Tracht zeigte die Farben seines Vaters, war jedoch einfacher gestaltet.
Es war Fjalar, der als Erster bemerkte, dass sie Zuschauer hatten.
Im selben Moment traf Kíli die Erkenntnis, dass es gar nicht so viele Tage her war, dass er in einem Kampfring der Goblins gestanden hatte, umgeben von Unrat und Spott.
Und er hatte dem Tod ins Auge gesehen.
Für einen Moment war er von der Erinnerung wie betäubt, und er zwang sich, nach oben zu sehen.
Das ist keine Goblinhöhle, versicherte er sich selbst. Das ist Erebor in all seiner Schönheit, dies ist unser Volk, und ich bin zu Hause. Der Unterschied war mehr als gewaltig und äußerst beruhigend.
''Wir sollten Hallo sagen,'' murmelte Fíli und stieß ihn mit dem Ellenbogen an.
Fíli und Fjalar flankierten ihn, und zusammen traten sie vor die Menge. Sie standen stolz und aufrecht und verbeugten sich dann gleichzeitig. Als sie sich wieder aufrichteten, winkte Kíli und lächelte den versammelten Zwergen zu. Ein gesitteter Applaus brach aus, allerdings zeigte sich die Menge, die sich aus dem Stehgreif versammelt hatte, weiter in ihrem besten Benehmen.
Nervös beobachtete Kíli die Tür zum Vorbereitungsraum. Fjalar zappelte regelrecht. Und kurz bevor er erwartete, dass die Zeremonie beginnen würde, wandte sich Fíli dem Volk um sie herum zu und lächelte, während er verschwörerisch einen Finger hob und über seine Lippen legte. Eine freundliche Bitte, nicht so laut zu werden.
Die Zuschauer freuten sich und erwiderten die Geste, Offensichtlich waren sie begeistert, einfach nur zuschauen zu dürfen.
''Wie lange denn noch?'' Kíli klang etwas zitterig und sehr ungeduldig.
Fíli schmunzelte. ''Nicht mehr lange, denke ich.''
Dann öffnete sich eine der großen Türen, Bofur steckte den Kopf durch den Spalt und sah sie an. Unter einem Arm hatte er eine Handtrommel.
''Also, Jungs,'' rief er. ''Seid ihr bereit?''
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AN. : Nun, seid Ihr alle genau so zappelig und unruhig wie Fjalar und sein Onkel Kíli und könnt es kaum mehr erwarten? Noch eine Woche, dann ist es endlich soweit. Holt Eure besten Roben und Gewänder hervor und macht Euch schick, dann mischen wir uns alle unter die Zuschauer. Endlich, endlich kommt Kíli unter die Haube.
Mahals Segen, Jessie
Summer schreibt zu diesem Kapitel:
Mahabrûf im wörtlichen Sinne ''Vermehrung''. Dieses Konzept habe ich erfunden, allerdings basiert es auf sämtlichen Informationen, die ich bei Tolkien oder anderen Quellen bezüglich ''Herr der Ringe'' finden konnte. Mahabrûf bezeichnet den Fruchtbarkeitszyklus weiblicher Zwerge, eine selten auftretende Zeit, während der eine Empfängnis möglich ist… in der Regel eine Periode von zwei bis drei Wochen. Zwerge vermehren sich nur langsam und unregelmäßig. Ein Zwergenmädchen erlebt das mahabrûf alle drei bis fünf Jahre und meist weniger als zwölf Mal in ihrem Leben. Wie bei allen Rassen ist es eine Zeit, in der die Hormone etwas verrücktspielen, und das Ansteigen des Pegels zeigt sich in deutlichen Veränderungen im Körper. So kommt es zu Schmerzen, einem allgemeinen Gefühl der Erschöpfung, und die Familienmitglieder registrieren oft rasche Stimmungsschwankungen. Einige Mädchen begrüßen das mahabrûf als ein Versprechen, ein Kind erwarten zu dürfen, andere hingegen reagieren mir Scham und Bestürzung darauf und ziehen sich völlig zurück. Für die männlichen Zwerge ist der Zyklus ein völliges Rätsel, allerdings werden sie auch unwiderstehlich davon angezogen und reagieren einem Mädchen gegenüber in ''ihrer Zeit'' mit einem starken Beschützerinstinkt, zumindest, wenn das Mädchen sie überhaupt in ihrer Nähe duldet. Fíli nennt es übrigens insgeheim ''Mamas Brutzeit''. Seine ungewöhnlich große Familie mit vier Kindern beweist, dass er den Code von Ans Brutzeit sehr erfolgreich entschlüsselt hat ;-). Im Falle von frisch Verliebten ist dies die perfekte Zeit für Flitterwochen, und wenn andere Schwierigkeiten ausgeschlossen werden können, resultiert daraus in der Regel in eine Schwangerschaft. Zumindest, sofern der Junge behutsam vorgeht, sich mit der Dame seines Herzens gut stellt und sie seinen Avancen wohl gesonnen ist. Einige Jungs haben mit diesem Teil Probleme, sind sie doch oft unfähig, ihr eigenes Ego beiseite zu lassen und das Mädel in den Mittelpunkt ihrer Gedanken zu stellen. (Fíli jedoch hat seinen kleinen Bruder in dieser Angelegenheit sehr gut informiert und instruiert.) Hat die Empfängnis stattgefunden, verschwinden die Symptome des mahabrûf auf der Stelle. Die Schwangerschaft dauert 20-24 Monate. Zwergenfrauen sind in dieser Zeit deutliche verletzlicher, zeigen jedoch während des ersten Jahres keinerlei körperliche Anzeichen (kein dicker Bauch). Erst in den letzten drei bis vier Monaten sind die Zeichen, dass ein Kind unterwegs ist, nicht mehr zu übersehen. Das ist die Zeit, in der Zwergenfrauen bekanntermaßen zu Hause bleiben und ihre Gemächer nicht mehr verlassen. Wieso spielt das alles eine Rolle? In der Zeit nach dem Ringkrieg waren niedrige Geburtenraten die größte Bedrohung für das Volk der Zwerge. Daher ist das mahabrûf eine ernste und sehr intime Familienangelegenheit.
Zwergen-Hochzeiten: Tolkien selbst sagt zu diesem Thema so gut wie nichts. Allerdings habe ich die ''Hammer-Zeremonie'' locker auf Details aufgebaut, die in dem schönen Artikel von Dwarrow Scholar "Who's the Bride – Dwarven Marriage" zu lesen sind. Abgesehen davon werden die Zwerge von Erebor wohl viele ihrer hohen Zeremonien verloren haben, als ihre Kultur vom Überfall des Drachen und vom Krieg nahezu zerstört wurde. Darunter auch das Konzept, dass Zwergenmädchen so gut wie nie die Hallen der Familie verlassen. In einer Gesellschaft, in der die Bevölkerung umherzieht, werden sie derartige Ideen längst verworfen haben. Ich persönlich denke, die Mädels hätten das nicht geduldet. Mal ernstlich, Leute! Sie würden über all das Getue die Augen verdrehen.
Hier kommt noch hinzu, dass Kíli ein Sohn aus Durins Geschlecht ist, und da sind die Traditionen noch einmal etwas anders. Das Bedürfnis, Wohlhabenheit zu demonstrieren, wird schon damit gestillt, dass die Zeremonie innerhalb von Erebor abgehalten wird. Kíli braucht keine Juwelen und edle Metalle zu präsentieren, wenn die gesamte Bevölkerung von Erebor hinter ihm steht.
Hanbok: Ich mag die Idee, dass Zwergenfrauen sich im Stil eines traditionellen Koreanischen hanboks kleiden und benutzte diesen als Inspiration für ein altes, traditionelles Zwergengewand. Mir ist schon klar, dass viel Leser etwas Skandinavisches oder Germanisches vorziehen würden, doch mir gefällt die Eleganz und die Einfachheit dieses Stils für eine Tochter aus Durins Geschlecht. Und da es mir an einem guten Begriff in Neo-Khuzdul für Kleid, Robe oder Gewand mangelt, habe ich mich entschieden, einfach das Koreanische Wort hanbok zu verwenden, für mich klingt dass recht zwergisch. Die Koreanische Schauspielerin Lee Young Ae präsentiert diese Tracht auf einem Foto und die Art, in der sie den modernen hanbok trägt, scheint mir genau die richtige für Nÿr zu sein, die ich hier immer als etwas größer gewachsen und weniger vollbusig als die meisten Zwergenfrauen beschreibe.
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