Kapitel 19
Carsaibs erster Beschwörungsversuch war... nun ja. Es war gut, dass Haeg in dafür weit hinaus in die Wüste mitgenommen hatte. Brennender Sand war nun einmal kein Anblick, den man öfter sah. „Sehr interessant!", meinte der alte Zauberer ernst und betrachtete den geschmolzenen Quarz.
Carsaib saß geschwächt und enttäuscht im Sand und fragte sich immer noch, was er falsch gemacht hatte. Das Siegel war ordentlich gezeichnet gewesen. Er hatte es auf ein Stück Leder kopiert gehabt, im Sand ausgebreitet und die Beschwörung deutlich und ohne zu stottern gesprochen. Warum also war alles in Flammen aufgegangen? Und warum war er getaumelt und bekam auch jetzt kaum den Arm gehoben?
Als hätte er die stummen Fragen verstanden, wandte sich Haeg an seinen Lehrling: „Die Worte der Alten Sprache kosten Kraft. Besonders, wenn der Geist statt zu gehorchen versucht, in deinen Verstand einzudringen. Wir müssen mehr an deinem Schutzwall arbeiten, bevor du es noch einmal versuchen kannst." Er hustete und setzte hinzu: „Außerdem sollten wir das nächste Mal einen Dämon wählen, der dem Wasserelement zugerechnet wird. Der sollte hier weniger Schaden anrichten können. Obwohl ich ja dachte... wenn Sand auch brennen kann, dann... nein, das ist nicht zu machen, so nicht... oder vielleicht...?"
Seufzend ließ sich Carsaib endgültig fallen und lag eine Weile auf dem Rücken in der gleißenden Sonne. Haeg war gerade wieder dabei, den Faden zu verlieren. Das geschah in letzter Zeit öfters, aber bisher hatte der alte Zauberer sich noch immer wieder gefangen gehabt. Er wurde alt. Wunderlich war er schon früher gewesen, aber nun wurde sein Alter immer deutlicher spürbar.
Wenigstens war er mit dem Schwertraining in den letzten Monaten schon weitergekommen. Kazit'ra prügelte ihn zwar immer noch regelmäßig grün und blau mit den gestumpften Klingen, aber es war schon lang nicht mehr so schlimm wie zu Anfang. Letzte Woche konnte er das erste Mal auch dem Schatten einen schmerzhaften Hieb zufügen. Zur Antwort bekam er eine heftige Parade zu spüren, aber immerhin: er, Carsaib, der dumme Nomadenjunge und untalentierte Zauberlehrling hatte sich durchgesetzt. Wenn er jetzt auch noch eine Beschwörung hinbekommen würde, OHNE die nähere Umgebung größerer Gefahr auszusetzen, wäre er auf dem richtigen Weg.
Haegs Gemurmel wurde immer leiser und Carsaib hob leicht den Kopf an, um blinzelnd nach seinem Lehrmeister Ausschau zu halten. Wahrscheinlich hatte er ihn schon wieder vergessen gehabt, denn der Alte wanderte bereits vor sich hin brabbelnd zurück zu ihrer Höhle.
Er rappelte sich mühsam hoch, schnappte nach Luft, als ein heftiger Schmerz durch seinen Kopf schoss und kroch mehr als er aufrecht ging zurück nach Haus. Was so wunderbar hätte werden können hatte in einem mittleren Desaster geendet. Aber der Tag war leider noch nicht vorüber.
Ein wütender Schrei durchbrach die Abendstille: „CARSAIB! VERFLUCHT NOCH MAL! WO IST DAS HIER HER?" Haeg war in den Wohnraum gestürmt und schlug seinem Lehrling ein schmales Buch um die Ohren. Anjia ließ das Webschiffchen fallen und schrie ihren Vater an, aufzuhören, Carsaib hingegen griff sich das Buch aus den Händen des Alten und sprang über einen Schemel hinweg, um genug Zeit zu haben, sich eine Antwort zu überlegen. Natürlich war es das gestohlene Exemplar von „Du ethgerí Freohris". Haeg musste es unter den anderen Büchern gefunden haben, die Carsaib aus dem Arbeitszimmer in seine Schlafkammer verschleppt hatte. Wutschnaubend starrte der Zauberer ihn an: „Ich erwarte eine Antwort! Und eine gute dazu, junger Mann!"
„Er hat es für mich getan!", kam Anjia zuvor. „Er hatte darin etwas über Kazit'ra gefunden und wollte..."
„STILL! Ich will von diesem undankbaren Bengel hören, warum er eines der gefährlichsten Bücher in ganz Alagaësia ausgerechnet in mein Haus geschleppt hat!"
Carsaib blätterte in dem Buch, bis er die Seiten über Anjias Geist gefunden hatte. Aufgeschlagen reichte er es seinem Lehrmeister und sagte nur: „Darum."
Bleierne Müdigkeit überfiel Haeg, als er das Buch entgegennahm und er setzte sich schwerfällig auf einen der Schemel am Esstisch. „Kinder, ihr bringt mich noch um...", seufzte er und überflog den Text.
Unsicher, ob der Sturm nun vorüber war oder nicht, trat Carsaib von einem Fuß auf den anderen. Würde er nun rausgeworfen werden?
Anjia biss sich auf die Lippen und lauschte angestrengt, um herauszufinden, was nun gerade geschah, wo niemand ein Wort sagte.
Der alte Zauberer räusperte sich, klappte das Buch zu und legte es vor sich auf den Tisch. „Wir müssen reden, alle drei. Setzt euch her zu mir und schaut nicht wie verschreckte Sandhühner drein, ich werde keinen von euch verhexen, auch nicht wegen diesem dummen Buch." Er stand auf, holte Becher und einen Krug Wein aus dem Regal und stellte alles auf den Tisch, an dem seine Tochter und sein Schüler nur zögernd Platz genommen hatten. Mit knackenden Gelenken ließ er sich nieder und seufzte laut. „Ich werde alt und ihr beide wisst noch nicht einmal die Hälfte von dem, was ihr wissen solltet, um auch nur in die Nähe eines solchen Buches zu kommen. Also: wo hast du es her, Carsaib? Aus Manels Regalen?"
Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Nein. Aus der Bibliothek im Kastell", erklärte er kleinlaut, „ich wollte es zurückbringen, aber dann brannte alles und wir durften nicht mehr hinein."
Erleichtert atmete Haeg auf. „Und ich hatte schon befürchtet, ich hätte mich in meinem ältesten und besten Freund getäuscht gehabt." Er entkorkte den Weinkrug und schenkte allen ein. „Dann stellt sich mir jetzt nur noch die Frage, wie das Buch in die Bibliothek gekommen ist. Es ist verboten, es zu besitzen, müsst ihr wissen. Und ausnahmsweise bin ich mit diesem Verbot sogar einverstanden. Hier drin", er klopfte auf den Einband, „finden sich meisten der bösen und mächtigsten Geister, die je beschworen wurden."
Anjia drehte verlegen ihren Becher in den Händen hin und her: „Aber warum steht dann auch Kazit'ra dort drin?"
„Weil sie uns nicht alles über sich gesagt hat.", erklärte Carsaib und Haeg staunte über die Aussage seines Schülers. Nickend trank er einen Schluck Wein und erklärte: „Wie ich dir schon immer gesagt habe: Kazit'ra ist ein Dämon und nicht vertrauenswürdig. Ich wünschte, du würdest nicht so viel für sie empfinden, aber da bin ich bei dir bisher immer nur auf taube Ohren getroffen, mein Kind."
Carsaib starrte auf die Tischplatte. „Und was machen wir jetzt?"
Haeg strich sich nachdenklich über den Bart. „Es gibt etwas, dass ich ausprobieren könnte. Dann würden wir genauer wissen, wie weit uns Kazit'ra bisher schon zum Narren gehalten hat." Er legte fürsorglich die Hand auf den kühlen Arm seiner Tochter. „Es tut mir Leid. Wirklich Leid."
TBC
