Scar Tissue

19

Verdeckte Ermittlungen

Tarnst du dich nicht gut

In der Höhle des Löwen,

Wird er dich wittern.

„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!" Geräuschvoll landete die elfenbeinfarbene Porzellantasse mit Goldrand auf dem dazu passenden Teller und spie ihren Inhalt auf die weiße, zuvor makellose Tischdecke, auf der sich nun ein noch warmer Kaffeefleck mit wachsenden Herrschaftsansprüchen ausbreitete. Barbara Gordon, die auf den lauten, entrüsteten Aufruf ihres Mannes hin in das Wohnzimmer hinein spähte, um zu prüfen, ob auch alles in Ordnung war, seufzte nur missmutig und schüttelte den Kopf, ehe sie sich wieder dem widmete, an dem Jim ebenso großes Interesse hätte verspüren müssen – der Familie. Die beiden Männer, die dankend das Angebot von Barbaras Mutter angenommen und sich mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen in die Wohnstube zurückgezogen hatten, um sich über die ein oder andere Sache auszutauschen, waren nun wieder ganz unter sich. Der jüngere von ihnen, der der Aufwartung, die ihm gemacht worden war, nicht unbedingt entsprechend gekleidet war mit seiner Baseballmütze, dem ausgewaschenen Holzfällerhemd und der etwas zu groß geratenen Jeans, senkte den Blick, sodass der Schirm der Mütze sein Gesicht von Nase an aufwärts in undurchdringliche Schatten hüllte. „Jack, Sie werfen sich damit dem Löwen zum Fraß vor!", stieß Jim Gordon in nicht gerade gemäßigterem Tonfall aus und brachte dadurch, dass er sich nach vorn lehnte, beinahe seinen Teller zu Fall, auf dem ein saftiges Stück Kirschtorte ein wenig deplatziert wirkte, zog man den Beweggrund dieser spontanen Zusammenkunft in Erwägung.

„Das weiß ich", lautete die schlichte Antwort, doch der junge Officer strahlte nicht halb so viel Selbstbewusstsein aus, wie seine Stimme vielleicht vermuten lassen hätte. „Offenbar nicht, sonst wären Sie ja wohl kaum auf diesen wahnwitzigen Deal eingegangen. Oder Sie sind einfach nur lebensmüde", schloss Gordon, der vor lauter Entrüstung den Mund gar nicht mehr zubekam. Seit er zwangsläufig vom Dienst suspendiert worden war, fühlte er sich größerem Stress ausgesetzt als in den schwierigsten Tagen seiner zugegeben nur kurzen Laufbahn als Commissioner. Dass Treather ihn heute, am Samstagnachmittag vor dem ersten Advent, aufgesucht hatte, war ihm schon verdächtig vorgekommen, doch was er ihm eben berichtet hatte, hatte ihn aus allen Wolken fallen lassen. „Ich kann Ihnen versichern, dass mir sehr viel an meinem Leben liegt", sagte Jack langsam und sah wieder zu Gordon auf. Die grünen Augen, unter die sich ein dunkler Schatten gelegt hatte, der von mangelndem Schlaf und erhöhtem Stress sprach, blickten ihn trübe an. Jim setzte sich auf und rückte seine dick umrandete Hornbrille zurecht. „Dann verklickern Sie Talburne, dass Sie aus der Sache aussteigen!"

Treather griff mit einer unsteten Hand nach seiner Tasse und entnahm ihr einen kleinen Schluck frisch gebrühten Bohnenkaffees. Er trank ihn schwarz und ohne Zucker. Er hielt die Tasse noch etwas länger in der Hand, so als wollte er sich an ihr wärmen, und murmelte: „Ich habe Ihnen doch schon erklärt, warum das nicht geht." Jim strich sich fahrig mit der Hand über den etwas struppig wirkenden, grauen Bart und legte den Kopf schief: „Sie tun Ihrer jungen Familie einen wesentlich größeren Gefallen, wenn Sie nur arbeitslos sind, anstelle von tot." Getroffen sah ihn Treather an, sodass sich Jim Gordon kurzzeitig auf die Zunge biss und seinen harschen Tonfall bereute. Andererseits wollte und konnte er nicht dabei zusehen, wie dieser junge Mann blindlings in sein Unglück stürzte und seine Familie mit in den Abgrund riss. „Dieser Job bedeutet mir alles, Commissioner. Es geht mir nicht nur ausschließlich darum, meine Familie zu ernähren, obwohl das sicher ein großer und entscheidender Punkt ist. Samantha ist hochschwanger und kann nicht arbeiten gehen. Abgesehen davon verdient sie im Krankenhaus ohnehin nur einen Hungerlohn, der uns unmöglich alle durchbringen können wird." Er machte eine kurze Pause und fügte dann etwas selbstsicherer und deutlicher hinzu: „Ich liebe diesen Job. Es ist mir ein innerer Wunsch, nach Gerechtigkeit zu streben und diese zu bewahren. Ich kann nicht einfach den Schwanz einziehen und weglaufen, wenn es gefährlich wird." Jim Gordon sah den jungen Mann, der so viel widerspiegelte, was er einmal gewesen war, lange und nachdenklich an. Dann murmelte er: „Ich bin mir nicht sicher, ob Sie unterscheiden können, welche Gefahr als Berufsrisiko bewertet werden kann und welcher Sie sich sinnlos aussetzen."

Jack nickte und sagte: „Ich verstehe Ihren Standpunkt, Sir, aber ich habe mich entschieden." Lange Zeit waren nur die Stimmen von dem kleinen Jim und seiner Schwester zu hören, die gemeinsam durch das Haus tobten und ihrer Mutter dabei halfen, den Adventsschmuck an Fenster und Türen anzubringen. Sie lachten und quiekten vergnügt, balgten sich verspielt und hauchten dem Haus mehr Leben ein, als es seine übrigen Bewohner vermochten. Jim Gordon stimmte der Gedanke traurig, dass der werdende Vater, der vor ihm saß, im schlimmsten Falle nie in den Genuss kommen würde, diese Erfahrung mit ihm zu teilen. „Wenn Sie es sich nicht von mir ausreden lassen wollen, wieso sind Sie dann hier?", fragte der ehemalige Commissioner leise. Sein Blick aus blauen Augen erforschte jede noch so kleine Regung in Treathers Gesicht, und was er darin sehen musste, gefiel ihm nicht.

„Sie haben mich durchschaut", lächelte Jack schwach und humorlos. Erst jetzt stellte er die Tasse, die viel zu klein in seiner Hand wirkte, wieder auf den Tisch, folgte ihr jedoch mit einem nachdenklichen Blick. Erst dann wandte er sich wieder seinem früheren Vorgesetzten und nun einzigen Vertrauten zu, ehe er sagte: „Ich wollte Sie um etwas bitten." Jim erwiderte nichts, sondern sah sein Gegenüber nur abwartend an. „Falls...", begann Treather, ehe er sich räusperte und noch einmal tief Luft holte. Er stützte sich mit beiden Armen auf dem Tisch ab, worauf sich dessen Platte sichtlich durchbog. „Falls mein Undercovereinsatz doch nicht so glimpflich ablaufen sollte, wie ich es mir wünsche...", fuhr er fort und zog dann einen Umschlag unter seinem Hemd hervor, den er neben Gordons Teller ablegte, „bitte ich Sie, auf meine Familie aufzupassen." Jim sah den jungen Mann betroffen an, sagte immer noch nichts, während Jack auf den Umschlag deutete und sagte: „Da drin finden Sie die Anschrift meiner Frau und ein bisschen...Kleingeld. Für das Nötigste." Er verstummte, schien über seine eigenen Worte erschrocken zu sein, wich dann Gordons durchdringendem Blick aus. „Jack...", begann dieser, doch ohne ihn zu beachten, erklärte sich Treather selbst: „Wenn mir etwas zustößt, hat sie zwar Anrecht auf Witwenrente, weil ich für den Staat arbeite. Aber das Kind...wird einen Paten brauchen." In Gordons betroffenen Gesichtsausdruck mischte sich Überraschung. „Officer, Sie kennen mich doch kaum." Der junge Mann sah ihn an und lächelte: „Ich kenne Sie lange genug, um zu wissen, dass Sie ein rechtschaffener Mann sind, auf den man zählen kann. Mehr muss ich nicht wissen." Treather erhob sich plötzlich und Gordon wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er starrte von dem Umschlag auf den Polizisten und wieder auf das Papier zurück.

„Bitte, Jack, das ist doch nicht nötig. Seien Sie doch vernünftig und denken Sie an Ihre Familie!" Auch Jim war aufgestanden, während Treather damit beschäftigt war, sich seine Jacke zuzuknöpfen.

„Was würden Sie an meiner Stelle tun?", fragte er leise und sah den kleineren und auch etwas schmächtigeren Mann durchdringend an. Seine grünen Augen bargen einen Blick, dem man sich nicht entziehen konnte. Es war ein Blick, der nach der Wahrheit verlangte. Der unverblümten Wahrheit. Jim Gordon schwieg und ließ dann langsam den Kopf hängen. Er hätte genauso gehandelt wie Jack, doch es offen einzugestehen und auszusprechen, kam einem Schuldeingeständnis gleich. Gordons schon früh erweckter Sinn für Gerechtigkeit und Ordnung hatte ihm schon mehr als einmal gebührenden Ärger eingehandelt, und doch bereute er sein Tun nicht. Das höchste Gut für ihn war der Kampf gegen das Verbrechen, gegen die Unmenschlichkeit, gegen den moralischen Verfall. Dass dieser Kampf hier in Gotham dem des sagenumwobenen Don Quijotes gegen die Windmühlen nahekam, war ihm bewusst, und doch kämpfte er für das Gute. Menschen seines Schlages waren es, die die Zukunft Gothams weitreichend beeinflussen und zum Guten wenden konnten, und deswegen musste er Opfer bringen. Auch wenn ihn Barbara manchmal dafür hasste.

„Ich muss nun los", sagte Treather, als Gordon nichts erwiderte. Er zupfte den Kragen seiner Jacke zurecht und zog die Kapuze aus grauer Baumwolle über seine Mütze, was ihn bestenfalls wie einen Jogger, aber nicht wie einen Polizisten aussehen ließ. Dass er hier hergekommen war, obwohl er schon bald Fabrizio Maroni an den Fersen hängen würde, barg einige Risiken. Es war nicht auszuschließen, dass Talburne vielleicht schon eingefädelt hatte, dass der junge Cop auffliegen würde. Jim Gordon fühlte sich merkwürdig hilflos im Angesicht von Treathers Schicksal. Er besaß nicht mehr die Autorität, einzuschreiten und irgendetwas gegen seinen Nachfolger zu unternehmen und wenn der Mann aus Chicago veranlasste, einen blutjungen Cop in verdeckte Ermittlungen gegen einen Mafiaboss hineinzuziehen, dann musste Jim Gordon wohl oder übel tatenlos zusehen. „Passen Sie auf sich auf, Jack. Ich will nicht, dass es dazu kommt...", er hob nur kurz den Umschlag in seiner Hand an, worauf der Polizist langsam nickte. „Ich werde mein Bestes tun, das müssen Sie mir glauben", er ging den Flur entlang und Jim folgte ihm, hielt ihm die Haustür auf. „Ach und...Commissioner?" Gordon sah zu dem jungen Mann auf und musste ein wenig ob der falschen Anrede schmunzeln. „Ja, mein Sohn?", entgegnete er leise.

„Danke." Dieses simple Wort berührte Gordon stärker, als er erwartet hätte. Er atmete deutlich hörbar aus und nickte dann langsam. Als Treather schon halb aus der Tür raus war, hielt ihn Gordon zurück: „Wenn Sie Hilfe brauchen...einen Unterschlupf oder sonstiges...Sie können sich immer an mich wenden. Sie wissen, ich habe..." Jack lächelte ein wenig und führte den Satz seines ehemaligen Vorgesetzten zu einem Ende: „...Beziehungen zu anderen Behörden. Ich weiß. Hoffen wir, dass ich nicht darauf zurückkommen muss."

Er tippte die Blende seiner Mütze an, nickte Gordon dann zu und ging schnellen Schrittes die Straße entlang. Schwermütig seufzend sah ihm Jim einige Sekunden lang hinterher, dann zog er die Tür hinter sich zu und wünschte sich einmal mehr, dass Batman im Telefonbuch stehen würde. Als er sich umdrehte, sah er seine Frau Barbara mit vor der Brust verschränkten Armen am anderen Ende des Korridors stehen. Sie drehte sich wortlos um und ging.

***

Angst ist eine wundersame Emotion. Sie kann uns gleichzeitig in große Gefahr bringen und uns beschützen, bewirken, dass wir über uns hinauswachsen oder aber uns und unser Handeln auf unseren rudimentärsten Überlebensinstinkt reduzieren. Sie wird leider viel zu oft als Schwäche interpretiert, als Makel am menschlichen Charakter, und doch ist es erst sie, die uns erst zum Menschen macht. Angst war es auch, die sich ganz und gar Erins bemächtigt hatte, während die Stunden, Minuten und Sekunden, die ihre Bedenkfrist füllten, gefährlich schnell verstrichen. Der Samstagabend dämmerte bereits und der Himmel hatte sich im Zuge nimmermüden Schneeregens in eine merkwürdige farbliche Mischung aus Blei und Kupfer gewandelt. Es war, als kündigte er eine Apokalypse an. In Gotham teilte allerdings kaum jemand diese doch eher pessimistische Sicht auf die Dinge. Hier und da wurden die ersten Lichterketten an Bäume, Dächer und Fenster angebracht, um die Adventszeit gebührend einzuleiten. In diesem Jahr war sogar wieder ein historischer Weihnachtsmarkt in der Stadtmitte eröffnet worden, nachdem er im vorangegangenen Jahr von Brandstiftern angesteckt und abgebrannt war. Das war die Reaktion von Gothams Abschaum auf ein harmonisches, friedliches Weihnachtsfest, das Bürgermeister Garcia zur Eröffnung noch angekündigt hatte. Trotz der Bedrohung durch den Joker, die allgegenwärtig zu sein schien, schien Gothams Bevölkerung in diesem Jahr guter Dinge zu sein, was ein friedliches Weihnachtsfest anbelangte. Erin konnte die innere Glückseligkeit und Vorfreude auf das Fest der Liebe nicht teilen.

Überhaupt verschwendete sie keinen einzigen Gedanken daran, dass morgen der erste Advent war, auf den sie sich gemeinsam mit den Kindern so sehr gefreut hatte. Es war geplant gewesen, im November eigene Weihnachtsdekorationen und Adventskränze zu basteln, aber seit Halloween war nichts mehr so gewesen, wie es zuvor geplant worden war. Was hatte der Joker zu ihr gesagt? Dass er Pläneschmieder ihrer Illusion berauben wolle, über irgendetwas Kontrolle zu haben? Nun, im Falle von Le Gardien war es ihm auf ganzer Linie gelungen. Nie wieder würde sie dorthin zurückkehren können. Zumindest nicht, solange ihr ein Mord angehängt wurde.

Erin verbarg das Gesicht hinter den Händen und krampfte ihre Finger um ihre blonden Strähnen. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass Olivia so von ihr denken würde. Sicher, bei ihr hatte sie am wenigsten das Gefühl gehabt, willkommen zu sein, aber trotzdem hatte sie sich immer bemüht, umgänglich und freundlich zu sein. Dass sie die ganze Zeit über eine Maske getragen und gute Miene zum bösen Spiel gemacht hatte, war ein heftiger Schlag gewesen. Wahrscheinlich war sie wirklich naiv und zu gutgläubig. Wie sonst hatte sie Matthew vertrauen können? Oder daran glauben können, das hinter der Fratze des Jokers auch nur ein Fünkchen Danny übrig geblieben war? Wütend über sich selbst ballte sie die Hände zu Fäusten und bohrte diese in ihre Stirn, die zwar nicht mehr ganz so schlimm pochte, aber dennoch leicht geschwollen war. Sie saß jetzt schon seit Stunden auf dem Fußboden von Scotts Schlafzimmer und hatte die Knie an ihren Körper gezogen. Ihr Oberschenkel schmerzte ein wenig, ihre Füße, die aufgrund der ungewohnt lang anhaltenden Haltung eingeschlafen waren, kribbelten unangenehm und trotzdem zeigte Erin keinerlei Motivation, etwas daran zu ändern. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Ein Teil von ihr wollte einfach nur, dass sie verschwand und die Stadt verließ, und sie stellte entsetzt fest, dass dieser Part von ihr beachtlich an Größe und Einfluss auf ihr Denken gewonnen hatte. War es ihr zu verübeln, nach allem, was sie durchgemacht hatte? Das einzige Argument, das sich gegen ihren Fluchtimpuls aussprach, war Scotts Leben. Wenn sie jetzt einfach die Stadt verließ und nicht am Treffpunkt erschien, würde der Joker ihn töten. Zu bluffen war nicht sein Stil. Dafür machte es ihm zu viel Spaß, zu töten und zu zerstören. Wenn Erin nicht am angegebenen Ort eintraf, verantwortete sie, dass Scott starb. Indirekt würde sie sich selbst zu einer Mörderin machen. Doch was bezweckte er damit, dass sie zum Staudamm kam? Wenn er sie wollte – wofür auch immer – wieso hatte er sie dann nicht sofort in seine Gewalt genommen? Warum hatte er sie wieder freigelassen? Erin öffnete die Augen und schluckte. Weil er sie vor die Wahl und ihr Gewissen auf die Probe stellen wollte.

Scott wollte nicht, dass sie zum Staudamm kam und vermutlich hatte er auch Recht, dass es besser war, wenn sie nicht auf die Forderung des Jokers einging. Andererseits konnte sie nicht verantworten, dass Scott sein Leben ließ, nur weil sie zu feige war. Wer versicherte ihr aber, dass der Joker sein Wort halten und Scott am Leben lassen würde, nur weil sie dort auftauchte? Vielleicht war er schon längst tot und nur noch Mittel zum Zweck. Egal, in welche Richtungen Erin auch dachte, sie konnte sich nicht dazu durchringen, einfach zu verschwinden. Genauso wenig konnte sie jedoch hier sitzen bleiben und dabei zusehen, wie immer mehr Zeit durch ihre Finger hindurch rann. Erin hatte die Nachricht gelöscht. Sie musste sie sich nicht noch einmal anhören, um in Erinnerung zu rufen, wann sie wo sein sollte und was geschah, wenn sie es nicht tat. Es hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt wie ein Siegel und beherrschte seitdem all ihre Gedanken. Die junge Frau fasste an ihre Ohrläppchen und begann dann langsam, die Stecker aus den Ohrlöchern herauszufädeln. Als beide in ihrer Handfläche lagen, schaute sie darauf hinab und verzog verbittert den Mund. Was auch immer in diesen Steckern enthalten war, es hatte nicht verhindert, dass der Joker sie abermals hatte aufgreifen können. Wie groß musste die Gefahr erst sein, damit Batman einschritt? Stand er auf dramatische Auftritte so wie in Gordons Haus, als er nur wenige Sekunden vor der Detonation der Bombe eingegriffen und sie gerettet hatte?

Sie warf die Stecker auf den Boden und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, die nur noch reiner Frustration entsprangen. Batman konnte ihr nicht helfen. Niemand konnte ihr helfen.

„An Ihrer Stelle würde ich die behalten", ertönte zu ihrer Rechten plötzlich eine tiefe, unmenschlich klingende Stimme, die Erin, obgleich sie sie schon mehr als einmal gehört hatte, erschrocken zusammenfahren ließ. In der rechten hintersten Zimmerecke neben dem offenen Fenster stand Batman in seinem schwarzen Kampfanzug, der anders als vorher aussah. Irgendwie modifiziert. Erin sah ihn wütend an. Wenn Wunschdenken genügte, damit er einem durch das Fenster stieg, wozu dann dieser Firlefanz mit den Ohrsteckern? Demonstrativ ließ Erin die beiden Schmuckstücke auf dem Fußboden liegen und wandte den Blick von Batman ab. Dieser ließ sich dadurch nicht beirren und machte einen Schritt auf sie zu. Das schwarze Cape tanzte im kalten Luftzug, der durch das Fenster drang und die Zimmertemperatur auf unter zehn Grad Celsius sinken ließ. Sein Schatten wurde auf die Wand am Kopfende von Scotts Bett geworfen, die als Leinwand fungierte.

„Was ist geschehen? Ich habe den Kontakt zu Ihnen verloren. Ein Störsender hat das GPS außer Gefecht gesetzt. Das Mikrofon hat erst mehrere Stunden später wieder funktioniert!", redete er auf sie ein, doch Erin blieb reglos auf dem Boden sitzen und starrte ins Leere, reagierte nicht einmal mit einer leichten Bewegung auf seine Worte, brachte ihn somit dazu, noch näher an sie heranzutreten.

„War es der Joker?" Sie drehte langsam den Kopf und schaute zu ihm auf. Einzig sein Mund war hinter keiner Rüstung verborgen. Anhand seiner arbeitenden Mundwinkel konnte sie erkennen, dass er aufgebracht war. Sollte er nur, schließlich hatte er ihr nicht geholfen und nun steckte sie erstrecht in der Bredouille.

„Erin, es ist wichtig, dass Sie mich das wissen lassen!"

Es war manchmal von Vorteil, stumm zu sein. Wenn man nicht antworten wollte, konnte man so schnell auch nicht dazu gezwungen werden. Sie konnte nicht behaupten, ihn zu hassen, schließlich hatte er ihr einmal aus der Patsche geholfen. Sie zweifelte auch nicht an seinen ehrbaren Motiven, ihr helfen zu wollen. Sie zweifelte daran, dass er dazu überhaupt in der Lage war. Abgesehen davon war Batman unwissentlich zum Risikofaktor für Scotts Überleben geworden. Wenn er sich jetzt in diese Angelegenheit zwischen ihr und dem Joker einmischte, würde ein Unbeteiligter sterben. So hatte es ihr der Joker zumindest versprochen und er war dafür bekannt, sein Wort zu halten. Zumindest, wenn es ums Töten ging, fackelte er nicht lang.

„Ich will Ihnen helfen!", riss sie Batman aus ihren Gedanken und ließ sie zusammenzucken, indem er seine von kaltem Metall umhüllte Hand auf ihre Schulter legte. Erin drehte sich unter ihm weg und zog das Küchenmesser, das sie unter ihrem Pullover verborgen hatte, hervor. Die Klinge blitzte im schwindenden Licht des Tages und brachte Batman dazu, innezuhalten. Ihr war klar, dass er sich von einem Messer wie diesem nicht beeindrucken lassen würde. Mit dieser Ausrüstung und seinem eigenen Kampfgeschick konnte sie ihm bestenfalls ein müdes Lächeln entlocken. Aber es war der beste Weg, um ihm zu vermitteln, dass sie seine Hilfe nicht wollte. Seine Hilfe würde Scotts Tod bedeuten. Und wahrscheinlich auch ihren eigenen.

Batman schien diese Botschaft zu verstehen. Er verharrte dennoch wenige Zentimeter vor ihr und sah zu ihr hinab. Den Ausdruck in seinen Augen konnte sie nicht lesen, zu sehr war sein maskiertes Gesicht in Schatten gehüllt. „Was auch immer geschehen ist...oder was er Ihnen angedroht hat...Erin, Sie dürfen nicht darauf reagieren!", legte er ihr nahe.

Natürlich, es mochte vernünftig und klug erscheinen, wenn man nicht selbst involviert war, aber wenn man die Zielscheibe des Jokers geworden war, fiel es wesentlich schwerer, Entscheidungen zu treffen. Insbesondere, wenn nicht nur das eigene Leben davon abhing.

„Was will er von Ihnen?", dröhnte Batmans Stimme zu ihr hinab. Es war schwierig, in diese verzerrte Tonlage einen mitleidsvollen Klang hineinzuinterpretieren, aber Erin glaubte, dass er sie trotz des gezückten Messers immer noch umgänglich behandelte. Sie schaute zu ihm auf. Ihre blutverkrustete Haut an Mund und Kinn spannte.

„Commissioner Talburne glaubt, zwischen Ihnen und dem Joker besteht irgendeine Verbindung. Ist es so?" Wie viele unbeantwortete Fragen wollte er ihr noch stellen? Sie senkte den Kopf. Was tat es jetzt noch zur Sache, dass sie seinen Namen kannte. Ein Name allein machte keinen Menschen mehr aus dem Monster, zu dem er geworden war. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, doch Batman entging diese leichte Regung nicht. „Was will er dann von Ihnen? Wofür sind Sie für ihn von Interesse?" Er unternahm einen weiteren Versuch, sie zu berühren, doch sie richtete die Messerspitze drohend gegen ihn, sah ihn aus gesenkt gehaltener Haltung heraus an, was ihrem Blick aus kalten blauen Augen etwas ungewollt Böswilliges verlieh. Batman zögerte. Wie er regungslos vor ihr stand, die auf dem Boden saß und das Messer auf ihn richtete, weckte Erinnerungen an ein Stillleben der ungewöhnlichen Art. „Er ist unberechenbar, Erin. Was auch immer Sie sich davon versprechen, auf eigene Faust zu agieren, sich mit dem Joker anzulegen geht selten gut aus." Er beugte sich vor, worauf Erin zurückwich und das Messer höher hielt, doch Batman kniete nur kurz nieder, um die Ohrstecker aufzuheben. Er hielt sie ihr hin und als sie sie nicht entgegennahm, legte er sie ihr auf das angewinkelte Knie. „Ich kann Sie nicht zwingen, mir zu vertrauen. Ich kann Sie nur darum bitten." Er zog seine Hand zurück, betrachtete kurz das Messer und flüsterte so gut es der Stimmenversteller zuließ: „Das da wird Sie vor dem Joker nicht beschützen."

Dann richtete er sich auf. Erins Blick haftete auf den Ohrsteckern, die auf ihrer Kniescheibe platziert waren. Ihr silberner Farbton war in den Schatten der Winterdämmerung abgestumpft. Als sie wieder aufsah, war sie allein in Scotts Schlafzimmer. Einzig die schmalen, dunkelroten Vorhänge plusterten sich im frostigen Wind auf, so als wollten sie es Batmans Cape gleichtun. Erin nahm die Stecker in die Hand, drückte sie. Wenn sie wollte, dass Scott all das überlebte, musste sie auf jegliche Unterstützung verzichten. Erin fällte eine Entscheidung. Sie stand auf, wogegen ihre überlasteten Beine protestierten, und legte die Stecker auf Scotts Nachtschrank. Das Messer steckte sie in ihren Gürtel und schlüpfte in ihre Jacke. Bis Mitternacht blieben ihr nur noch sechs Stunden.

***

Die Glut der Zigarette glomm wie ein Irrlicht im Dickicht der hereinbrechenden Nacht auf und erlosch nur wenige Sekunden später, als Jack den Glimmstängel von seinen Lippen nahm und den Rauch ausatmete, der sich bei den vorherrschenden niedrigen Temperaturen nicht sonderlich von seinem Atem unterschied. Jack hatte das Rauchen schon vor Jahren aufgegeben, auch seiner schwangeren Freundin Samantha zuliebe. Aber seine neue Rolle erforderte, dass er diese schlechte Gewohnheit wieder aufnahm. Mit den Gummisohlen seiner Turnschuhe malte er unsichtbare Kreise auf den Beton, dessen mit Eispartikeln benetzte Oberfläche glitzerte. Er hasste es, zu warten. Noch mehr hasste er es allerdings, wenn er nicht genau wusste, worauf er eigentlich wartete. Sein neuer Kollege Tony, ein untersetzter Mittdreißiger mit mangelhafter Körperhygiene, würde ihn heute auf seine erste Tour mitnehmen. Normalerweise war es üblich, dass verdeckt ermittelnde Cops voneinander nichts wussten, damit die Gefahr, aufzufliegen so gering wie möglich gehalten wurde, aber da vertrauenswürdige Cops in Gotham eine Rarität darstellten, musste man als verdeckte Einheit zusammenhalten. Wie hätte Jack auch sonst Kontakte zu Maronis Leuten knüpfen können? Heute würde er nur das dumme Helferchen spielen und sich im Hintergrund halten. Es war wichtig, dass sich der Mafiaclan langsam an neue Gesichter gewöhnte und sein Misstrauen gegenüber Fremden nach und nach abbaute. Wenn Treather plötzlich stellvertretend für Tony bei der Warenübergabe dabei gewesen wäre, hätte dies den Verdacht von Maronis Handlangern geweckt, die derartige Arbeiten für ihn übernahmen. Die Devise lautete: mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Selbst wenn Maronis Leute momentan andere Sorgen hatten, als ihre Männer abzuzählen, musste man auf der Hut sein. Leichtfertigkeit wurde bei Angelegenheiten mit der Mafia schnell mit dem Tod bestraft und solange es Talburne nicht darauf angelegt hatte, dass Jack durch das Handeln seiner eigentlichen Kollegen draufging, plante er die Dinge vorsichtig anzugehen.

Ab heute Abend war er nicht mehr Jack Treather, sondern Raymond „Patch" Stacy, Kleinganove und Mädchen für alles, solange es krimineller Natur war. Er würde an mehreren Abenden mit Tony raus fahren, dem einen oder anderen Deal unten an den alte Hafendocks beiwohnen und sich nach und nach in den Kreisen der Mafia hocharbeiten. Dass er noch nicht sehr lange bei der Polizei war, konnte dahingehend von Vorteil sein, dass sein Gesicht noch nicht sehr oft über den Fernsehbildschirm gelaufen war. Er war noch nicht im Dienst gewesen, als der Joker damals – wenn auch nur kurz – im Revier inhaftiert gewesen war. Noch nicht einmal er konnte ihn erkennen. Wenn er sich nicht allzu schlecht anstellte, standen seine Chancen gar nicht mal so schlecht. Vieles würde der heutige Abend zeigen.

„Na, Patch, bereit für den ersten Job auf der anderen Seite?", tönte die kriecherische, seltsam heisere Stimme von Tony hinter ihm, dessen grobe, raue Hand sich auf seine Schulter legte und sich dort wie ein Fremdkörper anfühlte. Jack nahm einen letzten Zug von der Marlboro und warf sie anschließend in den Rinnstein, wo sie nach einigen Augenblicken unter Zutun des Schneeregens erlosch. Er nickte nur knapp und sah seinem Kollegen dabei zu, wie er in den schwarzen Lieferwagen stieg, dessen Nummernschild abmontiert und dessen Heckscheiben schwarz getönt waren.

„Showtime", flüsterte er sich selbst zu und schwang sich kurz darauf hinter das Steuer. Die Straßen, auf denen er den Wagen entlang lotste, hatten nichts mit ihren festlich geschmückten und von Lichterketten verzierten Geschwistern gemein. Dunkel und von Schlaglöchern befallen forderten sie die veralteten Stoßdämpfer zu einem Duell heraus. Der Innenraum des Lieferwagens war verdreckt und roch nach verschüttetem Bier, die schwarzen Armaturen waren von klebrigen Flecken übersät, deren Ursprung Jack lieber gar nicht herausfinden wollte. Tony, der gelassen neben ihm auf dem Beifahrersitz saß und lautstark Kaugummi kaute, verstellte immer mal wieder die Sender des Radios, was Jacks Nervosität nur noch nährte. „Bleib ganz cool, Kumpel. Ist keine große Sache. Die kennen mich. Halte dich an mich und dir kann nichts passieren, klar?" Der jüngere Cop, der in ein graues Sweatshirt und schwarze Jeanshosen gekleidet war und seine braunen, leicht gelockten Haare unter einer abgenutzten Baseballmütze verbarg, schaute etwas missmutig zu seinem Kollegen, der ganz entspannt ein Pornoheftchen aus dem Handschuhfach zog und darin schmökerte. Jack mochte sich irren, aber er hatte nicht gerade den Eindruck, dass Tony die richtige Person war, um den überlegenen und allwissenden Cop heraushängen zu lassen. „Guck dir mal diese Sahneschnitte hier an...", er zeigte ihm eine eingerissene Seite, die eine rassige Latina zeigte, die alles andere als schüchtern zu sein schien und ihren Hintern in die Kamera reckte, „mit der würd ich gern mal...", er machte eine eindeutige Bewegung mit seiner rechten Hand, worauf Jack den Blick wieder auf die Straße richtete und sich seinen Teil dazu dachte. „Sollten wir nicht lieber besprechen, wie das nachher ablaufen soll?", fragte er ruhig, während aus dem Autoradio die Stimme von Tracy Chapman tönte.

„Junge, jetzt entspann dich mal. Ist alles halb so dramatisch wie du es dir ausmalst", meinte Tony, während er die üppigen Brüste der namenlosen nackten Schönheit genauer in Augenschein nahm. „Ich sag dir, das läuft ganz locker ab. Wir kaufen von denen die Ware ab, tauschen markierte Scheine gegen vollautomatische Waffen und machen Gothams Straßen dadurch einen Tick sicherer. Das ist wie einkaufen auf dem Wochenmarkt." Jack hob die Braue ob des eigentümlichen Vergleichs, konzentrierte sich aber kommentarlos auf das Fahren. Die Qualität der Straßen besserte sich, je mehr sie sich dem Hafenkomplex Gothams näherten. Mehrere Containerreihen erstreckten sich über das Gelände, einige von ihnen stapelten sich hoch in den Nachthimmel. Im zunehmenden Schneegestöber konnte man die Farbe der obersten Container im fahlen Licht der schummrigen Nachtbeleuchtung nicht erkennen. Wie klobige, unförmige Giganten türmten sie sich zu allen Seiten auf, sodass Jack das unangenehme Gefühl nicht mehr loswurde, dass er sich aus freien Stücken in eine Sackgasse begab. Zwischen zwei Containermauern lenkte er den Lieferwagen hindurch, in deren schattige Mitte kein Schein der Notbeleuchtung hineinfiel. Einzig die Scheinwerfer des alten Fords warfen ihr zittriges, dünnes Licht in die vor ihnen liegende Dunkelheit. „Da vorn ist ne Abzweigung. Da musst du links abbiegen und direkt in die alte Lagerhalle fahren", sagte Tony und verlor endlich das Interesse an seinem schmierigen Heftchen, legte es in das Handschuhfach zurück und rieb sich die Hände. Vielleicht aus Nervosität, vielleicht auch nur vor Kälte. Die Heizung des Fords ließ sehr zu wünschen übrig.

„Bleib ganz locker und lass mich erstmal reden. Steig nicht von allein aus, sonst könnte es sein, dass du dir ne Kugel einfängst. Die sind recht schreckhaft, diese Burschen. Muss wohl am Milieu liegen oder so." Er malträtierte nun den Kaugummi in seinem Mund in einer Lautstärke, die Jack eine Gänsehaut auf dem Nacken gedeihen ließ.

„Und woran merke ich, dass ich aussteigen kann?" Tony sah ihn mit erhobenen Brauen an, die zum Ausdruck brachten, wofür er ihn hielt: für einen blutigen Anfänger. Wahrscheinlich lag er damit gar nicht so falsch. „Die werden dich eigenhändig aus dem Wagen befördern und erstmal absuchen, um sicherzugehen, dass du keine Waffen oder Wanzen mit dir herumträgst. Wenn du clean bist – wovon ich jetzt mal ausgehe – ...", er musterte ihn von oben bis unten, worauf Jack knapp nickte, „ja, dann musst du dir keine Sorgen machen. Die werden dir vielleicht ein paar Sprüche reindrücken, aber das dient nur dazu, dass sie ihr Revier markieren. Parier einfach, halt die Klappe und mach, was ich dir sage. Diskretion ist der Schlüssel zum Erfolg." Dass dies ausgerechnet aus Tonys Mund stammte, grenzte an Ironie, aber Jack nahm es hin. Er empfand es ohnehin als klüger, erst einmal die Lage zu beobachten und das Machtgebiet der Mafia abzustecken.

War er bislang recht furchtlos an die Sache herangegangen, machte sich nun eine beachtliche Nervosität in ihm breit, je mehr er sich der Lagerhalle näherte, die offen stand und nicht beleuchtet war. „Die sind doch schon da, oder nicht?", fragte Jack bemüht ruhig, während sich Tony neben ihm aufsetzte und über das Cockpit des Fords spähte. „Die werden sich schon zeigen, keine Bange." Jack fuhr geradewegs in die Lagerhalle. Die beiden Lichtkegel der Scheinwerfer ergossen sich in die Schatten der verlassen wirkenden Halle. Hohe und breite Fenster flankierten die grauen Wände des Gebäudes, die Scheiben darin waren teils zerborsten, manche fehlten ganz und hinterließen Fensterrahmen, die wie leere Augen hinaus auf den Hafen Gothams glotzten, wo sie irgendetwas Interessantes zu erspähen erhofften. Das Ambiente war alles andere als gemütlich oder vertrauenserweckend, aber damit hatte Jack auch nicht gerechnet. Er befand sich hier am Nabel von Gothams Unterwelt und zwielichtigen Aktivitäten, noch dazu musste er ganz unten auf der Verbrecherleiter anfangen zu suchen. Es stand ihm nicht zu, ein geheiztes Hinterzimmer in einem Club zu erwarten, in dem Schmiergelder ausgetauscht und unlautere Geschäfte abgeschlossen wurden. Die Drecksarbeit wurde hier draußen verrichtet, an den abgelegenen, verlassenen Orten Gotham Citys. „Gut, du weißt, was du zu tun hast!", klopfte ihm Tony auf die Schulter und schob sich vom Beifahrersitz nach draußen. Ja, Jack wusste, was er tun, oder besser gesagt, nicht tun sollte. Er sah aus der Frontscheibe und beobachtete seinen Kollegen, wie er die Schnauze des Lieferwagens umrundete. Aus der Dunkelheit der Halle traten vier schwerbewaffnete Kerle in das Licht der Scheinwerfer. Einer von ihnen starrte Jack an und fuchtelte wild mit seiner Waffe herum, bedeutete ihm somit, das Licht auszuschalten, was er auch mit klopfendem Herzen tat. Gothams Abschaum war nachtaktiv und lichtempfindlich. Kurz darauf wurde die Fahrertür von außen geöffnet und eine Pistole auf ihn gerichtet.

„Hey, ganz ruhig, Leute...ich bürge für ihn, er ist clean", meinte Tony gelassen und kratzte sich an der Brust. „Aussteigen!", blaffte Maronis Handlanger den jungen Cop an, der sich noch nie so sehr in seinem Leben gewünscht hatte, eine Waffe in greifbarer Nähe zu wissen. Er ließ es zu, dass ihn der kleinere, drahtig gebaute Mann am Ärmel packte und aus dem Wagen zerrte, um ihn kurzerhand gegen eine Wand zu drücken. „Hey, was soll das. Er ist mein gottverdammter Fahrer und Vertrauter!", grollte Tony, der selbst abgetastet wurde als wäre er im Begriff, ein Flugzeug zu besteigen. Sie hatten sogar tragbare Metalldetektoren bei sich, mit denen sie jeden Zentimeter der beiden Männer scannten.

Erst als sich beide als sauber erwiesen, ließ der kleine Kerl in der schwarzen Lederjacke von ihm ab. „Übliche Sicherheitsvorkehrungen", erklärte der Einzige von ihnen, der einen Bart trug und offenbar der Anführer des kleinen Quartetts war. „Wer ist er?", der Bärtige deutete mit dem Lauf seiner Schusswaffe auf Jack, musterte ihn misstrauisch. Jack erwiderte seinen Blick und blieb dabei so ruhig wie möglich. „Patch Stacy. Du kannst ihm vertrauen, er ist ein zuverlässiger, wenn auch sehr schweigsamer Bursche", griente Tony, sodass ihm beinahe der Kaugummi aus dem Mund fiel. „Ich vertraue niemandem." Obwohl er sich Mühe gab, ihn zu verbergen, drang sein italienischer Akzent bei der Aussprache diverser Konsonanten durch, doch das machte ihn nicht zwangsläufig zu einem weniger ernst zu nehmenden Verbrecher. Er sah aus, als wäre er bis an die Zähne bewaffnet, was für einen Waffenschmuggler sicher nicht unüblich war. Nachdem sein Blick aus braunen Knopfaugen einige Sekunden auf Jacks Gesicht verharrt hatte, schlenderte er an ihm vorbei und auf Tony zu. Jack wurde von keinem der Männer bedrängt, aber er konnte deutlich spüren, dass einige skeptische Blicke auf ihm ruhten, selbst als der kleine Boss seine Aufmerksamkeit auf Tony gelenkt hatte. „Jetzt wo wir das geklärt haben, können wir ja zum Geschäftlichen kommen", schlug der untersetzte verdeckte Ermittler vor und spie seinen Kaugummi endlich auf den steinernen Fußboden. „Genau deshalb sind wir hier", murmelte der Italiener, der Gefallen daran gefunden zu haben schien, das Alphamännchen seiner Leute zu markieren. „Gut, dann kann's ja losgehen. Wo ist die Ware?" Selbstgefällig rieb sich Tony die Hände, was den kleinen Gangstern neben ihm ein Augenrollen entlockte. „Nicht hier", lautete die knappe Antwort des Chefs, der die Hände in die Seiten stützte. Der ältere Cop blinzelte irritiert, hielt den Spruch des Italieners für einen Scherz und grinste kriecherisch: „Der war gut", er begann zu lachen, so als säße er in einer fröhlichen Runde mit seinen Kollegen zusammen und nicht umringt von schwerbewaffneten Kriminellen. Als die Männer jedoch keine Miene verzogen, wusste Jack, dass sie nicht zu scherzen beliebten.

„Das war kein Witz, du Idiot. Der Deal platzt!", keifte der Mann, dessen schwarzes Haar vor lauter Gel im faden Licht der notdürftigen Hafenbeleuchtung fettig schimmerte. Er nickte seinen anderen Handlangern zu, die wie aus dem Nichts auftauchten und sich über den Transporter hermachten, um zu sehen, ob sich etwas Unerfreuliches auf der Ladefläche verbarg. Jack drehte sich um und beobachtete die Meute beunruhigt, die sich wie ein hungriges Pack Wölfe auf den Wagen stürzte. Es blieb zu hoffen, dass sie die Wanzen und Sender hinter der Verkleidung im Fahrgastraum nicht entdeckten.

„Hey, du da...Patch oder wie du heißt!", rief der kleine Boss in bestem italienischem Slang. Jack reagierte fast ein bisschen zu spät, als ihm einfiel, dass er fortan einen anderen Namen trug, doch es war gerade noch rechtzeitig genug, um Ärger von ihm fernzuhalten. „Hier spielt die Musik, Mann!", erinnerter er ihn und winkte ihn mit der Waffe zu sich. Jack wechselte einen irritierten Blick mit Tony, dem anzusehen war, dass er die Zusammenhänge nicht ganz nachvollziehen, geschweige denn verstehen konnte. „Was soll das heißen, der Deal platzt?", fragte er angesäuert. Den Wütenden zu spielen, half dabei, die eigene Unsicherheit und Furcht zu überdecken. Hervorragend schauspielern zu können, war das A und O bei einer erfolgreichen verdeckten Ermittlung. Nur durfte man nicht schauspielern, dass man schauspielerte. Man musste zu einem anderen Menschen werden. „Es heißt, dass er platzt, klar?!", entgegnete der Gangster schlicht und sah dabei zu, wie seine Leute mit leeren Händen aus dem Lieferwagen zurückkamen. „Wo ist das Geld?", fragte er an Tony gewandt und hielt ihm die Waffe unter das Kinn. „Geld gibt's nur bei gelieferter Ware!", erwiderte dieser mit zusammengekniffenen Augen. Jack wusste, wo das Geld war. Er trug es in großen Scheinen überall an seinem Körper. Wenn Tony diese schmierigen kleinen Fische provozierte, würden sie nicht davor zurückschrecken, ihn und seinen Komplizen von oben bis unten aufzuschlitzen, um an ihr Geld heranzukommen. Ob es nun verdient war oder nicht, spielte keine Rolle. „Hör zu, Luca, wir haben bisher doch immer fair gehandelt, oder nicht? Ich hab dich nie beschissen, du hast mich nie beschissen. Warum willst du diese Tradition brechen?"

Jack kam nicht umhin, seinen Kollegen dafür zu bewundern, dass er in solch einer Situation derart wortgewandt und schmeichlerisch zu reden wusste. Er war wie ein Wurm am Haken, der sich geschickt aus dem Schlamassel, in das er geraten war, hinauszuwinden versuchte. „Ich bescheiße dich nicht", korrigierte der Mann mit dem Bart, der seinen Mund in schmalen Linien umrahmte und dann über seinen Unterkiefer verlief. Tony atmete keuchend aus, als der Italiener die Waffe von ihm nahm und sichtlich versuchte, sein Gemüt zu zäumen. „Wieso hast du dann keine Ware geliefert?", fragte Tony und strich sich mit dem Handrücken über die Stelle, an der zuvor die Mündung der Waffe gelegen hatte. Der Mann, den er zuvor mit ‚Luca' angesprochen hatte, verzog den Mund und befeuchtete seine aufgerissenen Lippen. „Weil es keine Ware gibt", sagte er in einem etwas ruhigeren Tonfall. Die Lage entspannte sich ein wenig und mit dem schwindenden Aufruhr wurden auch die letzten Waffen gesenkt. Jack entspannte sich ein wenig, auch wenn er die Umstände nicht so recht verstand. Die bisherigen Ermittlungen gegen den italienischen Mafiaring hatten ergeben, dass kein anderes Geschäft so florierte wie der Waffenhandel. Wieso also war die vereinbarte Lieferung über ein Dutzend Kisten vollautomatischer Waffen nicht erfolgt? „Komm, Luca, sowas kauft dir nicht mal deine Großmutter ab", hakte der erfahrenere Polizist nach und nahm wieder eine selbstsicherere Pose ein. „Unser kleines Lieferproblem geht dich und deinen kleinen Köter hier nichts an." Tony trat dem kleineren Italiener unbeeindruckt entgegen und stellte klar: „Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn mein Geld trotzdem in eure Taschen fließen soll." Die Halle war völlig still. Keiner der Gangster rührte sich und die Stille wurde so erdrückend laut, dass sie bald schon in den Ohren schmerzte. Dann sagte Luca ruhig: „Sagen wir es so...wir haben einige Umstellungen in unserer Geschäftsführung im Moment und...haben unsere Auftragslage einschränken müssen." Jack erlaubte sich einen Kommentar: „Oh, und das rechtfertigt, dass ihr nicht liefert, aber Geld verlangt?" Der Mafioso strich sich mit der Handkante über den gegelten Schopf. „Hör zu,...Patch. Das war doch dein Name, richtig?" Jack reagierte nicht, sah den Kriminellen unbeeindruckt an, während Tony dazwischen gehen wollte: „Ach komm, Luca, lass den Jungen da raus. Er ist ein bisschen vorlaut von Zeit zu Zeit." Der Italiener wandte den Blick in keiner Sekunde von Jack ab, selbst dann nicht, als er ihm antwortete: „Das sind so einige in diesen Tagen. Nicht immer ist es klug."

Jack legte den Kopf schief und musste sich ein amüsiertes Schmunzeln verkneifen, als der Gangster einige Kreise um ihn gedreht hatte, um ihn einzuschüchtern, und dann kehrtmachte, als er realisierte, dass er nicht erfolgreich war. Ohne seine Handfeuerwaffe war er nur ein erbärmliches Würstchen in einem billigen Anzug, das Ambitionen zu haben schien, sich in der Mafia hochzuarbeiten. „Ihr habt also Probleme, was?", fragte Tony und lenkte das Thema von Jack weg auf einen brisanten, wunden Punkt der Mafia. „Das habe ich nicht gesagt. Wir haben nur einige...strukturelle Veränderungen durchgemacht." Luca wich Tonys bohrendem Blick aus und sah sich seinerseits nervös um. Er erweckte den Eindruck, sich vor irgendwas zu fürchten. Oder vor irgendwem. Die Wände schienen für ihn plötzlich Augen und Ohren zu besitzen. „Wir liefern Waffen nur noch an einen...Kunden. Wir beschränken uns auf Drogen, was den gewöhnlichen Handel anbelangt." Tony hob die Braue und spuckte auf den Boden:

„Du willst mich wohl verarschen, Mann. Ein Kunde, der wöchentlich eure Ware im Wert von mehreren Hundertmillionen Dollars entgegennimmt? Wen beliefert ihr? Osama bin Laden? Krösus?" Tony verstummte erst, als Luca ihm erneut die Waffe vor die Nase hielt. Seine Hand war nun unstet und bebte sichtlich, genau wie die angespannten Züge des geschniegelten Italieners.

„Das geht dich nichts an, klar?", blaffte er ihn tollwütiger an als es der Situation angemessen gewesen wäre. Tony bewahrte Ruhe und kassierte dafür aufrichtige Bewunderung vonseiten Jacks. An ihm zeigte sich deutlich der Fundus an Erfahrungen, den er seit knapp einem Jahr Undercovereinsatz angesammelt hatte.

„Du verkündest uns hier, dass der Deal platzt, weil euch irgend so ein reicher Schwachkopf aufgekauft hat? Hör mal, Luca, wir müssen auch sehen, wie wir um die Runden kommen. Wenn eure Lieferung entfällt, sitzen wir auf dem Trockenen. Wir haben Kunden zu bedienen." Jack war nicht ganz klar, warum der Italiener so nervös war. Er wischte sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn und senkte wieder die Waffe. Luca schien mit der Situation überfordert zu sein und das konnte nur bedeuten, dass der große Kunde der Mafia jemand war, mit dem man sich nicht gern anlegte.

„Dann müsst ihr das eben mit dem Joker klären. Vielleicht könnt ihr von ihm kaufen."

Jack wurde hellhörig und schaute Tony beunruhigt an. Es war weithin bekannt, dass der Joker die Mafia mit ihren eigenen Waffen geschlagen hatte, und jetzt machte er gemeinsame Sache mit ihr? Oder hatte er eines seiner unverkennbaren Druckmittel eingesetzt, um seinen Willen durchzusetzen?

„Der Joker? Ihr habt euch auf einen Deal mit diesem Freak eingelassen?", fragte Tony gespielt großspurig, um seine eigene Überraschung zu überspielen. „Wir respektieren die Entscheidungen vom Boss", antwortete Luca ausweichend, „Was ist nun? Kauft ihr stattdessen ein bisschen Stoff ein? Für den Preis der Waffen könnt ihr fast ein Kilo abgreifen." Jack entspannte sich ein wenig und stemmte die Arme selbstsicherer in die Seiten, als Tony entgegnete: „Unser Klientel interessiert sich für Waffen, nicht für Schnee. Wir bedienen keine Junkies." Luca verzog den Mund, weil er die Anspielung auf die neuerliche pauschale Geschäftsreduktion der Mafia auf den Handel mit Rauschgift verstand. „Dann müssen wir unsere Geschäftsbeziehung wohl beenden", meinte er brüsk und winkte seine Leute zu sich, die einen großen Kreis um die verdeckt ermittelnden Polizisten gezogen hatten. „Hey, mach mal halblang. Es muss doch einen Weg geben, wie wir uns einigen können", schlug Tony mit der Verbissenheit eines Hundes vor, dem man seinen Knochen zu entreißen versuchte. Jack wusste, dass sie die Fährte der Mafia verlieren würden, wenn die Geschäfte hier und jetzt beendet wurden.

„Es gibt nur einen Weg und der führt über den Joker. Ich werde aber einen Teufel tun und das für euch einfädeln. Dieser Typ hat sie nicht mehr alle." Die letzten Worte sprach Luca in gedämpftem Ton, so als fürchtete er, von dem Clown persönlich belauscht zu werden. „Wenn das mal so einfach wäre. Hab gehört, man kann nur schwer mit ihm in Kontakt treten", meinte Tony und schob sich einen Zahnstocher in den Mund, um auf irgendetwas herumkauen zu können. Den Kaugummi hatte er anscheinend etwas zu früh ausgespuckt. „Man kann ihn nicht finden. Man kann nur von ihm gefunden werden. Nicht mal seine eigenen Männer wissen mehr über ihn als jeder andere." Luca schüttelte den Kopf und murmelte: „Der Typ ist mir nicht geheuer." Dann sah er zu den beiden Männern auf und streckte die Hände aus: „Wenn ihr klug seid, haltet ihr das Geschäft mit uns aufrecht und fangt erst gar nichts mit ihm an." Tony hob die Braue und lachte bellend auf: „Euer Clan konzentriert den Waffenhandel auf seine Bedürfnisse und du rätst uns, dass wir uns nicht auf ihn einlassen sollen? Kann dann wohl keine einvernehmliche Geschäftsbeziehung zwischen ihm und deiner Sippe sein." Luca sah ihn aus blitzenden Augen an, verzichtete aber diesmal darauf, mit seiner Pistole herumzufuchteln. „Unser Drogenhandel hat nichts mit den Waffengeschäften zu tun." Tony schüttelte den Kopf: „Ich hab dir aber schon einmal gesagt, dass mich Drogen nicht interessieren. Ich will an die Waffen rankommen und wenn ich dafür einen Plausch mit dem Joker abhalten muss. Wofür haltet ihr ihn, dass ihr ihn schalten und walten lasst und vor ihm kuscht? Schmecken seine Stiefelspitzen nach Bier, dass ihr vor ihm auf die Knie geht und seine Füße küsst?" Luca reagierte nicht sofort, wirkte wirklich beklommen. Nur zögerlich sah er auf und sagte leise: „Du bist ihm noch nie begegnet, Fettsack. Also überleg dir besser, wie du über ihn sprichst." Jacks Kollege reagierte unbeeindruckt und ließ die Hände auf Gesichtshöhe hektisch hin und her wackeln, um ein übertriebenes Schaudern anzudeuten: „Uh, jetzt hab ich aber Angst."

Keiner der Gangster kommentierte Tonys Spruch und auch Jack fühlte sich nicht sonderlich wohl dabei, dass sein Kollege den Mund so voll nahm. Der Joker mochte nicht hier sein, aber ihn zu unterschätzen und sich über ihn lustig zu machen, kam in etwa dem gleich, als würde man über den Teufel Witze reißen und sie bereuen, sobald am Abend das Licht erlosch. Als lange niemand etwas sagte, räusperte sich Tony, der den Zahnstocher auf seiner Zunge jonglierte, und fragte direkt: „Ich lass mich nicht so leicht abwimmeln wie ne lästige Scheißhausfliege, klar? Ich will an die Waffen ran, die ich angefordert habe. Kannst du arrangieren, dass wir mit dem Joker in Kontakt treten?" Jack sank bei den Worten des Cops das Herz in die Hose. Talburne hatte zwar gehofft, dass sie über die Mafia an den Joker herankommen würden, aber dass es so schnell hart auf hart kommen könnte, hatte Jack nicht erwartet. Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte, diesem Polizistenmörder, der bekannt dafür war, in Menschen lesen zu können wie in einem offenen Buch und ihre Emotionen dabei herauszukitzeln, gegenüberzustehen. Auch der kleine schmierige Gangster schien überrascht zu sein und hatte Mühe, seine Gelassenheit zurückzugewinnen. „Du überschätzt meinen Einfluss, Mann", Luca wich dem bohrenden Blick Tonys aus und schien zu vergessen, dass er im Moment der Mann mit der Waffe war. „Du weißt doch sicherlich, wann die nächste Lieferung aus Kuba hier eintrifft. Wenn der Joker euer neuer Großabnehmer ist, wird er die Ware in Empfang nehmen und dann werden wir uns unterhalten."

Der Italiener sah den Cop fast schon bestürzt an und lachte dann nervös auf: „Wenn er dich und deinen Schoßhund nicht erschießt, vielleicht..." Tony bewahrte Ruhe, während Jack die schlimmsten Szenarien durch den Kopf schossen: „Lass das mal unsere Sorge sein. Also...wann und wo findet die nächste Lieferung statt?"

Jack spürte, wie sich in ihm der Drang nach einer Zigarette regte und fischte bemüht gelassen eine Kippe aus der Jackentasche, um sie kurz darauf anzuzünden. Luca musterte ihn misstrauisch, worauf Jack einen tiefen Zug nahm und ihm locker den Rauch ins Gesicht blies. „Der nächste Schwung kommt Mittwochabend. 23 Uhr, Dock 17. Das Schiff, mit dem die Ware kommt, ist eigentlich ein Tanker, das heißt, niemand interessiert sich für das, was in den Kajüten gestapelt ist." Tony nickte zufrieden: „Geht doch. Warum nicht gleich so kooperativ?" Er griff in seine Jackentasche, worauf die ersten Gangster alarmiert ihre Knarren zückten, und warf Luca ein dickes Bündel Geldscheine zu. „Eine kleine Abfindung dafür, dass dir die Einnahmen von unserer kleinen Vereinbarung entgangen sind", kommentierte er und nagte an dem Zahnstocher herum, von dem sich einzelne kleine Späne gelöst hatten. Der Italiener blätterte das Bündel mit seinem Daumen durch und schien die Summe zu überschlagen, die ihm Tony soeben überreicht hatte. Dann sah er auf und zwischen Jack und seinem Kollegen hin und her.

„Dass eins klar ist: ich hab euch nicht erzählt, wann die nächste Lieferung kommt, klar?" Er versuchte, so etwas wie einen warnenden Blick aufzusetzen und schwenkte seine silbrig glänzende Waffe mit einer eindeutigen Drohgebärde, so als ob er wirklich noch in der Lage gewesen wäre, Rache zu üben, wenn der Joker von seiner kleinen Plauderei erfuhr und diese missbilligte.

„Mach dir nicht in die Hose, Luca. Wir werden dich schon nicht anschmieren." Der kleine, bartumrandete Mund des Italieners arbeitete angestrengt, doch letztlich hatte er keine andere Wahl, als sich mit dem Versprechen zufrieden zu geben. „Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, wenn ihr euch mit diesem Freak einlasst. Ich hab euch gewarnt", sagte er und winkte dann seine Jungs zu sich heran, „Wir haben noch zu tun. Ihr entschuldigt uns...", er steckte sich die Geldscheine in sein Hemd und verschwand mit seinen Handlangern in der Dunkelheit. Jack sah ihnen lange hinterher, während er seine Zigarette aufrauchte. Tony klopfte ihm auf die Schulter und raunte ihm ein „Komm, Junge, Zeit zu gehen" zu, ehe er sich wieder auf den Beifahrersitz des Lieferwagens schwang. Treather sah sich in der verlassenen Lagerhalle um, in der er seinen ersten Einsatz recht passabel gemeistert hatte, wenngleich noch nicht viel Aktivität von ihm eingefordert worden war. Er warf die noch nicht aufgerauchte Zigarette in die Dunkelheit, wo sie nach kurzem theatralischem Aufglimmen erlosch, und setzte sich im Anschluss hinter das Steuer des Lieferwagens. „Wer hätte das gedacht...", murmelte Tony und schüttelte grinsend den Kopf, während Jack den Motor anwarf und den schwarzen Ford rückwärts aus der Halle rangierte. „Die Mafia paktiert schon wieder mit dem Joker, nach allem, was passiert ist", sagte er mehr zu sich selbst als zu Jack, der ihn unsicher ansah. „Dieser Luca", begann er, „wie lange arbeitest du schon mit ihm zusammen? Er scheint mir auch ein recht zwielichtiger Typ zu sein." Tony lachte auf die Worte seines jüngeren Kollegen hin und erwiderte, nachdem er sich wieder ein wenig gefasst hatte: „Wir sprechen hier von der Mafia, Junge. Zwielichtiger geht's bald nicht." Er sah aus dem Seitenfenster und betrachtete den Gotham River, auf dessen teils gefrorener Oberfläche das Lichtermeer der Stadt reflektiert wurde. „Um Luca musst du dir keine Gedanken machen. Der ist nur ein kleiner Fisch, gewöhnlich mit ein paar markierten Scheinen ruhigzustellen." Jack bog auf eine der Hauptverkehrsstraßen ab und merkte nach einigen Minuten des fast besinnlichen Schweigens an: „Er hat nervös gewirkt. Meinst du, er hat irgendwas gemerkt?" Sein kräftiger Kollege pulte mit dem Zahnstocher die Reste seines chinesischen Abendessens aus seinen Zahnzwischenräumen und schüttelte den Kopf: „Quatsch. Du hast dich wacker geschlagen für einen Frischling. Luca war nervös, weil er im Moment ein viel größeres Problem an der Backe hat als uns, das ist alles." Sie passierten das Rathaus und den Clocktower zur linken Seite, fuhren unter von Dachfirst zu Dachfirst gespannten Lichterketten hindurch und wurden von niemandem auf ihrer Fahrt behelligt. „Du meinst den Joker mit dem Problem, nicht wahr?", fragte Jack. Der Cop, der regelrecht auf dem Beifahrersitz lümmelte, schnippte achtlos den Zahnstocher weg und nickte: „Der Joker ist für jeden ein Problem. Für die Mafia hauptsächlich. Aber das kann uns nur zum Vorteil gereicht sein." Jack bremste und hielt an einer roten Ampel. Es hatte angefangen, heftiger zu schneien, sodass die Scheibenwischer reichlich Arbeit zu erledigen hatten, um die Frontscheibe sauber zu halten.

„Inwiefern Vorteil?", wollte Jack wissen. Tony grinste gerissen und sagte: „Sieh mal, der Joker scheint die Mafia im Schwitzkasten zu haben. Er unterdrückt ihre Geschäfte, schaltet somit gleich seine Konkurrenz für seine Zwecke aus. Wenn er sich die gesamten Waffenlieferungen unter den Nagel reißt, die Maroni aus der Karibik und Osteuropa bezieht, kannst du dir denken, was das für Gotham heißt. Da sind nicht nur ein paar langweilige vollautomatische Waffen dabei, sondern wirklich ernstzunehmende Kaliber. Material, mit dem er nicht nur Gotham, sondern die umliegenden Städte in den Himmel pusten könnte, wenn ihm danach wäre. Vielleicht sogar Schlimmeres. Die Mafia kann also nur daran interessiert sein, den Joker loszuwerden, um zu alter Stärke zurückzufinden. Und genau da schalten wir uns ein." Jack sah ihn beunruhigt an und fuhr los, als die Ampel wieder auf Grün sprang. „Du willst Maroni schmackhaft machen, dass wir uns um den Joker kümmern? Ich dachte, du wolltest ein Geschäft mit ihm eingehen?" Tony grinste: „In gewisser Weise kümmern wir uns genau dadurch um den Joker. Er und die Mafia halten nicht zusammen. Er ist wie ein Parasit, der von den Kontakten der altehrwürdigen Familie zehrt. Er saugt sie aus, bis sie gar nichts mehr haben. Die beiden stehen nicht auf einer Seite, obwohl es nach außen hin den Anschein erwecken mag. Und das gibt uns Raum, die beiden gegeneinander auszuspielen." Er drehte den Kopf, sodass sein strähniges blondes Haar leicht in sein Gesicht fiel. Das aufgeplustert wirkende Gesicht zierte ein triumphierendes Grinsen: „Zwei Fliegen mit einer Klappe, Kumpel." Jack hob die Braue. „Machst du dir das nicht ein bisschen zu leicht? Der Joker ist nicht blöd und die Mafia mag verwundet am Boden liegen, aber gerade angeschossene Tiere kämpfen bis aufs Blut um ihr Überleben." Tonys Grinsen verblasste nicht, sondern schien noch breiter zu werden: „Dann sollten wir ihm den Gnadenschuss verpassen." Als Jack immer noch nicht recht überzeugt dreinschaute, fügte er hinzu: „Sieh es mal so, Junge. Wir stehen hier am Anfang von etwas ganz Großem. Uns bietet sich die einmalige Gelegenheit, den Joker aufzugreifen und die Mafia endgültig in die Knie zu zwingen. Das ist noch nicht einmal diesem maskierten Hallodri geglückt."

Jack hatte ähnliche Worte aus dem Munde Talburnes gehört und fand es recht leichtfertig, vor lauter Euphorie zu vergessen, wie gerissen der Joker Gothams Polizei im letzten Jahr ein Schnippchen geschlagen hatte. Auch damals hatte man sich zu früh gefreut, als man den Joker in Polizeigewahrsam genommen hatte. Letztlich war das alles in seinem vom Wahnsinn gelenkten Vorhaben einkalkuliert gewesen. „Meinst du, wir können ihn Mittwochnacht schon aufgreifen?" Tony streckte sich und platzierte seine Füße auf das verdreckte Armaturenbrett des Lieferwagens, ehe er antwortete: „Nein. Wir können nicht wissen, ob der Joker auch persönlich da sein wird. Er hat genug Marionetten am Strang, um auch so an die Ware zu gelangen. Aber wir werden da sein und uns anbieten. Der Joker ist zu clever, um sich bei einem spontanen Zugriff durch Cops fangen zu lassen. Wir müssen wohl oder übel den anstrengenderen Weg wählen. Sobald wir wissen, wofür er die Waffen und den Sprengstoff benutzen wird, wird es uns leichter fallen, darauf zu reagieren und Menschenleben zu retten." Der jüngere Polizist lenkte den Wagen in eine Seitenstraße und ließ ihn kurz darauf in die Senke eines unterirdischen Parkdecks rollen. „Ich bezweifle, dass sich der Joker so sehr in die Karten schauen lässt. Du hast gehört, was Luca gesagt hat. Nicht einmal seine engsten Mitarbeiter haben auch nur die geringste Ahnung davon, wessen Handlanger sie wirklich sind." Tony hielt jedoch entschlossen dagegen: „Mag sein, dass unser Clown ein kleiner Geheimniskrämer ist, aber ich sag dir, auch der kann größere Coups nicht allein aufziehen. Er allein kann keine Ölfässer oder Sprengsätze in großen Gebäudekomplexen installieren. Dafür braucht er Hintermänner und wenn wir nicht über den Joker direkt in Erfahrung bringen können, was er im Schilde führt, dann über das Gesindel, das die Drecksarbeit für ihn erledigt." Jack parkte ein und stellte den Motor ab, lehnte sich kurzzeitig in seinen Sitz zurück und schaute nach draußen. Die notdürftige Beleuchtung des Parkhauses barg einen fast grünlichen Grundton, der nicht besonders einladend wirkte.

„Der Joker ist ein anderes Kaliber als Maronis Leute. Ich glaube nicht, dass er sich so leicht übers Ohr hauen lässt." Jack konnte nicht recht behaupten, Angst vor dem geschminkten Mörder zu haben; das würde er erst beurteilen können, wenn er ihm einmal tatsächlich gegenüberstehen sollte. Aber Jack hielt es für klüger, einen gewissen Respekt vor dem Joker zu wahren und somit vorsichtig zu agieren. Er hatte sich gerissen angestellt und alle Cops, sogar Batman selbst an der Nase herumgeführt. Naivität und Dummheit waren zwei Eigenschaften, die nicht so recht zu dem Joker passen wollten. „Das kommt ganz darauf an, wie wir uns anstellen, Junge. Und jetzt geh duschen, zieh dich um und fahr heim zu deiner Süßen, bevor sie sich Sorgen macht." Jack wusste, dass sich Tony mit seinem ironischen Tonfall über ihn lustig machte, ihn unterschätzte und für einen unreifen Jungspund hielt, der noch grün hinter den Ohren war. Aber Jack hatte genug erlebt, um zu wissen, dass man selbst Abschaum in manchen Fällen besser nicht unvorsichtig mit den Füßen trat. „Ich werde bis Mittwoch alles organisieren. Bis dahin hältst du dich vom Revier fern. Dein Gesicht haben sie sich gut eingeprägt und es wird gesünder für dich sein, wenn sie es nicht im Fernsehen oder in der Nähe von Regierungseinrichtungen wiedererkennen. Diskretion, Jack. Diskretion. Die rettet dir in solchen Einsätzen den Arsch." Er löste den Sicherheitsgurt, legte Tony die Autoschlüssel auf den Sitz und öffnete die Tür, um auszusteigen. Als er sie hinter sich zugeschlagen hatte und die Blende der Mütze tiefer ins Gesicht gezogen hatte, wurde ihm bewusst, dass Tonys Worte bedeutungsvoller waren, als er vielleicht beabsichtigt hatte. Spätestens wenn es wirklich ans Eingemachte ging und er in den Wirkungskreis des Jokers eintrat, würde er im Fokus von Gothams Unterwelt stehen. Und nicht nur er. Auch Samantha. Er musste einen Weg finden, sie in Sicherheit zu bringen. Vielleicht würde sie für ein paar Wochen zu ihren Eltern ziehen können, die im Ernstfall auch für sie da wären, sollte sie Wehen bekommen.

Jack verzog den Mund. Sie würde alles andere als begeistert von der Idee sein, die Stadt zu verlassen, während ihr Freund und der Vater ihres ungeborenen Kindes in verdeckten Ermittlungen gegen die Mafia agierte. Er hoffte, sie würde verstehen, dass es nur zu ihrem Besten geschah. Noch bestand die gar nicht mal so schlechte Aussicht, dass doch noch alles gut werden würde. Insgeheim wünschte sich Jack auch, dass Gordon vielleicht umsichtig genug war, um Batman darüber in Kenntnis zu setzen, was er ihm erzählt hatte. Denn wenn man gegen den Joker ins Gefecht zog, war es klug, ebenbürtige Verstärkung in der Hinterhand zu haben.

***

Während Freddy Mercury mit eindrucksvoller Stimmgewalt verkündete, dass die Show weitergehen musste, sorgte das Gebläse dafür, dass die Frontscheibe nicht beschlug, obwohl Jim Gordons Wagen nicht in Bewegung war. Gedankenverloren saß er hinter dem Lenkrad, auf dem seine linke Hand lag und als rhythmische Untermalung zu Mercurys Gesang gegen die Kunststoffbeschichtung trommelte. Seine rechte Hand hielt einen Kaffeebecher zum Mitnehmen umfasst. Sein Auto war so alt, dass es noch nicht einmal eine Halterungsvorrichtung für Getränkebecher enthielt, aber erfahrungsgemäß waren es die alten, wohlbekannten und vertrauten Dinge, auf die man dennoch zählen konnte. Jim Gordon war nicht altmodisch, aber er wusste die Qualitäten früherer Jahre und Jahrzehnte zu schätzen. Er war durch halb Gotham gefahren, ziellos, antriebslos, auf der Suche nach gar nichts.

Vor einigen Stunden, als die Kinder gerade ins Bett gebracht worden waren, hatte er sich heftig mit Barbara in die Haare bekommen, was letztlich dazu geführt hatte, dass er partout nicht einschlafen konnte und beschlossen hatte, ein bisschen herumzufahren. Gedanklich rekapitulierte er, was sie ihm in ihrem Streitgespräch gesagt hatte. Auslöser dafür war Jacks Besuch gewesen. Gordon ärgerte sich darüber, ihr Details darüber anvertraut zu haben, denn sie hatte sich furchtbar darüber echauffiert, dass ein so junger Cop genauso verbohrt war und so einen Dickschädel besaß wie Jim Gordon selbst. Ihrer Meinung nach war er ein schlechtes Vorbild für einen jungen Menschen, der im Begriff war, eine Familie zu gründen. Und dann waren die Vorwürfe gekommen, die sie im Gespräch mit ihrem gemeinsamen Sohn James bereits zwischen den Zeilen hatte durchsickern lassen. Er würde sich nicht um das Wohl seiner Familie sorgen und anstatt die Zeit daheim sinnvoll dafür zu nutzen, ein neues Zuhause für sie zu finden, damit sie nicht länger auf der Tasche von Barbaras Eltern liegen mussten, würde er wie besessen davon sein, am heimischen Schreibtisch zu ermitteln und seine Nase in Angelegenheiten zu stecken, die ihn nichts mehr angingen. Ihre Worte hatten ihn getroffen und aus Selbstschutz war er seinerseits in die Offensive gegangen und hatte ihr Vorwürfe gemacht, dass sie James derartige Flöhe ins Ohr gesetzt hatte, Batman würde ihm mehr bedeuten als seine eigene Familie. Sie hatte zwar nicht mit Geschirr nach ihm geworfen, wie es einmal in einem früheren Streit vor einigen Jahren der Fall gewesen war, als sie aus Chicago wieder nach Gotham hatten zurückziehen müssen, aber sie hatte geweint und ihre Tränen hatten ausgereicht, um ihn zu treffen.

Es war kurz vor Mitternacht, wie der Radiosprecher verkündete, damit Queen den Spätnachrichten Platz machte, aber Jim war weit davon entfernt, müde zu sein. Die verschiedensten Gedanken strömten unablässig durch seinen Kopf. War er wirklich so ein schlechter Ehemann und Vater, wie ihm Barbara vorwarf? Hatte ihm die Sicherheit seiner Familie nicht immer am Herzen gelegen? Schließlich hatte er sogar einmal seinen eigenen Tod vorgetäuscht, um Barbara und die Kinder aus dem Schussfeld zu bringen. Er wusste nicht, was seine Frau von ihm erwartete. Er war schon ein waschechter Cop gewesen, als sie sich kennen gelernt hatten und damals hatte sie seine Überzeugung, für Gerechtigkeit einzutreten, selbst wenn das erforderte, die Ratten in den eigenen Reihen aufzuspüren, noch romantisch gefunden. Schneeflocken wirbelten über seine Motorhaube und legten sich in kunstvollem Ballett auf die Frontscheibe. Gordon machte sich nicht die Mühe, den Scheibenwischer zu betätigen. Ein leises Klicken hinter ihm lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich und Jim war nicht sonderlich überrascht, als er in den Rückspiegel linste und die Konturen von Fledermausohren aus einem einzigen Meer aus Schatten auftauchen sah.

„Ah, ich hab Sie schon vermisst", meinte Gordon trocken, doch durch den leisen, bedrückten Klang seiner Stimme verlor sein Kommentar an Witz. „Sagen Sie, haben Sie mich entführt und mir einen Peilsender oder sowas eingepflanzt?", fragte er dann, doch erhielt – wie so oft – keine Antwort.

„Er hat sie gefunden, Jim. Der Joker hat Erin gefunden."

Das ließ endgültig jegliche Scharfzüngigkeit vonseiten des suspendierten Commissioners schwinden und ihn eine 180° Wendung vornehmen, sodass er fast auf dem Fahrersitz kniete. „Was?", platzte es aus ihm heraus, „Woher wissen Sie das?"

Batman, der fast völlig unterging in den dunklen Schatten von Gordons Rückbank, legte den Kopf leicht schief und murmelte: „Ich habe ihr einen Sender gegeben, damit ich verfolgen kann, wohin sie sich bewegt. Sie war gestern auf Dermonts Beerdigung, danach hat ein Störsignal den Sender beeinträchtigt und jeglichen Kontakt zu ihr abgeschirmt. Als der Sender wieder funktionierte, ortete er sie in der Wohnung ihres Freundes Scott Aldon." Batman verstummte kurz und Gordon nutzte das für den Einwurf einer dringenden Frage: „Was glauben Sie, der Joker steckt hinter dieser Störung? Haben Sie sie aufgesucht?" Die menschliche Fledermaus nickte knapp und sagte dann mit ihrer gewohnt tiefen Stimme: „Ich habe sie in der Wohnung gefunden. Sie sah schrecklich aus."

Jim zappelte aufgebracht auf seinem Sitz herum und riss die Hände hoch: „Was hat dieser Mistkerl mit ihr angestellt?" Der Mann auf dem Rücksitz entgegnete ruhig: „Ich weiß es nicht. Sie stand völlig neben sich, hat nur apathisch vor sich hingestarrt." Gordon zögerte, seine Brillengläser fingen das warme Licht der Straßenbeleuchtung auf und machten den Ausdruck in seinen Augen unkenntlich. „Was lässt Sie zu der Vermutung kommen, dass der Joker etwas damit zu tun hat? Hat sie sich Ihnen anvertraut?" Doch zu Gordons Enttäuschung schüttelte er den Kopf: „Sie hat nichts gesagt." Daraufhin, auch um seinen eigenen Schreck zu dämpfen, warf er ein: „Überrascht mich nicht", was ein finster dreinblickender Batman mit einem kehligen: „Gordon, sie wollte mir nichts mitteilen. Sie hat sogar ein Messer auf mich gerichtet." Der ehemalige Commissioner hob die ergrauten Brauen: „Lassen Sie sich jetzt schon von kleinen Mädchen einschüchtern?"

Der Selbstjustiz übende Wächter Gothams beließ auch diese rhetorische Frage des Polizisten unkommentiert und sagte: „Irgendetwas stimmt mit ihr nicht. Ihr ist etwas widerfahren, ich weiß nur nicht, was." Gordon dachte einige Sekunden lang darüber nach, drehte sich dann wieder um und schaute über die schneebedeckte Frontscheibe nach draußen auf die Straße. „Sie müssen bedenken, dass diese junge Frau von den jüngsten Ereignissen völlig überfordert ist. Sie hat ein mehr oder weniger abgeschiedenes, aber dafür ruhiges Leben geführt und dann fällt der Joker in einem Waisenhaus ein, richtet dort ein Blutbad an, entführt sie kurz darauf, schlitzt sie halb auf, tötet sie beinahe...und als ob das nicht schon genügen würde, um einen halbwegs normalen Menschen völlig aus der Bahn zu werfen, wird sie wegen Mordes und schwerwiegender Körperverletzung gesucht. Da würde ich auch leicht außer mir sein, um ehrlich zu sein", zählte Jim auf.

„Schwerwiegende Körperverletzung?", wiederholte Batman verdutzt.

„Ja, oder haben Sie schon vergessen, dass sie damals, als sie Nicholas aufgegriffen hat, zwei menschliche Finger mit sich geführt hat? Talburne hat zwar keine Fährte diesbezüglich, aber allein der Fund genügt schon, um sie in Schwierigkeiten zu bringen."

Batman schwieg daraufhin und gab den Bangles die Chance, die Stimmführung zu übernehmen.

„Diese Situation überfordert sie. Sie muss in ständiger Angst leben, unter Druck und Stress stehen, weil überall nach ihr gesucht wird."

Batman räumte ein: „Das mag sein. Aber ich glaube nicht, dass es nur das ist. Ich bin mir fast sicher, dass der Joker seine dreckigen Finger mit ihm Spiel hat." Gordon beobachtete zwei junge schwarze Männer, die auf dem Gehweg miteinander redeten und sich ab und an anstießen. Er sah hin und sah sie gleichzeitig nicht wirklich. Seine Gedanken wirbelten einmal mehr im Kreis.

Fast zählt aber nicht", sagte er dann leise, mehr zu sich selbst als zu seinem unerwarteten Fahrgast, „wieso sind Sie nicht an ihr dran geblieben, wenn Sie glauben, dass der Joker sie im Auge hat?" Batman senkte daraufhin den Blick und murmelte: „Weil ich sie nicht beschützen kann, wenn sie keinen Schutz will. Sie hat den Sender vor meinen Augen abgelegt." Dann, fast schon so, als wollte er sich rechtfertigen: „Ich habe das Haus noch einige Zeit im Auge behalten, aber es hat sich nichts getan. Ich kann nicht eine ganze Nacht lang darauf lauern, dass sich etwas in ihrer Umgebung zuträgt, wenn so viel Unruhe auf Gothams Straßen herrscht."

Gordon nickte: „Verstehe. Sie haben sich also mal wieder um die bösen Jungs gekümmert." Er seufzte, ehe er leise hinzufügte: „Ich wünschte, ich könnte in dieser Hinsicht auch mehr tun als nur abzuwarten, was die Zeitungen berichten." Batman schaute wieder auf, der Blick aus seinen braunen Augen war stechend: „Was ist mit Treather? Haben Sie keinen Kontakt mehr zu ihm?" Der bloße Gedanke an den jungen Cop ließ Gordons Herz schwer werden. Nur zögerlich erklärte er: „Nein. Talburne hat ihn in eine Sonderkommission gesteckt. Er ermittelt jetzt verdeckt gegen die Mafia." Obwohl die schwarze gummiartige Maske die größten Teile seines Gesichts verbarg, schien so etwas wie Überraschung in seinen Zügen geschrieben zu stehen. „Talburne hat ihn undercover eingeschleust? Wieso?"

Gordon blickte bedrückt auf den Kaffeebecher in seiner Hand, dessen Inhalt mittlerweile sicher untrinkbar erkaltet war. „Um ihm und uns eins auszuwischen. Und der Bursche hat keine andere Wahl. Er war bei mir. Ich habe versucht, es ihm auszureden, aber er hat sich nicht davon abbringen lassen." Gordon schloss die Augen, als er an den Umschlag dachte, den der junge Cop ihm überlassen hatte. Wenn ihm in diesem Einsatz wirklich etwas zustieß, würde er Talburne dafür zur Rechenschaft ziehen und sich selbst vermutlich nie verzeihen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass er es ihm hätte ausreden können, war ohnehin nicht sehr groß gewesen, aber nichtsdestoweniger fragte er sich, ob er nicht doch etwas dagegen hätte unternehmen können.

„Treather ist ein guter Cop. Er wird sich zu helfen wissen. Und wenn nicht, werde ich mein Bestes tun, um auf ihn Acht zu geben." Batmans Worte waren gut gemeint, aber trotzdem wenig tröstlich.

„Sie können auch nicht überall zur gleichen Zeit sein", erinnerte ihn Jim leise.

„Nein", räumte die Fledermaus ein, „aber ich kann es versuchen." Gordon schaute wieder auf, als abermals ein Klicken ertönte und die Federung des Wagens daraufhin leicht nachgab. Im Rückspiegel war nichts mehr zu sehen. Batman war verschwunden. Hoffentlich, weil er anders als Gordon ein Ziel vor Augen hatte und sich zu helfen wusste. Orte, an denen Hilfe benötigt wurden, gab es viele, von Batmans Sorte jedoch nur einen und solange die Gewichtung so ungleichmäßig verteilt war, standen die Aussichten auf Erfolg nicht gerade günstig. Grummelnd sprang der Motor an, nachdem Gordon den Zündschlüssel umgedreht hatte. Er wusste immer noch nicht, wohin er gehen sollte; er wusste nur, dass es weitergehen musste. Immer und immer weiter.