Kapitel 19 – I Drove All Night (Cyndi Lauper)
Noch nicht mal ganz aus Berlin raus blinkte im Cockpit seines Mercedes die Tanksäule und der interne Hightech-Board-Computer, der mit seinem Navigationsgerät verbunden war, sagte in der schönsten weiblichen – aber auch kältesten – Microsoft-Sam®-Stimme: „Sie müssen Tanken"
Marc atmete tief ein.
Es war wirklich nett gewesen, diesen Wagen für einen kleinen Abschnitt in seinem Leben zu fahren – sechs Gänge, 221 PS, Ledersitze, besagtes Cockpit und weiterem Schnick-Schnack wie Bose®-Boxen und automatischer Einparkhilfe, die er nie gebraucht hatte – nun ja, ein zwei Mal, vielleicht. Dieser Wagen war aber nicht nur im Spritverbrauch wahnsinnig hoch, sondern auch für 194 € Versicherung und dazu noch die Steuern im Jahr würde er sofern er wieder in Berlin war – ha! Er war ja noch nicht mal rausgekommen – diesen Wagen verkaufen und sich ein ökonomischeres Auto zulegen. Obwohl, wenn er so weiterfuhr, wie er durch die Innenstadt bretterte, würde er vermutlich nie mehr ein Automobil benötigen, weil sein Führerschein dann nicht nur für die nächsten drei Monate eingezogen bleiben würde, sondern für immer. Und dann hatte er selten so gute Gründe sich einfach illegal hinters Steuer zu setzen.
Und ihm war ziemlich grippeähnlich schlecht, wenn er daran dachte, dass er durch solch ein Verhalten auch seine Approbation verlieren könnte – unerlaubtes Fahren eines PKW ohne Lizenz war nicht nur strafbar, sondern auch Menschenlebend gefährdend.
Doch es war der schnellste und einfachste Weg nach Köln zu kommen und dort – sollte Sabine Erfolg haben – diese Steffi zu finden. Er würde garantiert nicht in einer Straßenbahn sein Leben fristen, nur um Gretchen zu suchen.
An der letzten Tankstelle, bevor er Berlin verließ, waren sämtliche Zapfsäulenplätze glücklicherweise leer, sodass ein schnelles manuelles Auftanken – als er vor ein paar Jahren in Amerika war, gab es dort extra angestellte, die für ihn auftankten – sichergestellt war.
Mit vier Flaschen Cola, zwei belegten Brötchen in einer Tüte und eines schon in seinem Mund steckend kam er aus dem kleinen Kassierer-Haus wieder. Er fühlte sich gerade ein bisschen wie Mehdi, bevor er zu den Weight-Watchers gegangen war. Doch dieses bescheidene Kündigungsschreiben schlug ihm irgendwie auf den Magen.
Als er sich angeschnallt hatte zögerte er einen Moment, den Schlüssel umzudrehen.
Er war doch verrückt.
Was wollte er Gretchen denn mit diesem Stunt beweisen?
Dass ihm seine Arbeit ohne sie dabeizuhaben vollkommen egal war?
Dass er diese regelrechte Abfuhr in Computerschrift nicht so ohne Weiteres auf sich sitzen lassen konnte?
Es würde ja doch nichts an ihrer Einstellung ändern, dass er der Böse war, der ihr nie wirklich gezeigt hatte, oder zeigen würde können, dass er sie wirklich aufrichtig... nun ja... liebte, nicht?
Er schüttelte den Kopf.
Er war verrückt um 20 Uhr noch nach Köln fahren zu wollen, wo er sein Navigationsgerät schon am liebsten aus dem Fenster geschmissen hätte, wenn es nicht fest eingebaut wäre, weil es so nervtötend betonte, dass er a) zu schnell fuhr und b) nicht dann abbog, wenn die Stimme es von ihm wollte, weil er einfach bessere Strecken kannte.
Und dann wollte er wirklich fünfeinhalb Stunden in die Nacht hineinfahren?
Einfach so, mit dem bitteren Beigeschmack, dass er vielleicht nichts an dieser vertrackten Situation ändern würde?
Er seufzte ergeben auf, als er auf Kupplung und Bremse trat und den Zündschlüssel umdrehte. Den linken Blinker warf er an, als er an der Vorfahrtsstraße den Weg zurück einschlug.
„Das bekommst du alles irgendwann zurück", Gretchen hatte immer noch leichte Tränen in den Augen, als sie sich auf Steffis rosa Sofa fallen lies, die Beine so weit es ging gespreizt, wie es ihr möglich war, weil die Schmerzen echt unerträglich waren.
„Das ist unmenschlich, wer in Gottes Namen tut sich das bitte zwei Mal in seinem Leben an?" stöhnte sie.
„Ich tu mir das alle vier Wochen freiwillig an, Sweetie!"
Gretchen errötete: „So genau wollte ich das jetzt auch nicht wissen! Aber nur die Beine und Achseln hätten es doch auch getan", quengelte sie, als eine neue Schmerzwelle ihren Unterleib durchzog.
„Ach Papperlapapp! Du hast da unten ja noch nicht mal einen richtigen Braszil – nur ein bisschen", er suchte nach Worten: „zurechtgestutzt und gerahmt!"
Gretchen grollte: „Deshalb haben wir direkt wieder mit Sekt angefangen, als wir beim Friseur waren, ja? Du wolltest mich ein bisschen lockerer machen – ich habe dich durchschaut, meine Liebe!", die Blonde schloss ergeben die Augen als sie sich in die Couch kuschelte.
„Du brauchtest halt eine Rundumerneuerung – und sei ehrlich, deine Haarspitzen, also die auf deinem Kopf, waren schon echt ausgefranst, und nun – schau sie dir an: alles fluffig und geschmeidig – Anton ist wahrlich Meister seines Faches."
Gretchen fummelte eine Strähne ihrer blonden Haare hinter ihrem Rücken hervor: Ja, die zehn verlorenen Zentimeter waren wirklich eine gute Investition gewesen, auch der leichte Verlauf als Stufenschnitt der vorderen Partie der Haare gefiel ihr wirklich äußerst gut.
Doch der Blick schob sich von ihren Haarspitzen auf ihre Finger oder besser, auf ihre Fingernägel. Noch nie in ihrem Leben hatte sie French Nails gehabt.
Sie dachte immer das funktionierte nur mir so einer dicken Paste, die sie beim Arbeiten behindern würde, doch es waren ihre eigenen Nägel und nur eine normale Portion Nagellack wurde dort draufgeschmiert.
„So, und nun ist Cat Walk angesagt", bestimmte Steffi und schüttete die ganzen Einkaufstüten voller neuer Klamotten aufs Sofa:
„Gott, bitte nicht", Gretchen kniff die Augen zusammen.
„Ich hab die doch heute schon einmal alle angehabt – also warum denn nun nochmal?"
Steffi klatschte in die Hände: „'opp, 'opp, Mon Cherie."
Gretchen stand seufzend auf.
„So ist es recht", zwinkerte Steffi und suchte ihr das erste Outfit heraus...
„Gute Fahrt mit den Supremes und Baby Love", ertönte aus den Autolautsprechern, als Marc in einer längeren Schlange vor einer roten Ampel als Letzter zum Stehen kam.
Würde er an Götter und größere und mächtigere Mächte glauben, würde er das Gefühl wie mit einem Blitzschlag vergleichen, den auch der Erzengel Michael erdulden lassen musste.
Supremers und Baby Love – echt jetzt?
Er hasste dieses Lied, weil es ihn an den peinlichsten Moment in seinem bisherigen Leben erinnerte.
Er liebte dieses Lied, weil es ihn an den schönsten Tanz erinnerte, den er in seinem Leben bisher aus dem Parkett geboten hatte.
Es war vielleicht nur Zufall, oder Schicksal, oder schlichtweg Einbildung, einen Song aus dem Radio so ernst zu nehmen – aber es war auch der Auslöser in seinem Verstand, der ihn jegliche Rationalität in den Wind schießen ließ, er einige Meter rückwärts fuhr, das Lenkrad nach links bog und ein Stückchen wieder vor fuhr, um zu gucken, ob von Vorn auch nichts kam, und in einem großen Halbkreis die Spur wechselte:
Auf wieder in die andere Richtung.
Richtung Tankstelle
Richtung Brandenburg
Richtung Autobahn A2
Richtung Westen
Richtung Gretchen
„Du siehst echt heiß aus, Schätzchen. Und wärst du nicht unsterblich in deinen Schulhofschwarm verknallt und ich nicht so stockschwul, ich würde dich auf meinem Sofa sofort nageln", grinste Steffi und Gretchens Wangen überzog ein leichter Rotschimmer. Sie betrachtete sich selbst noch einmal im Spiegel und sie musste zugeben, dass das grelle Neonlicht in einem jeden Kaufhaus nicht das in Szene setzen konnte, wie es das normale durchschnittliche Wohnzimmerlicht von Steffis Designerlampe schaffte.
Sie trug ein purpurnes (purple) Satin-Kleid, das am Dekolletee zusammengerafft war. Als Neckholder-Träger dienten eine echte Silberkette mit klaren Kristallen, die mit einem kleinen verspielten größeren Stein in Form eines Sterns in der Mitte ihrer Brust eingearbeitet und am Kleid befestigt war.
Es reichte ihr gerade bis zu den Knien, und obwohl sie eigentlich selten zu engen Kleidern neigte, passte sich dieses in jeder vorzüglichen Stelle ihrem Körper grandios an.
Aber auch der Kosmetiker hatte mit einem neuen Stil, ihre Augen zu betonen, unglaublich viel herausgeholt – nur die Augen zu Rahmen und auf Lidschatten gänzlich zu verzichten für den Alltag war ihr neu, aber es gefiel ihr unheimlich gut.
Sie drehte sich noch einmal hin und her um irgendwelche Makel zu entdecken, doch auch im Profil sah ihr Hintern schlanker aus und ihr Bauch non-existent.
„Wie lange willst du dich denn noch im Spiegel betrachten, Narziss?", fragte Steffi belustigt, rappelte sich vom Sofa auf und kramte in einer Tüte herum.
„Es sieht so schön aus", sagte Gretchen und seufzte. Sie hatte heute mit allem drum und dran fast 1200 Euro für sich selbst ausgegeben und irgendwo in der Welt verhungerten Kinder... sie sollte sich wirklich schlecht fühlen, aber als sie sich in diesem wunderschönen Kleid selbst wunderschön fand, fühlte sich einfach nur fantastisch gut!
Steffi legte Gretchen von hinten seine Hand über die Augen: „Ich hab eine Überraschung", sagte er freundlich und Gretchen grinste:
„Du hast endlich Schokolade eingekauft?", fragte Gretchen lachend, woraufhin der Mann hinter ihr nur tief einatmete.
„Schokolade ist wirklich böse, Sweetie – aber wenn du die braune Kalorienbombe vorziehst, dann schenke ich dir die hier eben nicht", er nahm die Hand von den Augen und vor Gretchen baumelten silberne Jimmy Choo High Heels.
Gretchen kreischte und hüpfte auf und ab:
„Steffi, das kann ich nicht annehmen, wirklich nicht – ich kann nicht drauf laufen – warum schenkst du mir die – ich hab doch gesagt, dass ich mir die nicht leisten kann – Steffi, das kann ich nicht annehmen, wirklich nicht...", begann sie wieder von vorn und griff trotzdem ungeduldig nach den Schuhen.
„Wenn ich ein X-Dresser wäre, hätte ich mir die auch gekauft, und mach dir ums Geld keine Sorgen, Sweetie, mein Boss hat mir für die letzte gebaute Villa einen 35% Bonus zukommen lassen", zwinkerte er.
„Steffi", Gretchens Augen füllten sich mit Tränen: „Aber ich hab doch nichts für dich", klagte sie weinerlich.
„Nicht heulen, wehe dir du versaust dein Perfektes Make-Up", er nahm sie in den Arm.
Gretchen nickte stumm und klammerte sich ganz fest an ihre Freundin.
Nach all den Jahren hatte sie endlich jemanden wiedergefunden, der es wirklich immer gut mit ihr gemeint hatte – abgesehen von ihrer Familie.
Er würde hier jämmerlich sterben – jawohl das würde er. Er sah schon die Schlagzeile vor sich:
Arzt der Superlative auf Autobahn von LKW's zerquetscht.
Kurz um: er stand im Stau. Hinter, neben und vor ihm war er eingekesselt von dicken Brummis. Kurz nachdem er die Braunschweiger Abfahrt hinter sich gelassen hatte, wurde im Radio durchgegeben, dass es kurz vor Lehrte-Ost, wo auch immer das liegen mochte, einen furchtbaren Crash gegeben hatte. Und nun stand er hier mitten zwischen irgendwelchen nichtigen kleinen Dörfchen wie Stederdorf und Peine sich immer zurecht schleichend und alle zehn Minuten einen Meter fortbewegend.
Doch er konnte auch leider nicht irgendeine kommende Abfahrt herunterfahren, weil sein dummes Navigationsgerät einfach keine Ausweichroute zugelassen hatte und er auf gut Glück vielleicht in Hamburg gelandet wäre. Deshalb hatte er es nach dieser unzumutbaren Nichthilfe einfach ausgeschaltet und würde einfach warten, bis es auf der A2 einfach weiter ging – und wenn es die ganze Nacht dauern würde.
Er hatte mit seinem Smart-Phone innerhalb von einer Stunde das gefühlte ganze Internet abgegrast, bis ihm auffiel, dass es da ja auch eine grandiose Applikation gab: Google-Maps®
Er grollte.
Nach ein paar unerfreulichen Auskünften, weil er ja noch hinter diesem Lehrte war, schaffte er es von seinem Telefon aus, eine gute Strecke über die B(undesstraße) 65 ab der Abfahrt Hämmelerwald zu finden. Und gerade noch zur richtigen Zeit, da der Verzögerungsstreifen kaum einhundert Meter später für jene Ausfahrt schon begann. Er musste etwas lachen, als er die Ausschilderung „Equord" las. War er hier im hintersten Polen gelandet, oder was?
Nachdem er von dieser lästigen Strecke heruntergekommen war, fuhr er erstmal an die nächst beste Tankstelle, um nicht noch irgendwo in Hintertupfingen liegen zu bleiben. Sein Ärger über die verloren gegangen Stunde wurde noch einmal verdoppelt als er nach dem Tanken eine weitere Tankstelle ungefähr fünfhundert Meter entfernt sah, die glatte fünf Cent billigeres Benzin verkaufte.
So fuhr er dann immer der Nase seines Telefons nach, durch dieses Hämmelerwald, dann auf die B65 nach einem unheimlich großen Hügel vom Kreisverkehr – der war riesig und es nötigte ihn dazu ein gewisses Maß an Respekt zu zollen, als er nicht wie sonst im dritten sondern sogar im zweiten Gang abbog.
Danach kamen viele Dörfer und in einer kleinen Stadt namens Sehnde fand er dann die Ausschilderung Lehrte. Wo er natürlich nicht lang fuhr, schließlich begann dort der Stau. Deshalb fuhr er weiter auf der Straße bis er die A7 erreichte, diese dann bis zum Hannover-Kreuz-Ost (er hoffte, dass das nicht Lehrte-Ost war) entlangfuhr, um dort wieder auf die A2 zu biegen. Es hatte ihn ungefähr eine halbe Stunde gekostet, doch dafür war er dann so gut wie mutterseelenallein ab dem Kreuz auf der Autobahn unterwegs, hier und da ein paar Autos, oder kleine Busse, aber kaum ein Elefant störte seine Wahrnehmung.
Als er die Abfahrt Porta Westfalica gelesen hatte fragte er sich in seinem müden Zustand, ob das nun die Grenze von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen war, oder der erste Ort nach des Bundesgrenze.
Es folgten die witzigsten Städtenamen wie Bad Oeynhausen, Bad Salzuflen und Oelde. Der Westen war schon sehr Jeck mit ihren Namen.
In fast schon einem schlafähnlichen Zustand klingelte sein Handy fröhlich die Titelmelodie von Magnum P.I.
„Meier", meldete er sich routiniert.
„Dr. Meier, gut dass ich Sie erwische", erklang die etwas von Missmut getrübte Stimme von Schwester Sabine.
„Sicher erwischen Sie mich, Sabine, ich sagte Ihnen doch, dass Sie mich sofort anrufen sollen, wenn Sie was wissen", Marc verdrehte die Augen.
„Ja", entgegnete sein Telefongesprächspartner unüblich trocken.
„Und? Sabine, nun lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen!", er verdrehte genervt die Augen.
Sabine schnaubte verächtlich als sie ihm die Adresse durchgab:
„Und was soll ich jetzt mit der Adresse, Sabine? Ich fahre, ich kann schlecht telefonieren schreiben und noch lenken", und wie ein weiterer Wink vom Schicksal leuchtete neben ihm blaues Licht und die Kelle wurde ausgefahren.
Die Polizei.
Er sollte folgen.
Und er hatte keinen Führerschein.
„Sa-Sabine?"
„Hm", fragte sie grimmig.
„I-ich rufe sie zurück", er beendete das Gespräch und stieg vorsichtshalber schon mal aus.
Ruhe behalten war die Devise, wenn er geständig war und sagte, dass er wüsste, dass er zu schnell gefahren war, wäre es doch sicher auch ohne Fahrlizenz schnell abgetan, oder?
„Guten n'Abend", ihm kam ein kleiner türkischer Polizist in Zivil entgegen und ein junger sportlich wirkender Mann in Marcs Alter folgte seinem Kollegen.
„Gerkan, Jäger - Kripo Autobahn", stellte der kleine Mann sich und seinen Kollegen vor und zückte seinen Ausweis.
Der Oberarzt war sichtlich verwirrt: „Kripo?"
Der braungebrannte Partner des Türken zeigte mit einem breiten Lächeln alle seine weißen Zähne: „Unsere Chefin hat uns die Woche zu Politessen degradiert – nur schlichte Kontrollarbeit."
Marc nickte verstehend: „Aha", wie unheimlich intelligent.
„Und Sie sind..."
„Zu schnell gefahren", beantwortet er den Satz schnell und computerartig.
Der Deutsch-Türke lachte leicht und schaute seinen Kollegen an: „Ein Witzbold, den wir hier aufgegriffen haben", an Marc wandte er sich: „Ich will wissen wie sie heißen, ein Personalausweis, wäre also nicht schlecht."
Marc rieb sich nachdenkend die Stirn, während er in seiner Gesäßtasche nach seinem Portmonee fischte: „Meier, Dr. Marc Meier", sagte er laut, als er seinen Ausweis übergab.
Die beiden Männer begutachteten das Foto und musterten ihn – vor fünf Jahren hatte er einen Mecki-Schnitt und es sah furchtbar aus.
„O-okay", ein breites Grinsen lag auf den Lippen dieses Jäger-Beamten.
Und Marc verfluchte den Tag an dem sein letzter Personalausweis abgelaufen war.
„Gut, Dr. Meier, dann einmal bitte Fahrzeugpapiere und Führerschein, denn obwohl Sie sich so bemüht haben, einen wirklich kooperativen Eindruck zu hinterlassen, sie sind nicht zu schnell gefahren – seit ungefähr zwei Kilometern ist die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben, sondern sind ein bisschen von ihrer Spur gekommen. Zu beiden Seiten und das, mein Kollege hat es ebenfalls gesehen, als sie telefoniert haben"
Marc seufzte.
Er würde seinen Beruf wegen seiner bedepperten Assistenzärztin an den Nagel hängen können.
Er seufzte und kramte aus dem Handschuhfach im Auto seinen Fahrzeugschein hervor und übergab diesen ohne Umschweife.
„Gut – und ihr Führerschein?", fragte Gerkan wieder, als sein Kollege sich die Papiere anschaute.
„Ich habe keinen", sagte er ehrlich und lehnte sich gegen seinen Wagen.
Der kleine Mann vor ihm verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief ein: „Bitte?"
„Ich besitze im Moment meinen Führerschein eher nicht", brummte Marc.
Sein gegenüber räusperte sich umständlich und tippte auf dem Personalausweis herum:
„Sie sind doch Arzt – ein Doktor – Sie scheinen dennoch aber nicht gerade sehr schlau zu sein."
„Hey, ich hab Sie auch nicht auf ihre Größe angesprochen", platzte es aus Marc und der kleine Türke hustete, als er schon fast Lachen musste.
„Herrgott, ja! Mein Lappen wurde eingezogen und ich dürfte die nächsten Monate nicht mal daran denken, Auto zu fahren, aber es ging nun einmal nicht anders!", sein Handy klingelte wieder und er ging sofort dran. „Meier", er wusste dass es Sabine war, doch es war eine gute Ablenkung jemanden anschreien zu können.
„Sie wollten mich zurückrufen", entgegnete sie genauso patzig und Marc würde die Schwester, wenn er zurück war, darauf ansprechen, was für eine Laus ihr über die Leber gelaufen war.
„Haben Sie nun Stift und Papier?", fragte sie leichthin.
Er kramte aus seinem Auto einen Kuli und kritzelte die Anschrift auf eine Serviette, die er von den belegten Brötchen noch hatte.
„Danke", sagte er ehrlich heiser, aber Sabine hatte muffig aufgelegt.
„So, und nun wieder zu uns", der Kollege Jäger gab ihm seine Fahrzeugpapiere zurück, als Marc ergeben die Augen schloss.
„Wenn ich Ihnen die ganze und absolut reine Wahrheit darlege, würden Sie mich dann trotzdem bis nach Köln Innenstadt weiterfahren lassen?"
Etwas skeptisch schauten die beiden Beamten sich gegenseitig an:
„Versuchen könnten Sie es ja", ein fast schon höhnisches Lächeln lag auf den Lippen des kleinen Türken.
Marc atmete tief ein, ehe er beide unverwandt anschaute und begann: „Da ist diese Frau..."
Gretchen und Steffi hatten bis in die Morgenstunden alte Humpfried Bogat und Audrey Hepburn Filme angeschaut, und bei einem neumodischeren Film namens Clueless schlief Gretchen dann verkehrt herum auf dem Sofa liegend ein. In ihrem neuen Kleid und den schicken Schuhen. Steffi lachte leise, als er zumindest Gretchens Kopf zurück auf das Sofa schob, damit sie später nicht noch mit Kopfschmerzen aufwachte, wenn ihr Prinz in schimmernder Rüstung auf Schimmel mit Lanze angaloppiert kam, um die holde Maid wieder zur „Besinnung" zu bringen. Den ganzen Abend und auch den Nachmittag schon standen Steffi und Jochen per SMS in regem Kontakt, sodass er über sämtliche Schritte informiert war – es wunderte ihn ein bisschen, dass Marc Meier um vier Uhr immer noch nicht da war, aber er würde kommen – ganz sicher!
Und als Jochen von einer Schwester erzählte, die einen ähnlichen Plan zurechtgelegt hatte, wusste er, dass vermutlich nur die nötige Angst diesen Oberarzt, auf den sie ganz aufgeregt und gespannt war, erkennen ließ, wie unabkömmlich und wichtig Gretchen für ihn war.
Eine Hochzeit zwischen zwei Mensch, ob nun vor Kirche oder nicht, bedeutete niemals das Ende – eine Arbeitsvertragsauflösung und fünfhundert Kilometer Entfernung aber schon.
Männer waren manchmal auch simpel gestrickt.
Marc wusste nicht, ob er lachen, weinen, schreien oder apathisch sein sollte, als er um kurz nach halb sechs Uhr in der früh vor dem Wohnblock von Gretchens Freundin ankam. Zwar mit halber Polizei-Eskorte, aber das war es ihm alle Mal wert.
Ben Jäger hatte seinen Mercedes separat hier her gefahren, und Marc fuhr mit diesem kleinen Deutsch-Türken im Polizeiauto. Er hatte es tatsächlich geschafft die beiden von seinen absolut wichtigen und aufrichtigen Absichten zu überzeugen – ohne seinen Führerschein auf Lebenszeit einzubüßen, noch seiner Approbation adieu zu sagen.
Allerdings durfte er satte 750 € zahlen und die Zeit des Führerschein-Einzugs wurde um weitere drei Monate verlängert – es war ein fairer Preis.
„Schnapp sie dir, Tiger", lachte Ben Jäger, als er Marc die Schlüssel zu warf und sich danach zu seinem Partner in den Dienstwagen setzte.
Marc ging festen Schrittes auf die untere Eisenhaustür zu und suchte nach einem Namen, den er klingeln sollte. Steffi... und weiter? Die Anfangsbuchstaben der Vornamen waren allerdings auf die Klingelschilder gedruckt, sodass die einzig logische Taste: S. Alvarez-Schmidt zierte.
„Warum fährst du nicht los, Semir?", fragte Ben etwas irritiert, als sein Kollege und Freund dem Arzt hinterher starrte.
„Ich weiß nicht – wenn er nun da reingeht, und in zehn Minuten einfach wieder rauskommt und sein Auto weiterfährt – es war wirklich eine schöne Geschichte, aber ob die auch stimmt?", sagte er nachdenklich.
Ben lachte: „Glaubst du wirklich, dass sich ein Mann, also so ein Mann, so viel Kitsch und Schmalz ausdenken kann – ich nicht!"
„Dann lass uns trotzdem noch zehn Minuten warten, dann hat auch gleich der Bäcker um die Ecke hier auf und wir können was mitnehmen – bis zehn dauert's noch ein Weilchen", Semirs gegenüber nickte nur und klopfte seinem Partner anerkennend auf die Schulter.
„Showtime", sagte Steffi zu sich selbst, als er es klingeln hörte und den Summer für die Tür unten betätigte. Danach verschwand sie im Bad und rief lautstark nach Gretchen, die doch bitte „seinen Lebensabschnittspartner" reinlassen sollte.
Erst als es noch ein paar Mal an der inneren Tür klingelte, raffte sich Gretchen verschlafen auf, und torkelte auf ihren neuen Schuhen zur Tür um diese zu öffnen.
Die ganze Fahrt über hatte er sich Gedanken gemacht, was er Gretchen sagen könnte, wie er seine Wut über ihre schlichte und auf gewisse Weise auch verletzende Kündigung zum Ausdruck bringen konnte. Doch als sie ihm schlaftrunken mit glasigen Augen und verwuschelten Haaren die Tür geöffnet hatte, kam aus seinem Mund nur Staub.
Sie sah so wunderschön aus.
„M-Marc", fragte sie ungläubig, blinkte ein paar Mal mit den Augen und schlug ihm dann die Tür vor der Nase zu.
Er war wie vom Blitz getroffen – diesmal jedoch nicht positiv.
Gretchens Herzschlag war von leicht müde innerhalb von Sekunden zu einem Marathon gestiegen. Sie fühlte ihre Lungen hart gegen ihre Rippen pulsieren, als sie am liebsten der Irrationalität nachgegeben hätte, und die willkommene Schwärze, die sich hinter ihren Schläfen anbahnte, zugelassen.
„Gretchen, Sweetie", Steffi kam nach einigen Minuten, in denen er nichts gehört hatte, weder Schreien noch schmatzende Laute von Zungenküssen, aus dem Bad zurück und fand eine hyperventilierende Blonde vor, die völlig aufgelöst den Türgriff umklammerte und am ganzen Körper zitterte.
„Was ist denn nur passiert?", fragte Steffi vorsichtig – er hatte Marc noch nicht mal sprechen gehört, was also war in seine Freundin hier gefahren?
„M-m-m-m", sie brachte seinen Namen noch nicht mal über die Lippen.
„Ja, Marc, Sweetie!", lächelte die schwule Freundin Gretchen aufmunternd an.
Gretchen zuckte zusammen: „Ja! Draußen vor der Tür – er steht da..."
Verwundert blickte Steffi auf seine Freundin: „Wie draußen vor der Tür?", doch während sie die Worte schon aussprach, wurde ihr klar, dass Gretchen ausgerechnet dem Mann die Tür vor der Nase zugeknallt haben musste, der sich die ganze Nacht für sie um die Ohren geschlagen hatte.
„Margarethe Haase, du öffnest jetzt sofort die Tür!", sagte er bestimmt, doch Gretchen schüttelte nur vehement den Kopf.
„Oh doch!", Steffi rang mit ihr um den Türknauf, und nach einigem Hin und Her, schubste er Gretchen ganz Ungentleman-like von der Tür und öffnete die Haustür selbst.
Doch Marc war weg.
Die blonde Assistenzärztin schaute erstaunt über Steffis Schulter – hatte sie schon Halluzinationen?
Ein lautes Türknallen von unten ließ Gretchen aufrütteln.
Nein, sie hatte sicher nicht halluziniert, schließlich wusste Steffi auch von Marc – warum auch immer.
Es war auch egal, warum er hier war, im Moment war nur wichtig, dass er hier war.
Sie schob sich grob an Steffi vorbei in den Hausflur und raste die Treppe, soweit es die Schuhe zuließen, hinunter.
Sie spürte gar nicht das heftige Ziehen in ihrem rechten Knöchel als sie die letzten Stufen eigentlich nur noch herunter humpelte, da sie über die drei Stockwerke umgeknickt war.
„Marc", schrie sie hilflos, als sie an die frisch Luft getreten war und ihn am gegenüberliegenden Straßenrand auf sein Auto eintreten sah.
Er drehte sich abrupt zu ihr um, als er ihre Stimme hörte.
„Ich wusste es", Semir schnallte sich wieder ab, und wollte gerade die Tür öffnen, als sein Kollege ihn davon abhielt.
„Der sieht aber nicht so aus, als ob sich über die Dummheit der Polizisten freut. Eher dass er eine Abfuhr bekommen hat", Ben seufzte. Gut aussehende Männer hatten es eben auch nicht immer leicht.
Seine Annahme wurde bestätigt, als kurz danach die Haustür noch einmal aufsprang und eine Blondine in einem teuren Kleid und auf HighHeels kraxelnd dem Mann gefolgt war.
„Er hatte schon Recht – sie hat einen dicken Hintern", lachte Semir und freute sich ungemein über Bens empörtes Gesicht und gleichzeitig darüber, dass ihn sein gesundes Urteilsvermögen nicht im Stich gelassen hatte.
Mit einem wohlig weichen Gefühl im Bauch, fuhren beide Kripobeamten von dannen. Auch wenn es Semir schwer fiel, weil er zu gern gewusst hätte, wie es ausgehen würde.
„Warum bist du hier?", fragte sie stockend und stellte sich mit all ihrem Gewicht auf das linke Bein.
Marc ging ihr die Hälfte der Straße entgegen, als sie mitten darauf stehen geblieben war. Er wollte wirklich nicht noch, dass die Polizei anrückte, wenn sie sich über zehn Meter hinweg unterhielten.
„Weil ich die Nacht gerade nichts besseres vor hatte", zischte er und ließ seine Wut in seiner Stimme deutlich anklingen.
„Warum wohl? Wegen deiner Kündigung – private Differenzen? So groß, dass du mir die Tür vor der Nase zuknallst?", fragte er verärgert.
Gretchen hingegen verstand nur Bahnhof: „Hä?"
„Was 'hä?'?", schnaubte er verächtlich. Diese ganze Fahrt hier her war doch eine einzige Farce gewesen, wem wollte er denn etwas vormachen – sie hatten es einfach noch nie hinbekommen, warum ausgerechnet am Ende des Sommers mitten in der Woche in einer ihm unbekannten Stadt? Es würde wieder im Desaster enden... egal wie oft er es probierte etwas richtig zu gestalten.
„Ich weiß nichts von einer Kündigung, Marc", sagte sie leise und es wurmte ihn unermesslich, dass in ihrer Stimme nichts von Ärger oder Wut mitschwang, sondern einfach nur Kuriosität.
„Uhm... ich glaube, dazu kann ich was beitragen", meldete sich die vorsichtige Stimme von Steffi im Hintergrund.
„Steffi?", Gretchen sah erst zu Marc, dann zu ihrer Freundin und wieder zu Marc, der noch zorniger dreinblickte, als er Steffi erblickt hatte.
„So, das ist also Steffi? Schön, dass das ein Frauenname ein neues Synonym für Fuck-Buddy's ist – weißt du was – mir reicht es. Endgültig!", er drehte sich um und wollte gerade in sein Auto steigen, als ihn eine strake Männerhand an der Schulter packte und ihn zu Gretchen schob, der Tränen die Wange runterliefen.
Marc grollte tief in seinem Rachen. Er würde keine Schuldgefühle haben. Er würde keine Schuldgefühle haben. Er würde keine Schuld... Er konnte sich selbst leider nichts mehr vormachen? Er liebte sie und er würde sich ewig Schuldgefühle machen, wenn diese unausgesprochenen Missverständnisse nicht endlich einmal aufgeklärt würden.
„Zu aller erst – ich bin schwul und damit nur ein Fuck-Buddy für Männer – also deiner Spezies. Gretchen und ich sind Freundinnen.
Und Gretchen hat nicht gekündigt – das war ich – und Jochen, also eigentlich nur ich, aber Jochen war irgendwie mein Bote, der für Gretchen kündigen sollte. Also natürlich nur eine Art", Steffi suchte nach den richtigen Worten: „Notlüge, damit du endlich deinen Hintern bewegt bekommst"
Gretchen zog geräuschvoll die Nase hoch, als sie Steffi einen liebevollen aber auch entrüsteten Blick zuwarf.
Marc hingegen sah an seinem gedachten Konkurrenten hinunter. Die Jeans, die Steffi trug, war so hauteng, dass diese wirklich nur von Schwulen getragen werden konnte.
„So, und nun werd ich euch allein lassen, weil ich küssende Heteros einfach nur abstoßend finde", er schüttelte sich und ging zurück ins Haus.
Als abermals die schwere Tür ins Schloss fiel erzitterte Gretchen und eine feine Gänsehaut machte sich über ihren Oberarmen und Beinen breit.
Hier standen sie nun.
In einer kleinen Nebenstraße, kurz vor sechs Uhr morgens in der Früh, in Köln und starrten sich in der Dämmerung an:
„Du bist hier, weil du dachtest, ich kündige?", fragte Gretchen und wischte sich die Tränen von den Wangen. Es nützte nichts, da sich direkt neue bildeten.
„Hm", machte Marc und nickte. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen, denn für jede Träne, die sie jetzt vergoss war er gewissermaßen schuld. Und das tat ihm aufrichtig leid.
„Mitten in der Nacht, quer durch Deutschland? Nur damit ich nicht kündige?"
Als sie ihn so direkt fragte wusste er seit Stunden die Antwort darauf.
„Nein", sagte er ehrlich.
„Nicht, damit du nicht kündigst. Und auch nicht weil ich davon abhalten wollte. Ich bin hier, weil... weil...", er rang mit sich. Sich durch ein Liebesgeständnis der männlichen Männlichkeit zu kastrieren war ein geringer Preis für ein Leben, das er führen könnte, wenn er nur einmal vollkommen ehrlich zu Gretchen und zu sich selbst sprach:
„Ich bin hier, weil ich es ohne dich selber gar nicht in Berlin aushalten würde. Es wäre mir verdammt egal, wenn du mit Alexis verheiratet geblieben wärst, oder mit Mehdi eine Hippie-Beziehung ausleben würdest. Du wärst da – wir wären da. Und wenn auch nur auf eine rein platonische Weise. Es gäbe immer noch das kleine „Wir" - Marc und Gretchen... ", er hatte einen dicken Kloß im Hals, als Gretchen vor ihm in Körper schüttelnde Schluchzer ausbrach und sich dicke Tränen in ihren Wimpern verfingen.
Er ging einen kleinen Schritt auf sie zu und stand ihr schon so nah, dass er ihren Atem spüren konnte. Vorsichtig wischte er ihr mit den Daumen synchron über die Wangen, was sie noch mehr Tränen vergießen ließ.
Ganz zaghaft, als ob sie fürchtete, dass er alle gesagten Worte mit einem sarkastischen Witz widerrief, lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter.
Doch außer, dass er ihr sanft durchs Haar streichelte sagte er nichts.
„Sag es noch mal", flüsterte sie ergeben, und schloss die Augen. Sie würde aufwachen, bevor er es sagte. Das hier konnte keine Realität sein. Das war ein Traum. Das konnte nur ein Traum sein, ein Albtraum, denn jeder Traum ging einmal zu ende, und die schmerzliche Wirklichkeit war so viel schwerer zu ertragen als die paar Stunden eines schönen Traums.
Er schob den Zeigefinger der linken Hand unter ihr Kinn, damit sie den Kopf anhob, als er ihr in die Augen blickte und ohne große Mühe oder Überwindung gestand: „Ich liebe dich."
a/n: als ich das Kapitel zu Ende geschrieben habe war es tatsächlich 5:51 in der früh (19.12.2010)!
