„Ist das Kleid neu?"
Hermine sah ihre Freundin an, die in ihrem Zimmer vor dem Spiegel stand und sich die Haare bürstete. Die beiden Mädchen hatten sich für den Ball angekleidet und warteten nun auf das Startzeichen.
„Nagelneu", sagte Ginny und strich über die teure Seide. Zusammen mit Lessa hatte sie das Kleid ausgesucht. Der Preis dafür hatte sie erneut schlucken lassen, aber die kleine Elfe hatte sie in ihrer Wahl bestärkt. Das tiefe Grün ließ ihre roten Haare wie Feuer aufleuchten. Sie war nur gespannt, wie Draco darauf reagieren würde. Kein Zweifel, die Ironie in der Farbauswahl würde auch ihm nicht verborgen bleiben.
„Sieht teuer aus." Hermine wusste nicht so recht, wie sie ausdrücken sollte, was sie fragen wollte.
„Es ist ein Geschenk." Ginny war nicht bereit, mehr zu sagen. Die anderen würden früher als ihr lieb war alles erfahren. Harry, Hermine und Ron sollten auf Order von Fudge ebenfalls an dem Ball teilnehmen, und seit Ginnys Geburtstag hatten die drei Urlaub und verbrachten diesen im Fuchsbau.
„Ginny, Hermine, seid ihr fertig?" kam Mollys Stimme vom Flur. „Wir müssen los, es ist schon spät!"
„Ginny, ich weiß, du willst nicht verraten, wer dein Partner ist", sagte Hermine drängend.
Damit sprach sie das Streitthema an, das schon tagelang zwischen Ginny und Ron an der Tagesordnung war, seit er erfahren hatte, dass seine Schwester ebenfalls am Ball teilnehmen würde. Ginny hatte sich bis jetzt standhaft geweigert, auch nur eine Silbe darüber zu verlieren. Molly und Arthur hatten zu diesem Thema ebenfalls beharrlich geschwiegen.
„Aber, bitte, sag mir nicht, dass es Draco Malfoy ist!"
„Das sage ich ja auch gar nicht", sagte Ginny verschlossen.
Hermine musterte sie zweifelnd, und gab es dann auf.
„Ginny, Hermine!"
Draco betrat das Ministerium durch die Eingangshalle, vorbei an dem Brunnen, und die geduckten, ehrfurchtsvoll erhobenen Gesichter der Hauselfe und des Zwergs machten ihn wütend, wie immer. Wenn er Lessa nicht gehabt hätte, würde er dieses Leben wahrscheinlich in Azkaban beendet haben. Und als Potter damals Dobby befreit hatte, hatte es ihn alle Mühe der Welt gekostet, nicht eine Miene zu verziehen, obwohl es ihn diebisch gefreut hatte, seinen Vater so außer sich zu sehen. Aber wer hatte im Endeffekt dafür bezahlt? Nicht Potter, soviel stand fest. Die Sommerferien nach seinem zweiten Schuljahr gehörten nicht unbedingt zu seinen erfreulichsten Erinnerungen.
Der wachhabende Zauberer machte große Augen, als er seinen Namen nannte und sein Anliegen.
„Malfoy?" sagte er perplex.
„Ja, das sagte ich bereits. Sind Sie taub?"
„Nein, nur ... eh ... ich habe hier ..." Er kramte auf dem Pult herum und zog dann eine Schriftrolle hervor. Sein Gesicht wurde unnahbar.
„Minister Fudge hat eine ... eh, Liste von ... Zauberern aufgestellt, definitiv nicht eingeladen wurden. Sie gehören dazu, Mr Malfoy. Es tut mir leid."
Damit wandte er sich einfach ab.
Einundzwanzig, zweiundzwanzig ... nicht ausflippen, Draco ...
„Probleme?" sagte eine laute, fröhlich klingende Stimme in seinem Rücken.
Er drehte sich um. Hinter ihm standen Fred Weasley, eine fantastisch aussehende Angelina Johnson am Arm, und sein Bruder George inklusive Begleitung. Bei deren Anblick fielen Draco fast die Augen aus dem Kopf, und vorläufig vergaß er seine Wut auf den Pförtner vollständig.
„Jola?"
Jola Nott, eine Ex-Slytherin, ein Jahr älter als er selbst, grinste nur.
„Hallo, Malfoy", sagte sie mit ihrer dunklen Stimme.
„Tja." Auch George grinste. „Wir sind halt immer für eine Überraschung gut."
„Was du nicht sagst."
Die Weasley Zwillinge schafften es immer wieder, ihn zu verblüffen. Ausgerechnet Jola Nott! Ihr Vater saß in Azkaban – seinen Informationen nach war das Arthur Weasleys Verdienst – und ihr Bruder war in seine eigene Klasse gegangen, mit Sicherheit kein angenehmer Zeitgenosse. Tiere zu quälen war sein größtes Hobby gewesen. Mehr als einmal war Draco in Versuchung gekommen, ihn mit seinem eigenem Zauberstab aufzuspießen. Doch Jola hatte scheinbar – genau wie er selbst – eigene Ansichten zu den Todessertätigkeiten ihrer Familie.
„Noch mal, hast du Probleme?" wiederholte Fred, und das lenkte ihn von Jola ab.
„Fudge hat bestimmt, dass ich nicht hereingelassen werde", zischte er wütend.
„Was sagt ihr Befehl denn genau aus?" fragte George übertrieben höflich zu dem Zauberer und schnappte sich einfach das Pergament.
„He!" protestierte der und hob seinen Zauberstab.
„Na, na, nur nicht gleich übertreiben", mahnte Fred. „Wir wollen doch nur mal einen Blick darauf werfen. Aha, siehst du? ... sind nicht geladen. Er ist kein Gast. Er ist die Begleitung meiner Schwester."
„Das ... das macht doch überhaupt keinen Unterschied!" protestierte der Mann heftig. Er war feuerrot im Gesicht. „Er kommt nicht rein, und basta!"
„Oblivate." Das war eine neue Stimme. Die Augen des Zauberers wurden leer.
„Professor Sinistra", grüßte Fred grinsend. „Oh, und Professor Snape. Guten Abend."
Snape warf ihm einen frostigen Blick zu, der Fred gar nicht zu stören schien.
Draco fühlte sich auf einmal überhaupt nicht mehr behaglich.
„Wenn Fudge das rauskriegt, hat er den Beweis, den er haben will. Dann sind wir alle geliefert."
„Ich glaube, dass Fudge am Ende dieses Abends andere Probleme bekommen wird", sagte Sinistra leichthin, aber ihre Stimme hatte einen besorgten Unterton.
„Also sind Sie der gleichen Meinung? Asphodel wird angreifen?"
„Wären wir sonst hier?" knurrte Snape. „Auch ich stehe auf dieser Liste, Draco. Professor Sinistra ist als Vertretung für Professor Dumbledore hier."
„Gehen wir jetzt, bevor er wieder zu Verstand kommt", sagte Jola und nickte zu dem Zauberer, dessen Augen langsam wieder klarer wurden. „Wo müssen wir hin?"
„Dritter Stock. Dort sind zusätzlich zu den Ministeriums Büros die Gesellschaftsräume", sagte Draco ohne zu überlegen. „Was?" fragte er dann gereizt, als die anderen ihn ansahen. „Zufällig war ich mit meinem Vater schon ein paar Mal dort."
Ginny ließ ihren Eltern, Ron und Hermine – die als Paar auftraten – und Harry den Vortritt, als sie den Saal betraten. Bill und Charlie würden später nachkommen, das wusste sie, und Percy stand bei Minister Fudge, der die Neuankömmlinge mit einer starren Miene und einem aufgesetzten Lächeln begrüßte.
Percy sah in Ginnys Richtung, und kam auf sie zu.
„Ginny", sagte er überrascht. „Ich hätte nicht erwartet, dich heute Abend hier zu sehen. Wer ist deine Begleitung? Harry?"
Ginny schüttelte den Kopf und sah sich um. Fast alle Ministeriumsangehörigen, ihre Familien und viele Außenstehende waren in dem riesigen Saal versammelt. Sie erhaschte einen Blick auf blonde lange Haare und fluchte unwillkürlich. Narcissa Malfoy, in Begleitung eines Mannes, den sie nicht kannte.
„Ginny? Alles klar?" fragte Harry leise.
„Nicht so richtig. Hör mal, Harry ..."
Ein ungläubiges Raunen und Murmeln unterbrach sie. Sie konnte sich denken, wer hinter ihr durch die Tür getreten war.
„Ich glaub's nicht", stieß Ron neben ihr hervor. „Malfoy. Und Snape. Und ... George! Fred! Was zum ..."
Fudge, der sich längst wieder abgewandt hatte, schoss nun in die Richtung der unwillkommenen Gäste.
„Sie werden auf der Stelle diesen Saal verlassen!" zischte er. „Sie sind nicht eingeladen."
„Im Gegenteil", sagte Sinistra lächelnd. „Severus Snape ist meine Begleitung heute Abend, und nach den gängigen Richtlinien habe ich eine freie Wahl, meinen Partner zu bestimmen. Und was Mr Malfoy angeht ..."
Ginny atmete tief durch und legte eine Hand auf Dracos Arm.
„Er ist meine Begleitung", sagte sie dann laut und deutlich.
Fudge sah aus, als würden ihm jeden Moment die Augen aus dem Kopf fallen. Percy wich zurück, als hätte ihn etwas gebissen. Ron neben ihm gab ein entsetztes Keuchen von sich, während sich Hermine und Harry nur mit hochgezogenen Augenbrauen ansahen.
Der Saal war totenstill, aber nur kurz darauf begannen die Leute miteinander zu flüstern.
Draco sah mit einem fast herausfordernden Blick in die Runde. Seine Augen trafen sich mit einem anderen Paar, und er biss die Zähne zusammen. Er hätte damit rechnen müssen, dass Narcissa heute hier sein würde. Doch nicht sie war jetzt seine Sorge, und er konzentrierte sich wieder auf Fudge.
Das Gesicht des Ministers war weiß, und rote Flecken hatten sich auf seinen Wangen ausgebreitet. Eben setzte er an, etwas zu sagen, als sich seine Augen noch mehr weiteten.
„Haben wir etwas verpasst?" Die gewinnende und fröhliche Stimme gehörte Sirius Black, der nun mit Nymphadora Tonks den Saal betrat.
Wieder biss sich Draco auf die Lippen, aber diesmal, um ein Lachen zu unterdrücken. Fudge hatte keine Chance, sie alle hinauszuwerfen. Nicht, ohne einen Aufruhr zu verursachen, und das würde der Minister nicht riskieren, zu viele Mitglieder ausländische Zaubereiministerien waren anwesend.
Fudge schien zu der gleichen Erkenntnis gekommen zu sein. Sein Mund öffnete und schloss sich dann wieder, dann drehte er sich abrupt um und floh förmlich zum anderen Ende der Halle.
Neben Draco gab Jola ein Schnauben von sich, dass sich ebenfalls nach einem Lacher anhörte. Angelina, George und Fred grinsten.
Ron und Percy wirkten weit weniger belustigt.
Percy sagte keinen Ton, aber sein empörter Blick sprach Bände. Er öffnete wie Fudge den Mund, bekam einen warnenden Blick seiner Mutter, und folgte dann dem Zaubereiminister hastig.
„Das ist ein Alptraum", murmelte Ron verbissen. „Gleich wache ich in meinem Bett wieder auf. Harry!" wandte er sich an seinen Freund. „Sag doch auch mal was!"
Draco beachtete ihn gar nicht, sondern wandte sich an Ginny.
„Interessante Farbe", sagte er amüsiert.
Ginny wurde rot, aber etwas anderes beschäftigte sie zur Zeit.
„Hast du gesehen, deine Mutter ..."
„Ich habe sie gesehen. Weißt du auch, wer der Mann an ihrer Seite ist?"
„Rasputin Karkaroff", sagte Jola an Ginnys Stelle. Ihre Augen glitzerten gefährlich.
„Karkaroff?" wiederholte Harry, der das Gespräch mitbekommen hatte. „Ist der ... ist der verwandt mit ..."
„Ganz recht", antwortete Draco leise. „Er ist einer derjenigen, die das Ministerium nie in Verdacht hatten. Er war klug genug, sich immer von seinem Bruder zu distanzieren. Aber er hat dazu gehört, ich weiß es. Ich hatte nur nie Beweise."
„Aber der Phoenix Orden ..."
„Professor Dumbledore weiß davon. Er wird seine Gründe gehabt haben, niemandem etwas davon zu sagen", antwortete Snape kühl.
Harry sah von ihm zu Draco und wieder zurück, schüttelte dann den Kopf und ging zu Sirius.
Ron hatte sich nun von seinem Schock erholt und griff an.
„Ginny!" zischte er scharf und packte seine Schwester an der Schulter. „Was zum Teufel soll das heißen, Malfoy ist deine Begleitung?!"
Draco sah, dass Rons Griff Ginny weh tat, und fuhr auf, doch George hielt ihn zurück. Er sah grimmig aus, und seine Miene sagte eindeutig Lass Ginny das erledigen.
Ginny befreite sich entschlossen.
„Ron, ich weiß nicht, ob du's verträgst oder nicht, aber das sind nun mal die Tatsachen. Ich bin schon seit ein paar Monaten mit Draco zusammen. Entweder du gewöhnst dich daran, oder du lässt es bleiben. Es ändert nichts!"
Ron sah nun Fudge verblüffend ähnlich. Auch er öffnete den Mund, ohne dass ein Ton zu hören gewesen wäre.
„Mum!" sagte er dann flehentlich.
Draco nahm Ginny am Arm und führte sie ein wenig außerhalb.
„Eigentlich frage ich mich", sagte er, und seine Augen sahen halb spöttisch, halb nachdenklich aus, „was passiert, wenn wir uns mal ohne irgendeinen Aufruhr treffen? Wird das dann irgendwann langweilig? Was meinst du?"
Ginny sah ihn fragend an. Doch innerlich verstand sie ganz gut, was er sagen wollte.
Sie hob zu einer Antwort an, doch dann verstummte sie wieder. Was war, wenn er recht hatte? Die letzten Wochen hatten sicher viel Stress für sie bedeutet, doch gleichzeitig hatte die andauernde Gewissheit, ein Geheimnis zu haben, viel zu dem kribbelnden Gefühl beigetragen, dass sie in seiner Gegenwart überfiel.
„Ich ... ich weiß nicht."
Draco schwieg nach ihrer ehrlichen Antwort.
„Es kommt auf einen Versuch an, oder?" fragte Ginny nach einer Zeit verlegen.
Statt einer Antwort presste er plötzlich seine Lippen auf ihre, und Ginny griff nach seinen Schultern und küsste ihn zurück. Plötzlich wünschte sie sich, sie hätten diesen ganzen Quatsch hinter sich, und könnte sofort mit ihm verschwinden.
„Ah-hem", hustete jemand hinter ihnen gespielt.
Tonks stand hinter ihnen, und grinste über das ganze Gesicht.
„Ihr erregt Aufmerksamkeit, Leute", sagte sie süffisant.
Tatsächlich starrte der halbe Raum auf sie.
„Und?" fragte Draco laut. „Ich werde meine Freundin wohl noch küssen dürfen, oder?"
