Drei Stunden lang rührte sich nichts; die beiden Männer belauerten sich offensichtlich gegenseitig um zu sehen, wer den längeren Atem hatte. Wilson sah fern, hörte, wie House ins Bad ging und wieder im Schlafzimmer verschwand.
Der Ausgang überraschte niemanden wirklich: nach fünf Stunden war Wilson weich gekocht. Er stand auf und ging zu der geschlossenen Tür. Er zögerte: er konnte sich vorstellen, wie wichtig für House ein Ort war, in den niemand ungeladen eindrang. Aber er wusste auch, dass House auf sein Klopfen nicht reagieren würde. Aber er gab eben nie auf!
Wilson Klopfte an.
Wie erwartet gab es keine Reaktion.
Wilson klopfte noch einmal an.
Schweigen. Der Raum hätte leer sein können, so still war es.
„Lass mich bitte rein, House!" als auch darauf keine Reaktion folgte, „Ich möchte mit Dir reden und das werde ich nicht durch diese Tür hindurch tun." würde er definitiv NICHT! „House?"
Absolute Stille. Vielleicht schlief er ja? Gut möglich, aber Wilson hatte keine Lust, zu warten. „Ich komme jetzt rein, OK?"
Wilson glaubte, ein leises Knarren zu hören, konnte das aber nicht wirklich einordnen. Er drehte den Türknauf und öffnete sehr langsam die Tür zum Schlafzimmer. Drinnen war es dunkel und absolut still. Der Onkologe trat ein und lehnte die Tür an. Der schmale Lichtstrahl, der vom Flur her eindrang war die einzige Lichtquelle. Wilsons Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit und er erkannte House schemenhaft auf dem Bett.
Wilson holte tief Luft und atmete laut aus. Nichts regte sich, House hätte auch tot sein können… „Wenn Du beweisen würdest, dass Du Dich vernünftiger verhältst wäre ich der Erste, der die Zügel lockerer lassen würde."
Keine Reaktion.
„Du denkst doch nicht ernsthaft, dass es mir Spaß macht, Dich so zu gängeln." Das konnte ja wohl nicht sein Ernst sein! Es musste doch House einleuchten, dass es auf Dauer anstrengend war, immer für zwei zu denken, ständig seinen Tagesablauf nicht nur für sich selbst, sondern pausenlos auch für House zu planen!
Wilson seufzte. Er könnte auch gegen eine Wand reden! „Alles, was ich will ist, dass hier ein kleines Bisschen Normalität einkehrt. Dass Du wieder Anteil hast am Leben. Aber Du… Herrgott, hör auf, mich so zu behandeln, als hätte ICH Dich in den Knast gebracht!"
House wirbelte auf dem Bett herum „Wer denn sonst?" selbst im Dunkel konnte Wilson die Wut in Houses Augen flackern sehen.
Die Reaktion war so heftig, dass Wilson einen Schritt zurück machte und gegen die Wand prallte. „Wie bitte?" Wilson fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Das…" er griff sich an die Stirn. „Das ist nicht Dein Ernst!"
„Wer hat mich denn ans Messer geliefert? Wer musste mich denn ohne Not verpfeifen, he?" zischte House wütend. All die Jahre hatte er diese Wut in sich gehabt und Wilson, der da stand und in seiner ach-so harmlosen Art den Wohltäter gab, brachte House in Rage.
„DU hast diese Rezepte gefälscht, House! DU hast die Medikamente gestohlen! DU hast totalen Mist gebaut, warst verdammt noch mal zu stolz auch nur EINMAL klein bei zu geben und ICH bin jetzt an allem schuld? Oh, nein! Werde mal erwachsen und übernimm Verantwortung für dein Tun."
House quälte sich hoch. Er war zu wütend, um still zu liegen. Er bebte vor Zorn und baute sich vor Wilson auf „Du hast doch nicht eine Sekunde ernsthaft über die Konsequenzen DEINER Handlungen nachgedacht. Noch nie! Du hast mich ans Messer geliefert, du Arschloch!"
Wilson wäre gerne nach hinten ausgewichen, aber er stand schon mit dem Rücken zur Wand. So wütend hatte er House nur selten erlebt. Der Ältere stand so dicht vor ihm, Wilson konnte spüren, dass House am ganzen Leib zitterte.
„Hättest du die Klappe gehalten, hätten sie nichts in der Hand gehabt. Aber nein, der heilige Jimmy kann ja nicht lügen! Hauptsache immer ehrlich, ist ja nicht so wichtig, dass einem im Knast der Arsch aufgerissen wird, wenn's nicht der eigene ist!"
„Du hättest einen Deal aushandeln können. Man hat es Dir ANGEBOTEN!" protestierte Wilson.
„Und das hätte ja auch sooo toll funktioniert!" lachte House freudlos. „Der Typ wollte Rache, dem war es von Anfang an klar, dass er diesen Drecks-Deal nicht bräuchte. Der wollte mich auf den Knien sehen, und das hat er ja auch bekommen. Dank Deiner eifrigen Hilfe. Und Du erwartest wirklich, dass ich hier auch nur einen Finger für Dich krumm mache? Pah!" House riss die Zimmertür auf – sein ganzer Körper schrie ‚RAUS!'
„Ich wollte niemals, dass es so weit kommt." Sagte Wilson leise.
„Werde mal erwachsen und übernimm Verantwortung für dein Tun." warf House ihm seinen eigenen Worte ins Gesicht. Dann packte er Wilson grob am Kragen und warf ihn hinaus. Diesmal schloss er die Tür ab.
Für eine ganze Weile stand Wilson einfach nur im Flur vor der verschlossenen Tür und starrte ins Nichts. In Kopf und Herz herrschten völliges Durcheinander. Die wenigen kruden Worte, mit denen House sein Martyrium beschrieben hatte waren tausendmal anschaulicher gewesen, als all die Einträge der Krankenakte aus dem Gefängnis!
War er mit schuld?
Lieber Himmel, wer hätte denn wirklich gedacht, dass House in den Knast kommen würde? Niemand hatte daran geglaubt! Alle waren sie völlig geschockt gewesen, als die Richterin an House ein Exempel statuierte und Revision ausschloss. Wilson erinnerte sich noch gut daran, dass alle aus dem PPTH, die bei der Urteilsverkündung dabei gewesen waren, erstarrt waren vor Schreck.
Und eben weil der Ausgang derart unwahrscheinlich schien, hatte er sich nicht wirklich ernsthafte Gedanken darüber gemacht, was ‚Gefängnis' bedeutete.
Ihm wurde schlecht…
Als Wilson sich die Zähne geputzt hatte und der Meinung war, er wäre fähig, einen Satz von sich zu geben, klopfte er wieder an die verschlossene Tür. Fünf Minuten lang bat er darum, gehört zu werden, aber es regte sich – wie so oft – nichts. Aber das Spiel konnten zwei Spielen. Wilson richtete sich auf eine sehr unangenehme Nacht ein und setzte sich vor der Tür hin. Ironisch, dachte er, dass er wie ein Trauernder auf dem Boden saß!
Aber in gewisser Weise trauerte er. Um die Würde, die man seinem besten Freund genommen hatte. Um das verlorene Vertrauen, um das letzte Bisschen Verletzlichkeit, dem man auf so brutale Weise eine dicke Hornhaut verpasst hatte.
Und er, Wilson, der sonst immer alles so ausgiebig und von allen Seiten betrachtete, der House immer vorgeworfen hatte, zu unüberlegt zu handeln, ER trug daran mit Schuld! Das würde er sich niemals vergeben können.
Könnte House?
Auf der anderen Seite der Tür lag House im dunkeln und versuchte, das Klopfen zu ignorieren. Immer noch bebte er vor Zorn. Zorn auf Wilson, der der ihn erbärmlich hatte hängen lassen. Und eine ungläubige, erstaunte Wut auf sich selbst: Was hatte ihn eben davon zurückgehalten, dieses selbstgerechte Arschloch krankenhausreif zu prügeln? Wilson wenigsten ein Mal erleben zu lassen, wie das war, wenn man wirklich Angst um sein Leben haben musste, wenn man nichts mehr tun konnte, außer sich zusammenzurollen und zu hoffen, dass es irgendwann aufhören würde – und zwar bevor man krepierte!
Sie hatten ihm wirklich alles genommen. Im Knast war er wirklich ganz ganz unten gewesen, sie hatten seinen Stolz gebrochen und in die Knie gezwungen. Nichts war ihm mehr geblieben. Und gerade eben hätte er eine hervorragende Gelegenheit gehabt, sich mal auszutoben!
Wieso hatte er es nicht getan, verdammt noch mal?
Was war los mit ihm?
Als endlich Ruhe einkehrte, wurden seine Gedanken nur lauter und aufdringlicher. Vor allem die, die er gar nicht hören wollte!
Verflucht!
Er hasste Wilson nicht. All die Jahre hatte er sich das eingeredet, hatte versucht, diesen Hass zu schüren und am Leben zu erhalten weil es ihn davon ablenkte, dass er sich all diese Scheiße letztendlich selbst zuzuschreiben hatte. Naja, fast jedenfalls. Für den Infarkt und die Folgen konnte er nun wirklich nichts.
House hatte es nie für möglich gehalten, dass er tatsächlich einfahren würde! Der Schock, als er das Urteil vernahm war vielleicht der größte seines Lebens gewesen. Und dann der Knast. Irgendwie hatte er geglaubt, mit seiner smarten Klugscheißerei dort durchkommen zu können, aber es war eben kein Film mit Happy End, sondern die erbärmliche Realität.
Und in der Realität des Gefängnisses war Häftling 4832, vormals bekannt als Gregory House nur ein Würstchen dass den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen war, wie alle anderen auch: man musste nur lange genug draufhauen, lange genug die Angst wach halten, den Schmerz nähren und dann gaben die Würstchen dieser Welt nach. Immer. Er war keine Ausnahme gewesen. Es hatte vielleicht ein wenig länger gedauert als bei den meisten, hatte mehr weh getan weil sein Stolz so übermächtig war und sein Alter ihn gelehrt hatte, zu widerstehen, aber er hatte natürlich am Ende verloren.
Weil man dort nur verlieren konnte.
Die Erinnerung an den Knast wühlte House auf, an Schlaf war nun gar nicht mehr zu denken. Scheiß Wilson!
House wälzte sich herum während die Zeit einfach nicht vergehen wollte. Dann musste er pissen. Dringend. Er fluchte leise und quälte sich aus dem Bett, tapste ohne Stock zur Tür und machte sie auf…
Kaum hatte House den Riegel offen, da drückte auch schon etwas die Tür auf und ein erschrockener Wilson fiel ihm vor die Füße! House starrte Wilson wortlos an, währen der sich aufrappelte. Wollte House mit ihm reden?
Wilson stand im Weg und starrte ihn an wie ein waidwundes Reh. „Ich muss pissen. Ich kann das auch gleich hier erledigen…" knurrte House.
Das war so weit entfernt von allem, was Wilson erwartet hatte, zu hören, dass er eine Sekunde brauchte, um den Sinn der Worte zu verstehen. Dann sprang er förmlich auf die Seite, denn er wollte wirklich nicht ausprobieren, ob House diese Drohung wahr machen würde! Er blickte House hinterher, der sich an der Wand abstützte und im Bad verschwand.
Kurz darauf baute House sich wieder vor Wilson auf. Die letzten Jahre hatten House nicht nur einfach altern lassen, musste Wilson feststellen. Da war eine Härte in seinem Blick die früher nicht da gewesen war und zum ersten Mal im Leben hatte Wilson wirklich Angst vor Greg House. Wilson schluckte hart.
„All die Jahre wollte ich Dir jeden Knochen im Leib brechen." Knurrte House ihn an. Wilson machte einen Schritt rückwärts, aber da war die Wand.
„Ich habe mir gewünscht, dass Du lernst, wie das ist, vor Schmerzen zu winseln weil Du längst nicht mehr schreien kannst; zu betteln, dass man aufhört. ALLES zu tun, DAMIT es aufhört." Wilson presste sich in die Wand. Er hatte eben keine Angst vor House gehabt, erkannte er; JETZT hatte er Angst vor House! Total. House war schon immer ein guter Schläger gewesen, nicht auszudenken, was er im Knast an Tricks gelernt hatte! Wilson konnte nicht mehr atmen, sein Herz schlug so hart und schnell, dass er befürchtete entweder einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt zu bekommen. Er hielt unbewusst die Luft an.
Konnte man sich auf sowas vorbereiten? Tat es weniger oder mehr weh, wenn man WUSSTE, dass man sich gleich was einfinge? Wilsons Augen flackerten zu Houses rechtem Oberschenkel. Das wäre der Punkt, auf den er zielen müsste…
