19.
Keine drei Tage später machen wir uns also auf den Weg nach Hamburg. Den Freitag haben wir uns einfach frei genommen und wir wollen erst am Montag wieder in Berlin sein. Lisa ist total süß – sie ist so aufgeregt. „Du kennst meine Eltern doch schon." – „Ja, aber das ist anders. Da war ich noch ganz offiziell der Unmensch." – „Nein, da warst du schon die Frau, die ich liebe und meine Eltern wussten es. Du hast mein Verhältnis zu ihnen verbessert, ohne dass du etwas davon wusstest." Gerade rechtzeitig mit unserer Ankunft im Hamburger Hauptbahnhof kann ich Lisa beruhigen. Mit im Gepäck ist der Verlobungsring – ich werde Lisa an diesem Wochenende fragen und diesmal wird niemand dazwischen kommen.
„Kinners, da seid ihr ja endlich. Wieso habt ihr nicht angerufen? Wir hätten euch doch abgeholt. Lisa, lass dich mal ansehen. Gut siehst du aus. Wie geht's dir? Die Artikel in der Zeitung waren ja so schlimm. Wann kommt denn euer Kind? Wisst ihr schon, was es wird? Man soll ja an der Bauchform ablesen können, ob's ein Junge oder ein Mädchen wird." Der Redefluss meiner Mutter ist einfach nicht zu stoppen, darum stehen wir bei recht kühlen Nieselregen auch immer noch vor der Tür meines Elternhauses. „Mama, könnten wir vielleicht erst einmal reinkommen?" – „Natürlich. Ach, Rokko, mein Junge, ich freu mich ja so für euch." Mein Vater hält sich diskret im Hintergrund – so wie er es immer tut. Meine Mutter zerrt Lisa ins Wohnzimmer und redet und redet und redet, während ich erst einmal unseren Koffer abstelle und meine Jacke aufhänge. Mein Vater kommt auf mich zu und umarmt mich kurz: „Siehste Junge, ich hab's dir gesagt, das klappt schon. Ein bisschen fix – gleich ein Kind, aber Hauptsache, ihr seid glücklich. Ihr heiratet doch bestimmt auch bald, oder?"
„Kinners, aufstehen, wenn wir jetzt gleich losgehen, dann sind die Geschäfte noch leer." Meine Mutter steht in meinem Zimmer, das sich seit meinem Auszug nicht verändert hat und ist ganz hibbelig. Lisa und ich wollten eigentlich ausschlafen und uns dann die Stadt ansehen. Lisa liegt neben mir und knurrt unzufrieden: „Es ist noch mitten in der Nacht und der Mops hat gerade erst aufgehört, meine Eingeweide als Trampolin zu benutzen… Egal, was los ist, ich will nicht…" Tja, was wir wollen, ist meiner Mutter ziemlich schnuppe, sie hat sich in den Kopf gesetzt, die verpassten Monate als werdende Großmutter nachzuholen. Sie will Babysachen mit uns kaufen, weil sie weiß, dass wir außer den Kindermöbeln und Lisas alten Stramplern noch nichts für den Mops haben.
Im Babyladen vergisst Lisa ihre schlechte Laune ganz schnell. Begeistert sehen wir uns alles an. Meine Mutter würde am liebsten die gesamte Grundausstattung plus Tonnen von Extras kaufen: „Karla, wir müssen uns den Zug zurück nach Berlin mit anderen Reisenden teilen. Den Kinderwagen und die Wanne sollten wir wirklich Zuhause kaufen." Dieses Argument akzeptiert meine Mutter, stattdessen beginnt sie, mir ein Tuch nach dem anderen in den Arm zu drücken. Ja, ich wurde kurzerhand zum Tragesklaven umfunktioniert. „Deine Lisa sollte in ihrem Zustand nicht schwer heben." Meine Lisa amüsiert sich köstlich, als meine Mutter mehr und mehr Tücher auf den Berg in meinem Arm legt: „Davon kann man nie genug haben." – „Mama, was ist das überhaupt?" – „Wonach sieht es denn aus?" – „Sieht aus wie Küchenhandtücher ohne den küchentypischen Aufdruck." – „Das sind Spucktücher und es ist dein Kind, also braucht ihr davon jede Menge." – „Wie meinst du denn das?", mischt sich Lisa in das Gespräch ein. „Na ganz einfach, wenn es nach Rokko kommt, wird es sabbern wie ein Bernhardiner und dann werdet ihr mir dankbar sein, dass ich für so viele Spucktücher gesorgt habe." Ich schüttle den Kopf und Lisa hilft mir dabei, einige der Tücher wieder zurückzulegen, während meine Mutter schon in der nächsten Abteilung verschwindet. Babykleidung!!! Lisas Augen strahlen, Lisa strahlt. Diese kleinen Hemdchen, Söckchen und Hosen sind aber auch zu niedlich anzusehen. „Wenn ihr wüsstet, was es wird, dann könnten wir viel gezielter einkaufen", kritisiert meine Mutter, „Dann könnten wir alles in Rosa oder in Blau kaufen. So bleiben euch nur die ganzen anderen Farben und jeder wird fragen: ‚Ist es ein Junge oder ein Mädchen?' Wenn man bei dir den entscheidenden Unterschied gesehen hätte, dann hätte ich nicht gezögert, es zu erfahren." Ehrlich gesagt, höre ich nicht mehr richtig hin, ich will vielmehr wissen, was Lisas Aufmerksamkeit erregt hat. Es ist ein quietschgrüner Strampelanzug mit dem Bild von Shrek und Fiona auf dem Bauch. Sie hat mir mal gestanden, dass sie sich manchmal fühlt wie Prinzessin Fiona aus dem Film. Nun, dann bin ich wohl ihr Shrek, der ihr mit seinem Kuss dazu geholfen hat, ihre wahres Ich zu finden. Bei dieser Vorstellung muss ich lächeln, dabei liege ich gar nicht so daneben. Lisa sagt immer, dass sie in meiner Nähe das erste Mal das Gefühl hatte, ganz sie selbst zu sein… Sie ist zwar noch immer Lisa, aber sie hat sich schon verändert: Sie ist nicht mehr so leicht zu verunsichern, sie ist selbstbewusster geworden und die Aura, die sie umgibt und mit der sie mich in ihren Bann gezogen hat, ist jetzt für jeden sichtbar. Naja, manche Dinge ändern sich nie: Lisa wird knallrot, als sie merkt, dass ich gesehen habe, wie sehr ihr der Anzug gefällt. „Der muss es einfach sein, oder?", frage ich sie. Ich halte ihr den Strampler an den Bauch und meine: „Ich würde sagen, der passt unserem Mops. Und, was meinst du? Gefällt er dem Mops auch?" Scheu lächelnd nickt sie. „Gut, dann her damit, solange ich der Packesel vom Dienst bin."
Meine Mutter kocht, mein Vater ist kurz bei den Nachbarn, die hatten irgendein Problem mit ihrem Fernseher und weil mein Papa alles reparieren kann (oder es zumindest glaubt), ist er kurz rüber gegangen. Lisa sitzt im Wohnzimmer und streichelt ihren Bauch. Ich könnte ihr stundenlang dabei zusehen, dabei wird mir immer ganz warm ums Herz. Diese kleine Geste hat so etwas Intimes, sie steckt so voller Liebe. Ja, das ist der perfekte Moment. Ich hole noch schnell das Schächtelchen aus meiner Hosentasche und knie mich vor ihr hin. „Lisa?!" Sie sieht mich an und ich greife nach ihren Händen. „Was ich dich neulich schon fragen wollte und wobei ich unterbrochen wurde… Also, Lisa, du weißt, ich liebe dich und du machst mich so unendlich glücklich…" Ich öffne die Schachtel und halte sie ihr hin: „Willst du meine Frau werden?" Lisas Augen werden in diesem Moment doppelt so groß wie normal. Sie beginnt zu lächeln und es treten ihr Tränen in die Augen: „Ja!", haucht sie, bevor sie mir um den Hals fällt. Rokko hier ist dein Herz: Ich glaube, ich platze gleich vor Glück. Hier ist dein Verstand: Ich möchte nur mal sagen, dass das Herz gerade übergelaufen ist und jetzt ist es mächtig schmalzig hier drin. Ach, seid einfach still, ich will diesen Augenblick einfach nur genießen. Ich kann ein Schniefen hören, aber es kommt nicht von Lisa, die mich erstaunt ansieht. Wir drehen uns um und sehen meine Mutter im Türrahmen stehen: „Ach Kinners, wie schön!"
